Kategorie: Die tägliche Notiz

Urlaubsgefühl

Niemand hat so viel Urlaub wie der, den die eigene Arbeit erfüllt mit Freude und Sinn.

Krisengerede

Schlimmer als die schwierigste Krise ist die Furcht vor ihr. Die zur Trivialformel verkommene Wahrheit, dass in jeder Krise Gelegenheiten verborgen seien, verdeckt die vielleicht wichtigste Erkenntnis: In ernsten Entscheidungsphasen zu stehen bedeutet aufgefordert zu sein, den Überlebenswillen vergessen zu machen durch starke Lebensformen, und dabei jene Hoffnung zu entdecken, die der Frage, wozu das alles, gewachsen ist, weil sie Wirklichkeit in Möglichkeiten, Sein in Sinn zu verwandeln vermag. Sich zu fürchten meint, dieser latenten Überforderung auszuweichen.

Glücklich geschieden

Das große Leid in vielen Beziehungen rührt daher, dass sie allzu lang nach ihrem Ende erst enden.

Mehr als nur Manager

Führen kann, nicht nur managen, wer versteht, dass man verantwortlich sein kann für das, wofür man zuständig ist, und dass Zuständigkeit nicht Verantwortung zu ersetzen vermag.

Storytelling

Nicht nur wie sie darzulegen, sondern vor allem wann die Pointe anschaulich zu setzen ist, das zu wissen unterscheidet den, der eine Geschichte zu erzählen vermag, vom Märchenonkel.

Missverständnis Kirche

Sonntag für Sonntag strengen sich die Prediger auf den Kanzeln an, die Texte, die sie mitgebracht haben, so auszulegen, dass Gottes Wort als säkulare Rede verstanden wird: statt um den Glauben an den Weltenerlöser geht es um Gläubigkeit; statt die Hoffnung als radikale Zeitenwende zu interpretieren, beschwören sie den Rest an Zuversicht; statt von der Liebe in ihrer hartnäckigen Unbedingtheit zu sprechen, empfehlen sie Freundlichkeit und Geduld. Sonntag für Sonntag kommen immer weniger Zuhörer in die Kirchen, um ihr Leben, das sie mitgebracht haben, so gedeutet zu sehen, dass an jede seiner Alltäglichkeiten Gottes Zuspruch und Anspruch gerichtet ist.

Nicht nein sagen können

Im Ideal der Nachhaltigkeit hat der depressive Charakter sein gutes Gewissen gefunden. Er muss nicht wegwerfen, wovon er sich nicht trennen kann.

Geburtstagsgrüße

Es ist einer der stärksten Antriebe des Lebens, aus dem noch nicht gelebten kein ungelebtes werden zu lassen.

Schwachsein ist stark

Die Stärke schwacher politischer Systeme wie der Demokratie ist ihre größere Freiheit. Die Stärke offener Theorien wie der Phänomenologie ist ihre Wirklichkeitsnähe. Die Stärke einer Religion der Ohnmacht wie des Christentums ist ihre Kraft zur Versöhnung.

Ruhe, bitte

In einer Welt, die ihre Betriebsamkeit gleichsetzt mit Lebendigkeit, wird das gelegentliche Ruhebedürfnis als Überempfindlichkeit diagnostiziert, auf die Rücksicht zu nehmen allenfalls widerwillig und missbilligend selbst dort geschieht, wo eigens eingerichtete quiet zones als letzte Asyle vor Lärm ausgewiesen sind. Der Schläfrige gilt als Spielverderber, der stille Arbeiter als tragische Figur unter all den lustigen Teamworkern.

Meinungsvielfalt

Die Struktur, wie heute ein Streit verhindert wird: „Du hast deine Meinung. Er hat seine Meinung. Was soll‘s?!“ Weil nur noch Sichten auf die Dinge relevant sind und nichts mehr zwingt, die Wahrheitsfrage zu stellen, lässt sich einer Auseinandersetzung, die mit Argumenten zu führen wäre, elegant (nein: feige) aus dem Wege gehen. Der Titel „ Meinung“ verniedlicht eine sachliche Perspektive, die um Richtigkeit ringt, zur letztlich gleichgültigen und vor allem grundlosen Einstellung. Man muss sie nicht ernstnehmen. Denn: „Meinen ist ein mit Bewusstsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten.“* Wen interessiert‘s?

* Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 851

Denken heißt Überschreiten

Das Denken erkennt, anders als die Phantasie, im ganzen genommen, seine Grenzen (an). Indem es allenthalben die Schranken der Gegenwart, des Körperlichen, des Handelns und der Geschichte, der Kräfte, nicht zuletzt der vorhandenen Wirklichkeit überwindet, schärft es das Bewusstsein für sein Leistungsvermögen. „Denken heißt Überschreiten“*, notiert Ernst Bloch mannigfach. Aber immer so, dass es, wenn es mit dem arbeitet, was nicht da ist, zuletzt zielt auf die Veränderung dessen, was da ist.

* Bsp. Das Prinzip Hoffnung, 2

Wann wird es endlich wieder Winter?

