Kategorie: Die tägliche Notiz

Auf ein Neues

Wie gut ein Neuanfang gelingt, lässt sich ermessen aus dem Schmerz über das, was für ihn aufgegeben worden ist.

Amt und Person

Die wichtigste Voraussetzung, ein berufliches Ende stilvoll zu gestalten, ist die Einsicht in die Bedeutung der Aufgabe. Alles kommt darauf an zu verstehen, dass die meisten Ämter zwar nicht größer sind als die Person, aber langlebiger. Beide Kandidaten für die Präsidentschaftswahl in Amerika haben da Ähnlichkeiten: der eine fühlt sich schon als Sieger, weil er sich selbst für so viel geschätzter hält, dass die angestrebte Position ihm zwingend, ja fast ewig zugestanden werden müsse; der andere wiederum klammert sich verzweifelt an die Überzeugung, dass er der einzige sei, der den Konkurrenten von der absolutistischen Machtergreifung abhalten könne. Hier wie dort stellt sich die Person über das, in diesem Fall auch noch: höchste Amt. Es wäre diesem angemessen, noch eine dritte Bewerbung zu finden, die der Würde des Amts den Vorrang einräumt.

Gastrecht und Besuchsrecht

Im dritten Definitivartikel zum ewigen Frieden nennt Kant die Grundbedingungen für das, was heute, gelegentlich euphemistisch, Globalisierung heißt. Sie sind nicht geregelt durch Formen der Menschlichkeit (also Sympathie, Mitleid, ja Gerechtigkeitgefühle), sondern durch deren Versachlichung im Recht. Es bestimmt sich durch seine Fähigkeit, klare Grenzen zu ziehen. „Es ist hier, wie in den vorigen Artikeln, nicht von Philanthropie, sondern vom Recht die Rede, und da bedeutet Hospitalität (Wirtbarkeit) das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann; so lange er aber auf seinem Platz sich friedlich verhält, ihm nicht feindlich begegnen. Es ist kein Gastrecht, worauf dieser Anspruch machen kann (wozu ein besonderer wohltätiger Vertrag erfordert werden würde, ihn auf eine gewisse Zeit zum Hausgenossen zu machen), sondern ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht, sich zur Gesellschaft anzubieten, vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde, auf der, als Kugelfläche, sie sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch neben einander dulden zu müssen, ursprünglich aber niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat, als der andere.“*

*Kant, Zum ewigen Frieden, 39f.

Nichts als Standards

Der Standard der Bürokratie hat einen Namen. Er heißt Mittelmaß.

Ordentlich

Der Sinn von Ordnung: Man muss nicht nachdenken. Das gilt auch für die Ordnungen des Denkens. Sie sorgen dafür, dass es funktioniert, was so viel heißt, dass es nicht nötig ist, auf es selbst zu reflektieren. Niemals ordentlich hingegen ist Nachdenklichkeit. Sie leistet sich Abschweifungen, Verzögerungen und Verirrungen, Innehalten wie Tiefe, Assoziationen statt Argumentation, Sprünge oder Verspieltheit.

Achtung, Ansteckungsgefahr

Eine nicht zu unterschätzende Wirkung des Populismus, nicht zuletzt aller Arten von Einflussnahme, die mit den niederen Regungen von uns Menschen operieren, ist ihre infektiöse Kraft. Nicht dass sich Gegner und Verächter einfach anstecken ließen, aber sie handeln nicht selten im Willen, gegen Hass oder Gewalt, Niedertracht und Verleumdung vorzugehen, selber strukturähnlich. Und machen verächtlich, was ihnen an der Verachtung widerstrebt. Es ist die subtilste Bestätigung, die eine Haltung bekommen kann, welche gerade konsequent bekämpft werden sollte. Man kann die Aufhetzer und Aufrührer nicht mit ihren eigenen Mitteln schlagen.

Das Talent zur Freundschaft

Die Freundschaft unterscheidet sich von allen anderen Formen sozialer Beziehung dadurch, dass ihr Gelingen abhängt von einem besonderen Talent. Schon deswegen verdient sie, ein Geschenk genannt zu werden.

