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Übersetzungsarbeit

Unter allen Übersetzungsleistungen ist die schwierigste nicht die, von einer Sprache in die andere zu wechseln, sondern zwischen den Zeiten zu vermitteln und eine alte, bisher unantastbare Tradition für die Gegenwart lebendig und die Zukunft tauglich sein zu lassen.

Geht’s noch?

Die Kunst eines glückenden Gesprächs ist, die Balance zu halten zwischen Ermüdung und Vertiefung. Jedes Thema erschöpft sich, im Idealfall genau dann, wenn es seinen Grund erreicht hat. 

Einfluss oder Manipulation

Oft wird der Unterschied zwischen Einfluss – man fügt pflichtschuldig das Prädikat „unbedenklich“ hinzu – und Manipulation, die gleich als schlecht und gefährlich qualifiziert wird, im Umgang mit der Subjektivität des Gegenübers begründet: Es manipuliert, wer diese ausschließlich für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Frei von moralischen Annahmen hingegen ließe sich die Differenz festmachen am Maß der Bescheidenheit gegenüber Realitäten: wer seine Wirksamkeit sich frei entfalten lässt und es der Wirklichkeit einer Situation anheimgibt, wie sich eine Sache austrägt, mag zwar Einfluss ausüben. Aber er manipuliert nicht. Kurz: Manipulation ist Einfluss ohne Demut vor dem anderen.

Lebensthema

Ein Versuch, das Wort „Trauma“ zu übersetzen, ohne Anleihen zu nehmen bei der Psychologie: Traumatisch ist, wenn einer sein Lebensthema sich nicht hat selber aussuchen können.

Herrscher der Technik

Kunst entsteht nur, wo die Technik es zulässt, dass ein Mensch sie vollkommen beherrscht: der Bildhauer sein Werkzeug, der Spieler den Ball, der Autor die Sprachformen. Erst als das Klavier sich Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in seiner Anschlagsmechanik noch einmal bedeutend verbessert hatte, als sein Klang voluminöser wurde, als es möglich geworden war, die Feinheiten einer Komposition mit dem eigenen Ausdrucksreichtum uneingeschränkt zur Darstellung zu bringen, erst dann taugte das Piano als Soloinstrument, das wie ein ganzes Orchester klingt, ja die Perfektion dessen wiedergibt, was Musik je zu bewirken vermag. Es hatte seine Widerspenstigkeit verloren und ließ sich virtuos bespielen. – Kann man das Umgekehrte folgern: eine Technik, die sich immer weniger beherrschen lassen, als vielmehr selber herrschen will, versperrt sich auch der Kunst – ?

Vertrautheit und Vertrauen

Vertrautheit: die Zukunft gründet auf einer geteilten Vergangenheit.
Vertrauen: die Vergangenheit entspringt einer geteilten Zukunft.

Altersmobilität

Auf den öffentlichen Plätzen – in Bahnhöfen, Foyers von Schauspielhäusern, den Einkaufspassagen der Großstädte – sorgt längst der mobile Alte für tempogedrosselte Schrittgeschwindigkeit. Knochenmüde und muskellahm bewegt er, ein hauptamtlicher Tourist und Flaneur ohne Neugier, sich scharenweise im Rententakt eines, der in dem Maße, wie seine Lebenszeit schwindet, sich die Zeit nimmt, durchs Leben zu bummeln. Der grau gewordene Nomade hat das Europa der zwei Geschwindigkeiten längst unpolitisch realisiert.

Was nicht schön sein will, kann nicht hässlich sein

Neben „hässlich“ und „schön“ sollte für die Architektur des Städtebaus noch eine dritte ästhetische Kategorie eingeführt werden: das Unschöne. Unschön ist allzu viel in der urbanen Quartierplanung, funktionale Klötzchen etwa, weiße Einheitshäuser, in Reihe und Glied gesetzt, die erkennbar nicht einmal schön sein wollen, also auch nicht hässlich sein können.

Gefühlslehre

In der Sehnsucht erfährt das Leben, wie groß seine Möglichkeiten sind.
In der Leidenschaft entdeckt das Leben, wie tief seine Wirklichkeit reicht.
In der Hingabe ahnt das Leben, wie sich seine Notwendigkeit in Abhängigkeit verwandeln kann.
In der Liebe vereint das Leben seine Möglichkeiten, seine Wirklichkeit und seine Notwendigkeit zur Freiheit.

Fülle des Unerfüllten

Romantiker sind Menschen, die an einer unerfüllten Liebe schöpferisch verzweifelt sind.

… so hat es doch Methode

Die Versuchung jeder Supertheorie ist der intellektuelle Taschenspielertrick. Je erfolgreicher eine Methode, desto größer die Neigung, dass sie zur Masche wird. In dem Maße, wie sich mit ihr Phänomene beschreiben lassen, liefert sie sich der Langeweile aus. Nach stets demselben Muster wird erklärt, was einst singulär zu sein sich dünkte. Im System gibt es keine Überraschungen.

