Die Erfahrung der Freiheit

Als gewisses Indiz, wirklich frei zu sein, mag jener Moment gelten, in dem es leichter fällt, Geld abzulehnen, als Geld anzunehmen.

Gerade noch geschafft

In einer Demokratie ist der allzu knappe Sieg nicht selten die größere Niederlage als die Abwahl.

Die Welt ist gegen uns

Das läuft wie am Schnürchen, lautet die Formel, wenn sich ein, nicht nur geschäftliches Vorhaben allzu leicht realisieren lässt, da es geordnet und in festgenähter Reihenfolge sich darstellt. In ihr schwingt ein ungläubiges Staunen mit, das mit Gegenkräften und Brüchen gerechnet hat und feststellen muss, sich getäuscht zu haben. Zur Erwartung einer Begegnung mit Welt gehört, dass sie Widerstand bietet bis hin zur Unterstellung, sie habe sich böswillig gegen die eigenen Vorstellungen gerichtet. Wirklich ist, was sich nicht fügt. „Realität ist das, was einem von seinen Wünschen beherrschten und daher ständig zu Illusionen bereiten Wesen seiner Natur nach so zuwider ist, daß es nur unter Zwang nachgibt“, sagt Hans Blumenberg, der morgen hundert Jahre alt geworden wäre.*

* Hans Blumenberg, Realität und Realismus, 214 

Mehr Glück als Verstand

Das Einzige, was sich lernen lässt, wenn man mehr Glück gehabt hat als Verstand, ist, dass das Glück nicht zu verstehen ist. Aber man mit den Grenzen des Verstands umso mehr zu rechnen hat. So lässt sich vermeiden, dass aus einer Dummheit, die man begangen hat, jene Dummheit wird, die bestraft gehört.

Stilempfinden

Nie ist die Berechtigung größer als in Stilfragen, vom Äußeren auf das Innere zu schließen. Schlechtes Benehmen mag aus einer Situation akuter Überforderung erwachsen; der Mangel an Charakter aber lässt die Lücke, durch die ein Fehlverhalten unmittelbar verweist auf schlichte niedere Beweggründe. Was wir Persönlichkeit nennen und sich als Respekt in den sozialverträglichen Eigenarten des Handelns niederschlägt, ist vor allem ein Schutz vor den menschlichen Untiefen.

Kirchgang

Es muss ein besonderes Talent hinter der verblüffenden Fähigkeit der Kirchen stecken, Einladungen oft so auszusprechen, dass selbst die Wohlmeinenden abgeschreckt werden.

Zurechtgerückt

Man unterschätze den Trost nicht, den das Recht gewährt. Angesichts von Willkür und Absurdität, Unbotmäßigkeit und Ignoranz im menschlichen Miteinander steht das Recht als letzte, stabile Instanz für eine Vernunft, die sich durch Folgerichtigkeit, Stimmigkeit, gleiche Geltung und Klarheit im Urteil auszeichnet. Und die den Glauben aufrecht erhält an das, was Menschen sinnvoll erschien, als sie sich fragten, was im Verhältnis zu anderen Achtung verdient. Jedes neue Gesetz und jeder Richterspruch sollte darauf implizit eine Antwort darstellen.

Wenn Maschinen denken

Ein kleiner Tippfehler bei der Eingabe, den die „intelligente“ Maschine gar nicht erst in den Text einfließen lässt, sondern zuvor „korrigiert“, bringt ihn in jene Schwierigkeiten, die er durch die Nachricht hatte gerade vermeiden wollen: „Sei diskret!“, schreibt er dem Kollegen als kurzen Hinweis, nicht alles zu sagen, was zu erfahren sich nicht vermeiden ließ. „Sei direkt!“ liest der Mitstreiter und Mitarbeiter; so lautet die Mitteilung knapp. Und der handelt, ohne zu zögern.

