Monat: September 2018

Mach nur

Viel Unheil könnte in dieser Welt vermieden sein, wenn wir größeres Vertrauen hätten in unsere Fähigkeiten. Statt uns zu begnügen mit der Einsicht in das, was wir machen könnten, testen wir es in der Regel aus, um uns seines Potentials zu vergewissern. Das Wenigste muss gleich verwirklicht werden, um zu erkennen, was alles möglich ist.

Der Anachronismus der Bewegung

Größer als beim Geist ist des Körpers Lust, anachronistisch zu sein. Der Spaziergang oder das Wandern sind eine Bewegungsform, die aus der Zeit gefallen ist.

Fremdwörter

Nicht selten zeichnen sich die besten unter den eigenen Gedanken dadurch aus, dass sie uns ganz und gar fremd erscheinen.

Großartig

Der Superlativ ist die grammatikalische Form der schwachen Geister. So schnell wie sie entdeckt niemand das Außerordentliche, so leichtfertig redet keiner über Großartiges. Ihre Vorliebe für kommunikative Extreme lässt sie noch die Fremdscham goutieren, wenn das Selbstlob danebengeht.

Bekenntnisschrift

Der Frager: Wie viel Eigenes steckt in Ihren Geschichten?
Der Autor: Wie viel Fremdes steckt in Ihrer Frage?
Der Frager: Da ist viel geborgte Neugier drin. Ich bin nicht der Erste, der das wissen will.
Der Autor: Auch meine Erzählungen handeln von einem geliehenen Leben. Ich bin nicht der Letzte, der das nicht beantworten kann.

Zwischen den Zeilen

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

Während er gern Klartext redete, legte sie ihre Botschaften in der Regel zwischen die Zeilen. Ihr war das deutliche Wort zu laut, zu grobschlächtig, nicht vornehm und feinsinnig genug. Überhaupt ertrug sie Auseinandersetzungen nicht gut, schluckte lieber den Ärger, als dass sie ihn auf die Lippen brachte. „Brüll nicht immer so“, warf sie ihm vor, wenn er erregt war. Wild gestikulierte er, sein wütender Bewegungsdrang befreite ihn vom angestauten Unmut; sie hingegen sprach so leise, dass es nur in den Schweigephasen des Streits zu verstehen war. Und dann auch allenfalls rätselhaft, angedeutet, abstrakt. So ging das Jahre. Der Klassiker war: „Was hast du?“ Achselzucken. „Sag doch mal.“ Schweigen und ein bedeutsamer Blick. „Wenn du nicht sprichst, kann ich nicht auf dich eingehen.“ „Du versteht mich sowieso nicht.“ Meist war es dann um die Contenance geschehen. Er holte tief Luft und presste sie zwischen den Zähnen hervor. Seine Nasenlöcher bliesen sich auf zu Nüstern, aus denen er vernehmbar schnaubte. „Sag endlich, was du hast“, flüsterte er angestrengt. „Nichts“, antwortete sie und wendete das Gesicht ab. „Aber dir fehlt doch was?“ „Ja. Alles.“ In dem Moment brach es üblicherweise aus ihm heraus. Auf sie ergoss sich dann ein Schwall von eigenen Nöten, Vorwürfen, ehrlicher Sorge, umso lautstarker, je stiller sie wurde. Doch diesmal war er anders. „Wenn du willst, dass ich deutlich bin, wohingegen du nur zwischen den Zeilen redest, dann musst du dich nicht wundern, wenn kein einziges Wort von mir deinen Wünschen begegnet. Alles, was ich sage, kannst du hören. Alles, was du sprichst, muss ich erraten. Du redest, ich rede; aber wir haben uns nichts mehr zu sagen. Zwischen den Zeilen ist nie genügend Platz für zwei. Verstehst du?“ Sie sah ihn nur traurig an.

Betrachtungen eines Unpolitischen

In einer repräsentativen Demokratie verhält der Politiker sich unpolitisch in dem Maße, wie er seiner angestammten Aufgabe nicht nachkommt, das Volk zu vertreten. In Krisenzeiten bedeutet, unpolitisch zu sein: unverantwortlich zu handeln. Man durfte gespannt sein, was der Regierungskoalition bei so viel Einsicht, mit der Causa Maaßen einen Fehler begangen zu haben, einfiele, diesen Irrtum zu korrigieren. Das Ergebnis zeigt – man kann es kaum anders sagen – eine Kaste von Mächtigen, deren Sensibilität für das, was Gemeininteresse heißt, abhanden gekommen ist. Durch Postengeschacher, Gegengeschäfte oder parteipolitische Winkelzüge mag zwar ein Problem gelöst werden, aber sie verraten die Würde des Amts, das solche Machtspiele überhaupt erst ermöglicht.

