Kategorie: Die tägliche Notiz

Geistvoll, geistreich, geisthaltig

Was ist Geist?
Die Liebe in der Wahrheit, die Liebe zur Wahrheit, die Wahrheit der Liebe.
Die Kraft in der Ohnmacht, die Kraft ohne Macht, die Ohnmacht der Kraftmeierei.
Der Trost im Glauben, der Trost als Glaube, der Glaube an den Trost.
Die Klarheit in der Gemeinschaft, die Klarheit wider den Gemeinsinn, die Allgemeinheit des Klaren.

Spieltheorie

Ein Spiel, das nicht ernstgenommen wird, kann nicht gespielt werden. Das Spiel, das für Ernst genommen wird, kann nicht ernstgenommen werden. Der Ernst, der sich spielerisch gibt, gewinnt. Ein Ernst, der sich verspielt gibt, verliert sich selbst.

Elfenbeinturm

Das größte Ärgernis der Wissenschaft ist das Leben. Es glänzt durch überraschende Volten, versteckte Beweggründe, unerklärliche Auswüchse, durch Widersprüche, durch Plötzlichkeit und, sehr beliebt, durch Grundlosigkeit. Leben ist am lebendigsten, wenn es „einfach so“ gelingt.  Das macht seine unheimliche Heiterkeit aus. Im Denken kommt solche Selbstverständlichkeit nur vor, wenn es zeigen kann, dass gerade sie sich nicht von selbst versteht.

Wacher Geist

Morgens in der Stadtbahn. Die Gesichter sind gesenkt, kein Mucks ist zu hören. Alle starren stumm auf den Bildschirm ihres Smartphones. Nicht dass sie läsen, sie spielen, daddeln, tippen. Der Mitreisende fragt sich, ob er nicht Zeuge ist jenes Schreckens, den die Philosophen vielmals bedacht und zu entkräften versucht haben: dass das, was wir für unsere Welt halten, nur ein schwerer Traum sei. Sind diese fingerflinken Mitreisenden wach? Wachheit, als eine der Geistesgaben, bedeutet, zur Teilnahme fähig zu sein und damit über die Grundkraft des Lebens zu verfügen: unterscheiden zu können. Der moderne gemeine Morgenmuffel stolpert hingegen in den öffentlichen Nahverkehr, ohne aufzublicken. Ihn stört nicht, dass er sich stößt, dass er andere stört. Er schläft nicht mehr, ist aber auch nicht präsent. In seinem digitalen Zwischenreich zu Hause macht er keinen Gebrauch von der Differenz zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Seine maximale Reaktion ist das Zucken, das des Fingers und das der Achsel. Aber er löst für den Morgen, ohne eigenes Zutun, ein Rätsel. Der wache Geist, denkt der Mitfahrer, schafft nicht nur Klarheit, ist nicht nur schnell oder sieht mehr als andere, sondern er überwindet die Einsamkeit, weil er teilnehmen und teilgeben kann. Darum ist es zu tun in der Pfingstgeschichte.

Feuerstättenbeschau

Früher galten die Schornsteinfeger als Glücksbringer, ein symbolischer Wert, der sich allenfalls noch an den Festtagen gehalten hat, da man einander nur das Beste wünscht: zu Silvester gibt es den schwarzen Miniatur-Kaminkehrer in Vollmilchschokolade. Den Rauchfangfeger des einundzwanzigsten Jahrhunderts gilt es indes zu fürchten, auch wenn er sein Kehrmonopol aufgeben musste. Leiter und Stoßbesen bringt er nur noch gelegentlich mit. Sein scharfer Blick richtet sich auf die Verordnungen, die er genau kennt, die Überprüfungsregeln, das Landesbaurecht; und von dort auf den Zustand von Heizung und Kamin. „Alles in Ordnung“, sagt er. „Sie können von Glück reden.“ „Ist das die neue Form des Glücks: dass nichts zu beanstanden ist?“ fragt der Eigenheimbesitzer. „Nein. Das Glück bin ich. Ich hätte Ihnen die Anlage auch schließen können. Die Abgaswerte sind zwar innerhalb der Toleranz; aber ihre Dachstube entspricht nicht den Vorgaben, Ausstieg, Halterungen für die Leiter, die Laufroste; ich will das gar nicht alles aufzählen.“ Der Kunde widerspricht vorsichtshalber nicht. „Haben Sie schon mal einen gesehen, der sich am Dachbalken aufgehängt hat?“ setzt der schwarzgekleidete Meister das Gespräch fort. „So kommt es mir vor, wie wir mit unserem Leben umgehen. Wenn wir alle Verordnungen buchstabengetreu einhalten, die von der Politik verabschiedet werden, Immisionsschutz, Dämmwert, Rußzahl, Energiesparvorgaben, dann würden wir nicht mehr bauen und am Ende nicht mehr leben. Im Gesetzeswahn artikuliert sich die Selbstmordphantasie unserer Zeit. Beim Individuum heißt die Todesursache: Strangulierung. Bei der Gesellschaft: Regulierung. Viel Glück.“ Erleichtert verabschiedet der Hauseigner den Handwerker.

