Monat: Februar 2019

Altersgemäß

Der nicht mehr ganz fünfzigjährige Freund zeigt den neuen, bedruckten Hoodie. Vom Gespräch mit der Verkäuferin beschwingt, sagt er: „Hier gilt man noch als jung.“ Ja, so ist das in einer alternden Gesellschaft. Da benehmen sich selbst die Greise wie pubertierende Lümmel und freuen sich stolz, wenn man sie unverhohlen taktisch umschmeichelt.

Politische Beredsamkeit

Man soll nicht unterschätzen, wie hoch das Maß an politischer Rede ist, das nicht ins Handeln führen soll, sondern nur dem höheren Zweck dient, von unüberlegten Aktionen abzusehen. In England formiert sich für den Beobachter der Eindruck zur Gewissheit, dass die parlamentarische Debatte über den Brexit inzwischen einzig die Absicht verfolgt, dass die Abgeordneten vergessen, weshalb sie zusammengerufen wurden. So mancher Abschied verliert seine nötigenden Gründe, wenn nur lang genug über seine Bedingungen diskutiert wird.

Als alles fertig war

Der Augenblick, in dem eine lang währende Aufgabe in ihr Endstadium gerät, ist gefüllt von Zufriedenheit und stiller Leere, Stolz und leichter Scham, Selbstgewissheit und Zweifel. Die Arbeit ist fertig gestellt und muss die Schreibstube verlassen. Auch wenn immer noch Hand angelegt werden könnte, ist der Zeitpunkt gekommen, sie dem Urteil der anderen auszusetzen. Da wird ein Stück (des Eigenen) zum Text (der Fremden). Und die aufkeimende Traurigkeit, die im Autor hochsteigen will, spiegelt den Ernst wider, mit dem er sich der Sache gewidmet hat.

Europäische Vernunft

Vielleicht hilft, Europa nicht immer als die Lösung zu beschreiben: als Lösung unserer Friedensanstrengungen, als zwingende Bedingung, im Kampf um die Machtverteilung im Welthandel zu bestehen, als Hort der aufrechten Demokratien. Europa ist ein Problem. Und es wäre gut, es als solches politisch anzuerkennen, indem man zu verstehen gibt, warum es lohnt, diese nicht lösbare Aufgabe auszuhalten.

Offene Worte

Der Augenblick, in dem die unvermittelte Direktheit in einer Unterhaltung kippt in rücksichtslose Unhöflichkeit und Indiskretion, gehört zu den unbestimmbaren Grenzen, die das Feld menschlicher Kommunikation kennzeichnen. Ob ein Wort gerade noch gesagt werden kann oder schon nicht mehr gesagt werden sollte, lässt sich oft erst im nachhinein festlegen, wenn es zu spät ist. Weder Redner noch Angesprochener können da rechtzeitig helfen; sie überschätzen ihre Erträglichkeit und unterschätzen die Zudringlichkeit, die ein Satz haben kann. Für die gelingende Unterrredung gilt immer: weit vor dem aufhören, was denkbar gewesen wäre. Ein gutes Gespräch erschöpft seine Möglichkeitern nicht.

Punkt, Komma, Gedankenstrich

Was eine Freundschaft begründet: die Aussicht auf ein lebenslanges Gespräch, dessen Anfänge nie bemüht, dessen Unterbrechungen nie gewaltsam sind und dessen Verlauf nie anstrengend wirkt.

Tratschfreie Zone

Allenthalben wird bedauernd bemerkt, wie die Ichbezogenheit in unserer Gesellschaft kontinuierlich wächst. Dabei unterschlägt solche Sozialkritik den Vorteil, den die Selbstverliebtheit unzweifelhaft hat: Mangels Interesse am anderen ist die Neigung zu Tratsch und Klatschgeschichten gering ausgeprägt. Was kümmern mich die kleinen Skandale unter den Nebenmenschen, wenn das größte Ärgernis ist, dass trotz Filters und Weichzeichners das Selfie immer noch nicht genügend Likes bekommen hat.

Endlich

In einem Brief vom 5. August 1930 an einen seiner engsten Freunde, den Dichter und Literaturkritiker Thomas Greevy, schreibt Samuel Beckett: „Schopenhauer sagt, defunctus sei ein schönes Wort, solange man nicht Selbstmord begeht. Er könnte recht haben. Herzlich, Sam.“ Der Hinweis bezieht sich auf eine Stelle in den „Parerga und Paralipomena“. Dort notiert der Philosoph: „Das Leben ist ein Pensum zum Abarbeiten: in diesem Sinne ist defunctus (tot) ein schöner Ausdruck.“ (II, § 156) Die übliche Bedeutung von defunctus liefert er nach: überstanden haben. – Die tieferen Gedanken und interessanteren Einsichten bis hin zu den schöneren Ausdrücken finden sich in der Tat, wenn man nicht zu sehr befreundet ist mit dem Leben und es gelegentlich gar als den ärgsten Feind empfindet.

