Kategorie: Die tägliche Notiz

Der pandemische Imperativ

Als Immanuel Kant den kategorischen Imperativ in fünf unterschiedlichen Formeln vorstellte, meinte er, die Lösung gefunden zu haben für das Problem, eine handlungsleitende Verbindlichkeit in der Art logischer Klarheit ausdrücken zu können: formal, eindeutig, allgemein, nicht zuletzt als Darstellung von Freiheit. Selten ist die Frage: Was soll(en) ich (wir) tun? gesellschaftlich so präsent gewesen wie in Zeiten der Ansteckungsgefahr. Daher der Versuch, diesem Imperativ eine neuerliche Fassung zu geben, die den allzu lang währenden politischen „Eiertanz“ um Grenzwerte, die nicht überschritten werden dürfen, um Öffnung oder Schließung des Einzelhandels oder der Theater, um länderspezifische Ausnahmen beendet. Er könnte lauten: HANDLE SO, DASS DIE MAXIME DEINES WILLENS JEDERZEIT ZUGLEICH ALS PRINZIP EINER ALLGEMEINEN FREIHEIT GELTEN KÖNNE. Das schließt die einseitige Fixierung auf Inzidenz- und R-Werte aus. Aber es radikalisiert das Bemühen, eine stabil offene Gesellschaft zu erlauben, in der die Erkrankung nicht nur als Bedrohung der Freiheit der (noch) Gesunden (der Wirtschaft, der Kultur, der Bildung …) angesehen wird, sondern als Gefährdung aller, die schon aus diesem Grund gemeinschaftlich sich anstrengen, ein freies Agieren künftig möglich sein zu lassen. Was das voraussetzt: Freiheit als einen anderen Namen zu verstehen für Verantwortung, die wiederum als Ausdruck für die kommunikative Vernunft aller. Was das zur Folge hat: die Zahl der Infektionen so gering zu halten, dass sie den Handlungsspielraum groß hält. Der Satz zum nächsten harten Lockdown müsste lauten: Lasst uns befreien. Und dieser sollte so konsequent sein und immer so lang anhalten, bis die Zahl der Ansteckungen vernachlässigbar sind. Im Grunde ist das einfach (und entspricht der No-Covid-Strategie vieler wohlmeinender Wissenschaftler). Die Schwierigkeiten machen wir, die wir glauben, uns leisten zu können, unvernünftig zu sein.

Nummer eins

Der Kandidat, so die Wortbedeutung, zeichnete sich als Amtsanwärter aus, indem er sich nicht auszeichnete: Nach altem römischen Brauch trugen die Bewerber um eine Machtposition eine toga candida, dasselbe weiße Gewand, das die freien Bürger der Stadt kleidete. Der Verzicht auf den Purpurstreifen, der die adlige Herkunft markierte, sollte im Wahlkampf die Gleichheit aller als Volk symbolisieren. Keine Insignien, kein Amtsbonus, nichts hob den Kandidaten heraus, er war reduziert auf seine Wortmächtigkeit, die Überzeugungskraft, die anschauliche Fähigkeit zu führen, sein strategisches Geschick. Bei der Auswahl der  Kanzlerkandidatenkandidaten in der Gegenwart, die sich in den Parteien noch bedeckt halten mit Ansprüchen, könnte die Erinnerung an die Freiheit von Würde- und Herrschaftszeichen jenes einzig belastbare Entscheidungskriterium in der Kür schärfen, nämlich den zu bestimmen, dem es gerade als primus inter pares nur so viel um sich und die Macht zu tun ist, als Selbstbewusstsein und Amt wesentlich sind, die Frage sinnvoll zu klären, was einer Gesellschaft not- und guttut.

Zu viele Leben, zu wenig gelebt

Man verkennt die Kunst nicht, wenn man sie als den Ort beschreibt, an dem sich das ungelebte Leben lebendig zur Darstellung bringt. Also lebt es doch. Und nicht zuletzt so, dass sie den Reichtum dessen, was noch zu sein möglich wäre, so anschaulich macht, dass sie Sehnsüchte weckt.

