Kategorie: Die tägliche Notiz

Kritikfreie Zone

Der Denker, der sich die Finger an Inhalten nicht mehr schmutzig machen möchte, reduziert eine Sache auf ihre Funktion. Wenn einer nur noch fragt, wozu Arbeit, Kultur, Religion, Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft gut seien, und ihn nicht mehr interessiert, was es an ihnen ist, das wahr oder falsch genannt zu werden verdiente, dann lohnt das Streiten nicht. Kritik sucht nach einem Geist, der mit den großen Unterscheidungen des Denkens noch etwas anzufangen weiß.

Preispunkt

Es ist müßig, darüber zu entscheiden, wo in Wirtschaftskreisläufen die Gewinne erzielt werden: beim Einkauf oder beim Verkauf einer Sache. Viel entscheidender ist bei klug geführten Verhandlungen die Frage, was einer verliert, wenn er gewinnt, weil er den Gegner noch im Preis hat drücken können. Für jeden Margenzuwachs zahlt nicht nur der, der den Kürzeren ziehen musste, sondern auch der, der sich durchgesetzt hat. Nicht selten so, dass er eine lang währende Kundenbeziehung um einer gelungenen Transaktion willen allzu stark strapaziert hat. Es gibt in jeder Verhandlung eine Verantwortung der Gegner für das, was sie überhaupt erst möglich macht: das Vertrauen. Dumm nur, wenn das bloß einer der beiden so sieht.

Summe des Lebens

Angesprochen, was auf seinem Grabstein stehen solle, sagte er: „Nur drei Wörter: Immer, alles, sofort.“ Sein Gesprächspartner nickte anerkennend: „Nie wurde besser begründet, warum wir sterben müssen.“

Moralische Faulheit

Bescheidenheit als ein moralisches Ideal ist oft nichts als die Ausrede jener Trägheit, die für Verantwortung zu faul ist.

Ruhe nach dem Sturm

Nach einem Wahlkampf suchen nicht nur dessen Protagonisten für ein paar Momente Ruhe. Vor allem müssen sich auch die Wörter wieder erholen, damit sie an Bedeutung zurückgewinnen, was sie durch übermäßig wiederholten Gebrauch verloren haben. Es ist das Los der großen Begriffe wie Gerechtigkeit, Freiheit, Bildung, Klarheit, Arbeit, dass sie nicht wahrer werden können dadurch, dass man sie häufig erwähnt, aber durch die hohe Frequenz ihrer Nennung an Tiefe verlieren. Wann ist ein Wort tief? Wenn es durch seine Bedeutung überrascht.

Abgehängt

Ausschnitte aus meinem Interview mit der „Frankfurter Neuen Presse“ zum Wutbürger, erschienen in der Printausgabe von gestern. Leider ging beim Kürzen für die Online-Fassung auch der Schluss verloren. Hier der verlorene Passus:

Gibt es nicht auch gute Gründe, heutzutage wütend zu sein?
WERNER: Natürlich gibt es die. Und sie werden größer in dem Maße, wie unsere Ohnmachtserfahrungen wachsen. Ein paar Beispiele: Wenn offenkundig korrupte Funktionäre wie im Fußball-Weltverband den Lieblingssport der Deutschen zu zerstören beginnen; wenn Unternehmen im Automobilbau mit Verbrauchsangaben und den Daten über den Schadstoffsausstoß betrügen; wenn ein Politiker mit Lügen eine Entscheidung herbeiführt, die ein Land aus der Europäischen Union zwingt; wenn Regierungen öffentlich sichtbar Rechtsbrüche begehen – und keiner tut etwas dagegen, dann ist das definitiv Anlass zum Aufbegehren. Ich spräche allerdings in dem Fall lieber vom Zorn, der mir eher für ein gerechtes Anliegen zu stehen scheint, als von der meist ja dumpfen Wut. Vor allem aber setzt der Zorn auf eine Kraft, die nicht zuletzt konstitutiv ist auch für das Gelingen einer Demokratie: auf das Vertrauen. Die Wut misstraut, allem und jedem. Der Zorn indes vertraut – auf seine Kräfte, die Ideale der Gerechtigkeit, ich scheue mich nicht zu sagen: auf eine bessere Welt. Es ist allemal sinnvoller, auch in Zeiten vielfacher Enttäuschung, sich ans Vertrauen zu halten. Denn das zerstört nicht, sondern will gestalten.

 

Kein Ort, nirgends

Zukunft ist die Erfindung einer Gegenwart, die nach Trost sucht.

Artisten

Kunst ist die Wirklichkeit derer, die der Wirklichkeit entflohen sind.

Das Gespenst des Neubeginns

Der moralische Imperativ „Wehret den Anfängen!“ ist das Leitmotiv derer, die nichts mehr erleben wollen.

Politik der ersten Person

Man sollte sich vor Menschen in acht nehmen, die mit einer Sache Ernst machen, ohne sie ernst zu meinen. Das einzige, was sie ernstnehmen, sind sie selbst.

Ernst des Lebens

Nach dem Schulanfang: Eines der größeren Vergehen in der Erziehung ist, dass wir das Erwachsensein als Abschied von der Kindheit vorstellen. Wenig ist unerträglicher als ein älterer Mensch, der verlernt hat, auch noch Kindskopf zu sein.

Einfall zum Zweifel

Das Gegenwort zu Zweifel heißt nicht Gewissheit, sondern Versöhnung.

Vorgartenidylle

Das, was die Franzosen le petit bonheur nennen*, das private Glück, beginnt mit den Blüten winterharter Stauden am Tor des Vorgartens und endet nicht selten schon unmittelbar hinter der Profiltür des herausgeputzten Landhauses. – Es gibt kein Glück, das sich nicht zeigen will; nur das Unglück sucht die Verborgenheit.

