Wettererinnerungen

Das Wetter, in all seinen Schattierungen von stürmisch bis sonnenklar, ist das metaphorische Grundmuster für das, was wir Lebensgefühl nennen. Das nämlich beschreibt, ähnlich der Atmosphäre, die uns umgibt, weit mehr als nur ein Gefühl im Leben. Seine Stimmung nährt sich aus dem Inneren wie dem Außen, ist mehr als nur ein Augenblickshoch, eine plötzliche Laune. Es kann lange Fristen überdauern, sich tief festsetzen in der Erinnerung. Das Lebensgefühl ist jene Emotion, die sich zu einer Dimension eigenen Rechts verobjektiviert hat.

Wir Hypersensiblen

Wenn Verletzungsgefahr zum Maßstab des Redens wird, müssten wir folgerichtig verstummen, weil kein Satz die Garantie abgeben kann, wie er aufgenommen wird. Die Sprache ist lebendig, so lang sie mehr zu sagen hat, als sich ertragen lässt, ja für das Worte findet, das man gerade nicht mehr aushalten kann. Die sicherste Methode, andere zu langweilen, ist, korrekt zu sein. Auch wenn Haltungen nach Ausdrucksformen suchen, ist der Geist stets mehr als die Gestaltungen, die er sich gibt. Es ist geistlos, Wörter mit einem Sprechverbot zu belegen, so wie es taktlos ist, sie zu gebrauchen.

Rettungsphantastisch

Die zeitgenössische Form der Selbstzerstörung: Frevel an der Natur. Die moderne Form der Selbstfindung: Weltrettung. Das Ich hat begriffen: Mit ihm selbst geht es immer ums Ganze.

Von anderen

Ärger noch als der entdeckte Betrug, dessen sich verdächtig macht, wer bei einem Plagiat erwischt wurde, scheint die Unfähigkeit (oder auch nur der Unwille) zu sein, selber zu denken, zu dessen Vermutung Anlass gibt, was sich als abgeschrieben herausstellt. Wie soll von jemandem der Anspruch glaubwürdig erhoben werden, ein ganzes Land erneuern zu wollen, wenn es schon im Kleinsten für nicht mehr gereicht hat, als Anleihen an fremde Ideen zu verschleiern?!

Entschiedenheit

Der vielleicht wichtigste Effekt einer Entscheidung ist – nicht so sehr die inhaltliche Sympathie für das getroffene Urteil, sondern – dass sie von der Qual der Unentschlossenheit befreit. Wahlfreiheit meint jene Freiheit, die nicht vor, aber nach der Wahl beginnt. Sie bedeutet die Entlastung, für den Moment nicht mehr optieren zu müssen. Nur das erklärt, warum es so schwer ist, eine Überzeugung aufzugeben, obwohl man nicht mehr von ihr überzeugt ist (sie also längst schon aufgegeben hat).

Pflichtlektüre

Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Virtuos im Deuten und Schreiben von Gefühlszeichen, empfindet eine ganze Generation das Lesen von Büchern nur noch als lästige Pflicht. Die Welt der Worte, in die sich zu verlieren Beglückung sein kann, wird verdeckt vom Übermaß an Buchstaben, zu deren Sinn vorzudringen Entzifferung voraussetzt. Schon die Ankündigung dieser symbolischen Anstrengung lässt sie aufgeben; zum Versuch der (Selbst-)Überwindung kommt es gar nicht erst. Nicht verstanden wird, dass man lesen muss, was man nicht gleich versteht, weil sich nur so verstehen lässt, dass und was zu lesen lohnt.

Kunstverständnis

Gäbe es keine gemeinsamen Erfahrungen, die wir teilen, könnten wir einander nicht verstehen. „Das sagt mir nichts“, noch dieser Satz, vor einem Gemälde im Museum ausgesprochen, reflektiert die Erwartung, dass Kunst spreche. In dieser Hoffnung drückt sich das Minimum aus, das jeden schöpferischen Akt begleitet: dass ein Werk nicht nur für sich steht, auch wenn es nur von einem stammt.

Gefallen

Im Wort „Gefallen“ steckt schon der Verlust an Niveau, der mit einer Geste einhergeht, die auf Applaus aus ist.

Heißkalt

„Mir ist kalt“, sagt sie. „Mir ist heiß“, erwidert er. Die Haut und ihr Empfinden, das Äußerlichste am Menschen ist eben doch sehr persönlich.

Deutschlandtrend

Wahlkampf im Jahr 2021: Die meisten Stimmen erhält, wer die wenigsten Fehler macht. Es geht nicht um Veränderung oder Verbesserung, sondern um Vermeidung.

Baden

Weder Lassen noch Tun, sondern jene Mischform, die dem Geschehenlassen als der einzigen Weise, Zugang zu finden zur Sache, sich übergibt, zeichnet das Baden aus. Ob Waldbaden, das Bad in der Menge, das Baden im Meer, sie alle sind eigentlich nicht aktiv (oder reflexiv), obwohl es heißt: Ich bade (mich). Und schon gar nicht passiv, denn die Widerfahrnis einer sich brechenden Welle ist ja genau das, was einer gesucht hat. Baden bedeutet, sich von den Grundelementen Wasser, Luft, Erde so erfassen zu lassen, dass man sich nicht gegen sie zu stellen versucht, sondern mit ihnen den Rhythmus der Welt zu spüren verlangt. Sein Vergnügen besteht darin, sich einem größeren Ganzen auszusetzen, ohne fürchten zu müssen, aus dieser Begegnung nicht heil herauszukommen.