Nachdenken

Aus gegebenem Anlass der Osterbeschäftigung eines öffentlich begutachteten Politikers sei erinnert an das, was der Philosoph Hegel über das Nachdenken notiert hat: Entscheidend sei zu erkennen, „dass, was das Wahrhafte an Gegenständen, Beschaffenheiten, Begebenheiten, das Innere, Wesentliche, die Sache sei, auf welche es ankommt, sich nicht unmittelbar im Bewusstsein einfinde, nicht schon dies sei, was der erste Anschein und Einfall darbiete, sondern dass man erst darüber nachdenken müsse, um zur wahrhaften Beschaffenheit des Gegenstandes zu gelangen, und dass durch das Nachdenken dies erreicht werde“.* Kurz: Wer nachdenkt, verzichtet darauf, sich etwas auszudenken. Der Einfall taugt nicht zum Nachweis einer Idee. Sondern stellt das Gegenteil einer Erkenntnis dar.

* Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, 1, § 21

Ungeregelt

Weder Freundschaft noch Liebe lassen sich im strengen Sinn begrifflich fassen. Über sie, die in ungezählten Formen, vielleicht nie anders als individuell, sich ausprägen, Allgemeines und Präzises zu sagen, fällt schwer. Die Muster von Beziehungen, die sich zwischen Menschen ausprägen und über sie aufklären, mögen zu verstehen helfen, was überraschend gelungen und was grandios missglückt ist, aber im besten Sinn taugen sie vor allem als schöner Anlass, Geschichten zu erzählen über die gelebten und ungelebten Leben in dem Versuch, Zweisam- oder Vielsamkeit als Alternative zur Einsamkeit zu etablieren.

Negativ ist positiv

Wenn der allmorgendliche Selbsttest das selbstverständliche Maß der Selbstbespiegelung vorgäbe, dann könnte einer Gesellschaft, der das Ich und das Eigene wie kaum anderes wichtig ist, geholfen werden, über den Umweg der Selbstbeschau Vereinsamung und Vereinzelung zu überwinden. Nie war es sinnvoller, über sich genaue Kenntnis zu erhalten, als in einer Zeit, in der jeder dem anderen zum potentiellen Ansteckungsrisiko gereicht. Bevor einer fragt, wer er sei, klärt er zunächst, was er sei.

Ach, du liebes Ei

Kinder, beim Eiersuchen im Garten beobachtet: Der eine geht nach der Form; die andere zieht den Inhalt vor. Man darf angeregt mutmaßen, wofür sie sich als Erwachsene interessieren. Und ob hier nicht die Genialität einer gestaltgebenden Natur im Ei nicht schon als dessen wahres Wesen erkannt ist, das Schönheit nicht nur als äußerlich und den Schokoladengehalt kaum als inneren Wert vorstellt.

Frohe Ostern!

Osterglaube: die Verwandlung aller Hoffnungen, die zuletzt sterben, in die eine Hoffnung, die nicht mehr stirbt.

Nebenwirkungen

Man sollte Arzneien, deren Nebenwirkungen auf Dauer mehr beeindrucken als deren Haupteffekt, dessentwegen sie entwickelt wurden, vom Markt nehmen, so wie man Politiker auch nicht beachtet, deren Nebensätze verdecken, dass sie keine Hauptbotschaft haben.

Der schlimmste aller Bäume

Zu den Widersprüchen, die am Karfreitag gefeiert werden: Der Tag, an dem Gott sich hat hängen lassen – an den „schlimmste(n) aller Bäume“* – ist jener Moment, von dem an am Menschen nichts mehr hängen bleibt, weil alle Moral abprallt an dem, was theologisch „Rechtfertigung“ heißt. Der Tag, an dem Menschen in der Verurteilung und Kreuzigung eines Unschuldigen, ihre absolute Macht über Gott ausüben, ist jene Stunde, in der das Machtvollste im Leben, der Tod, seine Absolutheit verliert. Der Tag, auf den sich Luthers reformatorische Thesen gründen und eine weltumspannende Revolutionstheorie, (der „spekulative Karfreitag“ Hegels), ist jener Augenblick, an dem weder Gesellschaft noch Geistlichkeit große Worte machen, sondern Einzelne, das Individuum, sich ins brüchige Gebet einüben. Der Tag, an dem nach den alten Zeugnissen die Frage zur Beantwortung vorgelegt wurde, was ein Gott zu heißen verdiente, ist jener Zeitpunkt, in dem die Zeugen stellvertretend nur noch eines fragen: Wer bist du? Der Tag, an dem Absurdität und Widersinn, Paradoxie und Ungereimtheit sich ins Extreme zu steigern scheinen, verdichtet sich im Imperativ: Lasst euch versöhnen!

