Alle Artikel von jwr

Kunsthandwerkswort

Was als Kunstwort sich einführt, ist oft nicht mehr als der Sprachschnitzer eines mittelmäßigen Kunsthandwerkers. So ist Unsinn und zeugt von Unkenntnis, wenn dem Dialog, der zwar ein Zwiegespräch sein kann, aber nie sein muss, ein Trialog als numerische Steigerungsform der Mitredenden beigesellt wird. Wo mittels der Vernunft (dia-logos) die Auseinandersetzung geführt wird, sollte sich auch der hohe Ton der Verständigung nicht ändern, wenn noch der eine oder andere Diskutant hinzukommt. Auch der Austausch von drei Parteien, kann die Qualität eines Dialogs haben.

Philosophische Geburtstagsgrüße

Leben bedeutet, dass wir das Selbstverständlichste: sterben zu müssen, jeden Tag aufs Neue als das nehmen, was ganz und gar unselbstverständlich ist.

Gewaltlösung

Gewalt sei keine Lösung, heißt es oft. Doch, muss man leider erwidern. Zumindest so lange, wie denen, die sagen, Gewalt sei keine Lösung, keine anderen Worte einfallen, die Gewalt auflösen.

Bildungsbeitrag

Eine der wichtigsten Talente von Bildung: zu wissen, was überflüssig ist. Urteilskraft ist im Grunde ein Filtersystem, das aus der Kenntnis dessen, was weggelassen werden kann, den Blick für das Wesentliche entwickelt.

Eifersucht

Die Eifersucht wird oft als eine niedere Form der Liebe angesehen, als eine Leidenschaft, die das Niveau dessen, worum sie kämpft, nicht erreicht. Dabei ist, sofern sie begleitet wird von Selbstgewissheit und Eigensinn, diese Form der Beziehungsachtsamkeit nichts als das Widerspiel der Bedeutsamkeit einer Begegnung, die sich nach Dauer sehnt. Echte Liebe scheut nicht die Konkurrenz, aber sie schätzt die Exklusivität.

Die Weise der Weisen

Es gehört zum Wesen von Weisheit, dass ihre Worte genau so verbindlich sind, dass sie eine immer noch größere Unverbindlichkeit enthalten. Sie meinen dieses, ohne dessen Gegenteil ausschließen zu müssen. Die Weise der Weisen ist, einen Interpretationsspielraum vorzugeben, der Bedeutsames zu denken fast erzwingt und im Maße seiner Wünschbarkeit auch ermöglicht. Am Ende hat man die Sache selbst erdacht, kann sich aber von der Einsicht zugleich entlasten, indem man sie einer anderen Autorität zuschreibt. Was gibt es Schöneres für ein Verantwortungsbewusstsein, das den Hang hat, sich mit sich selbst zu überfordern?

Jasager und Neinsager

Viele Rollen muss der Berater einnehmen, die des diskreten Wegbegleiters, des mutigen Entdeckers, des sensiblen Strategen oder konsequenten Entwicklers, des Veränderungswilligen und scharfen Analytikers. Viele Eigenschaften und höchst unterschiedliche Talente setzt dieser Beruf voraus. Zwei Charaktermerkmale allerdings taugen nie und führen die Beratung ad absurdum: die des Querulanten und die des Opportunisten.

Liturgie

Die Liturgie eines Gottesdienstes ist nicht beliebig. Sie läuft ab nach einer festgelegten Ordnung, in der noch die kleinste Abweichung zu Irritationen Anlass gibt. Warum? Weil die Liturgie nur so ihrer Aufgabe nachkommen kann, dafür zu sorgen, dass – nicht das Selbstverständliche, sondern – das Nichtselbstverständliche, das Außergewöhnliche einen Charakter von Vertrautheit bekommt. Gott versteht sich nie von selbst; in der Feier der heiligen Handlungen aber will er wie selbstverständlich erfahren werden.

