Kategorie: Die tägliche Notiz

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Die telefonische Warteschleife ist die Wiederholung des Verkehrsstaus als Zeitphänomen. Doch welches Navigationssystem warnt vor der ungeheuren Verschwendung von Lebenszeit, die nur ein Ziel hat: den Kunden so lang zu zermürben, bis er entnervt aufgibt oder seine Frage vergessen hat vor lauter Dankbarkeit, endlich an der Reihe zu sein. Das Kundenmanagement ist oft das Problem, für dessen Lösung es sich ausgibt.

Das ist halt so

In einer Zeit dekonstruierter Inhalte halten wir uns fest an den Formen. Nicht nur Verwaltungen, auch Unternehmen geraten ins Schleudern, wenn die lange eingespielten Prozesse in Zweifel gezogen werden. Wer fragt, warum es sie gibt und wem sie dienen, erntet mindestens ungläubiges Staunen. Viel öfter aber wird er beschieden, sich an sie zu halten, als hätte irgendein absolutistischer Fürst einen Erlass verordnet, dem blind zu gehorchen ist. Da haben sich Vorbehalte zu erübrigen. Der Dogmatismus ist keine Eigenschaft mehr von Ideen, sondern von Institutionen.

Nicht noch einmal, bitte

Die Erinnerung an strukturähnliche Ereignisse fördert die Vorstellung, dass Geschichte sich wiederhole. Aus ihr ziehen Mythen, auch moderne, ihre Nahrung. So können frühere Siege Kraft schenken und künftige Erfolge beeinflussen – denn das, was sicher kein Erfahrungswissen ist, aber eine starke Erzählung, „lehrt“, die Unsicherheit und mit ihr den Gegner zu überwinden. Lange Zeit hieß es, Deutschland, gemeint war das Fußballteam, sei eine Turniermannschaft. Doch zwei große Wettbewerbe in den vergangenen vier Jahren reichten, um aus dieser Idee einen überlebten Gedanken werden zu lassen. Die jüngste Niederlage enthält schon alle Elemente der nächsten, die ein Scheitern bedeutete. Es wäre eine „Wiederholung“, an die jetzt schon, mythisch vorauseilend, appelliert wird, sich mit aller Macht gegen ein fatales Ergebnis aufzulehnen, um dessen Tragik, also die schicksalhafte Vergeblichkeit der Gegenwehr, nicht wahr werden zu lassen. Dabei ist selbst der Kampf gegen Versagensängste schon unmittelbar der genaue, wiederholte Ausdruck eines prägenden Nationalgefühls: dem endgültigen Verlust von Besitzständen.

Diversity

Zwischen Menschen ist auf lebendigste Weise so viel wahr, dass die Sprache ihrer Armut überführt wird und erst gar nicht versuchen sollte, für jede Form von Beziehung, für jedes Selbstverständnis, für jede soziale oder seelische Konstruktion das passende Wort zu finden. Sie müsste sonst zurückkehren zu den Anfängen, wo noch Gebrabbel und Lautmalerei, ja das hapax legomenon,  das nur einmal Gesagte den Willen dokumentieren, der Welt überlegen und überlegt zu entsprechen. Und dabei zu entdecken, dass es unmöglich ist, sich der Verlegenheit zu entwinden, entweder nichts zu sagen, wenn alles absolut genau gesagt sein soll, oder über die Allgemeinheit von Begriffen die Voraussetzungen für Verstehen so zu schaffen, dass dem Individuellen jedesmal Ungerechtigkeit widerfährt.

Keine Macht den Mächtigen

Macht ist immer dann zynisch, wenn sie sich über die Ohnmacht derer zeigt, die sie beherrscht. Sie hat eine Zukunft, wo sie jene ermächtigt, denen sie dient.

