Familienkutsche

Morgens vor dem Kindergarten regelmäßig Stau. Die Fahrbahn ist blockiert; in zwei Reihen stehen SUVs, aus denen gehetzte Mütter oder Väter ihre Kleinsten zerren. Genügend Zeit, sich über das zeitgenössische Autodesign Gedanken zu machen, dem es nicht zu gelingen scheint, das passende Format zu finden. In der Regel sind die Fahrzeuge darauf ausgelegt, fünf Insassen Platz zu bieten. Sitzt nur ein Einzelner drin, am Steuer, sieht die Karosse oft lächerlich überdimensioniert aus, das Volumen verniedlicht den Fahrer. Ist der Innenraum voll, wirkt die Situation, dass einer nach dem anderen gequetscht von der Rückbank rutscht, hingegen auch bei der edelsten Marke leicht verdrückt bis vulgär. Die innere Knautschzone entlässt ihre Gefangenen.

Parabel

Zu den geläufigsten Vorstellungen vom Alter gehört die Überzeugung, ein Mensch wiederhole in seinen späten Jahren das Verhalten, das ihn in seiner ersten Lebensphase ausgemacht hatte, nur mit umgekehrten Vorzeichen. – In dem Augenblick, da er sich dabei ertappte, nichts mit den Gleichaltrigen zu tun haben zu wollen, die ihm zu wenig neugierig und eigenwillig erschienen, erinnerte er sich an seine Weigerung im Kindergarten, sich um die Neuankömmlinge zu kümmern, die ihm seiner Reife nicht würdig erschienen. So wie er sich heute deutlich jünger fühlte als seine Zeitgenossen, hatte er sich damals für älter eingeschätzt. Die Wahl seiner Freunde spiegelte das wider, bis er eines Tages feststellen musste, dass er mit den Jüngeren keine gemeinsame Welt teilte (vielleicht nie geteilt hatte), so wie er von den Älteren damals nur akzeptiert worden war, weil er die besten Pausenbrote eingesteckt bekam und er stets seinen Reservekaugummi verschenkte.

Was die Welt regiert

Zu den Vorzügen sehr großen Reichtums zählt, dass er sich für sein Geld nicht nur fast alles leisten könnte: Er leistet sich auch, in den Alltagsdingen nie zu bezahlen, weil er zuverlässig darauf setzen kann, dass die anderen schon nicht auf den Gedanken kommen werden, seine Kreditwürdigkeit in Frage zu stellen und ihn zur Kasse zu bitten.

Mehr Heiterkeit

Der Chiasmus, die symmetrische Kreuzung gleicher Satzteile, ist die interessanteste unter den Redefiguren. Auf elegant leichte Art führt die Umstellung der Wörter oft in ein neues Erkenntnisfeld und bereichert durch Wortwitz die Lebenseinsicht. Was für eine Wendung heiterer Selbstdistanz, wenn von der volksmündlichen Formel, man solle die Feste feiern, wie sie fallen, übergegangen werden kann zur wiedergewonnenen Freiheit, die Feste fallen zu lassen, wenn sie gefeiert werden.

Vor Gericht

Kaum hat sich je eine Praxis in dem Maße vor der Theorie legitimieren müssen, wie sich umgekehrt fast jede Theorie vor der Praxis zu rechtfertigen hat. Als ob das Handeln neidisch sei auf die Freiheit des ungezwungenen Denkens.

Zu blöd

Ignoranz ist die Arroganz des Geistes.

Noli me tangere

Es gibt ein Hören, das so aufdringlich und eindringlich ist, dass sich unwillkürlich die Vermutung regt, es könne noch vor dem Sehen derjenige Sinn sein, der das größte Talent zur Indiskretion aufweist.

Weiß nicht

„Zeitlos“ ist der beschönigende Name für eine Sache, die aus der Unentschlossenheit entstanden ist und sich als Kompromiss bewährt hat.

Kreuzgang

In dem Augenblick, da zwei Menschen ihre Wege mangels Gemeinsamkeiten nicht mehr parallel gehen, schaffen sie die Voraussetzung, dass sie sich von nun an kreuzen können. Weil sie einander nicht mehr begegnen, schwingt in manchem „Wir haben uns zufällig getroffen“ auch der schmerzliche Hintersinn mit, getroffen zu sein.

Aufs Ganze gesehen

Wer aufs Ganze geht und verliert, wer „Alles oder Nichts“ vergeblich pokert, nimmt bei seiner Niederlage sich selbst aus dem Spiel: Es ist nicht nur nichts geworden, sondern alles vorbei. Nun ist der Ernst pur und mit ihm stellt sich stets die Frage nach der persönlichen Konsequenz.

Geschichten

Die Erinnerung, die sie zu Tränen rührt, ist für ihn nur die missglückte Anstrengung, mit der er eine lange gemeinsame Geschichte verdrängt hat.

Das bringt’s nicht

Die Armut eines Handelns, das keiner Idee, nicht einmal der von sich selbst, entspringt, verrät der Aktionismus. Er ist die Endform einer Verzweiflung des Tuns über sich angesichts dauerhafter Wirkungslosigkeit. Es bleibt nur die pure Kraft einer Steigerung dessen, was man schon ungezählte Male versucht hat. Nichts lässt deutlicher erkennen, was Sinnlosigkeit heißt.

