Lehren

Joseph Beuys 1977

Joseph Beuys 1977

 

Lehrveranstaltungen



In jedem Semester

Rhetorik und Wahrheit

Museumspark Hombroich

Museum Insel Hombroich

Wenn Wahrheit der Rede wert ist, gilt es Rechenschaft abzulegen. Sagen zu können, was man gesehen hat, gehört allerdings zu den schwierigeren Übungen im Denken. Dass viele mehr sprechen, als sie zu sagen hätten, und manche mehr entdeckt haben, als sie mitteilen können, ist das Los von Menschen, deren Welt sich zwar im Wort erst erschließt, aber durch die Sprache auch verborgen wird. Schon in der Antike traten Männer auf, die sich diesen Mangel zunutze gemacht haben: Täuschungen, Manipulationen, Demagogie und Desinformation – sie bilden den Kontext, in dem Rhetorik sich bis heute legitimieren muss. Nur wo um Wahrheit zu streiten sich lohnt, kann eine Rede freilich Verbindlichkeit beanspruchen, eine Erkenntnis Geltung behaupten. Der Kurs übt in Sprech- und Denkformen ein – in Techniken, die „technisch“ gar nicht genannt werden sollten, wie Argumentation, Debatte, Dialektik, freie Rede – und ist für alle, die mehr wollen, als etwas und sich gut zu präsentieren.

 

Wintersemester 2016 / 2017

Das menschliche Wort
Sprachphilosophie

Jaume Plensa, Body of Knowledge – Skultpur auf dem Campus der Goethe-Universität in Frankfurt

Jaume Plensa, Body of Knowledge – Skultpur auf dem Campus der Goethe-Universität in Frankfurt

Das Erstaunen, mit dem das Philosophieren nach alter Überzeugung eingesetzt haben soll, ist die heilsame Form des Erschreckens. Wer sich wundert, ertappt sich dabei, den bedrohlichen Anteil seiner Verstörungen durch eine Erklärung nachhaltig zu mildern. Nur so gewinnt man Erkenntnis. Wahrscheinlich ist es Menschen ähnlich ergangen, als sie erstmals mit der Kraft ihrer Laute Bekanntschaft machten. Worte besitzen die Macht, auf Distanz Handlungen zu erzeugen, sie können stimulieren, ermutigen, bereichern, verletzen, zerstören, töten. Jedes Nachdenken über Sprache hat also mit diesen „göttlichsten Taten“ zu tun, als die Gorgias die schöpferischen oder vernichtenden Wirkungen der Worte kennzeichnete. Die Veranstaltung will in der Auseinandersetzung mit philosophischen Texten und Theorien eine Art Grammatik des menschlichen Handelns entwickeln.

 

Workshops auf dem Familienunternehmer-Kongress
vom 17. bis 18. Februar 2017

Das Analoge in der Digitalisierung
Über das Beste aus zwei unterschiedlichen Welten
Prof. Dr. Bolko von Oetinger, Prof. Dr. Jürgen Werner

Wir haben die Teilung der Tätigkeiten
ausgezeichnet organisiert,
dabei aber die Instanzen für
die Zusammenfassung vernachlässigt.
Robert Musil

„Digitus“ ist die lateinische Bezeichnung für Finger. Man braucht nur zwei, um jene Ziffern 0 und 1 zu symbolisieren, welche die Struktur eines Signals ausmachen, das als digitales zur Recheneinheit für grundstürzende Veränderungen in unserer Welt geworden ist. Nichts gestaltet unser Leben derart tiefgreifend um wie jene technische Revolution, die uns vor Fragen stellt, auf die wir längst noch nicht angemessen antworten können. Was bewirkt die Digitalisierung, wenn sie mehr bedeutet als die Aufgabe, neue Geschäftsmodelle zu finden, sich zu vernetzen, der Datenflut und -kontrolle ein Maß zu setzen? Und wieweit werden analoge Eigenschaften, Talente des Menschen wie sein Mut, seine Souveränität, seine Gestaltungsfreiheit, seine Lust auf Neues, seine Urteilskraft oder sein Vertrauen verstärkt in Anspruch genommen? Eines ist unzweifelhaft: Der aktuelle Strukturwandel ist mehr als ein wirtschaftlicher Prozess. Als gesellschaftlicher Eingriff, ja als politisches Machtspiel mit globalen Interessen fordert er das überlieferte Erfahrungswissen heraus. Aber zugleich zwingt er in ein höchst anspruchsvolles Tempo, den technischen Neuerungen und strategischen Optionen zu folgen, mit den größten Chancen, allerdings auch Risiken, die existenziell sein können. Alles kommt darauf an, das Analoge nicht als veraltet anzusehen, und das Digitale nicht als die reine Verheißung zu verklären; viel hängt davon ab, hier sich nicht zu verzetteln, und dort nicht unnötig zu zögern. Wer könnte das besser als ein gleichermaßen traditionsreiches und aufgeschlossenes Familienunternehmen? Der Workshop behandelt den Streit zwischen den Welten des Digitalen und des Analogen und sieht in ihm jenen fruchtbaren Ort, an dem eine Organisation ihre Überlegenheit entwickelt.

