Kategorie: Die tägliche Notiz

Mutterliebe, Vaterliebe

Gelegentlich erfasst, beim Blick auf die eigenen Gewohnheiten, einen der Schrecken, dass die Gesten der Mutter oder die Marotten des Vaters sich über den Generationswechsel hin unwillkürlich erhalten haben. Eine Redensart, der Tonfall, spezifische Reaktionsmuster oder sonderbare Neigungen, sie alle geben Anlass zu vermuten, dass das, was man von den Altvorderen gelernt hat, nicht immer identisch mit dem, was sie mit Mühen gelehrt haben. Dabei ist die wichtigste Hinterlassenschaft der Eltern, verstehen zu geben, was das bedeutet – jene Liebe, die einem Kind Lust macht und Zuversicht schenkt, später selber Mutter oder Vater zu sein.

Länger leben

Das Geheimnis langen, zufriedenen Lebens? Eine solide Eitelkeit bis ins hohe Alter.

Nicht vergessen

Ein System, das nichts vergisst, bewahrt nicht das Leben, sondern sorgt dafür, dass es seine Lebendigkeit verliert. Nichts ist unerträglicher, als Menschen zu begegnen, die als eifrige Protokollanten des Alltags aus der Erinnerung wuchtige Worte hervorkramen, die einst leichthin gesprochen wurden und nun als schwerwiegender Vorhalt den Mangel an Verlässlichkeit spiegeln. So auch Gesetzestexte und Vorschriften, die über eine lange Zeit angehäuft sind und schon ob ihrer Überfülle für jeden Anlass die passende Regel anbieten. Sie verhindern, dass ein Handeln unbedarft gelingt oder unbescholten bleibt. Ein World Wide Web, das alles aufhebt, wird irgendwann zur größten Gefahr für den heiteren Fortgang des Menschlichen, schlicht aufgrund der abgründigen Tiefe seiner Materialsammlung. Was tun? Bis auf Grundformen, die Artikel des Grundgesetzes etwa, sollte allen Erlässen ein Verfallsdatum eingeschrieben sein, das zwingt, deren Notwendigkeit und Aktualität regelmäßig zu prüfen und von Fall zu Fall zu erneuern. Man müsste den Ballast gar nicht erst mühsam entsorgen, wenn er sich selber abschafft.

Die schweigende Mehrheit

Schweigende Mehrheiten bilden sich weniger aus Mangel an Mut, sondern meist dort, wo zwischen Denken und Handeln eine breite Kluft vorherrscht. Sie verhindert, dass Worte ohne Folgen genügten oder Taten zuverlässig begründet werden könnten. In der Verlegenheit, wider bessere Einsicht sich nicht zu bewegen, wenn Entschlossenheit und Engagement unbedingt verlangt sind, entzieht der Mensch seine Dissonanz der Sichtbarkeit. Die Vieldeutigkeit, die das Verstummen zulässt, nützt ihm, weil er so seine Inkonsequenz nicht auflösen muss. Immer lässt sich, jenseits des Nichtssagenden des Nichtsagens, die fehlende Artikulation interpretieren als heimliche Zustimmung oder als trotziger Ausdruck der Ablehnung, zuletzt als Spiel mit der Ratlosigkeit der Erwartung. Was soll man auch sprechen, wenn man nichts äußern könnte als den eigenen Zwiespalt.