Um des Dialogs willen

Man wird, das ist das ungeschriebene Gesetz jedes Gesprächs, in keiner Verhandlung etwas erreichen, wenn nicht deren möglicher Abbruch als – zwar nicht zwingend auszusprechende, aber – angenommene Drohung im Raum steht. Nichts ist in der Kommunikation so blödsinnig wie der Satz, man führe einen Dialog um des Dialogs willen. Das gilt selbst in der heikelsten aller politischen Situationen: der Schwelle zwischen Diplomatie und Gewalt.

Zu Gast

Gastgeber zu sein, ist die dem Menschen angemessenste Rolle. Sie spiegelt wider, was ihm im Verhältnis zur Welt selbst zugewiesen ist: ein Zuhause auf Zeit zu bekommen, in dem er nie ganz aufzugehen vermag. Der Gast ist gewissermaßen die domestizierte Form des Fremden, dessen Andersheit nicht zuletzt deswegen als Bereicherung des Eigenen empfunden werden kann, weil umgekehrt dieses Eigene zum Ort seiner Teilhabe wird.

Lebensalter, Liebesalter

Aus der Serie „Geflügelte Worte, die flügellahm geworden sind“:

Alte Liebe postet nicht.*

* Den jungen Liebenden, die weder das Sprichwort kennen, das dem Satz zugrundeliegt, noch das Phänomen: Es gab eine Zeit, in der die Liebe sozusagen aus Edelstahl geschmiedet war, so dass, je reifer sie wurde, sie dennoch keine Patina ansetzte. Alte Liebe rostet nicht, hieß es dann, was aber auch oft nur ein Euphemismus war für den förmlichen Zusammenhalt.

Wie niedlich!

Gerade starke Theorien, solche, die zum System taugen und das Denken für sich einnehmen, weil es ihnen leicht fällt, höchst unterschiedliche Phänomene nach ein und demselben Gesetz zu deuten, gerade sie haben einen ausgeprägten Hang zur Verniedlichung. Klein geredet, für unbemerkenswert erachtet wird all das, was sich nicht in die Vorstellung fügen will, nach der die Welt begriffshalber funktioniert. Dabei sind es die widerspenstigen Elemente, die einer Theorie erst ihre Qualität abfordern, indem sie das einzige, was das Denken brillant beherrschen muss, provozieren: die Fähigkeit, sich selbst zu begrenzen.

Eine Welt ohne Marketing

Eine Welt ohne Marketing wäre zwar nicht ehrlicher, aber interessanter. Was nicht fehlte: ein Denken ohne Tiefe, Musik ohne die leisen Töne, Kunst ohne Ästhetik, Sinnlichkeit ohne Sinn, Kommunikation ohne Gespräch, Zugang ohne Widerstand …

Sturm

Windstärke bis zum Endpunkt der Skala: zwölf. Die See schäumt und schlägt mit Brechern ans Festland. Nichts ist schöner in solchen Momenten, als im dichten Haus zu sitzen, geschützt vor den peitschenden Böen. Oder im Bauch eines Schiffes. Gefährlich ist nur der Übergang, wenn die letzte Fähre sich ächzend in den Hafen vorgearbeitet hat, den Anleger mit gesammelter Kraft gerade noch erreicht, bevor die Wellen zu hoch ins Land drücken. Beim Wechsel der Elemente, vom Wasser auf den sicheren Boden, muss ein Sprung helfen, ins leicht Ungewisse, begleitet vom Wunsch, die Füße trocken zu halten, und der Hoffnung auf festen Untergrund. Das sind die fragilen Phasen des Lebens, wenn die Veränderung einen abrupten Wechsel erzwingt, weil das Bestehende nicht mehr trägt und vom Kommenden nur wenig bekannt ist.

Fehlerkulturlosigkeit

Es ist ein weit verbreitetes, aber schlecht beleumundetes Vorurteil, dass viele Fehler sich von selbst korrigieren, wenn man sie nur oft genug wiederholt.