* Nietzsche, Also sprach Zarathustra III, 12

Tischgemeinschaft

Die Bildsprache vom gebrochenen Brot verrät noch die Gewalt, die in jedem Teilen steckt, das Intaktes zerstört, um ein anderes Ganzes aus diesem Riss wachsen zu lassen. Jede Gemeinschaft, nicht zuletzt die am Tisch, die sich aus einer Schüssel holt, was zum Verzehr auf den eigenen Teller kommt, von einem Stück abschneidet, eine Flasche entkorkt, die Frucht zerkleinert, die Kräuter zerhackt, bedient sich Formen von Kompromisslosigkeit, um die Zuwendung und Fürsorge im Miteinander auszudrücken. Man kann sich eine Gesellschaft von Egoisten vorstellen, in der jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht. Dieser Zweck wäre das einzig Verbindende zwischen den Individuen. Aber es lässt sich keine Gemeinschaft denken, in der nicht die Absicht vorherrschte, mit anderen zu teilen. Im letzten Abendmahl, dessen Gedächtnis den Gründonnerstag bestimmt, wird die Teilhabe als extreme Weise eines Lebens vorgestellt, das auf sich verzichtet um der Lebensfähigkeit aller anderen willen. Die Zerbrechlichkeit erscheint hier unmittelbar als Bedingung der Partizipation. Man kann es übersetzen in die Einsicht, dass der Wille, mit anderen frei zu sein, einschließt, sich verwunden zu lassen.

Alterslose Schönheit

Dieselben Falten, die einst der Schönheit die Alterslosigkeit nahmen, geben im fortgeschrittenen Alter die Schönheit wieder zurück. Sie lassen den Menschen interessant erscheinen, indem sie auf ein Leben verweisen, das zu erfahren lohnen könnte, ohne dass sie gleich verraten, was es denn erlebt hat.

Wir Spieler im Virenspiel

Vielleicht hilft, sich das Virus als einen gerissenen Spieler vorzustellen, dem keine Verschlagenheit zu schade ist, der keine Finte auslässt und sich über die Ungelenkeit und Tolpatschigkeit seines Gegners klammheimlich scheckig lacht. Welcher Intelligenz bedarf es, um in diesem Spiel, in dem gewinnt, wer das Verhalten des Kontrahenten genauer studiert hat und sich für die eigenen Zwecke durch Schnelligkeit und Antizipation zunutze machen kann, Vorteile zu erringen? Wo der andere alles daran setzt, seinen Rivalen – uns – reinzulegen, sollte der vor allem eines beherzigen: wenigstens dafür zu sorgen, dass er nicht dauernd auf sich selber reinfällt.

Das hätte man sich denken können

Das hättest du dir doch denken können, bedeutet kaum, dass einer zu wenig gedacht hat. Aber es ist immer der Hinweis darauf, dass ein anderer zu wenig gesagt hat.