Am Anfang

Alles hat einen Anfang, auch wenn wir ihn nie zu fassen bekommen. Im Nachhinein, vielleicht, lässt sich sagen, wann eine Geschichte begonnen hat, wie ein Ding in die Welt gekommen ist. Weil im ersten Augenblick zwar alles schon ist, was später werden soll; aber auch noch nichts bedeutet, da es sich erst zeigen wird. Anfänge sind flüchtige Annahmen. Es ist nicht möglich bei ihnen zu verweilen oder zu ihnen gar zurückzukehren. Das alles wusste Otto Piene, einer der Künstler, die in den Sechziger Jahren die Künstlergruppe ZERO gegründet hatten. Er schrieb über den Ursprung: „Zero ist die unmessbare Zone, in der ein alter Zustand in einen unbekannten neuen übergeht.“* Der in der Zeit damals populäre Countdown bei einem Raketenstart galt als Vorbild für den Umschlag ins höchste Risiko, den Aufbruch in die absolute Ungewissheit. Nicht zufällig spricht Piene von einer „Zone des Schweigens“, einem Moment, in dem alles Eigene, die Erwartungen und Pläne, der Ehrgeiz oder die Sorge, zurückzuhalten sind. Der Nullpunkt ist der gedachte Ort, an dem die Sache selbst ungestört sprechen kann.

The Times Literary Supplement, 3. September 1964

Klasse

Missverständlich ist das Wort „klassisch“ immer dann, wenn es gebraucht wird als Synonym fürs Altertümliche. Im Gegenteil meint ein klassisches Design oder eine klassische Schönheit jene Eleganz, die die Zeiten nicht nur überdauert hat, sondern zu allen Zeiten, das ist die große Kunst, Avantgarde sind. Klassisch, das ist der Name für das, was sich nicht mehr übertreffen lässt.

Die Moral von der Geschicht’

Wer liebt, braucht keine Moral. Er weiß, wie er handeln muss, damit sein Tun bestehen kann vor den Augen derer, die es angeht. So könnte ein Grundsatz lauten, der sich auf die Unterscheidung des Augustinus beruft, die, richtig zitiert, lautet: Dilige, et quod vis fac.* Was gerade nicht heißt: Liebe, und tu, was du willst. Der Satz erinnert vielmehr daran, dass der Ausgangspunkt jedes sinnvollen Agierens die Wertschätzung ist und bedeutet: Achte hoch, und wie zu handeln du dir aus dieser Haltung vornimmst, so fange es an. Es ist dieses „kurze Gebot“, von dem der Kirchenahn meint, es sei „ein für allemal“ aufgestellt als das, worüber hinaus mehr zu wissen nicht lohnt, eine Art früher kategorischer Imperativ, der alle Moralfragen, die für groß und wichtig erklärt werden, sehr klein erscheinen lassen.**

* Kommentar zum 1. Johannesbrief, 7, 8
** Sich dieses Prinzips zu entsinnen, täten auch die Kirchenoberen sich einen Gefallen, das alle leidigen Gestaltungsthemen wie das, ob das Priesteramt ein zölibatäres Leben fordere, einhegt. Was das Frohe an der frohen Botschaft ist, erschließt sich erst aus dem „kurzen Gebot“; was die Botschaft ist, die ein Leben fröhlich machen kann, ergibt sich, wenn man nichts weiter, dieses aber genau beachtet 

Dramaturgie der Freundschaft

Unter allen Vorzügen, die eine veritable Freundschaft mit sich bringt, gehört die beiläufige Talentförderung zu den beglückendsten. Wenn das Gespräch mit dem Vertrauten jedesmal sich unwillkürlich als Pointenfeuerwerk entwickelt, in dem ein Widerwort die nächste Lachsalve auslöst und dessen natürliche Dramaturgie selten erreichte Heiterkeitsniveaus erreicht, so wäre ein Protokoll der Szene für den späteren literarischen Genuss gewiss wünschenswert, vor allem aber abwegig. Denn die aufkeimende Frage darf nie gestellt werden, um das selbstverständliche Wechselspiel der anspruchsvollen Spitzen nicht zu gefährden: Wie geht das? Vieles von dem, was möglich ist, gelingt nur, weil wir nicht wissen, wie es wirklich wird.

Schönheit

In jedem Schönem ist ein Versprechen versteckt auf mehr als den kunstvollen Genuss. Es lockt den Betrachter aus der Rolle des Beobachters heraus. Verführt zum Anfassen hält er dann nicht selten in der Hand, was die Verheißung ihres Anscheins nicht erfüllt, was fragil und unfertig, hohl oder flüchtig, oberflächlich wie langweilig wirkt, sobald man näher tritt. Die Schlüsselfrage der Ästhetik lautet nicht, was schön ist oder Schönheit bedeutet, sondern was schön bleibt, auch wenn die Perspektiven gewechselt werden. Schönheit ist der Name für die verlegene Sehnsucht nach der Ganzheit der Welt.