Hilfe der Hilflosen

Im Unterschied zur Hilfe hat der Trost keine Ursache, er ist die Wirkung. Sprachlich zeigt sich das in der Wendung: Er ist getröstet – was nicht voraussetzt, dass ihm geholfen wurde, geschweige denn, dass es jemanden gibt, der ihn getröstet hat. Der Trost, hilflos übersetzt als Hilfe der Hilflosen, kennt Anlässe, aber keinen Grund. Auch wenn immer wieder davon die Rede ist, dass einer den anderen tröstet, so ist der Ausdruck in Wahrheit ungenau: Man wünscht einander Trost. Die Hilfe muss gegeben werden (weshalb ihre Unterlassung in besonderen Fällen strafbar ist). Auf Hilfe hat man Anspruch, der Trost ist ein Geschenk.

Klarsicht

Ein offener Geist nimmt auf, was von außen kommt. Ein offenes Herz gibt auf, was von innen kommt.

Deutungshoheit

Die wichtigsten Figuren in der Geschichte sind nicht die Helden, sondern deren Deuter. Seher, Ratgeber, Schreiber, Zeugen, Protokollanten und Pressesprecher – sie sorgen nicht nur für die Verbreitung der Ereignisse und Einsichten. Ihnen fällt unwillkürlich die Aufgabe zu, einem Beschluss, einer Einsicht, einer Offenbarung die natürliche Schärfe zu nehmen und zu verhindern, dass sie sich verabsolutieren. Was Ananias aus Damaskus dem von einer Gottesbegegnung ergriffenen Paulus ist oder der blinde Prophet Teiresias dem verzweifelten Ödipus, fügt der Erzählung Entscheidendes hinzu. Sie übernehmen das hermeneutische Amt, die terrorabwehrende Funktion, verstehen zu geben und um Verständnis zu werben. Auslegung ist ihr geistiges Geschäft. Politisch bedeutet es, dass Toleranz möglich wird. Denn die Interpretation ist die Mutter der Geduld und der Duldsamkeit, der Mühe und des Interesses.

Waffenkunde des Worts

Aphorismus: das Wort, das trifft.
Argument: der Satz, der sticht.
Beweis: die Folgerung, die schlägt.
Kritik: der Gedanke, der erschüttert.
Idee: die Vorstellung, die sprengt.
Zweifel: die Ahnung, die spaltet.
Frage: die Einrede, die aufbricht.

Handlungstheorie

Die Parameter, nach denen unser Handeln sich sinnvoll ordnen lässt, sind wenige: gute Absicht, böser Wille, falscher Augenblick, richtiges Maß, persönliches Interesse, gesellschaftliche Wirkung. Das beste Vorhaben scheitert, wenn es im unpassenden Moment ansetzt; die schönsten Neigungen haben zuweilen hässliche Folgen; sozialverträglich zu sein kann bedeuten, dass die Individualität zur Unkenntlichkeit verformt wird. Es gibt kein Tun, das sich im Netz seiner Bewertungen nicht verfängt. Irgendetwas fehlt immer, vor irgendeinem Kriterium hat es gefehlt.

Christi Himmelfahrt

Statistisch gesehen ist der vierzigste Tag im Osterfestkreis der mit den meisten Prügeleien und der höchsten Zahl an Verkehrsunfällen, bei denen Alkohol im Spiel war. Ist es so abwegig, im nachhinein darin eine Rechtfertigung für Christi Himmelfahrt zu sehen? Angesichts von Männern, die sich ihr Hirn weggetrunken haben und mit einem Bollerwagen voll leerer Bierfässer durch die Lande taumeln, mag der Glaube an Errettung dieser „Väter“, die „ihren“ Tag feiern, dem Erlöser selbst abhanden gekommen sein, so dass er diskret die Flucht ergriff.

Geist und Leben

In dem Maße, wie das Denken sich vom Leben nicht ablenken lässt, kann das Leben das Denken lenken.

Abwahl

Diese Demokratie kennt die Bestrafung durch Abwahl nicht. Wenn ein Kandidat bisher durch politische Minderleistung aufgefallen ist, verliert er sein Amt nur, weil ein Gegner mehr Stimmen auf sich zu vereinen vermag. Der Protest wird so gezwungen, sich eine Alternative aufzubauen und das Misstrauen auszudrücken, indem er das Vertrauen einem anderen schenkt. Das System ist von Grund auf angelegt, den Stillstand für ein größeres Ärgernis zu halten als den Ärger über jahrelange Untätigkeit.

Das Schicksal des Optimisten

In einer Welt, die den Zynismus pflegt wie der Eigenheimbesitzer seinen akkuraten Schaugarten, wird der Optimist stets zum Idioten erklärt.

Doppelt hält besser

Menschen mit einer gespaltenen Zunge pflegen oft auch eine Doppelmoral. Die eine brauchen sie, um vor sich selbst zu rechtfertigen, was sie leben; und die andere, damit das die anderen nicht merken.

