Kategorie: Die tägliche Notiz

Zu dick aufgetragen

Große Geister, Vielbegabte, Tausendsassas, Universalgenies, die Alleskönner unter den Neugierigen und die tief Gebildeten – sie teilen eine zugeschriebene Eigenschaft: unseriös zu sein. Es ist kein Urteil aus Missgunst, das die Mit-und Nebenmenschen fällen, sondern eines, das mangels Vorstellungskraft getroffen wird. Das höchste Talent, das eine überkomplexe Welt kennt, ist das Expertentum.

Drei Gleichgültigkeiten

Dem absoluten Interesse des Narzissten, anerkannt und geliebt zu werden, entsprechen drei große Gleichgültigkeiten wie ein Gegengewicht:
1. Ihm ist Wahrheit kein Kriterium für das, was wirklich genannt zu werden verdient.
2. Die Folgen seiner Worte und Handlungen gehen ihn nichts an.
3. Vergangene Verbindlichkeiten, Verträge, Vertrauensbeziehungen sind ihm egal, wenn sie seiner Gefallssucht nichts mehr nützen.

Erfolgsformel

Zu den schönsten Erfahrungen seines Lebens zählt jener Erfolg, der sich so überraschend einstellte, dass er nie auf den Gedanken kam, nach seinen Bedingungen zu fragen.

Höhenunterschied

So mancher lernt aus einer Niederlage nichts als Hochmut.

Physiologie des Denkens

Voller Bauch, hohler Kopf: schlechte Voraussetzungen, um zu denken. Hohler Bauch, voller Kopf: noch schlechtere Bedingungen, vernünftig zu sein.

Für mich? Echt jetzt?

Unter dem Titel „Für Sie“ erscheint seit mehr als sechzig Jahren eine Frauenzeitschrift, die mit Modestrecken, Kochkolumnen oder Wellnesstips einen persönlichen Ton zur Leserin anschlägt. Inzwischen ist die vertraute Ansprache in allzu vielen Offerten präsent: Wir haben für Sie geöffnet; der Zug wird jetzt für Sie bereitgestellt … Das ist der aktuelle, nervige Sprachgestus in der Kundenbeziehung. Als ob es um nichts anderes ginge, ums Geschäft etwa, um Logistik, um Funktionalität und Professionalität. Noch nie hat das Marketing verstanden, dass einer nicht dadurch gemeint ist, dass man ihm sagt, er sei gemeint, sondern nur dann, wenn er es spüren kann – dass sich die Qualität von Versprechen nur erweist, wenn sie erfüllt werden. Keiner will, dass die Bahn die Wagen für ihn ans Gleis rollen lässt, aber jedermann wünscht sich, dass sie pünktlich am Ziel ankommen, damit er endlich in die Arme schließen kann, wofür er sich auf den langen Weg gemacht hat: für sie.

Zirkusnummer

Es gibt Phänomene, die wir nur in der Übertreibung genau erkennen. Das Leben gehört dazu.

Noch nicht gar

Die besten Kochbücher sind geschrieben wie Romane, nach deren Lektüre keiner ernsthaft glaubt, nun befähigt zu sein, die Figuren zu leben, die darin eine Rolle gespielt haben. Aber viel schöne Literatur zu lesen bedeutet, sein eigenes Leben klarer zu verstehen, wie sich auch der kulinarische Geschmack bildet – weniger an der Nachahmung der Rezepte als – an der erzählerischen Qualität des Zungenspitzengefühls, das Gewürzsamen und Wildkräuter wohlsortiert vorzustellen weiß.

Das letzte Wort

Die höchste Kunst der Schlagfertigkeit ist, das letzte Wort zu haben, ohne noch etwas sagen zu müssen. Es gibt ein Schweigen, das so bedeutsam und eindeutig ist, dass niemand mehr wagt zu widersprechen. Das heimliche Ideal der Rhetorik ist horribile dictu die Sprachlosigkeit der anderen.

Lebensarithmetik

Es ist kein Doppelleben zu führen, ohne dass sich ein Mensch aufteilen müsste. Und noch jeder, der sein Leben geteilt hat, macht die Erfahrung, dass er sich darin als ganz erlebt.

Geschlechtsunterschied

Er, ein Mann mit Geheimnissen. Sie, eine Frau mit Geheimnis. Was ist der Unterschied? Gewiss nicht die Vielzahl dort, die Einzigkeit hier. Was bei ihm ans Licht kommt, wirft einen Schatten auf ihn. Was sie an Schattierungen hat, bringt sie zum Strahlen. Nähme man ihm seine Geheimnisse, verlöre er seinen Selbstwert. Achtete man ihr Geheimnis nicht, vergriffe man sich an ihrer Würde.