Der Ernst der anderen

Wir leben in einer Zeit, in der einem angesichts bitternster Verirrungen das Lachen nicht im Halse stecken bleiben darf. So manche gesellschaftliche Deformation lässt sich am besten bekämpfen, indem man die unfreiwillige Komik ihrer aufgeblasenen und aufgeladenen Symbolik oder beschwörenden Reden ins Absurde übertreibt. Das Lachen ist die verlegene Anerkennung des Unvermeidlichen, das um jeden Preis vermieden werden muss*, weil „in ihm gerade Nicht-Domestizierbares domestiziert“ wird.** Lachen bedeutet, sich nicht raushalten zu können, auch wenn man nicht immer seriös eingreifen kann.

* Die Formel setzt sich ab von jedem dogmatischen Umgang mit individuellen oder sozialen Entwicklungen und versucht, eine Antwort zu geben auf die Frage, warum Menschen trotz besserer Einsicht und schlechten Erfahrungen von Neuem Ideologien verfallen, Hass und Gewalt ausbrechen lassen, Ressentiments pflegen, dümmsten Parolen erliegen. Nur der Dogmatismus meint, „ausrotten“ zu können, was ihm nicht ins Weltbild passt.
** Vgl. Klaus Heinrich, dämonen beschwören, katastrophen auslachen. Reden und kleine Schriften 3, 73.

Regeln für Ränkespiele

Je selbstzufriedener Menschen sind, desto anfälliger für Ränkespiele. Die Intrige hat dort ihren Nährboden, wo es keine gemeinsamen Ziele mehr gibt. Organisationen, die sich auf ihrem Erfolg ausruhen, schwächen sich nicht selten durch Hinterhalte und Konspiration. Das beste Mittel gegen Kabale: harte Arbeit, Termindruck, klare Strategie, scharfe Perspektive, konsequente Kontrolle. Man sollte nicht die Unterhaltungsabsicht in der Boshaftigkeit unterschätzen, die so der Langeweile entkommen will, die dauerhaftes Gelingen latent verbreitet.

Das Kind im Manne

Ein kleines Charakterbild

Im Restaurant wählte er am liebsten den Vorspeisenteller, eine Variation der kleinen Gerichte, oder das Überraschungsmenü. Die Liebe konnte er nie, wie die meisten seiner Gesprächspartner, als Hort der Gewissheit erleben. Wo andere kurz vor der eigenen Ernüchterung noch schwärmten, sie seien endlich angekommen, sah er nur Aufbruch und Ausbruch aus der Seelenödnis. Er war kein erotischer Heimatkundler, sondern empfand sich als libidinösen Weltenbummler. Mit stets leichtem Gepäck quartierte er sich am liebsten in Hotels ein. Wohnen war ihm ein Gräuel; und wenn, dann nur zur Miete. Angestellt zu sein, ertrug er allenfalls in finanziellen Notlagen. Sonst stellte er sich in Gesprächen mit den phantasiereichsten Professionen vor, immer am scharfen Rand zum Künstler angesiedelt: Er war ein Bauzeichner, der in Wahrheit noch seinen Durchbruch als anerkannter Architekt vor sich hatte; und übte sich als Journalist, dessen Roman in der Schublade fast fertig geschrieben liegt. Vom Programmieren verstand er so viel, dass man meinte, der Supercode für eine einfache Sprache in der Informationstechnologie sei schon gefunden. Und nicht zuletzt verhinderte nur eine Verletzung, dass er als Profisportler Karriere gemacht hatte. Was an ihm faszinierte, war nicht seine notorische Unfähigkeit sich festzulegen, sondern dass er aus ihr den unbändigen Antrieb zog, sich mit nichts zufrieden zu geben. Er verkörperte die Neugier als in Kraft verwandelte Entscheidungsschwäche. Nur Freunde hatte er keine, was die vielen auf der ganzen Welt verteilten Bewunderer, die sich für seine Freunde hielten, wenn überhaupt, meist zu spät bemerkten. Deren Traurigkeit bekam er nie mit, weil er längst wieder weitergezogen war. Seine Heiterkeit hatte Züge von einem unbedarften Kind.

Die Ausrede des Propheten

Als populäres Trostwort im Misserfolg für jene, die sich sonst nicht trösten lassen vom Testament, machte der Satz Jesu Karriere, den er nach dem Besuch der örtlichen Synagoge gesprochen hatte, in der er nicht gehört worden war: „Ein Prophet gilt nirgend weniger denn im Vaterland und daheim bei den Seinen.“ (Mk 6, 4) Formuliert als Signal des Aufbruchs zur Weltmission, leiht er den enttäuschten Managern, gescheiterten Erziehungsberechtigten oder ermatteten Wahlkämpfern nur Autorität in der Ausrede. Dabei lehrt die Einsicht zugleich eine Grundregel hoher Ansprüche: Nicht alles, wozu man andere verpflichtet, muss für einen selber gelten.

