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Aphorismus: Satz, bei dem die Entscheidung nicht lohnt, ob er zu schön ist, um wahr zu sein, oder so schön ist, das er als wahr erscheint.

Geistiges Eigentum

Es gehört zur paradoxen Fragilität geistigen Eigentums, dass dessen Gefährdung zugleich Schutz ist: In der Veröffentlichung legt der Autor sein Inneres, Gedanken, Gefühle, Geschmack, in die Hände eines Publikums, von dem er hofft, dass es den Anstand besitzt, die lose Kopplung zwischen ihm und seiner Äußerung als eine feste Bindung anzuerkennen. Allenfalls über den Stil lässt sich eine namenlose, aber keineswegs anonyme Zuschreibung zum Werk einfordern. Sonst indes gilt: Geistiges Eigentum lässt sich nur halten, indem man es weggibt. Will man es für sich behalten, ist es nichts wert.

Identitätsstiftung

Das traditionsstiftende Gebot im Dekalog. das eine generationenübergreifende Verpflichtung formuliert – „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, daß dir der HERR, dein Gott, gibt“ (Ex 20,12) – , fordert mehr als ein versöhnliches Miteinander derer, die Freud in einen kulturgefährdenden Tiefenkonflikt verstrickt sah. Es wirbt für die Anerkenntnis der Diskretion in einem Verhältnis, das wie nichts sonst die eigene Identität prägt, und somit bedroht. Von denen, die einzig Auskunft geben können über die Anfänge der Nachgeborenen, sollte man nie verlangen, dass sie das ungebührlich tun. Was wüsste man schon über sich, wenn man zu wissen meint, was sich dem Wissen entzieht, hier wie dort.

Moralische Bescheidenheit

Der schönste Zug an einer großen Haltung ist ihre Zurückhaltung.

Kunst, Handwerk

Das zeichnet den Künstler aus vor dem (Kunst-)Handwerker, dass er sich das Recht herausnehmen darf, sein Werk nicht zu interpretieren. Es gibt ein Arbeitsniveau, das kaum verträgt, wenn man es reflektiert, weil sein Erfolg unmittelbar abhängt von der Naivität des Handelns.

Goldener Satz

Was sonst nur an der Rede schillernd sichtbar wird: die Verlegenheit, nicht zu wissen, wem man mehr glauben soll, der Wahrheit einer Einsicht oder der Eitelkeit dessen, der sie vorträgt, das findet sich auch im Aphorismus. So manches Wortspiel hat im Bemühen um eine prägnante Form seinen Inhalt verloren.

In der Rolle des Lebens

Wie schwer es dem Individuum fällt, ein anderes zu sein, wird deutlich, wenn das Leben gelegentlich verlangt, einen radikalen Rollenwechsel vorzunehmen. Der Liebhaber avanciert zum Ehemann, was nur unverbesserliche Romantiker als Fortschreibung, gar Steigerung seiner angestammten Aufgabe ansehen. Dem Schüler bietet der Lehrer nach Ende der Ausbildung die Freundschaft an, was mehr ist als die Öffnung eines ohnehin schon vorgehaltenen Gefühls. Der Kollege wird zum Chef befördert, was die nun Untergeordneten zweifeln lässt, ob er je einer der ihren war. Nicht selten geht mit dem Rollenwechsel eine Veränderung einher, die zur Verblüffung aller weit tiefer reicht als die erhoffte Intensitätszunahme einer ursprünglich gepflegten Beziehung. Jeder Schauspieler weiß, dass man Rollen nicht einfach annimmt, sondern in sie hineinwachsen muss. Ein höchst gewisses Indiz, wann das in Lebensverhältnissen angezeigt ist, mag die Befremdlichkeit sein, die in einer Partnerschaft plötzlich auftritt, weil an der Zeit ist, was noch nicht ausgesprochen und realisiert wurde. Oder die unfreiwillige Komik, die hinter einem langjährigen „Sie“ lauert, das so vertraut ist, dass es fast wie ein „Du“ klingt. Mit der Änderung des Beziehungsstatus geht allerdings oft auch einher, was der Revolutionär der modernen Dichtung, Arthur Rimbaud, mit seiner berühmten Formel „Ich ist ein anderer“* allgemein anzeigte: dass nicht nur Naheliegendes nach neuer Verlässlichkeit sucht, sondern dies nur kann, weil selbst das Nächstliegende wesentlich unzuverlässig ist.

