Alle Artikel von jwr

Der Freund meines Freunds

Eine alte politische wie persönliche Regel: Beim Eingehen einer neuen Freundschaft achte darauf, welche alte Beziehung sie beendet.

Plötzlich und unerwartet

„Es kam über uns wie ein Schicksal.“ – Das Schicksal kann nur kommen, nie gehen.

Realitätsverweigerung

Nichts ist gefährlicher für die Welt als Menschen, die ihr Zuhause in einer Parallelwelt haben.

Risikokontrolle

Vor lauter Sorge um einen Plan B kommen manche Menschen nicht dazu, einen Plan A zu entwickeln. Wer nichts riskiert, riskiert alles.

Die Welt umarmen

Freude, die sich nicht teilen lässt, ist Schmerz.

Das wird nie was

Die meisten Neuerungen in Organisationen scheitern nicht mangels Phantasie oder Ideenreichtum, sondern am Berufszynismus der lieben Kollegen.

Wo ist das Problem?

Ist es zu kühn, alle Schwierigkeiten auf ein einziges Problem zurückzuführen? Es könnte lauten: Der Mensch ist das Wesen, das für sich selbst eine Zumutung ist.

Habe ich Sie verletzt?

Die Gänge im Zug sind so eng, dass sie Gegenverkehr kaum vertragen. Man muss zwischen die Sitzreihen ausweichen, mindestens Brust und Bauch einziehen, um Passagieren, die in die andere Richtung streben, Platz zu machen. Er kehrte zurück vom Bordbistro, ohnehin auf unsicheren Füßen, weil er links den frisch aufgewärmten Flammkuchen hielt, in der rechten Hand die kühle Flasche Bier, während der Wagon eine seiner heftig ruckartigen Bewegungen vollführte, die ihn über die Weiche aufs nächste Gleis bringen. Das Mitbringsel konnte er noch elegant balancieren. Aber er vermochte nicht zu verhindern, dass die Zugbegleiterin, die ihm den Rücken zukehrte, in seine Arme fiel. Und die er schloss, um sie zu halten. „Habe ich Sie verletzt?“ stammelte sie erschrocken. Er zögerte den Bruchteil eines langen Augenblicks. Für eine Schaffnerin eine schöne Frau, schoss ihm ein hässlicher, aber halbwegs wahrer Gedanke durch den Kopf. „So schnell geht das nicht bei mir“, antwortete er, „Aber ich könnte mir vorstellen, dass Sie es schafften, meinem Herz einen kleinen Knacks beizubringen.“ Was aus ihm so flapsig sprudelte, sorgte bei ihr für betretenes Schweigen. „Ich komme später zu Ihnen“, sagte sie leise nach einer kurzen Pause, in der sie sich sammelte und aus seiner Umarmung löste. Jetzt habe ich sie verletzt mit meiner blöden Bemerkung, dachte er nur. Und sie? Ließ sich die ganze Zugfahrt nicht mehr blicken.

Pokerface

Wie sich die Politik und das Verhältnis der Staaten zueinander verändert hat in den vergangenen Jahren: Man achte auf die Gesichter der Unterhändler. Wo sie einst lächelten, zeigen sie heute allenfalls eine Fratze der Freundlichkeit. Im Bemühen, den Deal für sich optimal zu gestalten, wählen sie bestenfalls ein Pokerface. Je mürrischer sie schauen, desto mächtiger fühlen sie sich.

Liebe und andere Talente

Die größte Kraft der Liebe ist nicht die Anziehung, sondern ihr Talent zur Versöhnung.

Haben Sie etwas zu verzollen?

Die Male, wenn ehedem an der Grenze der Beamte das Auto anhielt und die Frage stellte: Haben Sie etwas zu verzollen?, hat man gedacht: Wie armselig! Das bisschen Schokolade über dem Freigewicht, die lächerlich geringe Tabakmenge, die ausreichte, schon in die Gebührenpflicht zu fallen – sollen sie doch suchen. Was die Zollpolizei gelegentlich auch tat. Es kam immer wieder ein höchst unroutiniertes, nervöses Prickeln auf, das anstieg in dem Maße, wie man sich der Station rollend näherte. Der Zoll ist ein Zeichen der Angst. Als Schutzentgelt erhoben, entstammt er dem Misstrauen in die Qualität der eigenen Ware, einem Gefühl der Minderwertigkeit und Schwäche, letztlich der Ahnung, die Hauswährung, die Produktvielfalt, das Angebot an Konsumgütern sei anderswo attraktiver. Der Zoll will schwer zugänglich machen, was faszinierend ist; und hat so dessen Anziehungskraft unwillkürlich noch gestärkt. Das ist das Los aller Verteidigungsstrategien: dass sie zugleich einen Angriff darstellen, und sei es auf das Selbstverständnis einer souverän vernetzten Welt. Eigenes soll vor Fremden bewahrt werden bis hin zur Befremdlichkeit der eigenen Handlungen. Doch eine Sache wird nicht dadurch zur eigenen, dass man sie von anderen Angelegenheiten abgrenzt, sondern indem man sie sich zu eigen macht. Es ist kleinkariert, groß zu nennen, was das große Ganze zerkleinert.

