Da geht noch was

Aus dem Tagebuch eines Paartherapeuten:

Er hasste sie dafür, dass sie ihn mit ihrer Liebe arglistig bestrafte.
Sie liebte ihn dafür, dass er sie mit seinem Hass an seine Leidenschaft für sie erinnerte.

Sonderfall Spielglück

Die Verwunderung über die Macht unserer Vorstellungen, der Lebenswünsche und Gedankenwelten, die zuweilen so stark sind, dass sie „sich“ realisieren, verleitet uns, der Möglichkeit einen eigenen Raum zuzuweisen, sie sich auszumalen als eine Art Quellort, in dem das, was noch nicht ist, dennoch irgendwie schon da sei, weil das, was geworden ist, ja von irgendwoher kommen müsse. Zum Greifen nah, bleibt alles Mögliche aber abstrakt und unbegriffen; es ist eben alles Mögliche möglich, nicht zuletzt dass es nicht nur nicht geschieht, sondern nie möglich war. Jeder Lottotipper sollte sich diese Logik des Unlogischen stets vor Augen halten: Was für alle gleichermaßen gilt, dass das Glücksspiel zu Spielglück führen kann, muss für den Einzelnen überhaupt nichts bedeuten. Ob ihm möglich ist, was allen möglich sei, lässt sich nicht schließen, sondern allenfalls nach dem Sonderfall eines Gewinns mit Fug behaupten.

Hunde, die bellen

Je lautstarker der Ruf nach Konsequenzen ertönt, mit denen ein Vergehen zu bestrafen sei, desto weniger muss der Folgen fürchten, den sie treffen sollen. Noch immer ist das Hauptmotiv fürs Reden, vom Handeln zu entlasten.

Zeitläufte

Je schneller das Tempo der Gegenwart, desto größer die Gelegenheiten, dass man mit Chuzpe, eilfertigen Erklärungen und oberflächlich zusammengeschusterten Rechtfertigungen durchkommt. Wer insistiert und genaue Aufklärung verlangt, Gründe wägt oder Hemmungen zeigt, mag im Recht sein. Aber ihm bleibt oft der Erfolg versagt.

Wortwaage

Statt eine „Gerechtigkeit“ zu traktieren, bis sie zur Worthülse ausgeleert ist, sollte das nächste große politische Thema „Wahrheit“ heißen. Es ist allen Debatten vorgeschaltet, erlaubt keine pragmatische Deformation. An ihm muss sich die Angemessenheit einer Aussage prüfen lassen; es geht um solche Klarsichtkriterien wie Logik, Stimmigkeit, Widerspruchsfreiheit; durch sie wird der Unterschied zwischen Sinn und Unsinn von Verboten, Versprechungen und Vertröstungen scharf. Ist Wahrheit das Kriterium von Politik, steht jenseits der Frage, wer Recht habe, die Fähigkeit, richtig zu denken. Dieses Talent zum Maßstab für politischen Erfolg zu wählen, bedeutet weniger, über sie zu streiten, als um sie zu ringen.

Unterscheidung der Geister

Die Frage der Theologie: Lässt sich Gott denken?
Das Problem der Religionsphilosophie: Wie lässt sich ein Mensch denken, der Gott denkt?
Das Thema der Religionswissenschaft: Wo denken Menschen an Gott, wenn sie den Menschen denken?

Beobachtungsasyl

Wie das ungelebte Leben durch seine Wünsche und stillen Hoffnungen das gelebte bestimmt, so verändert auch das unbeobachtete Leben das alltägliche Verhalten. Wir bewegen uns freier, atmen gelassener, handeln entspannter, ja schlafen tiefer im Wissen, nicht im Fokus von Datensammlern und Informationsprofilern zu stehen. Bei allem Gieren nach Aufmerksamkeit: Am Ende ist es dessen Selbstverständlichkeit, die das Leben lebendig sein lässt.

Fluchtursachen

Politiker könnten viel gewinnen, wenn sie wieder den Ernst einer, auch unangenehmen, Frage respektierten und ein Interesse daran zeigten, Erwiderungen als Antwort zu geben. Es ist nicht zuletzt ihr Hang zur wortreichen Ausflucht, der den Wähler nachhaltig in die Flucht treibt. Nicht selten steht dem Volksvertreter der spielerische Ehrgeiz ins Gesicht geschrieben, dass er sich durch lästige Auskunftsrechte herausgefordert fühlt und einen Großteil seines Erfolgs daraus ableitet, wie wirkungsvoll ihm gelingt, in gestanzter Sprachmächtigkeit nichts zu sagen. Sein fatales Ziel ist, dass der Bürger die Lust an der Frage verliert. Wo aber keiner mehr nachfragt, versiegt das Gespräch.