Berührungsempfindlich

Viele Sprachbilder verraten unmittelbar, dass sie aus einer sinnlichen Erfahrung entstammen. Metaphern, die „aus der Hüfte geschossen“ gebildet wurden, also nicht lang überlegt sind, die den „naseweisen“ Wortbildner entlarven, dennoch „leichtfüßig“ daherkommen, – aus ihnen allen spricht eine Körperlichkeit, die ehedem, in den frühen Tagen ihrer Entwicklung, der Sprache Leben eingehaucht hatte. Zu diesen sinnlichen Ausdrucksformen zählt auch ein neueres Phänomen, der pocket call. Wie oft erhält man Anrufe von Menschen, die nichts davon merken, weil das Smartphone mit seinem berührungsempfindlichen Bildschirm auf versehentlich ausgeführte Befehle reagiert und sich in der Hosentasche selbständig gemacht hat. Irgendwann werden solche Signale aus der Nichtigkeit die Symbolwelt der Sprache bereichern, vielleicht als Formel für alles Absichtslose. Noch zu frisch für den übertragenen Sinn sind sie Anlass, diskret zu fragen, warum man solche pocket calls ausschließlich von männlichen Telefonbesitzern erhält.

Blockchain

Vielleicht ist das Faszinierendste am digitalen Phänomen der Blockchain nicht, dass über eine vielfältig gesicherte und wohl kaum manipulierbare Datenbank Finanztransaktionen ohne Mittler, also ohne Bank oder Börse, ausgeführt werden können. Sondern dass sie ein Lösungsangebot für das größte Problem unserer Gesellschaft sein kann: Mit ihrer Hilfe wird es möglich sein, den Verlust des institutionellen Vertrauens technisch wettzumachen.

Gleichheitsgrundsatz

Fairness: Mittlerin zwischen Ideal und Wirklichkeit. Sie repräsentiert die Gerechtigkeit unter den Bedingungen des Rechts. In der Fairness bekommt unser Regelungszwang ein menschliches Maß.

Stenografiertes Schönheitsideal

Sie: Was ist das auffälligste Merkmal an mir?
Er: Dein großer Mund. – Und bei mir?
Sie: Deine große Klappe.

Zu dumm

Es ist der Nachteil der Klugheit, dass es zu ihr keinen Plural gibt wie zur Dummheit die reiche, bunte Welt all der kleinen und großen Dummheiten, die ja meist nicht aus Mangel an Intelligenz begangen werden, aber in einen wunderbaren Mangel an Langeweile führen.

Analogie des Analogen

Was sich nicht digitalisieren lässt: alles, woran einer scheitert, obwohl sämtliche Bedingungen seines Gelingens mitgegeben sind – außer die persönlichen.

Theorie der Mahnung

Es gibt Behauptungen, die unter dem Deckmantel theoretischer Neugier in Wahrheit eine immerwährende Mahnung darstellen.
Ein berühmter Text, wiederentdeckt als gelegentliche Lesefrucht:
„An der rätselhaften Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen, in den Bann eines jeglichen Despotismus zu geraten, an ihrer selbstzerstörerischen Affinität zur völkischen Paranoia, an all dem unbegriffenen Widersinn wird die Schwäche des gegenwärtigen theoretischen Verständnisses offenbar.“*
Trotz Dialektik der Aufklärung und der Aufklärung über die Dialektik hat sich an diesem Hang zur Selbstaufgabe der Freiheit offenkundig wenig geändert; die Schwäche besteht fort.

* Adorno / Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Vorrede, 3

Bilderverzicht

Vor dem Hintergrund, dass Leben bedeutet, sich zu verändern, artikuliert der erste Satz des Grundgesetzes, nach dem die Würde des Menschen unantastbar sei, einen Verzicht. An ihrer prominentesten Stelle will die Verfassung Raum lassen für die Entwicklung des Individuums, indem sie den Einzelnen davor bewahrt, zum Abbild der Vorurteile zu werden, die andere sich über ihn gebildet haben. Die Unantastbarkeit seiner Würde fordert den unbedingten Schutz vor allen Formen der Festlegung. Gesellschaft gelingt in dem Maße, wie wir es schaffen, einander das Recht einzuräumen, das Bild, das wir anderen über uns vermittelt haben, jederzeit wechseln zu können.

Gesprächsweise

Freundschaft: alles fragen dürfen, nichts antworten müssen.

Lehrinhalt

Aus der Niederlage lernen? Na klar – dass man sich nämlich mit ihr nicht allzu sehr beschäftigen sollte, will man den nächsten Sieg erringen.

Selbstbild

Im dialogischen Denken wird stets betont, wie wichtig für die Herausbildung des Ich ein Du sei, ein Gegenüber, über das ein Mensch sich selbst bestimmt. Was verschwiegen wird: Es ist gemeinhin der Widerstand; es sind die Konflikte, die wir mit anderen austragen, an denen sich unsere eigene Identität schärft. „Der Konflikt ist das Zeichen dafür, dass ich existiere“, notiert Barthes.*

* Roland Barthes, Das Neutrum, 218

Das verlorene Lachen

Wer nicht lachen kann, hat keine Distanz zu sich selbst.