Dienstleistung

Wie keine anderen Tage sind die der Osterzeit gefüllt mit Symbolen der Lebendigkeit des Lebens. Da macht selbst die Erzählung vom Gottestod am Kreuz keine Ausnahme. Ihr zuvor liegt der Gründonnerstag, die Erinnerung an das letzte Abendmahl mit den Getreuen. Sie enthält jenseits der wuchtigen Einsetzungsworte vor allem das anrührendste Zeichen der Passion: Der Weltenherr wäscht den Seinen die staubigen Füße. Immer, noch bei Nietzsche, wird hieran die Ohnmacht des Höchsten bedeutsam festgemacht. Dabei ließe sich diese Geste viel leichter annehmen: als Entkoppelung der Dienstleistung von allen Fragen der Herrschaft. Sie bekommt schlicht einen anderen, rechtfertigungsunbedürftigen Ort. Man nennt das Liebe.

Horizonterweiterung

Mangels markanter Punkte im Raum sucht der Flachländer seine Orientierung in sich. Das Schönste am Meer ist seine Ablenkungsfreiheit, die gleichwohl so anziehend ist, dass die Konzentration auf das Eigene stets begleitet ist von jener Gelassenheit, die das Ich nicht als letzte Instanz anerkennen muss.

Erst A, dann A

Wer A sagt, muss auch A sagen: Das ist die Formel der Alliteration. Sie ist das schmuckloseste unter den sprachlichen Schmuckelementen, die schlichteste der rhetorischen Figuren.

Geistige Rituale

Das Zitat ist die Beschneidung des Gedankens.

Dauerreden

Das Paradox der Sprachlosigkeit zeigt sich nicht selten, wenn einer viele Worte macht. Ihr Gegenteil ist nicht die Rede ohne Punkt und Komma. Vielmehr verschwindet Sprachlosigkeit in dem Augenblick, da einer etwas zu sagen hat.

Gedanken zu Hintergedanken

Bei manchen Menschen hat man den Eindruck, dass all die Verabredungen, die sie getroffen haben, um verträglich miteinander auszukommen, zwischen ihren Hintergedanken vereinbart worden sind.

Eine kurze Bestimmung der Zuversicht

Mut ist die Liebe zur eigenen Zukunft.

Faszinosum et tremendum*

Niemals sind wir uns ähnlicher als in gegensätzlichen Extremzuständen. Wie das Außersichsein, vor Glück oder Wut, die Selbstvergessenheit hervorbringt, so fördert umgekehrt das Auf-sich-Zurückgeworfensein in der Angst oder der Einsamkeit die Weltvergessenheit. Für diese Affekte gilt, dass wir gleichermaßen von ihnen fasziniert sind wie abgeschreckt. Kein Unbehagen und Grauen, das wie der dunkle Abgrund, in den man hineinschaut, nicht auch starke Attraktionskräfte aussendet; kein tiefes Wohlbefinden, das nicht immer wieder tiefes Misstrauen hochkommen lässt.

* Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto hat die zwei Wirkungen, das Anziehende und das Abstoßende, zu den zentralen Eigenschaften des Göttlichen gezählt.

Glück und Segen

Die Glückwünsche des lieben Freunds, der den Geburtstag fast immer vergaß und unpünktlich gratulierte, kamen diesmal so viel früher, dass er auch als verspäteter Gruß zum vergangenen Jubeltag hätte durchgehen können – ein Segenswort, das sich gleichsam rückwärts selbst überrundet hat. Übereifer schafft die schönsten Momente unfreiwilliger Komik.

Lichtstimmig

Die Struktur eines Geheimnisses ist grundbestimmt durch das Fehlen von Herleitungen. Wenn zu Wirkungen keine Ursachen ermittelt werden können, bei Erscheinungen kein Träger identifizierbar ist, in Bewegungen nichts zuzuordnen ist, was sie ausgelöst hat, bleibt die Sache suspekt. Vielleicht lässt sich der wundersame Effekt sinnfällig zeigen am Licht: Seitdem Lampen nicht mehr nötig sind, um Räume zu erhellen, sondern hauchdünne, schmale Bänder aus organischen Leuchtdioden ausreichen, lässt sich allein schon eine zaubrische Stimmung erzeugen, weil die Lichtquelle selber versteckt bleibt. Der Bedeutsamkeit entspricht die Andeutung, aus der sie sich nicht herleiten lässt.

Raumgefühl

Vielleicht ist „Wo?“ das Fragewort, das am meisten unterschätzt wird. Wie stark der Ort das Gelingen einer Sache beeinflusst, die über Raumkoordinaten nicht bestimmbar ist: ein Gespräch, einen Geschmack oder den Geschäftserfolg, lässt sich kaum genau angeben. So überrascht der Wein, der an einem lauen Frühlingsabend unter mediterranen Pinien noch seiner Würze wegen gefallen hat, wenig später, noch einmal in der heimatlichen Großstadt getrunken, mit Fadheit im Abgang. Als sei er entwurzelt worden und noch abgefüllt abhängig vom Nährboden jener Region, die auf dem Flaschenetikett steht. Ähnlich der Gedanke. Um dessen Geheimnis zu verstehen, muss man gelegentlich wissen, wo er entstanden ist. Derselbe Satz, gesprochen auf der Theaterbühne, ist ein anderer, wenn er im Museumsfoyer artikuliert wird. Hier wuchtig, dort weinerlich. In manchen Dörfern mutet selbst das Fernsehen provinzieller an, als es aus dem Sendesaal der Metropole kommt.