Verwaltungsreform

Die heimliche Angst vor dem Bürokratieabbau speist sich aus der Ahnung, dass die Zahl der Vorschriften, auf die sich leicht verzichten ließe, das Maß unserer Vorstellungen weit überschreitet. Ein nicht unerheblicher Part der Verwaltungsarbeit besteht darin, alles zu tun, sich selber nicht aus Versehen abzuschaffen, indem man die Aufgaben pünktlich erledigt. Wir werden das Monströse der Administration nicht bezwingen, indem wir es bekämpfen. Aber es ist ein taugliches Mittel, solche Dämonen loszuwerden, indem man sie nicht mehr ernstnimmt. Eine Behörde, die kaum noch Schrecken verbreitet, verschwindet à la longue.

Lebendig bleiben

Ein wacher Geist liebt die Irrtümer mehr als die Gewissheiten.

Sehr üppig

In den meisten deutschen Restaurants ist Opulenz auf dem Teller ein sicheres Indiz, dass das Essen nicht schmeckt. Man versucht, durch Quantität wettzumachen, was an Qualität fehlt. Vielleicht ist das überhaupt die Eigenschaft des Zählbaren: Sobald es zum Statusmerkmal erkoren wird, wie in der Wirtschaft, soll es ablenken von der dürren Trostlosigkeit des Inhalts.

Selbstzweifel

Jeder Gedanke taugt genau so viel, wie er seine Kritik an sich selbst bestanden hat.

Die Qualität dessen, was sich nicht fügt

Die Übersetzung von Qualität in Systemkonformität, die sich über Standards und Prozesstreue ausweist, wie es deren Management lehrbuchartig betreibt, sorgt dafür, dass alles verschwindet, was Qualität am Ende auszeichnet: dass sie jenes Unterscheidungsmerkmal ist, das eine Sache vor einer anderen hervorhebt. Jede echte Qualität zeigt Eigenschaften des Widerstands und der Unfügsamkeit.

Machbarkeit

„Das ist machbar.“ So lautet die Antwort von beflissenen Dienstleistern allenthalben auf Ansinnen aller Art. Was nicht machbar ist, wird dabei unterschlagen, weil es in der Vorstellungswelt einer Industriegesellschaft kaum vorkommt. Machbarkeit ist das Ideal derer, die danach streben, ihre Sachen im Griff zu haben, gestalten und kontrollieren zu können. Entzugsphänomene wie das Vertrauen oder die Kreativität, Neugier oder die Einstellung zu einer Arbeit, Leidenschaft und Sprechtalent, das ungezählt Viele, das eben gerade nicht taugt zur Instrumentalisierung, ist dummerweise aber oft eine Bedingung dafür, dass etwas machbar wird. Und darüber hinaus die Bescheidenheitserinnerung, der Machbarkeit nicht über die Maßen zu trauen und zuzutrauen, was nicht erzwungen werden kann. Die Instrumentalisierung von Menschen lässt sich so verstehen als die hässliche Rückseite des industriellen Glaubens an die Machbarkeit der Sachen.

Mit gleicher Münze heimzahlen

Die einzig angemessene Antwort auf Liebe ist ihre Erwiderung. Trotz des Anscheins der Selbstlosigkeit versteckt sich in jeder Liebe die Bitte „Liebe mich auch!“ Und der starke Wunsch, genau diese möge nicht erkennbar sein. Liebesgeschichten leben vom Paradox der Verpflichtung zur Freiwilligkeit.

Lass mich ausreden

Über die Bedeutung der Wortkraft für die Fähigkeit, Menschen zu führen, gibt es keinen Zweifel.  Die vielleicht wichtigste Funktion der Eloquenz ist indes, dass sie die Ausreden in Fällen, da sie geboten sind, nicht als solche erscheinen lässt.

Ja, ich weiß schon

Es gibt ein Wissen, das nichts anderes ist als getarnte Dummheit. Es vermeidet jegliche Erfahrung, indem es sie abgeklärt abwehrt mit dem Gestus, sie nicht nötig zu haben.