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Traditionsbildung

So wenig wie alle großen Denker, von Aristoteles bis Adorno, noch für die Lösung der drängenden Gegenwartsprobleme taugen, so wichtig sind sie für die Bildung von Geist und Herz, die allererst erlauben, dass wir uns dieser Fragen angemessen annehmen. Umgekehrt wäre fataler, wenn künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeitstheorien oder Digitalisierungstrategien auch die Aufgabe übernehmen sollten, Vernunft und Sinn zu begaben. Vergesst die Philosophen, wenn es um die Antworten geht; erinnert euch ihrer, sobald ihr nicht mehr wisst, wozu und warum ihr sie sucht.

Der Sinn des Lebens

Vielleicht ist Einsamkeit die schärfste Variante dessen, wie sich der Sinn des Lebens erschließt: als Ahnung, verloren zu haben, was mich unbedingt angeht, ohne dass sich genau sagen ließe, was es ist.

Mamma mia

Der Italiener nebenan verspricht ein Essen wie bei Muttern und lockt den Toskanafreund mit vertrauten Speisen auf der kleinen Karte: mit Fiorentina oder einem Landwein aus der feinen Fattoria und Pinzimonio, dem Rohgemüse, das nur mit bestem Olivenöl schmeckt. So verführt fragt er nach dem Rind – das komme doch vom Chianina? „Entschuldigung, woher?“ Der Kellner gibt unfreiwillig zu verstehen, dass er nichts weiß von den sensibelsten aller Jungochsen, die das beste Bistecca geben. Dann also bitte erst einmal den Rosso aus dem entlegenen, edlen Weingut. „Den haben wir zur Zeit nicht.“ Die Laune des verführten Gastes verdüstert sich. Was er denn stattdessen anbiete? „Unseren Hauswein.“ Und wie das Fleisch serviert werde? „Wie in Italien, mit Bratkartoffeln und Speckbohnen.“ Ob die Karte noch vom früheren Besitzer des Restaurants stamme, wirft der hungrige Besucher ein, steht auf und verlässt das Lokal, in dem zu speisen er kein Verlangen mehr hat. Essen wie bei Muttern? Dort war die Kost wenigstens immer ehrlich.

Was macht die Macht?

Selbstbehauptung ist der Anspruch, mit denen Mächtige ihren Gestaltungswillen gegen Widerstände hartnäckig durchsetzen. Wenig ähnlich ist sie mit dem Selbsterhalt, auf den das Tun der Mächtigen hinausläuft, wenn sie den Willen verloren haben, Welt zu verändern. Eine Regierung, die ihre Anstrengungen kaum mehr nach außen richtet, hat ihre Kräfte zwar nicht erschöpft. Aber sie lässt vor allem Aufgaben erledigen, deren einziger Zweck ist, in Zukunft noch Aufgaben erledigen zu können. Man nennt das Verwaltung. In der Bürokratie ist die Macht ihrer selbst ansichtig geworden und hat sich in sich selbst verliebt. Sie ist die narzisstische Variante der Herrschaft.

Mustererkennung

Zu den größten Leistungen eines Lebens gehört, nicht nur die eigenen Muster zu erkennen, nach denen man handelt, sondern diese Muster zu durchbrechen, wenn dieses Handeln nicht zuträglich ist. Vielleicht ist das Scheitern an dieser Aufgabe der einzige und tiefere Sinn des sonst unsinnigen Worts, das könne man sich selbst nicht verzeihen.

Grenzöffnung

Sobald die fremden Widerstände wegfallen, ist der Eigensinn aufgerufen, für Klarheit zu sorgen. Ein Mauerfall, der als Befreiung erlebt wird, hat die Aufgabe nicht erledigt, sondern stellt sie abermals in veränderter Weise. Es gibt keine Identitätsstiftung ohne eine präzise Benennung dessen, was nicht zugänglich ist. Limitiert zu sein, schafft Konturen des Innen und fordert nicht nur Verbote gegen die Übergriffslust des Außen. Wie umgekehrt dieser Hang, sie zu überschreiten, die Grenze allererst ins Recht setzt. Zwei Grenzöffnungen binnen dreißig Jahren haben Deutschland in eine Formkrise gestürzt, die aufzuheben allein in der behutsamen Entdeckung liegen wird, dass Beschränkungen einen Zweck haben: zu orientieren.

