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Ohne Umschweife

Kulturell bedeutet Digitalisierung Einübung in Unmittelbarkeit. Und verlangt so nach einem „Talent“, das dem Menschen, der mangels Instinktausstattung im Ensemble natürlicher Bedingungen als das Lebewesen gekennzeichnet ist, dem „die Direktheit verlorengegangen“ ist, zwar nicht fehlt, aber in dem er, auch wenn sie selbstverständlich sein sollte, sich in ihr nicht selbst versteht. „Er sieht, dass er faktisch nur Bewusstseinsinhalte hat und dass, wo er geht und steht, sein Wissen von den Dingen sich als Etwas zwischen ihn und die Dinge schiebt.“* Vielleicht erklärt dieses Fähigkeitsmanko so manche Fehlleistung im Unmittelbaren, den shitstorm im Netz, der als Reaktionsüberschuss auf einen Reiz keine zwischengesetzte Reflexionshemmung kennt, die Assoziation, die wild phantasiert, statt scharf und abgewogen zu argumentieren, die niedrige Enttäuschungsschwelle, wenn nicht immer alles gleich sofort zu haben ist, Ungeduld, Aufmerksamkeitsdefizite, Ablenkungsbereitschaft. So betrachtet ist Digitalisierung eine antikulturelle Entwicklung, weil sie die Notwendigkeit einer Kompensation dieser Schwäche im Unmittelbaren ignoriert und vom Menschen verlangt, worin er nicht gut sein kann.

* Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch, Gesammelte Schriften IV, 384 und 405

Der Mensch als Ding

„Jede Politik indes behandelt die Menschen tendenziell als Dinge – denn immer kommt es darauf an, nach Maßgabe von Ideen über sie zu verfügen, die abstrakt genug sein müssen,
um auf der einen Seite in Aktionen umgesetzt werden zu können – wozu eine extreme Vereinfachung der Formeln erforderlich ist – und sich andererseits auf eine unbegrenzte Vielfalt
unbekannter Individuen anwenden zu lassen. Der Staatsmann stellt sich diese Einheiten, da er frei über sie verfügen will, wie arithmetische Elemente vor. Selbst die aufrichtige Absicht, den Individuen ein Höchstmaß an Freiheit zu belassen und jedem einzelnen einen Anteil an der Macht zuzuerkennen, führt dahin, ihnen diese Vorteile gewissermaßen aufzuzwingen, die sie manchmal gar nicht wollen und unter denen sie manchmal indirekt leiden.“*

* Paul Valéry, Die Idee der Diktatur, in: Werke 7, 246

Der Vater aller Undinge

Aus der Reihe „Sätze, die im Spiegel besser aussehen“.

Original: Der Krieg ist aller Dinge Vater.*

Der Krieg ist der Stiefvater aller Undinge. Der Vater des Unsäglichen und der Untaten ist das Ungesagte und nicht Getane.

* Heraklit, Fragmente, B 53

Was für ein Glück

Aus der Reihe „Sätze, die im Spiegel besser aussehen“.

Original: Ein Unglück kommt selten allein.

Glück kommt selten allein.
Selten kommt allein das Glück.
Das Glück geht oft von allein.

Verlogenheit

Die Moral, vor allem die katholische, geißelt den Hochmut als erste unter allen schweren Verfehlungen nicht zuletzt, um abzulenken vom Verdacht, mit ihren Ansprüchen ans Leben selber allzu anmaßend zu sein. Überheblich ist die Sittenlehre selbst. Mit ihrem Rigorismus fördert sie vor allem die bigotte Verlogenheit derer, die ihren strengen Geboten nicht folgen, aber sich deren Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit zu eigen gemacht haben. Scheinheiligkeit ist das Scheitern an hochgesteckten Pflichten, die mit dem kritiklosen Versagen Einzelner in jedem Fall auch das ganze System misslingen lässt.

