Überraschung!

Lassen sich die Provokation, die Überraschung, die Brechung des Gewöhnlichen dauerhaft inszenieren, ohne dass das Spiel mit dem Unerwarteten ermüdet? Das ist die Kunst. Ein Künstler stellt dar, was sich nicht dekorieren lässt, ohne dass man sich am Außerordentlichen vergreift. Er muss selbst das überbieten. Sein Werk ist die abermalige Inszenierung des Ungezeigten und Ungesagten, eine Antwort auf all die Versuche, die bisher nicht gelungen sind, auch wenn es diesen Bezug sich nie eingestehen und zudem nicht sehen will, dass es selbst schon wieder als eine Art überschüssiges Angebot verstanden werden kann, die Erwartung hin zur nächsten Meisterleistung zu öffnen. Indem es alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, weist es von sich weg.

Vor Mut gewarnt, zur Warnung ermutigt

Es ist nicht die Zeit, in der die Ermutigung den Vorzug erhält vor der Warnung. Aber sie wäre der Anlass zu zeigen, was eine bestärkende und stützende Politik vor allem ist, die nicht nur den Mut der Regierung herausstreicht, sondern Herz, Entschlossenheit, Schwung und Lebenskraft der Bürger sensibel fördert. Und die nicht Ängste schürt, sondern Vertrauen schenkt, nicht jede Gelegenheit ergreift, sich in ihren Leistungen zu rühmen, sondern die Eigenverantwortung und Fürsorge sich selbständig entwickeln lässt und nur dort regulativ eingreift, wo sie, nicht zuletzt finanzielle, Voraussetzungen schaffen kann, in denen ein Geist der Initiative, der Wachsamkeit, der Klugheit und der Freiheit gedeiht. Warnung vor allen gutgemeinten Formen der Vormundschaft und Ermutigung zur Klarheit über jene Augenblicke, in denen Zurückhaltung Besseres bewirkt als eine wohlwollende Intervention: das könnte das Leitmotiv einer überlegenen Krisenpolitik sein.

Schnutenpulli

Die Maske, die in Friesland schon verniedlicht ist zum Schnutenpulli und bei frischer Brise auch weniger stört, sorgt für Irritationen vor allem im Feld der Bekanntschaft. Was zwischen Liebenden und Freunden, die miteinander so vertraut sind, dass der Ausfall von Wahrnehmungsmerkmalen in der Mund- und Nasenpartie nicht das Gesamtbild irritiert, durch die Vorstellung ersetzt wird, fällt in Gelegenheitsbegegnungen auf. Hinter Baumwollgewebe oder Nonwoven-Materialien verbirgt sich die Miene, so dass es schon schwerer wird, nicht nur den Gesichtsausdruck zu lesen, sondern überhaupt zu erkennen, um wen es sich handelt, wenn die Erinnerung an den anderen visuell nicht scharf genug ist. Ob es sich wirklich um ihn handelt? Die Pflicht zum Tragen der Bedeckung erlaubt nicht, den Stoff zur Enträtselung zu entfernen und (das) Gesicht zu zeigen. Es müssen schon andere Zeichen gesetzt werden, die das Wiedererkennen erleichtern. Was ist es, das im Gedächtnis haften geblieben ist: die Stimme, der Geruch (was zu prüfen die Abstandsregel verhindert), der Gang, die Frisur? Solche Fragen führen zur eigentlichen Verblüffung: wie viele Ähnlichkeiten und äußerliche Stereotypen wir uns leisten, von der Kombination aus blauer Jeans und schwarzem T-Shirt bis zum Haarschnitt mit Hipsterscheitel, und wie arm das individuelle Unterschiedsbedürfnis ist im Zeitalter der Egomanie und des Narzissmus.

Dafür habe ich kein Verständnis

Eine Sache erklären bedeutet, sie in ihren Abhängigkeiten darstellen. Das heißt aber noch lang nicht, dass man sie versteht, geschweige denn dass man für sie Verständnis aufbringt. Was ist der Unterschied? Wo für eine Erklärung Gründe ausreichen, sind zum Verständnis Beweggründe nötig. Hier geht es um Verhältnisse, über die sich etwas erschließen lässt, dort um Beziehungen, die ausschließlich gelten und als deren vornehmste sich die herausstellt, die man selbst zur Sache pflegt.