 

Ideen finden
Der Geist der Erneuerung ergreift die Generation der Enkel
Jan Bathel, Horst Bente, Prof. Dr. Jürgen Werner

Wenn es nur darum geht, die Geschichte der Väter und Ahnen fortzuschreiben, kann ein Erbe schnell zur Last werden. Aber Haltungen sich anzueignen, denen sich die Unternehmensgründer verschrieben hatten, Talente wiederzuentdecken, die damals zum Erfolg führten, befreit. Der Workshop handelt von einem solchen Aufbruch, das Überkommene zwar als Verpflichtung zu verstehen, aber nicht als Verkrustung: Zwei der Enkel von Adi Dassler haben sich dessen Lust an der Erneuerung und seinem handwerklichen Erfindergeist verschrieben. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, Zukunft zu wahren. Was ehedem zu einer Weltmarke im Sport geführt hatte, soll nun alle Chancen der Digitalisierung ausloten und ausnutzen. Am Beispiel des Adi Dassler International Sports Incubator wird gezeigt, wie sich Innovationen sinnvoll beschleunigen lassen und wie der kulturelle Wandel klug zu steuern ist, der mit solchen Veränderungen einhergeht. Das Programm hilft, treffsicher die passenden strategischen Ideen zu finden.

 

Sommersemester 2016

Der Prothesengott
Ist der Mensch antiquiert?

Giorgio de Chririco, Der große Metaphysiker

Giorgio de Chririco, Der große Metaphysiker

Der Mensch sei sozusagen eine Art Prothesengott geworden, bemerkt Sigmund Freud zum Stand des technischen Fortschritts. Und stellt zugleich fest, dass alle diese modernen Errungenschaften ihm auch zu schaffen machten, da er mit seinen „Hilfsorganen“ ja nicht verwachsen ist. Der hellsichtige Satz stammt aus dem Jahr 1930, lang bevor die informationstechnische Verschmelzung von Mensch und Maschine über genetische oder Nanostrukturen, durch Robotik oder künstliche Intelligenz zum Standardrepertoire von Zukunftsvorstellungen gehörten. Aus ihm spricht die Zwiespältigkeit von Kulturleistungen; doch jenseits davon vor allem die Frage, wer dieser Mensch denn sei, der sich derart zu optimieren vermag, dass er Gefahr läuft, sich selbst zu verlieren an das, was er schafft. Längst ist die Technik dabei, zu einer zweiten Natur des Menschen zu werden, gewinnt sie, die ehedem seinem Konstruktionswillen entstammte, an Selbstverständlichkeit in seiner Lebenswelt. Dass sie gleichwohl ein Problem bleibt, weil sie unser Selbstverständnis und den Selbstbehauptungswillen grundsätzlich neu zu bestimmen zwingt, behandelt das Seminar, das den Spannungsbogen abschreitet von Positionen, die den Menschen als antiquiertes Wesen betrachten, bis zu jenem kühnen Entwurf, der dem Menschen ungeahnt revolutionäre Möglichkeiten voraussagt.

 

Die Tiefe des Raums
Kleine Philosophie des Fußballs
Prof. Dr. Alfred Hirsch, Prof. Dr. Jürgen Werner

fussballEs sind weniger die vielen verstreuten Bemerkungen von Denkern, die sich als Fans des Fußballs geäußert haben, die in diesem Seminar behandelt werden – von Albert Camus, der ein höchst passabler Torwart war („Alles, was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball“), bis zu Karl-Heinz Bohrer, der dem Reden über Fußball eine absolute Metapher geschenkt hat („Netzer kam aus der Tiefe des Raums“). Spannender finden wir hingegen all jene Fragen, die sich mit der Beobachtung und Beschreibung dieses Sports ergeben: Was ist eine gute Mannschaft? Wie lässt sie sich aufbauen, organisieren, zum Erfolg führen, wenn es stimmt, dass elf geniale Einzelne noch kein geniales Ganzes ergeben? Wie verhalten sich spielerische Brillanz und Effizienz zueinander; lässt sich das eine fördern, ohne das andere zu stören? Welches Raumverständnis wird im Fußball vorausgesetzt?

Alfred Hirsch, Thomas Tuchel, Jürgen Werner

Alfred Hirsch, Thomas Tuchel, Jürgen Werner

Was bedeutet dort, strategisch zu denken und zu handeln? Wohin entwickelt sich das Spiel? Mit welchen Begriffen wird man es künftig besser bezeichnen können? Was ist eigentlich Spielintelligenz, wenn man unter ihr mehr verstehen will als eine Eigenschaft, die Instinktleistungen nahekommt?

