Menschen im Café

Er saß im schönsten Art déco-Kaffeehaus der Stadt, stilecht auf einem der harten Bugholz-Stühle seinem Gesprächspartner zugewandt. Immer wieder aber irrten seine Blicke ab, magisch angezogen von einem Pärchen, das im hinteren Raumteil seinen Platz gefunden hatte und ohne Scheu sich innig in den Armen lag, sich leidenschaftlich küsste, bis die Speichelfäden vom Kinn tropften, als hätte einer vom anderen zu hastig getrunken. Es verstörte ihn, dass er nicht hinschauen und nicht weggucken konnte gleichermaßen. Vor allem aber, dass er sich seinem Gegenüber mit der gebotenen Aufmerksamkeit nicht zuwandte. Widerwillig ließ er sich hineinziehen in eine intime Geschichte, die ihn nichts anging, der er aber die phantasiereichsten Varianten nebenher abgewann: eine liaison fatale, eine amour fou, die noch taufrisch war, vielleicht gerade erst einander beglückt gestanden, und die deswegen den Raum für ihre heißen privatissima noch suchen musste. Er war unfreiwillig Zeuge geworden, wie überwältigend die Liebe sein kann, so ungehemmt auf sich konzentriert, dass sie das Publikum nicht kümmert, dass ihr natürliches Bedürfnis nach Diskretion für den Augenblick tiefster Zuneigung ausgeblendet war. Nein, er war nicht Zeuge, obwohl er alles sah. Er ertappte sich als Voyeur. Das war es, was ihn eigentlich befremdete. Er, dem das Private heilig ist, kümmerte sich um die Intimitäten anderer, obwohl er sich um nichts weniger bemühen wollte. Der Zeuge bekundet die Wahrheit des Äußeren; der Voyeur dringt auf unwahre Weise ins Innere. Kurz schüttelte er sich ob dieses lästigen Gedankens. Und wandte sich seinem Tischnachbarn zu. „Wo waren wir stehengeblieben?“

Das öffentliche Hinterzimmer

Der Populismus schielt auf die Mehrheit; die Demokratie schützt die Minderheit in einer Gesellschaft. Er will die die Masse erreichen; sie sucht das Individuum zu überzeugen. Hier wird mit der Denkfaulheit gespielt; dort Bildung, Interesse und Urteilsfähigkeit ernsthaft vorausgesetzt. „Denn Demokratie ist Volksherrschaft nur in den Händen eines politischen Volkes, in den Händen eines unerzogenen und unpolitischen Volkes ist sie Vereinsmeierei und kleinbürgerlicher Stammtischkram. Das Symbol deutscher Bürgerdemokratie ist das Wirtshaus“, sagt Walther Rathenau.*

* Walther Rathenau, Die neue Gesellschaft, 1919, 6

Stimmigkeit

Die öffentliche Ignoranz der Konsistenz („Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“), indem Widersprüchliches für stimmig erklärt und die Lüge zur Wahrheit erhoben wird, indem schwerwiegende Unterschiede seelenruhig eingeebnet werden oder das Recht rücksichtslos übergangen wird – sie hat nur ein Ziel: den Bürger politisch unmündig zu machen. Ermattet von der dauernd herausgeforderten Anstrengung, wider die unnachgiebige Störung der Wahrnehmung ein Zeichen der Klarheit zu setzen, gibt er spätestens auf, wenn ihm keiner mehr zuhört, wenn seine wiederholt insistierenden Aufklärungsersuche, seine Fehlerkorrekturen, seine gelegentlich zu triumphierend vorgebrachten Lügenbeweise nicht nur bei denen nichts bewirken, auf die sie zielen, sondern auch das Publikum nicht mehr erreichen. Das stellt zwar fest, dass nicht alles stimmt, was gesagt wird; aber es lässt sich davon nicht verblüffen, ja es wächst daraus kein höheres Interesse am wirklichen Sachverhalt, an Wahrnehmungs- und Wahrheitskriterien. Ohne eine Empfindsamkeit für Konsistenzspannungen wird die Desorientierung zum Normalfall. Und zum Einfallstor für alle, die in böser oder bester Absicht Eindeutigkeit versprechen, wo es sie nicht geben kann.

