Mit dem Licht gespielt

Noch heute heißen einige Kinos wie in früheren Tagen: Lichtspiele. Das war ein Wort für den Film, das fortlaufende Bild. Die Theater, in denen die Zelluloidstreifen gezeigt wurden, haben die zum Namen verkürzte Metapher übernommen. Wenn das Licht spielt, in den Zwischenräumen der Wolken etwa, bringt es Bewegung in eine starre Situation, lässt Farben und Schatten wechseln, wandelt Dunkles in Helles, Stumpfes ins Strahlen. So wird das Unscheinbare, das sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellt, weil es anderes zum Scheinen bringt, selber auffällig. Als Lichtspiel ist das Licht zwar immer noch nicht zu sehen; man sieht nur das, was es erleuchtet. Aber es deutet seine zaubrische Kraft an, die auch nur als zurückhaltende überhaupt erträglich ist. Das ist die zärtliche Schönheit dessen, was Energie hat: dass es anderes glänzen lässt, ohne in Erscheinung treten zu müssen.

Himmelfahrt

Nichts lässt so erwachsen werden wie endgültige Abschiede.

Liebesgenuss

Was Denken und Handeln aufgesplittet erleben: das Bewusstsein betrachtet die Welt, die Tat genießt sie, fällt in der Liebe zusammen. Die Liebe ist die einzige Lebensform, in der Lust und Anschauung sich in Gleichzeitigkeit finden. Sie kann sehen und schmecken in eins, spüren und im selben Moment beobachten, ist als Fleischeslust nicht blind und als Augenlust nicht stumpf. Die Liebe lässt sich nie nur theoretisch verstehen und nie nur als Praxis vollziehen.

Halten Sie Abstand, bitte!

Anbiederung ist jene Form des Entgegenkommens, die kein Gespür besitzt, wann sie haltmachen muss. Es ist gerade aufdringliche Nähe, nicht Ignoranz und Distanz, die zu Abstoßungsreaktionen führt. In ihren späten Versuchen, sich Wählergruppen anzuverwandeln, deren weitreichenden Einfluss sie unterschätzt haben, wirken viele Politiker hilflos und lächerlich – vor der Wahl und, erst recht, nach der Niederlage. Weniger, weil sie die Lebenswelt derer kaum verstehen, die ihnen zugesetzt haben, als vielmehr, weil sie eine zentrale Erwartung enttäuschen: die einer Souveränität, deren Haupteigenschaft ist, sich nicht gemein zu machen.

Freigebigkeit

Nur die freien Geister haben ein freigebiges Gemüt. Wenig besorgt darum, dass ihnen am anderen Tag nichts Neues mehr einfällt, verschenken sie sich im Augenblick ohne Vorbehalt. Nicht wer viel hat, gibt auch schon viel. Aber wer viel erwarten darf, muss nicht viel zurückhalten.

Fragen an Europa

Wie lautet eigentlich die Frage, auf die Europa die Antwort darstellt? Auf den grellbunten Plakaten, die den Weg zur Wahlurne säumen, stehen knapp gefasste lösungsähnliche Parolen, rätselhafte Versprechen, unverhohlene Ressentiments, Allerweltsschlagwörter. Keines, das für eine Idee brennt, das vor Lust auf die anderen Nationen sprüht, das Begeisterung, die unbändige Kraft vermittelt, Vorurteile, Fremdheit, Sprach- und Verständnisbarrieren überwinden und Unterschiede anerkennen zu wollen. Den abgebildeten Politikern ist man irgendwann und irgendwo schon einmal begegnet; sie wurden zumeist aus den hinteren Reihen nach vorn gedrängt, abgeschoben in ein Parlament, das wie eine zerstrittene Marketingabteilung funktioniert, der die Ideen ausgegangen sind. Wie lautet eigentlich die Frage, auf die eine Großbehörde die Antwort darstellt? Vielleicht hat Europa gar nicht die Eigenschaften einer Antwort, sondern will vor allem in Frage und in Zweifel ziehen, was ein überdimensionierter Apparat über Jahre hin an Selbstgewissheiten und Selbstverständlichkeiten produziert hat.