Mehr unter Aus der Tiefe des Raums und Fußball und Philosophie mit Thomas Tuchel

 

Wintersemester 2015 / 2016

Workshop auf dem Familienunternehmer-Kongress
vom 12. bis 13. Februar 2016

Pflichten des Eigentums, Pflicht zum Eigentum. Über Formen unternehmerischer Verantwortung
Prof. Dr. Bolko von Oetinger, Prof. Dr. Jürgen Werner

Leiden Sie manchmal
unter der Verantwortung des Eigentümers,
die Sie nicht den andern überlassen können,
ohne Ihr Eigentum zu gefährden?
Max Frisch, Fragebogen

Zwischen „Mein“ und „Dein“ ist der Unterschied nicht leicht zu ziehen. Und doch legen wir darauf absoluten Wert, seitdem wir im Sandkasten die eigenen Förmchen verteidigt haben. Was dem einen gehört, soll dem anderen nicht ohne weiteres zur Verfügung stehen. Privateigentum bezeichnet ein ausschließendes Verhältnis anderen gegenüber, das sich an Sachen orientiert. Der Staat soll es schützen, weil es ihn begründet als eine moderne, politische Organisation von Freiheitsrechten. Nun ist Freiheit aber vielleicht nur ein anderer Name dafür, dass wir verantwortlich heißen. Lässt sich also mit Fug folgern, dass das Eigentum anderen zugleich zugute kommen soll? Das Gemeinwohl, das in der Verfassung als eine Entsprechung zum Eigentum vorgestellt wird, berechtigt den Staat zur legalen Enteignung: Er erhebt Steuern. Aber verpflichtet es über den juristischen Zwang hinaus auch sozial oder gar moralisch? Wem gegenüber ist der Eigentümer verantwortlich? Gibt es eine ausgezeichnete unternehmerische Verpflichtung? Welche Formen könnte sie haben? Und müsste sie nicht in einer Zeit, in der der Zugang zu einer Sache über deren Besitz gestellt wird, als Pflicht zum Eigentum formuliert werden? (Familien-)Unternehmen riskieren erhebliche Teile ihres Eigentums für den Gewinn, aber auch für Arbeitsplätze, deren gesellschaftliche Bedeutung in Krisenzeiten gern erwähnt wird. Gibt es also eine doppelte Pflicht: die des Eigentümers, aber eben auch die des Staates, Eigentum zu fördern? Der Workshop versucht die Frage nach dem Eigentum als eine unternehmensstrategische Aufgabe zu entwickeln, an deren Ende die eine Einsicht steht: Nicht ist entscheidend, was einer hat oder nicht hat; aber welches Verhältnis er dazu hat, dass er besitzt, das ist wesentlich.

 

Der Mensch
Aspekte philosophischer Anthropologie

Menschliche Erbgutsätze

Menschliche Erbgutsätze

Der Mensch ist … ein Tier, das sprechen kann (Aristoteles), … ein vernünftiges Tier (Thomas von Aquin), … ein nicht festgestelltes Tier (Nietzsche), … der erste Freigelassene der Schöpfung (Herder), …, was wir alle kennen (Demokrit), … Mensch (Schiller) … das Maß aller Dinge (Protagoras), … nur an seiner Oberfläche Mensch (Valéry), … sich selbst das rätselhafteste Ding der Natur (Pascal), … das Wesen der untauglichen Mittel (Simmel), … sozusagen eine Art Prothesengott (Freud), … ist am Ende ein so freies Wesen, dass ihm das Recht zu sein, was er glaubt zu sein, nicht streitig gemacht werden kann (Lichtenberg). Kurz: Aus den vielen, höchst unterschiedlichen Definitionen, lässt sich zwar folgern, dass eine Bestimmung des Menschen mindestens schwierig sei, vielleicht aus guten Gründen ganz unterbleiben sollte. Doch wie viel nötiger wäre dann, dass er wenigstens beschrieben werden kann. Einige Deskriptionsversuche des zwanzigsten Jahrhunderts schauen wir uns näher an: etwa die von Paul Alsberg oder Ernst Cassirer oder Arnold Gehlen oder Helmuth Plessner oder, nicht zuletzt, Hans Blumenberg.