Unter allen Kennzeichen, die dem Sommer zugeschrieben sind – dass er zu heiß sei, ins Wasser gefallen, übergangslos früh eingesetzt habe oder sich farbenprächtig zeige, ragt eines heraus: Er ist laut. Männer am Grill, die sich mit Bierflaschen fröhlich zuprosten, vor Glück kreischende Kinder an der Wasserrutsche, Hobbygärtner mit Laubbläsern, bevorzugt am Sonntagmittag, Motorräder, die aus der Ferne dröhnen, der Motorsegler über dem Tal, Bauarbeiter, die zuverlässig morgens um sieben das Gerüst abbauen, grölende Passanten in den nächtlichen Straßenschluchten, allüberall Krach. Eine vergessene Definition in der Anthropologie: Der Mensch ist das lärmende Tier.

Pünktlich zur Sommerpause

Auf die Frage, wie es dem anderen gehe, hört man immer öfter die knappe Antwort: „geschafft“ oder „erledigt“. Die beiden finalen Wörter bezeichnen, statt sich auf Aufgaben zu beziehen, die zu Ende gebracht wurden, den Zustand, der kein Ende sieht, aber herbeisehnt: Ich bin geschafft, aber habe es noch nicht erledigt. Erschöpfung tritt ein, wenn Person und Sache meinen, sich so duellieren zu müssen, dass jene regelmäßig den Kürzeren zieht. Seltsam zu sagen, das Gegenteil ist – ein Mensch, der sich findet, weil er sich in seinem Tun verlieren kann.

Das Kalkül des Autokraten

Der Autokrat hält die Demokratien für dekadent. Man muss sie, so sein Kalkül, nur lang genug mit Konflikten beschäftigen, bis sie sich, uneinig, selber schwächen, oder, kompromisslos, in Autokratien verwandeln.

Identität und Identifikation

Der Unterschied zwischen Identität und Identifikation liegt begründet in der Souveränität gegenüber der eigenen Geschichte. Es gibt keine Zeit, weder die eines Individuums noch die einer Nation, von der zu distanzieren gelegentlich nicht nötig wäre, ohne die Zugehörigkeit zu denen, die an ihr teilhaben, leugnen zu müssen.

Keine Antwort

Eine der am stärksten wirkenden Machtgesten ist, den anderen im Ungewissen zu lassen. Keine Antwort ist zwar auch eine Antwort, aber keine, die die Aufgabe einer Antwort übernimmt: zu orientieren.

Empfindlichkeit und Empfindsamkeit

Empfindlichkeit ist, was sich einstellt, wenn auf die Grenzen der Empfindsamkeit keine Rücksicht genommen wird.

Geschützte Wahrheit

Den größeren Schatz an Wahrheit entdeckt nicht, wer nach Aufklärung strebt, sondern jener, der Diskretion wahrt.

Zweierlei Recht

Es gibt einen unverkennbaren Zusammenhang zwischen der Unfähigkeit oder dem Unwillen, in Zweifelsfällen nach dem zu fragen, was richtig genannt zu werden verdient, und dem beharrlichen Kampf darum, Recht zu haben.

Kleinstaaterei

Der erste Wunsch, in dem sich die Sehnsucht nach Identität auszudrücken pflegt, ist der Wille, sich zu unterscheiden, ja gelegentlich abzusondern. Vielleicht ist das die zentrale Entdeckung der globalisierten Welt, dass Freiheit den Hang hat, sich mit sich selbst zu überfordern. Es gibt einen unverkennbaren Zusammenhang zwischen der wachsenden allgemeinen Erschöpfung, dem übermäßigen Pochen auf spezifischer Identität, dem Verlust von Zugehörigkeit und Orientierung und der Skepsis gegenüber offenen Grenzen. Jede Erkenntnis des Eigenen beginnt mit einer Negation: Ich bin nicht du.

Ansprüche ohne Maß

Der Narzissmus leitet seine Ansprüche an das Leben nicht ab aus der Anstrengung, es zu bewältigen, sondern aus der Anmaßung, darauf verzichten zu können.

Die Machtpolitik des Egoismus

Demokratie ist der Versuch, den Hang des Egoismus, sich machtpolitisch auszutoben, zu begrenzen, indem er listig in einen Dauerwettbewerb um die besten Konzepte gelockt wird. Sein Ehrgeiz, angestachelt, weil er nach jeder Niederlage stets neu gewinnen kann, lässt ihn nicht nur vergessen, dass er sich so im Ganzen dem Gemeinwohl und Gemeinsinn unterordnet. Er lernt  frühzeitig, dass auch ein Sieg die Vorstufe des nächsten drohenden Misserfolgs ist, den er nur vermeiden kann, indem er nicht allein sein Ding macht.

Mach mal Pause

Die Pause begleitet immer das Risiko, dass sie auch das Ende sein könnte. Manchmal steckt in ihrem Versprechen, dass es danach weitergehe, nur der Wunsch, der Abschied möge diskret sein.