Knappe Ressource

Dass Zukunft, trotz ihrer schier unendlichen Offenheit, eine knappe Ressource sein kann, ist die Entdeckung dessen, der lang genug gelebt hat. Wenn die später Geborenen fürchten, das nicht nur für ein individuelles Los halten zu müssen, sondern an einer gemeinsamen Welt nicht mehr zureichend intensiv teilhaben zu können, bricht jener Konflikt auf, der als Generationenkampf aushandelt, wem die Zukunft „gehört“. Die Jüngeren fühlen sich zu alt, wenn die Alten die Zukunft der Jungen verspielen, indem sie ihre eigene zu retten versuchen, weil alt zu sein nichts anderes bedeutet, als seine Zukunft verspielt zu haben. So ließe sich Generationengerechtigkeit verstehen: als Umverteilung der knappen Ressource Zukunft.

Der Sinn der Rede

Der Sinn der Rede ist, sinnvoll zu reden. So einfach ist es. Und so schwer.

Freiheit und Verantwortung

Die Entwicklung zur Persönlichkeit lässt sich beschreiben als Entdeckung des hermeneutischen „Als“ zwischen Freiheit und Verantwortung. Dass Freiheit als Verantwortung gelebt werden will, erschließt sich jenen nicht, die ihr Streben nach maximaler Willkür mit dem Gestus verbinden, sich nur minimal von den Folgen ihres Tuns belästigen zu lassen.

Finstere Verschwörung

Im Unterschied zu jeder anderen Theorie verliert die Verschwörungstheorie bei ihren Anhängern nicht an Plausibilität, wenn man sie falsifiziert. Sie steigert vielmehr die Überzeugungskraft, weil zu ihrem Grundbestand gehört, dass sie angegriffen wird.

Goldene Regel

Der reziproke Grundsatz, der schon in den frühesten Zeugnissen der Religionen die Eigenschaft eines Handlungsgebots annimmt und der in der volksmundartlichen Variante gereimt lautet: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu“ – dieses ethische Prinzip lässt sich kaum ins Positive wenden, wenn man die Umkehrung der Perspektive wählt. Die Zumutung wäre zu groß, den anderen all das angedeihen zu lassen, was man von ihnen erwartet (und zurecht nicht ausspricht), das sie einem in schönster Zuneigung und größter Gunst gewähren mögen. Die Goldene Regel erinnert, und dabei sollte man es belassen, schlicht daran, wie sinnvoll es ist und wie gut es tut, sich gedanklich und emotional gelegentlich an die Stelle seines Mit- und Nebenmenschen zu bewegen.

Die Namen der Freiheit

Selten tritt Freiheit unter ihrem eigenen Namen auf. Was soll sie von sich auch sagen; wie sich vorstellen als ein Vermögen, das von nichts abzuleiten ist, durch nichts begründbar, verlöre es doch sonst seinen Charakter? Die Formen der Freiheit, unter denen sie uns sinnfällig wird, heißen: Gestaltungswille, Verantwortung, Entscheidungsfreude und, nicht zu vergessen, Angst.

Die Bedingungen des Erfolgs

Im Unterschied zum Angestellten oder Beamten ist der Unternehmer für die Grundbedingungen seines Erfolgs selber verantwortlich. Nicht was er herstellt oder anbietet, verkauft oder erfindet, entscheidet über sein Geschäftsglück allein, sondern mindestens auch sein Geschick, die Voraussetzungen geschaffen zu haben fürs langfristige Gelingen. Wie kein anderer im ökonomischen Spiel beweist der Unternehmer sein Talent, indem er der Zukunft eine Gewissheit durch seine formsicheren Vorstellungen zuschreibt, die sonst nur der Vergangenheit innewohnt. Und die Gegenwart handlungssteuernd verdichtet auf den Zeitpunkt der Entschlüsse. Der Wille ist ihm vertrauter als die Vernunft.

Trostbedürftigkeit

Was unser Talent zu trösten am meisten hindert: dass wir vertrösten.

Abarbeiten

Welche Eigenschaften sind es, die Worte so zwingend erscheinen lassen, dass man nicht anders sich zu ihnen stellen kann, als dass man sich an ihnen abarbeitet? Der unmittelbar einsichtige Satz fordert nicht. Die klar falsche Aussage stört nicht wirklich; sie ist lästig und leicht zu widerlegen. Jenseits der Frage, ob der Gedanke richtig sei oder sein Autor recht habe, ob als eine Sache stimme oder absurd sei, handeln nachwirkend irritierende, provokative Ansprüche einen Antwortraum aus, der nicht allein von der Vernunft besetzt werden kann. Jenes Wort, das die eigene Position herausfordert, das zur Änderung – nicht nur von Einsichten, sondern – von Einstellungen nötigt, erfüllt sich erst, wenn mit der Behauptung eine existenzielle Beziehung eröffnet und eingegangen wird. Dann heißt Wahrheit, was sich nur über das Leben dem Denken erschließt.

