Kategorie: Die tägliche Notiz

Denken heißt Überschreiten

Das Denken erkennt, anders als die Phantasie, im ganzen genommen, seine Grenzen (an). Indem es allenthalben die Schranken der Gegenwart, des Körperlichen, des Handelns und der Geschichte, der Kräfte, nicht zuletzt der vorhandenen Wirklichkeit überwindet, schärft es das Bewusstsein für sein Leistungsvermögen. „Denken heißt Überschreiten“*, notiert Ernst Bloch mannigfach. Aber immer so, dass es, wenn es mit dem arbeitet, was nicht da ist, zuletzt zielt auf die Veränderung dessen, was da ist.

* Bsp. Das Prinzip Hoffnung, 2

Wann wird es endlich wieder Winter?

Unter allen Kennzeichen, die dem Sommer zugeschrieben sind – dass er zu heiß sei, ins Wasser gefallen, übergangslos früh eingesetzt habe oder sich farbenprächtig zeige, ragt eines heraus: Er ist laut. Männer am Grill, die sich mit Bierflaschen fröhlich zuprosten, vor Glück kreischende Kinder an der Wasserrutsche, Hobbygärtner mit Laubbläsern, bevorzugt am Sonntagmittag, Motorräder, die aus der Ferne dröhnen, der Motorsegler über dem Tal, Bauarbeiter, die zuverlässig morgens um sieben das Gerüst abbauen, grölende Passanten in den nächtlichen Straßenschluchten, allüberall Krach. Eine vergessene Definition in der Anthropologie: Der Mensch ist das lärmende Tier.

Pünktlich zur Sommerpause

Auf die Frage, wie es dem anderen gehe, hört man immer öfter die knappe Antwort: „geschafft“ oder „erledigt“. Die beiden finalen Wörter bezeichnen, statt sich auf Aufgaben zu beziehen, die zu Ende gebracht wurden, den Zustand, der kein Ende sieht, aber herbeisehnt: Ich bin geschafft, aber habe es noch nicht erledigt. Erschöpfung tritt ein, wenn Person und Sache meinen, sich so duellieren zu müssen, dass jene regelmäßig den Kürzeren zieht. Seltsam zu sagen, das Gegenteil ist – ein Mensch, der sich findet, weil er sich in seinem Tun verlieren kann.

Das Kalkül des Autokraten

Der Autokrat hält die Demokratien für dekadent. Man muss sie, so sein Kalkül, nur lang genug mit Konflikten beschäftigen, bis sie sich, uneinig, selber schwächen, oder, kompromisslos, in Autokratien verwandeln.

Identität und Identifikation

Der Unterschied zwischen Identität und Identifikation liegt begründet in der Souveränität gegenüber der eigenen Geschichte. Es gibt keine Zeit, weder die eines Individuums noch die einer Nation, von der zu distanzieren gelegentlich nicht nötig wäre, ohne die Zugehörigkeit zu denen, die an ihr teilhaben, leugnen zu müssen.

Keine Antwort

Eine der am stärksten wirkenden Machtgesten ist, den anderen im Ungewissen zu lassen. Keine Antwort ist zwar auch eine Antwort, aber keine, die die Aufgabe einer Antwort übernimmt: zu orientieren.

Empfindlichkeit und Empfindsamkeit

Empfindlichkeit ist, was sich einstellt, wenn auf die Grenzen der Empfindsamkeit keine Rücksicht genommen wird.

Geschützte Wahrheit

Den größeren Schatz an Wahrheit entdeckt nicht, wer nach Aufklärung strebt, sondern jener, der Diskretion wahrt.

Zweierlei Recht

Es gibt einen unverkennbaren Zusammenhang zwischen der Unfähigkeit oder dem Unwillen, in Zweifelsfällen nach dem zu fragen, was richtig genannt zu werden verdient, und dem beharrlichen Kampf darum, Recht zu haben.

Kleinstaaterei

Der erste Wunsch, in dem sich die Sehnsucht nach Identität auszudrücken pflegt, ist der Wille, sich zu unterscheiden, ja gelegentlich abzusondern. Vielleicht ist das die zentrale Entdeckung der globalisierten Welt, dass Freiheit den Hang hat, sich mit sich selbst zu überfordern. Es gibt einen unverkennbaren Zusammenhang zwischen der wachsenden allgemeinen Erschöpfung, dem übermäßigen Pochen auf spezifischer Identität, dem Verlust von Zugehörigkeit und Orientierung und der Skepsis gegenüber offenen Grenzen. Jede Erkenntnis des Eigenen beginnt mit einer Negation: Ich bin nicht du.

