Kategorie: Die tägliche Notiz

Wider die Verarmung im Geist

Die politisch initiierte Reduktion des Lebens auf das schlichte Gebot, nicht zu tun, was einem gefällt, und das, was nicht gefällt, tun zu müssen, führt zu einer Verarmung des Geistes, die sich in der Erörterung des Immergleichen, in Ermüdung durch Seinesgleichen und nicht zuletzt in der Gleichgültigkeit gegenüber Ermunterungen gezwungen ausdrückt. Ob das in den kulturellen Kosten der Seuchenbekämpfung eingerechnet wird? Nichts scheint sich durchsetzen zu können gegen das eine Thema, das zwar alle anödet, aber kein anderes Wesentliches neben sich duldet. Eine Regel wird geistlos, wenn sie letztlich nur aus der Aufforderung besteht, gegen sich selbst zu handeln. Als Kant die drei Fragen nach dem Menschen formulierte – Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?* –, hat er implizit ein Gleichmaß in den Stoßrichtungen des Denkens angenommen und die Frage nach dem Handeln eingefasst in zwei starke, fremde Interessen. Ohne eine begründete Erkenntnis und ohne eine vorstellungsreiche Zuversicht verkümmert das Gebot, den eigenen Willen zu beschränken. Das gilt nicht nur moralisch; es ist das Geheimnis kluger Politik. Es könnte ja sein, dass die intensive Beschäftigung mit dem, was wir wissen und was noch zu erfahren lohnt, und die nicht minder tiefe Ausrichtung auf das, was ermutigt und was noch zu erwarten fröhlich Anlass gibt, die Frage weitgehend erübrigt, was sinnvoll zu tun bleibt, weil Einsicht und Aussicht handlungsleitend sind.

* Logik, A 25, in: Werke 5, 448

Nebel der Ungewissheit

Der Vordenker aller modernen Strategen, Carl von Clausewitz, verortet das Entscheidungsgeschick in Krisensituationen in einem spezifischen Talent, das er coup d‘œil nennt, „das geistige Auge“. Gerade wenn es nötig ist um der unklaren Lage willen, der Militärdenker spricht metaphorisch vom „Nebel“, auf Sicht zu handeln, seien Urteilskraft und Entschlossenheit jene beiden Eigenschaften, mit denen ein Geist, der „immer unter Waffen sein muss“, sich wesentliche Vorteile verschafft.* Je ungewisser die Situation, desto schärfer sollte der Verstand sein und desto kühner der Mut. Die bedingen einander: eine Einsicht ohne Courage verkommt zur Besserwisserei, Verwegenheit ohne Denkvermögen verliert sich draufgängerisch. Die innere Sicht der Dinge hat in dem Maße klarer zu sein, wie die äußere Sicht der Dinge begrenzt ist. Nichts ist in Zeiten der Ungewissheit so nötig wie eine Perspektive.

* Vgl. Vom Kriege, 233ff.

Politisch geschickt

Zum Machterhalt genügt oft, dass der Politiker pünktlich zum Wahltermin eine Lösung präsentiert für die Probleme, die er selber geschaffen hat.

Fehler, denen die Kultur fehlt

Dämlichkeit: Immer dieselben Fehler machen.
Dummheit: Fehler immer auf dieselbe Weise rechtfertigen.
Blödheit: Immer wieder für keinen Fehler halten, was offenkundig falsch ist.
Einfältigkeit: Nichts aus Fehlern gelernt haben.
Begriffsstutzigkeit: Nichts aus Fehlern lernen können.
Torheit: Die Fehler des Lebens als Erfahrung verklären.
Leichtsinn: Nicht mit Fehlern rechnen.
Ahnungslosigkeit: Die Fehlerhaftigkeit des Lebens ignorieren.

