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Im Zenit

Am gefährlichsten ist Macht in dem Moment, da sie ein Bewusstsein erlangt hat von ihrer Stärke. Sich im Zenit zu sehen, bedeutet, ihn gerade überschritten zu haben. Oft erwächst Gewalt aus nichts anderem als auch einer Macht, die erkennt, dass sie sich nicht mehr steigern lässt.

Das unsoziale Soziale

Das einflussreichste Wort der politischen Sprache ist der Ausdruck „soziale Gerechtigkeit“. Ihm sich zu widersetzen, bedeutet Machtverlust. Es unterscheidet die Guten von den Bösen. Wer es für sich in Anspruch nehmen kann, vermag zu bestimmen, wem im Namen des höchsten Ideals genommen werden kann, um denen zu geben, die vermeintlich bedürftig sind. Wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, verwandelt sich demokratische Politik leicht ins Diktatorische.

Schau mich nicht so an

Sich schämen bedeutet, sich mit dem identifizieren zu müssen, was man selber nicht sein will. Es ist der Verlust der Distanz, der Zwang, „das und so bin ich“ zu sagen zu der Verweigerung, sich als so widersprüchlich zu akzeptieren, dass auch das Gegenteil stimmt: Das und so bin ich bestimmt nicht.

Vertrauen, Vertrautheit

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

Wenn sie sich nicht verwundert nach ihm umgedreht hätte, er wäre schnurstracks seinen Weg weitergegangen. Er hatte sie nicht erkannt. „Hej“, rief sie ihm zu. Verblüfft hielt er inne: „Ja?“ „Kennst du mich nicht mehr?“ Für einen Moment schien er ratlos zu sein. Dann klärte sich sein Blick beschämt: „Du siehst so anders aus. Deine Haarfarbe, die Frisur, solche Schuhe hast du früher immer verabscheut. Natürlich kenne ich dich noch. Wie geht’s dir? Was ist passiert, dass du so verändert bist?“
Mit diesen Fragen stolperte er in ein Gespräch, mit dem er so gar nicht gerechnet hatte. „Lass uns erst einmal einen Ort suchen, an dem wir reden können. Hast du überhaupt Zeit?“ Das nahegelegene Universitätscafé, das alle nur mit seinem vormaligen Namen „Heimat“ nannten – der Besitzer hatte vor zwei Jahren überraschend gewechselt –, bot einen diskreten Raum inmitten der Sommersemesterferien. Sonst war im „Fern der Heimat“, so hieß das Lokal früher mit vollem Namen, selten ein Platz zu finden nach zehn Uhr morgens, der nicht mit Laptops, Bücherbergen oder einem Notizbuch vollgestellt war. „Erzähl!“, forderte er sie auf, „warum hätte ich dich fast nicht wiedererkannt, obwohl ich dich im Leben nicht vergessen werde?“
„Na ja, warum ausgerechnet du mich nicht erkannt hast, weiß ich nicht. Ich bin schon ein bisschen beleidigt“, so hob sie an. „Ok, ich war mal blond, aber das hat mir nach der Trennung von meinem damaligen Freund nicht mehr gefallen. Das kennst du doch: Die Zeiten ändern sich, wir uns mit ihnen. Und manchmal sind solche Änderungen halt radikal.“ Sie hielt inne. Mehr wollte sie offensichtlich nicht erklären. „Und du so?“
„Und ich? Was soll ich sagen. Ich bin noch der alte, so wie du ihn vielleicht noch erinnerst.“
„Ganz der alte, ja. Bis auf die Gesichtserkennung. Die scheint nicht mehr so gut zu funktionieren. Sind sonst noch wichtige Funktionen ausgefallen?“, warf sie lachend ein. „Entschuldige, bitte. Nein, nein.“ Er war etwas verwirrt ob ihrer forschen und frechen Rede. „Dann bin ich ja beruhigt“, fuhr sie fort. „Also, sag schon. Immer noch angestellter Arzt im Praxisverbund?“ „Schon lang nicht mehr“, erwiderte er. Kurz nachdem sie beide auseinandergegangen waren, hatte er sich auch verabschiedet von seinem Arbeitgeber und war umgezogen in die Universitätsstadt ein wenig nördlich der Flussbiegung. Er hatte eine Praxis günstig gekauft von einem Kollegen, der einen Nachfolger gesucht hatte. Als er davon berichten wollte, unterbrach sie ihn wieder. „Wie findest du eigentlich die neue Frisur? Und meine Brille, auch neu?“ Da war sie wieder. Auch wenn er wohl an ihr vorbeigelaufen wäre vorhin, ihre Art hatte sich nicht einen Deut verwandelt: Am Ende ging es immer nur um sie. Und in ihm krochen präzise die Gefühle hoch, tief aus der Seele, die er hatte, als er es vor Ewigkeiten nicht mehr ausgehalten hatte mit ihr, diese Ich-Bezogenheit, dieses nie ermüdende Anerkennungsbedürfnis, das fast krankhafte Desinteresse am Empfinden anderer. „Super“, log er sie an. „Ein neuer Mensch. Soll ich ehrlich sein? Du entsinnst dich noch, was ich dir einmal vor Jahren gesagt hatte, dass ich dir zwar vertraute, aber sich zwischen uns nie Vertrautheit eingestellt hatte. Ja? Jetzt ist es fast umgekehrt. Ich finde das alles vertraut: deine Verwandlungskunst, der plötzliche Wechsel von einer Frage nach mir zur Aufforderung, über dich Auskunft zu geben, die Bestätigungssucht, das alles kenne ich, als hätte ich es gestern zum letzten Mal erlebt. Aber das Vertrauen zu dir, das ist völlig weg. Und wird sich wohl auch nicht mehr einstellen.“
Im Café war es plötzlich auf unheimliche Weise still. Als hätte einer die Atmosphäre ausgeknipst. Der Kellner brachte gerade den bestellten Kuchen. Die Tasse mit dem Cappuccino war noch nicht angerührt. Wortlos stand sie auf und verließ den Tisch.