Paradiesvögel

„Eine Frage: Sind Sie religiös?“ überrumpelte die Dame den Passanten, der an der Fußgängerampel stehengeblieben war. Das Paar, das an der Häuserecke seine frommen Blätter seit Stunden feilbot, hatte den unsteten Blick des Stadtbesuchers als neugierig gedeutet und versuchte, ihn ins Gespräch zu ziehen. „Glauben Sie an den Allmächtigen?“ Leicht belustigt über die verschrobenen Missionare, er mit Filzhut, sie mit einem Knotenhaarnetz, antwortete der Fremdling: „Nein, ich habe noch Sex.“ Nun war es an ihm zu überrumpeln. Für den Bruchteil einer langen Sekunde schienen die beiden Vorkämpfer der guten Botschaft erschrocken zu sein. Doch dann ergriff der Mann mit der zerbeulten Kopfbedeckung ernst das Wort: „Die Liebe ist die größte Gabe, die wir dem Schöpfer verdanken.“ Die Erwiderung ließ nicht lang auf sich warten: „Das haben die ersten Menschen auch gleich verstanden. Sie nahmen sie dankbar, um sich mit ihrer Hilfe aus dem Paradies zu vögeln.“ Die Ampel schaltete auf Grün.

Verzögerungen im Betriebsablauf

Der Gast hört die schneidende Stimme des Zugbegleiters schon von weitem durch das langgezogene Abteil drohend dringen: „Zugestiegene, die Fahrscheine“. Ihn kümmert es noch nicht, weil er vertieft ist in seine Lektüre und die paar Minuten lesen will, bevor er dann an der Reihe sein würde. Als sich der unfreundliche Kundenbetreuer vor seinem Sitzplatz aufbaut, überkommt ihn die Freude am gezielten Ärgernis. Er fühlt sich belästigt vom lauten Machtgestus des Kontrolleurs, der die Reisenden wie stutzige Untertanen anspricht. Und nestelt betont langsam in seinem Rucksack, als suche er das Ticket, von dem er genau weiß, in welcher Jackentasche es steckt. Der Schaffner wird ungeduldig. „Beeilen Sie sich mal ein bisschen.“ Den Fahrgast bringt das nicht aus der Ruhe. In der Zwischenzeit rollt der Waggon in den Bahnhof. „Wir sehen uns noch“, meint der Zugbegleiter, der sich an der Tür zu schaffen macht. „Gern“, erwidert der Passagier, der daraufhin sein Gepäck rasch greift, die BahnCard 100 sichtbar in der Hand, und am Diensthabenden grinsend vorbeistreift: „Sie nennen das, glaube ich, Verzögerungen im Betriebsablauf. Tschüs“, verabschiedet er sich.

Tabula rasa

Jene, die an ein Tabu rühren, um die Belastbarkeit ungeschriebener Gesetze zu prüfen, sei es aus Lust an der Provokation oder in bester aufklärerischer Absicht, verkennen, dass das, was sie für eine Schwäche halten, das Ungeschriebene und Ungesagte, die Stärke dieser Prinzipien ausmacht. Einmal in Worte gefasst, verliert das Normengeflecht seine regulierende Kraft; expliziert wirkt es banal, allzu selbstverständlich, und muss erfahren, wie gerade der Versuch, es in genaue Formen zu bringen, ihm die Selbstverständlichkeit geraubt hat. Da bleibt nichts als die schwache Erinnerung an einen Zauber. Aus dem Tabu ist eine tabula rasa geworden, nur dass nichts auf ihr je gestanden hatte, sie aber jetzt der Ort ist für alles mögliche. Der Satz, man müsse es doch wenigstens einmal sagen dürfen, lässt nicht nur offen, ob es „es“ ist, was ausgesprochen wird. Er tarnt seine Naivität als Unschuld.