Mir fehlt …

… gesellschaftliches und kulturelles Leben, die spontane Umarmung, das selbstverständliche Gespräch, ungehindertes Reisen, zuverlässige Einkünfte und eine berufliche Perspektive, Freiheit, nicht zuletzt Kraft, ja Geduld. Die Mängelliste, die allenthalben gefüllt und immer länger wird, drückt auf das Maß des Vertrauens, das der Einzelne den politischen Entscheidungen (inzwischen nicht mehr nur zur Seuchenbekämpfung) aufzubringen bereit ist. Das schwindet. Es könnte sein, dass der lebensweltliche Immunschutz, der verhindert, dass Grundsätzliches immerzu in Zweifel gesetzt wird, eher nachlässt, als der Impfstoff bereitgestellt werden kann wider das Virus. Diese Art von Zersetzung ist sozial mindestens so gefährlich wie die weltumspannende Krankheit. Aber sie kann aufgehalten werden durch eine Kommunikation, die sich der Offenheit und Ehrlichkeit, der begründeten Zuversicht und entschlossener Weitsicht, des Mitgefühls und der Klarheit verschreibt. Die also ganz und gar unpolitisch ist. Das Letzte, was eine Strategie gegen die Infektion verträgt, ist öffentliches Taktieren.

Zeichensetzung

Jedes Zeichen – die wortlose Geste, das überkommene Symbol oder auffällige Emblem, eine farbenprächtige Zeremonie – enthält versteckt noch die Furcht, nicht sagen zu können, was unbedingt zu besprechen ist. So ist der Tag des Übergangs, einer Geburt, Hochzeit oder Amtsübernahme, voller bildhafter Akte, weil nie genau ausgedrückt werden kann, was wirklich geschieht, und es doch benannt werden muss, damit es beherrschbar, also deutbar bleibt. Die Riten sind der Ort, an dem Selbstverständliches ungefragt seinen Platz hat, wie das Vertrauen in das Gelingen friedlichen Zusammenlebens. Auch eine aufgeklärte Demokratie bedarf des Pathos und der Beschwörungsformeln, um sich ihrer eigenen Grundlage zu versichern, die sich anders kaum artikulieren lässt.

Machtwechsel

Der Ausdruck „Machtwechsel“ verbirgt, dass beim Übergang von einer in die nächste Legislaturperiode nicht die Macht gewechselt wird, sondern die Mächtigen ausgewechselt.

Von allem etwas, für alle zu wenig

Bei extremen Gefährdungen ist der Kompromiss die falscheste aller Antworten. Er, der eigentlich Entscheidungsstärke voraussetzt, weil er das Ergebnis eines hartnäckigen Ringens konsequent zu Ende gedachter Positionen darstellt, fördert die Entschlussschwäche. Aus der Erfahrung, regelmäßig auf die eigenen Perspektiven verzichten zu müssen um eines größeren Ganzen willens, schließen viele, sich solcher Mühen erst gar nicht mehr zu unterziehen. Sie diskutieren und überlassen die Resultatsfindung einer Mehrheitsmeinung. Der größte gemeinsame Nenner ist aber nur die fahle Erinnerung an einen Streit, in dem der Behauptungswille nie auf das Eigene ausgerichtet war, sondern auf das stets höhere Niveau, das mit dem stolzen Namen „Wahrheit“ genannt zu werden verdiente.

Zu Hause

So mancher hat in Zeiten des home office und von Ausgangssperren sein Zuhause verloren, weil es die Eigenschaft eingebüßt hat, ein Asyl zu sein. Rückzugsort, Heimstatt, Nest oder Höhle, selbst die nüchternen Unterkunft und Domizil, sie alle sprechen von einem Lebensgefühl, das in der Regel aufgeräumter ist als die Wohnung, in der es seinen Platz findet. Überhaupt gehört das Weggehen und Zurückkehren wesentlich zum eigenen Quartier. Wie viele Orte von symbolischer Bedeutung gewinnt auch das Zuhause seine Kraft erst durch das, was es nicht ist.

Zeitkrankheit

Aus dem Buch „Gesundheit und Krankheit in der Anschauung alter Zeiten“ von Troels Frederik Troels-Lund, einem Verwandten des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard: „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Krankheiten ihre Geschichte haben, so dass jedes Zeitalter seine bestimmten Krankheiten hat, die so nicht früher aufgetreten sind und ganz so auch nicht wiederkehren werden.“*