Nicht ich, die anderen

Aus einer Sonntagslektüre

„Die Begegnung mit dem Anderen ist von Anfang an Verantwortung für ihn. Die Verantwortung für den Nächsten ist zweifellos ein ernsterer Ausdruck für das, was man Nächstenliebe nennt, Liebe ohne Eros, caritas, Liebe, in der das ethische Moment das leidenschaftliche dominiert, Liebe ohne Begehrlichkeit. Das Wort »Liebe« mag ich nicht so sehr, es ist so abgegriffen und mißbraucht. Lassen Sie uns von einem Aufsichnehmen des anderen Schicksals sprechen.“*

* Emmanuel Lévinas, Zwischen uns. Versuche über das Denken an den Anderen, 132

Die eigene Haut

Bei jeder Selbstrechtfertigung, die sich gegen unberechtigte Anwürfe wehrt, bleibt ein Makel. Er rührt daher, dass nie klar wird, ob die vorgebrachten Gründe, so zwingend sie erscheinen, nicht vor allem dazu dienen, die eigene Haut zu retten. Zur sachlichen Erklärung lässt sich stets ein persönliches Interesse hinzufügen. Da spielt keine Rolle, ob es überhaupt Motive dieser Art gibt. Nichts ist einfacher, als einen Menschen zu diskreditieren, der sich standhaft, ja belastbar und stichhaltig gegen die Verunglimpfung stemmt. Es genügt die Annahme: Kein Wunder; er muss ja dagegenhalten. Und schon verlieren die Widerworte durch einen angenommenen Hintergedanken ihre Kraft. Selten dass sich einer von einem gewichtigen argumentum ad hominem erholt hat.

Nichts zu suchen

Wer sucht, der findet – manchmal den Grund, dessentwegen das Suchen nicht lohnt.

Aus der Bahn geworfen

Im ICE funktioniert nur eine einzige Toilette. Aber die lückenlose Kontrolle der Tickets. Der Fahrgast beschwert sich, dass er den vollen Preis bezahlt, selten aber das volle Angebot erhält. Und ruft auf zum Widerstand. So laut, dass die Sitznachbarn sich einschalten. Es beginnt eine Diskussion mit der Zugbegleiterin über Qualitätsmängel, Unzuverlässigkeit, Systemausfälle. Jeder hat eine andere Geschichte; alle vereint der Zorn auf das Unternehmen. Am Ende hat sich die Schaffnerin mit den Reisenden solidarisiert. „Wissen Sie, was ich machen werde, wenn Sie die Fahrkarten nicht mehr bezahlen. Ich werde Sie weiterfahren lassen. Denn Sie haben recht, auch wenn es nicht rechtens wäre.“ Die kleine Gruppe schweigt. Nur einer kommentiert leise: „Sieht so aus, als sei die Bahn gerade selber aus der Bahn geraten. Es lebe die Revolution.“

Kaffee oder Tee?

Die Qualität eines Hotels lässt sich ablesen, – weniger an dem, was auf der Abendkarte angeboten wird, als – an der Art des Frühstücks. Viel spricht gegen ein Haus, wenn nicht dieselbe Sorg- und Vielfalt, die das Menü zu fortgeschrittener Stunde auszeichnet, wiederzufinden ist in der Auswahl des Buffets am Morgen. Was nützt die Schnitte vom Norweger Lachs mit Burgunderschaum und Artischocken-Lauchgemüse, die das Restaurant dem Gast zum Dinner wortreich offeriert, wenn der Brotkorb nach dem Aufstehen nur die einfachsten Wecken zum Aufbacken aufweist, der Obstsalat bizzelt und sonst nur der übliche Kochschinkenersatz mit Scheiben vom Emmentaler kombiniert werden kann, dazu ein Croissant vom Discounter mit Erdbeermarmelade. Im deutschen Frühstück hat sich die gesamte Lieblosigkeit, zu der ein Herbergsbetrieb hierzulande fähig ist, ein unbestechliches Zeugnis seiner Gastfeindlichkeit gegeben.

Durch die rosarote Brille

Auch so lässt sich Werbung beschreiben: sie ist das größte Präsent, das einer Überflussgesellschaft gemacht werden kann. Sie schenkt ihr Bedürfnisse.

Weitblick

Die Faszination, so weit blicken zu können, dass sich das Auge verliert, hat mit einer Entlastung zu tun, die mit der Horizontsicht stets einhergeht: mit der Auflösung der Realität ins so Unpräzise, dass sie alles Bedrängende verliert und die Grenze zur Traumwelt berührt. Weil man sich angesichts der Ferne viel denken kann, muss man sich gar nichts denken; es ist ja (noch) zu weit weg. Der Wanderer, der vom Gipfel ins Ungemessene schaut, der Meeresgast, der übers Wasser seinen Blick schweifen lässt, bis dieser den Unterschied zum Firmament kaum mehr auszumachen vermag, sie erfahren beide die Freiheit, die darin liegt, es nicht so genau bestimmen und wissen zu können. Es ist deren unangestrengteste Variante: die Freiheit der Ignoranz.

