Die Erfindung des Neids

Der Neid ist ein Meister des Fadenscheinigen. Was er an Gründen nicht vorbringen kann, die Leistungen eines anderen zu schmälern, schafft er, indem er sich selber zur willkürlichen Instanz von Recht und Unrecht, Akzeptanz und Ablehnung macht. Er ist Chefkritiker von Berufswegen oder Herausgeber eines Essaybands, Betriebsratsvorsitzender oder Vorzimmerdame – alles Positionen, die nur geringe Gestaltungskräfte erfordern, aber maßgeblich entscheiden über das, was klein bleiben muss und groß werden darf. Indem er den anderen zwingt, sich zu rechtfertigen, immunisiert er sein eigenes Urteil, das seine Armseligkeit, kaum einen Grund zu haben, hinter der Fassade formaler Pflicht verbirgt.

Was fürs Auge

Die oft angestrengte Intimität, die sich in beengten Hotelzimmern für das reisende Paar einstellt, wird noch gesteigert durch die inzwischen obligatorisch offene Anordnung des Bads. Keine Dusche mehr, in die vom Bett aus nicht hineingeblickt werden kann; kaum ein Toilettenraum, der noch eigens abgetrennt oder gar abschließbar ist. Der Partner wird zum erzwungenen Zeugen der abendlichen Reinigungsprozedur seines Gegenübers und entdeckt Handgriffe, die er so genau nicht kennenlernen wollte. Ob die neuen Hotelarchitekten je ahnen, dass Erotik nichts weniger verträgt, als zu Nähe genötigt zu werden? Wenn es ihnen darauf angekommen sein sollte: Lust entsteht, wo um die Inszenierung des Eigenen ein Geheimnis gemacht werden kann.

Die Illusion einer Zukunft

Die Illusion der Generationengerechtigkeit: eine Zukunft, die sich nicht in dem Maße verbraucht, wie andere an ihr teilhaben. Ihr Fehlschluss ist die Vorstellung, dass das, was unbestimmt ist, auch unbegrenzt zur Verfügung steht.

Sei ehrlich

Die ehrlichste unter allen anthropologischen Bestimmungen: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich mit sich selbst überfordert.

Wo Denken aufhört

Das Lachen bewahrt das Denken vor seiner eigenen Abgründigkeit.

Pazifismus als Geschäftsmodell

Es gehört zum modernen Pazifismus, sofern er nicht nur eine moralische Gesinnung darstellt, sondern sich politisch einmischt, dass er zwischen zwei wachstumsstarken Branchen bestens gedeiht: Er leistet sich eine hochinnovative Rüstungsindustrie, um an den Kriegen der anderen diskret zu verdienen, und eine hocherregbare Entrüstungsindustrie, um in diese Kriege nicht versehentlich hineingezogen zu werden. So dient der Pazifismus zugleich als Geschäftsmodell, dessen Friedensangebote sich großer Nachfrage erfreuen.

Doppelter Boden

Das vielleicht wichtigste Merkmal eines Lebensstils ist seine Eigenschaft, soziale Gewissheit zu vermitteln. Da mag einer sich schrill inszenieren, bunt, laut und kratzbürstig daherkommen, sich um Konventionen nicht scheren – nicht das macht den Unterschied zu den „grauen Mäusen“. Sondern ob seine Sprunghaftigkeit verlässliche Beziehungen erlaubt. Unberechenbarkeit ist nicht das, was eine Lebensart weniger trist und langweilig erscheinen lässt.

Allerweltphänomen Kommunikation

Im Maße, wie Textnachrichten und Mails die elektronischen Eingänge fluten, zeichnet sich eine Gegenbewegung ab: Sobald einer Bitte nachgekommen, eine Aufforderung erfüllt, die fehlende Information geliefert wurde, bricht der Austausch ab. Der Adressat fühlt sich nicht bemüßigt, den Erhalt der Antwort zu bestätigen. Bei einer Absage kommt kein Signal des Bedauerns. Im Fall einer Pflichterfüllung fehlt der obligatorische Dank. Der Dialog hat sich seinem Medium anverwandelt: Er ist maschinell geworden. Hier der Reiz, da die Reaktion; hier das Bedürfnis, da die Befriedigung; hier das Problem, da die Lösung. Für alles, was sonst noch denkbar wäre, ist kein Platz. Im Zeitalter totaler Kommunikation leidet vor allem eines: die Kommunikation. Und es wächst der Überdruss an ihr.

Bedürftigkeit

Der Gesunde ist genauso bedürftig wie der kranke Mensch, nur dass er diese Bedürftigkeit ganz und gar verstecken kann.

Blickwinkel

Wirklich neu ist nur das, was unsere Perspektiven zu verschieben in der Lage ist.

