Kategorie: Die tägliche Notiz

Die Hand reichen

Knapp anderthalb Jahre Abstinenz vom Händedruck zur Begrüßung oder zum Abschied haben offenkundig die Empfindsamkeit so stark anwachsen lassen, dass Berührungen von Innenflächen fast schon – je nach Art der Begegnung – als über„griffig“ oder allzu intim wahrgenommen werden. Da muss sich erst wieder einspielen, was ehedem selbstverständlicher Grußgestus gewesen ist. Auch wenn die Hand zumeist in ihrer Funktion als erstes Werkzeug in der Kulturgeschichte behandelt ist, hat schon Aristoteles gewusst, „dass die Seele der Hand analog ist“*.

* De anima, 3, 8, 432

Bürgerstaat

Eine Lesefrucht, die reif geworden ist:
„Eine Regierung kann nicht genug Wert auf eine Tätigkeit legen, die individuelle Bemühung und Entwicklung nicht behindert, sondern ihr hilft und sie anspornt. Das Übel beginnt erst, wenn sie, statt die Tatkraft und Fähigkeit der Einzelnen und der Körperschaften anzustacheln, ihre eigene Tätigkeit dafür einsetzt, wenn sie, statt zu belehren, zu raten und gelegentlich zu tadeln, jene in Fesseln arbeiten lässt oder sie beiseite schiebt und die Arbeit selbst macht. Der Wert eines Staates ist auf lange Sicht der Wert der Individuen, die ihn bilden. Und ein Staat, der die Interessen der geistigen Entwicklung dieser Individuen vernachlässigt zugunsten einer etwas besser funktionierenden Verwaltung oder jenes Anscheins davon, die die Praxis im jeweiligen Detail liefert, ein Staat, der seine Menschen verkümmern lässt, um an ihnen – selbst für nützliche Zwecke – gefügige Werkzeuge zu besitzen, wird merken, dass mit kleinen Menschen wahrlich keine großen Dinge vollbracht werden können.“*

* John Stuart Mill, Über die Freiheit, V, 325

Sicherheitsabstand

Beim Besuch in der City: Die Empfehlung einer Distanz von mindestens anderthalb Metern zum nächsten Nebenmenschen, die während der Zeit erhöhter Ansteckungsgefahr das Regelmaß der Sicherheit im öffentlichen Raum darstellte, scheint eine gut gewählte Größe zu sein. Sie entspricht, ungeachtet der Gefährdung durch den Aerosolwolkenzug, dem Bedürfnis nach Eigenheit, nach Eigensinn, Eigenwelt, Eigendynamik, Eigennutz. Und macht unmittelbar anschaulich, was Individualität in einer Gesellschaft meint, die auf die Differenz ihrer Identitäten verstärkt pocht.

Sich selbst vertrauen

Gleich zwei Hauptwurzeln sind es, aus denen das Selbstvertrauen erwächst. Nur wenn dem Lob durch andere die Einsicht sich zugesellt, sich seiner würdig zu finden, also zur Anerkennung die Anerkennung der Anerkennung kommt, kann jene Gewissheit über das Eigene gedeihen, die es gegenüber späteren Verführungen, die mit allen Formen der Beachtung einhergehen, stark macht.

Reinschrift

Dass man sich beim Schreiben noch die Finger schmutzig macht, diese Vorstellung, sofern sie nicht im übertragenen Sinn gelesen werden will, stammt aus einer Zeit, in der die Worte mit Tinte aufs Papier gebracht wurden, nachdem sie zuvor gewählt worden waren. Aus ihr hat sich ein Stilideal gerettet, das die Abgewogenheit in der Sache sprachbildnerisch knüpft an die Anstrengung, zwar in das Thema tief einzudringen, sich aber von ihm nicht kontaminieren zu lassen: Man müsse so formulieren, dass der Feinsinn gewahrt und der Gegenstand, über den zu handeln ist, nur im Unendlichen berührt wird, wobei die eigene Position und die Zielrichtung dennoch jederzeit erkennbar bleibt. Wie anders wäre diese Schreibkunst zu nennen als – tangential.

