Alle Artikel von jwr

Wo ist der Wald?

Im Dickicht von Verordnungen und Vorschriften, Paragrafen und Rechthaberei bleibt vor allem eines stecken: die Fähigkeit, sich im Ganzen und über das Ganze orientieren zu können. Es gilt die schlichte Korrelation: Je größer das Regelwerk, desto kleiner die Perspektive. Der Anarchist gilt zwar im Dschungel der Gesetze als die freieste Figur und tritt als Gegenbild auf wider die Verwirrung der Handlungschancen. Als Normsetzer in eigener Sache und Ignorant bestehender Verhältnisse schafft er aber die gleiche Irritation. Groß denken bedeutet nicht, das Kleine zu verachten, sondern das Kleinliche zu vermeiden. Ob sich für die Welt ein Ausweg finden lässt zwischen den großen Koalitionen von Klimastreikenden und der Großen Koalition im Klimastreit?

Wartezeit

Nur Hoffnung und Zuversicht sorgen zuverlässig dafür, dass einer, der warten muss, darüber seine Lebendigkeit nicht verliert. Die vorgestellte Steigerung des Wartens zur Trostlosigkeit ergibt ein abschreckendes Bild dessen, was Hölle meint: Alle warten auf alle. Keiner kommt an. Das Dasein dort: Warten auf nichts, nichts als Warten. Lähmung, ohne Ende. Wer in langen Schlangen stehen muss, am Ticketschalter, beim Bahnservice, vor der besten Eisdiele der Stadt, durchlebt den Nihilismus einer Vorhölle, wenn das Erwartete, endlich am Ziel, dort nicht mehr verfügbar ist.

Kalte Berufe

Die scheinbare Kälte, die Managern, Richtern oder Anwälten, Literaturkritikern und den verantwortlichen Trainern im Sport zugeschrieben wird, hat schlicht den Grund, dass sie alle gezwungen sind, stets klare und unbestechliche Urteile zu fällen. Die nämlich werden am wirkungsvollsten eingetrübt durch Freundschaften und Kumpeleien, Nachsicht oder Sympathie, Empfindsamkeit und Empfindlichkeiten. So wird das, was sonst als Gefühllosigkeit in schlechtem Ruf steht, zum Ausweis von Professionalität.

Jetzt oder nie

Radikalität ist die Antwort auf das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben. In der Verachtung des Lebens, des fremden, des eigenen, des sozialen, vollzieht sie ihre Atemlosigkeit: Selbst Luft zu holen, kostet zu viele Augenblicke. Ihren Hang zu Gewalt rechtfertigt sie mit der Notlage, die kürzesten und schnellsten Wege gehen zu müssen. Nichts erfüllt das Ideal der Effizienz so vollkommen wie der Absolutismus, der sich ins kompromisslose Handeln gezwungen sieht.

Zwang zum Einfall

Was im testamentarischen Mythos von der Weltentstehung das vielleicht unauffälligste, aber ein nicht unwesentliches Merkmal ist, lässt sich aus dem Tagesrhythmus erschließen, in dem er aufgebaut ist: sechs Mal fügt sich eine bestimmte Ordnung ein in die Entstehung eines Gesamtbilds. Der siebte Tag ist der Betrachtung vorbehalten. Es ist die Disziplin, der Zwang zum Einfall, der die Sache befördert. Jeden Tag ein neuer Gedanke, unabhängig von Launen, Umständen, Kraft. So entsteht das Werk. Nicht allein der Inhalt bereichert die Kreativität, sondern vor allem die Form nötigt ins Schöpferische.

Gefälligst

Kaum ein Besuch, ein Einkauf, eine Ferienmiete, die nicht zur Folge hätten, dass ein paar Tage später mit freundlichem Nachdruck die Aufforderung ergeht, die Sache zu beurteilen. Das Netz ist voll solcher nachgereichten Gefälligkeitsgutachten, die wiederum als Bewertungsdurchschnitt Neugierige lenken. In einer Anmerkung zum „Wohlgefallen“ hat Immanuel Kant die Qualität solcher Sätze genau beschrieben: „Ein Urteil über einen Gegenstand des Wohlgefallens kann ganz uninteressiert, aber doch sehr interessant sein, d.i. es gründet sich auf keinem Interesse, aber es bringt ein Interesse hervor.“* Sie stellen das Gegenteil dar zu jenen Äußerungen, die der überschäumenden Begeisterung entstammen, aber andere ob ihrer Absolutheit belästigen und kalt lassen, total interessiert, ganz und gar uninteressant. Was daraus zu folgern ist: nichts als die Souveränität der eigenen Neigungen, die niemanden angehen, keiner Begründung bedürfen, durch nichts sich beeinflussen lassen wollen. Und doch alles andere sind als subjektiv.

