Monat: August 2019

Entscheidungswege

Entscheidungen, die aus Angst getroffen werden, sind zwar meist konsequent, aber nicht klug.

Die Gesetze des Wandels

Jeder Fortschritt beginnt mit einer Wiederholung. In der Kopie setzt die Veränderung an. Die Modifikationen mögen zunächst kaum merklich sein, bis sich durch Willkür, Lust am Bruch, Neugier oder Zufall ein einprägsamer Stil ausbildet, die nächste Maschinengeneration sich vorstellt, das Kunstwerk seine Besonderheit bekommt. Das ganz Andere entzieht sich der Erkenntnis. Das Eigene ist immer eine einzigartige Form des Fremden. Der Komponist György Ligeti hat die Abhängigkeit des Neuen vom Alten so beschrieben: „Unterwerfe ich mich völlig den Konventionen, ist mein Produkt wertlos. Stehe ich außerhalb jeglicher Konventionen, ist es sinnlos.“*

* Gesammelte Schriften, Bd. 2, 129

Über Gott und die Welt

In der Floskel, man habe geredet über Gott und die Welt, hat sich noch der Anspruch der Größe versteckt erhalten, die Themen einst enthielten, welche heute im nicht nur akademischen Nischendasein der Theologie, reduziert auf die Ausbildung von Pfarrern und Lehrern, vorgehalten werden. Dass kaum noch über Gott gesprochen, wenn von der Welt besorgt oder beschwingt gehandelt wird, selbst nicht im ökologischen Modus einer „Rettung“ oder „Bewahrung“ der „Schöpfung“ (das alles sind religiöse Urworte), hat auch mit theologischer Sprachlosigkeit zu tun, die als Fehlen im gesellschaftlichen Diskurs schon gar nicht mehr bedauert, ja überhaupt nicht einmal mehr wahrgenommen wird. Umgekehrt verstehen es nur wenige noch, sinnvoll das Weltliche einzuzeichnen in die Auslegung eines Schriftstücks aus dem Testament, das in jedem kirchlichen Ritual eine zentrale Rolle einnehmen sollte. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als schämten sich die Theologen, öffentlich den Namen Gottes in den Mund zu nehmen, und als ängsteten sich jene verhaltenen Frommen, sich auf das einzulassen, was für jeden geistig wachen Menschen der fruchtbarste Ort der Auseinandersetzung ist: die Welt. Es liegt nicht fern, im Mangel solcher Sprachlebendigkeit nicht nur säkulares Desinteresse, sondern vor allem eine Armut des Glaubens zu vermuten. Der nämlich entwickelt stets die Lust, sich bestimmt zu bekennen und ohne Furcht sich zu bewegen. Dietrich Bonhoeffer, der Theologe, der wie nur wenige in große gesellschaftliche Räume gewirkt hat von seiner kleinen Gefängniszelle aus, in die ihn die Nationalsozialisten gestoßen hatten, schreibt: „Nicht von der Welt zu Gott, sondern von Gott zur Welt geht der Weg Jesu Christi und daher der Weg alles christlichen Denkens.“* Wo sind die Theologen, die das beherzt als Anspruch aufnehmen, in einen öffentlichen Diskurs so einzutreten, dass wieder zu hören wäre, wonach nicht wenige sich heimlich sehnen?

* Ethik, Werke 6, 358

Lästig

Es sind die kleinen Indiskretionen, die immer wieder Einblick in versteckte Motivlagen und Anlass geben, ganze Theorien oder Systeme – zwar nicht umzuschreiben, aber – umzudeuten. So findet sich im Tagebuch von Sándor Ferenczi, dem Freud-Gefährten und Neurologen, unter dem 1. Mai 1932 ein Eintrag, der für größeres Aufsehen hätte sorgen können, hätte man es nicht ohnehin geahnt: „Die Patienten sind ein Gesindel.“ So soll es der Meister in privater Runde verraten haben. Der Schüler fügt noch eine Erklärung an, eher als Verlegenheit: Da der Psychoanalytiker ihnen nicht helfen könne, seien die Klienten nur gut als Studienobjekt und treue Begleiter des Geschäftsmodells. Freud hat in seinen letzten Jahren verstärkt Zweifel geäußert an der Wirksamkeit der Psychoanalyse und in einer Abhandlung von einem „unmöglichen Beruf“* geredet. Doch Anlass zur Aufruhr müssen solche Äußerungen wahrlich nicht geben. In der Unmöglichkeit der Profession steckt immerhin der überfordernde, hohe Anspruch dieser Art der Therapie. Und über die unmittelbare Wahrheit des Satzes hinaus, den jeder bestätigt, der mit Menschen intensiv arbeitet, vermittelt die Tagebuchnotiz die Seriosität des Programms: Lästig ist doch nur, was ich ernstnehme.