Ganz persönlich

Es gibt viel weniger Personen, die so faszinierend sind, dass sie die Sache vergessen lassen, für die sie einstehen, als es Sachen gibt, die so unklar sind, dass man wenigstens hofft, die Sympathie für eine Person könne ein gutes Wahlkriterium sein. Der Erfolg einer Person ist nicht dasselbe wie ein persönlicher Erfolg, auch wenn keine sachlichen Gründe erkennbar sind.

Kinkerlitzchen

Fakten, nicht nur biographische, geraten rasch zu vernachlässigten Nichtigkeiten, wenn sie die große Erzählung stören. Dabei zeigt sich die Größe eines Entwurfs in seiner Belastbarkeit, die stets ein Test der Details darstellt. Nicht Allerweltsversprechen, nicht inhaltsleere Ermutigungen wie das im Dauertakt durchs Möbelkaufhaus schallende „Gemeinsam schaffen wir das!“ oder das aktuelle Motto des Fußballbunds „Gemeinsam mit Euch ans Ziel“ oder der plakative Wahlspruch in Sachsen-Anhalt „Gemeinsam für unsere Heimat“ bilden den Stoff zum Aufbruch. Sondern immer eine anschauliche Perspektive, in der sich strategisches Denken und taktisches Verhalten ausrichten an dem, „was der Fall ist“*, an den Tatsachen, deren vorgestellte Gesamtheit nicht ohne Grund „Welt“ genannt zu werden verdient. Größe ist nie abstrakt; die abstrakte Variante des scheinbar Großen aber ist Aufgeblähtheit.

* Vgl. Satz 1 aus Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus

Wenn Politiker posen

Wer sein Reden und Handeln gewöhnlich ausrichtet am Effekt, den es erzielen soll, muss sich nicht wundern, dass im selben Maß, wie er die Wirksamkeit sucht, sein Sinn für die Wirklichkeit schwindet. Der Realitätsverlust ist die größte Bedrohung der Rhetorik.

Dienstleister

Allen Berufen, die das Wohl des anderen ins Zentrum der eigenen Leistung stellen: Der Dienst hat seine Grenzen, die nicht erst durch die Zufriedenheit des Klienten bestimmt sind.

Zu viel des Gutgemeinten

Nirgendwo ist das Angebot geringer als in Programmen, die damit werben, dass für jeden etwas dabei sei.

Nichts sagen

Die gelegentliche Faszination für das Schweigen inmitten einer Zeit, in der vor allem der Lautstärkeregler des Redens voll aufgedreht zu sein scheint, hat nichts Mystisches. Sondern erinnert schlicht an die Frage, warum von der Freiheit, nichts zu sagen, wenn es nichts zu sagen gibt, so wenig Gebrauch gemacht wird. Das Schweigen gehört zu jener negativen Außenseite der Sprache, über die wir so wenig wissen, dass sinnvoll allenfalls deren Funktion angegeben werden kann: dem Wort einen Ursprungsort zuzuweisen, der die Entscheidung zulässt, es auch nicht auszusprechen.

Süßer die Töne nie klingen

Nicht vermisst, aber vergnügt wiederentdeckt: das zuckersüße Gesicht, das im Fluss der Melodie präzise gewiegt in Konzerten vornehmlich dem entfernten Stuhlnachbarn musikalische Kennerschaft vermitteln soll, aber den Ausdruck mimt, als schmelze einer ergriffen und selbstvergessen in der Klangwolke dahin. Da fallen Außendarstellung und Insichgekehrtsein unterschiedslos zusammen.