Is’ was, Doc?

Manche Manager tragen den Doktortitel wie einen Künstlernamen.

Geschmacklos

Nichts offenbart den niederen Charakter eines Menschen deutlicher als seine Unfähigkeit, anders als durch Geschmacklosigkeiten zu provozieren.

Aus der Welt der Tiere

Aus einer Abendlektüre

„Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu verzichten, daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer Sublimierung gebracht hat, und von dem man erwarten darf, daß er seine Entwicklung zum Übermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen, auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist.“*

Freud, Jenseits des Lustprinzips, 50f.

Gelächter

Lächeln sucht Nähe, Lachen schafft Distanz.

Danke, bestens

Seit einiger Zeit beginnen ungezählt viele Nachrichten, per Mail oder Messenger verschickt, mit der Standardfloskel „Ich hoffe, es geht Ihnen gut“. Nichts trostloser als diese einfallsfreie Eröffnung, nichts hohler als diese Hoffnung, die schon deswegen keine sein kann, weil sie auch von wildfremden Menschen gedankenlos nachgeplappert wird. Ob hier künstliche Intelligenz ihren Mangel an Kunstfertigkeit in der Sprache schon zeigt? Oder die Armut sich ausdrückt, die nicht einmal mehr weiß, wie sich eine Anrede sinnvoll formulieren lässt, die gewinnt und interessiert? Man kann nur hoffen, dass es jenen noch gutgeht, denen sonst nichts mehr einfällt, um eine Beziehung schriftlich auf- oder gar auszubauen.

Gut getroffen

Nie ist die Sprache genauer als im schärfsten Streit. Alles kommt darauf an, mit Worten ins Mark zu treffen.

Mit seiner Aufgabe wachsen

Es sind die Aufgaben, die aus Personen Persönlichkeiten machen.

Mach‘s besser

In der Schule gab es Zwischenzeugnisse. Sie sind wertvoller als der benotete Jahrgangsabschluss. Noch hat das Kind eine fürs Leben wesentliche Erfahrung vor sich. Es kann selber entscheiden, wie das letzte Wort in der Sache aussehen soll. Was für ein Privileg.