* Kritik der Urteilskraft, B 7 Anm.

Gewinn- und Verlustrechnung

Im Unterschied zur Finanzrechnung, in der der Ertrag eines Geschäfts sich aus der Differenz von Gewinn und Verlust präzise ergibt, lassen sich in einer Lebensbilanz Verluste oder Gewinn nicht eindeutig zuordnen. Wie hoch ist der Preis, den einer zahlen muss für seine Erfolge; wie groß ist die Ausbeute, der Vorteil, den einer erzielt aus seinen Niederlagen? Dass jeder Nutzen auch als Nachteil sinnvoll gedeutet werden kann, und umgekehrt, begründet allererst die Trostbedürftigkeit, aber auch Trostfähigkeit des Menschen.

Was noch nicht ist

Der größte Feind der Sehnsucht ist die Resignation. Zwischen sie haben sich der Glaube an die eigene Kraft, die Hoffnung auf ein gutes Ende und die Liebe zur Sache wie Wächter gesetzt.

Verbotverbotsgesetz

Es stimmt schon: „Es gibt kein großes Glück ohne große Verbote.“* Woraus sich aber nicht schließen lässt, dass den kleinen oder gar kleinlichen Verboten das kleine Glück folgt. Große Verbote sollen ermöglichen. Kleine Verbote hingegen – wie die geforderten Verbote von Luftballons, von SUVs in den Städten, der Erstattung der Homöopathie durch Krankenkassen, von Elektrorollern, Ölheizungen, Inlandsflügen und des Zutritts in Wälder während sommerlicher Hitzewellen – spiegeln ein Denken wider, dem die Vorstellungskraft abhanden gekommen ist. Statt sich als Kunst des Möglichen (Bismarck) selbstbewusst zu zeigen, setzt die Politik ihre unternehmerische Kraft in einen Wettbewerb ums Verhindern. So macht sie vieles unmöglich, nicht zuletzt: sich. Das aber ist keine Kunst.

* Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften 2, 503

Knapp unter der Fallhöhe

Politische Glaubwürdigkeit verdient sich der, der in den großen Fragen dieser Welt sich knapp unterhalb der Fallhöhe bewegt. Statt um Gerechtigkeit könnte er kämpfen für den Ausgleich. Statt sich an Wahrheit messen zu lassen, genügte es, sich um Wahrhaftigkeit zu bemühen. Statt Glück zu beschwören, reichte es, für Bedingungen zu sorgen, die allen Anlass geben, mit ihnen zufrieden zu sein. Statt zu sagen, was gut heißt, ließe sich mehr erreichen mit dem, was besser ist als der Status quo. Die großen Wörter sind erfunden für große Notlagen. In den Zwischenzeiten geben sie nur der Enttäuschung Heimat.

Phantastisch

Der Realist sagt: Die Phantasie hat die Aufgabe, uns vor allzu großen Überraschungen in der Wirklichkeit zu bewahren. Sie spielt die Zukunft schon bildhaft durch, bevor sie eintritt.
Der Optimist sagt: In der Phantasie schützt sich die Unbedarftheit der Vernunft vor den Zumutungen der Welt, damit das Denken probehalber ins Leben setzen kann, was sich später als dessen Verbesserung herausstellt, sobald die Zeit nach neuen Formen verlangt.
Der Pessimist sagt: Zum Glück gibt es die Phantasie als den Raum, in dem all die Erfindungen des Menschen störungsfrei, aber wirkungslos untergebracht werden können, die sich schon anschickten, in der Realität Schaden anzurichten. Die Phantasie grenzt das Dasein ab von den Überbeanspruchungen und Belastungen durch den Verstand.

