Kategorie: Die tägliche Notiz

Redefluss

Es gibt Menschen, denen die Worte in einem Fort auf die Zunge stürzen, so dass sie Mühe haben, daraus schnell einen Satz zu bilden. Und denen die Sätze aus dem Mund quillen, als hätte man einen prallen Apfel angestochen, so dass es schwer ist zu folgen, was sie sagen wollen. Und deren Urteile, eines nach dem anderen, gelegentlich im Selbstwiderspruch verhakt, schon vom nächsten verdrängt werden, so dass sie keinen Halt geben. Und deren haltloses Gerede so sprachlos macht, dass man die Frage vergisst, ob dieser phonetischen Kaskade je ein Gedanke vorausgegangen war. Zum Dialog ist die Diarrhoe in der Rede nicht fähig.

Die Angst der Welt

Hinter der lapidaren Bemerkung, jedes Land habe die Regierung, die es verdient, steckt nicht nur die Resignation über Wahlergebnisse oder die Schwächen eines politischen Systems. Sondern das befremdliche Erstaunen, dass die Mehrheit derer, die entschieden haben, nicht besser wusste, was allen anderen offenkundig gewesen zu sein scheint. Und das ist in dieser Welt zu oft inzwischen die Einsicht, dass die Angst des Volks jene Kandidaten an die Macht hebt, die dann jeden Grund geben, dass das Volk Angst haben muss.

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Seit den frühen Tagen der wissenschaftlichen Überlieferung steht neben der Suche nach dem Stein der Weisen auch die nach einem Universalmedikament, dem Panazee, auf dem Programm der Forscher. Doch fündig ist niemand geworden bisher in seiner Anstrengung, und wohl keinem wird je gelingen, dem leichthin gesagten Ganzen, dem „Alles und Einen“, eine Arznei entsprechen zu lassen, die jede Krankheit überwindet. Sie müsste abstrakt und konkret gleichermaßen sind, und das im umfassenden Sinn. Noch am ehestem wird der Liebe dieses Potential zugetraut, sie könne jedes geringe Wehwehchen heilen und auch die großen pathologischen Geißeln der Menschheit erfolgreich bekämpfen, nicht nur als Seelenheilmittel. Das mag damit zusammenhängen, dass sie das Persönlichste mit dem Allgemeinsten verbindet. Sie ist, mit Alfred Polgar zu sprechen, „ein privates Weltereignis“ – deren therapeutische Wirksamkeit wir vielleicht unterschätzen, weil sie nicht rezeptpflichtig verordnet und abgemessen verabreicht werden kann, sondern immer nur als Überdosis ins individuelle Leben tritt.

Zur Unzeit

Eine Gesellschaft, die gelernt hat, dass sie einen Großteil ihrer Stabilität gewinnt aus der Gewissheit, dass Grundformen ihrer Kommunikation funktionieren (Geldverkehr, Warentausch, Informationsfluss, Machtordnungen), muss dem Timing eine hohen Stellenwert beimessen. Die Trefferquote, mit der wir komplexe Situationen zum eigenen Nutzen auflösen, ist zugleich ein Glücksindikator. Nichts kann sie sich weniger erlauben als unterschiedliche Zeitmaße. Dabei verkümmert das Gespür für die eigene Zeit, das individuelle Tempo, die gelegentlich schöne Überraschung, nicht zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein – und so den Richtigen vielleicht zu finden. Im Ideal der Überraschungsfreiheit verbirgt sich eine erstaunliche Portion an Lebensunlust, ja Lebensfeindlichkeit.

Gesprächsfaden

Zu den verblüffenden Besonderheiten einer tiefen Freundschaft gehört, dass auch nach Jahren der Entfernung keine Entfremdung eintritt und der Gesprächsfaden aufgenommen werden kann, als hätte man ihn vor Kurzem erst liegen gelassen. Es sind andere Themen, wohl wahr, aber derselbe vertraute Ton im Wortwechsel, die gleiche Erwartung an das Gegenüber, Fragen einzuschätzen und Urteile zu fällen. Obwohl sie nach Begegnungen verlangt, braucht eine solche Freundschaft keinen Ort des Zusammentreffens. In ihr ist das Abstrakte konkret und die Differenz zwischen Absenz und Anwesenheit aufgehoben. Distanz bedroht nicht die Nähe; Diskretion ist ihr oberstes Gebot. Ohne dass sie das einander versprechen, lässt sich diese Beziehung zwischen zweien mit Fug unverbrüchlich nennen. Es ist der Ort, an dem die Ewigkeit in der Zeit aufs Menschlichste ihren Platz hat.

