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Jetzt mal mal einen Punkt

Jeder Satz nimmt sich das Vorrecht heraus, einseitig zu sein. Der Punkt, die grammatikalische Form des Willkürakts, drückt den Schmerz aus, nicht alles sagen zu dürfen, um etwas Bestimmtes sagen zu können.

Lebensführung

Das einzige Lebewesen, das sein Leben führen muss und nicht nur lebt, ist der Mensch. Nur dass er die Lizenz, es zu führen, nicht bekommt, bevor er es führen darf, sondern nur erwerben kann, indem er es führt. Das geht nicht unfallfrei, aber muss ohne Versicherung auskommen.

Sorge dich nicht

Einer der Grundantriebe menschlicher Existenz, die Sorge, bedeutet: das Leben eines anderen vorwegnehmen. Das macht es schwer, sich in der Gegenwart Sorgender frei zu entfalten. Um des Preises, sich von der eigenen Gegenwart zu lösen, sucht Sorge die zwanghafte Nähe zu einer Zukunft, die dadurch ihren Charakter des noch Unbestimmten verliert.

Dämonenkult

In der künstlichen Intelligenz schafft sich der Mensch seine Dämonen als reales Gegenüber. An ihr erlebt er, dass seine größten Leistungen zugleich der erste Anlass sind, über sich bis ins Mark zu erschrecken. Diese Art Maschinen wird, einmal selbständig geworden, sich von ihm nicht mehr zähmen lassen und ihm täglich das Gefühl geben, wie überflüssig er auf dieser Welt ist. Wenn Freud von den drei Demütigungen des Menschen schreibt – Kopernikus (die Erde ist nicht der Mittelpunkt im Sonnensystem), Darwin (der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung) und ihm, dem Begründer der Psychoanalyse (das Ich ist nicht der Herr im eigenen Haus) – so ist das die vierte, die entscheidende (dort, wo unsere eigene Entwicklung gipfelt, wendet sie sich gegen uns).

Verquerdenker

Ein Charakterbild
Ohnehin hat er das Denken neu erfunden. Der Verquerdenker hält sich nicht an vieltausendjährige Regeln der Logik. Die Zeiten haben sich geändert, und mit ihnen alles, was bisher galt, auch in den Köpfen. Als Vordenker tritt er gern auf, für einen Freidenker hält er sich, fürs Querdenken wird er engagiert. Nur denken, das reicht nicht mehr. Die Zeiten haben sich ja radikal … aber das hat er schon gesagt. Kausalität? Vergessen Sie es. Linearität? Zu schlicht. „Ein Jüngling liebt ein Mädchen …“ Zu naiv. Die Sache ist doch unordentlich verflochten: „ … Die hat einen Andern erwählt. Der Andre liebt eine Andre und hat sich mit dieser vermählt …“ Komplexität! Das ist es. Heine hat es gewusst. Wenn der Verquerdenker Gründe liefern soll, rechtfertigt er sich. Was er für eine Argumentation hält, ist bloß eine Assoziation. Komplexität, sein Leib- und Magenwort, die Lieblingsspeise seines Redens, hält er für eine Art Freibrief, munter drauflos zu faseln. Da gerät vieles durcheinander. Anfang und Ende, Ursache und Wirkung, Grund und Folge, Punkt und Komma, analog und digital (noch so ein Herzensthema des Verquerdenkers), vor allem: und, und, und. Das „Und“ ersetzt ihm alle differenzierten Formen der Verknüpfung; es fügt sich über das „Und“ so hübsch eines mit dem anderen. Zuletzt  hat es sich so tief eingenistet im Denken des Zuhörers, dass er sich achselzuckend abwendet, nicht einmal im Gefühl, etwas Untunliches getan zu haben: Na, und …

Keine Rücksicht auf Verluste

Es gibt eine Aufrichtigkeit, die sich um ihre Sozialverträglichkeit in dem Maße nicht schert, wie sie sich selbst absolut setzt. Die Überzeugung, nicht gut lügen zu können, wirkt wie eine Einladung, in schönster Unbekümmertheit rücksichtslos zu sein. Im Ideal der Wahrhaftigkeit steckt gar nicht so selten eine gehörige Portion Egomanie.