Ja, mach nur einen Plan

In der Differenz zwischen zwischen Plan, Strategie und Perspektive zeigt sich das Repertoire, über das Menschen verfügen, wenn sie sich anschicken, die Zukunft zu zähmen. Wo Pläne versuchen, das Maß der Ungewissheit klein zu halten durch genaue Anordnungen, rechnet die Strategie mit Unwägbarkeiten, Änderungen, Unregelmäßigkeiten, also mit all den Eigenschaften einer Zeit, die nie fest in den Griff zu bekommen ist, und setzt auf den Variantenreichtum einer orientierten Vernunft. Ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, prüft eine kluge Strategie jeden ihrer Schritte auf Angemessenheit. Noch offener ist die Perspektive, die der Zukunft eine Haltung abringt, die sie ihr gegenüber einnimmt. Anders lassen sich Handlungen und Entscheidungen nicht sinnvoll ausrichten. Vom Plan über die Strategie bis zur Perspektive wächst auch die Kraft des Geistes, die vonnöten ist, sich dem Bevorstehenden zu stellen. Der Mangel an Strategie, gar das Fehlen einer Perspektive zeugen stets von Kleingeist. Das gilt für Organisationen wie für Individuen gleichermaßen.

Ein interessantes Buch

Wer liest, findet für sich interessant, sich für einen anderen zu interessieren, der sich für anderes interessiert als nur für sich selbst.

Die Niederlage des Narzissten

Nicht im Sieg, sondern angesichts einer anstehenden Niederlage zeigen Menschen ihren wahren Charakter. Wo der eine erst die Gelegenheit bekommt, Größe zu demonstrieren, bleibt sich ein anderer treu im Ausmaß seiner Lebenslügen, die folgerichtig auf die finale seiner Täuschungen zustrebt, die Leugnung des Misserfolgs. – Das politische Drama des amerikanischen Präsidenten wird sein privates: Wenn der Narzisst verliert, verliert er sich selbst. Und schickt sich an, als Akt einer letzten Befriedigung, eine ganze Welt mitzureißen in das, was er als Abgrund empfindet. So wird das individuelle Los des einen Geschlagenen das Schicksal aller.

Das Gewicht der Worte

Unter den schwergewichtigen Wörtern finden sich viele einsilbige: Jetzt, nie, ja, nein, hier, dort …

Demokratie und Diktatur

Ohne das repräsentative Mandat hätte die Demokratie mit der Diktatur gemein, dass das Leben vom Politischen und durch das Politische nicht entlastet wäre.

Das Sagen haben

Selten sind es überlegene Worte gewesen, die jene ins Amt gehievt haben, welche inzwischen das Sagen haben. Diese Formel für Machtgesten ist irreführend. Wen es nach oben drängt, der fährt allemal besser, wenn er weiß, wann er seinen Mund fügsam zu halten hat, als ihn öffentlich oder zur Unzeit aufzutun. Die Entscheidungen über höchste Positionen fallen in den Hinterzimmern dieser Welt. An der Spitze angekommen, besteht ein Großteil der Aufgabe darin, sich des Lästigen zu entledigen, indem man es notorisch beschweigt.

All In

Beim Poker geht voll ins Risiko, wer all seine Chips setzt in der Gewissheit, zu diesem Zeitpunkt das beste Blatt, oder der Verzweiflung, keine andere Chance mehr zu haben: das All In. Solche Situationen, in denen alles auf dem Spiel steht, pressen das Gefühl höchster Unabhängigkeit und das Empfinden totalen Ausgeliefertseins in eine kaum erträgliche Anspannung. Es ist der seltsame Augenblick, in dem Freiheit und Zwang ein ununterscheidbares Los darstellen. Gewinnen und Verlieren scheinen dasselbe zu sein, weil alles nur noch nach der Erleichterung durch eine Entscheidung strebt.