In der Vorhölle der guten Vorsätze

Eine Woche guter Vorsätze, die zu Jahresbeginn Katerstimmung gar nicht erst aufkommen ließen, zeigt vornehmlich, dass die meisten Ansätze, das Leben in einigen Aspekten radikal umzugestalten, sich schon heimlich verbündet hatten mit der Einsicht, dass es sich entscheidend nicht verändern lässt. Aus diesem verschwiegenen Pakt zieht der Wille zum Bruch mit lästigen Gewohnheiten seine Kraft und Gelassenheit, seine Unbekümmertheit und Überlegenheit, wenn es nicht gleich gelingt.

Immobilienboom

Früher war die Hausbank die erste Adresse, an die sich wandte, wer finanziell in Not geraten war. Seit der Finanzkrise ist die Hausbank jenes Institut, das einem die Immobilie verkauft, wenn man sie nicht braucht, und das Haus wieder nimmt, wenn man auf einen Kredit angewiesen ist.

Ein freier Wunsch

Nicht selten erfährt man erst durch die Erfüllung, wie blödsinnig der Wunsch gewesen ist, den man als stille Sehnsucht lang mit sich getragen hat.

Anspruchslos durch den Tag

Wem das Leben zu kompliziert ist, der muss nur auf seine Erwartungen verzichten. Dann wird es einfach, weil es aufhört, das eigene zu sein.

Ziffern und Zahlen

Jedes Preisschild, jede Größenangabe, jede Berechnung und Bezifferung verändert das Wesen einer Sache oder Person. Messen ist kein folgenloser Akt. Was einen Rang bekommen hat, ein Gewicht, nach einem Marktwert und Kurs eingeschätzt wird, hat seine individuellen Eigenschaften in den Wettstreit um Anerkennung geworfen. Es macht sich vergleichbar, meist so aber, dass das Zahlenwerk, das Leistungswerte repräsentiert, entscheidende Differenzen verdeckt. Das sind die wahren Kosten der allgegenwärtigen Bewertungspflicht: dass hinter dem Schein von Objektivität eine größere Ungerechtigkeit lauert.

Regelwut

Die Zahl der geschriebenen Gesetze ergibt eine genaue Anschauung vom Maß des Misstrauens, das der Staat seinen Bürgern gegenüber hegt. Es gehört zu den fatalen Folgen engmaschiger Kontrolle, dass die ungeschriebenen Regeln ihre Anziehungskraft verlieren. Haltungen wie Ehrlichkeit, Mut, Gemeinsinn, Respekt erodieren, wenn ihnen nicht das Grundvertrauen entgegengebracht wird, dass sich über sie eine Gesellschaft stabil in Form halten lässt. So dass sich der Argwohn stets gerechtfertigt sieht durch die Wirkungen, die er selber ausgelöst hat.

Vorsichtige Voraussicht, zufällige Zukunft

Vorsicht und Voraussicht verstehen sich ganz gut: Jene hindert das Handeln, solange sie nicht in den scharfen Blick genommen hat, was sich gerade erst sehen lässt; und diese hilft dem Handeln, weil sie stets sieht, was gewöhnlich aus dem Blick gerät. Eine Zukunft, der gegenüber wir nur Beobachter sind, ist zufällig. Ein Zufall, dessen überraschende Offerte wir entschlossen beim Schopf ergreifen, kann zur eigenen Zukunft werden.

Wie wird 2020?

Und morgen ist alles anders

Weitgehend willkürliche Einschnitte in den Gang der Dinge, zu denen vor allem der Jahreswechsel gehört, geben die Gelegenheit für Neuanfänge, die nicht gerechtfertigt werden müssen. Es genügt das Datum, das einen Einschnitt verzeichnet, um auch im Leben eine Zäsur zu setzen. Wer die guten Vorsätze über die Nacht gerettet hat, verdient den Schutz der symbolischen Diskontinuität, die den nächsten Tag anders zählen lässt. So dass auch anderes zählen darf als vordem noch und der Erinnerung ans wiederholte Verschleifen der besten Absichten, gestützt durch den Kalenderbruch, entschieden entgegengehalten werden muss: Von nun an ist alles anders.