Das Zeitalter des politischen Narzissmus

Vielleicht befreien die Auflösungserscheinungen des „Projekts“ Europa, der hakelige Abschied von England, die Provokationen durch Italien, das verweigernde Geraune in Ungarn, das kleinlaute Schweigen zu den französischen Unruhen, Europa vom Anspruch, ein „Projekt“ sein zu müssen. So lang politische Technokraten sich nicht einmal um den Sachverstand scheren, sondern Institutionen schaffen, um sich selbst zu versorgen, verstärkt der Narzissmus hier den Nationalismus dort, et vice versa. Erst wenn Europa sich als gemeinschaftsstiftende Idee wiederentdeckt, die nicht erst abstrakt beschworen werden muss, wenn der Gestaltungswille sich nicht findet, wird es, paradox zu sagen, betörend lebendig in seiner konkreten Wirklichkeit.

Die Welt in zwei Zeilen

In jeder Notiz* steckt die Verlegenheit, das Ganze nur als Fragment ausdrücken zu können, und die Verwegenheit, im Fragment ein Ganzes zu zeigen.

* In eigener Sache: Dies ist die zweitausendste Notiz. Seit Jahren versucht der Beobachter,  täglich in Form zu bringen, was er gesehen hat. Das ist abhängig von seiner Tagesform mal launig, mal bissig, mal entdeckt, mal erfunden, mal mühevoll, mal leichtgängig, mal reflektiert, mal erzählt, wenig biographisch, oft literarisch. Er schreibt, manche Leser schreiben ihm zu. Alles ordnet sich ein dem nicht zuletzt philosophischen Willen, anschaulich begreifen zu wollen und zur Anschauung zu bringen, was man meint, begriffen zu haben. So dankt der Chronist seinen Rezipienten und Abonnenten. Und freute sich, wenn sie die täglichen Notizen weitertrügen und verbreiteten, sollte ihnen ein Text gefallen haben. Auf dass der Kreis der Leser wächst. Alle Stücke sind gesammelt im Archiv, unten auf der Website. Oder sie lassen sich über die Suchmaske, nach Themen und Stichwörtern sortiert, finden.  

Kerzenlicht

Im abendlichen Adventsgottesdienst. Der Kirchenraum ist nur von Kerzen erleuchtet, die dezent flackern. Das Auge muss sich an das stille Scheinen erst gewöhnen. Aber vor allem vernimmt der Besucher genauer, was gesagt wird, wenig abgelenkt von dem, was um ihn herum ist. Jeder Sinnesreiz beeinflusst die Wahrnehmung aller anderen Organe. Das Licht wirkt aufs Sehen und Hören. Je zurückgenommener die Beleuchtung, desto feiner dringt die Stimme ins Innere. Ein allzu heller Raum taugt nicht für ernste Gespräche und tiefe Empfindungen.

Sicher ist sicher

Wie aus den Zeiten, da die Religion für alles einstehen musste, was sich anders nicht erklären ließ und als Lückenfüller stets ein zeitlich befristetes Verhältnis zum Ort der Vakanz einnahm, mutet an, was im englischen Versicherungsrecht act of God heißt: alles, was sich der menschlichen Kontrolle entzieht, was unvorhergesehen als Naturgewalt, als Erdbeben, Tsunami, Wetterkatastrophe, über eine Region hereinbricht. Wo die Gelegenheit fehlt, jemanden verantwortlich zu machen, tritt symbolisch das Gotteshandeln ein, allerdings nicht so, dass sich daraus juristische Ansprüche, etwa eines Schadensersatzes, ableiten ließen. Im Gegenteil, statt Gnade vor Recht ergehen zu lassen, tritt die Ausnahme vom Vertrag in Kraft. Die Höhere Gewalt bekommt zwar einen Namen, aber der tröstet nicht, sondern taugt allenfalls als dürre Ausrede, für nichts einstehen zu müssen. Sinnfrei, also nicht einmal als strafendes Grollen zu deuten, bleibt der „Akt Gottes“ eine Leerformel und bietet Weiterlesen