 

Sommersemester 2015

Geld oder Leben
Georg Simmel und die Frage nach dem Wert

Georg Simmel

Georg Simmel

Unter den Zuschreibungen, die dem Kapitalismus zuteil werden, ist die Behauptung, er sei „entfesselt“, die deutlichste. Denn sie packt ihn, jenseits des hysterischen Gestus, bei seiner Haupteigenschaft: zu befreien. Zwischen der abstrakten Regulation menschlicher Angelegenheiten durch das Geld und dem Prozess der Freiheit existiert eine Entsprechung, die weit über Strukturähnlichkeiten hinausgeht und nicht zuletzt das Gefährdungspotential von Freiheit berührt. „Entfesselung“ ist eben auch das prometheische Sprachbild für freigesetzte Energien, deren Wirkungen nicht mehr kalkulierbar sind. Es ist diese gar nicht harmlose Ambivalenz, die Georg Simmel zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts aufnahm, als der Begriff des Kapitalismus im europäischen Denken sein Hausrecht eroberte. In seinem „nachgelassenen Tagebuch“ findet sich eine Notiz, die sich wie eine Kurzformel seiner „Philosophie des Geldes“ von 1900 liest und die energetischen Eigenschaften des Kapitals bezeichnet: „Geld ist das einzige Kulturgebilde, das reine Kraft ist, das den substantiellen Träger völlig von sich abgetan hat, indem er absolut nur Symbol ist.“ Wie diese „reine Kraft“ arbeitet, ist Gegenstand des Seminars. Da Geld und Leben einander in vielem ähnlich sind, taugt das eine nicht nur als Metapher für das andere. Das Geld erlangt über sein Talent hinaus, die Allgemeinheit des Lebens anschaulich zu beschreiben, die Qualität eines Mittels, die menschliche Existenz manifest zu verändern. Doch was macht das Kapital mit dem Leben? Zentrale Fragen wie die nach dem Glück, der Freiheit, des Verhältnisses von Person und Funktion sollen erörtert werden anhand der Lektüre der „Philosophie des Geldes“.

 

Wintersemester 2014 / 2015

Workshop auf dem Familienunternehmer-Kongress
vom 13. bis 14. Februar 2015

Jenseits von Glück und Kalkül. Spielarten des strategischen Handelns
Prof. Dr. Bolko von Oetinger, Prof. Dr. Jürgen Werner

Das Glück schreibt mit weißer Tinte.
Woody Allen

Manchmal kommt es anders, als man denkt; nicht selten dann, wenn man alles darauf angelegt hat, dass es genau so kommen soll, wie man dachte. Dann macht das Leben einen eleganten Strich durch alle Rechnungen, die aufgestellt sind, und man muss aufpassen, dass der Preis nicht zu hoch ist, den man zu zahlen hat. Im Namen „Glück“ haben wir diesen Unwägbarkeiten ein beschwörendes, allerdings kaum begreifendes Passwort gegeben, das uns den Zugang verspricht zu der grundirritierenden Erfahrung, in unserem Handeln nicht alles in der Hand zu haben, trotz genauer Pläne. So freilich lassen sich Geschäfte nicht erfolgreich bestreiten. Wir richten daher alles ein, es auf den Zufall nicht ankommen lassen, und können Ungewissheit, Friktionen oder Fehler dennoch im Ganzen nicht vermeiden. Zwischen Kalkül und Fortüne spreizt sich das Feld der Strategie auf. Sie weiß, dass sich auf das Glück nicht setzen lässt, soll eine Sache gelingen. Aber traut deren Berechenbarkeit ebenfalls nichts Entscheidendes zu für einen guten Ausgang. Schon der Stiefvater aller Strategen, der geniale Carl von Clausewitz, spottet über jene Heereslenker, die sich der Mathematik verschrieben haben. Wie „funktioniert“ aber dann strategisches Denkens? Über dessen Wirkungsgrad will dieser Workshop zureichend Auskunft geben: auf dass Strategie als ein Können gesehen wird, das mehr ist denn ein blasser Stellvertreterbegriff für das Glück opportunistischen Handelns.

 

Passionen
Die Krisen des Gottesgedankens

Hans Blumenberg

Hans Blumenberg

Dass Philosophie neben ihren diagnostischen Talenten auch eine therapeutische Funktion besitzen könnte, begründet einen Streit um die Leistungskraft des Denkens. In ihm nimmt Hans Blumenberg, dem sich dieses Seminar widmet, eine höchst eigenwillige Position ein. Er bestimmt Philosophie als zielgeleitetes Erinnern an Mythen und Metaphern, dem die Aufgabe zuwächst, Fragen der Denkgeschichte wiederzuentdecken, die durch den Bestand möglicher und faktisch gegebener Antworten zugeschüttet, aber nicht erledigt wurden. Die Veranstaltung widmet sich einem besonderen Problemhorizont, dem Gottesgedanken, und versucht im Gespräch mit Blumenbergs Buch „Matthäuspassion“ die Belastungen und Bedürfnisse, die Unheimlichkeiten und das Unerledigte herauszuschälen, das Menschen mit der Erinnerung an Gott verbinden. Die Geschichte der religiösen Überlieferung wird als ein Konkurrenzspiel zwischen dem Menschen und der Gottesvorstellung gezeichnet, die zwar des Menschen eigene ist und der er sich dennoch nicht gewachsen zeigt.

