Einkaufsmeilen

“Ich gehe bummeln“, hieß es früher beim Aufbruch zum Stadtbesuch, einem ganz und gar nicht absichtslosen, indes zeitintensiven Schlendern durch die Einkaufspassagen im Zentrum. Der moderne Flaneur wusste, welche Geschäfte er nach neuen Auslagen durchstöbern wollte. Heute hingegen hetzt er schlecht gelaunt durch die Massen, die sich unterschiedslos durch die City schieben. Die Läden, die vordem noch mit ihren Waren lockten, sind nicht mehr da. Überhohe Mieten und der Durchschnittsgeschmack haben sie vertrieben; eine Fußgängerpassage gleicht der anderen. Die Stadt hat kein Gesicht mehr, weil die „Straßen ohne Erinnerung“* sind, das Angebot seinen Charakter verloren hat. Da wundern sich die Stadtoberen, dass die Konsummeilen nachts verwaisen. Das ist doch ein untrügliches Kennzeichen, dass ein Kaufhaus Leben hat: dass die Menschen kommen, wenn die Türen schon geschlossen sind und sich die Nasen an den Schaufenstern plattdrücken, erfüllt von den schönsten Dekorationen, die ihre Phantasie am Laufen halten und Träume in spätere Erwerbsentscheidungen ummünzen. Der Erfolg eines Ladens gründet in der Zeit, in der er geschlossen ist und sich unaufgeregt zeigen kann, warum er besonders ist.

Siegfried Kracauer, Schriften Bd. 5.3, 170

Luxusproblem

Zu den Begleiterscheinungen des Alters gehört, dass die Zeit als Luxus erfahren wird, nicht zuletzt weil man mit ihr nicht mehr unbedarft verschwenderisch umgehen kann. Oft erstaunt, dass Menschen, sobald sie ins Rentnerdasein eingetreten sind, darüber klagen, keine Zeit mehr zu haben, wo sie doch faktisch Tag für Tag mehr denn je davon zur Verfügung gestellt bekommen. Dennoch widerspricht dem das Lebensgefühl. Zurecht: Denn nichts ist augenfälliger, als dass mit dem Fortschreiten der Jahre die gewährte Lebenszeit knapper wird. Der Unterschied zum gehetzten Zeitgenossen, der über Termindruck klagt, scheint darin zu liegen, dass der Zeitmangel hier spezifisch erlebt wird, dort indes, im vorgerückten Alter, generell; hier schafft er Atemnot, dort ist er die Folge davon.

Launig, launisch

Einer der geschicktesten Kunstgriffe politischer Rhetorik ist die Umdeutung von Launen in Zwangsläufigkeiten.

Neiddebatte

In den Reigen der Wahlsieger und Wahlverlierer, die sich, auch in der kurzen öffentlichen Zerknirschung, zeigen, als wären sie die wahren Gewinner einer Bürgerentscheidung, durch die vor allem erst einmal die Aufgabe gestellt wurde zu verstehen, was die Aufgabe sei, mischt sich die „künstliche Intelligenz“ des smarten Schreibgeräts. Es schlägt vor, statt „Niederlage“ zu notieren, die „Neiderlage“ zu nehmen und liefert in der Missgunst der anderen die Begründung für das eigene Missgeschick gleich mit. Vielleicht ist das eine der vornehmeren Attraktionen der selbstlernenden Maschinen, dass sie uns im gegebenen Fall mit den Entschuldigungen ausstatten für alles, was noch schiefgeht, wenngleich ihre Funktion ja ist, es immer weniger darauf ankommen zu lassen.

Zähne zeigen

Nicht dass ihm das Lachen im ganzen vergangen ist, aber die Art, wie es sich über die vielen Jahre verändert hat, und das, worüber es sich nicht mehr freuen kann, unterscheidet den erwachsenen Menschen. Unter allen Mitteln, die das Altern verlangsamen oder gar aufhalten wollen, ist die Lebensfreude das wirkungsvollste.

