Es kommt kaum eine neue Technik auf den Markt, mit der nicht eine versteckte Gewalt gegen den Geist und eine Ignoranz des Körpers verbunden ist. Nur dass, sobald sie in Gebrauch kommt, sich die Geräte leicht und selbstverständlich mit Geist und Körper verbinden, besser: verbünden.
Monat: Oktober 2025
Wenn ich mich nicht irre
Im Denken gewinne ich nichts, wenn ich nicht riskiere und aushalte, widerlegt zu werden.
Große Wörter
Man kann die großen Wörter der Philosophie wie Wahrheit, Freiheit oder Verantwortung gar nicht groß genug denken. Was erst einmal nichts weiter besagen will, als dass für sie gilt, nicht in dem aufzugehen, was das Größte genannt zu werden verdiente, das je über sie zu denken möglich ist. Das Höchste, das an Wahrheit zu erleben ist, ist Freiheit. Das Tiefste, das zur Freiheit gesagt werden kann, heißt: dass sie sich als Verantwortung darstellt. Das Lebendigste, als das Verantwortung zur Erscheinung kommt, ist jene Bestätigung, dass ein Handeln nicht nur als geboten wahrgenommen wird, sondern als wahr, weil es Dasein verändert.
Was bedeutet: über die eigenen Verhältnisse leben?
So unbekannt der Autor des allbekannten Satzes ist, Politik sei die Kunst des Möglichen, so irreführend ist diese Bestimmung. Nichts ist schwieriger in der Politik, als ein Wahlvolk mit den Grenzen des Wirklichen vertraut zu machen, weil andernfalls künftig nichts mehr möglich sein wird. Wer über die eigenen Verhältnisse dauerhaft gelebt hat, spürt das Realitätsprinzip umso schmerzhafter. Das wäre große politische Kunst, ohne Furcht eine Gesellschaft über sich selbst zu desillusionieren, die darauf dankbar mit der Stimmabgabe reagiert.
Im Dienst
Politisch handeln heißt nicht, Dienstleistung als Macht zu betrachten, sondern in der Dienstleistung die höchste Form der Macht zu sehen.
Schön langsam
Es ist der zweite Blick und alle folgenden, über die Schönheit sich erschließt. Sie ist ein spätes Phänomen, ein langsames Nachwirken, das durchaus ausgelöst sein kann von der unmittelbaren Faszination für ein Gesicht oder einen Gegenstand, für eine Gegend und ein Gegenüber. Aber nicht muss. Hingerissen zu sein – ja, wovon? – ist eher ein Indiz der Blendung. Schönheit indes will gesehen werden und einnehmen, nicht überwältigen.
Bleib fröhlich
Im Unterschied zur Freude ist die Fröhlichkeit ein Werk der Unmittelbarkeit, ohne Sorge um Vergangenheit oder Zukunft, voll und ganz damit beschäftigt, die Gegenwart wunderbar und erfüllt zu finden.
Einheitlich, aber nicht eins
Es ist das Paradox eines gemeinsamen Gewissens, das Europa daran hindert, Macht auszuüben. Der schnellste Weg zur politischen Einheit ist der Verzicht darauf, sie moralisch begründen zu wollen.
Das Glück auf der Strecke
Es sagt viel über den Zustand einer Dienstleistung, wenn das, was als selbstverständlich erwartet werden darf, zum Anlass von Enthusiasmus wird: Die Stimme des Zugchefs überschlägt sich vor ungehemmter Begeisterung, als die Wagen den Bahnsteig zwei Minuten vor der Zeit erreichen. „Wir sind mal wieder unpünktlich“, so beginnt er die Ansage und lacht über sie, weil er das Sprachspiel mit dem sonst üblichen Leid der Fahrgäste amüsant findet. „Zu früh gekommen. Aber das kennen ja viele von Ihnen aus anderen Lebenslagen. Hahaha.“ Alle hoffen, dass die Türen sich unverzüglich öffnen, um der groben Peinlichkeit entfliehen zu können. Das Glück des einen ist auf der Strecke geblieben.
Wenn Ich und Ich debattieren
Es stimmt nicht, dass der Größenwahn keinen Widerspruch duldet. Er nimmt ihn nur von Fremden nicht an, weil er meint, auch das genaue Gegenteil könne er besser vertreten als jeder andere. Es gibt Politiker, denen alles daran liegt, dass sie sich selber ins Wort fallen.
Gefährliche Mixtur
Gewöhnlich lässt nicht die Macht jene, die in ihrem Besitz sind, charakterlos werden. Aber der Charakterlose sucht die Macht als hohlen Ersatz für das, was ihm an Persönlichkeit fehlt.
Das Beste hoffen
Zuversicht ist jene Form des Trotzes, die sich nicht auf das fixiert, was ist, sondern widerstandsbereit ergreift, was erst kommen soll – ein Selbstbewusstsein, das seine Leistungsfähigkeit aus der Zukunft ableitet.
Angestoßen
Der Unterschied zwischen anstößigen Sätzen und anstoßenden Gedanken entspricht der Differenz von Aktiv und Passiv: An jenen stoße ich mich; von diesen werde ich angestoßen. Beides kann schmerzhaft sein.
Schöner Gedanke
Die Liebe zum Leben ist, was einen Gedanken schön macht.