Größte Freiheit

Das „Nein“ ist das Wort, in dem sich Freiheit unmittelbar realisiert. Im „Ja“ hingegen äußert sie sich in der Form eines Versprechens, das allererst eingelöst gehört.

Höchststrafe

Liebesentzug, was soll das sein? Die Liebe ist stets zugewandt. Wer sich und seine Gefühle zurückzieht, liebt nicht mehr.

Fundament und Feinschliff

Unter Bauleuten sind die Grobarbeiten meist beliebter als der Feinschliff. Die Grube ausheben für das Fundament, den Rohbau hochziehen, Tonnen von Erdreich verschieben, das alles bringt am Ende des Tagwerks unmittelbar zur Anschauung, was man geleistet hat. Die Veränderung ist augenfällig. Doch erst die Detailtreue, die Sensibilität für Symmetrie, die oft tagelange Pinselführung für das Farbenfinish, die mühevolle Versiegelung des Dielenbodens mit Lauge und Seife, kaum zu sehen, bewirkt, dass Räume stimmig erscheinen und Gestaltung als Atmosphäre der Architektur erst ihren schönsten Zauber leiht. Das fast Unsichtbare ist, was sich am deutlichsten spüren lässt.

Mach, was du willst

Nicht der Hass, sondern das Desinteresse beendet die Liebe.

Der ideale Wahlkampf

Welche Klarheit wäre gewonnen, wenn sich der moralische und charakterliche Aspekt im politischen Wahlkampf auf die Kür der Kandidaten beschränken ließe! Es wäre jener Moment, in dem ein letztes Mal Empfindlichkeiten und Fehlertoleranz, Charme oder Bräsigkeit, Professionalität wie die listige Naivität des Newcomers eine Rolle spielten. Wären die dann nominierten Bewerber persönlich alle über jeden Zweifel erhaben, ließen sich die Debatten endlich nur inhaltlich führen. Nicht indem die Person in den Hintergrund gerückt wird, erreicht man Sachlichkeit. Sondern indem sie so ins Zentrum gesetzt ist, dass über sie zu sprechen nicht lohnt, weil die Unterschiede in der Qualität vernachlässigbar sind.

Gesprächssituation

Es gibt Berufe, deren höchste Anforderungen darin bestehen, frühzeitig zu erkennen, was angemessen ist. Man könnte sie in einem weiten Sinn als „politisch“ bezeichnen. Es gibt Fehler, bei denen erst im Augenblick ihrer Entschuldigung klar ist, welches Ausmaß sie haben. Man könnte sie in enger Bedeutung „persönlich“ nennen. Schwierig wird es, wenn beides zusammenfällt, weil so offenbar wird, dass einer persönlich ungeeignet ist für das Politische.

Wort und Welt

Nur der Sprache gelingt, sich zur Welt gelegentlich so in Konkurrenz zu setzen, dass der Entscheidungszwang, sich von unmittelbarer Lebendigkeit faszinieren oder sich durchs Lesen betören zu lassen, in Verlegenheiten führt.

Insolvent

Es müsste die Pflicht geben für Gesellschaften, die keine akzeptablen Lösungen mehr bieten zu den Problemen, die sie sich selber eingebrockt haben, dass sie Insolvenz anmelden müssen, wie Firmen vor dem drohenden Bankrott. Nur, wer sollte sie verwalten, auch wenn sie nicht mehr weitermachen dürften wie bisher?

Das Notwendige tun

In der Pflicht glaubt die Vernunft an sich selbst; im Zwang hat sie diese Überzeugung aufgegeben. Er tritt ein in dem Augenblick, in dem Macht auf ihre eigene Beredsamkeit verzichtet.

Der Sinn des Leichtsinns

Ohne eine filigrane Dosis von Leichtsinn funktionierte das Leben nicht. Nur dieser befördert die unterschwellig eingerichtete Überzeugung, ein Mehr an … Konsum, Lust, Abenteuer, Aufgeregtheit, Freizügigkeit sorge, gleichsam von selbst, für Glückssteigerung. Er ist die Voraussetzung eines Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, das angelegt ist auf subtile Maximierung. Leichtsinn heißt jener Sinn, der unbedingte Gefolgschaft mit dem Versprechen verbindet einer unmittelbaren Belohnung durch Entlastung von den Ansprüchen des Alltags. Letztlich suggeriert der Leichtsinn die Befreiung von der Frage nach dem Sinn.

Karrieremensch

Die nächsten Schritte in der Karriere gehen immer über die Fußstapfen des Vorgsetzten.

Die schwachen Ansprüche

Warum sind der Wunsch nach Ruhe, die Freiheit von fremden Gerüchen wie Zigarettenrauch, schwerem Parfum oder dem Grilldunst aus Nachbars Garten, warum sind die Abkehr vom flachen Geschwätz, das Desinteresse an dröhnenden Witzen, die fehlende Schmerzresistenz gegenüber greller Kunst – warum sind Empfindsamkeit und Empfindlichkeit stets rechtfertigungsgenötigt? Und nicht umgekehrt? Der vom Menschen definierte Normalzustand ist viel zu laut und hässlich für das, was die Welt an Feinsinn zu bieten hat.

Schlupfloch

Jede Form der Kontrolle ist für den Kontrollierenden ein Schritt auf dem Weg zur Selbstüberforderung, weil sie für den Kontrollierten eine Aufforderung an die Intelligenz bedeutet, nach Auswegen zu suchen. Das Vertrauen ist maßlos am Anfang, wenn es gewährt wird. Das Misstrauen wird maßlos, weil es kein Ende findet.