Selbstgenügsame Freiheit

Das Faszinierende an der Einsamkeit: dass sie meint, seelisch autark sein zu können. Sie ist auf der Suche nach einer Freiheit, die sich selbst genügt.

Schutzschild

Ein gar nicht seltenes Motiv, sich zum Intellektuellen zu entwickeln, ist die Angst vor der eigenen Gefühlswelt.

Warte doch mal

Die Verklärung der Geduld zur moralischen Tugend unterschlägt, dass jedes erzwungene Warten auch eine Kränkung darstellt.

Energieverschwendung

Die schönste Form, Energie unkontrolliert zu verschwenden, ist das spontane Lachen.

Vereidigung

Der Schwur ist entstanden aus der Verlegenheit, einem Menschen auf Treu und Glauben künftiges Handeln abnehmen zu müssen, das nicht allein seiner Willkür entspringen soll. Dort, wo Sicherheit nicht möglich ist, gewährt die vorgeschriebene Eidesformel einen geduldeten Freiraum, der nicht von vornherein als gefährlich eingestuft werden muss. Die Selbstverpflichtung, die ein Gelübde enthält, leitet sich ab aus dem Bekenntnis, nicht die letzte Instanz zu sein. Eide werden vor einer Öffentlichkeit gesprochen und auf ein höheres Gut hin orientiert. Jeder Eid verlangt die Anerkenntnis, dass ein Mensch sich nur dann selbst verpflichten kann, wenn er Größeres akzeptiert als sich selbst. Er ist die rechtliche Form der Demut.

Arabesque, Ballotté, Croisé

Das ABC des Balletts ruht auf einer präzisen Grammatik des Körpers. Die Bewegungen sind so anmutig genau ausgeführt, dass der Zuschauer das Spiel auf der Bühne verständig zu lesen vermag. Keine Tanzpose, die nichts bedeutet, kein Schritt, der nicht spricht. Wie die Rhetorik sich um Worte kümmert, die bewegen, handelt das Ballett von Bewegungen, die als Worte gehört werden.

Konzentriertes Umherschweifen

Nur der Spaziergang erlaubt ein Gespräch über sich, ohne sich ins Gespräch bringen zu müssen. Er ist beiläufiges Laufen, zweckfreies Zielen, konzentriertes Umherschweifen, ein Miteinander im Nebeneinander. Da geht vieles, was sonst nicht ginge, weil man geht, ohne zum Gehen gezwungen zu sein. In der Promenadologie, der Theorie des Spaziergangs, fehlt der Gedanke des großen Göttingers Lichtenberg: „Wenn auch das Gehen auf 2 Beinen dem Menschen nicht natürlich ist, so ist es doch gewiß eine Erfindung, die ihm Ehre macht.“* Er bestimmt den Spaziergang als Kulturtechnik, ja deutet an, dass es sich um die größte Entdeckung handeln könnte, die Menschen je gemacht haben, weil in ihm zum ersten Mal sichtbar wird, dass das unerzwungene Handeln die schönsten Folgen hat.

* Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, J 226

Was die Sprichwörter verschweigen

Verkehrte Redewendungen:
Seine Karriere kam äußerst geschmeidig voran. Er ließ nämlich kein Fettnäpfchen aus.
In dem Augenblick, da er sich zwischen zwei Stühle setzte, fiel er weich in den Chefsessel. Nun konnte er dem einen Kollegen den Stuhl vor die Tür stellen.
Seitdem ihm ein Licht aufgegangen war, musste er nicht mehr über seinen eigenen Schatten springen.
Bei ihm waren Hopfen und Malz verloren. Man durfte ihm nur reinen Wein einschenken.
Da er es vermied, das Pferd von hinten aufzuzäumen, konnte er den Stier bei den Hörnern packen.

Tischlein, deck dich ab

Wenig ist ernüchternder, als das nächtliche Aufräumen nach einem heiteren, weinseligen Abend in der Gesellschaft von Freunden. Kaum etwas trostloser, als die vergammelten Essensreste und aufgetürmten Geschirrberge im frischen Vormittagslicht zu beseitigen, die stehengeblieben sind nach rauschender Party tags zuvor. Wann die Spuren tilgen? Unmittelbar nachdem der letzte Gast das Haus fröhlich dankend verlassen hat? Nein, die Gespräche vor der Kaminglut nachzuschmecken gehört zum schönsten aller Rituale einer Abendrunde. Den Folgetag mit einer Ordnungsorgie einzuleiten? Undenkbar. Der Konflikt, der nicht selten einen scharfen Spalt zwischen das Gastgeberpaar treibt – sie will morgens eine glänzende Küche, er zu später Stunde ermattet noch das letzte Glas trinken –, ist nicht zu lösen. Die Hoffnung ruht ganz auf den Segnungen künstlicher Intelligenz. Ins nächste smart home kommt der hauswirtschaftlich diskret arbeitende Dienstroboter, der hier einen roten Burgunder freundlich offeriert und dort den getrockneten Hummus vom Teller spült, ohne zu murren.