So fühlt man Absicht und man ist verstimmt

Nichts kränkt einen Menschen mehr als seine Instrumentalisierung. Sobald er einsehen muss, dass nicht er selbst das wirkliche Ziel einer Ansprache gewesen ist, sondern diese nur einem anderen Zweck dient – seiner Manipulation zu Kaufentschlüssen, der Ausnutzung von Sozialkontakten, der Beeinflussung seiner Gutwilligkeit –, bilden sich umfassend Verschiebungen aus im Weltbild und entstehen größere Verwerfungen in der Vertrauensstruktur. Trotz der täglich ungezählten Kämpfe um Deutungshoheit, trotz „Framing“, Werbebotschaften, fake news oder Schmeicheleien, wir wollen behandelt werden wie ein letztes factum brutum. An dem gibt es, vor aller Interpretation, nichts festzustellen, außer dass es da ist.

Komplementärgesellschafter

Nicht seltenes Nachfolgeproblem in Familienunternehmen: ein Senior, der nicht aufhören kann zu arbeiten, weil er nichts anderes gelernt hat, zieht sich einen Junior heran, der nicht anfangen will zu arbeiten, weil er es nie lernen musste.

Weltunordnung

Im Sprachspiel der Doppelkonjunktionen lässt sich die Entwicklung der politischen Welt in den Jahren seit dem Ende des Kalten Kriegs über die Globalisierungseuphorie hin zu einer neuen Fragilität des Friedens nachzeichnen: vom Entweder-Oder einer ideologischen Blockteilung führt sie in die Beglückung eines Sowohl-Als auch höchst unterschiedlicher Lebensformen. Kapitalistische Strukturen in kommunistischen Staaten, Technologiepartnerschaften zwischen früheren Todfeinden, Landesgrenzen, die nicht nicht mehr markiert sind, sie verwandelten Hoffnung in die Selbstverständlichkeit, dass ein weltumspannendes Miteinander möglich sei. Da stören wachsende Irritationen zwischen den Nationen. Doch was wissen wir, außer dass Fremdheit genauso wenig stabil ist, wie die Gegnerschaft einen festen Zustand darstellt? Wir leben im Weder-Noch von Entweder-Oder und Sowohl-Als auch. Das ist die grammatikalische Formel der neuen Weltunordnung. Doch worauf verweist sie? Unter den Sprachwendungen der zweigliedrigen Konnektoren finden sich noch mögliche Verhältnisse: Je-Desto, Zwar-Aber, Nicht nur-Sondern auch, So-Wie. Sie könnten eine Form bilden für das, was kommt.

Im Gespräch sein, im Gespräch bleiben

Nirgendwo ist das Denken dem Unternehmertum ähnlicher als im Dialog. Er beginnt mit einer Unterscheidung, dem Willen, eine Sache anders zu machen, der den Grund abgibt dafür, dass man miteinander redet. So bringt er Positionen ins Risiko und setzt nicht zuletzt jene aufs Spiel, die sich an ihm beteiligen. Warum geben Menschen sich so auf, lassen ihr Eigenes in Zweifel ziehen, gefährden gar ihre Grundüberzeugungen? Weil sie hoffen, in der Begegnung mit anderen bereichert zu werden, Neues entwickeln zu können, zu wachsen.

Fehlhaltung

Die edelsten Haltungen degenerieren zu Starrsinn und Prinzipienreiterei, wenn sie sich nicht immer wieder bewähren im Wandel des Lebens, der Strategien, des sozialen Umfelds. Aber taugen sie dann noch als feste Orientierungspunkte? Zumindest schränkt dieser Zwang, sich einzulassen auf neue Situationen, jene Einstellungen erheblich ein, die sinnvoll als Haltung gelten können: auf formale Eigenschaften, über die höchst differente Zustände und der Veränderungsdruck abgebildet werden können, ohne sich dabei aufzugeben. Am Ende bleiben vor allem Lebenswerte wie Vertrauen, Respekt und Diskretion, die darum werben, zur Grundüberzeugung zu werden im Umgang mit anderen.

