Freies Gesicht

Je länger die Frisiersalons während des Lockdowns geschlossen bleiben, desto schmaler ist das Gesichtsfeld, an dem ein Wiedererkennen sich gewöhnlich feste Merkmale sucht. Was die obligatorische Mund- und Nasenbedeckung nicht verbirgt, erledigt eine rasch wachsende Haarmatte, die Stirn und Ohren inzwischen vollständig bedeckt. Es fehlt nicht viel, bis der Schlitz für eine klare Sicht und ein kaum noch deutliches Erblicktsein freigeschnitten werden muss.

Der Genießer

Schon das Wort „Gegenstand“ oder „Objekt“, das einen Aspekt von Widerwilligkeit, des Fremdgebliebenen mit sich führt, mag erinnern an das, was Welt für einen Menschen darstellt. Sie ist das Ensemble all dessen, das sich erfolgreich gewehrt hat und dem impliziten Hang, der jede Einsicht, jede Erkenntnis und Erfahrung unwillkürlich begleitet, entkommen konnte: der Tendenz zur Einverleibung. Was sich im Charakterbild des Narzissten noch einigermaßen krude erhalten hat, Rücksichtslosigkeit gegenüber allem, das nicht „Ich“ heißt, dessen Instrumentalisierung und Enteignung, ist der heimliche Trend in einer Objekt-Beziehung, die ungehemmt danach trachtete, das Andere zu absorbieren, um sich dessen und seiner paradox zu vergewissern, indem es die Gegenständlichkeit auflöst. Der Narzisst hat gerade keine Welt, er ist sie sich selbst – was seine Einsamkeit erklärt. Und ihm ist letztlich der Genuss versagt. Denn eine Sache genießen bedeutet, sie wertzuschätzen durch eine letzte Distanzierung und Distinktheit, die selbst im Fall des kulinarischen Vergnügens, eine Speise aufzuessen, sich noch darin ausdrückt, dass sich das Vergnügen erfüllt, bevor sich Sättigung einstellt und die Lust sich erschöpft hat.

Weltwetter

Kann man vom Wetter reden, wenn alle Welt von anderem spricht? Das Wetter als Themenersatz mangels eines Gegenstands mit Erregungspotential leidet in einer Zeit, die Aufreger zuhauf liefert, vom Dauerbrenner Seuche bis zur Gelegenheitsentrüstung über Sexismus. Und doch bestimmt es die Art, wie wir Welt erleben, gerade in einer Zeit, die das Zuhause ins Zentrum rückt und nach geweiteten Horizonten wie lockenden Perspektiven lechzt. Gleichgroße Räume erscheinen je nach Wetterlage verschieden, im schneeerstickten Norden so viel enger als im frühlingshaften Süden. Extremwetter ist jener meteorologische Zustand, dem die Welt sich nur begrenzt gegenüber trotzig zeigen kann.

Die letzte Instanz

Vier Imperative, „archimedische Punkte“, sind es, die Erich Kästner in seiner „Kleinen Neujahrsansprache vor jungen Leuten“ auflistet: Jeder Mensch höre auf sein Gewissen! Jeder Mensch suche sich Vorbilder! Jeder Mensch gedenke immer seiner Kindheit! Jeder Mensch erwerbe sich Humor!* Sie gehören zusammen und repräsentieren, was ein souveränes Bewusstsein auszeichnet: seine moralische Bildung, seine Fähigkeit zur Anerkennung, sein Verhältnis zur eigenen Geschichte und das Talent, sich von der Welt zu distanzieren. Am Ende lassen sich diese aufeinander abgestimmten Bezüge in dem zusammenfassen, was einst emphatisch Urteilskraft geheißen hat und als Kraft eines Urteils Widerstände gelassen abzuwehren und aufrecht auszuhalten vermag. Das kann sogar zum moralischen Korrektiv taugen, ist aber alles andere als die mit kaum verhohlener Selbstgefälligkeit auftretende moralische Korrektheit, die den shitstorm zur letzten, lauten Instanz ausgerufen hat.

* Vgl. Erich Kästner, Gesammelte Schriften 5, 262

Ganz oben

Je höher die Position in der Machthierarchie einer Organisation, desto größer die Gefahr, die eigene Beratungsresistenz mit Entschlossenheit zu verwechseln. Man entscheidet nicht mehr, weil man überzeugt ist, das Richtige zu tun, sondern handelt in der Sache zu recht, weil man sie selber veranlasst hat. Das Lästige an flachen Arbeitsstrukturen ist, dass mit ihnen die Zahl derer überproportional wächst, die zweifellos glauben, mitreden zu können.

