Auf dem Sprung

Wertgeschätzt, um eine der Modetugenden des modernen Managements zu bemühen, wird in einem Unternehmen nicht der, der loyal seine Pflichten übererfüllt. Sondern jener andere, der zu erkennen gibt, stets auf dem Sprung zu sein, egal ob die Karriereleiter hinauf oder hinaus.

Erfolgshunger

Der Standardsatz, ob einer Freund sei, entscheide sich daran, wie er mit deinen Niederlagen und Schwächen umgeht, ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Ebenso gilt, dass so manche Freundschaft des einen Glück und Erfolg nicht überlebt.

Zu viel Überwindung

Das Ausmaß sinnloser Gewalt in dieser Welt scheint zuzunehmen: Vernichtungskriege, Bandenkämpfe, Terroranschläge, Meuchelmorde, Wahnsinnstaten, Polizeiwillkür, Verachtung oder Erniedrigung im Netz – täglich liest und hört man über die hemmungslose Zerstörungswut von Menschen, und es sind nicht nur so viele, weil darüber berichtet wird. Welche Begrenzung fehlt, dass das Grauen sich ausbreiten kann? Die umgekehrte Proportionalität zwischen Kommunikation und Gewalt mag einen Hinweis geben. Wer beherrschen will, muss den anderen überwinden; wer besprechen will, muss sich selbst überwinden.

Geschmacksverirrung

Geschmack bildet sich nur, indem man oft genug das Falsche gewählt hat. Die Irrwege sind es, die das Gehen trittsicher machen.

Die kühle Blonde

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

… „Na, wie fühlt sich das an?“ fragt sie unvermittelt. Gerade einmal eine Viertelstunde ist er jetzt in ihrer Wohnung. Es ist das vierte Date, seitdem sie ihn in der Kunsthalle angesprochen hatte. Er hat alles minutiös gespeichert, wie er da versonnen und zeitvergessen vor einem Karfreitagsstillleben des Malers Michael Triegel stand, das blutende Herz ins Zentrum des Kreuzes geschlagen, umgeben von drei toten Fischen, die dessen Schicksal teilen.
„Na, wie fühlt sich das an?“ Die fremde, aber Vertrauen weckende Stimme trat von hinten an ihn heran, so dass er erschrak. Er wandte sich um und sah in ein zartes, helles Gesicht, die Augenbrauen für den Augenblick der Frage hochgezogen. „Da hat wohl einer sein Herz verloren“, setzte sie fort. Er war noch immer benommen, nur dass er nicht mehr genau wusste, weswegen. Eben noch war er gefangen von dem Altarbild im Stil der Alten, aber unmerklich schien sich die Faszination auf diesen neugierigen Menschen gerichtet zu haben, mit dem er allein im Ausstellungsraum stand. „Ja, so scheint es“, stotterte er den belanglosesten Blödsinn, der sich so sehr unterschied von all dem Tiefen, das er noch Momente zuvor gedacht hatte: Das Wort, das Fleisch geworden war, hing als tödlich verwundetes Organ am Holz; wie ließe sich das brutaler und plastischer zeigen als durch die Anatomie des Lebenssymbols schlechthin. Nichts davon fiel ihm ein, bloß: „Das Herz ist ein paradoxes Körperteil, es kann fast alles, erkalten, triefen, zerreißen, brechen, weich sein.“ Dann fügte er fast zur Entschuldigung an: „Ach, was rede ich.“
Sie blieben während des Ausstellungsbesuchs zusammen, liefen noch durch den Skulpturenpark, tranken einen Espresso und verabredeten sich fürs nächste Wochenende. So ging das schon ein paar Wochen: ein Kaffee hier, der Spaziergang durchs Grün dort.
Heute hat sie gekocht, hat ihn zum Dinner eingeladen in ihr Loft mit Blick auf den Fluss. Beeindruckt von den sechs Meter hohen Industriefenstern, die vom Wasser widergespiegelt werden, steht er schweigend im Raum. „Von der Nachbarwohnung aus gelangt man auf die überdachte Brücke. Das scheint eine Werbeagentur gemietet zu haben.“ „Ist cool hier zu wohnen. Passt zu dir.“ Da hat er sich wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. „Woher willst du das wissen? Du kennst mich doch gar nicht“, erwidert sie. Das Warm up stockt.
„Ich habe ein Curry gemacht.“ Sie wechselt das Thema, um die Verkrampfung zu lösen. „Hoffe, es ist nicht zu scharf.“ „Für mich kann es nicht scharf genug sein“. Er gibt ein wenig an. Denn obwohl er Chilli gut verträgt, mag er es dennoch so dezent, dass es den Geschmack nicht zerstört. „Aber es wird ja nie so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Schon wieder so eine saudumme Trivialität, denkt er. Da hat sie ihn schon erwischt: „Bei mir ist es genau umgekehrt. Wer mit mir isst, dem wird heißer als die Herdplatte. Komm!“ …