Besitzstand

Die Rolle des Possessivpronomens, das aus früher schulischer Kunde noch als besitzanzeigendes Fürwort im Gedächtnis ist, beschränkt sich in der Anrede auf eine Art Koordinatensystem im Beziehungsfeld. „Mein lieber Freund“, „meine bessere Hälfte“, „deine Verflossene“ – in der Briefform –, das alles bezeichnet kein Hörigkeits- oder Zugehörigkeitsverhältnis, benennt keine Eigentumsrechte oder erinnert an Unterwürfigkeitsgesten, sondern bestimmt den genauen Ort, aus dem heraus perspektivisch gesprochen wird. Aus meiner Sicht bist du oder bin ich dir … Es ist ein Angebot, in das einzustimmen aufs Schönste veranschaulicht, was es heißt zu entsprechen. Nur im Konfliktfall verrutscht der Interpretationshorizont; das Wort pocht auf den rohen Besitz und verrät gelegentlich Besessenheitsaspekte: Er ist meiner, nicht deiner … Hier wird entschlossen eine Grenze markiert, die Ansprüche (und nicht Entsprechung) in den Vordergrund stellt. Die Betonung des Eigentums schließt aus und sperrt ein; die Gewichtung des Blickwinkels nimmt ein und richtet aus.

Bewusstseinsvergessenheit

Als ob man auf die unvermittelt gestellte Frage: Was denkst du? immer gleich eine Antwort parat haben müsste, wenn man sie überhaupt geben wollte. Sie unterstellt, dass das Denken sich in eine Art Dauerschleife einfindet, sobald ein Mensch das Tageslicht erblickt hat. Zwar gehört die Aufgewecktheit zur Reflexion wie das morgendliche Vogelträllern zum Frühlingsanfang, doch nicht in jedem wachen Bewusstsein tummeln sich schon fertig formulierte, redebereite Sätze. „Weiß ich nicht“, könnte eine Erwiderung also sinnvoll lauten, weil es durchaus denkbar ist, dass einer keine Ahnung hat, was er denkt, obwohl er genau sagen kann, dass er denkt. Oder schließt Denken diese Unklarheit aus?

Hochbegabt

Seltsam, dass die höchsten Begabungen des Menschseins alle einhergehen mit einer größeren Verletzbarkeit: die Liebe und die Intelligenz, das Einfühlen und Mitdenken. Als ob mit der Furcht, verwundet zu werden auf unterschiedliche Weise – die Liebe wird gekränkt, die Intelligenz beleidigt – , ein schmerzhafter Respekt heimlich eingeschrieben ist, ob der Größe des Talents sich nicht zu verwechseln mit noch Höherem. Wir sind am meisten menschlich in dem, was uns geschenkt worden ist.

Ermöglicher sein

An den ehemaligen Präfekten des Erzbischöflichen Konvikts in Konstanz – Martin Heidegger war dort einige Jahre zur Schule gegangen – schreibt der Philosoph, der gerade sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ herausgebracht hatte: „Vielleicht zeigt die Philosophie am eindringlichsten und nachhaltigsten, wie anfängerhaft der Mensch ist.“ Man mag den Satz als Geste der Demut lesen; gespiegelt an den Großmeistern des Denkens, denen sich Heidegger stets zuwandte und zurechnete, sind die eigenen Versuche naiv und grob, verspielt oder verkürzt. Doch das perspektivisch Gegenteilige steckt in diesem Wort vom Anfänger Mensch, das Hannah Arendt später aufnahm, auch: Das philosophische Denken taugt wie nichts anderes zu demonstrieren, was dem Bewusstsein alles in den Sinn kommen kann. Es setzt auf die Freiheit und verteidigt sie als erste und letzte Haltung in einer Welt, die so ist, wie sie ist, weil sie möglich war. Anfänger zu sein bedeutet so gelesen vor allem, noch alles vor sich haben zu dürfen, selbst in Spätphasen des Lebens.

Applaus-Banausen

In den Gotteshäusern, kaum dass der diensthabende Organist den Schlussakkord der Bach-Toccata angespielt hat, setzt der Applaus der Gemeinde ein, den sie aus dem Konzerthaus übernommen hat: genauso indiskret, leicht blasiert, ohne Empfindsamkeit für Klangpausen. Er prasselt über die letzten Tonschwingungen und verhindert, dass sich Sammlung und Stille im Raum ausbreiten und halten können. Der Besucher des Ritus entpuppt sich als das, wozu er degeneriert ist: nicht mehr Teilnehmer und Teilhaber einer heiligen Handlung zu sein, sondern Mitglied eines Genusspublikums, das passiv, aber nicht passioniert dem Schauspiel am Altar beiwohnt. Der ästhetische Eindruck überformt den theologischen Inhalt. Ohne die populären Fingerfertigkeiten des Pianisten am Instrument wär’s in der Kirche auch nur halb so schön gewesen, so die implizite Botschaft der Besucher. Man wünschte ihnen den großen Gernhardt als heiteren Zuchtmeister, der mit seinen kleinen Formen Hörer und Leser zur Räson rufen konnte. Unter der Überschrift „Weils so schön war“ liest er der Gemeinde die Leviten:
„Paulus schrieb an die Apatschen:
Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.
Paulus schrieb an die Komantschen:
Erst kommt die Taufe, dann das Plantschen.
Paulus schrieb den Irokesen:
Euch schreib ich nichts, lernt erst mal lesen.“