Siehe Hannah Arendt, Vita activa, 51

Reif für die Insel

Erschöpfung: der Zusand, in dem wir unfähig sind, zu uns selbst Abstand zu nehmen, obwohl uns nichts fremder erscheint als das eigene Leben.

Grundentscheidungen

Die meisten Entscheidungen beginnen erst schwierig zu werden, nachdem die Grundalternativen eindeutig gefällt sind: Fisch oder Fleisch – aber was dann? Rotwein oder Weißwein – indes welche Traube, welche Region, welche Lage, welcher Jahrgang? Verheiratet oder ledig – jedoch wie intensiv, wie exklusiv? Katholisch oder evangelisch – wenn es nicht von beidem etwas ist, oder keines der Bekenntnisse das Bedürfnis nach Lebenserträglichkeit abbildet. Das Was ist rascher beschlossen als das Wie.

Das Leben verständlich erklärt für die, die es lieben

Aus der Serie „Aufgeschnappte Dialoge“

„Mein Hobby ist mein Leben“, sagte er voller Begeisterung für das eigene Steckenpferd. „Ich tue  alles dafür.“
„Mein Leben ist mein Hobby“, erwiderte der andere. „Das ist nicht das Gegenteil. Auch ich tue alles dafür, dass ich lebendig bleibe, wohl wissend, dass wir allenfalls Amateure, also Liebhaber bleiben im Verhältnis zum Leben. Deswegen habe ich immer den Eindruck, ich würde Entscheidendes versäumen, wenn ich mir ein so intensiv forderndes Hobby leistete wie Sie.“

Wortfindungsstörung

Man kann sich das Denken als Folge einer Wortfindungsstörung vorstellen. Weil wieder nicht der vollkommene Ausdruck für eine Sache gefunden wurde und das schöpferische Organ versagt hat, indem es einfach statt des verfehlten Begriffs eine bisher ungehörte Sprachschöpfung als Ersatz anbietet, müssen ganze Sätze einspringen und mit diesen schlüssige Satzfolgen, um dem Phänomen so gerecht zu werden, dass es vernünftig beschrieben werden kann. Denken bedeutet, einen Sprachmangel zu kompensieren.

Blaues Blut

Es gibt Hunde, die von so aristokratischer Anmut sind, dass sie nur zu gehorchen scheinen, wenn man sie siezt.

Enttäuscht?

Jede Kommunikation beginnt in dem Augenblick interessant zu werden, in dem eine Erwartung enttäuscht wurde.

Am Ende entscheidet der Souverän

Nicht das ist ein Problem, dass die meisten Politikerreden im Wahlkampf weniger der Urteilsfindung dienen als der gefälligen Bestätigung von Vorurteilen. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, dass viele Bürger den Unterschied nicht mehr kennen, eine Differenz, die konstitutiv ist für die Demokratie.

Digitale Regression

Die einzige Form, in der er fähig ist, seine Gefühle auszudrücken, ist das Emoticon – ein Strichmännchen, das ihn in seinen vereinfachten Minigrimassen an die ersten Kopffüßler-Zeichnungen erinnert, mit denen er seine Empfindungen einst anschaulich zu vermitteln versuchte.

Alterserscheinungen

Vielleicht ist das eine der passendsten Beschreibungen des Alters: das Ich zieht sich unauffällig aus dem Wir zurück. Es wächst die eigene Empfindlichkeit bei gleichzeitiger Zunahme der Stumpfheit gegenüber anderen.

Ohrenlider

Zu den kaum vermeidbaren Ärgernissen einer Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln gehört seit jeher das lautstarke Gerede einzelner, zuweilen über viele hundert Kilometer, durch das sie den Rest eines Abteils in eine ungewollte Aufmerksamkeit zwingen. Mit dem verstärkten Einsatz von Großraumwagons bei der Bahn ist zwar die Rücksicht solcher ungehemmten Liebhaber des ungepflegten Monologs nicht gewachsen, aber deren Wirkungsgrad. So mancher unter all denen, die sich diesem Wortschwall wehrlos ausgesetzt sehen, mag sich fragen, ob diese großen Kommunikatoren nur berauscht sind von der eigenen Stimme, ob sie glauben, allein durch Satzmasse das Gegenüber beeindrucken zu können, ob sie nicht verstehen, dass noch das blödeste Reden Gehör finden will – und nicht den drängenden Wunsch erzeugen, es möge ein für allemal verstummen. Was hat es evolutionsbiologisch zu bedeuten, dass wir zwar mit Augenlidern ausgestattet sind, nicht aber mit Ohrenklappen (von Nasenfiltern ganz zu schweigen)? Wer hat da geschlampt? Wenn es die natürliche und überlebensnotwendige Bereitschaft ist, jederzeit zurückgerufen werden zu können aus Schlaf- und Dämmerzuständen, dann vergeht sich der reisende Dampfplauderer an einer unserer größten Begabungen: dem Talent, aufgeweckt zu sein.

Eines, Vieles

Nur durch Mustererkennung gelingt, dem Vielen gerecht zu werden, ohne das Eine zu vernachlässigen. Vielleicht ist diese Fähigkeit das, was Intelligenz im Kern auszeichnet: sich nicht zu überfordern durch die ungezählte Vielzahl an Individualitäten, verallgemeinern zu können und gleichzeitig vom Besonderen nicht absehen zu müssen. Krankheiten sind so zu identifizieren, eine individualisierte Medizin setzt sich an die Stelle der Hoffnung auf eine personalisierte. Verbrechen lassen sich so bekämpfen; Verkehrsströme eleganter lenken. Nicht zuletzt sind es gemeinsame Muster, über die sich Menschen in Beziehungen organisieren und durch sie diese Verhältnisse stabilisieren.