Was kommt danach?

Mangels Benennungsphantasie – oder wohnt den Lebensverhältnissen gar ein heimlicher Hang zur Selbstvernichtung inne? – heißen jene Zeiten, die sich von sich selbst schon verabschiedet haben – oder von jenen Intellektuellenbeamten entlassen wurden, die dringend ein neues Forschungsfeld brauchten –, Spätphasen, ohne allerdings schon erkennen zu geben, wohin sie aufgebrochen sind. Wir leben in der Spätmoderne (Anthony Giddens, jüngst Andreas Reckwitz), beobachten, das allerdings schon lang, den Spätkapitalismus (so seit Werner Sombart), haben es mit einer Spätkultur (Arnold Gehlen, schon Oswald Spengler, der sie als „Zivilisation“ bezeichnete) zu tun. Alles Späte, im Zustand der Reife, hat den Vorteil, dass man wagnisfrei ein Urteil sprechen kann. Man könnte auch sagen: den Vorzug der Gefälligkeit, so beim Genuss der Spätlese oder des Spätkaufs. Hegel hat die dem Denken inhärente Behaglichkeit und Langeweile als Qualität beschrieben: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“* Wer seinen Verstand so nutzt, riskiert nichts. Die Kunst ist vielmehr, früh zu erkennen, und rechtzeitig zu handeln.

* Grundlinien der Philosophie des Rechts, 28 

Mittelstand

In der politischen Mitte lassen sich zwar Mehrheiten erzielen, aber keine Positionen besetzen. Sie ist wie in der Mathematik durch das Gleichmaß bestimmt, durch den identischen Abstand zu den Rändern, den Außenstellen, den Extremen, und verändert sich in der Weise, wie diese sich bewegen. Dort wird entschieden, was neu genannt zu werden verdient, was Aufbruch bedeutet, das Unerhörte und Ungewöhnliche. Auf all das reagiert die Mitte, aber sie erforscht und erlangt es nicht. Die Mitte ist Sowohl-Als auch, nie Entweder-Oder, allenfalls Weder-Noch. – „Ich habe endlich meine Mitte gefunden“, sagte er. Und sie wusste im Moment, dass fortan mit ihm nichts mehr anzufangen ist.

Recht und Gerechtigkeit

Kein Gesetz ist so umfangreich, unmäßig, unverständlich wie das deutsche Steuerrecht. Hundert Jahre alt, es erwuchs aus der Not eines immensen Schuldenbergs und der erwarteten Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg, ist sein Jubiläum eher verlegen begangen worden. Als im Dezember 1919 die Reichsabgabenordnung parlamentarisch verabschiedet wurde, betrug das errechnete Maß an Geldmitteln jährlich das Zehnfache gegenüber der Zeit vor dem Kriegsausbruch. Das finanzielle Loch des Staats musste gestopft, aber der Zusammenhalt der Gesellschaft durfte nicht gefährdet werden. So hatte der Jurist Enno Becker einen Entwurf vorgelegt, der „aus der Luft, aus dem Nichts“ gegriffen war, wie er anmerkte. Und dessen Ziel, neben dem Zwang, enorme Einnahmen für den Staat zu generieren, der Versuch war, einen Ausgleich zwischen den Interessen der Einzelnen zu schaffen. Es sollte keinem tiefes Unrecht geschehen. Die Idee ist löblich, aber die Erfahrung mit ihrer Übersetzung ins Recht bedenklich. Denn ein Jahrhundert überbordender Gesetzesänderungen, von ungezählten Erweiterungen oder subtilen Ergänzungen des Grundtextes lehrt auch, dass nichts ungerechter zu sein scheint als das Bemühen, es jedem recht zu machen.