Lass dich nicht stören

Aus dem Alltag der paradoxen Kommunikation:
Sie setzte sich ein wenig abseits in den Garten, so, dass man sie sehen musste, jedoch mit dem Rücken zur Terrasse, auf der er sich mit seinem Gast ins Gespräch vertieft hatte. Das Buch, das sie mitnahm, blieb unaufgeblättert. An ihrem Telefon nestelte sie lustlos herum. „Lasst euch von mir nicht stören“, hatte sie im Vorbeigehen noch wie zum Gruß der kleinen Tischgemeinschaft bestellt. Die vertraute Unterredung erstarb unversehens. Nichts, dachten beide im Moment, wirkt als Irritation besser als dieser heuchlerische Satz. Sie wusste, dass sie störte, sonst hätte sie es nicht so gesagt. Er wusste, dass sie es wusste und ihn wissen ließ, es nicht zu bemerken, was ohnehin sinnlos wurde, als sie es bemerkt hatte: Lasst euch von mir nicht stören (die ich euch längst gestört habe, indem ich euch aufforderte, euch nicht stören zu lassen). „Du störst nie“, erwiderte er, indem er auf die schamlose Scheinheiligkeit eine passende Lüge draufsetze.

Die zwei Längen der Langeweile

Kurzweil wie Langeweile kennen je zwei Weisen, in denen die Zeit präsent ist: als das, was sich aufdrängt, und als unauffällige, stille Erlebnisbegleiterin. In der Muße gelingt, was sonst nur dem Glück beschert ist: die Zeit wird einfach vergessen, mag sie noch so lang währen; im Müßiggang indes dehnt sie sich bis zur unerträglichen Last. Im heitersten Augenblick wiederum fällt Zeit nicht auf; im gedrängten und Hektik auslösenden Moment fällt sie hingegen unmittelbar ins Gewicht.

Der Fluch der Flucht

Hin und wieder, wenn bestehende Verhältnisse verkrusten, wenn Ohnmachtsgefühle sich einstellen, wenn die Lust aufs Abenteuer kitzelt oder man sich selbst nicht mehr erträgt, wenn Überlastung oder Unterforderung zu lang andauern, setzen sich Fluchtgedanken durch. Einfach nur abhauen, ohne Abschiedsgruß, ohne Gepäck. Als alter Überlebensreflex kennt die Flucht nur die unmittelbare Bewegung; sie weiß nichts von Zielen und kümmert sich nicht um Orientierung. Das ist kein Mangel, solange der Drang wegzugehen alles dominiert. Im Augenblick des ersten Innehaltens zeigt die Flucht allerdings, dass sie als Problemlösung nicht taugt. Mit Vehemenz bricht plötzlich die entscheidende Frage durch: Wohin? Und straft den der Dummheit, der gerade vor ihr geflohen war, weil er sie weder ertragen noch beantworten kann.

Geschwindigkeitsrausch

Jugend: das Gefühl, sich selbst einholen zu müssen.
Alter: die Ahnung, von sich selbst eingeholt zu werden.

Individualität

Das Bedürfnis, anerkannt zu werden, ist die soziale Ausdrucksform des Wunsches, unverwechselbar zu sein.

Vor den Kopf gestoßen

“Ich frage jetzt mal provokativ“ – die wirkliche Provokation kündigt sich nicht an. Gerade weil sie den Gegner überraschend trifft, greift sie ihn in seinen Grundfesten an. Nun muss er unvorbereitet reagieren und zeigt so alles, was ihn substanziell hält. Das politisch Unkorrekte fordert nicht die Politik, sondern das Politische, kein Verfahren und Verhalten, sondern Haltungen.

Freiheit, Verantwortung, Wahrheit

Über ihre Vergangenheit bestimmt, ist Freiheit eine Folge von Wahrheit. In die Zukunft gerichtet ist Freiheit eine Form von Verantwortung. Es ist wahr, so frei zu sein, dass wir verantwortlich genannt zu werden verdienen.

Recht auf Löschung

In den sozialen Medien die Nachricht vom neuen Glück: der „Freund“ im Netzwerk strahlt mit der Liebe seines Lebens ins Kameraauge. So wie er im Jahr zuvor noch die Welt an der früheren Liebe seines früheren Lebens farbenfroh teilhaben ließ. Kein Übergang, keine Entfremdung, kein Zögern, kein Zweifeln. Die eine ist nicht gegangen, die andere ist nicht gekommen. Jene ist einfach verschwunden; diese nimmt wie nach einer fotografischen Retusche die freigewordene Stelle im Bild ein. Digitalisierung bedeutet in der Biographie, auch da: Unmittelbarkeit. Geschichten zu erzählen, ist zu umständlich. Wo Zusammenhänge schwinden, verbirgt sich auch das Leid. Das verbürgte Recht auf Löschung der Daten sorgt dafür, dass von Schmerz wie aufkeimender Freude, von Vorsicht und Geheimnissen, von Ungewissheit und Entschlossenheit, von allem, was einen Übergang ausmacht, nicht mehr berichtet werden kann.

