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Gedankenlos, sprachlos

Man kann der Sprache durchaus zutrauen, dass sie fähig ist, einen Gedanken zu entwickeln. Das gelingt ihr öfter, als es umgekehrt glückt: einer Idee den richtigen Ausdruck zu geben. Mit einem Wort zu beginnen und sich von ihm führen zu lassen in dem, was es sagen will, ist kein schlechter Ansatz. Es steckt mehr als eine kleine Wahrheit in der sprachkritischen Notiz, die uns Karl Kraus geschenkt hat: „Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben: man muss ihn auch ausdrücken können.“* Denn es reicht gelegentlich völlig, den Begriff zu haben; das, was in ihm steckt, zeigt sich, wenn er gesetzt ist. So mancher gute Gedanke ist auf diese Art entstanden.

* Die Fackel, 697

Lehre aus der Leere

Alleinsein: niemand da, jemand fehlt.
Einsamkeit: alles da, nichts genügt.

Kein Grund zur Scham

Diskretion: den anderen vor den eigenen Blicken schützen.

Paare, Passanten

Beobachtungen im Park während der Mittagspause: zwei Paare, Bürokollegen, schlendern über den Rasen.
Das eine Paar am Anfang einer Romanze. Der Mann gestikuliert ausladend; sie hört ihm lächelnd interessiert zu und lässt ihn reden. Er erklärt ihr die Welt.
Das andere Paar am Ausgang einer Beziehung. Die Frau hebt beschwörend die Hände und spricht auf ihn ein; er schaut gelangweilt und peinlich berührt weg. Sie versteht die Welt nicht mehr.

Zeit, sich zu stellen

Generation Instagram: Posen, statt sich zu positionieren; sich zur Schau stellen, statt Stellung zu beziehen.

Wie entscheide ich richtig?

Auf einem schmalen Radweg eilt der Fahrer mit seinem Gerät aus Leichtmetall und nähert sich behende einer Frau vor ihm, die im gemächlich entspannten Tritt die Landschaft genießt. Er klingelt. Auf den Warnton antwortend, lenkt sie kurz nach links; der Meter neben ihr passt zum Passieren. „So?“ ruft sie fragend. „Oder so?“ Dabei schwenkt sie nach rechts, um links frei zu machen; der Rennradfahrer muss abrupt bremsen und kommt leicht ins Schlingern. Knapp streift er sie, aber kommt vorbei. „Ein So reicht völlig“, meint er en passant und trifft den Kern jeden Entschlusses: Sich entscheiden bedeutet immer, auf Freiheit zu verzichten. Der Gewinn von Wirklichkeit ist erkauft mit dem Verlust vieler Alternativen.

Der Kandidat

Die Verlegenheit jedes Kandidaten, der um ein politisches Amt kämpft, ist, dass er nach der Macht streben muss, um seine Inhalte durchzubringen, aber von Inhalten reden muss, um nicht im Ruf zu stehen, nur an die Macht kommen zu wollen. Wohingegen der Amtsinhaber nicht von Inhalten sprechen muss, um an der Macht zu bleiben, aber auf seine Macht verweisen kann, wenn er auf Inhalte angesprochen wird. Regierungswechsel gelingen nicht, weil das Volk sich für ein Programm entscheidet, sondern weil es begonnen hat, die Herrschenden für impotent zu halten.

Beifallssturm

Nirgendwo ist der Gruppenzwang größer als beim Applaus. Ein Publikum spürt den Moment, von dem an es nicht mehr um die zu würdigende Leistung des Künstlers geht, sondern nur noch um die Frage, wer es mit dem Klatschen am längsten aushält.

