Der Tag, an dem sie Schluss machte

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

Am Tag, an dem sie mit ihm Schluss gemacht hatte, waren die Fernsehnachrichten genau eine halbe Minute zu kurz. Zwanzig Uhr vierzehn und dreißig Sekunden zeigte seine Uhr, als die Sprecherin sich verabschiedete. Sie wünschte noch einen schönen Abend, doch er hörte in seiner Trance nur: Leb wohl. Der Wunsch, der kein Wunsch ist, diese zwei letzten, hingeschmetterten Wörter, dröhnten ihm seit ein paar Stunden im Kopf. Von den Tagesereignissen, die auf dem Bildschirm gezeigt wurden, hatte er nichts mitbekommen. Nur dass die Sendung zu früh aufhörte. Zu früh, wie ihr Weiterlesen

Jung geblieben

Die Alltagsrede kennt den anerkennenden Ausdruck „jung geblieben“ für Ältere, die sich gut gehalten haben. Es ist eine falsche Wendung, falsch nicht nur als nichtige Schmeichelei, sondern vor allem wegen der Vorstellung, es ließe sich aufhalten, was von Beginn an dem Ende zustrebt. Nichts ist jung, weil es geblieben ist. Je älter einer wird, desto schärfer zeichnet sich vielmehr ab, worin das Junge besteht: in der Fähigkeit und Kraft, Perspektiven zu entwickeln.

Der Spieler

Die erste und einfachste Regel beim Spiel, das auf den Sieg zielt, lautet: Mach die Unberechenbarkeit zum Kalkül. Und rechne mit den Launen der anderen.

Ohne Verlustangst

Warum ist der so gefährlich, der nichts zu verlieren hat? Er kann voll ins Risiko gehen.

Die Zähne ausbeißen

Am Geheimnis beißt sich die Neugier die Zähne aus. Was sich nur selber erschließt, lässt sich nicht entschlüsseln.

Verlauf

Gespräche über das Ende sollten nur im Gehen stattfinden. In der Bewegung verliert das Ende seine Gültigkeit.

Die zwei Seiten des Schönen

Dass das Schöne bedrohlich sein kann und das Bedrohliche schön, ist nirgendwo so anschaulich wie beim Wetter.

Das Leben leben

Das Leben ist so einfach. Es wird nur schwierig, wenn wir das tun, worauf es gerade Lust hat.

Vor dem Ende

In vielen Geschichten hat der Vorbote ihres Endes einen Namen: Er heißt Gleichgültigkeit.

Das Los des Willens

Wie bedeutend die Rolle des Willens im Ensemble der Vernunftbegabungen ist, merkt man schon daran, dass niemand mit sich und der Welt zufrieden sein kann, der mit sich und der Welt nicht einverstanden ist. Ohne den Willen zum Glück kann keiner sich wohlfühlen.

Schwarz auf weiß

Aus der Serie „Sinnvolle Schreibfehler“:
Anthroposophische Geseelschaft  

Na dann nicht

Verantwortlich sein bedeutet, nicht getan haben zu müssen, worum es schließlich geht. Es ist die Qual nach der Wahl.
In den beiden Grundbegriffen Freiheit und Verantwortung haben Gesellschaften sich den moralischen Ort erdacht, der ihnen erlaubt, Schuld ertragen zu können.
Schuld, die keine letzte Herkunft kennt, ist in dem Maße bearbeitbar, wie sie einem Einzelnen zugeschrieben werden kann, der für sie verantwortlich zeichnet. Verantwortung übernimmt in der Ethik dieselbe Rolle wie der Grund in der Logik und die Ursache in der Physik.

Denk mal

Poesie des Problems

Mit anderen denken – Gespräch.
An andere denken – Gebet.
Für andere denken – Geborgenheit.
Statt anderer denken – Gefahr.
Trotz anderer denken – Gebot.

Abenteuer

Die meisten Abenteuer beginnen mit dem Willen, die Belastbarkeit von fremden Grenzen zu testen, und enden mit der Erfahrung, die Grenzen der eigenen Belastbarkeit kennengelernt zu haben.

Schamlose Siege

Gerade jene Erfolge, die sich der Schwäche des Gegners verdanken, sollten zu nichts Anlass geben als zu Demut. Ein Wahlsieg, der kaum errungen wurde, sondern sich als Nebeneffekt ergeben hat, weil die Bürger andere Parteien abgestraft haben, kann eigentlich nur jene versteckte Scham auslösen, die heimlich weiß, dass alle zu denselben Schandtaten fähig wären, über die gerade das politische Urteil für einzelne vernichtend gefällt wurde.

Amtsenthebung, Amtserhebung

Seitdem der belgische Soziologe Daniel Warnotte im Jahr 1937 in einem Text über Bürokratie den stillschweigenden Übergriff von beruflichen Verfahren, Methoden oder Funktionen auf andere Lebenskontexte beschrieben hat, heißt diese Art der unmerklichen Machtergreifung, die sich bis in die Persönlichkeit erstrecken kann, déformation professionelle. Die Wendung ist ein Wortspiel. Als formation professionelle bezeichnet die französische Sprache die Ausbildung zu einem Beruf. Es gibt, sichtbar allenthalben in diesen Zeiten, auch jene umgekehrte Bedeutung dieser Deformation, in der eine Person die Aufgabe, die ihr anvertraut ist, instrumentalisiert für eigene Zwecke, und die weit größere Gefahr besteht, es könne das Amt elementar Schaden leiden. Zum Schutz vor dieser Entstellung haben die politischen Systeme Verfahren entwickelt, einem Einzelnen nicht zu erlauben, seine verliehene Macht zu missbrauchen: Das Amt erhebt sich zur Amtsenthebung.