Aufgepasst!

Auch das ist eine Form der Liebe: die Verwandlung der Sorge von der Vorsorge in die Fürsorge bis zum Umsorgen.

Zersetzung

Die moderne Form der Kriegsführung ist eine symbolische. Sie greift die Grundkraft des Gegners an, aus der er seine Stärke ziehen könnte, die der Solidarität, und nutzt deren Schwäche aus, die der Komplexität. Mit gefälschten Nachrichten, Angeboten zur Kooperation, plötzlichen Verhandlungsvolten, Drohungen und Verführungen im unberechenbaren Wechsel, sät er Misstrauen zwischen das Volk und seine politischen Repräsentanten, zwischen Parteien und ihre Gremien, zwischen Staatenverbünde und ihre Organisationen. Das Ziel ist Vereinzelung. Dann bedarf es nur noch einer neuen Freundschaftsofferte, um die eigene Einflusssphäre dominant zu erweitern. Wer hinschaut, wird gegenwärtig Zeuge eines brillanten, groß angelegten strategischen Weltspiels mit dem Grundvertrauen von Individuen und Institutionen, das auf die Zersetzung von Gemeinschaften hinausläuft. Es bedarf keiner Waffen, keines Militärs: Wo das Misstrauen regiert, zerstört sich ein System selbst. Und er mag lernen, welche Art von Verantwortung man übernimmt, wenn man einander vertrauen will: Es ist stets die für den Vorrang von Wahrheit.

Konstruktiver Beitrag

In der Philosophie oder Psychologie sind Konstrukte jene Vorstellungen, die als selbstgemachte nicht den Anschein erwecken dürfen, selbst gebastelt zu sein, weil sie für wirklich gehalten werden, ohne schon Realität zu sein. Nichts ist weniger gegenständlich.
In der Architektur sind Konstrukte jene Vorgaben, die als gebaute immer die Anmutung haben müssen, tragfähig zu sein, weil sie in der Wirklichkeit bestehen können müssen, was planvoll unter realitätsnahen Bedingungen erprobt worden ist. Nicht ist gegenständlicher.

Politische Weisheiten

Selten kommt vor, dass das Wort eines Politikers es in die Sammlung jener Sprüche schafft, die vom Volk als Weisheit geadelt werden. Wahrscheinlicher ist das Umgekehrte, dass die Populisten mit Gemeinsprüchen nach Mehrheiten haschen. Was Gorbatschow zur Wendezeit den Zeitgenossen ins Gewissen schrieb, den emphatischen Satz: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, das ist als kluge Politiker-Formel so selten wie tief eingegangen in den alltäglichen Sprachgebrauch, meist mit leicht schadenfreudigem, ja gehässigem Beiklang. Dabei ist auch das andere wahr: die Freiheit der Unpünktlichkeit, die Freude über das, was lang vergeblich ersehnt und doch noch erfüllt wurde, die Gnade der späten Geburt (das frühe Wort des geschichtsversessenen Helmut Kohl), die Entschädigung einer verpassten Gelegenheit. Wer zu spät kommt, wird vom Leben gelegentlich belohnt. Und das Gegenteilige gilt ohnehin: Wer zu früh (gar mit Ideen) kommt, wird von seinen Mit- und Nebenmenschen meist abgestraft (mit Formen der Nichtachtung über die Missachtung bis zur Ächtung).

Nulla dies sine linea

In einer Anekdote*, die Plinius der Ältere über den Maler Apelles erzählt, findet sich der Satz: Kein Tag ohne eine Linie. Daraus haben viele, vor allem die aus der Wörterzunft, das Maß ihrer Selbstdisziplin abgeleitet: im Schreibrhythmus zu bleiben, auch wenn es die Umstände kaum erlauben wollen. Der Künstler hingegen meinte das Gegenteil: die gewöhnliche Beschäftigung regelmäßig schöpferisch zu unterbrechen zugunsten jenes Strichs, der zum Tageszeugnis seiner kreativen Kraft wird. Das, was notwendig ist, wird erst gut, wenn es mehr als notwendig ist.

*Naturalis historia 35, 84