 

Sommersemester 2014

Beratung
Die Entwicklung des strategischen Denkens

IMG_3343Mythen sind Geschichten, die mehr sein wollen als eine Geschichte. Sie rechtfertigen politische Machtverhältnisse, ordnen die Grundvorstellungen des Lebens, transformieren Ängste in nachvollziehbare Erklärungen. Eine dieser Legenden geht so: Zeus, der Herrscher auf dem Olymp, vermählt sich mit Metis. Nun bedeutet Metis nichts anderes als „kluger Rat“ – die Macht verbündet sich also mit der Beratung zwecks eines gemeinsamen Projekts. Die Verbindung trägt schnell Früchte: Metis ist schwanger. Doch was so erfolgreich begonnen hat, endet in einem perfiden Manöver. Zeus verschlingt seine Frau kurz vor der Niederkunft und nimmt sich das Recht, selber zu gebären. Mächtig ist, wer klug ist – klug genug, die Autorschaft für auffällige Einfälle sich anzueignen. Dass solche uralten Erzählungen noch plastisch genug sind, die Lebenswirklichkeit von Menschen heute deutend zu erhellen, kann als ein Indiz genommen werden: Es gibt in der Beratung wiederkehrende Muster, die zu entdecken lohnt. Themen des Seminars sind die Entwicklung des erkenntnisleitenden Dialogs zur Dialektik, das Verhältnis von Wissen, Klugheit und Weisheit, deren Beziehung zu Macht, die Überlegenheit und Verlegenheit der Urteilskraft, die Bedeutung der Strategie für das Denken und, nicht zuletzt, die Frage, ob Philosophie überhaupt dazu taugt, verständig Rat zu geben. Wer im vergangenen Semester über Orientierungsnöte und die Beratungsbedürftigkeit von Menschen schon nachgedacht hat, ist eingeladen, dies fortzusetzen. Studierende, die die Sache neu interessiert, sind willkommen.

 

Wintersemester 2013 / 2014

Workshop auf dem Familienunternehmer-Kongress
vom 14. bis 15. Februar 2014

Nicht nur anders, vor allem besser – Woher kommen die guten Ideen?
Prof. Dr. Bolko von Oetinger, Prof. Dr. Jürgen Werner

„Wenn mir nichts einfällt, dann lasse ich mir etwas einfallen.“
Woody Allen

Die Faszination, die wir dem Neuen entgegenbringen, entstammt vielleicht mehr der Unlust an Langeweile als dem wirklich Bahnbrechenden, das mit einer überraschenden Entdeckung verbunden ist. Das nämlich kommt so häufig nicht vor, dass eine Neuerung erfüllt, was ihr an Verheißungen auferlegt ist. Im Gegenteil: In dem Maße, wie der Aufbruch zu Neuem ein Dauerregulativ darstellt, sorgt er weniger für Bewegung, als dass Unsicherheit im Unternehmen einkehrt und das Vertrauen schwindet. Das Neue ist kein Selbstzweck, „Neuland“ nie nur die Aussicht auf schönere Verhältnisse. Wir fordern zwar den Wandel, unterschlagen aber, dass wir ihn genauso beargwöhnen. Als „Revolution“ ist er uns suspekt, im Talent der „Kreativität“ haben wir ihm eine undurchsichtige Triebkraft zugeschrieben, unter dem Namen der „Innovation“ ist er gezähmt worden. Da kommt alles darauf an, dass wir klug auswählen. Doch woher können wir wissen, was unter den vielen Angeboten, es anders zu machen, wirklich taugt? Wer sagt, dass die wiederholt vorgetragene Forderung, erfolgreiche Geschäftsmodelle zu verändern, obwohl sie allemal funktionieren, in diesem Fall das Unternehmen auf ein höheres Niveau heben wird? Wer beschließt, dass der eine verrückte Gedanke zum Ausgangspunkt für eine wertsteigernde Erneuerung wird? Kann man das im Vorhinein überhaupt differenzieren oder gehören Ausschuss, Zufall, Irrwege und Verluste zum notwendigen Risiko, das eingeht, wer vorankommen will? Der Workshop wird Kriterien und Methoden behandeln, die helfen diese Unterscheidungen zu treffen. Die Fragen behandeln den Kern strategischen Denkens und Handelns.

 