Wahltag

Was wählen? Die Partei, bei der der Bürger nicht nur alle vier Jahre gefragt ist, bevor er am Wahltag gefragt wird, sondern die sich vier Jahre lang bei jeder Entscheidung in Frage gestellt sieht durch das, was sie vom Bürger als Antwort bekommen hat auf die Frage, die sie ihm gestellt hat. „Eine repräsentative Demokratie ist dadurch charakterisiert, dass die Antwort auf die Frage nach dem ,wer‘ heißt, dass der Repräsentant Treuhänder und kein bloßer Delegierter ist, und dass die Antwort auf die Frage nach dem ,was‘ lautet, dass der Treuhänder nicht die Sonderinteressen, sondern allgemeine Interessen vertritt.“*

* Noberto Bobbio, Die Zukunft der Demokratie, 42

Liebeslogik

Es ist gar nicht selten, dass das, was unmögliche Liebe heißt, wirklicher ist als die mögliche. Deren Realität wird dann nur noch als notwendig empfunden. 

Kritikfreie Zone

Der Denker, der sich die Finger an Inhalten nicht mehr schmutzig machen möchte, reduziert eine Sache auf ihre Funktion. Wenn einer nur noch fragt, wozu Arbeit, Kultur, Religion, Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft gut seien, und ihn nicht mehr interessiert, was es an ihnen ist, das wahr oder falsch genannt zu werden verdiente, dann lohnt das Streiten nicht. Kritik sucht nach einem Geist, der mit den großen Unterscheidungen des Denkens noch etwas anzufangen weiß.

Preispunkt

Es ist müßig, darüber zu entscheiden, wo in Wirtschaftskreisläufen die Gewinne erzielt werden: beim Einkauf oder beim Verkauf einer Sache. Viel entscheidender ist bei klug geführten Verhandlungen die Frage, was einer verliert, wenn er gewinnt, weil er den Gegner noch im Preis hat drücken können. Für jeden Margenzuwachs zahlt nicht nur der, der den Kürzeren ziehen musste, sondern auch der, der sich durchgesetzt hat. Nicht selten so, dass er eine lang währende Kundenbeziehung um einer gelungenen Transaktion willen allzu stark strapaziert hat. Es gibt in jeder Verhandlung eine Verantwortung der Gegner für das, was sie überhaupt erst möglich macht: das Vertrauen. Dumm nur, wenn das bloß einer der beiden so sieht.

Summe des Lebens

Angesprochen, was auf seinem Grabstein stehen solle, sagte er: „Nur drei Wörter: Immer, alles, sofort.“ Sein Gesprächspartner nickte anerkennend: „Nie wurde besser begründet, warum wir sterben müssen.“

Moralische Faulheit

Bescheidenheit als ein moralisches Ideal ist oft nichts als die Ausrede jener Trägheit, die für Verantwortung zu faul ist.

Ruhe nach dem Sturm

Nach einem Wahlkampf suchen nicht nur dessen Protagonisten für ein paar Momente Ruhe. Vor allem müssen sich auch die Wörter wieder erholen, damit sie an Bedeutung zurückgewinnen, was sie durch übermäßig wiederholten Gebrauch verloren haben. Es ist das Los der großen Begriffe wie Gerechtigkeit, Freiheit, Bildung, Klarheit, Arbeit, dass sie nicht wahrer werden können dadurch, dass man sie häufig erwähnt, aber durch die hohe Frequenz ihrer Nennung an Tiefe verlieren. Wann ist ein Wort tief? Wenn es durch seine Bedeutung überrascht.

Abgehängt

Ausschnitte aus meinem Interview mit der „Frankfurter Neuen Presse“ zum Wutbürger, erschienen in der Printausgabe von gestern. Leider ging beim Kürzen für die Online-Fassung auch der Schluss verloren. Hier der verlorene Passus:

Gibt es nicht auch gute Gründe, heutzutage wütend zu sein?
WERNER: Natürlich gibt es die. Und sie werden größer in dem Maße, wie unsere Ohnmachtserfahrungen wachsen. Ein paar Beispiele: Wenn offenkundig korrupte Funktionäre wie im Fußball-Weltverband den Lieblingssport der Deutschen zu zerstören beginnen; wenn Unternehmen im Automobilbau mit Verbrauchsangaben und den Daten über den Schadstoffsausstoß betrügen; wenn ein Politiker mit Lügen eine Entscheidung herbeiführt, die ein Land aus der Europäischen Union zwingt; wenn Regierungen öffentlich sichtbar Rechtsbrüche begehen – und keiner tut etwas dagegen, dann ist das definitiv Anlass zum Aufbegehren. Ich spräche allerdings in dem Fall lieber vom Zorn, der mir eher für ein gerechtes Anliegen zu stehen scheint, als von der meist ja dumpfen Wut. Vor allem aber setzt der Zorn auf eine Kraft, die nicht zuletzt konstitutiv ist auch für das Gelingen einer Demokratie: auf das Vertrauen. Die Wut misstraut, allem und jedem. Der Zorn indes vertraut – auf seine Kräfte, die Ideale der Gerechtigkeit, ich scheue mich nicht zu sagen: auf eine bessere Welt. Es ist allemal sinnvoller, auch in Zeiten vielfacher Enttäuschung, sich ans Vertrauen zu halten. Denn das zerstört nicht, sondern will gestalten.