Nur keine Ausreden

Man sollte seine Ausreden für unverkennbare Versäumnisse in jedem Fall so wählen, dass man sich für sie am Ende nicht auch noch entschuldigen müsste. Rilke war darin einst Meister. An Franz Xaver Kappus, mit dem er über viele Jahre Briefe wechselte, schrieb er am 16. Juli 1903, zweieinhalb Monate nachdem ihn ein Schreiben erreicht hatte: „Sehr lieber Herr …: Ich habe einen Brief von Ihnen lange ohne Antwort gelassen, nicht daß ich ihn vergessen hätte – im Gegenteil: er war von der Art derer, die man wieder liest, wenn man sie unter den Briefen findet, und ich erkannte Sie darin wie aus großer Nähe. Es war der Brief vom zweiten Mai, und Sie erinnern sich seiner gewiß. Wenn ich ihn, wie jetzt, in der großen Stille dieser Ferne lese, dann rührt mich Ihre schöne Sorge um das Leben, mehr noch, als ich das schon in Paris empfunden habe, wo alles anders anklingt und verhallt wegen des übergroßen Lärmes, von dem die Dinge zittern.“ Und er ist selbstbewusst genug, den Zeitpunkt seiner Erwiderung als den rechten Augenblick herauszustreichen, weil erst da, nicht schon Wochen zuvor, die ganze Bedeutung der Sätze erkennbar ist, in neuer Umgebung. Das ist mal eine schöne Ausflucht, die als Schmeichelei getarnt dem anderen Tiefe und Kraft von dessen Worten spiegelt, die wie guter Wein die Zeit zur Nachreife verlangen. Da wird die Notlüge zum Ausweis von Kennerschaft.

Führungsqualitäten

Früher konnte einer Mensch mit Führungsqualitäten heißen, wenn ihm gelungen war, die Erfolge sich zuzuschreiben und das Misslingen seinen Untergebenen zu übertragen. Heute hat jemand leadership skills, wenn er gutgelaunt die Arbeit der Kollegen übernimmt, die er zuvor an sie delegiert hatte, weil in der fröhlichen Agilität, mit der das Unternehmen sich um sich selber dreht, das Nötige sonst liegenbliebe.

Letztes Lachen

Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Das ist ein Satz aus dem niedrigen Geist der Scheinfröhlichkeit. Niemand anderes als ein Rachsüchtiger, der sich am Schaden des anderen ergötzt, käme auf den Gedanken, dass – ähnlich wie beim Wettbewerb der Rechthaber und Besserwisser ums letzte Wort – das letzte Lachen Ausweis von Überlegenheit sein könnte. In der Überzeugung, zu kurz gekommen zu sein, hofft das Ressentiment auf die späte Chance der Abrechnung, die das Schicksal gewährt. Sonst nämlich gilt das Gegenteil, dass das Lachen keine Zeit braucht, weil seine Spontaneität unmittelbar als Zeichen seiner Kraft genommen werden kann, zu befreien.

Religion der Anspruchslosen

Man muss die Philosophie davon befreien, Religionsersatz für die Anspruchslosen zu sein, die ihre eklektischen Sinnbedürfnisse befriedigen, indem sie sich hier ein Zitat leihen und dort einen Gedankenausschnitt anheften, beide nicht länger als ein Kalenderspruch. Weder Trost noch Sinn vermag die Philosophie zu spenden, aber sie kann eines: genau zu sagen, um was es sich handelt, warum ihr das nicht möglich ist und wo sie zu finden sein könnten.

Der Verdacht

Es gibt einen fatalen Zusammenhang zwischen dem technischen Fortschritt, Wirklichkeiten immer genauer zu simulieren, und der naiven Neigung von Menschen, gefälschten Nachrichten, Verschwörungsmythen oder abstrusen Lügen immer folgenreicher zu glauben. Je leichter eine zweite Welt aus Avataren, virtueller oder erweiterter Realität „bevölkert“ werden kann über digitale Brillen und Fischaugenkameras, die ein vollständiges, scharfes Rundumbild zeigen und Fiktion mit Fakten verschmelzen lassen, je geringer der Unterschied erkennbar ist zwischen Original und Verzerrung, desto leichter die Manipulation. Nicht nur lassen sich Fälschungen als die ursprüngliche Vorlage ausgeben, auch jede Gegebenheit ist vor dem Verdacht nicht geschützt, nur absichtsvolle Erfindung zu sein. Der Mensch, der sich anschickt, seine Schöpfungskraft zu vervollkommnen, verliert in dem Maße, wie ihm das gelingt, das Talent zu Wahrheit. Unser Realitätssinn hängt letztlich daran, dass wir nicht alles erfinden können.