Zwischen Zuversicht und Hoffnung

Zuversicht: das Wahrscheinliche für unwahrscheinlich zu halten.
Hoffnung: das Unwahrscheinliche als wahrscheinlich anzunehmen.

Der neue Ton

Die Bahn, um das Lieblingsverkehrsmittel wieder zu bedenken, ändert ihren Stil: Keine Erklärungen mehr im Zug für die Verspätung, die Anschlüsse werden hingegen professionell abgearbeitet. Die Ticketkontrolle fällt öfter aus oder ergeht im lockeren Ton: Haben Sie vielleicht Lust, ihre Fahrkarte zu zeigen? Noch gibt es keine belastbaren Erfahrungsberichte darüber, was passiert, wenn der Passagier sagt: Das muss heute leider ausfallen. Ich bitte um Entschuldigung.

Der Zauber der Welt

So lang die Welt noch nicht entzaubert ist, hat sie eine Zukunft. Wenn es dem Kind gelingt, die erste Enttäuschung darüber, dass das Wort des Älteren: „Du musst nur ganz fest daran glauben“, nicht immer selbstverständlich den Erfolg herbeibringt, wenn es diesem Menschen glückt, später zu sagen: „Du kannst mir ganz und gar vertrauen“, dann ist noch nichts verloren. Das ist zwar kein magischer Satz mehr, aber in der Verlässlichkeit verbirgt sich das Geheimnis des Lebendigen.

Der Partner als Publikum

Für den Narzissten ist jeder Partner nichts als ein Publikum. Schon deswegen braucht er mindestens zwei: einen, mit dem er etwas anstellt, andere, für die er das tut.

Was da ist, wenn etwas fehlt

Definition der Trauer: das Dasein des Fehlens.

Nein!

Jedes Selbstbewusstsein hat einmal begonnen mit einer Befehlsverweigerung.

Blinde Ohnmacht

Viel wahrscheinlicher, als dass die Macht an sich böse sei (Jacob Burkhardt), nutzt das Böse das Gefühl der Ohnmacht.

Das wichtigste Talent der Vernunft

Es gibt eine Bescheidenheit, die sich nicht als moralisch versteht. Wir nennen sie Selbstkritik.

Selbstachtung

Schon aus Gründen der Selbstachtung sollten alle anderen Politiker dem einen gegenüber, dem nur eines nicht gleichgültig ist: er sich selbst, es künftig, um sich fundamental zu unterscheiden, mit der Wahrheit genau, mit den Tatsachen zuverlässig, mit der Verantwortung ernst und mit dem Respekt würdevoll halten. Und nicht gelegentlich in denselben Jargon wechseln. Mehr denn je ist das Ethos derer gefragt, die zu entscheiden haben. 

Alles nur ein Spiel

Wenn auf der Weltbühne alle ein Spiel miteinander spielen, von dem jeder weiß, dass der andere mit einem nur spielt, wird die Lage im ganzen ernst. Zu den größten Leistungen, der nichtssagenden Rede eines egomanen Wirrkopfes zu lauschen, gehört gewiss die Selbstbeherrschung, zwischendurch nicht lauthals zu lachen oder fassungslos den Kopf zu schütteln. Die standing ovations am Ende der Ausführungen spiegeln nur die Erleichterung, es geschafft zu haben. Kein einigermaßen Vernunftbegabte kann den Applaus anders interpretieren, nicht einmal der, dem er gilt. Denn auch dieser ist nicht so dumm zu glauben, seine vorgetragene Suada aus fake news, offenkundigen Lügen, Unverschämtheiten und belanglosem oder sinnfreiem bullshit könne überzeugen, gar beeindrucken. Es ist nichts als ein Machtspiel. Und jeder weiß es. Aber wehe, einer tritt an den Bühnenrand oder ruft aus dem Publikum: „Alles nur ein Spiel!“ Dann wird es ernst.

Was kostet Zynismus?

Der soziale Preis, den der Zyniker bezahlt, ist hoch: Er muss auf jede Art von Freundschaft verzichten.

Wir Dienstleister

Service: Codename für den Betrug am Zeitkonto des Kunden.