Ab in die Ferien

Jede Urlaubsreise startet mit der Erwartung, erneuert und verändert, mithin als ein anderer zurückzukommen, und endet in der beruhigenden Gewissheit, dass es so weit nicht kommen musste. Erholt zu sein bedeutet, zu sich sich selbst und dem Eigenen ein entspanntes Verhältnis wiedergefunden zu haben. Was sich da nicht mehr eingliedern lässt, mag Anlass geben, es mit den zuverlässig zurückgekehrten Kräften umzuwandeln.

Mit dem Virus leben

Es ist ein schmaler Grad zwischen dem Leben, das ein Virus bedroht, indem es den Organismus eines Individuums befällt, und jener anderen Lebendigkeit, die gefährdet ist, weil sich der Organismus einer Gesellschaft zu schützen versucht vor Ansteckung, indem er die Distanz zum verpflichtenden Ideal des Umgangs miteinander erhebt. In beiden Risiken zeigt sich immer deutlicher, worauf die Welterkrankung zielt, die medizinisch „Pandemie“ heißt, aber mehr ist als ein ärztliches Phänomen: auf Abspaltung, Trennung, Vereinzelung und Einsamkeit.

Streiten lernen!

In einer Gesellschaft, die das Streiten verlernt hat, weil sie dessen Formen und Voraussetzungen nicht beherrscht, bilden sich Verachtung, Intoleranz, Hass und Pöbelei aus und reklamieren für sich das moralisch überlegene Recht des Guten. Solche abfälligen Reaktionen können zuverlässig mit der Hilflosigkeit derer rechnen, die kaum noch ahnen, welche Schönheit und Befreiung in einer klugen Auseinandersetzung stecken. Nur keine Unruhe! Das ist das Leitmotiv jener Harmoniebedürftigen, die Einseitigkeit nicht für die notwendige Begleiterscheinung einer wohlüberlegten streitbaren Position halten, sondern für einen Frevel an der Vielgestaltigkeit der Welt. Ihre intellektuelle Geräuschlosigkeit solidarisiert sich allzu rasch mit dem Krawall, der die Provokation, die durch nichts als den klaren Gebrauch von Vernunft entsteht, höhnisch niederbrüllt, eine Herausforderung, die schon deswegen als unvernünftig gilt, weil sie – seltsam zu sagen – zur Reflexion reizt. Die Sache wird sofort persönlich genommen; man scheint nichts mehr zu wissen von der Überzeugungskraft triftiger Gründe. Der allzu laute Widerspruch wird mit vorauseilendem Gehorsam kleinlaut beantwortet durch Zurückhaltung im Denken.

Der Moment, in dem wir die Frage schätzen

Um den Wert einer Frage zu ermessen, kann es sinnvoll sein, sie nicht nur als dienstbaren Verweis auf eine Antwort aufzufassen. Sondern umgekehrt jede Antwort auch zu verstehen als jenen Akt, der eine Fülle neuer Unklarheiten aufwirft. Die Frage als Folge der Antwort zu sehen, ist mindestens so interessant, wie eine Erwiderung in ihrer konsequenten Beziehung zur Forderung zu betrachten, dass sie eine offene Situation schließt. Fragen verstören, Antworten beruhigen. Manchmal ist es anders: Antworten verengen, Fragen befreien.

Behördenreform

Vielleicht wird es zur wichtigsten Behördenreform jenseits von Stellenverlagerungen und Büroschließungen, Strukturumbauten oder Verwaltungsneuordnungen nie kommen: der nämlich, die aus einer Administration des institutionellen Misstrauens gegenüber dem Bürger ein Amt macht, an das er sich gern wendet, weil es zuverlässig keiner anderen Aufgabe nachgeht als der Dienstleistung in allen staatlich verursachten Angelegenheiten. Es ist nur eine Utopie: die Behörde prinzipiell als der Ort, an dem der Bürger entlastet wird.