Person und Funktion

Auch im Privaten, nicht nur im Professionellen, übernimmt eine Person im Verhältnis zu einer anderen eine Reihe von Funktionen. Freundschafts- oder Liebesbeziehungen sind nie frei von Zwecken. Es gehört zum Niveau solcher engen Partnerschaften, sich über die Aufgaben klar zu sein, die man einander schuldet. Und, nicht zuletzt, sich stets ins Gedächtnis zu rufen, sein Gegenüber nicht zu reduzieren auf das, was es an Leistungen zu erfüllen bereit und in der Lage ist. Die nüchterne Behauptung, jeder Mensch sei ersetzbar, ist genauso richtig, wie sie zynisch zu sein scheint. Selbst wenn sie recht hat, ist sie dennoch nicht wahr. Das macht das Besondere einer Freundschaft oder Liebe aus, dass man sich nie vorstellen will, in welcher Weise der andere substituiert werden kann. Und zur Wahrung von Würde gehört, ihn das nicht spüren zu lassen. Respekt ist die Nichtbeachtung der Funktion zugunsten der Achtung einer Person. Liebenswürdigkeit ist das Personale in einer Funktion.

Alleinherrschaft

Diktaturen scheitern nicht politisch, sondern wirtschaftlich oder militärisch.

Das Glück der Rede

„Das Glück in der öffentlichen Rede erlebt der Redner in dem Maße, wie es ihm gelingt, sich im Sprechen zu vergessen und mit dem Publikum ein Spiel zu spielen.“ – Aus einem Artikel in der „Wirtschaftswoche“ über Lampenfieber.*

* … Doch anders als der Künstler, der gelernt hat, gutes Lampenfieber als Produktivkraft zu verstehen, erlebt der Manager es als lästige Begleiterscheinung, als Störfaktor in der Routine. Sein Lampenfieber öffentlich einzugestehen, so der an der Universität Witten/Herdecke lehrende Philosoph und Managerberater Jürgen Werner, käme für den Manager einer „Beichte“ gleich: Es hieße, sich „klein zu machen, aus seiner Sicht ohne Not“, und „an das zu erinnern, was er gerade vergessen möchte“ aus Scham vor der Öffentlichkeit und vor den Kollegen: die Angst vor dem Auftritt.

Der Versuch, das Lampenfieber abzuwehren, bringt es dann endgültig zutage: Der Redner verkrampft, er verhaspelt sich und muss im schlimmsten Fall abbrechen. Eine „unfreiwillige Beichte“, so Werner, die den Betroffenen im Zentrum trifft, denn er bekommt nun die Erfahrung serviert, dass „er nicht der ist, für den er gehalten werden möchte“. Im tiefsten Inneren weiß er natürlich von seiner Angst, aber „er möchte nicht, dass die anderen es wissen.

Was er falsch gemacht hat? „Nichts falsch machen zu wollen“, so Jürgen Werner. Zu glauben, der Eindruck von Souveränität beruhe auf perfekter Kontrolle, womöglich auf Auswendiglernen. Die Manager, mit denen Werner rhetorisch und kommunikativ arbeitet, lernen durch gemeinsames Üben etwas anderes: Lampenfieber nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern zu suchen, also die Nervositätsschwelle zu senken, Ungewissheit auszuhalten und eine Rede nicht bis aufs Komma vorzubereiten. Überzeugend zu reden heißt, die störende Selbstreflexionsspirale zu durchbrechen und das Publikum ins Zentrum zu rücken. „Das Glück in der öffentlichen Rede“, so Werner, „erlebt der Redner in dem Maße, wie es ihm gelingt, sich im Sprechen zu vergessen und mit dem Publikum ein Spiel zu spielen.“ …

Christopher Schwarz, Wirtschaftswoche

 

Der Zweck des Optimismus

Es ist von der Natur schon wohleingerichtet, dass der nachhaltigeren Erfolg hat, der im Kleinen Großes entdeckt, als jener andere, der dem Großen stets kleinlich begegnet. Im Grunde ist diese Welt tief optimistisch.

Herzrasen

Panik: jene Angst, die so viel Stress hat, dass sie keine Zeit für sich findet.

Weltenbrand

Es gibt Menschen, denen von innen her so kalt ist, dass es schon eines Weltenbrands bedürfte, sie zu wärmen. Gefährlich, wenn sie Macht haben, ein solches Großfeuer zu entzünden. Man sollte unermüdlich ihr grenzenloses Bedürfnis nach Liebe stillen, um sie von allzu dummen Gedanken abzulenken.

