Wende zum Guten

Das Neue im gerade angebrochenen Jahr ist keine Charaktereigenschaft, kein Wesenszug, hat nichts von einem Status, ja erreicht nicht einmal die Qualität, die eine neue Hose hat, die sie eine Zeitlang behält, bis dann der nächste Kleidungskauf das gute Stück zum Gebrauchsartikel degradiert. Mit den Wünschen am Anfang des Jahrs signalisieren wir, dass wir die Absicht haben, der Ungewissheit des Kommenden nicht nur mit Befürchtung und Risikoabwehr entgegenzutreten, sondern voller Erwartung und Interesse. Das Neue ist hier die projizierte Hoffnung auf bessere Tage.

Ausblick auf das nächste Jahr

Mut und Politik

Nicht der Souverän, das Volk, hindert die Politik, souverän zu handeln. Sondern die Angst, nicht populär genug zu sein, um wiedergewählt zu werden. Zwischen den beiden seit der Aufklärung widerstreitenden Bedeutungen dessen, was das Volk sei, die aufrechte Stimme, die Entscheidungen legitimiert, oder der Pöbel, der sich gegen das Gesetz auflehnt, hat sich der Mut derer versteckt, die aus einem einzigen Grund einst angetreten waren, sich delegieren zu lassen: dass sich etwas wandelt. Das ist die Verführung der Macht, dass sie ergriffen wird um ihrer Fähigkeit zur grundlegenden Veränderung willen, und dass sie, einmal errungen, partout eines nicht will: Destabilisierung. Der mutlose Politiker ist fast ein Pleonasmus.

Hätte, hätte, Lieferkette

„Das ist alles, was wir haben.“ So hört man es derzeit öfter in sonst gut sortierten Geschäften, vor allem dort, wo Elektronikprodukte verkauft werden. „Wenn Sie heute bestellen, können Sie damit rechnen, wahrscheinlich noch im ersten Halbjahr die Sachen zu bekommen.“ Der Kunde, der gern einer geworden wäre, wendet sich ob des Angebotsmangels frustriert ab. Aber nicht, weil ihm das Warten zu lang dauert, sondern weil bis dahin der nächste Produktzyklus vorgestellt sein wird. Lieferkettenunterbrechungen verursachen wirtschaftlichen Schaden. Zum Problem werden sie, wenn der Rhythmus der Innovationen schneller ist als die Logistik. Kaum jemand bestellt Neues, von dem er weiß, dass es am Tag der Auslieferung schon veraltet ist.

Winter Sale

Schlussverkauf, so hieß der Sale ehedem, um die Besitzlust durch erzeugte Zeitknappheit bis zum Verkaufsschluss zu steigern. Für viele ist die letzte Chance die erste, die sie ergreifen, weil in ihr sich das Gefühl des günstigen Augenblicks unmittelbar verdichtet: jetzt oder nie. Verschleiert ist stets, dass der Erwerbsgunst ein Veräußerungszwang entspricht; die neue Kollektion beansprucht Platz. Und dass die besten Sachen in den üblichen Konfektionsgrößen oft längst nicht mehr zu haben sind. Sale ist die Kunst, den Restposten als ein begehrtes Einzelstück zu deklarieren. In ihm wird die Komplexität der Seele auf das schlichteste Muster von Reiz und Reaktion reduziert.

Dazwischen

Es sind ganz und gar gegenteilige Erfahrungen, die wir mit Zwischenzuständen machen – ob wir sie als unendlich befreiend oder unendlich bedrängend erleben. Zwischen den Jahren sich in den Ohrensessel am Kaminfeuer zu fläzen und ohne Lektürepflicht vergnügt den Roman zu lesen, der unterm Weihnachtsbaum gelegen hat, unterscheidet sich fundamental von der nervösen Unruhe  einer Vorentscheidungsphase, solange man zwischen den Stühlen sitzt. Woran das liegt, dass das Zwischen so unterschiedlich wahrgenommen wird? Sobald es sich ausdifferenziert hat, zeigt sich eine Tendenz: hier das Sowohl-als-auch, dort das Entweder-oder. Dessen Nähe zum Weder-noch ist deutlich größer.