 

Kein Ort, nirgends

Zukunft ist die Erfindung einer Gegenwart, die nach Trost sucht.

Artisten

Kunst ist die Wirklichkeit derer, die der Wirklichkeit entflohen sind.

Das Gespenst des Neubeginns

Der moralische Imperativ „Wehret den Anfängen!“ ist das Leitmotiv derer, die nichts mehr erleben wollen.

Politik der ersten Person

Man sollte sich vor Menschen in acht nehmen, die mit einer Sache Ernst machen, ohne sie ernst zu meinen. Das einzige, was sie ernstnehmen, sind sie selbst.

Ernst des Lebens

Nach dem Schulanfang: Eines der größeren Vergehen in der Erziehung ist, dass wir das Erwachsensein als Abschied von der Kindheit vorstellen. Wenig ist unerträglicher als ein älterer Mensch, der verlernt hat, auch noch Kindskopf zu sein.

Einfall zum Zweifel

Das Gegenwort zu Zweifel heißt nicht Gewissheit, sondern Versöhnung.

Vorgartenidylle

Das, was die Franzosen le petit bonheur nennen*, das private Glück, beginnt mit den Blüten winterharter Stauden am Tor des Vorgartens und endet nicht selten schon unmittelbar hinter der Profiltür des herausgeputzten Landhauses. – Es gibt kein Glück, das sich nicht zeigen will; nur das Unglück sucht die Verborgenheit.

Siehe Hannah Arendt, Vita activa, 51

Reif für die Insel

Erschöpfung: der Zusand, in dem wir unfähig sind, zu uns selbst Abstand zu nehmen, obwohl uns nichts fremder erscheint als das eigene Leben.

Grundentscheidungen

Die meisten Entscheidungen beginnen erst schwierig zu werden, nachdem die Grundalternativen eindeutig gefällt sind: Fisch oder Fleisch – aber was dann? Rotwein oder Weißwein – indes welche Traube, welche Region, welche Lage, welcher Jahrgang? Verheiratet oder ledig – jedoch wie intensiv, wie exklusiv? Katholisch oder evangelisch – wenn es nicht von beidem etwas ist, oder keines der Bekenntnisse das Bedürfnis nach Lebenserträglichkeit abbildet. Das Was ist rascher beschlossen als das Wie.

Das Leben verständlich erklärt für die, die es lieben

Aus der Serie „Aufgeschnappte Dialoge“

„Mein Hobby ist mein Leben“, sagte er voller Begeisterung für das eigene Steckenpferd. „Ich tue  alles dafür.“
„Mein Leben ist mein Hobby“, erwiderte der andere. „Das ist nicht das Gegenteil. Auch ich tue alles dafür, dass ich lebendig bleibe, wohl wissend, dass wir allenfalls Amateure, also Liebhaber bleiben im Verhältnis zum Leben. Deswegen habe ich immer den Eindruck, ich würde Entscheidendes versäumen, wenn ich mir ein so intensiv forderndes Hobby leistete wie Sie.“

Wortfindungsstörung

Man kann sich das Denken als Folge einer Wortfindungsstörung vorstellen. Weil wieder nicht der vollkommene Ausdruck für eine Sache gefunden wurde und das schöpferische Organ versagt hat, indem es einfach statt des verfehlten Begriffs eine bisher ungehörte Sprachschöpfung als Ersatz anbietet, müssen ganze Sätze einspringen und mit diesen schlüssige Satzfolgen, um dem Phänomen so gerecht zu werden, dass es vernünftig beschrieben werden kann. Denken bedeutet, einen Sprachmangel zu kompensieren.