Hören und Sehen

Wenn ein Wort Gehör gefunden hat, verliert es all jene flüchtigen Eigenschaften, mit denen das Hören sonst zu tun hat: dass alles Hörbare zunächst mit der Zeit verschwindet, wohingegen das Sichtbare bleibt. Ein Wort, das so angenommen wurde, hat Bestand, als könnten wir es sehen. Wir nennen Menschen einsichtig, nachdem sie so aufgehorcht haben.

Allen ist der Kragen geplatzt

In keiner der kleinen, eleganten Abendgesellschaften, die sich zum Essen im Edelgasthof eingefunden haben, sitzt noch ein Mann, der zum Anzug eine Krawatte trägt. Der zweimal aufgeknöpfte weiße Hemdkragen, aus dem die Brusthaare herauskriechen wie aus dem verschneiten Kamin der winterliche Rauch, ist zum Accessoire einer offenen Gesinnung avanciert. Warum sich den Hals freiwillig zuschnüren, wenn vor lauter Duzseligkeit und den Verzicht auf die förmliche Etikette sich der Dünkel unter dem Tisch versteckt hält, im verschämten Wettstreit um die schönsten Schuhe, Kampfklassen „Sneaker“ und „Pferdeleder“. Graue Herren im grauen Stoff, unterschiedslos um den Vorteil im grauen Geschäft ringend, fühlen sich wie im bunten Fünf-Sterne-Startup. Gleicher können einander Gleiche unter Gleichen kaum begegnen. Dabei war die Krawatte einst das Zeichen jener klugen Bürger, die die Individualität in dem Maße zu betonen suchten, wie sie auf die politische Gleichheit gepocht hatten. Honoré de Balzac gab dem Binder einst gar eine spätrevolutionäre Note: „Als die Franzosen aller Klassen einfache Bürger waren und vor dem Gesetz gleich waren, verwischten sich auch in der Kleidung alle Unterschiede … Da schlug die große Stunde der Krawatte. Sie gewann soziale Bedeutung. Denn ihr fiel nun die Aufgabe zu, der eintönigen Bürgertoilette wieder Nuancen zu verleihen; sie wurde gleichsam zum Etikett, das den homme comme il faut vom gemeinen Mann unterschied.“

Hochfliegende Pläne

In jedem Geschäftsplan steckt eine gehörige Portion Träumerei. Sonst würde ihm kein Investor glauben. Die Wahrheit der Wirtschaftlichkeit ist ein Erfolg, der von sich selbst überrascht ist. Übertreibung ist nicht der Effekt von Durchtriebenheit. Sondern die kluge Einsicht ökonomischer Vernunft, welche weiß, dass die besten Geschichten sich der Frage entziehen, ob sie wahr seien. Dafür aber umso mehr nach Klärung verlangen, ob sie wahr sein könnten.

Keine Wahl

Eine Wahl, die keine Wahl zulässt, stellt sich in jeder ihrer künftigen Aktionen selbst in Frage. Statt Entschiedenheit, die stets in der vergnügten Wiederholung des einmal gesprochenen, freien Ja zu einer Situation gründet, ist die schale Notwendigkeit von nichts als der achselzuckenden Feststellung begleitet, dass es nicht anders geht. Fern davon, ehrliche Kompromisse zu sein, sind folgenreiche Entschlüsse bestenfalls gerechtfertigt durch die schwache Normativität des Faktischen. Es ist halt so, so schlimm sei es ja wieder auch nicht. Das kleinere Übel kann dann zwar Große Koalition heißen, wird aber kaum Großes vollbringen können, weil in ihr der kleinste gemeinsame Nenner gesucht werden muss. Macht bekommt in einer solchen Konstellation den fahlen Beigeschmack, das Gefühl der Ohnmacht zu kompensieren. Man müsse das Beste daraus machen, heißt es dann oft. Meist verhindert dieses Beste in falscher, weil verlogener Bescheidenheit nur, dass es einem selber nicht schlecht geht. Statt wirklich das Beste zu suchen: dass es nicht nur mir, sondern auch den anderen gut geht. Zwangsheiraten, Fehlbesetzungen im Traineramt oder einer Intendanz, die missverstandene Berufung, die sich später als Irrtum herausstellt und nicht mehr korrigiert werden kann, sie alle haben diesen Charakter einer Wahl, die keine Wahl zulässt. Der Zweifel an ihrer Existenz schlägt sich nieder in der heimlichen Verzweiflung, handeln zu müssen. Keine Voraussetzung, um etwas sinnvoll zu verändern.