Alle (vier) Jahre wieder

Unter den vielen Irritationen und dem starken Befremden, das diese Weltmeisterschaft auslöst, gehört die kalendarische zu den kleinen. Und doch weiß jeder, dessen Zeitrhythmus einmal jäh unterbrochen wurde, wie tief sich die Konfusion eines solchen unterschwelligen Gleichmaßes ausdehnt in fast alle Lebenskreise. Schon Nachmittagsspiele gefährden mehr als nur die durch zwei Stunden unterbrochene Arbeitsintensität, wie viel erst die Kollision von Adventstee und Achtelfinale, betrieblicher Weihnachtsfeier und Fanfest, lichthupendem Autokorso und Kerzenschimmer, Katerstimmung und Vorfreude. Wir werden es noch spüren. Der in diesem Jahr gestorbene spanische Schriftsteller Javier Marías schreibt: „Wir Fußballbegeisterten verfügen über eine zusätzliche Maßeinheit für die Zeit, über die wohl kein anderer Mensch verfügt: die alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften.“ Und er beendet den kleinen Text über „die rasenden Ewigkeiten“ mit einer Beschwörung, die ihn nicht mehr berührt: „Denn so alt wie ich jetzt bin, wäre es völlig unerträglich, wenn die Weltmeisterschaft so eintönig und unbemerkt vorüberginge wie manchmal vier Jahre im Leben eines erwachsenen Menschen.“*

* Alle unsere frühen Schlachten, 93.96

Übersäuerung

Zu viel Moral, schon gar als Instrument des Willens zur Erwachsenenpädagogik, macht die Welt nicht anständiger, sondern verlogener.

Schwarz-Weiß wie Schnee

Der erste, morgenfrische Schnee, der sich sanft aufs Land legt, lässt die Welt in einer Unschuld erscheinen, die sie sich nie verdienen kann.

In der Sackgasse

Wer in komplexen Situationen schnell eine Lösung gefunden hat, wird nicht gerühmt ob seiner Kompetenz, sondern steht im Verdacht, das Problem nicht ganz verstanden zu haben.

Liebe Grüße

Die Formel LG unter einer Nachricht, die als knappe Geste jenen dient, denen das „Liebe Grüße“ zu langatmig und umständlich erscheint, vielleicht sogar als zu intim, nimmt sich selbst durch die Kürze den Nuancenreichtum, den die Sprache für An- und Abreden vorhält. Zwischen den nüchternen freundlichen und den persönlichen herzlichen Grüßen bleibt eine Menge Raum für Halbtöne der Sympathie oder Andeutungen von Ablehnung. Mit „lieben“ Grüßen, die alles steigern, ist ja nicht die Qualität der Ausdrucksform gemeint, als ob die Grüße selber lieb seien, wie der knurrende Dobermann ermahnt wird – „sei lieb!“, sondern die Bestimmtheit einer Beziehung beschrieben, die sich im schließenden Zeichen noch einmal summarisch zur Anschauung gibt. Der Abfall solcher Intention hin zur Bedeutungslosigkeit eines „herzlichst“ oder LG ist immens. Wo hier Liebeserklärungen diskret versteckt werden konnten, die nur zu finden waren von jenen, die lesen können, bleibt dort nichts als eine leere Hülse, die so nett klingt wie das Wort „nett“. Das einfache „Grüße“ zum Ende einer Nachricht nimmt da auf ehrliche Art wenigstens die Verlegenheit ernst und modelt sie nicht um in Verlogenheit.

Ich bin entzückt

Es tut den Anfängen einer Liebe gut, wenn sie von der Begeisterung begleitet ist, und es erhöht die Wahrscheinlichkeit der Liebesdauer, wenn sie sich aus der Umklammerung durchs Entzücken sanft löst.

