Gerade noch glauben

In den testamentarischen Erzählungen vom leeren Grab ist weniger formuliert, was der Glaube an dogmatischen Zumutungen bereithält – dass ein Gestorbener zurückkehrt ins Leben –, als jenes unbedingte Zutrauen bezeugt, dass nicht einmal der Tod zerstören kann, was Gottes Verhältnis zum Menschen ein für allemal bestimmt: eine Liebe, die kein Ende kennt.

Wundern gibt es immer wieder

Die größte Leistung der Philosophie, die nach alter Vermutung mit dem Staunen begonnen haben soll, ist, dass sie es geschafft hat, jenes Wundern über die Welt in eine Frage zu übersetzen, über die sinnvoll nachgedacht werden kann.

Der Ernstfall

Die zwei Wörter des Karfreitags: für Dich.

Fehlentscheidungen

Im Nachhinein stellen sich besonders jene Entscheidungen als wertvoll heraus, die zur Folge haben, dass wir zu den Fehlentscheidungen unseres Lebens ein versöhntes Verhältnis entwickeln können.

Atemlos durch den Tag

Höchstgeschwindigkeit gilt nicht selten als ein Anzeichen von Intelligenz. Wenn jemand schneller ist als das Gros seiner Mit- und Nebenmenschen in Entscheidungen, bei der Diagnose von Handlungsfehlern, im Erfassen von sozialen Atmosphären oder einfach nur als schlagfertiger Zeitgenosse, schafft er sich rasch mit seiner wachsenden Ungeduld auch eine Überlegenheit in den privaten und beruflichen Gesellschaftsspielen. Immer etliche Schritte voraus sieht er mehr als die anderen, kann Situationen früher einschätzen. Und langweilt sich entsetzlich, wenn diese für das, was er längst erkannt hat, ihre Zeit brauchen. Der stille Vorwurf, mit dem er sich auseinandersetzen muss, ist stets: dass er diese anderen für dümmer hält. Dabei ist seine Gefahr, dass ihm auf Dauer selber vieles entgeht, weil er stets schon die Antwort zu kennen meint, ohne mehr darauf zu achten, wie die Frage gelautet haben könnte, für die er eine Lösung gefunden hat. Und zu bedenken, welche möglichen anderen Erwiderungen auf sie auch sinnvoll gewesen wären.

Was bedeutet das?

In einer Zeit, die für den sinnbildlichen Aspekt eines Ereignisses wenig Empfinden hat außer subjektive Erschütterung, ist jeder Versuch, ein Zeichen zu übersetzen, zugleich dessen Trivialisierung. Es gibt Symbole, die erst reden, wenn man über sie schweigt.

Mehr als nichts

Kreativ zu sein, heißt nicht, leere Räume zu füllen. Sondern leere Räume zu schaffen.

Paralyse, Paradox, Passion

Die Widersprüchlichkeiten des Lebens sind nicht Widersprüche gegen das Leben. Und doch hindern sie es zuweilen, wenn der Versuch, aus ihnen herauszufinden, nur immer weiter in sie hineintreibt. Organisationen kennen solche Paradoxe zuhauf: wenn zwei Anspruchsnehmer, der Anteilseigner und der Kunde, gleichermaßen Leistung fordern, die aber unterschiedlich bewertet wird, so dass unzufrieden macht, was den anderen beglückt. Zwischen Effizienz und Innovationszwang, zwischen Flexibilität und Orientierungsbedürfnis, zwischen solchen Polaritäten können Menschen die Lebendigkeit eines Unternehmens erfahren oder dessen Lähmung. „Doch soll man vom Paradox nichts Übles denken; denn das Paradox ist des Gedankens Leidenschaft, und der Denker, der ohne das Paradox ist, er ist dem Liebenden gleich, welcher ohne Leidenschaft ist: ein maßiger Patron.“* So führt Sören Kierkegaard in jene logische Figur ein, die ihm zum Beschreibungsmaßstab wird für jenes Geschehen, das die Christenheit mit Beginn der Passionswoche an Palmsonntag und in der Osterzeit feiert: Gott, der menschlicher nicht zu nennen ist, wenn er für alle stirbt, und göttlicher nicht erscheint, wenn er als der eine für alle ein für allemal den Tod überwindet. Das ist paradox. Und nicht allein des Gedankens Leidenschaft. Gegenüber dem Paradox gibt es nur die Alternative Erschöpfung oder Erlösung.