Stadtflucht

Eine Stadt lebt von der Qualität der Asyle, die sie ihren Bürgern offeriert. Wo im Dorfgasthaus sich die Gemeinschaft zuverlässig trifft, ist das lokale Hinterhofcafé die versteckte Fluchtstätte, in der das Individuum geschützt ist vor übergriffiger urbaner Betriebsamkeit.

Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht

Eine der wichtigsten Alltagsstrategien ist die Unterscheidung zwischen Person und Sache. Sachen sachlich zu nehmen, schützt davor, von ihnen seelisch allzu belästigt zu werden. Personen sachlich anzusehen, ist die Voraussetzung, sie einigermaßen gerecht zu behandeln. Sachen persönlich aufzufassen, ist oft der Anfangspunkt von Engagement. Und mit Personen eine persönliche Beziehung aufzubauen, setzt diese Grunddifferenz ins Elitäre: Man sucht sich  besondere Menschen, mit denen man mehr teilen will als die Sache. Schwierig wird die ungeplante und ungewollte Vermengung der Sphären. Gerade in der Erfahrung, dass so manche Sache einen sehr persönlich trifft und dass es Kraft kostet, sich davon zu befreien, wiederholen wir das, was in frühen, auch biographisch jungen Phasen als magisches Denken bekannt ist: zu glauben, dass von den Gegenständen (auch Gesprächsgegenständen) ein, gelegentlich unguter Zauber ausginge.

Die ideale Zeitung

„Eine Zeitung muss das Werk einer Gesellschaft von Gelehrten sein … Aber es genügt nicht, wenn ein Journalist Kenntnisse besitzt; er muss auch gerecht sein: denn ohne diese Eigenschaften wird er mittelmäßige Erzeugnisse verhimmeln & die herabsetzen, denen er sein Lob hätte vorbehalten sollen.“* Das zeichnet den Sachkundigen aus, dass er nicht nur weiß, sondern vor allem einzuordnen weiß. Kenntnis ohne Urteilskraft ist unkritisch; Urteilskraft ohne Kenntnis ungerecht.

* Denis Diderot, Art. Journalist, in: Die Welt der Encyclopédie, 186

Schnell erledigt

Daniel Barenboim erzählt, dass er von Mozart gelernt habe, dass man in der Welt nicht alles so wahnsinnig ernstnehmen solle.* Es habe jede Situation, auch die hässlichste, eine leichte Seite. Diese Einstellung zum Leben spiegele sich wider in der Musik des Wiener Komponisten, in der unmittelbar deutlich ist, was seine Zeit braucht und was keinerlei Aufschub duldet. Der Hörer so mancher Symphonie fühlt sich erinnert an schnelle Passagen, die vor allem deren Interpreten herausfordern: der eine spielt sie hastig und verschleift die Töne, beim anderen klingt das Stück brillant und klar. Eine Sache leicht zu nehmen, bedeutete also gerade nicht, sie schludrig zu erledigen, sondern an ihrem Tempo die Ernsthaftigkeit der eigenen Virtuosität zu erproben.

* Vgl. Daniel Barenboim, Klang ist Leben. Die Macht der Musik, 145

Auf die lange Bank

Das Unangenehme wird genau so lang nicht erledigt, bis das nächste noch Unerfreulichere eingetroffen ist, dem gleich generös Verschleppung verordnet wird. Auch wenn die Bank lang ist, auf die es geschoben ist, reicht der Platz zum fortgesetzten Prokrastinieren nicht. Und das schlechte Gewissen, Ärgerliches nicht sofort anzufassen, wird dadurch gemildert, sich wenigstens von der Mühsal befreit zu haben, die, obwohl im fernsten Winkel des Schreibtisches zwischengelagert, unterschwellig gequält hatte.

Lob des Missverstehens

Es ist das Maß des Missverstehens, das eine Beziehung bereichert, und die Tiefe des Verstehens, die sie festigt. Zu wenig hiervon, die scheinbare Klarheit in allem, das unausgesprochene Antizipieren des Gewünschten und Gemeinten lässt sie genauso verarmen, wie ein Mangel davon, Fehldeutungen, Unsicherheiten und wildes Irrlichtern das Vertrauen aushöhlt und die alltägliche Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem anderen verflachen lässt.