Jenseits des Gewöhnlichen

Wer das Außergewöhnliche nur jenseits des Gewöhnlichen sucht, wird es kaum finden. Es ist die Überraschung im Alltag, der Zauber, der das Grau in Grau schön macht. Was metaphorisch das i-Tüpfelchen heißt, das als besondere Beifügung eine Sache aufwertet, die sonst nicht auffiele, befreit die Ausnahme von der Last, unerschwinglich und unerreichbar sein zu müssen. Es gibt dem scheinbar Unscheinbaren einen Anschein von magischer Kraft: den verblüffenden Effekt, dass Geringes den Unterschied im Ganzen ausmacht. Außergewöhnlich ist allerdings das Talent, jedesmal das Große im Kleinsten zu sehen.

Eigentlich

In der Radikalität der eigenen Ansprüche ans Leben steckt nicht nur der unduldsame Ansporn, sich selbst wiederholt zu übertreffen, sondern auch das Risiko einer dauerhaften Lähmung. Was uns treibt, muss gerade noch erreichbar sein. Die Sprache hat auf die Gefahr der Vergeblichkeit reagiert, indem sie Gnadenwörter erfand wie „eigentlich“, die sich in der Regel mit der barmherzigsten unter den grammatikalischen Formen verbünden: dem Konjunktiv.

Der richtige Augenblick

Timing ist in der Zeit, was in der Sprache das Glück des zutreffenden Worts bedeutet. Einen fugenlos passenden Ausdruck gefunden zu haben, den richtigen Moment zu erwischen, um das Aktienportfolio durch Verkäufe umzugestalten, den Flugball perfekt aufzunehmen mit einem präzisen Pass über das halbe Spielfeld, das alles sind Erlebnisse, die weitgehend vom Gespür für das innere Maß der Sache beeinflusst sind und diese vollkommen zur Erscheinung bringen. So muss es selbstverständlich sein, ist die implizite Botschaft des gelungenen Augenblicks. Er berauscht jene, die den Zeitpunkt genau finden. Aber er ist nicht, was im Testament mit der adventlichen Formel beschrieben ist: „Als aber die Zeit erfüllt war …“ (Gal. 4,4) Und was die Griechen den Kairos nannten. Da trifft die Zeit selbst auf mehr, als sie selbst ist.

Freiheitsrechte

Es tut der Freiheit nicht gut, wenn sie idealisiert wird. Das bläht sie auf zu einer abstrakten Vorstellung von Unabhängigkeit. Die Anerkennung der Freiheit ist eine Respektsform des Rechts vor dem individuellen Leben.

Opa erzählt vom Krieg

Wie alt einer ist, lässt sich messen am Vorrat der Geschichten, die er im Lauf seines Lebens gesammelt hat. Wie jung er geblieben ist, lässt sich erkennen an den Erlebnissen, die er zum Besten gibt.

Seelisches Gleichgewicht

Der Grat, auf dem ein Therapeut professionell läuft, ist schmal: so einfühlsam zu sein, dass er den Problemen seines Klienten nachspüren kann; so distanziert zu sein, dass er sich vor den Problemen seines Klienten schützen kann.

Ästhetische Theorie

Wirklich schön ist, was mehr sein kann, als schön zu sein.

Der richtige Zeitpunkt

Eine Gesellschaft, in der das Gespür für den richtigen Augenblick verloren gegangen ist, zerstört sich selbst. Nicht eine Begegnung wäre möglich zwischen den Menschen, nicht ein einziges Gespräch entstünde, nicht eine Liebesgeschichte könnte beginnen. Alle Sozialität hängt nicht zuletzt am Timing. Wenn Beziehungen zerbrechen, dann meist, weil den Beteiligten das Gefühl für Synchronität abhanden gekommen ist.

Zwei Sätze zur Rhetorik

Was die meisten an Rhetorik interessiert: wie man besser redet.
Was die Rhetorik am meisten interessiert: worüber man besser schweigt.