Zweckfrei

Zwei Fragen, die sich gegenseitig entlasten: Der Zukunftsgerichtete will wissen, wozu eine Geschichte gut ist, und muss nicht erforschen, warum sie entstand. Der Vergangenheitsinteressierte braucht keine Rechtfertigung der Zwecke, wenn er nur die Ursache kennt.

Ein anderer sein

In nichts ist der Mensch so sehr er selbst wie in dem Wunsch, ein anderer zu ein.

Mir fehlen die Worte

Jeder Gewaltakt ist ein Gedanke, der vergeblich um seine Fassung in Worten gerungen hat. Das hat er mit der Liebesgeste gemein. Aus Mangel an Sprache entstehen die schrecklichsten und die schönsten Augenblicke der Welt. Bis das eine Wort gefunden ist, das, weil es alles sagt, sich von der Tat nicht mehr unterscheidet, und dennoch nicht unausgesprochen bleiben darf, weil nur so geschieht, was geschehen muss. Aber das lässt sich nicht mehr nur denken.

Entschuldigung

Der Narzissmus der Vergebung glaubt, ein Vergehen sei schon in Ordnung gebracht, wenn man sich entschuldigt hat. Dass mit dem beiläufigen Ausruf „Sorry!“ kein Reparaturmechanismus einsetzt, der die Sache selbstredend zurechtrückt, sondern die Bitte implizit ausgesprochen wird, es möge Verzeihung gewährt werden, missversteht jener, dem auch sonst alles „kein Problem“ ist. Und der in Wahrheit meint: dein Problem! Verstimmung und Verwunderung erntet, wer Verantwortung einfordert und eine platte Rechtfertigung erhält: „Aber ich habe mich doch entschuldigt – ? “ Als ob das Wort „Entschuldigung!“, das vorgibt, für den Fehler geradezustehen, die Haftung ersetzen könnte. In einer Welt des selbstbezogenen Umgangs bezeichnet die Entschuldigung nur den Augenblick, von dem an einer glaubt, mit den Folgen des Patzers nichts mehr zu tun zu haben. Entschuldigung, müsste man erwidern, aber so läuft die Chose nicht.

Hilfe, Verschwörung

Jede Verschwörungstheorie ist zunächst ein Hilferuf aus der Erklärungsnot.

Was willst du wirklich?

Der erfahrene Gesprächspartner entdeckt in den Worten seines Gegenübers genau jene Fragen, die nicht ausdrücklich gestellt werden, und ist klug genug, sie zu erwidern, ohne seine Rede als Antwort zu markieren. So wird das Gefälle vermieden, das jedes Ersuchen in die Nähe eines Bittakts rückt und jede Entgegnung als heimlichen Machtgestus kennzeichnet. Frei von Fragen zu sein bedeutet, an der Welt nicht teilhaben zu wollen; aber oft ist Freiheit die Folge eines fraglosen Umgangs mit ihr.

Moralapostel

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchem Maß an Böswilligkeit für eine gute Sache gestritten wird.

Schöne Seiten

Das Gespür für Schönheit ist eines der Talente, die keine Einseitigkeit dulden. Wer seinen Geschmack gefunden und ausgebildet hat, wird ihn in der Musik, der Architektur, der Mode, der Kunst gleichermaßen, nicht zuletzt in der Natur stilsicher einsetzen. Jeder, der vom Schönen einmal sich hat ernsthaft ansprechen lassen, kann nicht ungerührt vorbeigehen, wenn er einen attraktiven Menschen sieht, lässt sich anziehen von der Anmut wohlgesetzter Worte, findet selbst in der mathematischen Formel oder einem Spielzug auf dem Fußballrasen noch die Brillanz einer einfachen Lösung. Das Schöne ist weltverbindender als das Gute oder gar Wahre.

