Monat: November 2018

Morgentoilette der Theorie

Nicht wenige Theorien betreiben einen so großen Aufwand, ihren eigenen Begriffsapparat in Ordnung zu halten, dass die Sache, um derentwillen er entwickelt worden ist, ganz und gar aus dem Blick gerät. Es ist wie bei einem Menschen, der mit seiner Morgentoilette derart intensiv beschäftigt ist, dass er darob die Verabredung vergisst, wegen der er sich kosmetisch so ins Zeug legt.

Sanfte Schockwellen

In jeder Aufklärung steckt ein heimlicher Aspekt von Langeweile. Wer faktisch erfährt, was er immer schon vermutet hat – betrügerische Machenschaften im Sport, Intrigen in der Politik, Verlogenheiten in der Wirtschaft, Heuchelei in der Kirche –, ist am Ende enttäuscht. Den Spalt zwischen Ahnung und Wissen schließt die Phantasie mit ihrem Vergnügen am endlos boshaften Gedankenspiel. Dem raubt die Aufdeckung eines Skandals die stete Lust an der einbildungskräftigen Skandalisierung. Nichts interessiert weniger als das entblößte Ärgernis, mit dem ohnehin jeder schon gerechnet hat.

Fürs erste für immer

Die vorgebliche Rücksichtnahme auf die ungezählten, besser: unzählbar vielen Standpunkte, die eine eigene Meinung nur als unverbindlichen Gesprächsbeitrag im großen Orchester chancenreicher Positionen zulassen, der allenfalls auf einen Kompromiss hinausläuft, ist die (denk-)faule Verachtung der Handlung. Aus Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, vermeidet man Einseitigkeit und somit die Entschlossenheit, einen klaren Weg einzuschlagen. Alles bleibt jederzeit rasch revidierbar, sobald sich verlockendere Perspektiven ergeben oder stärkere Sichtweisen die Auseinandersetzung suchen. Jenseits von schwachen Statements steht, was den Anspruch erhebt, überzeugend zu sein, was Bestimmtheit erwartet, gar Endgültigkeit behauptet, im Verdacht eines ungerechtfertigten Machtverlangens. Selbst die Hochzeitskartengrüße spielen mit der Furcht, sich festzulegen: „Fürs erste für immer“, lautet der augenzwinkernde Wunsch. Wer weiß schon, was morgen sein wird. Es sei doch so vieles (andere) möglich. Wohl wahr. Umso wichtiger wäre, dass nicht alles Mögliche möglich bleibt.

Mach nicht so ein Theater

Jede gute Bühnendarstellung bewegt sich spielerisch im Freiraum zwischen Absicht und Langeweile, den beiden Stimmungsmarkern, die anzeigen, dass eine Inszenierung kritisch gekippt ist. Wenig ermüdet stärker als ein Theaterstück oder öffentliches Gespräch, das erkennbar nicht anöden soll. Und kaum eine Aufführung weckt die Lust, während der Vorstellung aufzustehen, intensiver als jene bierernsten Dramen, bei denen selbst Dialogfetzen die ganze seriöse Botschaft enthalten. Das Glück des Publikums ist leicht beschrieben: unbeschwert ins Denken zu finden, intelligent unterhalten zu werden.

Atemlose Aspiranten

Wenn es eine ausgezeichnete Rolle gibt, die diese Zeit repräsentiert, so ist es der Kandidat. Es wimmelt vor Bachelors, den Frauen, die der Bauer sucht, Supertalenten, Bewohnern und Bewerbern des Dschungelcamps, Aspiranten auf hohe Parteiämter, Startups in der Höhle des Löwen, Hoffnungsträgern im Trainerkarussel, Abteilungsleitern, die ins Rennen geschickt werden ums Innovationsbudget, Bewerbern im Assessment-Center, und nicht zuletzt den Anwärter-Jurys, aus der ein Präsident hervorgegangen ist, der nun seine engsten Mitarbeiter wie Dauerkandidaten behandelt, über deren Schicksal es täglich neu zu entscheiden gilt – als sei die Welt ein einziger Tummelplatz, auf dem Menschen gezwungen werden, sich von ihrer Schokoladenseite zu zeigen. Die Wirklichkeit des Kandidaten ist das Warten; das allerdings muss zur höchsten Betriebsamkeit umgelogen werden, ohne dass der Anwärter sonst wirken könnte. Was wäre das für ein Bewerber, der sich mit nichts als Enttäuschungen vorstellte: Ich habe nichts zu sagen (weil ich endlich aufhören will mit Reden, um handeln zu können); ich kann nichts versprechen (weil am Ende ohnehin nur zählen soll, was ich erreicht habe); ich bin es leid, mich zu präsentieren (weil es um mich gar nicht geht, sondern um die Veränderung der Sache)? Würde man ihm trauen? Und was traute man ihm zu?

Zu schnell, zu leicht

Im Nachhinein stellt sich das Vorurteil auch als ein Gedanke heraus, der zu schnell getroffen, weil die Sache für zu leicht befunden wurde. Leichtfertigkeit und Voreiligkeit sind die Gefahren einer Intelligenz, deren rasche Auffassungsgabe sie stets einen Vorsprung gewinnen lässt vor denen, die zwar länger hinsehen, oft genug aber weniger erkennen. Ist das Vorurteil nur das Ergebnis einer allzu temporeichen Vernunft? Wenn das als – am ehesten verzeihlicher – Grund ausscheidet, bleiben jene Motive, für die der Verstand unzuständig, der Charakter indes verantwortlich genannt zu werden verdient.