Was sich nicht sagen lässt

„Von einem Journalisten Diskretion zu erwarten, wäre so, als belegte man ihn mit einem Berufsverbot.“
„Im Gegenteil. Nur weil er schweigsam ist, erfährt er Neuigkeiten. Die schönsten Geschichten lassen sich leider nicht immer erzählen. Aber sie bilden einen verlässlichen Hintergrund, vor dem all das klarer erscheint, was berichtet wird.“
„Dann ist also die Nachricht gar nicht das, was in den Nachrichten kommt, sondern das, was sie zur Nachricht macht?“
„Radikale Aufklärung zerstörte alles Interessante.“

Politische Unvernunft

Der Erfolg des Populismus hängt nicht zuletzt an einer wachsenden Vielzahl von Menschen, denen es politisch genügt, wenn sie sich berauschen können daran, es „den anderen“, den etablierten oder „Altparteien“, gezeigt zu haben. In der Negation findet er seine Befriedigung. Sobald sich ihm ein Gestaltungsspielraum geöffnet hat, weil er an die Macht gekommen ist, zeigt sich seine Ratlosigkeit, wenn jenseits von Restitution oder Korrektur neuen Fragen entschlossen zu entgegnen ist. Der Populismus ist stets rückwärtsgewandt. Im Blick nach vorn sieht er nur die Katastrophe oder Apokalypse.

Bildkraft

Immer wieder steht im Zusammenhang mit großen technischen Sprüngen – vor fünfzig Jahren war es der Mondbesuch, heute sind es vielleicht: die Steuerung der Selbstheilung weltgeißelnder Krankheiten, der Ersatz von Menschlichkeit durch Maschinlichkeit(?), damit die Entdeckung einer (be)fremd(lich)en Art von Unsterblichkeit, der Singularität – die Verlegenheit des Ausdrucks. Wir können noch nicht sagen, was wir schon denken oder erleben oder gar tun. Dabei bietet die Sprache für solche Neuerungsschübe ein reiches Arsenal an bildkräftigen Wörtern: die Metaphern. Sie vermischen und verdichten Bekanntes mit Unbekanntem zu einer erhellenden Überraschung. Der Mittelalterforscher und Philosophiehistoriker Kurt Flasch hat in seiner umfangreichen und inhaltsschweren Studie über Hans Blumenberg darauf hingewiesen, dass dessen Metaphorologie an der Kosmologie entwickelt worden sei.* Es ist also in entscheidenden Phasen so, dass die Wissenschaft sich nicht von der noch dunklen anschauungsgeleiteten Wortform her entwickelt zur Theorie, sondern dass die Begrifflichkeit sich an Sprachbildern orientiert und so um Einverständnis wirbt über Phänomene, die sich der Beschreibung und Kategorisierung noch entziehen. Wie lauten die großen, absoluten Metaphern unserer Zeit?

* Kurt Flasch, Hans Blumenberg. Philosoph in Deutschland: Die Jahre 1945 – 1966, 377ff.

Glück

Glück ist, wenn der Wille zum eigenen Glück nicht das Unglück der anderen bedeutet.

Moralische Größe

Die Grundsätze einer großen Moral entwickeln sich an der Überwindung von Verboten und realisieren sich nicht in einem Dickicht ungezählter Untersagungen. Wenig Vorschriften, viel Haltung: das macht eine Moral aus, die die Handlungsanforderungen und Verhaltensmuster einer Gesellschaft souverän begleitet.

Wehe!

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:

Von Anfang an stützte sich die Lebendigkeit ihrer Beziehung auf eine belastbare Paradoxie. Als er sie vor vielen Jahren erstmals wirklich wahrnahm, spürte er sogleich, wie nervös sie drängte, jene fiebrige Ungeduld, die, sobald sie der unterschwellig arbeitenden Methode gewiss ist, ihre Ziele rücksichtslos verfolgt. Es zog ihn an, rein beruflich zunächst, weil er wusste, dass mit solchen Menschen Erfolge sich gleich im Dutzend einstellen. Berechnend, aber auch berechenbar erschien sie ihm, leicht zu steuern. Er musste nur ihren heimlichen Ehrgeiz lenken. Was er unterschätzte, ja zu spät erkannte, war die tiefe Gründlichkeit – nicht zu verwechseln mit Tiefgründigkeit, die ihr gänzlich fehlte –, mit der sie die Absicht verfolgte, ihn zu „kriegen“. Das Wort bildet ab, was die Sache in Wahrheit war: ein versteckter Eroberungskrieg, nicht erklärt, ohne klare Fronten und Waffengänge. Allerdings höchst wirksam. Als er merkte, in welche Art der Auseinandersetzung er sich verstrickt hatte, war es längst zu spät. Er ergab sich, weniger aus Schwäche denn aus Gleichmut. Lang hatte er gemeint, er könne sie führen zu immer höheren Ansprüchen und besseren Ergebnissen; dabei hatte sie schon immer nur eines im Sinn gehabt: ihn. Es schmeichelte ihm. Nicht mehr. In dem Maße, wie das private Glück bei ihr wuchs, erlosch sein professionelles Interesse. Sie hatte ihn bekommen. Er aber nicht das, was er sich erhofft hatte. Ihre Leidenschaft war ihm unheimlich geblieben. Was will sie von ihm? Sie damit zu beschäftigen, war sinnlos: „Was schon, mein Schatz“, wäre ihre Antwort, „das, was alle wollen.“ Und sie würde sich wieder auf ihn stürzen und jede weitere Frage aus seinem Gehirn zu blasen versuchen. So ging das jahraus, jahrein. „Was will ich eigentlich?“ Als, spät genug, die Frage bei ihm langsam, aber nachdrücklich hochkroch, war sie schon verschmolzen mit einem verzweifelten Unbehagen. Er ahnte, dass er ihre Liebe nur erwiderte, weil er sich fürchtete vor ihrem Hass. Jede ihrer Gesten empfand er als eine unausgesprochene Drohung, gerade die reizvollen und Zeichen der Zugewandtheit. Ihre Liebe war seine Strafe. Ihr Wohltun sein Wehe. Eine Strafe für nichts. Und er verstand zum ersten Mal den bitteren Sinn dieser Wendung: für Nichts.

Ans Licht bringen

Das Interview, der Wortbedeutung nach – nicht nur der Austausch von Sichtweisen, sondern  – jener Blick, der zwischen das geht, was offenkundig und augenfällig ist, verdankt seine Herkunft dem Leitmotiv der Aufklärung: ans Licht zu bringen, was sonst verborgen bliebe. Sein verstecktes Ideal ist die Verlegenheit des Befragten, die anzeigt, dass hier nichts zu sagen ist, aber, gerade im Gegenteil, viel zu erfahren wäre. Der stille Konsens, den Interview“partner“ nicht bloßzustellen, mag aus politischer Rücksicht auf die Personen getroffen sein, die noch oder wieder ins Gespräch gezogen werden sollen. Gleichwohl unterläuft er die demokratische Aufgabe, für Erhellung und Klarheit zu sorgen. Auf dass die Allgemeinheit nicht nur mit Ergebnissen abgespeist wird, sondern auch die Beweggründe entdeckt, die zu ihnen geführt haben.

Antizyklisch

Auch eine Stadt, die niemals schläft, ruht doch gelegentlich aus. Sonntags am Morgen zwischen vier und acht Uhr kann die ungewohnte Stille im Lebensbetrieb einer Metropole ein unerwarteter Genuss sein, wenn man nur rechtzeitig aufgestanden ist. Man muss antizyklisch handeln, um überraschende Erfahrungen zu machen: schweigen, wenn geredet wird; denken, wenn eine Entscheidung erwartet wird; investieren, wenn die Mehrheit verkauft; lieben, wenn der Ruf nach Vergeltung erschallt.

Mondmenschen

Der zweite Mann, der den Mond betreten hat, Buzz Aldrin, nennt als überwältigenden Eindruck die „herrliche Trostlosigkeit“ des Trabanten. Was kann an der Abwesenheit von Trost faszinieren? Vielleicht das vollkommene Fehlen des Bekannten, das die Sinne des fremden Besuchers von einem anderen Planeten bis in Letzte schärfen muss (jeder nächste Schritt ist von maximaler Ungewissheit begleitet), so dass der Luxus großer Fragen gar nicht erst zur Versuchung werden kann (der berühmte Satz des Mitreisenden Armstrong vom kleinen Schritt und vom großen Sprung ist lang vorher überlegt). Trostlosigkeit ist Menschenleere. Und mit ihr verschwindet auch die Möglichkeit zu einem Gefühl, das als Untröstlichkeit die Verzweiflung an der Trostlosigkeit herausstreicht. Herrlich.