Gastfreundschaft

Unter den verschiedenen Formen der Freundschaft, die vom Geschäftsfreund bis zum Busenfreund reicht, ist die Gastfreundschaft am klarsten geregelt. Der Gast, der in vielen Sprachen auch der Fremde heißt, soll nach alter Weise, die seit den Tagen gilt, da der schiffbrüchige Odysseus auf einer Insel beim Volk der Phäaken, der friedlichen Fährleute, gestrandet war, nicht länger bleiben als drei Tage. Die allerdings haben es in sich. Alles sei dem Besucher in dieser Zeit über die Maßen zu gewähren, auf dass es ihm nur ja an nichts fehlen möge. Und Gastgeschenke sollen ihm mitgegeben werden für seine Weiterfahrt. Reichlich. Und der guten Erinnerung wegen. Womit der Fremdling das verdient hat? Da nach seinem Namen nicht gefragt wird, könnte er dieser oder jener sein, auch ein Gott auf der Reise. Das allein reicht für Gunstgewährung. Und der Dank? Nichts als seine befristete Gegenwart – also: keiner? Doch, schon. Denn in ihr stecken die wahren Schätze jedes Besuchs: die unbekannten Welten, die mit der Präsenz des Fremdlings ins eigene Haus kommen. Bezahlt wird mit Geschichten. „Sprache ist Gastlichkeit.“*, sagt Emmanuel Levinas. Umgekehrt gilt es gleichermaßen: Gastlichkeit ist Sprache. Das ist die Aufgabe des Fremden als Antwort für die Aufnahme: Sorge zu tragen, dass der Gastgeber sich nicht langweilt und seinen Horizont erweitern kann. Die „Währung“ der Gastfreundschaft ist Kultur. Da sind drei Tage recht bemessen.

* Totalität und Unendlichkeit, 444

Schönes Wochenende

Es gibt Städte, in denen man sofort leben möchte, wenn das Wochenende regelmäßig schon am Montag beginnt.

Ruhe sanft

Man hat nicht genug gelebt, wenn man auf dem Friedhof die letzte Ruhestätte gefunden hat. Es könnte ja auch die erste sein.

Gegen die Harmonie

Widerspruchsfreiheit mag ein Ideal des folgerichtig schließenden logischen Denkens sein. Es sollte aber niemals zum Leitmotiv eines gesellschaftlichen Gesprächs werden. Im Gegenteil: Gerade die Auseinandersetzung mit fremden und befremdlichen Positionen, sofern sie bedenkenswert erscheinen, das Aushalten des Anderen – gehört nicht nur zu den ersten Tugenden eines demokratischen Diskurses, sondern – ist ein Ausweis der überaus klugen, weil bescheidenen Einsicht, dass die Erkenntnis von Wahrheit eine Angelegenheit ist, die einen Einzelnen überfordert. Jedes Denk- und Sprechverbot, auch aus Rücksicht auf Harmonie und Linientreue, Parteidisziplin oder vermeintliche Tabus, verdient schon deswegen, dumm genannt zu werden.

Meinungstief

„Das habe ich nicht so gemeint“, ist meist die Dürftigkeitsformel für den Wunsch, besser nicht gesagt zu haben, was ohne Zweifel einzugestehen wäre. Sie beruft sich auf die Bedeutungsvielfalt und nutzt den Spielraum der Interpretation, ohne ihn zu schließen. Im Unbestimmten lässt sie, was ein Gesprochenes heißen soll, um mit Entschiedenheit zu behaupten, wie es nie auszulegen sei. Indem sie das Deutungsmonopol für sich beansprucht, von ihm aber keinen Gebrauch macht, schafft sie die größtmögliche Versicherung.

Auf einem Auge blind

Mehr zu sehen als andere, bedeutet zunächst, dass man weniger sieht als andere. Es ist die Kunst, eine Sache fest in den Blick zu nehmen, ohne zu vernachlässigen, was sich sonst noch zeigt. Umgekehrt gilt aber auch: Wer einmal etwas annähernd durchdrungen hat, wird mit der Zeit immer öfter entdecken, dass er nicht nur dieses eine verstanden hat, sondern mit ihm vieles. Die Dimensionen der Einsicht erstrecken sich in die Tiefe wie in die Weite.

Legitimationszwang

Nicht selten bleibt mit dem Zuwachs an Machtfülle kaum Platz für den Charakter, ihren Verführungen zu widerstehen. Man merkt es daran, dass Menschen sich nur noch erklären, weil sie meinen, sich nicht mehr rechtfertigen zu müssen.