Leutseligkeit

Man kann die Phasen einer Legislaturperiode genau unterscheiden am Gebrauch der Phrase „die Leute wollen das“. Schon immer hatte „Leute“ weniger die Bedeutung „Volk“, sondern meinte vor allem das gemeine Volk – das Volk, das seinem Herrscher zur Gefolgschaft verpflichtet war. Wenn erzielte Kompromisse mit künftigen Koalitionspartnern begründet werden durch die Annahme, „die Leute im Land“ forderten eine Sache, versteckt sich hinter der Berufung auf den allgemeinen Bürgerwunsch, die im Gestus demokratischer Verantwortung vorgetragen wird, unverhohlen ein umgekehrtes Machtgefälle: „Leute“ sind kaum die, deren Interessen man verfolgt, sondern eher eine Formel, mit der sich die eigenen Interessen bestens rechtfertigen lassen. Die Instrumentalisierung des Volks für parteipolitische Zwecke verrät sich im verächtlichen und spaltenden Beiklang, den das Wort „Leute“ hat: wir hier oben, ihr da unten. Wie anders kann es sein, dass es dann im Wahlkampf zugunsten der Leutseligkeit für Monate aus der politischen Rhetorik verschwindet.

Von der Schwierigkeit, eine Sache von innen zu begrenzen

Die Aufgabe, die das Maß in der Moral übernimmt, ein Handeln von innen her zu begrenzen und es nicht übermäßig, unmäßig, ja maßlos werden zu lassen, vollführt in der Logik der Sprache die Bedeutung: Sie gibt einem Wort seinen bestimmten Sinn und unterscheidet es so, indem es diesen beschränkt, von allen möglichen anderen Inhalten.

Einsamkeit

Nichts an der Einsamkeit ist per se sozialpathologisch. Das gilt, in dieser spezifischen Form, auch für jene, die nicht selbstgewählt ist. Einsamkeit, die mit dem Rückzug aus Gesprächen kaum identisch ist, ist eine Kommunikation. Was aber will sie sagen? Vielleicht zunächst wenig anderes, als dass ein Mensch die Exklusivität einer Beziehung aus dem Interessensspiel von Nähe und Distanz, aus seinem Geflecht an Freundschaften, den vielgestaltigen Zuneigungen, den Verwandtschaftsverstrickungen heraushält. Keines dieser Verhältnisse wird im Ernst hervorgehoben und sticht heraus. Außer das eine, das er vor seiner Mitwelt verbirgt. Im Grunde ist Einsamkeit die konsequente Treue zu sich selbst. Was auch bedeutet: Sie ist kein Schicksal.

Subversivkräfte

Unter allen subversiven Kräften wie der Sabotage oder der Subkultur wirkt die Liebe am stärksten. Sie kümmert sich nicht um Konventionen, ist weder interessiert an Machtverhältnissen noch anderen Formen sozialer Hierarchien. Sie unterläuft Erwartungen, ignoriert Erfahrungen, überbietet Erinnerungen. Wer liebt, ist ein Anarchist.

Talentschuppen

Das Problem der Talentshows ist, dass sie sich um die vielen Begabungen nicht kümmern, solange die Aussicht lockt, den einen Begnadeten zu finden. Dabei ist die große Aufgabe der Förderung, der Erziehung im besten Sinn, das Vielversprechende zu ermutigen, und nicht nur das, was schon viel erfüllt.

Gerechtigkeitslücke

Die größten Ungerechtigkeiten geschehen im Namen der Gerechtigkeit. Und nicht selten in bester Absicht.