* Fundstelle: Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, 96

Das Ärgernis der Demokratie

Seit alters ist das Ärgernis der Demokratie die Bedingung dafür, die Demokratie nicht als Ärgernis sehen zu müssen. Wenn jede Stimme zählt, gewinnt meist der, der den Durchschnitt aller Überzeugungen so repräsentiert, dass er das Meinungsspektrum bis hin zur Selbstwidersprüchlichkeit ausdehnt, ohne dass es seine Integrität gefährdet. An der Spitze steht einer, der nicht spitz, sondern so unscharf redet, dass er gerade noch nicht als harmlos gelten muss. Sein Mühen um Mitte und Maß verkörpert er in jener Mittelmäßigkeit, welche die Zustimmung in der mehrheitsfähigen Einsicht artikuliert, dass er einer für alle zu sein vermag, weil er einer von allen ist. Kaum mehr als das politisch Handelsübliche, das Mediokre zu fördern, ist die Zumutung der Demokratie an die Gebildeten unter ihren Verteidigern.

Liebeserfahrung

Die Grundstruktur der Liebeserfahrung: Erst im Augenblick, da er gefunden, fällt ihm auf, was er gesucht hatte. Nicht anders finden zu können, als gefunden zu werden, qualifiziert das Suchen als den notwendigen Irrtum, zum Ziel zu kommen.

Fernweh

Wenn der Bewegungsradius auf ein paar Kilometer beschränkt ist und man nicht mehr weit gehen kann, bleibt dennoch der Blick in die Ferne. In Zeiten des staatlich verordneten Eingesperrtseins wächst dem Fenster eine besondere Bedeutung zu. Es repräsentiert den Ort, an dem zusammenfällt, was nicht sein darf und sein muss, wo sich Sehnsüchte und Realität so verbinden, dass der Schmerz des gebotenen Verharrens mit dem Auge, das über den Horizont schweift, zugleich aufkommt und abklingt. Aus dem Fenster zur Welt wird das Fenster, das die Welt ersetzt.

Seien wir mal ganz und gar objektiv

Es gehört zum guten Ton in einer pluralistischen Gesellschaft, in der viele Wege, auch der Interpretation von Fakten, offenstehen, dass die Bedeutung des Worts „objektiv“ immer subjektiver wird, und der Willkür anheimgegeben. Das ist gut für jene, die sich scheuen, eine Festlegung zu treffen, und anstrengend für alle anderen, die sich um Eindeutigkeit und Verbindlichkeit mühen. Je weniger Objektivität belastbar ist, desto unsachlicher wird das Denken.

Vom Unterschied zwischen Politik und Philosophie

Der Politiker unterscheidet sich vom Philosophen nicht zuletzt dadurch, dass dieser sich bemüht zu sagen, was andere sich gerade nicht sagen können, aber fast gedacht haben, wohingegen jener nur das meint, sagen zu sollen, was andere hören wollen, auch wenn er es anders denkt. Das Experiment des Philosophenkönigs, das mit Platon begonnen hat, muss schon aus strukturellen Gründen scheitern. Was der Masse als Wahrheit gilt, ist dem Einzelnen im Ernst zweifelhaft.

Vollidiot

Dass der Schwachkopf nicht zu überzeugen ist, wäre nicht das Problem, wenn er sich wenigstens verführen ließe. Aber auch dazu fehlt ihm die Intelligenz.

Außer Frage

Beethoven soll einmal einen Violinisten angeherrscht haben, der vor der Uraufführung einer der Kompositionen des Meisters meinte, sein Quartettpart sei unspielbar: „Meint er etwa, dass ich an seine elende Geige gedacht habe?“* Die Frage, als Machtinstrument missbraucht, erklärt jede Antwort von vornherein als wertlos, weil sie ein Rechtfertigungsgefälle maximal ausnutzt. Ihr angemessen zu begegnen, gelänge allenfalls der Schlagfertigkeit. Die zeichnet sich stets dadurch aus, dass sie eine Erwiderung darstellt, ohne eine Erklärung abzugeben. Indem sie sich auf die Frage bezieht, entzieht sie sich ihrer subversiv. Vielleicht ist das der größte Nutzen von social media, dass sie ein unbegrenztes Übungsfeld darstellt für aufsässigen Witz und rebellische Zungenfertigkeit, für die Kraft schneller Entgegnungen und den Reichtum an öffentlicher Originalität. Die Losung kann daher nur lauten: Lass die Mächtigen reden; die Gewandtheit und Geistesgegenwart der vielen sind ihnen jederzeit überlegen.