Erfolge der Erbfolge

Je erfolgreicher und stärker die Vorgänger, desto eher gelingt die Erbfolge, wenn die nächste Generation übersprungen wird und gleich die Enkel drankommen.

Der Witzbold im Alltag

Die Etymologie gibt Auskunft darüber, dass der Witzbold, früher auch „Klügling“ genannt, einst als ein Mensch angesehen wurde, dessen Verstand so stark und kühn erschien, dass er andere durch seine Reden mitriss. Wie so vieles ist auch der Witzbold inzwischen zu einem Oberflächenphänomen geworden. Sein Mut und die Kraft seiner Äußerung degenerierte zu neckischer Affektiertheit; die Schärfe seiner Gedanken verkümmerte zur oft lächerlichen Pointensuche. Wenig ist übrig geblieben von einem überraschenden Geist. Eines aber hat sich verschoben: die Zwiefältigkeit, die jeden Scherz auszeichnet und die sich im befreiten Lachen über ihn auflöst, ist beim Alltagswitzbold der Unsicherheit gewichen darüber, ob er eine Sache ernst oder humorig meint. Nimmt man sie als Spott, fühlt er sich bemüßigt, darauf hinzuweisen, es stecke schon mehr darin. Greift man deren Seriosität auf, wird man gleich gescholten, keinen Spaß zu verstehen.

Der Manager als Magier

Wichtiger als jedes vollständige Bild über Gelegenheiten und Risiko, Chancen und Friktionen, die Möglichkeiten und das Scheitern, ist für eine attraktive Perspektive der Glaube ans Gelingen. Was helfen genaue Pläne und wohlfeile Strategien, wenn nicht die Gewissheit hinzukommt, das Ziel trittsicher erreichen zu können. Manager, die nicht Magier sein können, rufen jene verborgenen unternehmerischen Kräfte nicht hervor, die so manches Projekt gegen Widerstände und Widrigkeiten erst hat erfolgreich sein lassen. Eine Perspektive ohne Glauben ist kurzsichtig; einer Perspektive ohne Plan fehlt die Übersicht.

Übermut und Überdruss

In Phasen des Übermuts reicht unser Gespür gelegentlich nicht, den richtigen Zeitpunkt zu treffen aufzuhören. Man bleibt genau jenen Moment zu lang auf einer Party, in dem die nüchterne, objektive Bestimmung, alles sei endlich (auch die heiterste Atmosphäre), vergoren ist zu einem Stoßseufzer der erleichterten Gastgeber darüber, dass der Besucher letztlich doch das Haus verlassen hat: „Endlich!“.

Die Paradoxie des Opportunisten

Obwohl er auf konkrete Gelegenheiten reagiert, sind die Entscheidungen des Opportunisten immer abstrakt. Ihnen fehlt, vor allem wenn es sich um gesellschaftsrelevante Beschlüsse handelt, der Bezug zum großen Panorama. Wie Striche, die sich nie über ein anschauliches Bild zuordnen lassen, sondern vereinzelt und zufällig auf dem Blatt Papier verteilt sind, wirken auch viele politische oder wirtschaftliche Abstimmungen, als seien sie einer Tageslaune entsprungen. Da wundert es wenig, dass der Bürger oder Mitarbeiter nicht nachzieht. Und der Gipfel von dessen Verachtung ist erreicht, wenn das als ein Kommunikatiosmanko erklärt wird, als habe man den Sinn der Sache nicht genügend vermitteln können, weil deren Empfänger Schwierigkeiten im Verstehen hat. Opportunismus erwächst meist aus einem anderen Mangel: Ihm fehlt die Perspektive.

Lesezeichen

Dem Leser erschließt sich die Qualität eines Buchs an dessen sensibelsten Stellen unmittelbar. Sobald der erste Satz eines Romans Sogkräfte entwickelt, die die Lektüre dauerhaft begleiten, darf er auf jene spezifische Wehmut hoffen, die sich beim letzten Satz einstellt, wenn er die Kunstwelt aus Worten wieder verlassen muss. Beim Autor ist das oft umgekehrt: Zweifelnd brütet er lang über den Einstieg in den Text, wohingegen die Schlusspointe sich nicht selten beim Schreiben von selbst ergibt.

Buchvergessenheit

Wer sich je von den kleinen Helden der Astrid Lindgren als Kind gedankenverloren hat faszinieren lassen oder die Schmerzen mitlitt, die Old Shatterhand erfassten, als sein Blutsbruder im Sterben lag, der hat erfahren, was die größte Lust des Lesens ausmacht: das Vergessen. Vergessen wird das Buch in der Hand, der Sessel, in dem man sitzt, die Stunde, der nächste Termin, die abendliche Müdigkeit, kurz: die eigene Welt. Lesen bedeutet, im Fremden sich so zuhause fühlen zu dürfen, dass das Zuhause für einen Augenblick fremd erscheint, wenn das Kapitel geendet hat.

