Friedensordnung

Die Qualität eines Friedens hängt maßgeblich ab davon, Niederlagen, denen er gefolgt ist, nicht auch noch als Demütigung auffassen zu müssen. Im Zeitalter des Narzissmus* ist das die politische Kunst.

* So kennzeichnete Christopher Lasch schon 1979 die Gegenwart

Zurückgeblieben

Welcher Euphemismus in der Trauerwendung steckt, dass da einer von uns gegangen sei, der seinen Weg vielmehr beschlossen hat, lässt der andere Satz über das Ende in der gebotenen Klarheit aufscheinen: Es ist immer das Leben, das weitergeht. Sterben heißt pietätlos zurückgelassen werden. Doch so will es keiner ernsthaft hören müssen unter denen, die sich der zwangsläufigen Rücksichtslosigkeit nicht schuldig gemacht haben wollen, die in jedem steckt, der nach vorn strebt. Sie nennen sich, als hätte der Stillstand sie erwischt, selbstmitleidig die Zurückgebliebenen.

Woran die Psychologie scheitert

Verstanden zu werden unterscheidet sich vom Verstehen wesentlich. Wo dieses sich begnügt mit tiefer Einsicht, vielleicht im besten Fall mit der Entschlüsselung seelischer Strukturen bis in die Grundgeheimnisse eines Menschen hinein, verlangt jener, wenn er sich verstanden fühlen will, noch mehr: das Wissen, durch einen anderen nicht nur erkannt, sondern bei ihm in den entscheidenden Belangen gut aufgehoben zu sein.

Ein springender Brunnen

Das wichtigste Element in maurischen Gärten ist das Wasser. Es durchzieht in feinen Adern die kleinen Plantagen aus Bitterorangen und Granatäpfeln, den Myrtenhof oder die Rosen- und Kräuterbeete. Es fließt über Treppen, ergießt sich ins Becken, füllt Springbrunnen und Steinkrüge. Wie eine Tonfolge in der Musik gliedert das Wasser durch Plätschern und Tropfen,  Strömen und Sprudeln unaufdringlich die Wahrnehmung. Nichts sediert mehr, als sich für lange Stunden diesem Wasserspiel auszusetzen, das zwischen Hintergrundrauschen und Quellgeräusch zwar nie als Geräuschquelle stört, aber präsent genug ist, um jederzeit wohltuend abzulenken von dem, was von innen und außen die Seele zu besetzen versucht. Vergeblich.

 

Ferienstimmung

Oft ist zu Ferienbeginn wichtiger als das Ankommen der Augenblick, in dem sich das Gefühl einstellt zurückzulassen. Gelungen ist der Urlaub, wenn sich bei Ferienende die gegenteilige Stimmung gebildet hat.

Nichts da

So paradox es scheinen mag: Der kreativste Moment ist, wenn einem nichts mehr einfällt. Schwer genug, vielleicht unmöglich, ihn bewusst zu erlangen. Aber eine exzellente Voraussetzung, dass Neues sich einstellt.

Widerspruch und Widerstand

Die größte Errungenschaft einer Demokratie ist, dass sie Widerspruch und Widerstand in ihr System als politisch entscheidende Elemente integriert hat. Ohne diese Gegenbewegung gäbe es nicht, was eine lebendige Volksherrschaft ausmacht: die institutionalisierte Abwahl. Nicht ungewöhnlich also, wenn zu den Gründungsakten einer Demokratie die Revolte gehört, der Spott über die aktuellen Machthaber, die Demonstration, die das Risiko von Gegengewalt nicht scheut. Mut ist die größte Tugend der Demokratie.

Kraftvoll

Jede große Veränderung beginnt mit der Organisation von Kräften. Erst wenn die Vielzahl der Überzeugungen zu einer Stimme sich vereinigen, wenn die unterschiedlichen Sichten auf eine Sache sich zu einer Richtung formieren, wenn die individuellen Interessen zurückstehen, weil vor allem ein einziges Ziel zu erreichen ist, kurz: wenn aus Ich und Ich ein Wir wird, dann können selbst scheinbar aussichtslose Verhältnisse sich wandeln. Freiheit und Wahrheit gewinnen immer dann, wenn wir sie als gemeinschaftsstiftende Wirklichkeiten anerkennen. Unter allen Machtinstrumenten ist der Zusammenhalt das stärkste.

Gott und Welt

Logik: Wenn die Welt alles ist, was der Fall ist*, dann kann Gott keine Tatsache sein.
Mythos: Wenn die Welt aber alles ist, was gefallen ist, dann ist die Sache Gottes seine Tat.

* Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus, 1

Angst, moralisch gesehen

Der effektivste, oft unfreiwilige Komplize des Bösen heißt Angst.