Kompromisslos

Was den Künstler definiert? Seine Unfähigkeit, Kompromisse zu schließen.

Ohne alles

Die Allmachtsphantasie entstammt einer Ohnmachtsrealität.

Das digitalisierte Vertrauen

Es ist das Los unserer technisch perfektionierten Zeit, die Verbindung zwischen Vertrauen und Verstehen vollkommen auflösen zu müssen.Wir verlassen uns auf Maschinen, deren Bauart wir nicht durchschauen, weil wir sie nicht mehr hergestellt haben. Künstliche Intelligenz geht einher mit dem Verzicht auf eine Sicherheit, die sich aus der Vertrautheit mit der Sache ergibt.

So what …

Das Achselzucken ist das Symbol, mit dem sich diejenigen untereinander grüßen, die sich politisch ohnmächtig fühlen.

Wenn die Quelle sprudelt

Nichts ist die Coolness einer Gesellschaft weniger bereit zu verzeihen als Unmittelbarkeit, als ein ehrliches Wort aus den Tiefen und Untiefen der Seele. Da trifft das Unverschämte auf die Scham eines, der sich für einen unbedachten Moment offenbart hat und unvorsichtig genug gewesen ist, von sich aufrichtig zu erzählen. Die Schamlosigkeit trumpft auf, indem sie den Verschämten ins Unrecht setzt, obwohl er doch nichts Schlimmeres angestellt hat, als das Richtige zu sagen. George Steiner, der Vorkämpfer aller Sprachschöpferischen, hat die Augenblicke einer „Offenheit höchsten Grades“ in ihrer Ambivalenz beschrieben: „Wer zu erzählen versucht, was in ihm vorgeht, … riskiert, sich der ganzen Skala von Wirrniss und Peinlichkeit auszusetzen.“*

George Steiner, Von realer Gegenwart, 235

Lob der Stadt

Stadt: Heimat dort, wo man fremd ist.
Land: Fremdeln dort, wo es heimisch wird.

Wachstumspotenzial

Als der kleine Junge an einer Aufgabe verzweifelte, bei der er sich vergeblich gestreckt hatte, kam zu ihm sein Lehrer, legte tröstend die Hand auf die Schulter und sagte: „Holz, das langsam wächst, wird besonders hart.“

Die Verteidigung der Demokratie

Wehrhaft, so der vielbeschworene Charakter der Demokratie, wehrhaft ist sie nur in dem Maße, wie sie ihre eigene Verletzbarkeit anerkennt. Die „Verteidigung der Demokratie“ kann sinnvoll allein als genitivus subjectivus gelesen werden: als Selbstverteidigung, als eine Fähigkeit, aus ihren eigenen Widersprüchen und den Wunden, die sie sich nicht zuletzt auch selbst zufügt, Kraft zu ziehen gegen ihre Feinde.

Die nächste Gesellschaft

Nicht zu wissen, wie die künftigen Lebensformen (Liebesverhältnisse, politische Systeme, technische Einflüsse) aussehen werden, ist zunächst die triviale Beschreibung einer Erwartung. Aber es zu ahnen, weil man sich hat immer wieder irritieren lassen von überraschenden, widersprüchlichen, brüchigen und versteckten, angedeuteten und kurz gewaltsamen Veränderungen im Einzelnen, ist die Voraussetzung für gravierende Neuerungen. Die Häufigkeit, mit der solche aufflammenden Reizungen des Regulären auftreten, ist ein Vorschein darauf, dass es ums Ganze gehen wird. Woran merken wir, dass sich ein Bruch ankündigt mit dem Gewohnten und Gewöhnlichen? An den Fragen, die angemessen zu formulieren schon schwieriger ist als sonst und auf die Antworten zu finden kaum möglich sein wird mit dem Arsenal dessen, was uns gesellschaftlich zur Verfügung steht.

Spielverderber

Der Machtspieler, wenn ihm die Macht abhanden gekommen ist, verliert oft auch die Lust am Spiel. Nur selten finden Menschen, die im Sieg brillieren, in der Niederlage zurück zu ihrer Virtuosität.

Revolution

Der Jugend gehört nur so lang die Zukunft, wie der Zukunft nicht die Jugend gehört.

Politik paradox

Die gefährlichste politische Entwicklung zieht ihre Sprengkraft aus dem Selbstwiderspruch: die Internationalisierung des Nationalismus. Hinter dem Versuch, einander grenzüberschreitend zur Macht zu verhelfen, steht der heimliche Imperativ rechter Bewegungen: „Populisten aller Länder, vereinigt euch!“

Ich hab’s gewusst

Die wesentliche Qualität des Misstrauens ist, dass es sich stets selbst bestätigt und den Argwöhnenden so im Gefühl wiegt, Recht zu haben.