Die Geschichte vom gezogenen Stecker

“Spielst du mit mir?“ fragt der Achtjährige.
“Ich bin müde“, antwortet der Vater.
“Nur kurz. Bitte“. Das Kind lässt nicht locker und zerrt am Ärmel. Das Elternteil auch nicht und bleibt stumm auf der Couch liegen.
Der Sprössling betrachtet seinen Lego-Roboter, untersucht Akku und Ladestation. „Ich weiß, wie du wieder wach wirst. Du brauchst einfach ein Kabel und einen Stecker. Dann kannst du dich aufladen. Ich werde das erfinden.“ Er setzt sich an den Tisch und fängt die erste Konstruktionszeichnung an für den nimmermüden Menschen.
Der Vater, ob solcher zukunftshungrigen Neugier und der Problemlösungskompetenz seines Zöglings hellauf begeistert, setzt sich zu ihm.
„Siehst du, es hat geklappt“ meint der Junior, leise auftrumpfend. „Ich werde das der Mama sagen. Dann kannst du ihr immer helfen, wenn sie ruft.“
Schlagartig verfällt der Ältere wieder in seine Trance. Gerade bekam er vorgeführt, was fast jede Erfindung an Schicksal durchläuft. Das Neue beginnt mit einem Triumph und endet als Trivialität.

Die Macht der Worte, die Gewalt der Taten

Je schlichter die Talente zur Kommunikation, desto größer die Tendenz zur Gewalt.

Nun aber bleibet …

Was Liebe, Lust und Leidenschaft begründet haben – eine Beziehung zwischen Zweien, die mehr sein will als eine Liebelei, welche so lang lustig bleibt, wie sie keine Leiden schafft –, verdichtet sich auf eine Frage, sobald sie nach Dauer und Belastbarkeit strebt: Glaube ich dem anderen und traue ich mir zu, dass wir alles setzen auf jene Kraft zur Versöhnung, die immer eintreten soll, wenn es an der Liebe gemangelt hat, die Lust vergangen ist und mit Leidenschaft nur noch der eigene Weg verfolgt wird?

Das soll ich gesagt haben?

Wie Stauden oder Bäume, Gestrüpp und Gesträuch, die Frühblüher wie die Hölzer des Spätherbstes nicht einfach verpflanzt werden können, so ist es auch mit Wörtern, die aus dem Kontext gerissen worden sind. Als Zitat suchen sie, sich an die neue Umgebung anzupassen; als fragmentarische Erinnerung erproben sie gegenwartserhellende Bedeutungen; als Vorhalt hängen ihnen noch spitze Stacheln an; der „ewigen“ Wahrheit ist schon anzusehen, dass sie alsbald verdorrt sein wird. Nur die einfachsten Äußerungen haben Chancen, länger zu gelten. Je schlichter ein Satz, desto kraftvoller die Wirkung über seine Zeit und seinen Ort hinaus.

Mit- und Nebenmenschen

Die größte Bedrohung für jene Menschen, denen das Leben sich voller lichter Heiterkeit zeigt und leicht fällt, geht nicht aus vom gelegentlich aufkeimenden Hang zum bedenkenlosen Leichtsinn, der mit unschuldiger Vorliebe sich selbst Fallen stellt, sondern von jenen anderen Nebenmenschen, die sie neiderfüllt beobachten und gehässig danach trachten, ihnen das Leben schwer zu machen.

Die zwei Beine des Wohlstands

Der Reichtum eines Lands entscheidet sich an seiner Kraft zur Erneuerung. Es geht im Ganzen nicht nur um die Frage, was einer hat, sondern vor allem um die Aufgabe, wie viel er erreichen will. Nicht zuletzt, weil er träge macht, gefährdet Besitzstand den Wohlstand.

Schluss jetzt!