Krisenkommunikation

Das größte Risiko der Krisenkommunikation ist, dass sie nicht weiß, ob die Krise sich verschärft, wenn man auch noch über sie redet, oder ob der Umgang mit ihr leichter wird, ja sie sich gar auflöst, sobald man ausgesprochen hat, was zu sagen not getan hat.

Frechheit siegt

Wir leben in einer Zeit, in der der Mangel an Bildung durch Anmaßung flink kompensiert werden kann.

Sprache und Gewalt

Wie gewaltig Worte wirken, lässt sich bemessen an der Differenz zwischen Sagen und Tun, die auch eine zeitliche ist, und groß sein kann, wenn etwa auf Sätze lange Schlaufen der Nachdenklichkeit folgen, die in entschiedene Zustimmung münden. Diesen Unterschied, der die Qualität einer Handlung bestimmt, vom überlegten und überlegenen Widerspruch bis zum prompten Gehorsam, versucht, anders als die Gewalt der Sprache, die Sprache der Gewalt zu eliminieren. Ihr Ideal ist die unmittelbare Reaktion, der erkennbar die Gelegenheit zum Zweifel geraubt ist, Fragen wie die nach dem Sinn des Ganzen. Sie zielt auf die Mobilisierung der Masse, die sich als total erlebt und deren Erhaltung zum Selbstzweck geadelt wird. „Daß Kriege so lange dauern können, daß sie noch weitergeführt werden, wenn sie längst verloren sind, hängt mit dem tiefsten Triebe der Masse zusammen, sich in ihrem akuten Zustand zu erhalten, nicht zu zerfallen, Masse zu bleiben. Dieses Gefühl ist manchmal so stark, daß man es vorzieht, sehenden Auges zusammen zugrunde zu gehen, statt die Niederlage anzuerkennen und damit den Zerfall der eigenen Masse zu erleben.“*

* Elias Canetti, Masse und Macht, 77

Verteidigung der Demokratie

Der Kampf gegen die Feinde der Demokratie wird in aller Regel beschrieben als Auseinandersetzung um die Errungenschaften, die wir Freiheit nennen: nicht zuletzt die Möglichkeit, sagen zu können, was ist, die wir als Meinungsfreiheit verfassungsrechtlich schützen. Man könnte ihn aber auch auffassen als scharfen Streit um das, was diese Meinungsfreiheit überhaupt erst in ihren Darstellungsformen sinnvoll sein lässt: die Fähigkeit, Wahrheit zu erkennen und auszudrücken. So manche politisch irritierende und als undiplomatisch empfundene Äußerung entstammt dem unbedingten Willen, sich gegen Verschleierungen, unaufgedeckte, falsche Rücksichten, gegen Lügen und Propaganda, wider all diese Verbiegungen der Wirklichkeit laut aufzulehnen.

Wozu, weshalb, warum?

Die Konkurrenz der beiden Fragen „Warum?“, die sich an der Vergangenheit orientiert, und „Wozu?“, die sich in die Zukunft richtet, löst sich auf, wenn Pragmatik und Funktionalität im Fokus stehen. Was interessieren die Beweggründe, wenn es nur darauf ankommt, dass eine Handlung ihr Ziel erreicht. Nur im Fall eines Versagens, eines Ausfalls von erstrebten Wirkungen kehrt das Problem der Ursachenforschung zurück. Gründe sind interessant, wenn die Zwecke nicht erfüllt werden. Sonst nicht.

Mehr Energie

Die sicherste Art, Lebensenergie zu gewinnen, ist, eine Perspektive zu haben. Das könnte helfen in Zeiten, da Energie allenthalben eingespart werden muss.

Abhängigkeit als Freiheit

Das ist das scheinbar widersprüchliche Gesetz der Abhängigkeit, dass sie umso geringer wird im Einzelnen, je größer die Anzahl der Bindungen ist. In einer Welt, die vom Misstrauen regiert wird, setzt politische Freiheit voraus, sich nirgendwo ganz, dafür aber in einer Sache mehrfach vertraglich zu verflechten.

Ohne Gegenteil

Es gibt Menschen, die sind so unsympathisch, dass man nicht einmal weiß, wie die sympathischen Eigenschaften heißen sollten, zu denen sie das Gegenteil darstellen.

Nur nichts falsch machen

Es ist nicht richtig zu glauben, dass das Bemühen, nur nichts falsch zu machen, eine Sache richtig sein lässt. Die Angst vor dem Fehler fördert vor allem das Bedürfnis zu kontrollieren; wo aber Kontrolle vorherrscht, verschwinden die schönsten Eigenschaften eines freien Geists: alle Spielarten der sinnvollen Erneuerung, die Fähigkeit, sich selbst dauerhaft zu motivieren, Willigkeit, Lust, Überraschungsfreude, Steigerungssehnsucht. Und es wachsen Frustration, Trostlosigkeit, zuletzt Zynismus.