Druck

Von vielen, die sich mit Innovation und Erfindertalent, Kreativität und Neuerungslust befassen, wird der Ideenreichtum herausgestellt, die Fähigkeit, höchst unterschiedliche Wissenschaftskontexte oder Technikfelder spannungsreich und frei kombinieren zu können. Das alles erklärt aber nicht, wie das Neue in die Welt kommt. Wie alles Lebendige nämlich: durch Druck. Gäbe es den Zwang nicht zur überraschenden Produktion und deren Routine, müssten wir auf so manches Produkt verzichten, das unsere Routinen zwingend durchbricht.

Der pragmatische Theoretiker

Vom Theoretiker leiht sich der Unternehmer die optimistische Entschlossenheit, mit Ideen eine ganze Welt aus den Angeln zu heben; und vom Pragmatiker borgt er sich die originäre Enttäuschungsfestigkeit, dem Handeln zu trauen, obwohl das mal wieder nicht gelungen ist.

Ränkespiel

Machtspiele sind ein Dauertest auf die Widerstandsfähigkeit der Arglosigkeit im Umgang miteinander.

Die großen Fragen

Nur wegen der allesamt unzureichenden Antworten, die eine zweieinhalbtausend Jahre alte Denkgeschichte gesammelt hat, kann die Enttäuschung über den Mangel an Phantasie und Logik, Klarheit oder Überzeugungskraft doch nicht darin münden, den Horizont unseres Bewusstseins so zu verengen, dass Probleme wie das Ganze, Sein und Nichts, der letzte Grund, Allgemeingeltung und die Wirklichkeit von Freiheit zu sinnlosen Themen erklärt werden können. Die großen Fragen sind immer zu große Fragen und heißen nicht so, weil es um deren Erledigung geht, sondern um eine Erwiderung, für die das Leben einsteht.

Wie oft werden wir noch wach?

Genau in einem Monat ist Weihnachten. Als könnten es die Mitgenossen und Nebenmenschen nicht erwarten, ergeht allenthalben das Signal, sich zu beeilen mit den Wünschen, die Pläne für die Feiertage ausgearbeitet offenzulegen, ein Depot mit Geschenken vorzuhalten, Zeit einzuräumen für all die Verabredungen, die noch unbedingt in diesem Jahr stattfinden müssen, das Haus lichtglänzend herauszuputzen, sich den Ärger aufzusparen für das nächste Jahr und das schönste Lächeln der Vorfreude aufzusetzen. Und jetzt schon nicht enttäuscht zu sein, wenn das alles nicht so gelingt wie erdacht. Dabei ist die Botschaft des Fests so ganz anders und schlicht: dem Lassen einen absoluten Vorrang einzuräumen vor dem Tun. Das mag verstehen, wer einen Gott erwartet, dessen Zugewandtsein so diskret und überwältigend ist, dass sich ihm nichts entgegnen lässt außer stille Dankbarkeit.

Die zweite Aufklärung

Wie jene erste Aufklärung vor mehr als zweihundert Jahren wider die Machtansprüche einer Religion, die Geheimzirkel und Dunkelmänner auftrat im Namen der allgemeinen Menschenvernunft, die menschlich zu nennen ihren Charakter als welterschließendes und weltumspannendes Prinzip ungebührlich schmälerte, so müsste heute eine zweite Aufklärung aufbegehren gegen die Verbohrtheit einer Politik, die sich um die Zukunft derer, für die sie sich verantwortlich zu sein dünkt, in Wahrheit nicht schert. Und sich berufen auf das Politische als Ausdruck eines souveränen Bürgertums, das sich mit dümmlichen Sprüchen und dummen Beschlüssen nicht ins gesellschaftliche Unglück regieren lässt.* Allerdings wird nicht nur zu viel geredet, sondern zu laut, zu grell, zu gestanzt, und nicht nur zu wenig gehandelt, sondern zu einseitig, zu phantasiefrei, zu mutlos.

* Viele der offenkundigen Widersprüche und falschen Vertröstungen der Politik finden sich aufgelistet in Daniel Stelters Buch „Das Märchen vom reichen Land“.