Insektenkunde

Weniger an der Körpergröße noch am vielzähligen Gebrauch des Stachels lassen sich Taillenwespen unmittelbar unterscheiden von jenen Flüglern, die bestäuben und sammeln, sich indes auch in Staaten organisieren wie die gemütliche Hummel oder die intelligente Honigbiene. Hier Hektik, dort Anmut; hier aggressives Anfliegen der Beute, dort unermüdliches Umkreisen der Blüte; hier zackiges Ausweichen, dort sanftes Einschwingen. Was Grazie heißt, lässt sich augenfällig entdecken an der Bewegung. Der Liebreiz, nicht zuletzt in der Beziehung des Menschen zum Tierreich ein Anlass, Sympathien zu verteilen, ist ein Körperphänomen, aus dem wir leicht bereit sind, im Verhältnis zu uns selbst eine Geisteshaltung herauszulesen.

Theoretisch gesehen

Jede gute Theorie entsteht aus dem Bedürfnis, schärfer zu sehen als andere, und überrascht im Maße ihrer Faszination mit der nüchternen Entdeckung, nun weniger zu sehen als andere. Denken bewegt sich auf dem schmalen Grat einer Vernunft, welche die ausschweifenden Einsichten auf Genauigkeit verpflichtet, ohne die Exaktheit zum absoluten Kriterium zu erheben für alles, was sich im Umherirren eines neugierigen Geists noch erfahren lässt.

Bahnchaos

Im überfüllten Zug findet der Passagier keinen Sitzplatz. Die Gänge sind vollgestellt mit Koffern, Taschen, Beuteln; es ist kein Vorankommen. Nur zwischen den Wagons, an der Tür, wo die Luft zum Schneiden stickig ist, kann er stehen. Dennoch kämpft sich der Zugbegleiter stur durch das abendliche Reisechaos und kontrolliert die Tickets. Als der Passagier auf sein Verlangen hin die Dauerkarte zückt, das All-inclusive-Paket, nickt er kurz und wünscht routiniert – eine schöne Weiterfahrt. Der Passagier schnappt nach Luft: „Wie können Sie ernsthaft so etwas wünschen; schauen Sie sich doch um. Was ist daran schön? Und von Weiterfahrt zu sprechen ist auch kühn, wenn der Zug auf offener Strecke hält.“ „Glauben Sie, mir macht das Spaß?“ raunzt der Schaffner zurück. „Sie haben ja recht, nichts ist schön bei der Bahn. Und den Humor habe ich längst auch verloren. Früher habe ich meine Fahrgäste versucht, durch die Ansagen aufzuheitern. Als dann einer mal fast gewalttätig wurde, weil er meinen Witz nicht verstanden hat, habe ich es sein gelassen.“ „Aber Ihr Gruß – schöne Fahrt – ist doch zynisch“, entgegnet der Passagier. „Wenn man ihn ernstnimmt, dann stimmt das, was Sie sagen“, verteidigt sich der Kontrolleur. „Aber wer nimmt uns schon noch ernst; außer Ihnen? Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen von Belästigungen, hartnäckigen Schwarzfahrern, Gruppen, die ein Abteil als Müllhalde hinterlassen. Was meinen Sie, wie sehr ich darum kämpfe, nicht zynisch zu werden in meinem Beruf. Da verstecke ich mich lieber hinter Floskeln.“ Dem Reisenden tut der Bahnangestellte fast leid. „Na, dann – eine schöne Weiterfahrt“, wünscht er.

Hindernisrennen

In jeder guten Beziehung ist der Partner zugleich Entwicklung wie Behinderung. Die Art, wie mit der Lebenseinschränkung durch den anderen umgegangen wird, gibt zuverlässig Auskunft über den Ernst und die Bedeutung des Verhältnisses.

Not-Wendigkeit

Not macht nicht erfinderisch, sondern ist jener Zustand, in dem einem nichts mehr einfällt.

Flüssig bleiben

Gespräche, bei denen zu trinken angeboten wird, kommen tatsächlich flüssiger voran. Das liegt aber nicht am Tee oder dem Cocktail, sondern schlicht an der Gelegenheit, Pausen im Reden einlegen zu können, um Tasse und Glas zu leeren, ohne dass sogleich die eintretende Stille als peinlich empfunden oder das Schweigen für bedeutsam genommen wird. Es sind die Ablenkungen, die zur Sache hinwenden.

Lebenskonflikte

Muss das sein, dass nicht sein darf, was sein will, obwohl sein könnte, was sein soll?
Darf sein, was sein soll, wenn nicht sein will, was sein müsste, um zu können?
Kann das sein, dass sein muss, was nicht sein darf, weil es sein soll, ohne zu wollen?
Soll nicht sein, was sein kann und sein will, obwohl nicht sein muss, was sein darf?
Will nicht sein, was sein soll, weil es sein kann, dass auch sein darf, was sein muss?

