Ich habe immer schon gesagt

Regierungspolitik der Gegenwart: Angesichts zu vieler ausgelassener Gelegenheiten ersetzt die Selbstrechtfertigung das Argument.

Wertvoll

Eine der wichtigsten Leistungen des Denkens ist, nicht nur zu erkennen, dass jede Unterscheidung auch eine Wertung einschließt. Sondern vor allem, um der Beschreibbarkeit dieser Differenzen willen, dafür zu sorgen, dass über Urteile und Vorurteile und deren Folgen immer besonnen aufgeklärt wird. Nur so lässt sich frei reden und gelöst benennen, was ist, ohne dass man den Furor der Verletzten fürchten muss und die Idiosynkrasie von Ideologen Machtansprüche erhebt. Reflexion ist, was allzu voreilige Reflexe hindert, sich zu verabsolutieren.

Moralgewalt

So anders als das, was er im Dünkel der Gesinnungsüberlegenheit zu treffen beabsichtigt, ist der moralische Reflex gar nicht. Beide, die unbedachte Beleidigung wie deren prompte gesellschaftliche Ächtung, finden sich wieder unter der Rubrik: Mit dir bin ich fertig. Das ist das Problem des allzu schnellen Anstandsurteils, dass es kein Klima des Respekts, sondern eine Atmosphäre der Angst erzeugt. Man kann die Lebendigkeit des Lebens mit Worten töten, vor allem wenn sie, hier wie dort, im Gestus eines letzten daherkommen.

Nein, und nochmals Nein

Woran sonst, wenn nicht überall dort, wo ein Mensch entschieden Nein sagt, lässt sich etwas über seinen Charakter und dessen Stärke lernen. Jede Zustimmung gewinnt an Klarheit in dem Maße, wie sie sich ihrer impliziten Verweigerungen bewusst ist. Identität heißt jene Konturenschärfe eines Ich, die sich gebildet hat aus vielfältigen Erfahrungen, in denen es seine eigenen und die Grenzen der anderen nicht immer ohne Schmerz kennengelernt hat. Dass etwas nicht oder es einem nicht passt, gehört zu den unvermeidlichen Einsichten einer Freiheit, die sich erlaubt, stets mehr zu sein als das, was sie ist, um das zu sein, was sie ist.

Nur nicht an der Hand nehmen

In einer souveränen Demokratie kann politische Führung nur bedeuten, Menschen die Freiheit zu lassen, sich als Gesellschaft so aufzustellen, dass sie sich in ihr und über sie jederzeit klar orientieren können.

Was wäre, wenn

Die Sonntagsfrage, die zwar so heißt, als verkünde sie Wahrheit direkt aus dem Unterricht der religiösen Sonntagsschulen, die aber nur den politischen Wählerwillen statistisch erkundet, indem sie jetzt zur Entscheidung stellt, was viel später wirklich beschlossen wird, veranlasst Parteien und Protagonisten, verführt durch den Irrealis in der Formulierung, zu bemerkenswerter Realitätsverweigerung. „Was wäre, wenn“ das Parlament zur Neuaufstellung stünde, dieses Gedankenspiel ruft die Schönfärber desaströser Lagen auf, wie die Warner, das aktuelle, rosarote Stimmungsbild nicht schon als den Erfolg selber zu buchen. Alles könne noch anders kommen, heißt es in Übereinstimmung mit der trivialsten Einsicht in das, was Zukunft bedeutet. Wie wahr. Verdrängt wird das Maß des Korrekturpotentials, das denen bleibt, die sich als Kandidaten haben aufstellen lassen, hier als Chance aufzuholen, dort als Drohung, noch abgestraft zu werden. Das ist oft kleiner als erhofft, manchmal befürchtet. Denn anders als der Zeithorizont vieler Politiker, der, in Wahljahren sonderlich, gerade mal zu opportunistischem Handeln im Augenblick taugt, reicht der des Wählers weit über den Moment hinaus. Dass dieser auch Monate später nicht vergisst, gehört zum Unvorstellbaren vieler, die selbst dort auf Monate hinaus nicht perspektivisch denken, wo es geboten wäre. Das Nicht-Vergessen-Können ist als Figur der langen Frist die genaue Entsprechung zu einer Strategie, nur dass diese nach vorn gerichtet ist. Deren Fehlen bleibt als Leerform im Gedächtnis. Die Erinnerung ist der Schatten des Visionären. Zu hoffen, dass am Wahltag alles sich ganz anders verhalte, mag jenseits des „Wunderwerks der Banalität“ (Georg Simmel) ein unerfüllter Wunsch bleiben von Günstlingen der Gelegenheit, die ihren eigenen Mangel an Langfristigkeit verwechseln mit der Labilität des Volks.