Beratung
Das Versprechen der Philosophie

Fingerlabyrinth an der Pfarrkirche in Beyenburg

Fingerlabyrinth an der Pfarrkirche in Beyenburg

Die Fähigkeit, Rat zu geben, ist nicht nur unter den Talenten des Menschen eine der ältesten – sie war vor allem ein Privileg der Älteren. Nestor, der betagte Held vor Troja, und Mentor, der bejahrte Freund des Odysseus, sie zählen zu den berühmten Beratern, die ihrer erfahrungsgesättigten Klugheit wegen hochgeschätzt wurden. Man musste eine gemessene Lebensspanne durchschritten haben und mit dem Weltlauf bestens vertraut sein, um als konsultationswürdig zu gelten. Nicht ohne Grund besaß in den mythischen Erzählungen Zeus den Beinamen: der Berater. Als die Philosophie ihren Anfang nahm mit der Ablösung weitschweifiger Göttergeschichten durch das klare Wort der Erkenntnis, verlor die Beratung ihren heroischen Nimbus. Nun tauchte sie auf im zweifelhaften Umkreis von gewerbetreibenden Menschen, die sich zum Zwecke eines besseren Geschäfts kühn darauf beriefen, mit der Weisheit besonders vertraut zu sein: die Sophisten. In der Auseinandersetzung mit diesen schärfte das Denken sein Profil, gezwungen zu einer Methode kategorialer Unterscheidung, und nicht zuletzt, um differenzieren zu können zwischen falscher und wahrer Beratung. Die Veranstaltung, die auf mehrere Semester hin angelegt ist, begibt sich in diesen Streit und versucht zu klären, welche notwendigen Eigenschaften dem konsiliaren Handeln angemessen sind. Was etwa trennt den Orakeldeuter vom modernen Problemlöser? Lässt sich über das Expertentum hinaus unter Rückgriff auf überkommene Vorstellungen eine vorsichtige Neubestimmung von Weisheit wiedergewinnen? Welche besonderen Eigenschaften besitzt die beratende Rede, die als klassische Form eine rhetorische Kunst eigenen Rechts repräsentierte? Und worin unterscheidet sie sich von den heute üblichen Arten der Intervention in Politik und Wirtschaft? Zu erörtern sind die Bedeutungen von Begriffen wie Orientierung, das Verhältnis von Macht und Einfluss, der Unterschied von Strategie und Perspektive oder die Frage, wie das Neue in die Welt komme. Vielleicht lässt sich so verstehen, was gemeint sein könnte mit der Antwort, die Seneca gegeben hat auf die Frage, was Philosophie der Menschheit denn verspreche: Beratung. Ob es ein falsches Versprechen ist?

 

Sommersemester 2013

Gedachtes unter Verdacht
Friedrich Nietzsche und die Genealogie der Moral

Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche

Dass Gedanken nicht nur gedacht, sondern auch unter Verdacht gestellt werden können, ist eine Einsicht, die der Aufklärung Auftrieb verschaffte. Mit ihrer Formel vom Priesterbetrug, die das Entstehen der Religion aus unlauteren Motiven herrschender Ritualverwalter erklärt, nahm sie ihre ideologiekritische Arbeit auf. Seither muss Philosophie auch selbstzweifelnd zu Werke gehen und alles, was gesagt und zu sagen ist, nach mehr als logischen Kriterien messen: Könnte es sein, dass neben der Welt der guten Ideen auch eine Hinterwelt schlechter Motive existiert, die bisher nicht zureichend intensiv bereist wurde? „Es gilt, das ungeheure, ferne und so versteckte Land der Moral – der wirklich dagewesenen wie der gelebten Moral – mit lauter neuen Fragen und gleichsam mit neuen Augen zu entdecken.“ Ein gewiss nicht unerhebliches Problem unter diesen Schwierigkeiten, die Nietzsche in der überkommenen Ethik findet, ist die Frage nach dem Wert der Werte, also die nach den Bedingungen und Umständen, unter denen sie sich entwickelt und verschoben haben. Ist Moral bloß ein Symptom, eine Maske, ein Missverständnis, eine Krankheit gar? Bevor also die Geltung von Moralbegriffen behauptet wird, muss ihre Genese präzise nachgezeichnet werden in einer Genealogie der Moral. Das Buch, das zu den wirkungsreichsten Schriften Nietzsches gehört, ist leicht zu lesen. Daher die Warnung des Autors, es täte bei der Lektüre vor allem eines not, etwas, „zu dem man beinahe Kuh und jedenfalls nicht ‚moderner Mensch‘ sein muss: das Wiederkäuen…“



Wintersemester 2012 / 2013

Das Wahre ist das Ganze, das Ganze ist das Unwahre
Dimensionen dialektisches Denkens

G. W. F. Hegel

G. W. F. Hegel

Es ist ein Spiel mit unseren Vorurteilen, das Hegel betreibt, wenn er die natürlichen Vorstellungen erwähnt, nach denen die Philosophie sich zunächst über das Erkennen zu verständigen habe, bevor sie sich dann an das Erkennen dessen macht, was in Wahrheit ist. So leitet er die „Phänomenologie des Geistes“ ein. Denn indem das dialektische Denken die Trennung zwischen einer Kritik unserer Einsichtsvermögen und der begrifflichen Bestimmung von Welt überwindet, gewinnt es auch eine komplexere Bedeutung von Wahrheit. Die „ist“ nicht einfach, sondern erschließt sich über einen Gedankengang, der sich nicht scheut, auch das Gegenteil seiner selbst in sich aufzunehmen, ja als sein treibendes Moment anzuerkennen. So scheitert jeder Satz methodisch an seiner Einseitigkeit; erst das vollständige System vermag Auskunft zu geben über das, was Erkenntnis genannt zu werden verdient, so dass selbst eine Formel wie die oft genutzte von der Ganzheit des Wahren dieser dialektischen Philosophie Unrecht tut. Man kann nicht zitieren, ohne zu verfälschen. Das wusste auch Adorno, welcher die Wendung: „Das Wahre ist das Ganze“ bricht mit der Gegenbezeugung: „Das Ganze ist das Unwahre.“

Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno

In der Dialektik des deutschen Idealismus wird der Widerspruch nicht ernst genug genommen. Er verliert seine Sperrigkeit, wird um der Eleganz eines systematisch folgerichtigen Fortgangs aufgegeben in seiner Fremdheit und Widerborstigkeit. Die Negation dient nur der Stabilität des Grundgedankens. Das Seminar skizziert diesen Streit zweier Formen von Dialektik und sucht Aufklärung am Nein und dem sprachlichen Umgang mit ihm, weil sich hier entscheidet, wie Wahrheit vernünftig gedacht werden kann.


Vertrauenssachen
Einblicke in die Lebenswelt der Wirtschaft

150_D4X46611Menschenbild und Ökonomie“ hieß die Tagung, auf der ich den Vortrag über „Vertrauenssachen“ gehalten habe. Das „Und“ als beliebtestes und beliebigstes Wort der Sprache ist das Entscheidende im Titel des Symposions. Es kann alles verbinden, auch das, was nicht zusammengehört: Land und Meer, Liebe und Hass, Gott und Welt, Elefanten und Bleistifte. Oder? „Das ist es doch gerade, was den Denker vom Laien abhebt, dass er ein Oder unterscheidet, wo dieser einfach ein Und setzt.“ So sagt es Robert Musil, und das ist die Aufgabe: in der Unbestimmtheit eines Verhältnisses die bestimmten Bedingungen einer Zuordnung zu finden.



Sommersemester 2012

Wahrheit und Freiheit
Die Verlegenheiten der Philosophie

Martin Heidegger

Martin Heidegger

Es ist der Dichter Heinrich von Kleist, der die Erschütterungen wiedergibt, welche die Kritische Philosophie ausgelöst hat. Er schreibt: „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist oder ob es nur so scheint.“ Nach der Lektüre Kants, die ihm den unmittelbaren Zugang geraubt hat zu einer objektiven Welt, erscheint ihm alles fragwürdig. Man mag mit Fug zweifeln, ob der Poet den Philosophen angemessen verstanden hat. Aber auch eine Missdeutung gibt zuverlässig Auskunft über das, worum es dem aufgeklärten Denken geht: Mit dem Erkenntnisbegriff steht und fällt, was Wahrheit genannt zu werden verdient. In dem Maße, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen oder konstruieren, bilden wir uns auch eine Vorstellung von Verlässlichkeit in der Sprache, die sich als Verbindlichkeit im Leben und Zusammenleben ausdrückt. Eine Gegenstandswelt, die über subjektive Bedingtheiten aller Art derart entrückt ist, dass von ihr ernsthaft nicht mehr die Rede sein kann, verliert ihren Charakter als Grundlage für ein gemeinsames Verständnis für das, worüber sich auszutauschen lohnt. Wo es nur noch ob der vielfältigen Abhängigkeiten des Bewusstseins meine oder deine „Wahrheit“ gibt, verlieren wir nicht nur die Fähigkeit zur Orientierung, sondern letztlich auch die, zwischen Optionen zu wählen. Mit der Wahrheitsfrage stellt sich das Freiheitsproblem. Das wussten die Denker der Neuzeit, denen es bei aller Logik des Erkennens um die Entdeckung geht, dass menschlich zu sein voraussetzt, sich irren und lügen zu können. Die Veranstaltung setzt das Seminar des Wintersemesters über den Wahrheitsbegriff fort, lädt aber ein, auch jetzt erst einzusteigen und sich mit Philosophen zu beschäftigen, die wissen, dass es keine Gewissheit gibt, ohne das Denken in seine äußersten Verlegenheiten getrieben zu haben.