Nichts ist endgültig

Nichts ist endgültig: Das ist nicht das Leitmotiv der Skeptiker, sondern die Formel derer, die Freude am Gespräch haben. Vielleicht ist der Zweifel die Voraussetzung für das Interesse an der Zukunft. Wir kommen voran, weil wir dem Bestehenden nicht trauen.

Darf‘s noch etwas mehr sein?

Die Addition der scheibchenweise zugegebenen Wahrheit ergibt nicht die ganze Wahrheit, sondern das Ausmaß der Lüge.

Wer sonst?

Der Egoist hat eine Schwäche für seine Stärke: das Ich.
Der Narzisst zieht seine Stärke aus seiner Schwäche: dem Ich.

Mehr Meer

Für die aufregendste Langeweile in der Natur sorgt das Meer. Immer gleich ist es immer anders. Mit jeder Welle, die sich am Strand bricht, beginnt es von vorn. Nie wiederholt es sich, obwohl nichts verlässlicher ist, als dass es wiederkommt. Mal spiegelglatt, mal aufgewühlt, mal smaragdgrün, mal tiefblau, mal leichengrau gibt es sich zu erkennen in seiner Unberechenbarkeit. Das Meer ist das ewige Versprechen. „Es gibt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine! Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“*

*Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, § 289

Du bist unbezahlbar

Einen Menschen wertzuschätzen bedeutet gerade nicht, eines Menschen Wert zu schätzen. Und die Anerkennung, er sei unbezahlbar, taugt nie als Ausrede, ihm vorzuenthalten, was ihm zusteht.

Bewusstlos

Nichts ist so schön wie Bewusstlosigkeit. Man kann sich erfreuen und genießen, ohne gleich begreifen zu müssen, was es denn sei: die Musik, die so fremd klingt, wie sie feinfühlend mit den Instrumenten spielt; die Liebe, die so unerwartet wie überwältigend kommt; das Buch, das so dramatisch erzählt, wie es dunkel bleibt. Alles Verstehen würde nur den Zauber zerstören.

Groß und klein

Es gibt einen Plural, der einer Sache nichts hinzufügt und sie nicht vervielfältigt, sondern sie verniedlicht. Wenn jemand bei einer Reihe von Dummheiten erwischt wird, war er gewiss töricht; ein Mensch, der bei seiner Dummheit ertappt wird, ist indes einfach nur ignorant.

Ich, Du, Wir

Wir Ichs: das mag als Kurzformel durchgehen für eine Gesellschaft, in der das einsame Ego ins Zentrum des selbstverständlichen Selbstverständnisses gerückt ist. Wer, trotz Teamarbeit und regelmäßigen Kollegenurteils in Feedback-Schleifen, seinen Blick allzu aufmerksam auf den anderen richtet, handelt karrierefahrlässig. Da gilt vielmehr, dass gelegentliche Rücksichtslosigkeit nicht nur zum guten Ton gehört, sondern eine Bedingung des Erfolgs darstellt. Der Narzisst verwechselt die Hierarchie der Grammatik mit Grundprinzipien des Handelns: Nur weil die erste Person singular ganz oben rangiert in der Konjugationsreihe, steht Ich nicht an erster Stelle. Eine Grammatik des Respekts, ja der Liebe beginnt mit dem Du und hangelt sich über das Wir zum Ich.

Spielarten der Freiheit

Ein altes Gesetz des Denkens verknüpft den Inhalt eines Begriffs mit dessen Umfang durch umgekehrte Proportionalität. Je geringer die Menge ist, die er umfasst, desto genauer lässt sich bestimmen, was er bedeutet. Zur Kategorie eines Taschenbuchkriminalromans gehören signifikant weniger Exemplare als zu dem, was alles „Buch“ genannt wird, aber die Einbildungskraft wird über das Wort präziser geleitet. Wie ist das mit einem, nicht nur politisch höchst wirksamen Begriff wie Freiheit? Dem, der ihn mit Verantwortung übersetzt, fällt schwer zu akzeptieren, dass zu ihren Spielarten auch die Unverbindlichkeit und Wurstigkeit gehören. Freiheit grenzt an Willkür und Pflicht gleichermaßen. Lässt sie sich also kaum definieren? Gar nicht, ist man sogar geneigt zu sagen. Aber das hat nicht mit ihrem großen Bedeutungsumfang zu tun, sondern mit ihrem Inhalt: Freiheit ist eine Aufgabe, kein Zustand. Was sie ist, zeigt sich nur in der Art, wie von ihr Gebrauch gemacht wird. Es gibt sie nicht anders als in der Handlung, die sich auf sie beruft. Ihren Inhalt gewinnt sie über den Umfang eines Tuns, das sich nicht anders auslegen will als durch den Anspruch, frei zu sein. Vielleicht ist Freiheit so ein Synonym für das, was im besten Sinn „menschlich“ heißt, ohne dass damit schon etwas moralisch qualifiziert wäre.