Kapitalverbrechen

Ob es an seiner knapp gemessenen Lebenszeit lag – John Keats, der britische Poet, wurde nur fünfundzwanzig Jahre alt; er starb 1821 –, dass er ein feines Gespür besaß für vertane Tage? An seinen Bruder George und dessen Frau Georgiana schrieb er im Mai 1819. „Was für ein Unterschied zwischen behaglichem und unbehaglichem Nichtstun! Einen müßigen Tag, selbst wenn er mit unerfreulichen Gedanken ausgefüllt ist, kann man, wenn man allein ist, aushalten und sogar angenehm finden, und die Erfahrung hat uns gelehrt, daß Ortswechsel noch keine Veränderung ist. Aber nichts zu tun zu haben und umgeben sein von unangenehmen Wesenheiten, die einen grade bedrücken, daß sie einen von ungestörter Muße abhalten – jedoch nicht so, um einen zu interessieren und anzuregen, das ist eine Kapitalstrafe für ein Kapitalverbrechen. Denn ist es nicht ein Kapitalverbrechen, wenn man seine Zeit für Leute opfert, die weder Licht noch Schatten haben?“ Der Dichter erzählte im Brief von einer Einladung zum Lunch, die er besser wohl ausgeschlagen gehabt hätte. Aus manchen wohlgemeinten Begegnungen kehrt man nach Hause zurück, als habe man sich mit einer lähmenden Krankheit infiziert. Denn das Nichts dehnte sich auch auf den folgenden Tag aus: „Ich weiß nicht, was ich Montag machte  – nichts – nichts – nichts – ach wäre das doch etwas Besonderes!“* Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Muße und Müßiggang, dass die Muße jederzeit beendet werden kann, wohingegen man sich vom Müßiggang und seiner Langeweile nur unter Anstrengungen zu befreien vermag.

* John Keats, Gedichte und Briefe, 337

Wettergefühl

Das Wetter – dieser April war der kälteste seit Jahrzehnten – kann sich nicht zeitgemäß erwärmen. Wie zu Beginn der Pandemie wochenlanger Sonnenschein die Menschen ins Freie lockte und über den Schock hinwegtröstete mit einem herzwärmenden Bilderbuchfrühling, so fröstelt in diesen Tagen den im Lockdown endlos verharrenden, dünnhäutigen Zeitgenossen schon beim Blick nach draußen. Mehr als ein meteorologisches Phänomen spiegelt das Wetter den Seelenzustand gelegentlich so präzise, dass die Frage nach den Grenzen hochkomplexer Wechselwirkungen aufkommt: Ist Wetterfühligkeit mehr als der Einfluss von Temperatur und Luftdruck aufs Gemüt? Zeigt das Wetter vielleicht gar selber Mitgefühl?

Wenig reflektiert, sehr reflexiv

Das Unbehagen nach einem Vortrag: zu viel von sich, für sich und zu sich gesprochen zu haben. Das ist die unangenehme Seite des Ich, dass es meint, sich auch noch auf sich beziehen zu müssen.

Von den Besten lernen

In Fragen, die das ganze Repertoire an Freiheit und Phantasie ansprechen, lernt man am besten bei denen, die meist unversehens zeigen, wie man eine Sache nicht macht. Wie anders sollte sonst das Ensemble an ungezählt vielen Möglichkeiten, ein Problem anzugehen, ungeschmälert bleiben, ohne dass nicht dennoch durch die Anschauung vergeblicher Lösungen vorgezeichnet wäre, wo die Antwort sinnvoll zu suchen sei.

Zauberkraft

Dass nicht das Wort, vielleicht aber der Mensch, der es ausspricht, über Zauberkräfte verfügt, zeigt sich in jenen seltenen Augenblicken, da es einem Dritten glückt, zwei Streithähne im Nu zu beruhigen durch nichts als die Bemerkung: „Sorge dich nicht“, die allen lautstarken Ärger entlarvt als fehlgeleitete Angst um den anderen.

Pointiert gesagt

Jede Pointe ist der gelungene Versuch, die Verzweiflung an der Komplexität der Welt für einen Augenblick vergessen zu lassen, weil die Sprache das Ärgernis der Ausdifferenzierung meisterhaft reduziert hat.

Wohnhaft

In Zeiten politisch verordneter Ausgangssperren erfährt das immer schon verdächtige Wort „wohnhaft in …“ seine Bedeutungserfüllung.