Ohnmacht der Macht

Die Ohnmacht der Macht offenbart sich, wenn es der Macht, statt zu gestalten, nur darum geht, sich selbst zu erhalten. Eine Regierung, deren größte Leistung ist, sich immer wieder gerettet zu haben, hat ihre politische Legitimität verloren. Ihr Neuanfang bedeutet nichts, als das Ende weiter hinausgeschoben zu haben.

Plattform

Der ökonomische Erfolg der digitalen Plattformen spiegelt ein Bedürfnis wider, das so recht erst aufgebrochen ist durch Geschäftsmodelle, die das Internetzeitalter erlaubt und fordert: spezialisierte und fragmentierte Offerten. Statt dass ein einziger Fernsehsender Fußball überträgt, ist das Angebot gesplittet in ungezählte Medien mit unübersichtlichen Bezahlformen; an die Stelle von geschlossenen Wertschöpfungsketten treten Dienstleistungen, die mit der Produktion der Sache nichts mehr zu tun haben. Der Kunde verliert den Überblick, mindestens verliert er sich in einem Dschungel von Verantwortungsdelegation, wenn er jenen sucht, den er für Schäden haftbar machen will. Der Wunsch, wieder „aus einer Hand“ zu erhalten, was man bestellt hat, sorgt für die wirtschaftliche Popularität von Plattformen. Diese übernehmen, was in der Lebenswelt unter dem aufgeladenen Namen der Orientierung für Ordnung und Entschiedenheit sorgt.

Feedback

In der Akustik führen Rückkoppelungen immer wieder zu schmerzhaft schrillen Pfeiftönen, die den Hörgenuss überlagern. Alles wird versucht, um solche Audioeffekte zu vermeiden. In der Kommunikation ist die Weiterleitung eines Ausgangssignals zurück an den Sender hoch geschätzt, ohne dass auf Störgeräusche geachtet wird, die durch das Feedback entstehen. Erwünscht ist schlicht die Kenntnis der Wirkung, um künftig die Art der Ansprache, die Gestaltung eines Inhalts, Menschenführung oder Lehrplanung zu verbessern. Doch wer gibt den Dauerrückmeldungen ein Feedback? In Endlosschleifen wird alles bewertet: der Besuch der Website, die Kundenzufriedenheit, der jüngste Post im Portal, hier ein like, dort ein smiley, dem wiederum ein Kommentar beigefügt wird, als schriebe man ein Buch, das nur noch aus Anmerkungen besteht. Die Welt will bewertet werden und erkennt nicht, dass sie sich selbst im Übermaß der Rückmeldungen entwertet. Wie sich nicht anderes hören lässt als ein eindringliches Geräusch, wenn Signale akustisch verstärkt werden, die zurückkehren, so verkümmert jene Wirklichkeit unter der Gewalt ihrer mannigfach gespiegelten Wirkungen, wenn sie nur sensibel genug war, Rücksicht nehmen zu wollen auf das, was sie ausgelöst hat dadurch, dass sie ist, wie sie ist. Im Zeitalter des Feedbacks verschwinden die letzten Asyle der Unwissenheit und Unschuld, der Unbedarftheit und des Unberührten. Das sind alles Eigenschaften einer intakten Welt.

Nicht dass ich wüsste

A: „Und wie geht’s?“
B: „Keine Ahnung.“
A: „Muss ich mir Sorgen machen?“
B: „Nicht dass ich wüsste.“
A: „Also doch?“
B: „Kein Grund zur Sorge.“
A: „Ist dir das alles egal?“
B: „Im Gegenteil, ich will nur nicht darüber nachdenken.“
A: „Warum nicht?“
B: „Weil das Grübeln unglücklich macht.“
A: „Ich darf annehmen, dass du mit dem Leben zufrieden bist.“
B: „Mir geht es gut, so lang ich nicht darüber Auskunft geben muss.“
A: „Dann entschuldige, dass ich gefragt habe.“
B: „Danke für dein Interesse.“

Poesie des Verfassungsschutzes

Mit den Rechten sprechen,
ohne Recht zu brechen
– das ist möglich.
Die Rechten beobachten,
dabei die Rechte beachten, und ob!
– das ist notwendig.
Nach dem Rechten sehen,
nach den Rechten sehen, nicht nur
– das ist wirklich
DIE AUFGABE DES VERFASSUNGSSCHUTZES