Meins bleibt meins

„Wenn wir doch nur wieder Fremde sein könnten …“ So steht es auf der Karte, die der getrennte Ehemann seiner Frau schickte; beide sind sie gezeichnet vom Trauma, das der Tod ihrer Tochter ausgelöst hatte. Es ist die Schlüsselszene in „Verborgene Schönheit“, einem Weihnachtsfilm, Rührung garantiert. „Wenn wir doch nur wieder Fremde sein könnten …“ So müsste es gewünscht sein vor den Sondierungsgesprächen, die heute beginnen mit dem Ziel, wieder zu einer Großen Koalition zu finden. Was sonst sollten Sondierungen für einen Sinn haben, wenn nicht den auszuloten, was der andere im Sinn hat? Man hat ihn also wie einen Fremden anzuschauen, auch wenn er seit Jahr und Tag bestens vertrauter Partner in Regierungsgeschäften ist. Ob das geht? Es ist das Gesetz glücklicher Beziehungen: Den anderen immer wieder wie einen Fremden wahrzunehmen, damit das Vertrauen wachsen kann und nicht das Vertraute plötzlich fremd erscheint.

Nimm es nicht persönlich

Die Übersetzung des Satzes „Nimm es nicht persönlich!“ lautet: Lass es für dich nicht bedeutsam sein. Die Schwierigkeit ist, dass man darüber selbst nicht entscheiden kann.

Geschenkt

Der wichtigste Unterschied zwischen Heiterkeit und Trübsinn ist die Weise, wie sie weitergereicht werden: Die gute Laune lässt sich schenken und ist weniger ansteckend; die schlechte hingegen wirkt schnell epidemisch, taugt aber nicht als Gabe und Zuwendung. In einem seiner üblicherweise knappen Stücke schreibt am 8. Januar 1910 der wunderbare Emile Chartier, der unter dem Namen Alain publizierte, über den Brauch der Neujahrsgeschenke: „Ich wünsche Ihnen gute Laune. Eben die müsste man schenken und geschenkt bekommen. Das wäre eine Aufmerksamkeit, die sowohl den Empfänger wie den Geber reich machte.“*

* Die Pflicht glücklich zu sein, 195

Ach, Du

Das Hipster-Du, die unkomplizierte Attitüde, setzt sich immer mehr auch in anderen Lebenssituationen durch, am Bankschalter wie bei der Fahrzeugkontrolle. Es ist der kommunikative Ausdruck einer der Haupteigenschaften digitaler Welten: der des schnellen und ungehinderten Zugangs zu allem. Access heißt das Leitmotiv, jederzeit und allerorten. Das erleichtert nicht nur die Geschäfte, die online sich fast reibungsverlustfrei abwickeln lassen, sondern schenkt auch ein Übermaß an Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen, Kontakte zu knüpfen, von ungezählten Spielformen bis zur Reise durch die Unendlichkeit virtueller Realitäten. Was soll da ein umständliches „Sie“? Doch wie stets zahlt man einen heimlichen Preis für das, was man gewinnt. Mit dem Verlust des Widerstands kommt auch jene Fähigkeit abhanden, sinnvoll zu unterscheiden, die elementar ist für die Ausbildung von Geschmack, die Feinsinnigkeit eines Gedankens oder die Sicherheit eines Urteils. Jedes Sie, ob vertraut oder fremd, ist dem Du haushoch überlegen, wenn es darum geht, die schier unendlichen Varianten von Sozialbeziehungen auszuloten. Es ist die kleine Obstruktion und Verzögerung im Zugang, die alle Arten der Differenziertheit und damit den Reichtum des Zusammenlebens schafft. Hier gilt die Regel: je geringer die Signalstärke sprachlicher Vertrautheit, desto klarer die Formunterschiede im Umgang.

Freundschaft

Wie ehedem die wichtigste Eigenschaft des Freunds gewesen ist, Spielkamerad zu sein, so ist seine Hauptaufgabe mit wachsendem Alter, man möchte fast entsprechend sagen: als Ernstkamerad beizustehen. Die Rolle des Freunds ändert sich mit der Zeit, ohne dass man die Freunde wechseln müsste. Sie ist umfassend und reicht von dem, mit dem man Pferde stiehlt, Pfade findet, Pfunde hebt, Pfründe verteidigt, den übrig gebliebenen Pfennig teilt, bis zu jener letzten Pflicht, die keine ist: wider das Vergessen einzutreten, wenn man sich selbst nicht mehr in Erinnerung bringen kann.

