Alle Artikel von jwr

Wahlalter, Alterswähler

Nur eine flüchtige Idee: Es würden weniger verlogene politische Versprechungen gegeben, wenn es neben dem Wahlalter, das hierzulande mit achtzehn Jahren erreicht und den Eintritt in das demokratische Grundrecht der Volkssouveränität bedeutet, auch ein Austrittsalter gäbe – spiegelbildlich zur 18 vielleicht mit einundachtzig Jahren. Mit einem Schlag fielen falsche Rücksichten auf Besitzstände weg zugunsten eines offeneren Blicks auf das, was künftig nötig ist. Auch unter den Betagten leben etliche Egobratzen, denen die Perspektiven auf eine Zeit herzlich egal sind, die nicht mehr die ihre ist.

Das Paradox der Liebe

Die zwei Seiten der Liebe: harter Realismus, ungehemmte Weltlosigkeit. Nichts hat die Kraft, andere Wirklichkeiten so in den Hintergrund zu drängen wie diese Form der Leidenschaft, die Geist und Seele, Körper und Sinne ganz und gar okkupiert, als sei sie die einzige Wahrheit. Und nichts versteht es so geschickt, die Grundformen jeder Realität, Raum und Zeit, listig zu überwinden, indem sie ein festes Band knüpft über weite Entfernungen und einschneidende Veränderungen hinweg.

Kandidatenkarawane

Täglich zieht die Karawane der Kanzlerkandidaten von einem Sendeplatz zum nächsten und zeigt dem Zuschauer vor allem das unterschiedlich stark ausgeprägte Talent, dasselbe noch einmal so zu sagen, dass es ganz anders klingt. Im Grunde demonstrieren sie den Willen, sich von nichts überraschen zu lassen, nicht einmal von der Zukunft. Was aber, wenn das jähe Erstaunen, zu dem die Fähigkeit gehört, aus der plötzlichen Sprachlosigkeit intelligent herauszufinden, jene Haupteigenschaft ausmachte, die allererst das Vertrauen in einen Politiker rechtfertigt, der davon spricht, dass er den Wandel gesellschaftsverträglich gestalten kann? Sich überraschen lassen zu können, ist die beste Voraussetzung, Veränderungspflichten angemessen zu entsprechen.

Die Menschen da draußen

Jede Wahl ist der Versuch, die Entfremdung zu versöhnen, die zwischen Entscheidungsträgern und denen aufgebrochen ist, welche die Folgen der Entscheidungen zu ertragen haben.

Lügen wie gedruckt

Niemand ist so glaubwürdig wie der, dem die Lüge ins Gesicht geschrieben steht.

Wir Bestimmer

In jeder Rede, in jeder Gegenrede, in jedem Dialog sind wir stillschweigend und unablässig dabei zu definieren. Was heißt das, worin unterscheidet sich jenes, welche Bedeutung trifft zu? Der Verstand setzt voraus, dass es ein solches unausgesetztes Vorverständnis gibt, um klar zu denken und deutlich zu verstehen. Was passierte, wenn wir all die unausgesprochenen Bestimmungen einforderten? Wir stolperten von einer Verlegenheit in die nächste – und schwiegen zuletzt. Nur unter der Fiktion der Exaktheit in der Sache gerät das nicht in Gefahr, was einen Großteil unserer Lebendigkeit ausmacht: das freie Gespräch. Man sollte diese Vorstellung nicht allzu oft in Zweifel ziehen.

Schicksalswahl

Es gehört zum Schicksal, dass wir bei ihm keine Wahl haben.

Apokalyptisches Potential

In einer Welt, deren apokalyptisches Potenzial gerade wiederentdeckt wird, gerät die gute Laune unversehens in die Nähe des Unernstes. Menschen, deren Heiterkeit sich nicht so leicht erschüttern lässt, setzen sich dem Verdacht aus, Unseriöses zu bezwecken, sobald sie mit Mut und Entschlossenheit angehen gegen die Tendenz, die Zukunft nicht nur schwarzzusehen, weil man ohnehin keinen Einblick in sie nehmen kann. Warum nur kann der Pessimist meist eine größere Realitätsnähe für sich beanspruchen; warum muss Zuversicht sich stärker rechtfertigen? Die Welt wird erfahren als das, was schiefgehen kann.