Lass uns Freunde bleiben

Nie ist eine Freundschaft weniger ernstgenommen als in den Vor- und Nachphasen einer Liebe. Nur selten taugt die eine zum Steigbügelhalter der verwandten Regung, die dennoch, vielleicht der großen Nähe wegen, ihm so fremd ist. Der Liebe fehlt die Illusionslosigkeit der Freundschaft; die Freundschaft versteht den Absolutismus des Liebesglücks nicht. Lass uns Freunde bleiben: das ist ein Verlegenheitssatz, der aus der Zwickmühle zwischen Gewissen und Pflicht stammt und meint, dem Geliebten etwas schuldig zu sein, das sich nicht mehr geben lässt. Er wird der Liebe nicht gerecht und entehrt die Freundschaft zum Ort für die Verwertung von Gefühlsresten. Keine hat das so scharf analysiert wie die junge Marcelle Sauvageot, die in Briefen an ihren früheren Verlobten aus dem Jahr 1930 das leidenschaftliche Dokument einer gescheiterten Liebe hinterließ: „Unsere Freundschaft wird in Zukunft etwas sehr Hübsches sein; wir werden uns Ansichtskarten von unseren Reisen und zu Neujahr Pralinen schicken. Wir werden uns gegenseitig besuchen, wir werden einander von unseren Plänen erzählen, wenn diese dabei sind, sich zu verwirklichen, um den anderen ein wenig zu kränken und im Falle eines Scheiterns sein Mitleid nicht erdulden zu müssen; wir werden vorgeben zu sein, was wir zu sein glauben, und nicht, was wir sind; wir werden einander oft ,Danke‘ und ,Verzeihen Sie‘ sagen, freundliche Worte, die man so dahinsagt. Wir werden Freunde sein. Glauben Sie, daß das nötig ist?“*

* Marcelle Sauvageot, Fast ganz die Deine, 20

Wenn die Dunkelheit einbricht

Es gibt Stadtquartiere, die ihre Anmut nur wenigen Attraktionen verdanken und von denen doch ein unwiderstehlicher Zauber ausgeht. Da ist der Bäcker, vor dem abends um halb acht Menschen begierig Schlange stehen, um von der letzten Lage ofenwarmen und frisch duftenden Brots noch einen Laib zu bekommen. Da leuchten am unscheinbaren Eck Schaufenster voller Blüten, so dass auch der zweite Blick nicht ahnen lässt, ob es sich um einen Blumenladen handelt oder ein feines Restaurant, der zwei gedeckten Holztische wegen, die den späten Gast einzuladen scheinen. Da ist das schmale, holzgetäfelte Geschäft, das aus einer längst vergangenen Zeit stammt und nur Lederhandschuhe anbietet, in allen Farben und Größen. Der Passant verliert sich in all den Auslagen, aber er fühlt sich nie verloren in dem Viertel, in dem er sich heimisch weiß, obwohl er es zuvor kein einziges Mal betreten hatte.

Dumpf, dreist

Gegen jene unerträgliche Dummheit, die sich in der Macht verbirgt, hat sich eine widerwärtige Dumpfheit gesetzt, die aus dem Gefühl der Ohnmacht herausgequollen ist. Beide verbindet mehr, als es der Anschein verrät: Sie lassen sich nicht mehr berühren, überspielen hier als Arroganz die Einwände der Realität oder unterlaufen dort als Ressentiment die ehrliche Anstrengung, Wirklichkeiten zu verändern.