Formfragen

Zynismus erwächst immer aus einem Ungleichgewicht zwischen Inhalt und Form zugunsten der Form. In dem Maße wie er eine Sache verachtet, legt er den Wert auf deren Erscheinung. Nichts scheut er mehr als den Streit um Recht oder Wahrheit. Das Spiel mit Äußerlichem dient ihm, den Schmerz zu vermeiden, der mit einer ernsthaften Auseinandersetzung einhergeht. Wo andere sich begeistern, engagieren, verletzen lassen um einer Überzeugung willen, pflegt er distanzierte Gleichgültigkeit, so lange die Fasson gewahrt bleibt.

Vornehm verlegen

Denen, die sie nicht haben, das Gefühl der Ohnmacht zu nehmen, zeigt die vornehme Seite von Macht. Nie wirkt sie hässlicher als im Triumph über die Niederlage der anderen. Es steht der Macht gut an, über sich selbst stets ein wenig verlegen zu sein.

Die zwei Seiten des Talents

Nur das Talent, vor dessen Zerstörungskraft wir genauso viel Respekt empfinden, wie wir seine gestalterischen Leistungen schätzen, ist uns am Ende nützlich. Es gibt keine große Begabung ohne große Gefährdung.

Zeit für eine Revolution

Wenn die eigenen Beschlüsse von den Politikern nicht mehr verstanden werden; wenn die Lösungen zu jenen Problemen nicht passen, die den Beschlüssen entstammen, welche von den Politikern nicht begriffen worden sind; wenn die Wähler sich von den Politikern entfremden, weil die Lösungen von den Problemen nicht befreien, die durch Beschlüsse in die Welt kamen, deren Tragweite nie bedacht wurde; wenn das, was zur Wahl steht, keine Besserung verspricht, da billige Vereinfachungen den Wert einer tiefen Klarheit in Entscheidungen nicht ersetzt, der vor allem darin besteht, dass keine Fragen aufkommen müssen, denen nur mit verzweifeltem Gleichmut angemessen erwidert werden kann, welcher wiederum leicht mit Verdrossenheit verwechselt wird, … dann ist es Zeit für einen grundlegenden Neuanfang.

Lustfaktor

Der größte Lustanreiz: eine geliebte Sache längere Zeit nicht anrühren zu können. Es wird immer der Trieb hervorgehoben, der die Lust steuert; nicht minder wesentlich ist ihr der Verzicht. Lust zu haben, bedeutet, für eine gewisse Zeit keine Zeit für sie aufwenden zu können.

Ich kann nichts dafür

Vielleicht ist es jener nie bestimmbare Augenblick, in dem wir Verantwortung übernehmen, ohne gleich fürchten zu müssen, schuldig zu werden, der uns zu erwachsenen Menschen macht. Er befreit von projektiven Sätzen wie „Ich kann nichts dafür …“ oder „Ich war es nicht …“, die als Abwehrformeln die versuchte Zuschreibung einer Tat oder dessen, was aus ihr hervorgegangen ist, verhindern wollen. Eine reife Persönlichkeit versteht Verantwortung stets aktiv, also nicht als Risiko, verantwortlich gemacht zu werden, sondern als Gelegenheit, verantwortlich handeln zu können.

Ein letztes Wort

Der Bekannte berichtet von einer Beerdigung, der er jüngst beiwohnte: Der Verstorbene, den man da feierlich zu Grabe trug, hatte noch im Bewusstsein seines bevorstehenden Todes, Zeit für ein letztes Wort gefunden. Kein Abschiedsgruß, kein bedeutsamer Satz. Er verriet seinem Partner schlicht den Code des Smartphones. Es gibt kein größeres Zeichen innigen Vertrauens und der Liebe im digitalen Zeitalter, als dem anderen freien Zugang zu gewähren zu den verschlüsselten Geheimnissen des eigenen Lebens.

Warum Architekten Schwarz tragen

Jeder Raum ist eine auf tausend Arten geformte Abwandlung des Lichts.

Mach nur

Viel Unheil könnte in dieser Welt vermieden sein, wenn wir größeres Vertrauen hätten in unsere Fähigkeiten. Statt uns zu begnügen mit der Einsicht in das, was wir machen könnten, testen wir es in der Regel aus, um uns seines Potentials zu vergewissern. Das Wenigste muss gleich verwirklicht werden, um zu erkennen, was alles möglich ist.