Fallhöhe

Die Passionsgeschichten beginnen mit einer Reminiszenz an den Propheten Sarcharja, welcher der Stadt einen demütigen Friedenskönig verheißt, auf einem Esel reitend, ohne die Symbole der Macht zu demonstrieren (Sach. 9,9). So zieht der Weltenerlöser, nach den Berichten der späten Zeugen, in Jerusalem ein. Dennoch ist an dieser Erzählung mindestens so befremdlich wie die Jubelrufe des palmwedelnden Volks der, der sich – trotz aller Bescheidenheit – von diesem huldigen lässt. Ob hier die Fallhöhe markiert wird in einem Drama, das zwar mit Verurteilung und dem qualvollen Verbrechertod am Kreuz endet, aber nicht als Tragödie gelesen werden will? Das „Muss“ (Luk. 22, 37), als Notwendigkeit eines Geschehens, das schon in den Sehnsüchten der heiligen Literatur Jahrhunderte zuvor dokumentiert wurde, folgerichtig wieder aufgegriffen, soll keines des Schicksals sein. Es wird als Gehorsam gegenüber dem Vaterwillen beschrieben, als entschlossene Selbsteinfügung in die Tradition und Selbsterniedrigung, nicht als tragisch. Also bedürfte es der literarischen Erinnerung an den alles entscheidenden Wendepunkt gar nicht: kein Held, kein Absturz. Worauf verweist der Ritt auf dem Lasttier? Zu Beginn und zum Finale der Passion wird der Menschenretter zweimal vorgestellt – es sind die beiden einzigen Male in den Evangelien – als einer, der getragen wird und dem getragen wird. Dem Esel, der den Weltenherrn auf seinem Rücken sitzen hat, entspricht der Feldarbeiter Simon von Kyrene, der für Jesus das Kreuz schultert (Luk. 23, 26). Man lädt den Palmsonntag symbolisch nicht zu sehr auf, wenn man in ihm die Eröffnung einer Geschichtenfolge sieht, in deren Zentrum die Frage steht, was erträglich ist am Leben und unerträglich genannt zu werden verdient am Tod, nicht zuletzt am schuldlosen. Da konnte einer nicht alles heben, sondern bedurfte selber der tatkräftigen Unterstützung. Es ist die menschlichste Seite des Gottessohns, die des Getragenen. Präsentiert am Anfang und am Ende eines Leidensberichts, dessen Versprechen das einer endgültigen Entlastung ist (Matth. 11, 28 – 30). Und vom Auf(er)stehen handelt.

Ernsthaft?

Ernst wird es erst, wenn der Ernst der Lage dafür sorgt, dass die Vorstellungskräfte ganz und gar versiegen, weil das Maß an Wirklichkeit so erdrückend ist, dass die Flucht in reine Gedankenwelten versperrt ist. „Ein Mensch mit Ideen ist nie ernst“, notiert Paul Valéry.* Was indes noch keinen Rückschluss zulässt auf die Gewähr, dass die klugen Einfälle sich häufen, wenn man nur unernst genug ist. Sondern nur das sagt: dass alles darauf ankommt, sich diese Fähigkeit zum Abstand jederzeit zu erhalten. „Ein ernster Mensch hat wenig Ideen.“*

Werke 5, 421

Realismus, Optimismus, Pragmatismus

Realismus: die Phantasie, sich vorzustellen, wie eine Sache sein wird.
Optimismus: die Phantasie, sich vorzustellen, wie eine Sache werden könnte.
Szientismus: die Vorstellung, in dem Maße sachlich sein zu können, wie es an Phantasie fehlt.
Pragmatismus: die Sachlichkeit voranstellen, ohne die Sache der Phantasie zur Phantasmagorie zu erklären.
Pessimismus: weder sachlich noch phantasiereich. Aber deutsch.

Verzeihung

Die Bitte um Verzeihung ist nichts, was sich besprechen lässt. Sie zielt darauf und hofft allein, dass ihr widerfährt, wonach sie verlangt. Alles, was danach kommt, ist ein einziges Wort: Es ist gut. Der Rest sind Operationen, die Korrektur, die Kompensation. Was sagt das über ein Land und dessen politisches Selbstverständnis, dass aus dem Eingeständnis eines Fehlers, aus der mit ihm verknüpften Entschuldigung und der folgerichtigen Rücknahme einer Entscheidung ein Diskussionsgegenstand gemacht wird von der Dimension eines Staatsakts? So zu handeln, zeigt weder Stärke, noch symbolisiert es unwillkürlich Schwäche. Irrtümer und deren Bekenntnis verraten nur, dass jemand verstanden hat, was es bedeutet, menschlich zu sein.

Die Gewichtsklassen des Lebens

Die Maßeinheit, in der die Leichtigkeit des Lebens bestimmt wird, heißt Vertrauen. Je größer das Vertrauen, desto weniger lastet das Leben.