Grau in grau

Unter allen meteorologischen Erscheinungen ist die lang anhaltende Unentschiedenheit zwischen Schnee und Regen das Hässlichste, was einer Landschaft angetan werden kann. Wenn sich winterliche Kahlheit mit der Kälte zu einer klitschnassen Melange verbinden, leidet nicht nur das ästhetisch empfindsame Gemüt. Auch das moralische Bewusstsein lernt etwas über einen Willen, der nicht weiß, was er bevorzugt. Am Ende erscheint die Welt als ein grauer Ort, in dem zurechtzufinden schwer fällt. Klarheit ist die Schönheit der Moral.

Geschenkte Zeit

Empfinden in der Zeit der Beschränkung auf das eigene Umfeld: Was an Raum genommen, wird als Zeit erstattet. Ob die Rechnung aufgeht, hängt davon ab, wie man die geschenkten Stunden nutzen kann.

Staat ohne Einsicht

Die Kritik ist wie die moderne Demokratie ein Kind der Aufklärung. Eine offene Gesellschaft wird sich selbst zum Feind, wenn sie sich verschließt gegenüber jener Art von Einreden, die Grundsätzliches sinnvoll in Frage stellt. Ihr genügen zur Verteidigung von Legitimitätsansprüchen alle Formen der Selbstbehauptung, die sich im argumentativen Streit bewährt haben. Ein Staat, der nicht versteht, dass Kritik und Krise nicht nur einen gemeinsamen Wortstamm haben, sondern vor allem auf Unterscheidungsvermögen und Urteilsfähigkeit zielen, der also Differenziertheit und Entschiedenheit hier wie dort vermissen lässt, gefährdet sich ohne Not selbst. Seltsam, dass vor allem die westlichen Demokratien diese beiden aufklärerischen Errungenschaften gerade dann vermissen lassen, wenn sie unbedingt gebraucht werden, und in der Krise, die Unterschiede deutlich bestimmt wie selten sonst, Kritik, die nach Unterschieden hartnäckig sucht, sträflich ignoriert. Schlimmer noch als die Dominanz einer allenthalben versagenden Verwaltungsstruktur* ist die Ignoranz, die diesen Misstand, wo sie ihn überhaupt zur Kenntnis nimmt, mit fadenscheinigen Einlassungen oder schlichter Autorität politisch schönredet.

* Der Göttinger Geschichtswissenschaftler und Sinologe Dominic Sachsenmaier hat in der FAZ einen sehr präzisen und lehrreichen Vergleich zwischen den westlichen Demokratien und den Staaten in Südostasien gezogen, der deren Überlegenheit bei der Bewältigung der Pandemie nicht auf spezifische politische Systeme zurückführt, sondern auf Offenheit und Einsichtsfähigkeit, nicht zuletzt gegenüber den Vorteilen digitaler Technik.

Schöne Namen

Das unterscheidet den Namen vom Begriff, dass dieser Abwesendes anwesend sein lässt, indem er zu einer genauen Vorstellung anregt; wohingegen Namen immer erst schön werden, wenn sich zu ihnen ein Gesicht und mit ihm eine Geschichte gesellt.

Späte Feindschaft

Je älter man wird, desto größer sollte die Wachsamkeit sein gegenüber jenen Freundschaften, die sich zwar gehalten, aber nicht haben entwickeln können mit der Zeit: dass sie sich auf ihre späten Tage nicht noch als törichte Feindschaften verknöchern.

Ohne Konsequenz

Freiheit ist die Fähigkeit, politisch nicht zuletzt: das Recht, Worte für folgenlos halten zu können. Man muss nur zugestehen, dass andere daraus die Konsequenz ziehen.

Wider die Verarmung im Geist

Die politisch initiierte Reduktion des Lebens auf das schlichte Gebot, nicht zu tun, was einem gefällt, und das, was nicht gefällt, tun zu müssen, führt zu einer Verarmung des Geistes, die sich in der Erörterung des Immergleichen, in Ermüdung durch Seinesgleichen und nicht zuletzt in der Gleichgültigkeit gegenüber Ermunterungen gezwungen ausdrückt. Ob das in den kulturellen Kosten der Seuchenbekämpfung eingerechnet wird? Nichts scheint sich durchsetzen zu können gegen das eine Thema, das zwar alle anödet, aber kein anderes Wesentliches neben sich duldet. Eine Regel wird geistlos, wenn sie letztlich nur aus der Aufforderung besteht, gegen sich selbst zu handeln. Als Kant die drei Fragen nach dem Menschen formulierte – Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?* –, hat er implizit ein Gleichmaß in den Stoßrichtungen des Denkens angenommen und die Frage nach dem Handeln eingefasst in zwei starke, fremde Interessen. Ohne eine begründete Erkenntnis und ohne eine vorstellungsreiche Zuversicht verkümmert das Gebot, den eigenen Willen zu beschränken. Das gilt nicht nur moralisch; es ist das Geheimnis kluger Politik. Es könnte ja sein, dass die intensive Beschäftigung mit dem, was wir wissen und was noch zu erfahren lohnt, und die nicht minder tiefe Ausrichtung auf das, was ermutigt und was noch zu erwarten fröhlich Anlass gibt, die Frage weitgehend erübrigt, was sinnvoll zu tun bleibt, weil Einsicht und Aussicht handlungsleitend sind.