* Die endliche und die unendliche Analyse, 7. Kapitel. Das hebt an mit dem Bezug auf einen Vortrag von Ferenczi, mit dem Freud sich auseinandersetzt: „Es hat doch beinahe den Anschein, als wäre das Analysieren der dritte jener »unmöglichen« Berufe, in denen man des ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen, weit länger bekannten, sind das Erziehen und das Regieren.“

Vor dem Abschied

Jeder Abschied spricht unwillkürlich ein Urteil über das, was verlassen wird. Wenn Freunde wegziehen, wird mehr auf die Probe gestellt als jener leere Raum, den sie hinterlassen und der wieder gefüllt zu werden verspricht. Es setzt Zweifel an den Ort, der nun ärmer geworden, und fragt nach den neuen Formen der Lebendigkeit, die ein Verhältnis sucht, dem die Selbstverständlichkeit abhanden gekommen ist. Was ist es gewesen, das Anlass gegeben hat, nicht mehr gut genug zu heißen, was war, so dass besser genannt wird, von dem keiner weiß, ob es gut werden wird?

Subjektive Wahrheit

Wie subjektiv Wahrheit ist, merkt man spätestens daran, dass sie, sobald sie von gewissem Personen ausgesprochen wird, zum Irrtum, wenn nicht gar zur Lüge geworden ist. Derselbe Satz im Munde eines Dreißigjährigen ist ein anderer als im Munde eines Sechzigjährigen. Manches will man nicht hören, wenn es in Worte gefasst ist, gerade weil man es genau vernommen hatte, als es noch eine Ahnung oder Drohung gewesen ist.

Gipfelgespräche

Die Ergebnisse von politischen Gipfeltreffen sind stets dieselben: Man ist sich einig, miteinander einig sein zu wollen, und differiert hartnäckig in den Ansichten, wie das dauerhaft gelingen kann. Daher rührt, was der Staatstheoretiker Montesquieu schon im achtzehnten Jahrhundert beobachtet hat: „Es ist der Ton der großen Welt, über belanglose Dinge so zu reden wie über ernste und über ernste Dinge so wie über belanglose.“*

* Meine Gedanken, 200

Gesund rauchen

In einem Brief an Sándor Ferenczi, den er am 6. November 1917 verfasst hatte, schrieb Freud über seine Nikotinsucht: „Gestern hatte ich meine letzte Zigarre verraucht, war seither böswillig und müde, bekam Herzklopfen und eine Steigerung der seit den schmalen Tagen bemerkbaren schmerzhaften Gaumenschwellung (Carzinom? etc.) Da brachte mir ein Patient 50 Zigarren, ich zündete eine an, wurde heiter, und die Gaumenaffektion ging rapid zurück! Ich hätte es nicht geglaubt, wenn es nicht so auffällig wäre. Ganz Groddeck.“ Georg Groddeck war der Wegbereiter der psychosomatischen Medizin; von ihm lieh sich der Vater der Psychoanalyse „das Es“. Er hatte sich Freud im Frühjahr 1917 bekannt gemacht, woraus eine lange Korrespondenz erwuchs. Und lieferte mit seiner Theorie des Einflusses der Seele auf körperliche Symptome sofort den fehlenden Baustein für eine Rationalisierung dessen, was Freud zutiefst zuwider war: dass es ihm, dem Meister der Ichdominanz und Erfinder des Strukturmodells der Psyche, nicht gelang, bei sich selbst die höchste Instanz herrschen zu lassen, den kritischen Verstand mit seinem Realitätsprinzip.* Dem erheiterten Leser solcher Verlegenheitsformen nachträglicher Rechtfertigung liefert dieser kleine Kunstgriff eine lebendige Anschauung, zu welch seltsamen Verrenkungen es führt, wenn der Geist sich einem Grundsatz absolut unterwirft, den er selber aufgestellt hat. Der Zwang zur vernünftigen Erklärung schwächt das Kriterium dessen, was alles vernünftig genannt wird.

* So schildert es der Wiener Internist und Hausarzt von Freud: Max Schur, Sigmund Freud. Leben und Sterben, 370f.

Tief genug

Metaphorische Gänge durchs Flache
Dem, was in der Welt der Wirtschaft selten vorkommt und als Rarität seinen Wert erzwingt, entspricht in der Welt des Geistes die Tiefe. Auch sie ist nicht häufig anzutreffen. Und vor allem: sie kostet etwas.