Sprachscham

Mit dem Mangel an Wörtern ist eine gar nicht selten auftretende Scham verbunden. Bei Beerdigungen ist sie zu beobachten, wenn Trostsätze nicht recht passen. Oder im Liebesgeständnis, der Schilderung von Begeisterung oder Entsetzen. Unfassbar, unsäglich, krass, ohne Worte, Wahnsinn. Das sind solche Verlegenheitsausdrücke. Wenn die Welt zu groß ist für die Wörter und ein verschlossener Mund als teilnahmslos, unhöflich, desinteressiert betrachtet würde, setzt unbeholfenes Stammeln ein. Gibt es eine Pflicht zu sprechen, die auch jenseits des größten Wortschatzes noch Ansprüche erhebt? In der Dichtung ist sie ein Antrieb. Bei Wort-Neuschöpfungen, in der Werbung oder im Slang, mag sie hintergründig wirken. Vielleicht verweist diese Scham, die rechte Form nicht zu finden, aber vor allem auf jene letzte Freiheit, schweigen zu können, ohne verstummen zu müssen, aus der heraus jedes Wort überhaupt erst seinen Sinn erfährt. Es enthält seinen vollen Gehalt, weil es hätte auch nicht gesagt werden können. Die Sprachscham äußert die Empfindung, der Bedeutung einer Situation nicht gerecht geworden zu sein, im Wissen, dass dafür Worte verantwortlich sind.

Glaube, Hoffnung, Liebe

„… diese drei“: Zu den am meisten zitierten und bekanntesten Worten aus dem Testament gehört das über Glaube, Hoffnung und Liebe, von denen die Liebe die größte sei (1. Kor. 13, 13). Aber die größte worin? Es lohnt, nach der Rolle des Subjekts in diesen Haltungen zu suchen. Sie repräsentieren eine Steigerung vom Ich zum Wir. Der Glaube, auch wenn er in Gemeinschaft gelebt werden will, fordert die Entschiedenheit des Einzelnen. Jeder, der auf Zuversicht setzt, weiß, wie anstrengend Erwartungen gegen Widerstände sind. „Ohne Kraft eines Ich und Wir dahinter wird selbst das Hoffen fade.“* Und eine Liebe, die nicht erwidert wird, verkümmert in der Regel. Sie ist die größte auch in der Einsamkeit, wenn das Ich mit sich selbst bleibt.

Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, 167

Nimm zwei

In einem Wahlverfahren (wie dem zum SPD-Vorsitz) wirkt die Präsentation von Doppelspitzen verzagt. Als setzte man dem scharfen Entweder-Oder bei einer Abstimmung ein milderndes Und entgegen, so dass man zum Trost für den Ausschluss so vieler Kandidaten immerhin gleich zwei Sieger bekommt. Die Repräsentationsfläche wird vergrößert. Ist das gerechter (zwei Alter, zwei Geschlechter, zwei Landesverbände, zwei Konfessionen, zwei Charaktere, zwei politische Richtungen?) oder bloß die Wiederholung der Unentschlossenheit in der Entscheidung?

Perspektivenwechsel

Wie gegenwärtig die Zukunft ist, merkt man spätestens in dem Moment, da eine Perspektive verloren gegangen ist. Plötzlich verändert sich alles. Nicht nur die (gemeinsamen) Pläne sind Makulatur. Auch die Einstellungen zur Angelegenheit, die Sorgfalt, Behutsamkeit, der Zeitaufwand, die Intensität, mit denen man sich ihr zuwendet, schwinden rapide. Was bleibt, wirkt hohl und fad. Als sei die Gegenwart nichts anderes als der Vorschein dessen, was kommen wird. Der Raub der Aussicht besiegelt das Ende, ohne das Ende auszusprechen. Was keine Zukunft hat, besitzt auch keine Gegenwart. Es fehlt nur noch der Satz: Das war’s. Umgekehrt gilt für Politiker, Berater, Manager, Liebende und Lenker: Willst du eine Sache lebendig erhalten, schenk ihr eine Perspektive. Die Gegenwart hat keinen Horizont, nur Vergangenheit oder Zukunft dehnen sich aus.

Nackte Wahrheit

In dem Maße, wie wir das Talent verschleudern, richtig zu denken, setzen wir alles auf die Fähigkeit, recht zu behalten.