Viertelherzig

Zur Logik der Politik: Du hast die Wahl zwischen Zwecken, die du erreichen willst; musst aber wissen, dass das Mittel erfordert, gegen die zu entscheiden sinnlos ist. Du hast die Wahl zwischen Bedingungen, unter denen an das bevorzugte Ziel zu gelangen ist, aber kannst nur differenzieren zwischen notwendigen, hinreichenden und solchen, die irrelevant sind. Plausibel wählen lässt sich nicht: die Absicht unbedingt realisieren, aber die gebotenen Maßnahmen ignorieren zu wollen.

Beziehungsreich

Beziehungsreich zu sein, das ist ein Ausweis für die Lebendigkeit des Lebens. Jede Krise kappt solche Verhältnisse. Sie ist immer ein Test von deren Belastbarkeit, was so viel meint wie Funktionstüchtigkeit und Symbolkraft. Beides gehört zusammen. Was nur seinen Betrieb aufrechtzuerhalten vermag, ist genauso schwach wie die inhaltsfreie und praxisferne Beschwörung von inneren Regungen und Einstellungen. Ein Paar, das sich selber nicht mehr ernst nimmt, ist genauso seelenleer wie jene zwei anderen, die ihre Liebe feiern, ohne sie zu institutionalisieren. Adäquates gilt für Unternehmen, Verwaltungen, Parteien. Den eigenen Gang der Dinge reibungsverlustarm zu organisieren, hilft, kritische Situationen besser zu ertragen. Talente wie Führungsstärke, Kommunikationsgeschick, Bindungswillen zu wecken tragen dazu bei, aus der Krise mit Gewinn herauszufinden. Denn eine Krise ist nicht überwunden, wenn sie verschwunden ist, sondern wenn wir aus ihr und an ihr gelernt haben.

Aus der Welt der Zwischentöne

Kein Mensch sagt nur etwas, wenn er das Wort – und schon hört es auf mit der linguistischen Neutralität des Sagens – ergreift. Oder findet. Oder mit ihm ringt. Die Intention, die jedes Reden begleitet, formatiert es. So wird eine Bitte flehentlich und erhält eine Reaktion den Charakter der Erwiderung; das Ja klingt ironisch, die Stimme bei einem Vortrag verlegen. Vielleicht lässt sich nicht ein einziger Satz wirkungsvoll verstehen, wenn nicht zugleich die Zwischentöne vernommen werden. Selbst dort, wo reine Informationen (auch die schon eine relevante Auswahl) gegeben werden, hören wir den Anspruch mit, der jede Äußerung von Wert, selbst einer Lüge, stillschweigend begleitet: … und das ist wahr. Wie trainiert man eine künstliche Intelligenz, die das beherrscht?

Selbstverhältnisse

Die menschliche Intelligenz ist weder künstlich noch natürlich, sondern kulturell. Was das bedeutet? Dass alles Begreifen und Verstehen sich gerade nicht darin erschöpft, eine Sache wiederholen oder erklären zu können. Sondern auch eine Haltung zu ihr entwickelt zu haben.

Was will uns der Künstler damit sagen?

Man sollte nicht die Probe machen auf das, was der Interpretation bedarf. Es kommt viel häufiger vor, dass der Autor nicht genau weiß, was er sagen will, als dass der Leser nicht versteht, was der Autor meint. Ambiguität ist eine Eigenschaft hier wie dort. Beides spricht nicht gegen den Text, der gegen seinen Erfinder vom Adressaten zuweilen in Schutz genommen werden muss. Geschriebenes kann klüger sein als der, der es schreibt.

Wortwörtlich

Die Verdoppelung des Worts, das Wortwörtliche, hat die einfachste Form: Ja. Es trennt das Unsagbare vom Unsäglichen, indem es eine Zustimmung einfordert, die keinen Zweifel duldet. Und die wir sonst nur als Geste der Liebe kennen.

Raus mit der Sprache

Deutlich heißt das, was man nicht mehr deuten muss. Alles andere ist die Aufgabe von Kommunikation. Sie sucht im Regelfall durch das Wechselspiel von Rede und Widerspruch nach einer belastbaren Interpretation von Signalen. Da werden Wörter gewichtet, Sätze gewendet, mutmaßliche Botschaften ermittelt und wieder verworfen, nur um zu entdecken, dass Klarheit zuverlässig in die nächste Ungewissheit führt. Hat sie ein Zeichen ihrer Zuneigung gesendet, und wie weit könnte diese reichen? Will er drohen, oder bloß scharf kennzeichnen, was ist und werden könnte? Lässt sich das alles nicht so sagen, dass es selbst die Stumpfböcke unter den wenig Sensiblen verstehen? Was wir allerweltläufig Kommunikation nennen, ist vor allem ein selber hochkomplexes Verfahren zur Reduktion von Komplexität, das nur ein Ziel verfolgt: Die Gespräche sollen nicht abreißen.