Wir Menschenlümmel

Mit dem Fortschritt von Techniken, die das Individuum infantilisieren und seinen Hang zur Faulheit mit einem Zuwachs an Unselbstständigkeit belohnen, geht dessen Pädagogisierung einher.  – „Intelligente“ Sensoren und Hochleistungsrechner im Auto sorgen für effizientes Fahren, das Spontanentscheidungen ausbremst; die Höchstgeschwindigkeit von Neuwagen wird gedrosselt auf ein Niveau weit unter dem Motorleistungsvermögen; Apps überwachen präzise die Bewegungsmuster derer, die sie auf dem Smartphone installiert haben. An sie wiederum haben sich Dienstleister oder Versicherungen unmittelbar gekoppelt, die diätetisches Verhalten honorieren. Der Algorithmus schlägt vor, was wir sehen, lesen, essen, wie wir uns modisch kleiden oder welche Musik zu hören gefällig ist … – Umgeben von strengen Erziehern, die mit Bestrafung drohen und Wohlgefälligkeit durch Bequemlichkeitsförderung wertschätzen, fügt sich der technisch hochgerüstete, aber in seiner Eigenständigkeit deformierte Mensch auch politisch und gesellschaftlich in ein System, das vornehmlich durch einen Dschungel an Vorschriften und Verboten seine Dominanz ausübt, ohne dass es mit allzu lümmelhaftem Aufbegehren rechnen müsste. Wir regredieren vom selbstbewussten Subjekt zum Zeitgenossen, der sich von Vater Staat bevormunden und versorgen lässt, sich um Mutter Natur liebevoll kümmert und sich brav an die Regeln hält, die eine onkelhafte Industrie über farbenfrohe Kennzeichnungen von guten und „bösen“ Produkten, Empfehlungslisten und einwandfreien Inhaltsstoffen vorgibt, nicht zuletzt an jene Regeln, durch die das Reden zwar grammatikalisch verhunzt wird und die Sprache verarmt, aber moralisch korrekt sich des Applauses von interessierter Seite erfreuen darf. Es zeichnet sich ein Schema ab, das eine jahrhundertelange Tradition der Selbstbehauptung beendet: Der Pädagogisierung folgt die Entmündigung und dieser die „Abschaffung“ dessen, was wir einst stolz Individuum genannt haben.

Alles gewinnen

Die Grenze zwischen Freiheit und Anarchie verläuft entlang des Satzes: Ich habe nichts zu verlieren. Ob er in die höchste Form der Selbstbestimmtheit führt oder in die Gleichgültigkeit mündet allen Verbindlichkeiten gegenüber, das wird entschieden an der Größe dieses „Nichts“. Es ist die spiegelverkehrte Variante all dessen, was immer schon auf dem Spiel gestanden hat.

Was fehlt?

Was wir nicht haben und nicht sehen, der Mangel, lässt sich genauer beschreiben als das, was vor Augen steht und zu fassen ist. Es sei denn, der Hunger ist so groß, dass es nicht mehr darauf ankommt, wie er gestillt wird. Diese Zeiten der Ansteckungsgefahr zeigen ihr Risikopotenzial über das Maß des medizinischen Notstands vor allem dort, wo sich Leerstellen – nicht besetzte Themen, ungeregelte Verfahren, enttäuschte Erwartungen, geschlossene Institutionen, gehinderte Lebensfreuden –, wo sich solche Vakanzen zu einem Vakuum ausdehnen, von dem nicht mehr eindeutig zu sagen ist, was genau fehlt.

Kritik der parteitaktischen Vernunft

Die verfassungsrechtlich dokumentierte Aufgabe der Parteien, mitzuwirken bei der politischen Willensbildung des Volks, ist in dem Augenblick verfehlt, ja verwirkt, in dem Entscheidungen allein wahltaktisch und wegen aufgelaufener Verdienste um den Machterhalt gefällt werden. Spätestens dann drängt sich der Wunsch vor, es möge statt einer großen Koalition aus Bräsigkeit und selbstgerechter Besserwisserei jene Vernunft regieren, die schon allein aufgrund ihrer Urteilskraft, der Reflexionshöhe ihrer Einsichten und der perspektivischen Klarheit von Plänen einen Willen bilden könnte, der weder getrieben noch korrumpiert zu nennen ist.

Wie gewonnen, so genommen

Der Verlierer in einem politischen Duell entpuppt sich als der wahre Sieger, wenn dem Sieger im Moment seines Durchbruchs schon die nächste Niederlage ins Gesicht geschrieben steht, da seine Bestimmung weniger aus Überzeugung ergangen ist, als aus der Verzweiflung rührt, ihn nicht fallen lassen zu können. Mit jeder Wahl steht immer schon die Wiederwahl als heimliches Abstimmungskriterium mit zur Entscheidung. Wirklich gewinnt nur der Kandidat, dessen Versprechen nicht der Erfolg ist, sondern dessen Garantie.