Löcher im Boden

Am wirkungsreichsten lässt sich eine Sozialbeziehung zerstören, indem man ihre Selbstverständlichkeiten in Zweifel zieht. Das gilt für ein politisches Gebilde wie die Demokratie gleichermaßen wie für ein Zweierverhältnis: Das Fragilste ist der feste Boden, auf dem sie lebendig stehen. Nichts lässt sich weniger kommunizieren als das, was die Bedingung für jede Form von Kommunikation darstellt; bei nichts gilt es intoleranter zu sein als bei dem, was Toleranz überhaupt erst erlaubt. So wird ein Gemeinplatz zur Voraussetzung für Gemeinsinn.

Nachhilfe im Fragen

Die besten Fragen drängen nicht auf eine Antwort. Sie öffnen vielmehr den Horizont für bisher Unbekanntes, Unbetretenes, Ungesagtes, von dem sie nicht erwarten können, dass es eine exakte Erwiderung darstellt auf das Intendierte. Vielmehr wirken sie als Wegzeichen, manchmal als Wegbereiter des Denkens, verhindern, dass es seine Bewegung ermattet und lustlos einstellt. Als Hannah Arendt im Mai 1952 ihren früheren Lehrer und Geliebten Martin Heidegger besucht, erzählt sie ihrem Mann Heinrich Blücher in New York begeistert von den neuen Vorträgen, die der Philosoph ihr vorgelesen hat. Und ist angerührt von der Begegnung mit dem Freund, der noch immer tief im Herzen Raum hat. Blücher antwortet so ganz ohne Eifersucht, ermuntert sie vielmehr, keine Rücksicht zu nehmen auf die Beleidigungen von Elfride Heidegger: „Vergiß die Frau: Wenn Dummheit hartnäckig wird, das ist der Punkt, wo sie in Schlechtigkeit übergeht oder jedenfalls von ihr nicht mehr unterscheidbar wird … Was heißt uns denken? ist eine der großartigsten Fragen nach Gott. So hilf ihm fragen.“* Es gibt keine schönere Bestimmung für das, was mit Fug Gespräch genannt wird: Nachhilfe im Fragen.

* Hannah Arendt / Heinrich Blücher, Briefe 1936 – 1968, 278

Mathematik der Freiheit

Verantwortung = Freiheit + Zeit
Hedonismus = Freiheit x Lust / Zeit
Anarchie = Freiheit² (Freiheit²; eine Freiheit, die sich an ihren eigenen Möglichkeiten berauscht)
Angst = Freiheit³ x Zeit (Freiheit³; eine Freiheit, die sich ihrer eigenen Dimension bewusst wird)
Grenze = Freiheit – Raum

Verklärte Sinne

Wie stark die Erholung nach der Ferienzeit nachgelassen hat, lässt sich daran messen, wie schlecht der Wein schmeckt, der am Urlaubsort noch „sensationell“ gemundet hat. Es sind nicht nur Landschaft und Klima, die der gekelterten Traube dort eine passende Note geben, die in der Heimat dann fehlt. Andernorts zur Erholung nimmt man vieles gern in Kauf, was man zu Hause nie duldete – durchgelegene Matratzen, eine Küche ohne Spülmaschine, telefonische Unerreichbarkeit –, ja verklärt es als Naturromantik, weil man sich entschädigt weiß durch die sichere Absenz vom Alltag.

Entscheidungswege

Entscheidungen, die aus Angst getroffen werden, sind zwar meist konsequent, aber nicht klug.

Die Gesetze des Wandels

Jeder Fortschritt beginnt mit einer Wiederholung. In der Kopie setzt die Veränderung an. Die Modifikationen mögen zunächst kaum merklich sein, bis sich durch Willkür, Lust am Bruch, Neugier oder Zufall ein einprägsamer Stil ausbildet, die nächste Maschinengeneration sich vorstellt, das Kunstwerk seine Besonderheit bekommt. Das ganz Andere entzieht sich der Erkenntnis. Das Eigene ist immer eine einzigartige Form des Fremden. Der Komponist György Ligeti hat die Abhängigkeit des Neuen vom Alten so beschrieben: „Unterwerfe ich mich völlig den Konventionen, ist mein Produkt wertlos. Stehe ich außerhalb jeglicher Konventionen, ist es sinnlos.“*