In der Defensive

Tore zu verhindern, das weiß jeder, der sich vom Fußball faszinieren lässt, ist eine Voraussetzung, das Spiel zu gewinnen. Aber meist nicht schön. Und es genügt nicht; man muss auch Tore schießen. Je mehr, desto besser. Und desto leichter, sich Fehler zu erlauben in der Abwehr. Wir reden nicht vom Sport. Wir sprechen von der Politik, die es in Deutschland nicht schafft, sich aus dem Defensivmodus, den Reaktionsmustern, der Selbstgefälligkeit und Bräsigkeit zu befreien. Im Fußball werden dann zunächst Athleten ausgetauscht; später, bei Einsicht in ein Systemproblem, wird der Trainer gewechselt. Auch noch kurz vor Saisonende. Manchmal hilft es. Der Abstieg ist allerdings besiegelt, und nicht erst nach Abschluss der Runde, wenn sich die Einsicht festgesetzt hat, dass die Erwartungen an das handelnde Personal zu hoch gesteckt sind. Das hoffnungsvolle Ende: Deutschland steht vor einer radikalen Erneuerung.

Süchtig nach Freiheit

Der große Entlarver Pandemie, der die Enttäuschungsfestigkeit einer Weltgesellschaft unbarmherzig testet mit der Wiederholung von zerbrochenen Hoffnungen, desillusioniert auch unser Verhältnis zu Freiheit. Freiheit ist eine Sucht. Also eine tiefe Abhängigkeit. Wir haben kein freies Verhältnis zur Freiheit, so dass wir von ihr lassen könnten, wenn es nicht günstig zu sein scheint, von ihr willkürlich Gebrauch zu machen.

Die feine Zunge

Je klarer ein Mensch weiß, was ihm zuwider ist, desto empfindsamer ist sein Geschmack. Der Feinsinn setzt sich zusammen aus vielen Formen der Abneigung.

Ehrlichkeit oder Anstand

„Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit.“* So steht es in der deutschen Übersetzung des Schulklassikers „La peste“ von Albert Camus. In der Originalfassung** lautet der Satz des Arztes Rieux aber: „ … la seule façon de lutter contre la peste, c’est l’honnêteté.“ Honnêteté, was meint das? In der Tat: Ehrlichkeit, allerdings auch Anstand oder Redlichkeit. Und diese Bedeutung, so legt es der Kontext nahe, scheint plausibler zu sein. Das Gespräch zwischen dem Journalisten Rambert und seinen beiden Gästen endet mit einem pragmatischen Signal des Aufbruchs: „Wir müssen weiter, … wir haben zu tun.“ Es ist dieses Zeichen zum Handeln, das den Gastgeber tags drauf veranlasst, seine Dienste anzubieten, so lang die Seuche wütet. Nicht Ehrlichkeit – Redlichkeit indes ist die Haltung, mit der man wider eine Epidemie vorgeht. Bei ihr handelt es sich um jene Art des Redens, die der Wirklichkeit Respekt zollt, die nicht täuscht oder sich selbst betrügt, die um Klarheit ringt und Differenziertheit sucht, kurz: um die Lauterkeit in den Worten, welche sich nicht zuletzt im Wissen ausdrückt, dass Worte von Zeit zu Zeit nicht genügen. Das soll die einzige Weise sein, mit der weltumspannenden Krankheit umzugehen? Zumindest wenn Redlichkeit verstanden wird als letzte Anerkenntnis von Realitäten, zu der freilich nicht nur die Beachtung steigender Fallzahlen gehört, sondern jenseits des Notwendigen auch die entschlossene Arbeit an dem, was möglich ist. Redlichkeit ist das Talent, die Hoffnung auf Besserung belastbar zu machen.

* Die Pest, 134 (Übersetzung Guido G. Meister)
** La peste (Ed. Gallimard), 153

Wahlkampf

Ein gern genutztes, weil offenkundig probates Mittel im politischen Wahlkampf ist, Missstände lautstark anzuprangern, um vergessen zu lassen, dass man sie selber verursacht hat.