Tauschgeschäft

Nichts liegt ferner als ein Meinungsaustausch, wenn die eigenen Anschauungen aus einer festen Überzeugung stammen. Was sollte man als adäquaten Gegenwert erhalten? Die prinzipienfreien Sichtweisen der anderen?

Futur zwei

Unter allen grammatikalischen Zeitformen ist das Futur zwei die anmaßendste. Wer so spricht, hat in Gedanken schon beschlossen, was in der Wirklichkeit vielleicht noch nicht einmal begonnen hatte. Die Vergangenheit ist in die Zukunft eingezogen; das Aufbrechen durch das Ende überformt. Als Inbegriff der Konsequenz behauptet die Logik versteckt, sich über die Sprache ins Leben setzen zu können: Sie meint, den Schluss zu kennen, weil sie die Bedingungen benennen kann, unter der eine Sache antritt. So öffnet sich das Futur zwei ungewollt für den Zynismus, der immer schon weiß, wie eine Geschichte ausgeht, und so ein vorgezogenes Urteil fällt, ob es lohnt, sie überhaupt erst anzufangen.

Wort und Wörter

Weil Worte mehr sind als die Wörter, die wir gebrauchen, können sie eine Welt verändern.

Schreibblockade

Die Schreibhemmnis ist die einzige Blockade, die durch einen Sitzstreik aufgehoben wird. Man muss nur warten, bis der Gedanke kommt, der sich nie ankündigt.

Das ganz Große und das große Ganze

Zu den bedeutenden Lernleistungen unserer Zeit wird vielleicht gehört haben, dass es dieser Generation erstmals gelingen mag, ein leidenschaftliches Gefühl zu entwickeln für das Abstrakte: eine künftige Menschheit, für die wir verantwortlich zeichnen, eine Welt, die wir nicht spüren, obwohl wir von ihr und in ihr leben, ein Klima, das sich kaum merklich, aber stetig und dramatisch ändert. Schon vor vierzig Jahren hat Hans Jonas die Ethik zur Bewegung „Fridays for Future“ geschrieben: „Nun gibt es aber noch einen ganz anderen Begriff von Verantwortung, der nicht die ex-post-facto Rechnung für das Getane, sondern die Determinierung des Zu-Tuenden betrifft; gemäß dem ich mich also verantwortlich fühle nicht primär für mein Verhalten und seine Folgen, sondern für die Sache, die auf mein Handeln Anspruch erhebt … Diese Art Verantwortung und Verantwortungsgefühl, nicht die formal-leere ,Verantwortlichkeit‘ jedes Täters für seine Tat, meinen wir, wenn wir von der heute fälligen Ethik der Zukunftsverantwortung sprechen.“*

* Das Prinzip Verantwortung, 174f.

Unmut, Mut, Übermut

Der Unmut zürnt: Unmöglich! Das alles!
Die Mutlosigkeit zaudert: Lass schauen, was möglich ist.
Der Mut zeigt: Was wirklich werden soll, muss man möglich machen.
Der Übermut zuckt: Nur das Unmögliche fordert wirklich.

Risikobewertung

Vor knapp hundert Jahren, 1921, veröffentlichte der Begründer der Chicagoer Schule, der Wirtschaftswissenschaftler Frank Hyneman Knight, eine Studie über das Verhältnis von Risiko und Profit.* In ihr stellt er die Unberechenbarkeit des Weltlaufs, die Unvorhersehbarkeit von Entscheidungen ins Zentrum des unternehmerischen Handelns. Erfolg hat der, der sich gegen den Irrtum der vielen anderen gestellt und seine Wette auf den Ausgang der Angelegenheit gewonnen hat. Das ist, was allzu oft den angehenden Lenkern, Managern, Führungskräften, Mächtigen unterschlagen wird: Der Preis der Überlegenheit ist die Einsamkeit.

* Risk, Uncertainty and Profit, New York 1964

Die Wissenschaft hat festgestellt

Zu den Grundvoraussetzungen von Wissenschaft gehört spätestens seit der Aufklärung, dass sie auch zu sich selbst ein skeptisches Verhältnis entwickelt hat. Wie aus der Zeit gefallen mutet daher an, wenn von Klimaaktivistinnen oder Weltrettern nun „die Wissenschaft“ als unzweifelhafter Kronzeuge und letzte Instanz angeführt wird, die als unerschütterliche Autorität für Handlungszwänge verantwortlich zeichnet. Jeden Wissenschaftler, der deswegen nicht gleich „Klimaleugner“ ist, muss diese Unbedarftheit wundern, wo er doch weiß, wie viele Wissenschaften höchst Unterschiedliches behaupten und es oft selbstkritisch revidieren müssen. Doch zugleich mag die Berufung auf „die Wissenschaft“ eines lehren: dass große (Gesellschafts-)Kritik sich auf jene Naivität gründen muss, die von der Vorstellung beseelt ist, dass sich durch eigenes Zutun im Ganzen etwas grundlegend ändern kann. Das Fundament des Zweifels ist die Gewissheit, nicht umgekehrt.