* „Je est un autre.“ – Brief an Paul Demeny vom 15. Mai 1871

Zum Martinstag

Leben: Man kann es versuchen, aber der Rest ist Geschenk.

Halbzeitbilanz einer Präsidentschaft

Die radikale Schamlosigkeit kann das Handeln erst begleiten, wenn einer meint, nichts mehr zu verlieren zu haben, nicht weil er glaubt, mit ihr besonders viel zu gewinnen.

Butterbrot

Der Applaus ist die Butter auf dem Brot des Künstlers*; fürs Brot allein sorgt schon die Anwesenheit des Publikums, gleich ob es klatscht oder buht. Was wäre ein Maler, der keines seiner Bilder verkaufte; was ein Schauspieler, der stets vor leeren Rängen stünde; was ein Konzertpianist, dem niemand zuhörte? Kunst ist ein kommunikativer Akt. Für sich bedeutet sie gar nichts. Sie steht zwischen Produzent und Rezipient.

* Der große Johannes Gross schrieb einst im FAZ-Magazin: „Der Applaus ist das Brot des Künstlers.“

Sorgenfrei

Sorge: Die Angst lernt lieben, bis die Liebe die Angst vertrieben hat.

Machtverteilung

Es gehört zur Demokratie, dass das, was sie lebendig erhält, dasselbe ist, was eine Regierung lähmt: der zwanglose Zwang, dem besseren Argument zu folgen. Wie so vieles – Lust, Bildung, Kultur – gewinnt auch sie in der beabsichtigten Verzögerung ihr höchstes Niveau.

Morgentoilette der Theorie

Nicht wenige Theorien betreiben einen so großen Aufwand, ihren eigenen Begriffsapparat in Ordnung zu halten, dass die Sache, um derentwillen er entwickelt worden ist, ganz und gar aus dem Blick gerät. Es ist wie bei einem Menschen, der mit seiner Morgentoilette derart intensiv beschäftigt ist, dass er darob die Verabredung vergisst, wegen der er sich kosmetisch so ins Zeug legt.

Sanfte Schockwellen

In jeder Aufklärung steckt ein heimlicher Aspekt von Langeweile. Wer faktisch erfährt, was er immer schon vermutet hat – betrügerische Machenschaften im Sport, Intrigen in der Politik, Verlogenheiten in der Wirtschaft, Heuchelei in der Kirche –, ist am Ende enttäuscht. Den Spalt zwischen Ahnung und Wissen schließt die Phantasie mit ihrem Vergnügen am endlos boshaften Gedankenspiel. Dem raubt die Aufdeckung eines Skandals die stete Lust an der einbildungskräftigen Skandalisierung. Nichts interessiert weniger als das entblößte Ärgernis, mit dem ohnehin jeder schon gerechnet hat.

Fürs erste für immer

Die vorgebliche Rücksichtnahme auf die ungezählten, besser: unzählbar vielen Standpunkte, die eine eigene Meinung nur als unverbindlichen Gesprächsbeitrag im großen Orchester chancenreicher Positionen zulassen, der allenfalls auf einen Kompromiss hinausläuft, ist die (denk-)faule Verachtung der Handlung. Aus Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, vermeidet man Einseitigkeit und somit die Entschlossenheit, einen klaren Weg einzuschlagen. Alles bleibt jederzeit rasch revidierbar, sobald sich verlockendere Perspektiven ergeben oder stärkere Sichtweisen die Auseinandersetzung suchen. Jenseits von schwachen Statements steht, was den Anspruch erhebt, überzeugend zu sein, was Bestimmtheit erwartet, gar Endgültigkeit behauptet, im Verdacht eines ungerechtfertigten Machtverlangens. Selbst die Hochzeitskartengrüße spielen mit der Furcht, sich festzulegen: „Fürs erste für immer“, lautet der augenzwinkernde Wunsch. Wer weiß schon, was morgen sein wird. Es sei doch so vieles (andere) möglich. Wohl wahr. Umso wichtiger wäre, dass nicht alles Mögliche möglich bleibt.