* Gesammelte Schriften, Bd. 2, 129

Über Gott und die Welt

In der Floskel, man habe geredet über Gott und die Welt, hat sich noch der Anspruch der Größe versteckt erhalten, die Themen einst enthielten, welche heute im nicht nur akademischen Nischendasein der Theologie, reduziert auf die Ausbildung von Pfarrern und Lehrern, vorgehalten werden. Dass kaum noch über Gott gesprochen, wenn von der Welt besorgt oder beschwingt gehandelt wird, selbst nicht im ökologischen Modus einer „Rettung“ oder „Bewahrung“ der „Schöpfung“ (das alles sind religiöse Urworte), hat auch mit theologischer Sprachlosigkeit zu tun, die als Fehlen im gesellschaftlichen Diskurs schon gar nicht mehr bedauert, ja überhaupt nicht einmal mehr wahrgenommen wird. Umgekehrt verstehen es nur wenige noch, sinnvoll das Weltliche einzuzeichnen in die Auslegung eines Schriftstücks aus dem Testament, das in jedem kirchlichen Ritual eine zentrale Rolle einnehmen sollte. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als schämten sich die Theologen, öffentlich den Namen Gottes in den Mund zu nehmen, und als ängsteten sich jene verhaltenen Frommen, sich auf das einzulassen, was für jeden geistig wachen Menschen der fruchtbarste Ort der Auseinandersetzung ist: die Welt. Es liegt nicht fern, im Mangel solcher Sprachlebendigkeit nicht nur säkulares Desinteresse, sondern vor allem eine Armut des Glaubens zu vermuten. Der nämlich entwickelt stets die Lust, sich bestimmt zu bekennen und ohne Furcht sich zu bewegen. Dietrich Bonhoeffer, der Theologe, der wie nur wenige in große gesellschaftliche Räume gewirkt hat von seiner kleinen Gefängniszelle aus, in die ihn die Nationalsozialisten gestoßen hatten, schreibt: „Nicht von der Welt zu Gott, sondern von Gott zur Welt geht der Weg Jesu Christi und daher der Weg alles christlichen Denkens.“* Wo sind die Theologen, die das beherzt als Anspruch aufnehmen, in einen öffentlichen Diskurs so einzutreten, dass wieder zu hören wäre, wonach nicht wenige sich heimlich sehnen?

* Ethik, Werke 6, 358

Lästig

Es sind die kleinen Indiskretionen, die immer wieder Einblick in versteckte Motivlagen und Anlass geben, ganze Theorien oder Systeme – zwar nicht umzuschreiben, aber – umzudeuten. So findet sich im Tagebuch von Sándor Ferenczi, dem Freud-Gefährten und Neurologen, unter dem 1. Mai 1932 ein Eintrag, der für größeres Aufsehen hätte sorgen können, hätte man es nicht ohnehin geahnt: „Die Patienten sind ein Gesindel.“ So soll es der Meister in privater Runde verraten haben. Der Schüler fügt noch eine Erklärung an, eher als Verlegenheit: Da der Psychoanalytiker ihnen nicht helfen könne, seien die Klienten nur gut als Studienobjekt und treue Begleiter des Geschäftsmodells. Freud hat in seinen letzten Jahren verstärkt Zweifel geäußert an der Wirksamkeit der Psychoanalyse und in einer Abhandlung von einem „unmöglichen Beruf“* geredet. Doch Anlass zur Aufruhr müssen solche Äußerungen wahrlich nicht geben. In der Unmöglichkeit der Profession steckt immerhin der überfordernde, hohe Anspruch dieser Art der Therapie. Und über die unmittelbare Wahrheit des Satzes hinaus, den jeder bestätigt, der mit Menschen intensiv arbeitet, vermittelt die Tagebuchnotiz die Seriosität des Programms: Lästig ist doch nur, was ich ernstnehme.

* Die endliche und die unendliche Analyse, 7. Kapitel. Das hebt an mit dem Bezug auf einen Vortrag von Ferenczi, mit dem Freud sich auseinandersetzt: „Es hat doch beinahe den Anschein, als wäre das Analysieren der dritte jener »unmöglichen« Berufe, in denen man des ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen, weit länger bekannten, sind das Erziehen und das Regieren.“