Widerworte der Wahrheit

Die wirksamste Weise, Wahrheit nicht hören zu müssen, ist: unablässig zu reden. Das ist das Gefährliche am Schweigen, dass es Raum schafft für Einsichten, die schmerzen. Im Grunde ist die Psychoanalyse selber jene Verdrängungsstrategie, als deren Entlarvung sie sich ausgibt. Ihre peinlichste Illusion besteht darin zu meinen, es genüge, den Klienten über lange Zeit sprechen zu lassen, ohne dass ihm erwidert wird. Der Arzt sitzt arrogant im Hintergrund und übernimmt die folgenlose Rolle eines Sekretärs für die Seele, die ihm zu Protokoll gibt, was sie beschäftigt. In solchen Sitzungen erfährt der Patient leidvoll allenfalls seine Einsamkeit, nie jenes Widerwort, das ihn erwachen lässt.

Disharmonie und Demokratie

Man sollte keinen Streit vom Zaun brechen, solange man nicht weiß, nach welchen Grundsätzen er entschieden wird. Die wiedererwachte Lust an der Auseinandersetzung bleibt ein belangloser Austausch von Meinungen mit Spaltungsfolgen, wenn nicht wechselseitig die zwingende Kraft des besseren Arguments anerkannt wird. Im Idealfall steht am Ende der Debatte die Versöhnung von Kontrahenten, die beide einander beglückt eingestehen, dass sie durch den Widerspruch des anderen zu stärkeren Einsichten gefunden haben.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

Viele, die als Leiter oder Führungskräfte, Behördenlenker, Dekane und Unternehmenschefs eingesetzt sind, sehen ihre Aufgabe darin, für andere Arbeit zu schaffen, und erfüllen sie, indem sie anderen Arbeit machen.

Anatomie des Abschieds

Jede Entscheidung von Gewicht gelingt in dem Maße, wie sie ergreift, was hinter ihr liegt, und ergriffen ist von dem, was ihr voraus ist. Die Kunst, sich so zu verabschieden, dass der Entschluss als letzte Form der Befreiung erfahren wird, lässt sich allzu gern korrumpieren von Beharrungskräften wie Gewohnheit, Angst, Treue, Trägheit, und hängt in ihrer Qualität nicht zuletzt ab von den Attraktionskräften einer neuen Perspektive. Das Leben ist eine Abfolge von Abschieden; dessen Lebendigkeit zeigt sich weder in versonnener Erinnerung noch im gewaltsamen Verdrängen dessen, was man zurückgelassen hat, sondern in einem Schatz an Erfahrungen, deren Belastbarkeit es zu erproben gilt. Ein Abschiedsgewinn könnte der Zuwachs an Wachheit und Unterscheidungsklarheit sein. Rilke hat im XIII. Stück der „Sonette an Orpheus“ gefordert: „Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter / dir …“* Es ließe sich mit Fug die Zeile wenden: Nimm allen Abschied mit, sonst hast du nichts vor dir.

* Sämtliche Werke, Bd. 1, 759

Großer Dank

Der größte Dank gebührt jenem wertvollsten Geschenk, mit dem einer nicht etwas gibt, sondern sich selbst. Es ist die Unerträglichkeit, die damit stets verbunden ist, welche immer wieder zum größten Missverhältnis Anlass gibt: der bedenklichen Annahme, diese einzigartige Zuwendung als selbstverständlich zu nehmen.

Gnade

Das Hauptwort der Reformation, deren Gedenktag wir heute begehen, Gnade, hat in einer quantifizierten Leistungsgesellschaft eher den Beiklang einer Demütigung denn einer Befreiung. Wo Gnade vor Recht ergeht, spielt einer seine mächtige Überlegenheit aus, die ihn veranlasst, ein Zeichen seines Könnens zu demonstrieren, weil ein anderer nichts mehr, nicht einmal für sich, tun kann. Aussichtslosigkeit ist der Gegenbegriff zu Gnade, nicht Recht. Das hat Paulus, auf den Luther sich beruft, gemeint, als er im Römerbrief konstatiert, keiner könne sich entschuldigen (Röm 3, 9ff.) Das ist der wesentliche, zugleich der problematische Punkt: Vor die Gnade ist zwar nicht das Recht gesetzt, aber das Eingeständnis, dass es Verhältnisse gibt, in denen nicht gilt, was sonst überall gilt: wer wir sind und was wir können. Und dass das gut so ist, weil nur so eine neue Perspektive sich erschließt.