Ganz und gar nicht

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:
„Ich bin überhaupt nicht eitel“, sagte er von sich so überzeugt, dass sie Mühe hatte, nicht loszuprusten. Augenblicklich fiel ihr ein, was der Großmeister der Mode Karl Lagerfeld mal – sie meinte, es sei in einer Talkshow gewesen – in seiner atemlosen Art von sich gegeben hatte. Er machte nicht einmal eine Pause, um die Pointe wirken zu lassen: Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Der Satz saß unter den vielen Sätzen, die gut passten, maßgeschneidert perfekt. Er blieb ihr knitterfrei im Gedächtnis hängen. Aber warum? Wenn sie recht überlegte, war sie noch nie mit einem Mann zusammen, der zuhause im Schlabberlook herumlief.
Bei ihm konnte sie sich das auch nicht vorstellen. Sie kannten sich ja noch gar nicht. Wie er sich in den eigenen vier Wänden gab, wusste sie nicht. Dennoch ahnte sie aus den wenigen Gesprächen, die sie bisher miteinander geführt hatten, dass sein Selbsterhaltungstrieb, und Eitelkeit ist eines der eindeutigen Kennzeichen, stark ausgeprägt ist. Er war charmant eitel, diskret selbstbewusst, was das genaue Gegenteil ist von eitlem Charme. Dem widersetzte sie sich stets, jenem war sie gerade dabei zu erliegen.
In ihren Gedanken verloren, die mal wieder abschweiften wie die Flaneure in der Stadt, hörte sie fern: „Hab ich was Falsches gesagt?“. Und sie schüttelte die Phantasien bedauernd ab. „Ja. Eben“, antwortete sie spontan.

Ergebenheit

Schicksal ist der mythische Name weniger für das Los, das Menschen ereilt, als für den Mangel an Kraft, sich einem Ereignis zu widersetzen.

Augengriff

Eine Welt genau anschauen bedeutet, sie zu verstehen.
Einen Menschen genau anschauen heißt, ihn zu verändern.
Nicht jedes Verständnis verändert; nicht jede Veränderung ruht auf Verstehen.

Betrug, Betrag, Beitrag

Beitrag, wie man nur durch Wortverdrehung in eine verkehrte Welt gerät:
Im Unterschied zum Inkasso, das als rechtmäßiger Prozess gilt, unbeglichene Beträge von unerschrockenen Schuldnern folgenreich einzutreiben, ist das Inkasso als Betrug ein recht mäßig erfolgreiches Treiben, Unschuldige gleich mit Prozessen zu erschrecken.

Verflogen, nicht verflossen

Man kann Menschen zuverlässig unterscheiden nach der Halbwertszeit ihres Zaubers, den sie auf andere ausüben. Da hat sich mancher magische Eindruck schon verflüchtigt, bevor sich Ernsteres zwischen Zweien anbahnen konnte. Was braucht es eine tiefe Einsicht in Charakterschwächen, wenn die meisten Enttäuschungen im Beziehungsreigen aus einer allzu schnell kollabierten ersten Begeisterung rühren. Versprechen, auch stillschweigende, zu halten, ist noch immer die stärkste Voraussetzung stabiler Verhältnisse. Das kann so tief nachwirken, dass der Zauber nicht weicht, obwohl der längst verschwunden ist, von dem er ausgeht, weil das Versprechen an seine Stelle getreten ist und mit magischen Kräften fesselt.

Zeitenwende

Vergangenheit ist ein anderer Name für all die Erfahrungen, die wir mit unserer Endlichkeit verbinden.
Zukunft ist jene Zeitvorstellung, in die hinein wir unser Bedürfnis nach Unendlichkeit legen.
In der Gegenwart loten wir aus, wie sich beide, die Bestimmtheit einer Tat und das Unfassliche einer Erwartung, das Konkrete eines Gedankens und die Unbeschränktheit der Phantasie, zueinander verhalten.

Klein und groß

Nicht nur große Denker begehen große Irrtümer, auch Kleingeister können groß scheitern.