Schicksalshaftung

Es sind jene Augenblicke, in denen wir verstehen lernen, dass sich aus einer Lebenssituation nicht allein erschließen lässt, was sie bedeutet, die uns verleiten, von Schicksal oder einem Los zu sprechen, dem wir ausgesetzt sind. Früher als geschichtsphilosophische Macht anerkannt, die Menschen mit Notwendigkeit durch deren Biographie führt, nicht selten tragisch, ist das Schicksal heute ein Ausdruck der Interpretationsbescheidenheit: Wir erleben, dass eine Erfahrung absolut bedeutsam geworden ist, ohne dass wir hinzufügen könnten, warum. – Mehr dazu in SWR 2 um 17:05 Uhr. Vom Schicksal befreit – Wie autonom ist der Mensch? 

Auf zu neuen Ufern

Damit vieles möglich wird, darf nicht alles Mögliche möglich sein.

Abschied und Willkommen

Viel lässt sich über Ängste lernen durch die Art, wie Menschen einander verabschieden. Wo der eine sich einfach auf dem Absatz grußlos umdreht, muss der andere einem „Tschüs“ noch ein zweites und drittes hinterherrufen. Hier die lautstarke Szene, dort das besonnene letzte Gespräch, da die nüchterne Bilanz einer von sich selbst erschöpften Beziehung. Der Abschied ist die Urszene des Menschen; und in ihm zeigen sich unsere Urängste. So tritt er in die Welt. Gerade aus der Mutterhöhle herausgepresst, wird die Nabelschnur durchschnitten. Lebensanfang und das Ende der ersten Symbiose fallen zusammen. Es ist die große Kunst, dies jedesmal zu erinnern, wenn ein Adieu ansteht: dass es wieder und wieder auch der Beginn von Neuem ist. Im Kuss, vor der letzten Intimität die innigste Verbindung, wird das symbolisch sichtbar. Er gehört als letzter und erster zu beiden Erfahrungen, der des finalen Aufbruchs wie der vorsichtiger Annäherung. Ein dankbarer Kuss also dem scheidenden Jahr; derselbe dem anbrechenden voller Erwartung.

Ich will

Ein in diesem Jahr nicht gesprochener Dialog
Er: „Wenn du nur einmal sagen würdest, was du willst …“
Sie: „… dann würde ich sagen, dass ich nicht sagen müssen will, was ich will.“
Er: „Aber du musst doch wissen, was dir guttut.“
Sie: „Eben, nicht dauernd darüber nachzudenken, was mir gefällt.“
Er: „Du machst es einem nicht gerade leicht.“
Sie: „Das ist ja auch nicht, was ich will.“

Für und Wider

Unter den lokalen Präpositionen, die Nähe ausdrücken, ist das Lagewort „mit“ sicher das mit der idealen Viskosität, um seelische Partnerformen verdichtet zu beschreiben. Es ist zäh genug, ein stabiles Lebensverhältnis zu benennen, und so flüssig, dass es dessen Bewegungen passgenau mitmacht. Alle Beteuerungen von „Ich halte zu dir“ bis zu „Ich bin bei dir“ schwächeln angesichts des Kraftworts „mit“, das sich nicht abschütteln lässt, das durch keine noch so heftige biographische Volte irritierbar ist. „Ich gehe mit dir“ ist der Inbegriff fester Gemeinschaft.

Zwei, die sich gefunden haben

Im Fachgeschäft
Sie sagt: „Endlich. Der perfekte Kunde. Er weiß, was er will.“
Er denkt: „Die vollkommene Verkäuferin. Sie hat, was ich brauche.“
Kein Suchen, kein Empfehlen. Kein überflüssiges Wort, und die Sache ist eingetütet.
Das bringt sie ins Reden …

Familienferien

Für einen seltenen, entspannten Moment hebt sich unmittelbar nach den familiären Festzeiten die Alltagslaune so, dass die wiedergekehrte Arbeitsroutine empfunden wird wie ein geschenkter Kurzurlaub. Lust auf Welt ist der schönste Nebeneffekt intensiv genossener Intimität.