Verfahren

Politik unterscheidet sich von alltäglichen Handlungsformen darin, dass Probleme in ihr nur als Verfahrensfrage bearbeitet werden. Was so zu kurz kommt: dass es Fragen gibt, die nichts anderes wollen, als dass man sie aushält; dass dem Denken vor dem Handeln ein rechtfertigungsfreier Vorrang eingeräumt wird; dass Aufgaben nicht über die Ergebnisse bewertet werden, sondern wertgeschätzt sind ob der Größe ihrer Zumutung, so dass man sich ihrer nicht entledigt, wenn man sie nicht erledigen kann.

Lob der Anarchie

Gefangen in einem engmaschigen Netz aus Regeln und Vorschriften verstoßen wir überall dort gegen die Verordnungen, wo sich spontan und voller Enthusiasmus Leben ausbilden will. Hier eine Idee, die von Baurichtlinien blockiert wird, dort ein Geschäftsvorhaben, das durch Finanzgesetze teuer zu Fall gebracht wird – die Bürokratie arbeitet an der Perfektion, das Mögliche unmöglich zu machen. Aus Angst, dass sein könnte, die Verfügungen nicht genau beachtet zu haben, verzichten wir darauf, Spielräume zu ermitteln. Nichts geht mehr, weil niemand sich zu bewegen wagt. Verwaltungen organisieren ihre Macht über die Angst vor Direktiven, die sich selber widersprechen und in diesem geduldeten, ja gewünschten Widerspruch sich unangreifbar machen. Wo die Logik als letztes Kriterium nicht gilt, kapituliert der kommunikative Kampf. Der Denkmalschutz verbeißt sich im Brandschutz, der Bürgerschutz verliert sich im Datenschutz. Wer immer schon mit einem Bein im Gefängnis steht, kann das andere nicht als Spielbein einsetzen. Es gibt eine einfache Antwort auf die Frage, was hier hilft: dass Mut belohnt und nicht bestraft wird, dass Anarchie gelobt und nicht getadelt wird, dass Wagnis gefördert und nicht beschränkt wird, dass die Folgen bedacht, aber nicht die Bedenken verfolgt werden, dass zwischen Sinn und Unsinn von Normen geltungsscharf unterschieden wird. Das politische Ressentiment hat keine Chance mehr, sobald die Freiheit des Geistes und der Geist der Befreiung wieder uneingeschränkte Wertschätzung erfahren.

Denk dir deinen Teil

Das Schweigen als ghosting und erklärungsfreie Form des Verschwindens ist zu einer der populärsten Kommunikationsarten geworden. Nichts einfacher, als nicht mehr zu antworten, wenn der Gesprächsfluss das nahelegt, ja verlangt. Spiegelbildlich zu dem weithin verbreiteten Phänomen leichter persönlicher Angegriffenheit, obwohl nichts als die Sache angegangen war, gibt es jene Distanzlosigkeit wieder, die auch sonst Fremde ins kumpelhafte Du fallen lässt oder Feundschaften begründet, die wenig mehr hält als wechselseitige Gefälligkeiten. Auch das radikale Kappen einer Beziehung zeugt von Respektlosigkeit gegenüber dem, was war. Warum die Ablehnung in verquaste und umständliche Rechtfertigungen quetschen, wenn die Umstände für sich selber sprechen können. Wer einfach sich nicht mehr meldet, hat kein Interesse. Nur dass er, der sich mit den Kleinigkeiten eines Abschieds nicht aufhalten will, den anderen aufhält, der sich unausgesetzt fragt, was geschehen ist. Sich seinen Teil denken zu müssen, überfordert, weil das Ganze in Frage gestellt ist.

Zweifellos

Was den Zweifel vor einer Entscheidung vom Zweifel nach der Entscheidung unterscheidet: dass sich jener leicht zur Verzweiflung auswächst, nicht voranzukommen, wohingegen die Verzweiflung über den Entschluss meist von dem Gefühl der Erleichterung überdeckt wird, überhaupt eine Wahl, wenn auch die falsche, getroffen zu haben. Man muss nur lang genug warten, dann wird jede Entscheidung zum Akt der Befreiung von quälender Ungewissheit, und es hängt alles daran, dass sie gefällt wurde, nicht, was mit ihr erreicht worden ist.