* Philosophische Brocken, Gesammelte Schriften, 10. Abt., 35

Wohnungsnot

Eigentum verpflichtet. Wohl wahr: den Eigentümer – und den Staat. Denn das Grundgesetz fordert vom Gesetzgeber, einen unantastbaren Freiraum zu schaffen, in dem das Individuum mit dem Seinen machen kann, was es will.* Das unterschlagen jene lässig, die gerade tabulüstern mit Enteignung drohen, um so von den eigenen Fehlleistungen in ihrer Wohn- und Baupolitik abzulenken.

* Art. 14 GG; siehe auch dazu Christoph Gröpl, Kay Windthorst, Christian von Coelln (Hrsg.): Grundgesetz: Studienkommentar, München 2017 und Wilfried Berg: Entwicklung und Grundstrukturen der Eigentumsgarantie. In: Juristische Schulung 2005, 961

Tat und Täter

Unser Rechtssystem ruht auf der strikten Unterscheidung (nicht: Trennung) zwischen Tat und Täter. Sie macht erst möglich, eine Handlung jemandem verantwortlich zuzuschreiben, also anzunehmen, dass er sich hätte auch anders stellen können zu einer Situation. Erst diese Freiheit erlaubt einer Gesellschaft, sich das Recht ihrer Freiheit herauszunehmen, ihn eines Vergehens zu überführen und zu bestrafen. Wenn Hegel in seiner Rechtsphilosophie schreibt, dass in der Strafe „der Verbrecher als Vernünftiges geehrt“* wird, dann überweist er der entsprechenden Ahndung die Funktion, den Täter davor zu bewahren, seine Tat loswerden zu müssen, auch wenn er sich von ihr lossagen sollte. In der Strafwürdigkeit seiner Handlung kann er sich als Subjekt unter versöhnten Bedingungen wiederfinden. Eine Abspaltung (und sei sie psychologisch) ist nicht nötig. Erst die Strafe erlaubt, was in der Vorstellung von der Würde des Menschen als Denkfigur angelegt ist: dass wir nicht in unseren Wirkungen aufgehen, obwohl wir uns selber erst finden, indem wir wirken.

* Grundlinien der Philosophie des Rechts, § 100. – Fritz Mauthner hat diesen Passus, ihn leicht variierend – „die Strafe ist das Recht des Verbrechers“, als ein „bodenlos frivoles, ja infam witziges Wort“ bezeichnet. (Wörterbuch der Philosophie. Zweiter Band, Kapitel 55, IV)

Unheimlich erfolgreich

Erfolgsphasen bekommen, je länger sie dauern, mit jeder zusätzlichen Verbesserung einen charakterlichen Effekt, der sie von einer Glückssträhne kaum unterscheidet. So wächst mit jedem Sieg, jeder Gewinnsteigerung nicht nur das Selbstbewusstsein einer Mannschaft oder Organisation (nicht immer das Selbstvertrauen), sondern auch die versteckte Befürchtung, es könne diese Serie alsbald reißen. Man wird sich selber unheimlich. Und erkennt, bei aller Leistung und deren Konsequenz, mit dieser Skepsis gegenüber dem anhaltenden Aufschwung an, dass sich in alles Gelingen etwas einmischt, was wir uns selber nicht zuschreiben wollen und vielleicht doch zuschreiben müssen. Und dass daher ein Fortschreiben nicht selbstverständlich ist. Die leise Angst, es könne aufhören, was sich da aufs Schönste angebahnt hat, die sich beschwörend niederschlägt in der Mahnung, es nicht zu übertreiben, sich auf schlechtere Zeiten vorzubereiten, demütig zu bleiben, dieser diskrete Unglaube resultiert aus einer tiefen Einsicht ins Allzumenschliche: Wir wissen, wie wenig wir auf uns zählen können, sobald es darum geht, dass man mit uns rechnet.

Kaum zu Hause, keine Heimat

Im Duden ist das Wort „Heimat“ ein singulare tantum, ihm fehlt grammatikalisch die Möglichkeit, eine Mehrzahl zu bilden. Aber man kann auf vielerlei Weise heimatlos sein, politisch und religiös, familiär wie auch geographisch, als Fan einer Fußballmannschaft oder weil man ein unbehaustes Leben führt. Wieder ist das Intakte nur einfach, wohingegen auf höchst verschiedene Arten die Formen des Misslingens vorgestellt werden – und schon wegen ihrer Vielfalt auch viel interessanter erscheinen.