* Logik, A 25, in: Werke 5, 448

Nebel der Ungewissheit

Der Vordenker aller modernen Strategen, Carl von Clausewitz, verortet das Entscheidungsgeschick in Krisensituationen in einem spezifischen Talent, das er coup d‘œil nennt, „das geistige Auge“. Gerade wenn es nötig ist um der unklaren Lage willen, der Militärdenker spricht metaphorisch vom „Nebel“, auf Sicht zu handeln, seien Urteilskraft und Entschlossenheit jene beiden Eigenschaften, mit denen ein Geist, der „immer unter Waffen sein muss“, sich wesentliche Vorteile verschafft.* Je ungewisser die Situation, desto schärfer sollte der Verstand sein und desto kühner der Mut. Die bedingen einander: eine Einsicht ohne Courage verkommt zur Besserwisserei, Verwegenheit ohne Denkvermögen verliert sich draufgängerisch. Die innere Sicht der Dinge hat in dem Maße klarer zu sein, wie die äußere Sicht der Dinge begrenzt ist. Nichts ist in Zeiten der Ungewissheit so nötig wie eine Perspektive.

* Vgl. Vom Kriege, 233ff.

Politisch geschickt

Zum Machterhalt genügt oft, dass der Politiker pünktlich zum Wahltermin eine Lösung präsentiert für die Probleme, die er selber geschaffen hat.

Fehler, denen die Kultur fehlt

Dämlichkeit: Immer dieselben Fehler machen.
Dummheit: Fehler immer auf dieselbe Weise rechtfertigen.
Blödheit: Immer wieder für keinen Fehler halten, was offenkundig falsch ist.
Einfältigkeit: Nichts aus Fehlern gelernt haben.
Begriffsstutzigkeit: Nichts aus Fehlern lernen können.
Torheit: Die Fehler des Lebens als Erfahrung verklären.
Leichtsinn: Nicht mit Fehlern rechnen.
Ahnungslosigkeit: Die Fehlerhaftigkeit des Lebens ignorieren.

Mir fehlt …

… gesellschaftliches und kulturelles Leben, die spontane Umarmung, das selbstverständliche Gespräch, ungehindertes Reisen, zuverlässige Einkünfte und eine berufliche Perspektive, Freiheit, nicht zuletzt Kraft, ja Geduld. Die Mängelliste, die allenthalben gefüllt und immer länger wird, drückt auf das Maß des Vertrauens, das der Einzelne den politischen Entscheidungen (inzwischen nicht mehr nur zur Seuchenbekämpfung) aufzubringen bereit ist. Das schwindet. Es könnte sein, dass der lebensweltliche Immunschutz, der verhindert, dass Grundsätzliches immerzu in Zweifel gesetzt wird, eher nachlässt, als der Impfstoff bereitgestellt werden kann wider das Virus. Diese Art von Zersetzung ist sozial mindestens so gefährlich wie die weltumspannende Krankheit. Aber sie kann aufgehalten werden durch eine Kommunikation, die sich der Offenheit und Ehrlichkeit, der begründeten Zuversicht und entschlossener Weitsicht, des Mitgefühls und der Klarheit verschreibt. Die also ganz und gar unpolitisch ist. Das Letzte, was eine Strategie gegen die Infektion verträgt, ist öffentliches Taktieren.

Zeichensetzung

Jedes Zeichen – die wortlose Geste, das überkommene Symbol oder auffällige Emblem, eine farbenprächtige Zeremonie – enthält versteckt noch die Furcht, nicht sagen zu können, was unbedingt zu besprechen ist. So ist der Tag des Übergangs, einer Geburt, Hochzeit oder Amtsübernahme, voller bildhafter Akte, weil nie genau ausgedrückt werden kann, was wirklich geschieht, und es doch benannt werden muss, damit es beherrschbar, also deutbar bleibt. Die Riten sind der Ort, an dem Selbstverständliches ungefragt seinen Platz hat, wie das Vertrauen in das Gelingen friedlichen Zusammenlebens. Auch eine aufgeklärte Demokratie bedarf des Pathos und der Beschwörungsformeln, um sich ihrer eigenen Grundlage zu versichern, die sich anders kaum artikulieren lässt.