Straßenzustand

Was bei verkrusteten Strukturen meist noch passieren muss: dass sie aufgebrochen werden, ist bei der Infrastruktur oft längst geschehen: Sie ist verkrustet und vielerorts aufgebrochen.

Bildungsnotstand

Der größte Feind der Demokratie ist die Dummheit.

Die ideale Arbeit

Jenseits der Leistung entscheidet sich die Qualität einer Arbeit im Zusammenspiel von vier Dimensionen: im Verhältnis zum Arbeitgeber über Fürsorge und Loyalität, in der Beziehung zum Kunden durch Hingabe und Anerkennung. Fehlt auch nur eine dieser Haltungen, wirkt sich das spürbar aus auf die Qualität. Es entstehen jene gravierenden Mängel, für die sich erkennbar keine Gründe angeben lassen. Hingabe ohne Anerkennung lässt die Gleichgültigkeit wachsen; Loyalität, ohne dass der Arbeitgeber seiner Fürsorge nachkommt, verformt sich zum Dienst nach Vorschrift. Fürsorge, der die Loyalität des Arbeitsnehmers nicht entspricht, gebiert das Gefühl, ausgenutzt zu werden; Anerkennung, die dauerhaft nicht von Hingabe erwidert wird,  lässt den Berufszynismus aufbrechen und höhlt die Wertschätzung aus.

Kompromittierter Kompromiss

Jene Form der Einigung, die als Kompromiss zu demokratischen Ehren gekommen ist, erlöst nicht von Konflikten und löst sie auch nicht, sondern bildet den Grund für den nächsten Streit. Es gehört zu den verlogensten Ritualen des Politikbetriebs, mit glücklichen Gesichtern einen Durchbruch in Verhandlungen zu feiern, der auf einem Kompromiss ruht. Er ist die Geste der Machtlosigkeit Mächtiger, das Eingeständnis, dass es in einem Wettbewerb der Ideen keinen Sieger, aber zwei Niedergeschlagene gibt, die entschiedene Unentschiedenheit, das Ja zum Jein. Nicht der Kompromiss als Meinungsmischung befriedet die Auseinandersetzung zwischen zwei Positionen, allenfalls die Einigung auf eine dritte, neue Haltung, die ein höheres Niveau hat als jede der beiden streitbaren. Das aber verlangt eine Intelligenz, die frei ist von persönlichen Motiven.

Trittschall

Die plötzlich eintretende Furcht des Volksvertreters vor dem Rücktritt reflektiert die Einsicht, nur noch nachtreten zu können, wenn man bei künftigen Auftritten anderen den Vortritt lassen muss. Kaum ein Rücktritt bedeutet einen Fortschritt in der Sache, meist ist er nur ein Austritt aus der Verantwortung.

Unerklärlich

Die schlimmsten Misserfolge sind jene, für die sich auch nach tiefer Analyse kein ernsthafter Grund finden lässt. Was daran schmerzhaft ist? Dass sie verlangen, dem Leben einzugestehen, es sei größer, und dennoch auffordern, die Fehlschläge sich selbst zuzuschreiben. Das bringt nicht nur den Glauben an Planbarkeit durcheinander, sondern, ärgerlicher noch, untergräbt das eigene Verständnis von Verantwortung.

Menschenleer

Die Eigenschaft „menschenleer“ wird in Metropolen immer mehr zum Luxusgut. Der eigene Garten erinnert daran, dass es einst die Sehnsucht nach dieser störungsfreien Qualität war, die ihn zum immobiliaren must have hat werden lassen. Und die lieben Nachbarn sorgen durch ihre sommerliche Dauerpräsenz auf den angrenzenden Grundstücken dafür, dass das Bedürfnis, unbeobachtet zu bleiben im eigenen Kokon und unbeschallt, in dem Maße wächst, wie es von ihnen unwillkürlich als romantisch entlarvt wird. So unheimlich das Menschenleere auf Plätzen ist, so heimelig wirkt es in den Lichtungen des privaten Alltags.

Einmal kurz, einmal lang

Auch die Langweile kann kurzweilig sein …
… im Gespräch mit der „Wirtschaftswoche

Der neue Name Gottes

„Können Sie übersetzen, was ‚Gott‘ bedeutet“?
„Der eine für alle ein für allemal.“

Nachhaltigkeit

Nirgendwo ist das nebulöse Rätselwort „Nachhaltigkeit“ besser erklärt als in einer Schrift, die von vielem handelt, nur nicht von dem, was sich eine Welt zum Gegenbegriff erkoren hat wider die Furcht vor dem Kollaps, an dem sie unkontrolliert und konsequent arbeitet. In Immanuel Kants „Kritik der Urteilskraft“, die erstmals im Jahr 1790 erschienen war, heißt es vom gemeinen Menschenverstand, er habe drei Maximen: „1. Selbstdenken; 2. An der Stelle jedes andern denken; 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.“* Was Nachhaltigkeit bedeutet, lässt sich hieraus ersichtlich ableiten: 1. Verantwortung übernehmen; 2. die Egoismen überwinden; 3. eine Sicht auf das Ganze entwickeln.