Politische Lehrstunde

Eines der Grundmuster in der Gegenwartspolitik ist, Fragen heimlich zu stellen, weil man glaubt, der Öffentlichkeit Antworten zu schulden. Ungewissheit stört, so die Maxime, wie der Selbstzweifel zerstört. Das erschwert die Einigung im Streitfall, wenn dogmatische Positionen aufeinanderprallen, wie umgekehrt der Ernstfall des Parlaments sich in dessen Fähigkeit zum Kompromiss zeigt. Vom Denken oder der Kunst, die der Fraglichkeit das Vorrecht vor der Antwort einräumen, unterscheidet sich das fundamental. Hier wird das Handeln verzögert um einer besseren Einsicht willen, obgleich gerade in Kritik und Skepsis sich äußern will, dass die Wahrheit eines Gedankens seine Praxis ist. Die Politik macht es den Antworten schwer, zu einer Überzeugung zu finden; die Philosophie macht es dem Tun schwer, sich auf eine Idee zu berufen.

Die Welt und wir

Nichts gegen ökologische Vernunft oder das regulative Ideal der Nachhaltigkeit, das deutlich stärker als Entscheidungskriterium von Handlungen heranzuziehen ist, die im emphatischen Sinn menschlich zu heißen verdienten. Aber im Anspruch, das Weltklima zu retten, zeigt diese Vernunft denselben Charakter, der ihr auch bei der Zerstörung unseres Lebensraums stets ein zuverlässiger Begleiter gewesen ist: Maßlosigkeit.

Bankmenschen

Die meisten Banker sind Menschen, die zwar rechnen können, aber keine Phantasie haben. Sie treffen auf Kunden, die zwar reich werden wollen, aber keinen Mut besitzen. Und empfehlen ihnen Anlagen, die zwar hohe Gebühren kosten, aber keinen großen Ertrag bringen. Um ihnen dann zu erklären, dass alle zwar mehr erwartet hätten, es aber noch viel schlimmer hätte kommen können. Was dazu führt, dass die Kunden zwar verärgert sind, aber keine Konsequenzen ziehen. So dass es zur faulen Gewohnheit wird, zwar einem Berater zu folgen, ihn aber für unfähig zu halten.

Lang nicht gesehen

Nur die Freundschaft braucht nicht jene Selbstbestätigung, die der Liebe Kraft und Dauer schenkt. Weil sie im tiefsten unselbstverständlich ist – es gibt weder Trieb noch Grund, sich zu befreunden – erlangt sie mit der Zeit eine Selbstverständlichkeit, die auf Vergewisserung verzichtet und gelingen lässt, dass zwei, die sich lang nicht gesehen haben, dennoch einander begegnen, als seien sie gestern erst auseinandergegangen. Vergangenheit und Zukunft, Geschichte und Perspektive, Erlebtes und Erwartetes werden in der Freundschaft verdichtet zum Glück unmittelbarer Präsenz.

Partnerschaften

Viel Ärger ersparte man sich, wenn man die Geschäftspartnerschaften als so verbindlich betrachtete wie Lebenspartnerschaften und die Lebenspartnerschaften so gewinnorientiert ausrichtete wie Geschäftspartnerschaften.

Reichlich begreiflich

In der ihr eigenen Radikalität hat Simone Weil die logische Schärfe herausgestellt, zu der auch die genaue Bestimmung gehört, wo der Verstand seine Grenze hat: „Das Unbegriffene verbirgt das Unbegreifliche“, schreibt sie. Und fügt hinzu: „Deshalb muss es beseitigt werden.“* Man nimmt den Exaktheitsgestus wahr, in dem auch der „Tractatus“ geschrieben ist und in dem Wittgenstein dem Mystischen schließlich einen Platz freigeräumt hat. Nicht vor der Zeit aufhören, ist der Anspruch; eine Sache kategorial und konsequent weiterdenken, die Aufgabe, bis es nicht mehr geht, nicht zuletzt um zu erkennen, was sich nur so sagen lässt, dass es nicht zu fassen ist. Das Staunen ist hier nicht am Anfang, sondern am Ende des Denkens verortet. Zu dieser Gedankenstrenge gehört aber auch, im Begriff das Unbegriffliche zu suchen, um die Worte nicht zu verlieren für das, was zwar nicht begriffen, aber beschrieben werden kann: Die Erzählung, das Metaphorische ist der sprachliche Ort der religiösen Erfahrung.