Mach nicht so ein Theater

Jede gute Bühnendarstellung bewegt sich spielerisch im Freiraum zwischen Absicht und Langeweile, den beiden Stimmungsmarkern, die anzeigen, dass eine Inszenierung kritisch gekippt ist. Wenig ermüdet stärker als ein Theaterstück oder öffentliches Gespräch, das erkennbar nicht anöden soll. Und kaum eine Aufführung weckt die Lust, während der Vorstellung aufzustehen, intensiver als jene bierernsten Dramen, bei denen selbst Dialogfetzen die ganze seriöse Botschaft enthalten. Das Glück des Publikums ist leicht beschrieben: unbeschwert ins Denken zu finden, intelligent unterhalten zu werden.

Atemlose Aspiranten

Wenn es eine ausgezeichnete Rolle gibt, die diese Zeit repräsentiert, so ist es der Kandidat. Es wimmelt vor Bachelors, den Frauen, die der Bauer sucht, Supertalenten, Bewohnern und Bewerbern des Dschungelcamps, Aspiranten auf hohe Parteiämter, Startups in der Höhle des Löwen, Hoffnungsträgern im Trainerkarussel, Abteilungsleitern, die ins Rennen geschickt werden ums Innovationsbudget, Bewerbern im Assessment-Center, und nicht zuletzt den Anwärter-Jurys, aus der ein Präsident hervorgegangen ist, der nun seine engsten Mitarbeiter wie Dauerkandidaten behandelt, über deren Schicksal es täglich neu zu entscheiden gilt – als sei die Welt ein einziger Tummelplatz, auf dem Menschen gezwungen werden, sich von ihrer Schokoladenseite zu zeigen. Die Wirklichkeit des Kandidaten ist das Warten; das allerdings muss zur höchsten Betriebsamkeit umgelogen werden, ohne dass der Anwärter sonst wirken könnte. Was wäre das für ein Bewerber, der sich mit nichts als Enttäuschungen vorstellte: Ich habe nichts zu sagen (weil ich endlich aufhören will mit Reden, um handeln zu können); ich kann nichts versprechen (weil am Ende ohnehin nur zählen soll, was ich erreicht habe); ich bin es leid, mich zu präsentieren (weil es um mich gar nicht geht, sondern um die Veränderung der Sache)? Würde man ihm trauen? Und was traute man ihm zu?

Zu schnell, zu leicht

Im Nachhinein stellt sich das Vorurteil auch als ein Gedanke heraus, der zu schnell getroffen, weil die Sache für zu leicht befunden wurde. Leichtfertigkeit und Voreiligkeit sind die Gefahren einer Intelligenz, deren rasche Auffassungsgabe sie stets einen Vorsprung gewinnen lässt vor denen, die zwar länger hinsehen, oft genug aber weniger erkennen. Ist das Vorurteil nur das Ergebnis einer allzu temporeichen Vernunft? Wenn das als – am ehesten verzeihlicher – Grund ausscheidet, bleiben jene Motive, für die der Verstand unzuständig, der Charakter indes verantwortlich genannt zu werden verdient.