Das unendliche Gespräch

Ein Gespräch, das mehr auf sich hält, als die Gelegenheit zu sein zur Unterhaltung, arbeitet gegen die Tendenz jedes Satzes an, endgültig den Punkt zu setzen. Mittel genug zur Fortsetzung findet es in der Bedeutungsvielfalt von Wörtern. Das Gespräch hält sich in Bewegung, weil es nicht will, nur das erreicht zu haben, was es jeweils gerade erreicht hat. Auch wenn sie nicht ausgesprochen wird, begleitet die Frage: Verstehst du, was ich meine? alle Äußerungen. Und die kann immer darauf rechnen, dass keine der möglichen Antworten ein für allemal zutrifft.

Kooperation

Schlicht Einkaufen ist altmodisch. Die meisten neueren Geschäftsmodelle kassieren nicht nur für die Ware ab, sondern kassieren auch gleich den Kunden ein und nutzen ihn als Mitarbeiter, der Arbeiten erledigt, die ehedem als Dienstleistung galten. Das begann, als das Frühstücksbüffet im Hotel eingeführt und das Essen nicht mehr am Tisch serviert wurde, als das Möbelhaus Schrank oder Bett in Einzelteilen verpackt offerierte, und findet seine Fortsetzung in Shops, in denen nur noch der Rohstoff angeboten wird, der Backteig, der vor Ort zum Croissant zubereitet werden muss, oder das leere Buch, in das der Leser erst hineinzuschreiben hat, was er später liest. Wie das Einkaufserlebnis war, wird man gelegentlich gefragt. Offen gestanden, es ist zur harten Arbeit geworden.

Selbstzerstörung

Der Narzisst ist kein schlechter Verlierer. Er verliert überhaupt nicht, so sein Selbstverständnis, und kennt die Niederlage daher nur als Schwäche der anderen. Bevor er seinen Verlust eingestehen würde, zerstörte er sich mangels fremder Objekte lieber selbst und feierte das vorauseilend als seinen letzten Triumph. Größer als das vernichtete Ich war seiner Ansicht ohnehin nichts auf der Welt, das, besiegt, noch als Zeuge seiner übermäßigen Stärke paradox wirkt.

Warum eigentlich nicht?

In Schwellenzeiten, in denen alte politische Ordnungen überkommen sind, revolutionäre Techniken andeuten, dass sie die Lebenswelt tiefgreifend ändern, Themen aufbrechen, von denen wir noch nicht wissen, ob wir ihnen gewachsen sein werden, in solchen Übergangsphasen der Geschichte erhält die leichthin auffordernde Frage: Warum nicht? eine zwiefältige Bewertung. Sie, die von der Begründungslast für das Handeln befreien soll und dieses ohne Rechtfertigungsnot in Bewegung bringen will, kann so Neuerungen rasch anstoßen, ohne dass gleich deren Zweck benannt werden muss. Aber sie hat sich auch verstärkt zu fürchten vor den Folgen ihres heiteren Leichtsinns. Manchmal muss man um des Wandels willen verzichten auf tiefe Gründe für das eigene Tun; gelegentlich ist diese Preisgabe des Verstands der Anfang von fatalen Entwicklungen, deren Unwiderruflichkeit das Ganze gefährden. Schwellenzeiten sind gekennzeichnet dadurch, dass das Maß der Verantwortung den Grad der Freiheit bestimmt, und nicht umgekehrt.

Was Gesellschaften stabil hält

Jede Gesellschaft lebt von Fiktionen wie der Freiheit oder der Gleichheit aller Bürger. Sie ist stabil in dem Maße, wie diese idealen Annahmen nicht in Frage gestellt werden. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben politischer Parteien, Entscheidungen zu treffen und soziale Zustände zu fördern, die den Zweifel an den unbestrittenen Voraussetzungen des Zusammenlebens gar nicht erst aufkommen lassen.