Theologie der KI
Der Name für das, was man früher als das „Wesen“ der künstlichen Intelligenz bezeichnet hätte: nämlich dass sie Leben und Lebendigkeit simuliert, also wohl in der paradoxen Formel zu fassen ist, sie sei totes Leben, der Name für diese Form der Existenz, lautet metaphysisch – Hölle. Sie ist jene Weise des Lebens, in der es sich selbst verloren hat, lebt, ohne lebendig zu sein, im Gegensatz zum Himmel, in dem alles Tote wieder lebendig geworden ist. So gesehen sollte man wissen, was herauskommt, wenn es Menschen gelingt, das Schöpferische kalt zu kopieren: etwas, das so aussieht wie Leben, sich aber von ihm durch seine Geistlosigkeit elementar unterscheidet.
Falscher Freund
Nichts wird im Selbstlob so erniedrigt wie das Selbst, das sich lobt.
Erwartungserwartungen
Es ist eine der Fragen, die eher einer Vortäuschung gleichen und doch aus ehrlichem Interesse gestellt werden: die nach der Erwartung. Da will einer wissen, was sein Gegenüber sich erhofft von der Begegnung. In dem Augenblick driften die Vorstellungen grotesk auseinander. Hier verbindet sich mit der Erkundigung sofort die Annahme, es könnten die Bedingungen gesucht worden sein, unter denen sich Sehnsüchte erfüllen ließen. Dort hingegen ging es schlicht um Präzision: um das Maximum des Abstands, von dem an die eigenen Absichten und Ziele allzu sehr abweichen von dem, was stillschweigend gefordert wird, so dass sie die Verbindung gefährdeten. Die Kunst ist, die Erwartungen überzuerfüllen, indem man sie bricht.
Zwischentöne
Ein guter Redner hört nicht nur sich selbst zu, sondern er vernimmt auch, was sein Auditorium jenseits des Gesagten an Zwischen- und Untertönen wahrnimmt und ihm widerspiegelt.
Variationen des Nichtssagens
Verstummen, bevor die Worte ihr destruktives Potential entfalten.
Schweigen, damit die rechten Worte gefunden werden können.
Stillesein, wo kein einziges Wort genügt.
Beschränkt
Aus einer Sonntagslektüre
„Die Disziplin ist ein Kontrollprinzip der Produktion des Diskurses. Sie setzt ihr Grenzen durch das Spiel einer Identität, welche die Form einer permanenten Reaktualisierung der Regeln hat. Gewöhnlich sieht man in der Fruchtbarkeit eines Autors, in der Vielfältigkeit der Kommentare, in der Entwicklung einer Disziplin unbegrenzte Quellen für die Schöpfung von Diskursen. Vielleicht. Doch ebenso handelt es sich um Prinzipien der Einschränkung, und wahrscheinlich kann man sie in ihrer positiven und fruchtbaren Rolle nur verstehen, wenn man ihre restriktive und zwingende Funktion betrachtet. Es gibt … eine … Gruppe von Prozeduren, welche die Kontrolle der Diskurse ermöglichen. Diesmal handelt es sich nicht darum, ihre Kräfte zu bändigen und die Zufälle ihres Auftauchens zu beherrschen. Es geht darum, die Bedingungen ihres Einsatzes zu bestimmen, den sprechenden Individuen gewisse Regeln aufzuerlegen und so zu verhindern, daß jedermann Zugang zu den Diskursen hat: Verknappung diesmal der sprechenden Subjekte. Niemand kann in die Ordnung des Diskurses eintreten, wenn er nicht gewissen Erfordernissen genügt, wenn er nicht von vornherein dazu qualifiziert ist. Genauer gesagt: nicht alle Regionen des Diskurses sind in gleicher Weise offen und zugänglich; einige sind stark abgeschirmt (und abschirmend), während andere fast allen Winden offenstehen und ohne Einschränkung jedem sprechenden Subjekt verfügbar erscheinen.“*
* Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, 25f.
Ich selbst
Die wertvollste und gefährlichste Form von Identität: einen festen Platz zu haben in einer Geschichte, die nicht die eigene ist.
Befund: Bedürftig
Nur der, welcher seine Liebesbedürftigkeit gut zu verstecken weiß, bekommt die Liebe, nach der er sich sehnt.
Frohsinns Sinn fürs Frohe
Wenn Trauer eine Variante des Frohsinns wäre, fehlte in ihr dem Sinn fürs Frohe der Sinn, froh zu sein. Der Frohsinn verschwindet ja nicht, auch nicht in den Zeiten, in denen ihm die Heiterkeit abwegig erscheinen muss. Es widerspricht sich nicht, fröhlich zu sein, wenn man trauert.
Super, der Markt
Immer wieder dieselbe Verlegenheit: Die Ware ist nicht zu finden im Supermarktregal. Dafür aber eine der wenigen Mitarbeiterinnen. „Darf ich Sie etwas fragen?“ Die stereotype Antwort, die meistens kommt – „das hamse doch gerade schon, junger Mann“ – bleibt diesmal aus. Stattdessen: „Ja, aber nur ein Mal.“ Die eigentliche Frage also, wo diese Sache denn stehe, verbietet sich. „Ich suche …“ „Da haben Sie aber Glück“, sagt die kundige Kollegin. „Was glauben Sie, was ich den ganzen Tag über alles suche. Nur mich sucht keiner. – Hier.“ Sie holt das begehrte Objekt mit schnellem Griff aus dem obersten Fach. Das gemurmelte „Danke“, das die Verblüffung überspielt, kommentiert sie noch: „Ich versteh‘s ja auch. Den meisten bleibt die Spucke weg, wenn ich den Mund aufmache. Ich bin ihnen zu frech. Aber mit dir tät‘ ich‘s versuchen. Du bist einer von der schnellen Sorte und hast kapiert, dass man da keine Nachfrage stellt. Schade. Und tschüss.“ Es gab keine Gelegenheit, irgendetwas Verbindliches zu erwidern. „Ja, tschüss!“