Es kann keine abgrundfreie Tiefe geben. Aber eine abgrundtiefe Freiheit.

Die Untiefe unterscheidet sich von der Tiefe darin, dass sie sich als Flachheit tarnt.

Tief heißt, was ein Versprechen auf Mehr darstellt.

Wenn das Unentschlossene auf das Unerschlossene verweist, mag man Tiefe vermuten.

Noch eine Paradoxie der Liebe

In der Liebe ist flüchtig das Sinnfällige, was sonst erdet, und fest das Geistige, das meist nicht zu fassen ist. Die Berührung der Körper strebt nicht nur nach deren Erschöpfung, sondern sie stabilisiert vor allem das Gefühl. Aus dem Vergänglichen, das sich vorübergehend in der intensivsten Form der Begreiflichkeit erlebt, erwächst eine kraftvolle Lust auf Dauer, die sich in der unsteten Gestalt einer Empfindung ausbildet.

Bahngeschäfte

“… Und Ihre BahnCard, bitte.“ Die ältere Dame auf dem Nachbarplatz im Zug nestelt in ihrer Brieftasche und zieht das Plastik aus dem Schlitz. Der Zugbegleiter, dem offenbar zum schlechten Scherz zumute war, setzt fort: „Und jetzt noch die Geheimzahl, bitte.“ Als die Frau schon anhebt, ihm die vierstellige Ziffernfolge zu verraten, unterbricht er sie: „Sie haben mir Ihre Bankkarte gegeben. Sie haben mich wohl nicht richtig verstanden: Ich wollte nur die BahnCard.“ Es scheint, als hätte er für sein Unternehmen so ganz nebenbei ein neues Geschäftsmodell entdeckt.

Regelrepublik

Nicht selten ist der Verweis „So sind die Regeln, und auch Sie müssen sich daran halten!“ identisch mit dem Hinweis: „Denn ich habe die Macht.“

Reisevorbereitungen

Erfahrung eines jeden Urlaubs: Die Ferien sind immer um den Tag vor der Abreise zu kurz.

Jenseits des Vergleichs

Ein Mitmensch ist jene seltene Form der Artgenossenschaft, in der einer dem anderen nicht gleichgültig ist, ohne dass sich einer mit dem anderen vergleichen muss.

Happy End

Nur in der Erzählung, nicht im Leben interessiert sich niemand dafür, wie die Geschichte weitergeht, wenn sie in ein happy end mündet. Der schönste Ausgang, den eine lebendige Sache haben kann, ist vielmehr, dass mit ihr Neues beginnt. Im Leben kann ein Ende allein glücklich genannt werden, wenn mit ihm ein Anfang verbunden ist, der viel verspricht. Die Fortsetzung spricht das Urteil über das, was ihr vorausgegangen ist. Happy end meint: Es geht heiter weiter.

Sensibelchen

Selten zeigt sich Freiheit entschlossener als in jenem Akt, in dem sie erstmals entscheidet, dass nicht alles, was einen Menschen angeht, ihn auch angehen muss. Nur weil die Welt drängelt und sich gelegentlich aufdrängt, muss man ihr nicht nachgeben. Die Empfindsamkeit unterscheidet sich von der Empfindlichkeit durch den Willen, sich vieles nicht zuzumuten. Vielleicht ist das die vornehmste Aufgabe der Freiheit: dass sie sich beschränkt. In der Grenzsetzung erfährt sich die Eigenständigkeit am stärksten. Zum Nein pflegt sie eine intensivere Beziehung als zum Ja.

Unerschütterliches Fundament

Frei nach René Descartes:
Ich bin schlecht gelaunt, also bin ich.

Schule des Lebens

Es ist ein Ausweis von Qualität, wenn das, was die Erwachsenen zum ersten Schultag, für die Kleinen zum Glück unverständlich, den „Ernst des Lebens“ nennen, in dieser Institution der pädagogischen Expertise mit großer Heiterkeit behandelt wird. Nie sind Kinder gefährdeter als in den Momenten, da sie auf Ältere treffen, die ihnen mit erzieherischem Nachdruck beibringen wollen, wie das Leben zu funktionieren hat. Es ist Selbstüberschätzung zu meinen, man wüsste noch, wie das sei: zu werden, nur weil man geworden ist.