Thesenanschlag

Jede These ist ein Anschlag auf die eigenen Überzeugungen. Als Luther seine fünfundneunzig Sätze wider den Brauch der Kirche, einen Geldhandel mit der Sündenvergebung zu treiben, an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg beifügte, legte er mit der Reihenfolge der Behauptungen das Gewicht auf das, was im Testament „Buße“ heißt: die radikale Lebensänderung. Ihr maß er alles zu an Bedeutsamkeit – nicht den Äußerlichkeiten, Autoritätszusagen, Ablassgeschäften. Vor der Umkehr, dem Existenzwandel, steht der Wille, so der Reformator, für sich Verantwortung zu übernehmen und anderen oder anderem weder die Schuld zuzuschreiben für das eigene Los, noch von ihnen Schuldbefreiung zu erhoffen. Es sei denn, aber das ist ein Verweis auf Geist und Kraft, der Glaube könne reichen, das alles zu erbeten von Gott. Indem Luther seine Thesen gegen die ökonomische Ausbeutung der Seelenqual mit Hilfe von Strafandrohungen schrieb, befreite er nicht nur den Menschen von seiner schlimmsten Erfindung, der Folter mit dem schlechten Gewissen und dem Spiel mit der Angst. Er befreite auch Gott von seiner übelsten Rolle: der eines Zuchtmeisters und Menschenpeinigers. Die Thesen sind ein Anschlag auf alles, was durch machtvolle Unterdrückung und unterdrückte Macht an Unrecht geschieht. Und: Die Befreiung des Menschen muss keine Befreiung von Gott bedeuten; sie kann aus der Freiheit Gottes erwachsen. Selbstgewissheit und Barmherzigkeit schließen einander nicht aus, sondern bedingen sich.

Der kleine Dienstweg

Auf dem kleinen Dienstweg geht der Mitarbeiter im Zeitalter der Dokumentation und des Controllings Schritte mit dem größten Risiko.

Das muss Folgen haben

Die größeren Fehler werden gemacht, wenn Fehler, die gemacht wurden, derart drucksend eingestanden werden, dass das Geständnis, so unangenehm es ist, selber schon als die größte Folge zu gelten hat, auf dass danach folgenlos weitergehandelt werden kann wie zuvor. „Rückkehr zur Sacharbeit“ ist das Leitmotiv von Funktionären, die nicht verstanden haben, dass Politik sich nicht in Verfahrensfragen erschöpft.

Warenwelt, Welt des Wahren

Zum Meinungsaustausch brachte jeder Diskussionsteilnehmer nur Beiträge mit, die ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten hatten. Man kannte das Sortiment der Sichtweisen aus ungezählten Unterredungen und wusste, dass nichts Frisches hinzugekommen war. Am Ende blieben sie alle auf ihren alten Anschauungen sitzen; ein Handel fand nicht statt. Nie stellt die Welt die Suche nach Wahrem schneller ein als angesichts der Sucht der Warenwelt nach schnellen Einstellungen.

Kompromisslösungen

Das Wesen politischer Kompromisse ist, dass alle gleichermaßen unzufrieden sind, die sich Problemlösungen versprochen hatten, und jene überaus zufrieden sind, die um sie gerungen hatten.

Gute Gefühle, schlechte Gefühle

Meist sind es die edlen Gefühle, denen wir wünschen, dass sie lang anhalten. Nicht nur die Lust*, vor allem die Liebe will Ewigkeit. Und erfährt nicht selten ernüchtert, dass sie nicht einmal das Ziel gemeinsamer Projekte und Projektionen erreicht. Oft sind es die niederen Leidenschaften, die sich bis in die nächsten Generationen fortsetzen. Rache- und Hasskreisläufe, Neid und Missgunst müssen radikal durchbrochen werden, soll Ruhe, gar Frieden einkehren. Und bauen sich trotz Verzeihungswille und Neuanfangsanstrengungen heimtückisch wieder auf. Die Tendenz zur Unendlichkeit gehört zu den schlechten Regungen des Lebens.

* „Lust will aller Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.“ – Nietzsche, Zarathustra, Das Nachtwandler-Lied 10 und 11