Das Original aller Feste

„Sollen aber Feste sein und ist der erste Ursprung des Christentums für etwas Großes und Wichtiges zu achten, so kann niemand leugnen, daß dieses Fest der Weihnacht ein bewundernswürdiges Fest ist; so vollkommen erreicht es seinen Zweck und unter so schwierigen Bedingungen. Denn, wenn man sagen wollte, dies Andenken werde weit mehr durch die Schrift erhalten und durch den Unterricht im Christentum überhaupt als durch das Fest, so möchte ich dieses leugnen … Ja, soviel kräftiger ist die Handlung als das Wort, daß nicht selten aus festlichen Handlungen, deren wahre Bedeutung verloren gegangen, falsche Geschichten sind erdichtet worden, nie aber umgekehrt.“*

* Friedrich Schleiermacher, Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch, 63ff.

Geschenkartikel

Das schönere Geschenk ist die Beziehung, die sich in ihm zur Darstellung bringt.

Der Erlöser

In der Vorstellung vom Erlöser anerkennt die Welt, dass sie die Erfahrung macht, sich mit selbstgeschaffenen Problemen immer wieder heillos zu überfordern. Sie ist der schwierige Demutsgestus, der die Erfahrung einer beschränkten Lösungskompetenz teilt, die gerade einmal nur so weit reicht, wie die neu entstandenen Fragen das, was sie hervorgerufen hat, nicht mehr als sinnvolle Antwort auf die alten erscheinen lassen. Und die unter diesen Fragen einige entdeckt, die sie nie hat loswerden können. Wittgensteins Satz aus dem „Tractatus“: „Die Lösung des Problem des Lebens merkt man am Verschwinden des Problems“ (6.521) ist, auf blasser weihnachtlicher Spur, eine irreführende Notiz. Denn das Verschwinden solcher defizitären Erscheinungsformen wie eines Problems zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man es nicht merkt, weshalb ja auch meist nicht genau gesagt werden kann, was es ausgelöst hat. Auffällig wird nur das Erstaunen, plötzlich erleichtert zu sein, nichts zu vermissen von dem, was sich aufgelöst hat in Wohlgefallen, die einsetzende, gelegentlich unbändige Freude. Der Aufforderung zu erklären, wie das genau gekommen sei, lässt sich nicht entsprechen, außer durch die Erzählung einer Geschichte, in deren Zentrum weniger das Ereignis selbst, sondern dessen Begleiterscheinungen und Deutungen stehen. Lukas, in seinem Weihnachtsevangelium, war ein Meister einer solchen Berichtsform, die dem Unscheinbaren den prominentesten Platz einräumt. Und die dem bedürftigen Imperativ „Erklär’s mir!“ die einladende Gegenfrage beigesellt: „Kannst du das glauben?“

Nichts sagen ist nicht nichtssagend

In jedem Schweigen lauert das Unheimliche. Wer sich aus dem Gespräch zurückzieht, klärt nicht auf, ob er schweigt, weil er meint, dass man einander nichts sagen muss – die Vorstellung totaler Einigkeit –, oder weil er denkt, dass man einander nichts mehr zu sagen hat – das Szenario totaler Uneinigkeit. Nichts sagen ist nicht nichtssagend.

Systemausfall

Die Paradoxie des Systemausfalls ist, dass man die Verbindungen kappen muss, wenn ein Virus das Ganze bedroht, um das Eigene vor ihm zu schützen. Und dass dieser allfällige Schnitt durch die weitverzweigte Vernetzung genau das bewirkt, was vermieden werden soll: den Systemausfall.

Wortkunst

Was ist Rhetorik? Die Fähigkeit, großen Einfluss auszuüben, ohne auch nur einmal handeln zu müssen.