* Aron Ronald Bodenheimer, Warum? Von der Obszönität des Fragens, 164

Das hohle Ich

Nimmt man dem Selbstdarsteller die Bühne, verschwindet mit der Gelegenheit zur Darstellung auch das Selbst. Für ihn ist das Ich nur ein anderer Name für das Echo, das dem Applaus folgt.

Die Stärke des Schwachen

Eine auch in der Theologie genutzte Denkfigur, die Macht der Ohnmacht, gerät immer dann in den Fokus, wenn vor allem die Schwäche einer Institution sichtbar wird, deren Wert aber unbestritten bleibt. Was aber soll stark sein an Formen der Wehrlosigkeit, wo doch allein die Fragilität in dem Augenblick hervortritt, in dem in Zweifel gezogen wird, was sonst als unfragliche Grundlage des Zusammenlebens, nicht zuletzt des politischen, gilt? Wer mit unverhohlener Häme auf eine Demokratie zeigt, die ihre eigenen Symbole dem Pöbel gegenüber scheinbar nicht zu verteidigen weiß, verkennt das Wesen der Freiheit. Die nämlich zeigt sich am deutlichsten in Momenten ihres Entzugs. Und der schier elend langen Geduld mit jenen, die sich dort fälschlich auf sie berufen, wo sie aus purer Willkür Schaden anrichten im Gemeinwesen. Freiheit ist so stark, dass sie auch dann noch an sich glaubt, wenn von ihr nur noch ein anarchischer Rest übrig geblieben ist. Und erst eingreift und den Verzicht auf sie einfordert, sobald ihr, der vieles möglich ist, in den Sinn kommt, alles mögliche möglich sein lassen zu wollen zu Ungunsten derer, die darin den Charakter des Möglichen korrumpiert sehen müssen.

Auf Zeit

Das Leitmotiv der Demokratie wiederholt den Hauptsatz des Lebens: Alles hat seine Zeit.

Beifang

Beim Fischzug durch das aufgewühlte Meer der Gedanken verfangen sich Sätze, die nicht recht zu gebrauchen sind, aber auch zu schade, um sie wegzuwerfen. Die Notizbücher sind randvoll davon. Ihre Zwitterqualität verlieren sie im Augenblick ihrer Publikation. Da treten sie in Konkurrenz zu dem geplanten Werk, das noch geschrieben sein will, aber nie so weit bearbeitet wird, weil die knappe Sentenz eine Überlegenheit zeigt, die ein noch unfertiger Text, dem sie ihre Entdeckung überhaupt erst verdankt, nie erreichen wird. Im Beifang findet sich oft genug ein Edelfisch; da muss nichts anderes mehr auf den Tisch.

Monothematisch

Corona: das Thema nervt, weil die Sache lästig ist. Und sie ist es nicht nur wegen der elenden Krankheitsfolgen, sondern auch weil sie kein zweites Thema neben sich duldet. Der Absolutismus der Wirklichkeit demütigt das Denken.

Bürgernähe

Der Politiker, der nach Nähe zu seinem Wahlvolk strebt, kann sie rasch wiederfinden, wenn er nur gesteht, die Lage nicht immer im Griff zu haben. Das nämlich ist der Normalfall eines freien Bürgers und hierin wäre er ihm am meisten ähnlich, der sich im Raum des Ungewissen so bewegt, dass er seinen Entscheidungen die Erinnerung nicht tilgt, sie hätten auch anders getroffen werden können. Je mächtiger Menschen sind, desto eher neigen sie zur Furcht vor diesem Bekenntnis der Fraglichkeit und des Zweifels. Vielleicht nicht mächtig, aber souverän ist immer der Nachdenkliche, der sein Denken nicht nur dem Handeln voranstellt, sondern im Nachgang zu einem Entschluss wieder aufgreift, was dieser durch seine Einseitigkeit ungerechterweise verdrängt hat, bis hin zur Offenheit einer Revision oder Korrektur.

Aus dem Füllhorn der Wünsche

Mit Wünschen darf man nicht knausern. Sie sollten immer großzügig bemessen und reichhaltig sein. Man weiß ja nie, wie viele sich erfüllen.