* Kritik der Urteilskraft, § 40

Gebrauchsanweisung

Handwerk: die Fähigkeit, Logik praktisch zu machen.

Frau Blaustrumpf kauft ein

Aus dem Tagebuch eines Marktverkäufers

Am späten Vormittag ist der Marktstand besonders voll. Männer mit zerknülltem Einkaufszettel, der Gemüseconnaisseur mit seiner jahrealten Jutetasche, die leise sprechende und schüchterne Alte, die stets mit ihrem Rollwagen die Wochenendwaren holen geht, die neugierige Touristin, die sich beglückt unters Stadtvolk mischt, und – Frau Blaustrumpf. Sie alle kaufen ein. Suchen nach dem erntefrischen Obst, den saftigen Aprikosen und prallen Süßkirschen aus dem Umland. Frau Blaustrumpf kommt jeden Samstag, immer um dieselbe Zeit, zwanzig nach elf. Sie wartet nicht, bis sie aufgerufen wird, ihre Bestellung aufzugeben. Da sie genau weiß, was sie will, hebt sie ihre Stimme, sobald der Verkäufer auffordernd in die Runde blickt, wortlos fragend, wer an der Reihe sei. Das ist sie nicht, aber es kümmert sie auch nicht, dass sie sich vordrängt. „Fünf Karotten“, ruft sie bestimmt, „nicht mehr als dreihundert Gramm.“ Der Händler greift in die Auslage, packt die Zahl der Möhren mit sicherem Gespür für das Gewicht und legt sie, zwei dickere, drei schmale, auf die Waage. „Dreihundertfünf?“, ruft er in das Stimmengewirr. „Weniger“, ist die knappe Antwort, „das ist mir zu teuer.“ Natürlich kennt er die Kundin und weiß, dass Widerspruch zwecklos wäre. Also ein kurzer Tausch: „Jetzt sind wir bei zweihundertsiebenundachtzig Gramm.“ „Sind die behandelt?“ Maliziös blickt der Verkäufer Frau Blaustrumpf an, er zögert einen unmerklichen Moment: „Noch nicht.“ Und fügt, bevor sie über seine doppelbödige Antwort länger nachdenken kann, rasch hinzu: „Haben Sie zudem einen Wunsch?“ „Nein“, sagt sie knapp. „Dann macht das fünfzig Cent“, bittet er. Sie hat aber noch etwas entdeckt. „Wenn nichts auf der Waage liegt, zeigt sie trotzdem 0,5 Gramm an“, mäkelt sie an der Genauigkeit des Instruments herum. Der Verkäufer verschluckt sich fast an einem Kirschkern, den er im Gaumen lutscht, und verliert sein leicht spöttisches Lächeln. „Dafür runde ich immer ab.“ Schweigend zählt sie die Münzen in der Hand und gibt ihm siebenundfünfzig Cent. „Ich habe zwei abgezogen.“ „Und ich hatte nur fünfzig verlangt“, meint er. „Lassen Sie uns genau sein, junger Mann“, ermahnt sie ihn mit ungewohnter Strenge. „Bei mir können Sie sich ihr charmantes Getue sparen. Ich kaufe nie mehr, als ich mir vornehme.“ Inzwischen ist das Gebrabbel rund um die Gemüsekisten deutlich zurückhaltender geworden. In die wachsende Ruhe spuckt er den Kirschkern aus, er will ihn unbemerkt auf den Boden fallen lassen und verschätzt sich. Der Obstrest landet versehentlich in der noch offen daliegenden Einkaufstasche von Frau Blaustrumpf. Sie erstarrt; er grinst. „Meine Zugabe“, kommentiert er. „Ich kann nicht anders, als großzügig zu sein.“ Und blickt in die amüsierte Runde: „Der Nächste, bitte.“

Das Körnchen Wahrheit

Was im Denken Anlass zum Ärgernis ist, kann dem Leben als töricht erschienen. Jedes Urteil müht sich um Eindeutigkeit und drückt sie aus in der Schärfe, mit der es formuliert wird: eine Sache ist so und nicht anders. Das sagen zu können, rechtfertigt die Anstrengung des Denkens. Die Aufgabe des Lebens hingegen ist, in Beziehung zu setzen und jene Weisheit mit der Zeit zu entwickeln, die ein letztes Wort durch eine nachfolgende Handreichung versöhnlich aufhebt, die eine endgültige Überzeugung listig bereichert mit überraschenden Einsichten in ihr Gegenteil. Dass in jeder Kritik ein Körnchen Wahrheit stecke, wie die Alltagsrede unterstellt, mag auch umgekehrt gelten: In jeder Wahrheit verbirgt sich schon die Kritik an ihr.