Kunstgriff des Schönen

Um nicht zum Objekt der Begierde oder des Neids zu werden, sucht vieles, was auffällig schön ist, sich künstlich hässlich zu machen. Es ist eine der traurigsten Begleiterscheinungen des Außergwöhnlichen, dass es um seine Duldung und Anerkennung auch über die Maßen härter kämpfen muss.

So kann man das auch sehen

„Sie haben meinen Horizont erweitert.“ Was so unsinnig ist, wie es dankbar ausgesprochen wird – Horizonte lassen sich nie dehnen, sie sind die Sichtgrenzen von Perspektiven –, hinterlässt nur eine einzige Frage: Was fängt der Gesprächspartner damit an, dass die eigene Meinung durch die Überzeugungen eines anderen in Zweifel gezogen ist? „Horizonterweiterung“ ist oft nichts als der Deckname für den Unwillen, sich zu ändern.

It’s Party Time

Party: ein Abend, an dem die Tischgespräche über die bemüht originellen Antworten nicht hinauskommen, die man einander auf die unoriginelle Frage gibt, was der andere so mache („… beruflich, meine ich…“).

Ohne Moral

Das ist meist die Armut einer Moral: dass sie nichts anderes versucht, als das Unmoralische zu hemmen. Anstatt sich selber aus einer Haltung abzuleiten und zu einer Handlung zu entwickeln. Eine Moral ohne Moral reagiert bloß auf die Unmoral. Im Verhältnis zur Moral zeigt die Unmoral wenigstens Moral: Sie ist schlauer, schöpferischer, hartnäckiger, lebendiger.

Was die Welt zusammenhält

Was die Welt im Innersten zusammenhält: Äußerlichkeiten. Aber es sind nicht die Gesetze, Regeln, Abläufe oder Strukturen, die Floskeln der Höflichkeit, die Achtung der Hierarchien, das ordentliche und pünktliche Nebeneinander, der tägliche Zwang zur Kreativität, Methoden der Selbstorganisation, die Kommunikationspflicht. Nicht diese. Sondern ihre Funktion der Einhegung von Leidenschaft, Herzensfreundlichkeit, Ideenreichtum, Angstfreiheit, Zuversicht und Zuvorkommenheit und all der kaum registrierbaren Kräfte, die mehr als nützlich sind. Eine Gesellschaft, die vor allem Wert auf ihre Formen legt, bricht auseinander. Was die Welt im Äußersten stabil sein lässt: ihr Inneres.

Landschaftskunde

Diese Landschaft hat ein Gesicht; sein Gesicht ist wie eine Landschaft: Was haben beide metaphorisch gemein? Landschaft und Gesicht sprechen nur deswegen eine Sprache, weil man sich in ihnen aufhalten kann. Sie sind in dem Maße ein Ganzes, wie sie orientieren. Nur in Räumen, in denen er sich prinzipiell auskennen kann, bleibt der Mensch. Hier vermag er mit Fug (s)ein zu Hause vermuten.

Zu romantisch

Jede Romantik geht zugrunde an ihrer eigenen Übertreibung. Sie endet als klebrige Nostalgie, als süßer Kitsch, als frommer Wunsch, nicht zuletzt als ideologischer Terror.

Prüfungsgespräch

„Das ist ja trivial.“
„So? Dann geben Sie mir doch mal die ungewöhnliche Erklärung für das Gewöhnliche.“
„Äh, das verstehe ich jetzt nicht.“
„Na, das Wort trivial steht für ,gewöhnlich’ und stammt von trivium, was wiederum im lateinischen Mittelalter die drei Wege bezeichnete, auf denen der Schüler sein Grundstudium bestritt: Grammatik, Rhetorik, Dialektik. Erst danach durfte er sich an die anspruchsvollen Fächer wagen wie Arithmetik oder Astronomie. Damit das Ungewohnte zur Gewohnheit werden konnte. Das nennt man Lernen.“
„Das war jetzt aber gar nicht trivial. Eher, um in Ihrem Erklärungsansatz zu bleiben: nicht allgemein bekannt, also auf der unteren Stufe des Studiums. Ihre Herleitung kam gewissermaßen aus dem quadrivium, der höheren Bildung. Oder, wenn ich es wagen darf: Das nennt man dann wohl oberlehrerhaft.“
„Nicht schlecht.“
„Lernen, sagen Sie, meint: das Ungewohnte zur Gewohnheit werden zu lassen. So könnte doch Lehren bedeuten, im Gewöhnlichen das Ungewöhnliche zu zeigen.“
„Mein Schüler.“
„Werden Sie jetzt bitte nicht trivial, Herr Lehrer.“