Die Stimmungen der Stadt

Es gehört zum Wesen der Großstadt, dass sie für jede Stimmung einladende Orte bereithält. Das Kaffeehaus lockt den Passanten, wenn es Bindfäden regnet, zum gelassenen Verweilen hinter Buch oder Tageszeitung. Die Kirchen sind nie stiller als in den Augenblicken, da sich das schwere Tor nach dem Eintritt wieder schließt und den aufdringlichen Straßenlärm, den Staub und die Hitze draußen lässt. In den sattgrünen Parks duftet die Luft morgens, wie nur frische Brötchen riechen können, wenn sie aus der Backstube kommen. Aus der Ferne wirkt die Metropole mit der unverkennbaren Silhouette wie der kleinste Flecken als Heimat, Ort der Geborgenheit und Vertrautheit. Wenig ist anregender, als gedankenverloren durch die Einkaufsstraßen zu schlendern und mit den Augen in den Auslagen zu stöbern. Und beglückend, den Freund zufällig zu treffen beim Museumsbesuch …

Enttäuschungsfestigkeit

Jedes politische System ist die Reaktion auf eine Enttäuschung mit dem Vorläufermodell. Die nationalsozialistische Diktatur lässt sich als „gleichsam instinktive Antwort eines Geistes“  lesen, der „in der Führung der öffentlichen Angelegenheiten keine Autorität, Kontinuität, Einheit mehr erkennt“*; die Weimarer Republik löste eine ausgehöhlte Monarchie ab. Solche Enttäuschungen sind unvermeidlich und provozieren nur dann keinen grundlegenden Strukturwandel, wenn der Machtwechsel innerhalb der Ordnung genügend Raum lässt für die Frustrationen über die vergangene Regierung. Vielleicht ist das die Haupteigenschaft der repräsentativen Demokratie, dass sie ein Muster bildet für die Enttäuschungsfestigkeit einer Gesellschaft, weil Differenzen nicht zum Systemabsturz führen müssen, sondern im Gegenteil den Systemerhalt fördern.

* So Paul Valéry im Jahr 1934: Die Idee der Diktatur, in: Werke 7, 244

Überrasch mich, aber erschreck mich nicht

In jeder Erwartung steckt der heimliche Wunsch, sie möge übertroffen werden. Was wir ersehnen, ist nicht das, was kommen soll, sondern dass es ein wenig anders kommt, als man denkt.

Nicht alles, nicht sofort

Aus dem Französischen stammt das Wort triage. Unter Kaufleuten bedeutet es den Ausschuss einer Ware, die geerntet oder produziert wurde, jene wurmstichigen Äpfel etwa, die zur Seite gelegt und für den Verkauf als nicht geeignet gelten. In der Medizin hat sich der Ausdruck vor allem festgesetzt, um Handlungen in Katastrophenszenarien zu klassifizieren. Da gibt es die leicht Verletzten und die, deren Leben als nicht rettbar eingestuft wird. Um die kümmert sich der Arzt erst in zweiter Linie, vielleicht gar nicht. Weil vor allem primär jene in den Blick geraten, deren Verwundung so schwer ist, dass sie sofort zu behandeln ist, und deren Chance davonzukommen so groß, dass es lohnt. Es ist, das erkennt sofort, wer das Maß der Güterabwägung einschätzen kann, eine ethisch höchst verzwickte Situation, weil sie sich nur bewältigen lässt, wenn vieles unbeachtet und liegen bleibt. Manager kennen diese scheinbar ausweglosen Lagen, in denen nur die Logik der triage hilft. Die setzt auf Abstufungen, Prioritäten, Unterscheidungen zwischen Verlierern und den anderen, die Sieger oder Gewinner zu nennen unangemessen wäre. In solchen Extremfällen gibt es nur die großen und die kleinen Niederlagen, ohne dass auszumachen ist, was hierzu jeweils zu zählen ist. Es könnte sein, dass die triage, so problematisch sie ist, zum Leitbild wird, nur einzige Weise darstellt, wie wir als prinzipiell Überforderte in dieser und für diese Welt noch Verantwortung übernehmen können.

Hin- und Rückrunde

Wenn es um nichts mehr geht, weil alles schon entschieden ist, könnte es unversehens um alles gehen, weil man meinte, nichts müsse mehr geschehen. Solange Fakten nicht geschaffen sind, bleiben Entschlüsse widerrufbar. Das weiß der Sportler im Wettbewerb, der nach einem deutlichen Sieg im Hinspiel die Gefahr der zweiten Begegnung stets präsent hat, die bei einem sehr guten Ergebnis in der Vorrunde nicht selten nur die Nachlässigkeit fördert und Partien plötzlich unwillkürlich spannend werden. Das Selbstverständliche ist der Feind des Erfolgs; der Erfolg der Feind seiner Selbstverständlichkeit.

Hahaha

Was die Welt einen könnte: ein großes, weit schallendes Gelächter über die Dreistigkeit ihrer Mächtigen.