Schuldverhältnisse

Aus der Berggasse 19 in Wien erreichte im Januar 1898 Josef Breuer ein Brief, in dem der Absender sich ausführlich über Schuldverhältnisse erging. Sigmund Freud hatte ihn unmittelbar nach dem Dreikönigsfest geschrieben. Die beiden Ärzte waren einander früh verbunden über die Behandlung von Anna O., die so in den Studien hieß, welche zum Anlass wurden, das sonst als nervöses Leiden diagnostizierte Verhalten psychoanalytisch zu untersuchen. Im Schreiben offenbarte sich Freud dem Kollegen, von dem er sich in den ersten Jahren seiner beruflichen Praxis immer wieder Geld geliehen hatte. Und annoncierte die Rückzahlung eines Teilbetrags. Ausführlich geht er ein auf die Umstände, die ihn bewogen hatten, um ein Darlehen zu bitten. Und die ihn wiederum hinderten, von seinen Patienten zureichend hohe Honorare einzufordern. Nicht zuletzt sorgte die Unsicherheit über Behandlungserfolge und die Unmöglichkeit, eine Behandlungsdauer vorauszusagen, für monetäre Engpässe. Das hat mit der Eigentümlichkeit der Psychoanalyse zu tun, die Freud später veranlasste, von einem „unmöglichen Beruf“ zu sprechen. Da der Klient selber das Ende der Sitzungen bestimmt und selber entscheidet, wann er sich als „geheilt“ der Therapie entzieht, lässt sich keine wirtschaftlich zuverlässige Planung erstellen. In den ersten Jahren war noch nichts über Abhängigkeitsverhältnisse bekannt, nichts über die Probleme von Übertragung und Gegenübertragung, nichts über die Bodenlosigkeit seelischer Untiefen, so dass die Behandlung als tragfähiges „Geschäftsmodell“ für den Arzt hätte eingestuft werden können. Freud war also dankbar gegenüber dem verständnisvollen Kollegen und konnte auch darauf zählen, einen Gleichgesinnten in der Sache gefunden zu haben. „In dem einen Punkte wenigstens bekennen wir uns zu derselben Ansicht, dass uns beiden Geldbeziehungen nicht die wichtigsten im Leben … zu sein scheinen. Dass ich von dieser Lehre aktiv und passiv Zeugenschaft ablegen musste, als Nehmer und als Geber, während Sie sich auf den aktiven Beweis beschränken durften, das pflegten Sie selbst immer als Sache des Glückes, nicht des Verdienstes darzustellen.“* Freud wusste sich so entlastet, durch Einführung einer Instanz, des Glücks, die alle Zurechenbarkeit ausschloss. Und mag nicht zuletzt am Umgang mit Geld gelernt haben, worauf es bei Schuldverhältnissen entscheidend ankommt, will man in ihnen frei und souverän, also menschlich leben: dass man eine Erzählung findet, in der Schuld zwar individuell, aber nicht persönlich genommen werden muss.

* Sigmund Freud, Briefe 1873 – 1939, 246f. 

Wie ein Wasserfall

Er redete so viel, weil er fürchtete, sein Gegenüber könnte sonst nicht verstehen, worum es ihm ging. Und übersah dabei, dass aus den vielen Wiederholungen nicht einmal das hängenblieb, woran zu erinnern sich vielleicht später lohnte.

Entspannt zurücklehnen

„Jetzt muss ich mal ganz provokativ werden.“ Der so Bedrohte lehnt sich entspannt zurück und weiß, dass alles kommen kann, nur nichts, was die Gegenrede als Herausforderung kennzeichnet.
„Das ist eine sehr gute Frage.“ Ein solcher Bescheid signalisiert nur eines: dass der Angesprochene so gar keine Lust hat zu antworten.

Entscheidungsstärke

Was Menschen auszeichnet, die gemeinhin für entscheidungsstark gehalten werden: dass ihnen die Furcht vor dem Abschied fehlt.

Rollenspiel

Wer eine Rolle spielt (auf der Bühne, als Amtsträger, in der Führungsverantwortung eines Unternehmens), muss in sie so tief eingedrungen sein, dass er jederzeit von ihr Abstand nehmen kann. Sonst spielt er nicht in und mit der Rolle, sondern die Rolle spielt mit ihm, und er keine.

Gute Gründe, zwingende Zwecke

Auch wenn so mancher Zweck die Mittel heiligt, bedeutet das noch lang nicht, dass gute Gründe eine Ausrede adeln.