Ohnmächtig

Es ist eine der bemerkenswerten Errungenschaften zivilisierter Gesellschaften, dass sie die Erfahrung von Ohnmacht nicht sofort als Aufforderung ansieht, Hemmungen abzuwerfen. Wo Macht fehlt, darf Gewalt sie nicht ersetzen wollen.

Fastenkur

Der Erfolg aller diätetischen Einrichtungen wie Fastenkuren, Entschlackungs- und Entwöhnungsprogrammen, Auszeiten mit digitaler Abstinenz beruht auf einer einfachen Regel, dem Gesetz misslungener Selbstüberwindung. Man sucht dienstbare Begleiter für die harten Tage, an denen allein zu sein zum Scheitern führte: Bevor einer zum Masochisten wird, lässt er lieber andere den Sadisten spielen.

Jenseits des Gewohnten

Bildung, wenn sie denn sichtbar wird jenseits von Wissensfülle und historischem Bewusstsein, ist vor allem das Talent, nichts bloß wörtlich nehmen zu müssen. Zwischen buchstäblicher Lesart und Bedeutungslosigkeit legt sie unterschiedliche Sinnschichten frei. Ihr Hauptwort heißt „noch“: Was lässt sich über eine Sache noch sagen? Wie kann ein Ereignis noch betrachtet werden? Was darf ich von einem Menschen noch erwarten?

Erkennungsmerkmal

Einen Stil zu haben meint, zur Maskerade unfähig zu sein: Ob im Schreiben, an der Mode, ja selbst bei Körperbewegungen helfen Decknamen oder Verkleidungen nicht. Die individuelle Handschrift lässt sich trotz Camouflage jederzeit erkennen.

Treffpunkt

„So klein ist die Welt“, sagt er, weil ihm die Worte fehlen angesichts der überraschenden Begegnung am fremden Ort. „So großzügig ist die Welt“, erwidert sie, „dass sie uns einen solch unverhofften Augenblick schenkt.“

Sich mit der Zukunft aussöhnen

Vorfreude: die sanfte Art der Enthemmung. Es gibt keine schönere Art, Angst zu überwinden.

Ach, Achtsamkeit

Die Management-Mode „Achtsamkeit“ verhält sich wie eine Religion, die ihr Geheimnis verloren hat: Sie wird zur Mystik ohne Mysterium.

Beziehungsstatus

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:
Wie zwiefältig, wortbrüchig, einladend unentschlossen der Wille ist, der die langjährige Liebesbeziehung – soll man sagen? – trägt, verrät die Fülle an Ausreden, die sie wählt, um sich den verführerischen Avancen eines neuen Werbers zu entziehen. „Ich bin in festen Händen“, beteuert sie verlegen, in der Hoffnung, er würde sich darob erschrecken und sich enttäuscht zurückziehen. Und hat mit dieser traditionellen Wendung alles offengelassen: in festen Händen, freiwillig oder gefangen, mit Bewegungsspielraum oder so zupackend, dass sie kaum Luft zum Atmen hat? Die Weite möglicher Auslegungen, provoziert durch den falschen Schein von strikter Eindeutigkeit, erfährt eine Dehnung ins Unbestimmte, wenn auf die Frage nach einer Verabredung beschieden wird, das sei wohl, „glaube ich“, keine gute Idee. Höflich delegiert sie die Verantwortung für ihre Weigerung; sie kann ja nichts dafür, wenn er so schlechte Vorschläge macht oder der andere Vertraute sie nicht aus seinen Fingern lässt, auch wenn sie ihn vielleicht für einen Moment des zaubrischen Hin und Her aus dem Sinn verlöre. Sie will, wie schön, den wie aus dem Nichts einer frischen Schöpfung aufgetauchten Anwärter nicht auch noch vor den Kopf stoßen, wo sie ihm doch schon sein Herz durchbohrt hat.

Planvoll

Pläne sind ein heimliches Misstrauensvotum gegen das Leben, dem zu viel oder nichts zugetraut wird, niemals aber vertraut.