Verstopfte Ohren

Nicht wenige derer, die sich von Musik faszinieren lassen, wissen zwar nicht präzise, was sie hören, aber sie könnten genau sagen, was sie nicht hören wollen, wenn sie die Kopfhörer aufziehen: die Welt, die sie umgibt. Schon in der mythischen Vorstellung von den Sirenen, denen Odysseus nur entgeht, indem er sich selber an den Mast seines Schiffs fesselt, ist der Wille zur Ablenkung (von der Heimkehr) vorgezeichnet, aber noch als Gegenbild zum geraden Pfad der Tugend und Wahrheit. In einer Zeit, in der das Ideal der Direktheit aufgehoben ist im ökonomischen Prinzip der Effizienz, dient der zeitgenössische Gesang in der Ohrmuschel noise cancelling diesem letzten Kriterium auf dialektische Weise. Er lenkt ab von der Ablenkung und gewährt so eine Konzentration, die im Lärm eines Zugabteils, einer Flugzeugkabine, auf der Straße sonst kaum möglich wäre.

Nichts anderes

Es gehört notwendig zur Freiheit, auch anderes tun zu können als das, was man tut, um es so tun zu können, dass niemand mehr glaubt, es ließe sich auch noch anders tun.

Lust

Die Lust neigt dazu, ihre wichtigste Voraussetzung zu ignorieren: dass sie das, was sie begehrt, nicht einfach haben kann. Im tiefsten ist sie die emotionale Variante des Respekts, der eine Person schätzt in dem Maße, wie er sie schützt. Mehr als ein Talent der Nähe zu sein, bedeutet, Lust zu haben, die Distanz zu kultivieren.

Das gute Beispiel

Das gute Beispiel, das dem vorpreschenden Handeln sprichwörtlich geworden ist und mit dem Menschen den Anspruch erheben, andere sollten folgen, ist weniger der Nachahmung empfohlen, als dass es mit Nachdruck den Ernst der Lage dokumentiert. Vorbildlich ist nicht unbedingt die Sache, sondern deren Seriosität. Man kann eine Krise herbeireden, aber sich aus ihr herausreden geht nicht. Der Ausweg gelingt immer nur über Entschiedenheit, einer Qualität des Handelns.

Fürsorgepflicht

Die schlechte Gewohnheit, unter Zumutung nur noch das zu verstehen, das es abzumildern gilt durch staatliche Zuwendungen oder gutes Zureden, verkennt die implizite Offerte solcher Ansprüche: an ihnen zu wachsen. Sie verschiebt die Grenze des Unzumutbaren in ein Feld, in dem die Unterscheidung zwischen Egoismus, Egozentrik, Egomanie noch diffus ist, so dass nicht scharf ausgebildet wird, was selbstbewusst Ichstärke heißen kann. Je schneller eine Sache als unannehmbar empfunden wird, desto geringer die Gelegenheit, sich selbst in ihr zu erproben, und desto größer die Neigung, von ihr sich narzisstisch gekränkt zu sehen. Fürsorgepflicht ließe sich auch als Pflicht übersetzen, für die Entwicklung zur Souveränität zu sorgen.

Zeitvertreib, Zeitvertrieb

„Und womit vertreibst du dir so deine Zeit?“
„Ich vertreibe meine Zeit.“
„Das verstehe ich jetzt nicht; ich meine: womit du dir deine Zeit vertreibst. Also: Was machst du so?“
„Das sagte ich doch: Ich vertreibe meine Zeit. Ich habe einen Zeitvertrieb. Entweder verschenke ich meine Zeit, oder ich verkaufe sie. Verstehst du?“
„Nicht ganz.“
„Na ja, deswegen kann ich mir meine Zeit auch nicht vertreiben. Mein Zeitvertrieb läuft dafür zu gut.“

Brückenschlag

Eine der wichtigsten Talente in komplexen Gesellschaften ist die Fähigkeit, Unterschiede erkennen, benennen und aushalten zu können. Das geht nur, wenn jener Verständigungshorizont nicht in Zweifel gezogen wird, auf den sich Differentes und die Differenzen gleichermaßen beziehen können, um als solche sich vor ihm und untereinander scharf abzuzeichnen. Es muss ein Drittes geben (und seien es die Gesetze der Vernunft, das Menschliche, lebensweltliche Selbstverständlichkeiten, Gott), wenn zwei nicht dazu tendieren sollen, unbedingt eins zu werden, oder einzig.