Es geschieht dir recht

In vielen Fällen ist die Vorstellung von Gerechtigkeit pragmatisch durchsetzt mit Arten des Ausgleichs. Wo hier eine Differenz schmerzlich empfunden wird, soll ihr dort wenigstens so Genüge getan sein, dass das Umgekehrte gilt. Do ut des, die römische Rechtsformel rechnet mit Gegengeschäft. Der alttestamentarische Tun-Ergehen-Zusammenhang achtet auf die Folgen einer Handlung, die schädlich sein können in dem Maße, wie Schlechtes geschah (die Lebensspanne ist kurz, die Zahl der Nachkommen klein). Auch das populäre Karma gehört in dieses Bild von Gerechtigkeit, so dass ungeachtet einer Daseinsfrist nach der Wiedergeburt noch die Konsequenzen zu tragen seien für das, was man dereinst verbrochen hatte. Die Alltagsformel lautet dafür: Es geschieht dir recht. Gefangen in solcher Ausgleichsgerechtigkeit entwickeln sich unendliche Rachekreisläufe, die dem Los es nicht überlassen wollen, dass einer später büßt für sein übles Verhalten. Sie helfen nach. Der Soziologe René Girard beschreibt diese Gewaltspirale: „Früher oder später kommt anscheinend immer jener Moment, wo man sich der Gewalt nur noch mit Gewalttätigkeit entgegenstellen kann; dabei ist es unwichtig, ob man gewinnt oder verliert – die Gewalt geht immer als Siegerin hervor.“* Doch wie kommt man aus ihr heraus? Die Ratlosigkeit derer, die sich diese Frage stellen, nicht zuletzt angesichts verfahrener Kriege, Politiker oder Therapeuten, Militärs wie Sozialarbeiter, spiegelt vielleicht wider, dass ihrem Wortschatz zwei entscheidende Vokabeln fehlen: Versöhnung und Erlösung, die beide Verzichtskategorien sind und nicht darauf bestehen, worauf wir meist zuallererst pochen – recht zu haben. Gerechtigkeit wäre so gesehen die Aufgabe der Annahme, im Recht zu sein.

* Das Heilige und die Gewalt, 50

Unvergesslich

Es gibt Bewegungsabläufe, die einmal gelernt, ins Körpergedächtnis eines Menschen eingehen. Schwimmen gehört dazu, Radfahren, das Gehen und Laufen, vielleicht sogar Zahlenfolgen, die oft genug eingetippt der Finger eher beherrscht als das Hirn. Sie bleiben, unter gesunden Voraussetzungen, zuverlässig erhalten bis ins höchste Alter. Dennoch würden wir sie kaum Routinen nennen, sondern ihnen vermutlich Natürlichkeit zusprechen, obwohl sie eigens einmal erlernt werden mussten. Von den geübten Fertigkeiten, von einem know how unterscheiden sie sich, weil der Automatismus Lebensfunktionen aufrechterhält, die in der Zeitspanne eines Menschendaseins wohl nicht ernsthaft in Frage gestellt werden, eine zweite Natur repräsentiert. Gewiss, auch die Natur muss aus Anlass „umlernen“; es wird aussortiert, was sich veränderten Umweltbedingungen nicht anzupassen vermag. Das hat mit den eingeschliffenen Gewohnheiten aber wenig zu tun. Sie geben sich zwar gern aus als eine Art Natürlichkeitszwitter, sind indes nicht bewahrenswert, wenn es die Umstände verlangen. Wie sich dieses Erfahrungswissen unterscheiden lässt von all den schönen Formen erworbener Selbstverständlichkeit, die wir geneigt sind, als strukturfeste Muster auszugeben? Vielleicht hilft die Differenz zwischen Vertrautem und Vertrauen. Aufgeben und vergessen lässt sich alles Vertraute, das das Vertrauen in seinem Grund nicht hält und formatiert.

Bedürftig

Die Versuchung der Sozialpolitik: Es ist ein nur kleiner Schritt vom edlen Motiv, andere zu schützen und zu unterstützen, hin zu deren Entmündigung.

Ein Mensch mit Hintersinn

In den Vordergrund rückt der Hintersinn nicht selten im Austausch mit Menschen, denen gemeinhin Tiefgründigkeit unterstellt wird. Sie können nicht charakterisieren, ohne sich sofort der Vermutung auszusetzen, sie kommentierten oder kritisierten gar eine Sache. Dabei äußert sich profund nicht der, der seine wirkliche Überzeugung zurückhält, sondern der, der sich nicht fürchtet, dass ihm die Gedankenfülle einmal ausgehen könnte.