Schöne Einzelheiten

Das unterscheidet den Künstler vom Kunsthandwerker, den Poeten vom selbstreimenden Empfindungsprotokollanten, den Schriftsteller vom Gelegenheitsliteraten, den Stararchitekten vom dilettierenden Bauherrn, den Profi vom Amateur: dass dieser zwar schöne Einzelheiten hervorbringen kann, aber nie ein schönes Werk schafft. Ihm fehlt die Kraft zum Anspruch, eine ganze Welt zu verändern, auch wenn er ein feines Talent zur Nachahmung besitzt. Dieser findet, jener erfindet.

Freut euch

Zur Freude aufgefordert zu werden, ist abwegig und absurd. Sie ist immer spontan, kommt aus sich selbst. Freut euch! Der vorweihnachtliche Appell ans Gemüt, der am vierten Advent nicht nur in den Liedern zu hören ist und der eine neue Einstellung zum Leben einfordert, klingt schal und anmaßend in einer Welt, die an sich selbst oft genug wenig Anlass sieht zur Ausgelassenheit. Der dänische Denker Søren Kierkegaard hat wie kaum ein anderer über die Freude reflektiert und sie übersetzt als Aufgabe, die dem Zuspruch, der wie ein Imperativ klingt: Freut euch!, eine pragmatische Wendung gibt. Sich freuen heißt, sich nicht sorgen. Weglassen, was Zukunft verbaut, weil sie besetzt wird von Angst und der Gegenwart die Lebendigkeit raubt. Und hier sein, jetzt sein. „Was ist Freude, was ist fröhlich sein? Es ist, dass man in Wahrheit sich selbst gegenwärtig ist … Die Freude ist die Zeit, die eben jetzt ist.“*

* Kleine Schriften 1848 / 49, Gesammelte Werke, 21., 22. und 23. Abteilung, 67

Überstürzt

Der Vorteil des überstürzten Aufbruchs, rasch und ohne großen Trennungsschmerz eine Lebensphase beendet zu haben, währt oft nur kurz, weil in Momenten inszenierter Kopflosigkeit allzu viel von sich selbst zurückgelassen wird. Wie der naive, unvorbereitete Anfang die größte Kraft besitzt, schwächt das spontane Ende umgekehrt nicht selten dessen Radikalität durchs Vergessen oder Verdrängen. Dem Beginnen steht ein Gran Irrationalität gut zu Gesicht; dem Abschied ist förderlich, klug und klar überlegt zu sein.

Der Gang des Gesprächs

Ein Gespräch, das mir nachgeht, besteht aus lauter Worten, die mich angehen.

Anders sein (können)

Freiheit ist der Name für eine Idee, die zu erklären sucht, warum ich anders bin als andere. In der Erfahrung individueller Differenz stellt sich aber eine Aufgabe: aus dem Freisein, das jeder für sich in Anspruch nimmt, eine Vorstellung zu entwickeln, der viele nicht nur freiwillig folgen, sondern die so stark ist, dass sie die Grenze zu bestimmen vermag zwischen dem, was abschätzig Willkür heißt, und der Fähigkeit, jederzeit neu anfangen zu können.

Zwiespalt

Zur Melancholie gehört wesentlich der Zwiespalt zu fürchten, sich in ihr zu verlieren, und zu fürchten, mit ihrem Verlust auch sich zu verlieren.

Ex

Die lapidare Kennzeichnung des einstigen Lebenspartners als Ex spiegelt in ihrer kühlen Knappheit noch den vormaligen Wunsch wieder, ihn möglichst schnell und geräuschfrei loswerden zu wollen. Der Ex-Mann ist der X-Mann, ausgeixt, durchgestrichen, getilgt aus der eigenen Geschichte. Schöner, vor allem ehrlicher ist die Rede, die vom früheren, vom ehemaligen Gefährten spricht. Der Radikalität des Trennungsentschlusses entspricht hier das implizite Eingeständnis, auch dann noch miteinander etwas zu teilen, wenn man nichts mehr gemeinsam hat. Auch ohne das Erlebnis des anderen bleiben doch viele Erfahrungen, die gelegentlich sogar zu lebensklugen Erkenntnissen über Zweisamkeit ausgereift sind.