Was die Welt braucht

Das ist das schlimmste Verbrechen, dass ausgerechnet jene Institution, die sich selbstgewiss „Hüterin des Glaubens“ nennt, die Kirche, sich an dem vergeht, was eine überkomplexe Welt am meisten braucht, um mit sich selbst klarzukommen: das Vertrauen. Wer dem Vertrauen nicht mehr vertraut, verliert sich endlosen Verfahren und deren Aufsicht, wagt nicht, Großes zu entscheiden, diskutiert zäh die verpassten Chancen und Fehler vergangener Zeiten, statt sich entschlossen, und in der gelegentlich naiven Überzeugung, es besser zu machen, mit Entdeckungslust und Erneuerungskraft dem Problemlösen zu stellen. Glauben befreit das Handeln vom Zwang zur Kontrolle, weil es in jedem Tun ein umso größeres Lassen zu erkennen vermag, in dem es die Bedingungen des Gelingens zuversichtlich vermutet.

Triumph der Freude

Am schönsten sind Siege, wenn nicht nur der eine den anderen Gegner übertrumpft hat, sondern wenn am Ende die Freude über alle Gefühle triumphiert.

Um die Umwelt

Es schmälert die Sorge um die Welt nicht, wenn sie auf Formeln der Selbstverkleinerung des Menschen verzichtet. Dass wir der Natur zugehören, die wir zerstören, ist so richtig, wie es wahr ist, dass es als eine der delikaten Leistungen in der Entwicklung zum Menschsein und Menschlichsein anzusehen ist, sich von den natürlichen Bedingungen stilgerecht emanzipiert zu haben. So lässt sich mit Fug von „Umwelt“ sprechen, ohne gleich befürchten zu müssen, es könne in dieser Bezeichnung allzu sehr die Entfremdung mitbetont sein zwischen dem Subjekt und all dem anderen, das es nicht ist und doch braucht: als Lebensklima, tragfähiger und ertragreicher Boden, als Atmosphäre oder Wasser, die für uns Existenzraum und Elixier in dem Maße sind, wie wir sie darauf nicht reduzieren. So sehr der Mensch eine Unverträglichkeit gegen sich entwickelt, sobald er sich selber überlassen ist, so sehr gilt es darauf zu achten, im Gegenschwung wider die Klimakatastrophe die Natur als letzten Gott vor dem Untergang nicht zu verklären.

Ärger als ärgerlich

Bei einem Ärgernis ist höchst unwahrscheinlich, dass man sich am meisten über das selber ärgert, was es ausgelöst hat. Und selbst wenn: es brächte die Sache nicht aus der Welt, den Fehler einzugestehen, Reue zu empfinden und bußfertig vor die rachbereite und hämesüchtige Öffentlichkeit zu treten. Das Ärgerliche hat im Ärgernis längst einen gesellschaftlichen Rang erklommen, weil es als Ausdruck einer vermuteten Haltung wahrgenommen wird, die der akute Fauxpas nur unzureichend repräsentiert.

Verpasste Gelegenheit

Manchmal entpuppen sich verpasste Gelegenheiten überraschend als Orientierungshilfen im Leben. Da sind die Möglichkeiten plötzlich eingeschränkt, weil das Prüfungsergebnis nicht den Erwartungen entspricht, die man an den Ausgang der Sache gerichtet hatte; aber dieses verengte Chancenangebot, das dem leicht vertanen Examen folgt, führt glücklich genau in jene Richtung eines Berufs, den zu ergreifen nicht in den Sinn gekommen wäre. Nicht das, was geschieht, ist entscheidend, sondern das, was man daraus macht.

Das Reden hört nie auf

Die unterschiedlichen Ebenen der Sprache, die vom schlichten Imperativ bis in die weiten Verzweigungen der Interpretation reichen, erlauben, dass das Reden nie aufhören muss. Wo rücksichtslose Machthaber Gewalt wortlos ausführen und anschließend die Brutalität ihres Tuns im Spektrum zwischen Fadenscheinigkeit und Verlogenheit rechtfertigen, da kann umgekehrt die politische Handlung all jene Appelle legitimieren, die eine Rückkehr ins Recht einfordern, aber ungehört oder unerhört verhallen. Der Aktion, die den Mahnrufen in ihrer strengen Konsequenz den Ernst beilegt, den sie brauchen, um zu wirken, wird durch ihre begleitende Deutung der Charakter der Unwiderruflichkeit genommen. Das Wort in seinem Talent, das Niveau seines Gebrauchs zu wechseln, behält die Dominanz über der Tat. Und bricht so deren Endgültigkeit auf, die andernfalls nur den engen Raum von Urteil und Bestrafung anböte, die Macht und Gegenmacht in eine zwanghafte Gewaltspirale münden ließe.