Wintersemester 2011 / 2012

Was ist Wahrheit?
Die Frage der Philosophie

Pinocchio

Pinocchio

Wohl keine andere Frage erreicht den Rang, auf das Ganze eines philosophischen Denkens anzuspielen. Selbst dort, wo sich die Philosophie verabschiedet hat von der Überzeugung, eine Totalität erfassen zu können, drückt sich das aus im Wahrheitsbegriff. Adornos Formel, das Ganze sei das Unwahre, nimmt verzweifelt teil, an der Vorstellung, gegen die sie sich wendet: Hegels kühnem Satz, das Wahre sei das Ganze. An der Beantwortung des Problems, was Wahrheit sei, scheiden sich also die Geister; und über die gefundene Erwiderung entscheidet sich, was Wirklichkeit und deren Erkenntnis genannt zu werden verdient. Wer den Anspruch erhebt, Verbindliches zu sagen und Objektivität zu versichern, vermag dies nicht zu leisten, ohne dass er zugleich Rechenschaft ablegen könnte über sein Verständnis von Wahrheit. Dabei gerät er in eine gedankliche Untiefe. Denn wie sollte eine Erwiderung auf die Frage, was Wahrheit sei, etwas anderes sein wollen als eine Antwort, die implizit behauptet, wahr zu sein, – und so voraussetzen, was allererst zu erschließen ist? Die Veranstaltung beginnt mit einer gar nicht resignativen Folgerung aus dieser Schwierigkeit, mit Nietzsches philosophischem Paukenschlag: „Wahrheiten sind Illusionen“, sagt er, „von denen man vergessen hat, dass sie welche sind“, und lässt den Zwang zur Lüge damit gründen in ihrem Gegenteil. Durch Lektüre seiner kleinen Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ erarbeiten wir uns zunächst das Niveau, das sich in der Frage, was Wahrheit sei, ausdrücken will und das allemal mehr anzeigt als eine Spezialität der Sprache und Spitzfindigkeit der Logik, sondern über das Denken in Lebenseinsichten reicht.



Sommersemester 2011

Sprache und Verstehen
Zur Hermeneutik in Hans-Georg Gadamers „Wahrheit und Methode“ (Fortsetzung)

Hans-Georg Gadamer

Hans-Georg Gadamer

Das Erstaunen, mit dem das Philosophieren nach alter Überzeugung eingesetzt haben soll, ist die heilsame Form des Erschreckens. Wer sich wundert, ertappt sich dabei, seinen Beunruhigungen mit einer Deutung beizukommen und den beängstigenden, ja bedrohlichen Anteil dieser Verstörungen durch eine Erklärung oder im besseren Fall durch Erkenntnis nachhaltig zu mildern. Wahrscheinlich ist es Menschen ähnlich ergangen, als sie erstmals mit der Kraft ihrer Laute und Worte Bekanntschaft machten. Dass ihre Rufe oder Befehle, ihr Werben und Wehklagen, die Verlockungen und Versagungen nicht im Unendlichen verhallen, sondern manchmal eklatante Fernwirkungen erzeugen, hat sie dauerhaft irritiert. Worte haben Kraft, sie besitzen die Macht, auf Distanz Handlungen zu erzeugen, sie können stimulieren, ermutigen, bereichern, verletzen, zerstören, töten. Jedes Nachdenken über Sprache hat also mit diesen „göttlichsten Taten“ zu tun, als die der erste große Rhetor im antiken Griechenland, Gorgias von Leontinoi, die schöpferischen und vernichtenden Einflüsse des Redens kennzeichnete. Die Veranstaltung will in der Auseinandersetzung mit philosophischen Texten eine kleine Anthropologie des sprechenden Menschen entwickeln. Sie bezieht sich – nicht allein, aber ausdrücklich – auf das große Sprachkapitel in Gadamers „Wahrheit und Methode“. So setzt sie fort, was im Wintersemester unter dem Titel „Verstehen“ in eine Auseinandersetzung mit der Hermeneutik geführt hat.



Wintersemester 2010 / 2011

Verstehen. Ein Missverständnis?
Zur Hermeneutik in Hans-Georg Gadamers „Wahrheit und Methode“

Hans-Georg Gadamer

Hans-Georg Gadamer

Dass das Fremde nicht fremd bleibt, auch dann, wenn man es sich kaum zu Eigen machen kann: Das ist die Aufgabe des Verstehens. Es übernimmt die Funktion zu vermitteln zwischen mir und dem anderen, und sei es, dass es dabei erhebliche Unterschiede überbrücken müsste. Dieser Anspruch stellt sich, solange wir leben. Welt haben Menschen in dem Maße, wie sie verstehen. Selbst dort, wo etwas unverständlich bleibt, wird diese Begrenztheit als Widerstand einer Wirklichkeit wahrgenommen, die sich verweigert: als Absurdes, als Eigensinn oder Unheimliches. Hier geht es allerdings nicht nur um Respekt und Toleranz. Auf dem Spiel steht eher, was Realität zu heißen verdient. Wie aber ist Verstehen möglich? Eines der bedeutendsten Bücher in der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts hat diese Frage zu seinem Leitmotiv gemacht: Hans-Georg Gadamer entwickelt in seiner Schrift „Wahrheit und Methode“ eine Theorie der Hermeneutik, die mehr ist als eine Grundlegung von Wissenschaft. Sie will das Ganze der Welterfahrung beschreiben. Dabei geraten Fähigkeiten in den Blick wie Bildung, Urteilskraft, Geschmack, und in allen die Sprache des Menschen als dessen Talent, sich eine Welt zu schaffen.