Ansprüche ohne Maß

Der Narzissmus leitet seine Ansprüche an das Leben nicht ab aus der Anstrengung, es zu bewältigen, sondern aus der Anmaßung, darauf verzichten zu können.

Die Machtpolitik des Egoismus

Demokratie ist der Versuch, den Hang des Egoismus, sich machtpolitisch auszutoben, zu begrenzen, indem er listig in einen Dauerwettbewerb um die besten Konzepte gelockt wird. Sein Ehrgeiz, angestachelt, weil er nach jeder Niederlage stets neu gewinnen kann, lässt ihn nicht nur vergessen, dass er sich so im Ganzen dem Gemeinwohl und Gemeinsinn unterordnet. Er lernt  frühzeitig, dass auch ein Sieg die Vorstufe des nächsten drohenden Misserfolgs ist, den er nur vermeiden kann, indem er nicht allein sein Ding macht.

Mach mal Pause

Die Pause begleitet immer das Risiko, dass sie auch das Ende sein könnte. Manchmal steckt in ihrem Versprechen, dass es danach weitergehe, nur der Wunsch, der Abschied möge diskret sein.

Blockbildung

Der Kampf Ost gegen West, der mit dem russischen Angriff auf die Ukraine nicht mehr nur um die Vorherrschaft politischer Systeme, sondern territorial geführt wird als unverhohlen gepflegter Imperialismus, entpuppt sich immer stärker als Auseinandersetzung um Menschenbilder: hier die Anerkennung des Individuums, solange es herrscht, dort die Herrschaft des Individuellen, weil der Einzelne anerkannt ist. Wie das eine als Machtprinzip Manipulation und Misstrauen zum Selbstzweck erhebt, schließt das andere, vielleicht Souveränitätsprinzip genannt, die Instrumentalisierung von Menschen letztlich aus, weil ihm das Vertrauen als oberstes Gesellschaftsideal gilt. Die Frontlinien verlaufen dort, wo Argwohn und Agitation oder Intrige schon im Eigenen aufkommen und zu überwinden sind.

Die Welt korrigieren

Jede Lüge ist eine Korrektur an der Wirklichkeit, der sie andichtet, was die Welt von sich aus nicht hergegeben hat. Sie wird schamlos, wenn sie offenkundig ist, weil die Realität ihr laut widerspricht. Sie ist gefährlich, sobald sie sich zu einem System entwickelt, das die Verhältnisse, wie sie sind, ersetzt.
Es gibt drei Arten der Notlüge: eine, die aus der Not kommt; die andere, die Not bringt und nicht zuletzt jene, die nötigt.
Lügen ist nicht identisch mit: die Unwahrheit sagen. Wir sagen allzu oft Unwahres, ohne zu lügen.
Der Widerspruch der Lüge ist, dass sie ein letztes Wort sein will, gegen dessen Anspruch sie so lange vorgegangen ist, wie es als Realitätsprinzip Anerkennung zu erzwingen versucht.

Lesefrei

Tage, ohne einen Satz gelesen zu haben, lassen die Welt dumpfer und eintöniger erscheinen. Es fehlt der zweite Blick, jene fremde Perspektive, die die Sicht auf die Dinge zur Präzision zwingt. Lesen bedeutet nicht, dass ein anderer für uns denkt, wie es Schopenhauer leicht herablassend notiert.* Es ist auch nicht bloß Anregung für den eigenen mentalen Prozess. Vielmehr zwingt es in ein Gespräch, lenkt ab vom Subjektiven, öffnet ins Unbekannte, lehrt Neugier, sprengt Grenzen. Alles in allem: Lesen schenkt uns Welt.

* Parerga und Paralipomena II, § 291

Nichts wollen

Unter metaphysischen Gesichtspunkten betrachtet ist auch die Zerstörung eine, wenn auch irregeleitete Form der Schöpfung. Diese Kreativität der Negation, die von Freude genauso begleitet sein kann wie das Glück, eine Sache aufgebaut zu haben, vermag sich aufzuschaukeln zu einer Wut, die dem Schaffensrausch in nichts nachsteht und die erschöpft vom eigenen Tun befriedigt auf ihr Werk blicken kann, weil sowohl im Hervorbringen wie im Vernichten vor allem eines sichtbar werden soll: die Kräfte, die es bewirken. „Eher will er noch das Nichts wollen, als nicht wollen“*, schreibt Nietzsche über den Menschen, der sich noch in der Destruktion vor allem selber zu bestätigen sucht.

* Zur Genealogie der Moral, 3. Abhandlung, § 1

Gewaltspirale

Zur Gewalt gehört nicht nur die Dominanz über ihre Opfer. Sondern genauso der Triumph, der allen zeigen soll, dass es sich lohnt, auf sie zu setzen. Gewalt ist immer eine Demonstration.