Wunschlos glücklich, glücklos wünschend

Es gibt Sehnsüchte, deren Erfüllung man sich schon deswegen nicht wünscht, weil man ahnt, dass das Streben schöner ist als das Erstrebte.

Zwei linke Hände

Die Wendung, einer habe „zwei linke Hände“, führt auf die falsche Fährte. Man kann die Qualität eines Handwerkers weniger an der Praxis im physischen Umgang mit Maschinen, Werkzeug oder dem Material festmachen als an geistigen Talenten. Erst denken, dann handeln: dieser schlichte Grundsatz zur Qualität des Metiers erkennt die Hemmung als entscheidendes Kriterium für gute Leistungen. Die Reflexion sorgt dafür, dass aus der unmittelbaren Reaktion auf den Ausfall eines Geräts, die Bearbeitung einer Aufgabe eine sinnvolle Tätigkeit wird. Der Soziologe Richard Sennett hat das systematisiert: „Drei elementare Fähigkeiten bilden die Grundlage handwerklichen Könnens. Die Fähigkeit, zu lokalisieren, zu fragen und zu öffnen. Bei der ersten Fähigkeit geht es darum, Dinge konkret zu machen, bei der zweiten darum, über deren Qualitäten nachzudenken, und bei der dritten schließlich, deren Bedeutung zu erweitern.“*

* Handwerk, 368

Mach’s noch einmal

In jedem Wunsch zu wiederholen steckt die Sehnsucht nach Intensivierung und die Furcht vor der Verflachung. Man kann dasselbe nicht noch einmal erleben, ohne es ganz anders zu erfahren.

Der kluge Chef

Es gibt ein zuverlässiges Kennzeichen für die Qualität einer Führungskraft: das Talent, stets das rechte Maß zu finden für das, was sie den eigenen Mitarbeitern zutraut und zumutet.

Wo Fehler fehlen

Die hohe Wertschätzung, die der Genauigkeit und Detailversessenheit entgegengebracht wird, ist dort gerechtfertigt, wo sie Fehler zu vermeiden helfen: in allem, was systematisch aufgebaut ist. Alles, was sich systemisch organisiert, verlangt hingegen Präzisionstoleranzen, Zwischen- und Spielräume, ein gewisses Maß an zuträglicher Unbestimmtheit. Es umgekehrt zu halten, Schlampigkeit sich hier zu gönnen und an Zwanghaftigkeit dort gefesselt zu sein, kann den Alltag in ein Symbol der Hölle verwandeln.

Typologie der Freundschaft

Es gibt Freundschaften, die darunter leiden, dass zu wenig Zeit ist für die Begegnungen. Und es gibt die andere Form, die nicht vertrüge, wenn man sich oft und regelmäßig träfe. Die eine braucht das gemeinsame Erleben; die andere ergötzt sich lebendig an der Erzählung. Und dann gibt es jene dritte Weise der Verbundenheit, die weder das noch dieses pflegt, sondern gelegenheitsabhängig ist: Man verabredet sich nicht, sondern trifft sich, eher zufällig, und genießt pur, was Erleben und Erzählen zu ihren schönsten Eigenschaften zählen: dass sie überraschen.

Feuerpause

Oft ist das, was wir als Frieden bezeichnen, nicht mehr als ein Erschöpftsein von unermüdlich lang anhaltenden Kämpfen. Zum Friedensschluss gehört Kraft, die genau in jenen Momenten fehlt, da er am nötigsten wäre.

Ende vom Anfang

Die Raunächte sind vorüber; auch bei den politischen Parteien wird zum Dreikönigstag abermals ungehobelt polemisiert. Der raue Alltag hat begonnen. Zwischen den Jahren, diese unwirkliche und ins gerade angebrochene hinein verlängerte Zeit, ist vorüber. In ihr ließen wir für den Augenblick von knapp zwei Wochen unsere besseren Eigenschaften aufleben jenseits von Druck und Zwang. Fortan dominieren wieder Funktionsfähigkeit, Effizienz und das kalte Kalkül, also die ökonomischen Gesetze einer prinzipiellen Knappheitsvorstellung, die so manches Leben auf die Rohheit und Robustheit von Überlebensstrategien beschränkt. Das, wofür das Rohe auch steht: das Ursprüngliche, kann einem Lebewesen, das durch und durch seiner Fähigkeit zu Kultur wegen seinen Rang hält, kein Ideal sein. Menschlich zu sein bedeutet, seine Anfänge, seine Natur, sein Wesen überwunden zu haben zugunsten von Natürlichkeit und Charakter.