Nicht ideal

Nachdenklichkeit ist der Name für das Ideal der Vernunft zu zögern. Sie besteht aus vielem, was Zeit braucht: Umsicht, Abwägung, Tiefgang, Reflexion, kurz – die Anstrengung des Begriffs. Aber das Zaudern ist kein absolutes Leitmotiv. Es wird zum Inbegriff des Unvernünftigen, wenn das Denken eine Form des Handelns geworden ist.

Verlust von Wahrheit

Eine Lesefrucht:
„Ich kann nicht positiv bestimmen, was Wahrheit ist, aber ich kann sagen, daß Denken heute, zumindest soweit es von der Gesellschaft gefordert wird, nicht im wesentlichen auf die Wahrheit gerichtet ist. Von diesen negativen Gesichtspunkten aus kann ich immerhin, wenn ich einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen oder die ganze Gesellschaft eines Landes beurteile, eine Beziehung zu dem herstellen, was wir unter Wahrheit uns vorstellen … Ich meine, wir sind auf dem Weg zur verwalteten, rationalisierten, instrumentalisierten Welt, zur bürokratisierten Gesellschaft, in der der Einzelne und sein Bedürfnis nach Wahrheit, nach einem Sinn des Lebens, nichts mehr gilt … Was wir Geist nennen und was mit Wahrheit zusammenhängt, denkerische Spontaneität, das, was zum Beispiel wahre Phantasie bedeutet, das alles ist in unerhörter Gefahr, weil es kaum noch gepflegt wird. Eben deshalb möchte ich damit schließen, daß ich sage: Was wir tun können, ist nichts anderes, als diese Wahrheit im Denken, die wir nicht positiv bezeichnen können, aber die doch immerhin eine solche Macht bedeutet, daß wir sehen, was unwahr ist, was nicht recht ist, was gegen die Ideen gerichtet ist, die wir mit dem Begriff der Wahrheit verbinden – diese Wahrheit im Denken also so lange wie möglich zu erhalten und selbst gegen den Zug der Zeit auszubreiten versuchen.“*

Max Horkheimer, Wahrheit im Denken, Gesammelte Schriften 13, 106f.

Kassandra ruft

In dem Maße, wie es ihr gelingt, Angst (nicht: Ängste) zu schüren, entflammt eine Mutmaßung oder Prognose zu einer Prophezeiung, die sich selbst erfüllt. Wir rechnen mit einer Inflation von elf Prozent im nächsten Frühjahr? Es werden mehr. Wir steuern auf eine Rezession zu, auf Stromausfälle, einen eiskalten, nachtschwarzen Winter? Sie treten ein, nicht zuletzt weil sie erwartet werden. Was wiederum den Wirkungsgrad solcher Vorhersagen verstärkt. Es ist der Moment, da das Verhältnis von Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit Risse bekommt. Und plötzlich ein anderes Kalkül in der Gleichung dominant wird. Es lässt sich finden über die Frage: Wem nützt es?

Wer bist du?

Man lernt einen Menschen am besten kennen, wenn man ihn fragt, welche seiner Sehnsüchte unerfüllt geblieben sind, nicht indem man ihn erzählen lässt, was er alles erreicht hat.

Krise und Kritik

„Es liegt im Wesen einer Krise, daß eine Entscheidung fällig ist, aber noch nicht gefallen. Und es gehört ebenso zur Krise, daß offenbleibt, welche Entscheidung fällt. Die allgemeine Unsicherheit in einer kritischen Situation ist also durchzogen von der einen Gewißheit, daß – unbestimmt wann, aber doch bestimmt, unsicher wie, aber doch sicher – ein Ende des kritischen Zustandes bevorsteht. Die mögliche Lösung bleibt ungewiß, das Ende selbst aber, ein Umschlag der bestehenden Verhältnisse – drohend und befürchtet oder hoffnungsfroh herbeigewünscht – ist den Menschen gewiß. Die Krise beschwört die Frage an die geschichtliche Zukunft.“ So schreibt es Reinhart Koselleck zu Beginn des letzten Kapitels seines  Buchs über die Aufklärung*, das von einer spannungsreichen Beziehung handelt, dem Verhältnis von Kritik und Krise. Beide leiten sich ab vom selben griechischen Wortstamm und entwickeln doch höchst unterschiedliche Bewegungen. Die Krise erzwingt eine Entscheidung, die Kritik verlang nach Unterscheidung; in der Krise erfährt man die Zeit unmittelbar, in der Kritik sucht man den Abstand zu ihr. Es täte der Aufgeregtheit einer mannigfach gebeutelten Gegenwart diese Distanz ebenso gut, wie es deren Bräsigkeit, als realitätsverweigerndem Reflex auf die Unbill momentaner Verwerfungen, zum Verschwinden brächte, wenn die Zeitgenossen sich nicht erst zu wichtigen Entschlüssen nötigen lassen müssten.

* Kritik und Krise, 105