Fragt sich nur: Wozu?

Was nutzlos ist, kann beides sein: unnütz und mehr als nützlich.

Die Welt von morgen

Kaum eine Zäsur wie der Antritt eines neuen Konzernlenkers, die nicht begleitet ist von der Mahnung, sich auf dem Erreichten trotz allen Stolzes, an den pflichtschuldig erinnert wird, nicht auszuruhen. Den Blick gelte es, fortan nach vorn zu richten. Nur was gibt es da zu sehen? Alles, was wir ins Auge fassen können, stammt aus der Vergangenheit und ist Gegenwart. Es lohnt allenfalls, in einer inneren Schau sich vorzustellen, wie die Zukunft aussehen könnte. Da aber hilft, sich mit dem äußeren Sinn von ihr wegzuwenden, auf dass genauer erfasst wird, was sich dem Bewusstsein, der Einbildungskraft, der schöpferischen Phantasie zeigt. Wenn er Neues sucht, geht der Mensch der Welt von morgen am besten rückwärts entgegen.

Geschmacksgrenzen

Der Geschmack ist nicht nur eine untrügliche Instanz für das eigene Qualitätsempfinden. Er sorgt zugleich für das Maß an Quantität, das dem Menschen zuträglich ist. Da mag eine Melodie noch so schön sein – bei der wievielten Wiederholung kann man sie nicht mehr hören? Die Lieblingsspeise, täglich genossen, wird irgendwann zur Magenqual. Das Gemälde, einst erworben im Überschwang ästhetischer Begeisterung, sorgt nach Jahren der prominenten Hängung im Raum für Überdruss. Wo nur der Geschmack leitend ist, dort vergeht die Attraktion mit der Zeit. Es müsste sich schon Liebe einfinden, die diese Grenze aufbricht.

Technischer Fortschritt

Mit dem Fahrzeug, das über künstliche Intelligenz durchs Verkehrschaos gelenkt wird, ist die Technik endlich zu sich selbst gekommen: Sie ist nichts als Selbstbewegung – Automobilität – und Selbstgesetzgebung, Autonomie. Der Mensch erfindet die Maschine und lässt sich dann von ihr ersetzen.

Nichts zu verbergen

Das, was sichtbar ist, entstand einst aus dem, was verborgen bleibt und erhält seine Bedeutsamkeit in dem Maße, wie es die Erinnerung bewahrt, nicht alles zeigen zu können. Jedes Wort von Gewicht stammt aus dem Schweigen und kehrt, ausgesprochen, in es zurück. Jede Geste, die andere Menschen berührt, lässt eine Haltung entdecken, die sich nie ganz ausspricht, vollständig erklärt. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu sagen. Der Architekt Peter Zumthor entdeckt den Sinn des Geheimnisses in der Anmutung eines Raums: „Ich finde es wunderschön, ein Gebäude zu bauen und dieses Gebäude aus der Stille heraus zu denken.“*

* Atmosphären. Architektonische Umgebungen. Die Dinge um mich herum, 31

Anatomie des Alkohols

Ganz unterschiedlich sind die anatomischen Wirkungen des Alkohols. Das Bier, um mit dem Getränk zu beginnen, von dem Nietzsche meinte, es sei zu viel davon in der deutschen Intelligenz, sehr zu deren Schaden*, steigt dennoch weniger in den Kopf, als dass es in den Bauch absackt und dort die typische Trägheit hervorruft, die nach seinem Genuss zuverlässig einsetzt. Hell und klar hingegen, zumindest fürs erste, macht der Weißwein den Geist, der von Glas zu Glas ein höchst anregendes Gespräch fördert. Und der Rotwein, das Winterelixier? Er beseelt den Menschen im ganzen, wärmt das Gemüt und lässt die Gedanken tief bis in dessen Abgründen schauen. Er ist der einzige Saft, von dem sich mit Recht sagen lässt, dass er weinselig mache.

* „Wie viel verdrießliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel Bier ist in der deutschen Intelligenz! Wie ist es eigentlich möglich, daß junge Männer, die den geistigsten Zielen ihr Dasein weihn, nicht den ersten Instinkt der Geistigkeit, den Selbsterhaltungs-Instinkt des Geistes in sich fühlen – und Bier trinken?“ – Götzen-Dämmerung, Kap.: Was den Deutschen abgeht, 2

Die Armut des Reichtums

Ohne Vermögen ist nicht nur der, welcher wenig besitzt, sondern auch jener, der nichts begehrt. Nur dass sich diese Form der Seelenlosigkeit nicht lindern lässt wie Geldnot. Die Armut, unbedürftig zu sein, findet sich nicht selten gerade bei denen, die reich sind.

