Verrückte Sache

Die Steigerungslogik der Aufmerksamkeitssucht zwingt den, dessen Sehnsucht, geliebt zu werden, übergroß ist, immer verrücktere Sachen zu machen, um Applaus zu provozieren. Bis zu dem Punkt, da nur noch Wahnsinniges Beifall erregt, von denen, die selber dem Wahnsinn verfallen sind. Es ist die letzte Phase vor der absoluten Einsamkeit.

Präsident wider Papst

„Der Mensch kann von Natur aus nicht wollen, dass Gott Gott ist. Vielmehr wollte er, er sei Gott und Gott sei nicht Gott.“*

* Luther, Disputation gegen die scholastische Theologie, These 17: „Non potest homo naturaliter velle deum esse deum , Immo vellet se esse deum et deum non esse deum.“

Über die Lüge in der Demokratie

Die Achillesferse der Demokratie ist die Diplomatie. Durch sie tritt die Lüge in die Politik als eine gerechtfertigte Umgangsform. Jede Demokratie gewinnt sich selbst wieder über die Entscheidung, ehrlich zu sein: keine Korruption, keine Falschaussagen, kein Betrug, kein doppeltes und doppelzüngiges Spiel. Vier einfache Regeln sind es, die es zu beachten gilt: 1. Sehen, was sich zeigt; 2. Sagen, was man gesehen hat; 3. Hören, was gesagt wurde; 4. Verstehen, was man gehört hat. Offene Gesellschaften orientieren sich konsequent an Wirklichkeit und Wahrheit.

Unmögliches Unterfangen

Nicht Vernunft, schon gar nicht der Verstand, aber der Geist zeigt seine Kraft darin, dass er sich an unmögliche Unterfangen wagt, um sie zu widerlegen, indem er sie ins Gelingen bringt.

Pflichtvergessen

Was ist weniger verzeihlich: jene Pflichtvergessenheit, die sich nicht schert um das, was aufgetragen ist, oder diese andere, die nicht einmal verstand, dass es eine Pflicht gewesen war? Am leichtesten umgehen lässt sich mit einem Versäumnis, das nur aus einer selbst auferlegten Schuldigkeit erklärt werden kann.

Das verstörte Leben

Es gibt keine Bürokratie, die nicht am Ende die Lebendigkeit zerstört. Was bleibt, ist ein verstörtes Leben.

Ohne Utopie

Nicht Realpolitik lässt keinen Platz für Utopien. Das Utopische wird vielmehr zerstört vom Wahn in der Politik.

Unbeschränkt beschränkt

Eines Menschen Beschränktheit im Geist zeigt sich offen in der Unbeschränktheit seiner Beleidigungen.

Moral der Erkenntnistheorie

Dem Realitätsprinzip als einem erkenntnistheoretischen Ideal entspricht in der Moral die Haltung der Demut. Beiden ist gemein die Achtung und der Respekt vor der Sache, um die es geht: Welt und Person.

Bei

An Ostersonntag

Das Geheimnis wahren Beieinanders: Es ist uns eine Gemeinschaft versprochen, die selbst dann nicht aufgekündigt wird, wenn sonst nichts mehr hält. Auch in der größten Demütigung des Lebens, im Tod, sei der Mensch nicht einsam. Der Glaube, dem das leere Grab des Weltenerlösers alles bedeutet, zieht daraus die Gewissheit, dass das letzte Wort über diese Welt kein zerstörerisches ist. Endgültigkeit meint fortan vielmehr: Es gibt nichts Größeres als eine Liebe, die so für uns ist, dass sie mitgeht, wo auch immer wir sind.

Im Spiegel

Was ein Narzisst nicht verträgt: dass man die Gleichgültigkeit unmittelbar spiegelt, mit der er letztlich alle anderen behandelt. Weder Empörung noch die Bekundung, verletzt zu sein, rühren sein Herz. Er hat vermutlich keines. Aber die Haltung „Du kannst mich mal“ signalisieren ihm, dass er in Wahrheit nichts (erreichen) kann. Auf der Suche nach dem nächsten Effekt ist die Erfahrung von Wirkungslosigkeit die größte Kränkung.

Für

An Karfreitag

Das Geheimnis wahren Füreinanders: Die Liebe bleibt, auch wenn alles andere vergeht.

Mit

An Gründonnerstag

Das Geheimnis wahren Miteinanders: Es gibt keine Trennung zwischen Empfangen und Geben.

Gefälle

Asymmetrischer Krieg: zu viel Entrüstung kämpft gegen zu viel Aufrüstung.

Das Stichwort

„Es kommt im Leben viel darauf an, daß wir aufpassen, wenn unser Stichwort kommt.“*

* Søren Kierkegaard, Die Tagebücher. Erster Band, 94 (A 279)

Groß(kotzig)e Kinder

Wo Kindlichkeit nicht mehr geachtet wird, übernimmt das Kindische die Macht. Die Welt ist reif, von Unreifen regiert zu werden.

Eigenanteil

Man kann Handlungen danach differenzieren, wie hoch der Eigenanteil an Verantwortung ist.

Verrat

Wenn ein Großmaul kleinlaut wird, schimpft es all jene „Verräter“, die vernünftig geblieben sind. Für den Selbstdarsteller ist die schmerzhafteste Blamage jener Sieg, der sich von einer Niederlage nur dadurch unterscheidet, dass er erklärt werden muss.

Kein Paradox

Selbstständiges Denken lernt man, indem man denen zuhört, die es tun.

Ich melde mich

Die Macht derer, die keine Macht haben: warten lassen

Zumutungen der Zuständigkeit

In Organisationen, die sich selbst über Kontrollmechanismen stabilisieren, auf Zuständigkeitshierarchien aufgebaut sind und Berichterstattungspflichten genau beachten, ist das erste, was auf der Strecke bleibt, eigenständiges und vor allem vorausschauendes Denken. Niemand sieht sich in der Lage einzustehen für etwas, das zwar klar genug gesehen werden, für das es aber noch keine Prozessroutinen geben kann, weil es in der Zukunft liegt. (Geschrieben nach einem vielstündigen Zwangsaufenthalt am Hamburger Hauptbahnhof. Die Oberleitung musste, wieder einmal, repariert werden. Fernzüge kamen an, durften aber nicht im Zeitfenster der Abfahrt die Richtung wechseln, um Reisende nach Süden zu bringen, solange keine Freigabe erteilt worden war. Zugpersonal, Stationsbedienstete, Fahrgäste, sie alle hatten einhellig eine sinnvolle Lösung des Problems. Nur die Dienststelle war nicht zur Stelle mit einem schlichten „Go!“)

Abhängigkeitsverhältnisse

Man sollte jenen, von denen man nicht abhängig sein will, nie die eigenen Ängste eingestehen.

Alles nichts, oder ?

Im Kampf zwischen jenen, denen es um alles geht, und denen, die nichts zu verlieren haben, entscheidet allein die Angst vor der Niederlage über den Sieg. Nicht Stärke, Macht, Finanzkraft oder Verbündete geben Sicherheit, sondern die Überlegenheit erwächst aus dem Bewusstsein, dass selbst dann nichts passieren kann, wenn das Schlimmste geschieht. Dort, wo Siege nicht anders gefeiert werden denn als Triumphe, hat die Gegenseite alle Trümpfe in der Hand: Sie wendet den Versuch der totalen Demütigung, die stets unvorsichtig macht, um in die List, mit den Trägheitskräften des Erfolgs zu spielen.

Und wie weiter?

Die Hilflosigkeit der Mächtigen hat einen Namen: Sie heißt Drohung.