Machtwechsel

Der Ausdruck „Machtwechsel“ verbirgt, dass beim Übergang von einer in die nächste Legislaturperiode nicht die Macht gewechselt wird, sondern die Mächtigen ausgewechselt.

Von allem etwas, für alle zu wenig

Bei extremen Gefährdungen ist der Kompromiss die falscheste aller Antworten. Er, der eigentlich Entscheidungsstärke voraussetzt, weil er das Ergebnis eines hartnäckigen Ringens konsequent zu Ende gedachter Positionen darstellt, fördert die Entschlussschwäche. Aus der Erfahrung, regelmäßig auf die eigenen Perspektiven verzichten zu müssen um eines größeren Ganzen willens, schließen viele, sich solcher Mühen erst gar nicht mehr zu unterziehen. Sie diskutieren und überlassen die Resultatsfindung einer Mehrheitsmeinung. Der größte gemeinsame Nenner ist aber nur die fahle Erinnerung an einen Streit, in dem der Behauptungswille nie auf das Eigene ausgerichtet war, sondern auf das stets höhere Niveau, das mit dem stolzen Namen „Wahrheit“ genannt zu werden verdiente.

Zu Hause

So mancher hat in Zeiten des home office und von Ausgangssperren sein Zuhause verloren, weil es die Eigenschaft eingebüßt hat, ein Asyl zu sein. Rückzugsort, Heimstatt, Nest oder Höhle, selbst die nüchternen Unterkunft und Domizil, sie alle sprechen von einem Lebensgefühl, das in der Regel aufgeräumter ist als die Wohnung, in der es seinen Platz findet. Überhaupt gehört das Weggehen und Zurückkehren wesentlich zum eigenen Quartier. Wie viele Orte von symbolischer Bedeutung gewinnt auch das Zuhause seine Kraft erst durch das, was es nicht ist.

Zeitkrankheit

Aus dem Buch „Gesundheit und Krankheit in der Anschauung alter Zeiten“ von Troels Frederik Troels-Lund, einem Verwandten des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard: „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Krankheiten ihre Geschichte haben, so dass jedes Zeitalter seine bestimmten Krankheiten hat, die so nicht früher aufgetreten sind und ganz so auch nicht wiederkehren werden.“*

* Fundstelle: Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, 96

Das Ärgernis der Demokratie

Seit alters ist das Ärgernis der Demokratie die Bedingung dafür, die Demokratie nicht als Ärgernis sehen zu müssen. Wenn jede Stimme zählt, gewinnt meist der, der den Durchschnitt aller Überzeugungen so repräsentiert, dass er das Meinungsspektrum bis hin zur Selbstwidersprüchlichkeit ausdehnt, ohne dass es seine Integrität gefährdet. An der Spitze steht einer, der nicht spitz, sondern so unscharf redet, dass er gerade noch nicht als harmlos gelten muss. Sein Mühen um Mitte und Maß verkörpert er in jener Mittelmäßigkeit, welche die Zustimmung in der mehrheitsfähigen Einsicht artikuliert, dass er einer für alle zu sein vermag, weil er einer von allen ist. Kaum mehr als das politisch Handelsübliche, das Mediokre zu fördern, ist die Zumutung der Demokratie an die Gebildeten unter ihren Verteidigern.

Liebeserfahrung

Die Grundstruktur der Liebeserfahrung: Erst im Augenblick, da er gefunden, fällt ihm auf, was er gesucht hatte. Nicht anders finden zu können, als gefunden zu werden, qualifiziert das Suchen als den notwendigen Irrtum, zum Ziel zu kommen.

Fernweh

Wenn der Bewegungsradius auf ein paar Kilometer beschränkt ist und man nicht mehr weit gehen kann, bleibt dennoch der Blick in die Ferne. In Zeiten des staatlich verordneten Eingesperrtseins wächst dem Fenster eine besondere Bedeutung zu. Es repräsentiert den Ort, an dem zusammenfällt, was nicht sein darf und sein muss, wo sich Sehnsüchte und Realität so verbinden, dass der Schmerz des gebotenen Verharrens mit dem Auge, das über den Horizont schweift, zugleich aufkommt und abklingt. Aus dem Fenster zur Welt wird das Fenster, das die Welt ersetzt.