Oben und unten

Es ist der rätselhafteste Aspekt in einem sonst unaufgeregten Angestelltendasein: dass die Frage, wie der oder die es so weit hat bringen können, nicht durch die schlichteste aller Antworten zu befriedigen ist – durch Leistung. Karrieren entscheiden sich selten, indem einer sich in den Vordergrund arbeitet. Sie werden meist in Hinterzimmern beschlossen. So klar die allgemeinen Kriterien sind, so undurchsichtig bleibt deren Anwendung im Einzelfall. Vielleicht kommt alles nur darauf an, das Gespür für den günstigen Moment zu haben, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Das Geheimnis einer Karriere ist Timing.

Sie sind entlassen!

Die vielleicht probateste Methode, sich der eigenen Macht zu versichern, ist Unberechenbarkeit. Solange sie in ihrer Willkür verlässlich ist, bleibt sie sichtbar und spürbar. Aus dem Potentialis „Ich könnte, wenn ich wollte“ wird regelmäßig zur Bestätigung der Realis: „Ich habe es getan, weil ich es kann.“ Nichts begründen zu müssen, ist ihr Ausweis als letzter Instanz. Die Wahrheit der Macht ist ihre Irrationalität. Insofern verhalten sich Despoten konsequent, wenn sie gelegentlich Köpfe rollen lassen, wo der Günstling sich in vermeintlicher Sicherheit wähnte. Was als Handlungsmuster aus seiner früheren Fernsehshow bekannt geworden ist, dient dem demokratisch gewählten amerikanischen Präsidenten jetzt symbolisch als Selbstvergewisserung: Minister und Berater nach Gusto entfernen zu können. Wo der Wählerwille sich nur alle paar Jahre kundtun kann, überwindet eine kleine Entlassungswelle aufkommende Unsicherheit über die eigene Rolle. Mächtig ist, wer über Nähe und Distanz jederzeit neu entscheiden kann.

Helden des Alltags

Von einem gewissen Alter an wandeln sich die Heldentaten. Nun handeln die Geschichten über die ungeheuren Prüfungen, die ein gewöhnlicher Alltag stellt, nicht mehr vom erfolgreichen Verbalwiderstand gegen den Chef oder die knochenharte Radtour durch den Mittleren Westen des Odenwalds, sondern nur noch von überstandenen Operationen. Held ist, wer die Klinik nach repariertem Zipperlein hier und bekämpftem Zwicken dort auf zwei Beinen aufrecht wieder verlassen hat.

Warenwelt

Nie ist ein Buch auf sein eigentliches Ansinnen, gelesen zu werden, stärker verdichtet wie in dem Moment, da es druckfrisch als Belegexemplar zu seinem geistigen Vater zurückkehrt – zu dem, der es nicht mehr lesen muss, da er es geschrieben hat. Sein weiteres Schicksal ist die Vergegenständlichung zur billigen Ware. Ob als Ladenhüter oder Bestseller, stets durchläuft der Text seine Metamorphose bis hin zu jener letzten Phase, in der er als Ramschartikel deutlich unter Wert angeboten wird. Oder zuvor gerettet von seinem Erdenker und Erschaffer, der den übriggebliebenen Bestand diskret erwirbt. Weil er es nicht erträgt, dass die Restauflage das Schicksal erleidet, das er seinem Werk von Herzen immer gewünscht hat: in Massen verkauft zu werden.

Erstes und letztes Wort

Die Osternachtsliturgie der Kirchen umfasst in ihren Lesungen das gesamte Testament, vom Schöpfungsmythos über die Befreiungserzählungen bis zu den Berichten über das leere Grab. Der Bogen, der damit gespannt wird, hebt an mit der Bestimmtheit einer Weltordnung und reicht bis zum endgültigen Daseinsstatus, der nicht mehr Tod heißt. Auferstehung ist, so gelesen, die Wiederholung der Schöpfung unter Bedingungen ihrer Unmöglichkeit, das letzte Wort als erstes Wort: derselbe Ruf ins Leben wie am Anfang, nun aber über das Ende gesprochen.

Stellvertretung

Es ist das vornehmste Vorrecht des Älteren, für andere in dem Maße eintreten zu können, wie er es nicht mehr nötig hat, für sich selber zu kämpfen.

Überkreuz

Die Logik der Theologie ruht auf einem Paradox: Nur ein Gott, der gestorben ist, kann auch Mensch geworden sein. Dem Paradox entspricht existentiell die Verzweiflung; beide sind Formen der Ausweglosigkeit. Ihrer Logik gemäß gründet die Praxis der Theologie im Glauben, dass das Untröstliche der eigentliche Ort des Trostes sei.