 

Farbe bekennen

Das Bildwort „Farbe bekennen“, das den Mut anschaulich machen soll, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen und sie öffentlich zu rechtfertigen, ist dem Unbewussten und Ungelenkten viel näher als einem klar getroffenen Eingeständnis, das für alle sichtbar als Haltung gepflegt wird. Wenn im Zorn, vor allem aber in der Scham das Gesicht sich dunkel verfärbt, weil die Gefühle unmittelbar nicht zu zügeln sind und sich physiologisch „zeigen“, verrät einer mehr von sich, als ihm wohl lieb sein kann. Das einzig Bewusste ist dabei die Selbstbeobachtung, die einem autonomen psychischen Effekt zusieht und ihn unwillkürlich verstärkt. Farbe „bekennt“, wer so gerade nicht gesehen werden will.

Mehr Nähe

Drei Wochen Abwesenheit vom Schreibtisch, und der Postberg, der sich in der Zwischenzeit aufgebaut hat, droht über Manuskripte und Notizzettel zu stürzen. Es sind nicht die Rechnungen, die aufgelaufen sind, sondern ungezählte Schreiben, die nichts anderes beabsichtigen, als irgendwelche Regulationspflichten zu erfüllen: neue Bankrichtlinien, die Bitten, in die Datenspeicherung einzuwilligen, Versicherungsvertragsänderungen, Mitteilungen vor der Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft, Auskunftsersuchen der Behörde, dazwischen im offiziellen Amtsgrau verschickte Werbebotschaften. Niemand liest das alles. Es überforderte den Alltagslauf. Keiner versteht das alles. Es ist formuliert von Bürokraten für Bürokraten. Und dient allein der Legitimation ihrer Arbeit. So funktioniert Staat, dass eine Masse von Beamten sich eine Masse von Regeln ausdenkt und so ein Übermaß an Zudringlichkeit produziert, auf die eine Masse von resignierten Bürgern mit stiller Ignoranz reagiert und einige Findige mit zwanghafter Lust prozessieren, weil es die Paragrafen hergeben. Gar nicht auszudenken, was dem Arbeitsmarkt drohte, wenn dieser Regelungswahnsinn in sich zusammenfiele, weil keiner mehr den Wust an Vorschriften überblickt.

Ich bin fertig

Für jeden lebendigen Geist hat die Vorstellung, mit einer Sache fertig zu sein, etwas Gewaltsames. Es gibt kein Ende außer in der allgemeinen Annahme, dass nichts ewig dauert. Von Fall zu Fall zeichnet sich die Vitalität einer Phantasie gerade dadurch aus, dass ihr zu jeder Situation eine Fortsetzung einfällt.

To do-Listen

Das Unmaß der kleinen Helferlein, die als Applikationen für das Telefon sich anbieten, den Tag besser, effizienter, schneller, übersichtlicher, anschaulicher, genauer, fordernder, konsequenter zu organisieren, spricht nicht vom Erfolg solcher digitalen To do-Listen. Sondern eher davon, dass noch immer nicht jenes Instrument geschaffen wurde, das uns am Abend eines ereignisreichen Alltags beruhigt, wenn nicht alles als erledigt abgehakt werden kann, statt die Frustration zu befördern. Denn Aufgaben sind nicht dazu da, dass man sie abwickelt, sondern sich ihrer annimmt und ihnen sich widmet. Nicht die Anzahl entscheidet, was als vollendet gelten darf, sondern die Befriedigung, sich einer Sache sinnvoll hingegeben zu haben.

Der Graben der Vernunft

Er hielt jedes tiefere Problem, sobald er den Mut gefunden hatte, es auszusprechen, auch schon für gelöst. Sie hingegen fand, dass die verschwiegensten Gedanken, sobald sie in Worte gekleidet zwischen ihnen standen, nun eine Aufgabe darstellten, die es anzugehen gelte. „Lass uns die Sache anpacken“, sagte sie dann voller lebenspragmatischem Elan. „Aber es ist doch alles schon gesagt“, erwiderte er müde vom Wühlen in den Abgründen der eigenen Widersprüche.

Zur Kenntnis

Wahre Macht zeigt sich an Ignoranz. Sie entscheidet, was sie zu ihrer Kenntnis nimmt, und kann ungestraft, auch auf öffentliche Anklagen, einfach nicht reagieren.