Anders als der Angestellte, dessen Ausscheiden aus dem Arbeitsleben angewiesen wird mit dem Erreichen der Altersgrenze, muss der Freiberufler und Selbstständige sich fragen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen sei, sich zu verabschieden vom beruflichen Umfeld. Mit dem Nachlassen der Kräfte, und welcher denn: der körperlichen, der geistigen? Aber woran wäre das ablesbar? Auf dem Höhepunkt des eigenen Erfolgs? Doch wie ist der bestimmbar? Aus Unlust? Das Ende zu definieren ist willkürlich, aber nicht beliebig. Heimlich träumt der Ungebundene vom idealen Abschied in dem Augenblick, da das Bedauern der anderen am größten wäre über seinen Weggang. Allerdings wäre das auch wieder nicht passend, weil er diese leise Trübsal der Kollegen oder Kunden dann gar nicht genießen könnte. Wäre sie überhaupt echt? In Wahrheit haben schon viele Gute sich aus ihrer Profession zurückgezogen – und keiner hat es gemerkt, geschweige denn beklagt.

Wille und Weg

Es ist gut, dass der Wille gelegentlich blind ist. So kann er nicht die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens sehen, die ihm von vornherein seine Kraft raubte. Das Englische kennt die Wendung indomitable spirit, das Unbezähmbare und schlecht Bezwingbare. Es erinnert an die Wildheit eines Wollens, die sich nicht hindern lässt, weil sie letztlich nichts anderes ist als der Lebens- und Überlebenstrieb.* Und die am anschaulichsten wird im Wettkampfsport. Da ist der Wille eine Macht, auch wenn er nicht Wille zur Macht ist. Er verbündet sich nur mit der Tat, weil er einen Pakt geschlossen hat mit dem Resultat.

* Im Nachlass von Nietzsche findet sich ein aphoristischer Text, der unter dem Titel „Wille und Welle“ publiziert wurde: „Wie gierig kommt die Welle heran, als ob es etwas zu erreichen gälte! Wie kriecht sie mit furchterregender Hast in die innersten Winkel des felsigen Geklüftes hinein! … Es scheint, daß dort etwas versteckt ist, das Wert, hohen Wert hat – und nun kommt sie zurück, etwas langsamer, immer noch ganz weiß vor Erregung, – ist sie enttäuscht? Hat sie gefunden, was sie suchte? Stellt sie sich enttäuscht? – Aber schon naht eine andere Welle, gieriger und wilder noch als die erste. Und auch ihre Seele scheint voll von Geheimnissen und dem Gelüste der Schatzgräberei zu sein. So leben die Wellen, – so leben wir, die Wollenden.“ 

Schnitt für Schnitt, Schritt für Schritt

Mit der Gen-Schere Crispr-Cas9, so unaussprechlich das Akronym, so ungeheuerlich die Anwendung, hat der Mensch die Fähigkeit erworben, nun auch sich selbst in seinen natürlichen Voraussetzungen ein für allemal verändern zu können. Ein Eingriff in die Keimbahn, die Ausschaltung von Defekten im Erbgut, das Design von Bauformen des Körpers, bedeutete einen prinzipiellen Einschnitt in der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Er würde weitergegeben werden an die Folgegenerationen. Die ethischen Probleme, die sich aus diesem technischen Vermögen ergeben, sind so tiefgreifend, dass es schon schwierig ist, sie als Fragen recht zu formulieren, geschweige denn eine angemessene Antwort zu finden. In solchen weltüberfordernden und weltbewegenden Fällen, wie etwa auch der Zerstörungskraft von atomaren Sprengköpfen, fand stets das Moratorium seine Funktion, der vertraglich vereinbarte Aufschub als dezente Rechtsform, die die Aufgabe des einst so wichtigen Tabus übernommen hat, und die wechselseitige Abschreckung, balance of power genannt. Es sind letzte, vielleicht verzweifelte Akte, die aus der Einsicht geboren sind, dass die Macht der Zerstörung nicht mit der Macht einhergeht, zurückzunehmen, die alte Unschuld wiederherzustellen, nachdem die Waffen einmal erfunden waren. Das Schreckensszenario wirkt wie ein Verbot und hat bisher die Bildkraft besessen zu hindern, was nie geschehen darf. Was aber, wenn die Zerstörungsmacht der Gen-Schere ähnlich weitreichend ist, nur dass sie als Versprechen daherkommt, dem Menschen eine Zukunft frei von Krankheit oder Leiden zu gewähren, ihn lockt mit der Aussicht auf eine nie geahnte Verbesserung seiner Hirnleistungen, seiner Muskelkräfte, auf übermenschliche Fähigkeiten? Was, wenn in der Schöpfung, die nach alter Weise aus dem Nichts geschehen sei, dieses Nichts selber noch gegenwärtig ist? Und mit dem Maß dessen, was geschaffen werden könnte, mitwächst?