In einer anderen Liga

Nichts macht so einsam wie dauerhafte Überlegenheit. Das ist der Preis für ein Erfolgsabonnement: dass man mit anderen keine gemeinsame Welt mehr teilt. Sie nützt niemandem.

Lass uns alsbald wieder sehen

Der blödeste Gedanke, der sich nach einem langen Abend voll heiterer Gespräche mit Freunden, exzellentem Wein und schönsten selbstgeschmorten Grüßen aus der schmalen Wohnküche leider allzu oft einstellt, ist, ihn rasch wiederholen zu wollen. Nichts ist ehrlicher als der Abschiedswunsch: Lass uns alsbald wiedersehen. Und niemand ist in dem Moment schlechter beraten als der Besucher mit dieser gutgesinnten Absicht. Kluge Gastgeber überhören taktvoll jedes an der Türschwelle spontan in die letzte Umarmung hineingesprochene Bedürfnis nach einem schnellen Treffen. Ja, sie geben mit auf den Weg, die Gegeneinladung so lang hinauszuzögern, bis man einander abermals ausreichend Überraschendes zu erzählen hat.

Kontext

Die meisten unserer Sätze sind provisorisch. Sie können nicht allein stehen, für sich einstehen. Reißt man sie aber aus dem Kontext, indem man sie zitiert und stellt sie aus, erhalten sie einen Zug von Endgültigkeit, der ihnen oft gar nicht einmal schlecht bekommt. Das, was dereinst Autoritätsargument hieß, die Erwähnung eines fremden Gedankens, dessen Autor sich allgemein Anerkennung verdient hatte, erreicht man heute weniger durch name dropping denn durch eine Täuschung: Aus dem Zusammenhang genommen, wird das künstlich erzielte Ahistorische eines Satzes verwechselt mit dessen Verbindlichkeit.

Der große Kommunikator

Man muss kein großer Kommunikator sein, kein gewiefter Sprachtaktiker, kein rhetorisches Talent, um Menschen zu erreichen, sie im besten Sinn zu führen. Es genügt die Fähigkeit, sich in sie versetzen zu können, für den Augenblick, der situativen Reaktion wegen, aber auch generell, um zu wissen, was einer braucht. Wenn dieses Gespür allerdings fehlt, dann kann man noch so tief in die Kiste der Redetricks greifen, es änderte nichts: Die Worte wirkten hohl und grob. Kommunikation ist vor allem Menschenkenntnis. Für die gilt das Geheimnis des hermeneutischen Zirkels: Man muss Menschen immer schon gekannt haben, um sie kennenlernen zu können.

Das Dreiecksverhältnis der Intimität

Im Dreiecksverhältnis von Wahrnehmen, Erkennen und Durchschauen spielt sich ab, was wir Intimität nennen. Den anderen wahrzunehmen (immer als Minimalform der Wertschätzung verstanden), ist zwar gemeinhin der Einstieg in eine Beziehung; mit deren Aufnahme aber gerät es nicht selten in den Hintergrund, aus dem es eingefordert werden muss. Erkennen hingegen, (das im hebräischen Verb ידע sowohl die Vereinigung von Menschen, die Hochform der Liebe, wie den Gewinn von Klarheit bezeichnet), erreicht diesen Status nur, wenn man es nicht verwechselt mit dem, was wir zu durchschauen meinen. Vertrautheit entsteht, wenn das Sehen eine Vollkommenheit erreicht, die nicht total ist, und schon deswegen nicht totalitär wirkt. Menschen heißen Personen, weil sie sich gerade nicht vollständig fassen lassen.