Warum? Wozu?

Am deutlichsten zeigt sich der Unterschied zwischen Denken und Leben darin, dass dieses die gleichsam mechanische Anwendung der Fragen nach Grund und Zweck auf alle Dinge gelassen ignorieren kann. Solange es in Bewegung bleibt, muss es, anders als der Verstand, nicht immer wissen, woher eine Sache rührt und wohin sie tendiert. Leben heißt, dem Tiefsinn eines Warum und der Zielstrebigkeit des Wozu entgehen zu können durch schlichte Lebendigkeit.

Alles gesagt, alles gezeigt

Ein Geheimnis: das, was nicht aufgeht, auch wenn alles gesagt ist und alles gezeigt, und doch nicht ohne das Sagen und Zeigen sein kann.
Das Geheimnis schlechthin: die Liebe.
Das dunkelste Geheimnis: das Talent der Liebe zu verletzen, obwohl sich mit ihr alles heilen lässt.

Kindlich, kindisch

Es gibt ein sicheres Kennzeichen für die Unterscheidung zwischen „kindlich“ und „kindisch“: Das kindliche Gemüt behält seine Wünsche, auch wenn ihnen nicht nachgekommen wird, wohingegen das kindische die Erwartungen, die es hegt, gleich beleidigt für falsch erklärt, wenn ihnen die Erfüllung unmittelbar versagt ist.

Erzählungsbedürftig

Zu den Grundbedürfnissen menschlichen Lebens gehört auch der Hang zu erzählen und der Wunsch, Geschichten zu hören. Beides, die eigene Erfindung wie die Berichte anderer, die auch nichts anderes sind als deren Fabeleien, sind die Elemente, mit denen wir die Vorstellung von uns selbst bilden und ausbauen.

Tristesse oblige

Man sollte stets jenes Niveau an Feinfühligkeit pflegen, das Menschen daran hindert zu fragen, wie es einem gehe, weil sie sehen, dass schon diese Art neugierig mitspürender Erkundigung zu viel sein würde für den so Angesprochenen. Die Pflicht zur Rücksicht auf Traurigkeit verlangt auch das Unterscheidungsvermögen zwischen einer anlassgebundenen Verstimmung, die aufzuheben ein Gespräch über den Auslöser helfen könnte, und jener tieferen Gestimmtheit, die  sich nurmehr verstärkte durchs Reden über sie.

Grüße aus der Ferne

Freundschaft ist jene Form eines Zuhauses, die nicht an Ort und Zeit gebunden ist. Nur so kann man ganz bei sich bleiben, auch wenn man außer sich geraten ist.

Wir sollten, müssten, könnten mal …

Ginge es nach den Plänen, Wünschen und Vorhaben, die wohlmeinende Mit- und Nebenmenschen mit einem zum Jahresbeginn hegen, wäre der Terminkalender voll mit Verabredungen. Was in den vergangenen zwölf Monaten nicht geklappt hat, obwohl es mit genauso großem Getöse annonciert worden war, soll nun unbedingt nachgeholt werden. Das Zuverlässigste an solchen Ankündigungen ist deren Ritualcharakter: Je nachdrücklicher sie verlautbart werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es zu ihrer Realisierung nie kommt. Es fehlte daher auch Entscheidendes, wenn sie schlicht ausblieben.

Mit der Welt spielen

Was wir als Naivität abtun, ist nicht selten ein Spiel mit der Wirklichkeit, die durch Unbedarftheit provoziert wird, ihre Grenzen zu zeigen. So lernen wir den Realitätssinn. Und man wird, zur Überraschung so mancher Erkenntnistheorie, sogar behaupten können, dass die Welt in der Schärfe ihre Konturen zeigt, wie ihr zunächst mit Einfalt und Offenheit begegnet wird. Naivität lässt die Welt klarer, weil widerständiger erscheinen – allerdings bedeutet das nicht nur, dass Ahnungslosigkeit bestraft, sondern auch dass Undenkbares plötzlich möglich wird.