Entscheidungshilfe

Viel wäre gewonnen, wenn vor der Wahl die Kandidaten nicht unentwegt erklärten, warum sie hier dagegen und dort dafür seien. Und weshalb der politische Gegner bei seinen Vorschlägen irre. Sondern wenn sie sich genötigt sähen, nur zu antworten auf die Frage, wozu gut ist und taugt, was sie propagieren. Der Zweck heiligt zwar nicht immer die Mittel, aber er offenbart den Sinn einer Position. Über das Warum gibt es stets Streit, der letztlich beim Persönlichen endet. Das Wozu zwingt zu nüchterner Sachlichkeit.

Neusprech

Spätestens seit George Orwells „Neusprech“, jener politisch geregelten und gestalteten Redeform, die mit eingeschränkter Grammatik das Denken begrenzen und das Bewusstsein verengen sollte, wissen wir, dass ein Sprachwandel die Weltsicht verändert. Das Umgekehrte gilt aber auch: Umbrüche verlangen nach Beschreibungen, die sich mit dem überkommenen Wortschatz nicht genau genug leisten lassen. Welche Sprache braucht die Welt, deren Formen sich fundamental unterscheiden werden von dem, was Gewohntes und Vertrautes übermitteln? Zumindest eine, die ihr schöpferisches Potenzial nicht leugnet, nicht hindert, die experimentiert, ohne zu dogmatisieren, die Komplexität nicht der Klarheit opfert und Deutlichkeit einfordert, wo die Varianten ungezählt sind. Wer gendert, ist weder wahnsinnig, noch löst er das Problem. Aber er zeigt eine Aufgabe an, die sich allenthalben aus der Abgegriffenheit der Begriffe ergibt: Mit dem Wort muss der Gedanke wieder scharf gestellt werden, auf dass er präzise zu sehen gibt, was sich neu einstellt.

Empfindsam in der Sache, unempfindlich im Persönlichen

Ein objektives Urteil setzt widersprüchliche Talente voraus: ein dickes Fell, wenn es persönlich wird, und Dünnhäutigkeit als Feinsinn für die Sache, um die es geht.

Solidarität

Gewöhnlich bilden sich Gemeinschaften über das Gelingen, wenn etwas geglückt ist oder damit es besser funktioniert, wohingegen Niederlagen und Erfolglosigkeit einsam machen. Der Grundgedanke der Solidarität erschließt sich aus dem Gegenteil. Jene Gemeinschaft, die stärkt und trägt, erwächst aus der Annahme von Menschen, denen etwas missraten ist. Ihr wesentliches Ansinnen zeigt sich im Mitgehen, Mitdulden, Mitleiden. Erst der Fehlschlag offenbart, worauf zu verlassen lohnt.

Was über den Menschen zu sagen ist

Lehrstück des Lebens über den Hauptsatz der Anthropologie: Nur das, was menschlich ist, kann unmenschlich werden. Dazwischen ist der Ort der Freiheit.

Wissen wollen

Freude, die durchtränkt ist von Theorie, heißt Neugier.

Machtgewinn, Machterhalt

Es gehört zu den Widersprüchlichkeiten der Demokratie, dass in ihr über die Gewaltenteilung und das Wahlprozedere der Machtgewinn und die Machterhaltung systemisch so komplex gestaltet sind, dass sich viele Politiker beim Erwerb oder deren Verteidigung verausgaben. Für die Durchdringung von Inhalten reicht dann oft die Kraft nicht mehr. Die Erinnerung, dass doch zur Sache geredet und von Sachen gehandelt werden solle, vermag so manchen Politiker aus der Fassung zu bringen und ihm seine eigene Verzweiflung vor Augen zu halten angesichts der ungezählten Rücksichten, die er zu nehmen hat gegenüber Parteitaktik, Verfahrensdisziplin, Proporzdenken, und die ihm alle guten Absichten korrumpiert haben. „ Mir ist sehr wohl klar“, notiert Paul Valéry, „dass sie aufgrund der Erfordernisse ihres Berufsstandes mit einem ziemlich groben Weltbild arbeiten müssen, das nun einmal von derselben Genauigkeit, Breite und von demselben schlichten Zusammenhang ist und sein muss, womit sich das Mittelmaß der Geister zufriedengibt, ist dieses Mittelmaß doch die Hauptstütze jeder Politik. Ebensowenig wie der Tatmensch hat auch die öffentliche Meinung weder Zeit noch Mittel, etwas zu vertiefen.“*