Der ideale Lehrer

Was Lessing einmal aufklärerisch kühn die „Erziehung des Menschengeschlechts“ genannt hat, sollte heute durch den pädagogischen Anspruch eines Lehrers eingelöst sein, jedes der ihm anvertrauten Individuen so zu behandeln, dass es in sich die Kraft und die Fähigkeiten entdeckt, die Welt ein wenig besser werden zu lassen.

Darf es etwas mehr sein?

Früher, als der Einkauf beim Metzger des Vertrauens noch unschuldig war, warteten die Kinder auf seine Frage, nachdem der Aufschnitt auf der Waage lag und nicht genau die gewünschte Menge ergab: Darf es etwas mehr sein? Der Rest der Gelbwurst, meist das von der Haut befreite Endstück, landete im glücklichen Mund vor der Theke. Es war ein Akt der Kundenbindung, der mit einer anthropologischen Grundbefindlichkeit routiniert spielte: der Sucht nach Mehr, von der Luther in seiner Heidelberger Disputation einst schrieb: „Unmöglich ist es nämlich, daß ihre Gier durch Erfüllung der Wünsche gestillt wird.“* Mehr zu sein und mehr zu haben als das, was man ist und besitzt, ist das Grundbedürfnis, das den Menschen bestimmt, so dass er nur in unbestimmter Erwartung auf Steigerung sein kann, was er ist. In diesem Mehr erlebt er seine Freiheit, die sich ihm weniger als Wahl erschließt denn als Möglichkeitssinn. So trivial ist eine Klientenbeziehung gelegentlich: So lange das Gefühl bleibt, dass da noch was kommen könnte, bleibt sie stabil.

Beweisführung zur 22. These

Sehr speziell

„Das ist sehr speziell“: Was wie eine Auszeichnung klingt, ist in Wahrheit die freundliche Formel für den Kommunikationsabbruch.

Verzaubert

Durch das geöffnete Fenster im vierten Stock kommen die immer selben Tonfolgen. Ein Passant hat sich ans Piano gesetzt, das seit Wochen an der Ecke in der Fußgängerzone Stadtbesucher anzieht, und klimpert die Melodien des Flohwalzers und der „Elise“. „Wir hören das schon gar nicht mehr“, sagt die Fachangestellte des Zahnarztes, während sie den Abdruck vorbereitet. Dann Pause. Mit einem Mal, als die Tasten wieder angeschlagen werden, verändert sich die Stimmung im Raum. Unten hat sich offenbar ein Virtuose ans Instrument gesetzt, der ihm waghalsige Akkorde und schnellste, perlende Läufe entlockt. Die Arbeit am Kiefer ruht für einen Augenblick, der Patient löst sich vom Behandlungsstuhl und tritt mit denen an den Sims, die ihn eben noch mit feinen Bohrmaschinen gequält haben. In den Nachbarhäusern werden die Fenster geöffnet. Ein Publikum gesellt sich in den Etagen zur wachsenden Menschentraube, die sich auf dem Pflaster bildet. Die City verwandelt sich in ein Konzerthaus. Kein Geschrei, kein Lärm, kein Geschwätz stört den Vortrag des jungen Manns, der nur seiner Improvisation folgt, einer sich aufschaukelnden Demonstration, wie mächtig Klangstücke sind. Wenn Kunst die Kraft hat, Welt zu ändern, dann ist Musik jenes Vermögen, das Widerstände gewaltlos bricht, so dass man sich freiwillig ergibt.

Intelligenz ohne Verstand

Eine Intelligenz, der der nötige Verstand fehlt, spielt gern. Sie zeigt sich, indem sie sich erprobt, als Cleverness und Finesse.

Zu viel versprochen

Zum Umgang mit Enttäuschungen zählt unbedingt die Fähigkeit zu unterscheiden zwischen dem, der zu viel versprochen hat, und den vielen Versprechungen, die das künftige Leben noch leiten wollen. Leicht erwächst aus starker Ernüchterung nicht nur der unmittelbare Zweifel an der Belastbarkeit dessen, was trotz größter Erwartungen fehlgeschlagen ist, sondern oft auch die Frustration über das Hoffenkönnen überhaupt. Gebrochene Versprechen zerstören über das Maß des ersten Ärgers hinaus immer auch das prinzipielle Vertrauen in den Sinn von Beziehungen. Eine Politik, die von Zögerlichkeit und Hinhaltetaktik durchsetzt ist, verdirbt es sich mit weit mehr als nur dem einen Partner, der sich ob zurückgenommener Zusagen entfremdet.