Organspende

Dass sie freiwillig geschieht, macht jede Spende zu einer Geste, nicht nur des guten Willens. Sie als, und sei es schlicht: moralische Grundpflicht auszuweisen, nimmt ihr die Gelegenheit, über das Funktionale einer Bedürftigkeitsbefriedigung hinaus das Schönste zeigen zu können, wozu Menschen fähig sind: sich hinzugeben. Die nun öffentlich erprobte Umkehrung der Lizenz zur grundsätzlichen Einwilligung, Organe nach festgestelltem Hirntod für eine Transplantation zur Verfügung zu stellen, vergeht sich an einem alten Prinzip der Menschlichkeit: dass Personen niemals nur Mittel für andere Zwecke sein dürfen. Und seien diese noch so edel. Der politische Vorschlag, Zurückhaltung nur bei ausdrücklicher Verweigerung zu üben, steigerte nicht nur die Gelegenheit zum Misbrauch (das „Nein“ war nicht zu finden, wurde übersehen) und wäre ein ungeheuerliches Beispiel staatlichen Übergriffs auf die eigene Integrität. Er würde sich aber vor allem vergehen an dem, was im emphatischen Sinn Diskretion heißt: sich eines möglichen Zugriffs auf den anderen zu enthalten. Auch das gehört zur Würde des Menschen, dass wir weder seinen Anfang antasten noch sein Ende.

Die Bedeutsamkeit des Banalen

Der politische Extremismus zwingt uns, das Selbstverständliche so lang zu wiederholen, bis es bedeutsam ist.

Natürliche Autorität

Souverän ist, wer weder Macht noch Gewalt ausüben muss, um anerkannt zu sein.

Sag schnell, was du denkst

Das Reservoir, aus dem sich unsere Vorurteile bilden, sind die Schnelligkeit und Häufigkeit, mit denen wir Situationen einschätzen.

Wach dich gesund

Er ist todmüde von dem vielen, was er am Tag nicht erlebt hat.

Echt jetzt?

„Der wirkt aber echt authentisch“, sagt sie überrascht, als sie den Schauspieler nach der Vorstellung zufällig wiedertrifft.
„Was nun: echt oder authentisch?“ antwortet er maliziös ob ihrer Begeisterung, das Maskenspiel des Lebens durchschaut zu haben.
Nichts ist authentischer als eine perfekt inszenierte Lüge.
Wenig ist echter als das Eingeständnis, mit sich selbst nie eins zu sein.

Wo die Binsenwahrheit wohnt

Der gewöhnliche Aufenthaltsort des Belanglosen ist nicht der Alltag, sondern die Kunst. Das Grelle und Laute will dort verdecken, dass ein Werk nichts zu sagen hat, so, als sei Eindringlichkeit ein Effekt kultureller Gewalt. Noch immer gewinnt, was bedeutsam ist, durch seine Diskretion.

Realität im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

Mit dem Verlust des Originals, das in einer Zeit von augmented oder virtual reality verschwindet, schon weil uns das Unterscheidungskriterium abhanden kommt, das die Urform von ihren Nachbildungen und Ableitungen differenziert, geht die Grundkraft unseres Lebens, das Schöpferische, auf in Prozesse technischer Reproduzierbarkeit. Wenn spätere Generationen noch in der Lage sein werden zu fragen, was die Schwellensituation dieser Tage scharf bezeichnet, so ist es über das, was Digitalisierung meint, hinaus der Moment, an dem die Lust am Anfangen verschwunden ist. Sobald Maschinen Organe perfekt nachbauen, Roboter Gefühle täuschend echt simulieren, sobald die Welt im Bildschirm in allem verlockender ist als jene, die wir ohne Brille sehen, wird sich … ja, was? Wird sich die Lebendigkeit des Leben vielleicht frustriert zurückziehen, weil keine ihrer Anstrengungen mehr lohnen. In der Unmittelbarkeit digitaler Zugangsarten zu Welt gedeiht nicht mehr, was aus der Verzögerung Freude zieht, der Verlegenheit seine Leistungen abringt, dem Vertrauen zumutet, Bindungskräfte zu erzeugen. Was Walter Benjamin in seiner berühmten Schrift über „das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ die Aura nennt, ist keine Eigenschaft eines Gegenstands im Verhältnis zu dessen Wahrnehmung. Es ist der Name für die „Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft“*. Diese Distanzierungsfähigkeit, die dem Anfang seine Besonderheit schenkt, dem Original seine Bedeutung und nicht zuletzt menschlichem Leben seine Menschlichkeit, kommt künftig allenfalls noch als Umständlichkeit zu verqueren Ehren.

* Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften. Band V, 560