Zeitgenosse

Vielleicht ist Unzufriedenheit nichts anderes als ein schlechter Umgang mit Zeit. Sie stellt sich ein, wenn Dringliches nicht schnell genug erledigt werden kann, wenn Bedürfnisse ihren Frieden nicht finden, weil sie zu lang warten müssen auf Erfüllung, wenn der verpasste Moment sich im Nachhinein als der rechte Augenblick vorstellt, der nicht ergriffen wurde. Sie erfasst den Frühaufsteher, der verschlafen hat, und den Morgenmuffel, der aus dem Schlaf gerissen wurde. Sie nistet sich ein ins Leben als lästiger Dauerzustand, als leeres Gefühl, sich selbst enteilt zu sein, als Missmut, einer Vorstellung hinterherhinken zu müssen, von der sich nicht einmal genau sagen lässt, was sie auszeichnet. Unzufrieden ist, wer meint, seiner eigenen Zeit böse sein zu sollen. Bitter, wem es nicht glückt, zum Zeitgenossen zu werden.

Maskenpflicht

Durch das gut besetzte Großraumabteil dröhnt per Lautsprecher die strenge Stimme des Zugchefs, der die Reisenden an die Maskenpflicht erinnert, zum Schutz vor sich selbst und aus Rücksicht auf die Mitfahrer. „Bleiben Sie gesund!“ Die Hälfte der Nebenmenschen, die sich die Umluft aus der schwach arbeitenden Klimaanlage teilen, trägt die lästige Mund- und Nasenbedeckung, manchen hängt sie lässig am Handgelenk, zu viele ignorieren die Aufforderung. Als die Fahrkarten kontrolliert werden, sind plötzlich fast alle Gesichter hinter Stoff verborgen. Nur eines nicht. Die Schaffnerin verzichtet auf das Utensil und ruft zwischen die Reihen: „Hier ist die Luft zu stickig. Sie können die Masken abziehen.“ Verblüfft darüber, dass man die Ansprüche nur senken muss, um die Moral zu heben, reagiert niemand. Und auch nach dem Ticketcheck bleiben die Tücher hochgezogen. Manchmal reicht Absurdität, die Menschen zur Raison zu bringen.

Urlaub in Krisenzeiten

Das begehrteste Reiseziel hat seine Grenzen noch geschlossen: das Land des Vergessens.

Schnelldenker

Nicht jeder langsame Denker ist gründlich, nicht jeder schlagfertige Kopf ein wacher Geist. Aber die Bedächtigkeit vermag den schnellen und sprühenden Verstand zu prüfen, wohingegen Akribie und Akuratesse durch Esprit und Phantasie selbst in ihrem eigenen Talent überboten werden: der Tiefe.

Niemand will es gewesen sein

Einer der Krisengewinner ist der Feigling. Nichts war leichter für ihn in Zeiten des Präsenzmangels und sozialen Abstands, als heimlich und unentdeckt zu handeln. Wie viele Entscheidungen sind in den vergangenen Wochen getroffen worden, deren Folgen sich niemand stellen musste, weil keiner da war, vor dem man sich zu rechtfertigen hatte. Und wie viele Entschlüsse sind nicht gefällt worden, die man schlicht dem Gang der Dinge meinte überlassen zu können, weil keiner sie einforderte oder Beratungsinstanzen sich nicht einfinden konnten. Verantwortung ist doch mehr als ein Zuständigkeitsvermerk und hängt unmittelbar am Risiko einer Begegnung mit dem, dem man eine Erwiderung und Reaktion zweifelsfrei schuldig wäre.

Ohne Zweifel

Das geschickteste Mittel, eine Gewissheit zu erschleichen, ist, eine Frage für beantwortet auszugeben, indem man partout vermeidet, sie zu stellen. Sie zu erledigen, meint hier, sich ihrer still zu entledigen. Die Atemlosigkeit so mancher Politiker in ihren Reden rührt genau daher: weniger weil es so unermesslich viel zu sagen gäbe, sondern um nur keinen Zweifel aufkommen zu lassen zwischen zwei Sätzen.

Wechselnde Mehrheiten

In der Demokratie des Lebens kommt es nur selten zu einer großen Koalition zwischen Ich und Wirklichkeit. Meist steht die Wirklichkeit in der Opposition und das Ich regiert. Im umgekehrten Fall sind die Niederlagen schmerzhaft.

Problematisch

Ein Problem verstehen heißt, es selber als eine Lösung anzusehen, die nicht aufgegangen ist.

Schöne Seele

Die Schönheit der Seele hat einen Namen: Gute Laune.