Altersrücksichtslosigkeit

Der Vorzug sehr hohen Alters: Du musst keine Rücksicht mehr nehmen.

Losgelöst

Wie stark Sprache ist, merken wir immer dann, wenn sich Wörter und Worte gelöst haben von den Menschen, die sie sprachen. Die Kraft, ohne die Person zu wirken, von der sie stammen, befähigt Sätze zu dem, was das Denken mit Fug Wahrheit nennt. Als wahr kann eine Rede gelten, die das Subjekt gleichgültig sein lässt, das sie gesprochen hat. – Noch machtvoller aber ist Sprache, wenn sie nötigt, vom Eigenen gerade nicht abzusehen, um zu erkennen, was Sache ist. Es war der dänische Philosoph Sören Kierkegaard, der jene Wahrheit, die als religiöse sich in den Widerspruch setzt zur Welt, genau gegenläufig an die eigene Existenz fest gebunden hat: Alles kommt darauf an, selbst zum Zeugen einer Wahrheit zu werden, die ohne das individuelle Engagement zwar Relevanz hätte, aber keine Resonanz. Wahr verdient nur zu heißen, was der Grund meiner Freude und der zwingende Anlass meines Leids sein kann. Sie ergibt sich nicht mehr aus den Sätzen allein, sondern aus der Entsprechung von Wort und Dasein. „Wahrheit in dem Sinne, in dem Christus die Wahrheit ist, ist keine Summe von Sätzen, keine Begriffsbestimmung u. dgl., sondern ein Leben … Ja die Wahrheit wissen kann man eigentlich nicht; denn weiß man die Wahrheit, so muss man ja wissen, dass die Wahrheit ist die Wahrheit sein, und so weiß man ja in seinem Wissen der Wahrheit, dass Wahrheit wissen eine Unwahrheit ist.“*

* Einübung im Christentum, Gesammelte Werke, 26. Abt., 203f. 

Eine neue Sprache lernen

Nicht wenige Probleme lassen sich lösen, indem man jene Wörter findet, durch die sie anders deutbar sind.

Plädoyer für die Negativität

Der unmittelbare Ausdruck von Freiheit ist das „Nein“.

Urteilen, Vorurteil, Verurteilen

Auch eine Funktion des Vorurteils: Wenn es nicht die Urteilsfähigkeit überblendet, macht es sie schärfer. Nichts hindert uns daran zu verurteilen stärker als die Einsicht in den eigenen Hang zum Vorurteil.

Stichworte zur Generation Z, vierter Teil

Der Spaß hört auf, wo es um einen selbst geht. Nichts wird so ernstgenommen wie das eigene Ich. Jenseits davon beginnt das, was hindert, dieses zu realisieren. Wir nennen es Welt.

Dritter Teil
Zweiter Teil
Erster Teil

Amtsperson

Es ist ein Anachronismus aus dem Zeitalter absolutistischer Herrschaft, dass Personen auch nach der Ausübung eines Amts durch dessen Würde noch privilegiert bleiben. Dass hohe und höchste Positionen nicht nur eine enge Entsprechung zwischen Recht und Pflicht fordern, sondern moralische Integrität und ethisches Feingefühl, kann in einem demokratisch legitimierten Staat nur den Verlust der mit dem Amt verbundenen Immunität bedeuten, sobald dieses aufgegeben ist, vor allem wenn in Frage steht, ob die gebotenen Maßstäbe eingehalten wurden während der Ausübung eines Dienstes, der in vielerlei Hinsicht öffentlich zu heißen ist. Nichts verträgt ein Amt schlechter als seine Instrumentalisierung. Das meint „Amtswürde“.

Standard

Man unterschätze nicht das unternehmerische Risiko, das von der Standardisierung von Prozessen ausgeht: Ihr Ideal ist die Überraschungsfreiheit, ihr Effekt oft das Durchschnittliche.

Entscheidungsschwach

Das Niveau einer Demokratie hängt ab davon, dass man nicht nur eine Wahl hat, sondern eine Alternative geboten wird. Was nützt die Form, wenn der Inhalt fehlt.

Vor den Wahlen

Aus einer Freitagabendlektüre

„Die gefährlichste Gegend in Deutschland sei Sachsen und Thüringen: nirgends gäbe es mehr geistige Rührigkeit und Menschenkenntnis, nebst Freigeisterei, und alles sei so bescheiden durch die hässliche Sprache und die eifrige Dienstbeflissenheit dieser Bevölkerung versteckt, dass man kaum merke, hier mit den geistigen Feldwebeln Deutschlands und seinen Lehrmeistern in Gutem und Schlimmem zu tun zu haben.“*

Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, § 324