* Werke 7, 378

Motivlage

Wenn erst die Motive interessieren, und weder Mensch noch Mitteilung, Person und Inhalt, Anschauung oder Argument ausschlaggebend sind, dann ist die Entscheidung gefallen, die Sache verloren. Wieso einer so handelt? Warum er das sagt? In solchen Augenblicken setzt sich die Unterstellung durch gegen jede andere denkbare Antwort. Aus Verzweiflung, vor Angst, in Panik ist die Erklärung, gleich was getan wird. Man bittet die Mutmaßung ob ihrer Böswilligkeit fast um Verzeihung, und hält an ihr fest.

Wofür?

Konzentration heißt jener Verzicht, der genau weiß, wofür er sich versagt. Sie ist der Punkt, an dem das Zuviel und das Zuwenig ineinander übergehen. Aber das sind formale Beschreibungen. Im Wesentlichen ist sie identisch mit der Faszination durch das Eine, das jetzt nottut.

Abwärtstrend

Es gibt Niederlagen, die man nur eingestehen muss, um sie zu vermeiden.

Sprühregen aus Gedanken

Wie viele Gedanken werden erst schön und tief durch den Gesprächspartner, vor dem man sie entwickelt.

Auffällig

So mancher meint, wenn er einen Menschen oder eine Sache schön findet, dass er sie in diesem Augenblick überhaupt erst gefunden hat. Dabei könnte es der Moment sein, an dem er das Entscheidende verpasst.

Da staunst du, was?

Der einzig zuverlässige Gradmesser für das geistige Alter eines Menschen: die Begabung, jäh staunen zu können. Wach verdient der genannt zu werden, dem die Welt nicht selbstverständlich geworden ist.

Der Umfaller

Neuerdings ist der „Gegenwind“ als Metapher für den politischen Erfolg benannt. Als dessen „Überwinder“ gilt, um das Sprachbild auszureizen, wer trotz der Widerkräfte stehenbleibt. Aber kommt nicht in unserer Zeit alles darauf an, statt zu verharren, endlich voranzukommen? Das geht bei Gegenwind nur, wenn man sich geschickt wegduckt. Damit sind die Talente des Kandidaten hinreichend beschrieben.

Danke

Meist danken wir – und gehen weg. Der Dank ist eines der Entpflichtung unter den Abschiedsworten, jener Schlussstrich, der als Befreiung von Restschuld den leichten Aufbruch erlaubt. Und der implizit den Konter enthält: Was willst du noch? Ich habe mich doch schon erkenntlich gezeigt. Nur in seltenen Fällen, den schönsten, signalisiert „Danke!“ künftige Ansprechbarkeit und meint schlicht: Du bist mir immer willkommen.

Pointenreich

Die besten Pointen, Überraschungen im Gespräch, helle Einsichten kommen von einem Kopf, der seiner eigenen Selbstüberschätzung misstraut. Daraus erwächst eine feine Mischung aus Hoffart und Demut, ein leichter Unernst im Gestus der Bedeutsamkeit, der dem Augenblick einer tiefen Erkenntnis stets ein Augenzwinkern beiordnet, das den Satz so erst überhaupt klug erscheinen lässt. So war „Goethe zum Beispiel“*, dessen zweihundertzweiundsiebzigster Geburtstag heute gefeiert wird.

* Buchtitel von Hans Blumenberg