Toleranz, erkenntnistheoretisch

Es lohnt, die Vorstellung von Toleranz nicht nur als politische Errungenschaft oder moralische Pflicht anzusehen, sondern unter erkenntnistheoretischer Perspektive zu betrachten. Dann nämlich erschließt sich, dass jedes Individuum nur deswegen eine Welt hat, weil es andere seiner Art gibt, Menschen, die nicht identisch mit ihm sind, sondern in ihrer Vielheit und Vielfalt allererst die schönsten Perspektiven öffnen auf ein Ensemble von Einsichten, dessen Fülle und Gesamtheit wir „Welt“ nennen. Die Anerkennung von Intersubjektivität, und damit des Anderen als ein Wesen souveränen Rechts, bedeutet die Garantie, dass jedem die Welt nicht bloß als ein factum brutum erscheint, das gegeben ist, sondern sich als ein eigenständiger Anspruch präsentiert, der ihm aufgegeben ist: als das, was sich erschaffen und ergreifen lässt, entwickelt und entdeckt werden muss.

Der Zukunft zugewandt

Es hat der Wirtschaft und der Politik selten geschadet, statt ein Übermaß an Plänen zu produzieren, eine gewisse Empfänglichkeit für den Zufall* zu entwickeln.

* Paul Valéry, Lust. Das Fräulein von Kristall, in: Werke 2, 259

Mathematik des Geistes

Geist = der Blick fürs Ganze + die Achtsamkeit auf Details
Geist = Vernunft + Verstand + Herz
Geist = Wahrheit + Erträglichkeit
Geist der Unterscheidung = Unterscheidung der Geister
Geist = Mut – Übermut
Geist = Trost ↔ Ohnmacht der Hilfe
Geist = Schärfe der Klarheit : Milde der Barmherzigkeit
Geist = Lebendigkeit ≠ Lebensverbrauch
Geist = Ende ≡ Anfang
Geist = ¬ Status
Geist = ∞ Liebe
Heiliger Geist = die Gegenwart des abwesenden Gottes

Führungstalent

Die Kunst des Führens, die zu beherrschen Verantwortliche in Wirtschaft und Politik für sich oft ungefragt in Anspruch nehmen, besteht weniger darin, Menschen nach den eigenen Vorstellungen zu leiten. Als vielmehr in jenem seltenen Talent, eine Atmosphäre zu gestalten, in der diese Menschen die Sache, um die es geht, im Ganzen erleben und verstehen und sich mit ihr, nicht zuletzt miteinander, so wohlfühlen, dass sie das Maß ihres Handelns in Eigenregie ausrichten am dauerhaften Erfolg in der Sache, von dem sie wissen, dass er nur zu gewinnen ist, wenn sie sich selbst dabei nicht verlieren, der aber verloren wird, wenn sie nur für sich daraus Gewinn ziehen wollen.

Shitstorm

Im Wettbewerb zwischen Hass und Dummheit siegt der dumme Hass. Er hat die schnellsten Reflexe.

Virtuelle Welt

In der virtuellen Welt gibt es nichts, was als bedeutsam gelten kann. Wo zu viel Platz angeboten wird und unbeschränkte Zeit, vermag sich keine Ordnung auszubilden, keine Rangfolge, kein Mehr oder Weniger, kein Jetzt oder Nie. Wertvoll ist nur, was unter Bedingungen der Knappheit Anstrengung beansprucht, die das Maß des Begehrens bestimmt.