* Cahiers. Aufzeichnungen. Dritter Band, 340

Im Zwischenraum der Sprache

Es ist eine theoretische Trivialität, das Verstehen nicht allein mit dem Verständnis und über den Verstand zu erklären. In den Zwischenräumen der Sprache, in unwillkürlichen Gesten, der Betonung eines Worts, dem, was eine Gesprächsatmosphäre heißt, erschließt sich, ob man einer Sache innewird und sie einsehen kann. Jeder, der bemerkt, wie ein kleiner Konflikt durch den schlichten Text eines Maildialogs aufbricht, wünscht sich, es könnte sich digital erschließen, wie die Worte gemeint waren. Da hilft auch die Überfülle der Emoticons nur begrenzt. Wir wissen das alles; und sind doch abhängig von den feinnervigen Sensoren für analoge Zwischentöne.

As you like it

Alle großen Entscheidungen haben die Eigenschaft, die Menschen zu überfordern, die sie fällen müssen. Es käme nie zu einem Entschluss, wäre der Preis nicht zu hoch, nicht zu wählen. Warum sollte man sich bewegen, wenn der Stillstand bequem ist. In verfahrenen Verhandlungen kommt man nur zu einem Ende, indem man stetig die Konsequenzen bis zur Unerträglichkeit steigert für den Fall, dass keiner bereit ist, die Sache sinnvoll abzuschließen. Zu verweilen muss stärker schmerzen, als zu handeln.

Das Nachtrauerspiel

So viele Menschen leben im Konjunktiv, weil sie einer falschen Entscheidung nachtrauern und sich wünschen, es könnte das Leben, die Arbeit, ein Spiel andern verlaufen sein. Was ihnen fehlt, ist die Chance zur Selbstdarstellung, die in aller Gewissheit des Eigenen mit einer Trias des lauten Triumphs auftritt: Ich bin wer; ich kann was; schaut her, was ich habe. Das lässt sich nicht in den Konjunktiv übersetzen, ohne unfreiwillig komisch zu wirken: hätte, könnte, wäre. Wie es auch keine Antwort erwartet, sondern allenfalls bewundernde Zustimmung. Interessanter freilich ist das ungelebte Leben allemal, wenn es zum Vorschein kommt.

Du bist wunderbar

Der peinliche Zwang, sich zu wichtig zu nehmen, schwindet in dem Maße, wie die anderen in der Wertschätzung nicht zögern. So viele, vielleicht alle Probleme, mit denen Menschen sich auseinandersetzen, haben letztlich zu tun mit dem Fehlen von Anerkennung. Dieser Mangel macht sie anfällig für boshafte Einflüsterungen, grenzenlose Selbstüberschätzung, das abgründige Gefühl der Sinnlosigkeit. Die Formel für die existenzielle Untiefe schlechthin, die zum düsteren Leitmotiv der griechischen Tragödie geworden ist – besser, wenn dieser Mensch nie geboren worden wäre –, verliert jede Kraft in dem schönsten aller Augenblicke, in dem einer sich selbst ohne Arg annimmt, weil er sich bedingungslos akzeptiert weiß. Erlösung lässt sich so übersetzen: als uneingeschränkte Zustimmung zu sich, weil ein anderer fraglos Ja gesagt hat. Da fällt die Selbstliebe mit der Liebe zum Leben zusammen.

Gute Laune

Wenn es eines Beweises bedürfte für die erkenntnistheoretische Annahme, dass wir die Welt nicht einfach nur naiv vorfinden, sondern jene Wirklichkeiten erst schaffen, die uns zu schaffen machen, dann schaue man auf die Ansteckungskräfte der Freude. Gerade wenn es wenig Anlass gibt, sich an der Weltlage oder den eigenen Lebensmomenten zu ergötzen, kann der Frohsinn verkehrte Verhältnisse grundlegend verwandeln. Der Konstruktivismus hat am meisten recht, wo er von den unwiderstehlichen Verwandlungskünsten der guten Laune handelt.

Was willst du, Großbritannien?

Sätze zur Situation der Zeit:
Nichts kostet mehr Willenskraft, als herauszufinden, was man wirklich will.
Es erschöpft so sehr, dass am Ende die Tat zu schwer erscheint.
Man kann nicht nichts wollen. Aber man kann das Nichts wollen.