Zusammenhalt

Demokratisch organisierte Gesellschaften werden zusammengehalten von der Überzeugung, dass nichts stärker bindet als die allgemeine Anerkennung individueller Unterschiede. Sie repräsentieren politisch, was philosophisch Dialektik heißt: die Identität von Identität und Nicht-Identität.

Immer was Neues

Es ist das Talent, schöpferisch zu sein und sich wieder und wieder mit der Erfindung von sinnvoll Neuem zu überraschen, die den Menschen in eine Lebensdynamik zieht, von der er sonst überfordert wäre: die dauerhafte Selbststeigerung. Wirtschaftswachstum als eine verlässliche Größe ist nur der Indikator der Innovationskraft einer Gesellschaft. Wer gegen das Mehr polemisiert, versteht nicht, dass es ein Strukturgesetz des Menschlichen repräsentiert, mit dem Faktischen keinen Frieden schließen zu können, weil jedes Futur im Fortkommen begründet ist. Bescheidenheit als Primärtugend ist immer eine falsche.

Die Verkleinerung des Gartens

Merkwürdige Beobachtung: Immer, wenn die Blätter gefallen sind, wirkt der Garten plötzlich kleiner. Was ist geschehen? Das nackte Geäst der Baumkrone, die dürren Stauden lassen die Übergänge härter erscheinen. Die Grenzen zwischen den Figuren verschwimmen nicht im saftigen Grün, sondern sind schärfer zu sehen: Kirschbaum und Rosenhecke vereinzeln, die Zweige des Flieders zeichnen sich genau ab vorm Eibendunkelgrün am Grundstücksrand. Und der markiert unversehens klar, dass dahinter das Eigene aufhört.

Gleiches Recht

Rechtsstaat heißt der Staat nicht, weil er mit Hilfe des Gesetzes zur Ordnung rufen kann, sondern weil er den Bürger so vor der durchgesetzten Souveränität des Gemeinwesens im Einzelfall schützt. Das Gewaltmonopol, das nach Artikel 20 der Verfassung vom Volk ausgeht, schließt die Verpflichtung ein, sich einer gemeinsamen Instanz zu unterstellen, die überhaupt erst die Abgabe von Macht und Zwang an eine höhere Organisation erlaubt hatte. Freiheitliche Formen der Vergesellschaftung bilden sich in dem Augenblick, da Individuum wie Institution anerkennen, dass sie nicht als letzte Instanz friedlich fungieren können.

Für den Ingenieur

Inkonsequent ist die Ingenieurskunst, wenn sie die Lebenszeit, die sie durch die Vereinfachung der Technik schenkt, durch die Verkomplizierung der Gebrauchsanleitungen wieder nimmt.

Das ist das Allerletzte

Wer glaubt, absolut im Recht zu sein, meint zugleich, sich jedes Unrecht erlauben zu können. Die letzte Chance, der letzte Platz, das letzte Mal – solche Vorstellungen vom Ultimativen hebeln das Grundgesetz der Hemmung aus: dass mit dem Handeln die Frage aufkommt, was man danach tut. Was schon im Namen „Letzte Generation“ widersprüchlich dramatisiert, wogegen die Gruppe kämpft: dass nach ihr die Sintflut komme (sie will ja gerade vermeiden, letzte Generation zu sein), spiegelt sich wieder im stillschweigenden Zynismus ihres Aktivismus. So nimmt sie für sich jene Haltung in Anspruch, die sie bei ihren Gegnern anprangert: dass sie sich nicht um die Folgen und Nebenfolgen ihrer Aktionen schert.