Ei gude wie

Kurz hinter Hamburg spricht der Zugbegleiter, der die Tickets kontrolliert, die Fahrgäste in der breitesten Frankfurter Mundart an. Einige sind peinlich berührt und wissen gar nicht, wie auf die Grußformel zu reagieren ist: „Ei gude“. Nur ein Mitreisender, der gerade an seinem Brot knabbert, antwortet beiläufig: „Danke.“ Er interpretiert das “ Ei gude“ offenbar als „Einen guten Appetit“.

Ist es recht so?

Nichts erscheint arroganter als die Überzeugung, sich nicht rechtfertigen zu müssen.
Wenig ist demütigender als die Verweigerung, sich rechtfertigen zu dürfen.
Kaum etwas ist erhebender als die Rechtfertigung durch einen anderen.

Person und Sache

Sachlichkeit ist die Haltung einer Person, die frei sein will von persönlichen Interessen und sachlichen Zwängen. Persönlichkeit ist die Eigenschaft einer Person, die sich nicht abhängig macht von sachlichen Zuwendungen und persönlichen Einflüssen. Man kann Entscheidungen danach bemessen, wie sehr sie der Sache dienen, weil sie sich an der Persönlichkeit orientiert haben, und die Person achten, weil sie auf Sachfremdes verzichtet hat.

Konkret und abstrakt

In Liebesverhältnissen hat gelegentlich die verzweifelte Formel Platz: … mehr als du denkst. Sie will die Grenzen der Vorstellung des Partners markieren und die Grenzenlosigkeit der Zuneigung artikulieren. Dabei wird sie seltsam abstrakt, weil sie sich der Anschauung generell enthebt, die ja nicht nur der Einbildungskraft des anderen beschränkt zu eigen ist, sondern auch dem eigenen Handeln, das immer nur einem empfundenen Gefühl annähernd entsprechen kann. Mehr als du denkst, heißt eben auch: mehr als ich zeigen kann. Und somit: weniger als mancher glaubt.

Ungefragter Rat

Das Problem des ungefragten Rats ist, dass er lästig ist; das des gefragten Rats, dass er meist gefällig ist. Niccolò Machiavelli zog daraus die Konsequenz, in seinem Schreiben Lorenzo de‘ Medici ungefragt zu raten, nur gefragten Rat anzunehmen. „Ein Fürst muss sich daher immer beraten lassen, aber jeweils nur, wenn er selbst es will, und nicht wenn andere es wollen; vielmehr muss er jedem den Mut nehmen, ihm in irgendeiner Angelegenheit einen Rat zu erteilen, wenn er ihn nicht darum gefragt hat.“* Hier ist die ganze Paradoxie in einem kurzen Gedanken formuliert, in der alle Consulting-Verhältnisse gefangen sind, die Beratung zu einem Geschäftsmodell entwickelt haben.

* Der Fürst, Kap. 23

Mach dich nicht gemein

Es gehört zur Überrumpelungstaktik in Machtspielen, den plötzlichen Wechsel von einer unterschätzten Gruppe hin zum überschätzten Flügel einer Partei zu vollziehen. In beiden Fällen bleibt die reale Größe unsichtbar, die Bedeutung einer politischen Bewegung wird, je nach Bedarf, verniedlicht (wenn der Verfassungsschutz sie beobachtet) oder aufgeblasen (wenn die eigenen Anhänger mobilisiert werden sollen). Hier fallen scheinbar harmlose Sätze nach dem altbewährten Muster, man werde das ja noch sagen dürfen. Dort greifen Fackellicht und Marschmusik kalkuliert zur beladenen und belasteten Symbolik einer zerstörerischen Ideologie, um die Tragweite des gesellschaftlichen Umbruchs zu demonstrieren, der angeblich anstehe. Zu wenig oder zu viel, das im Wechselspiel vorgetragen, ist Teil der Tarnung von Größenwahn und Großmachtphantasien. Es werden Mitläufer gesucht, deren Hemmungen beschwichtigt und deren Sehnsüchte beschworen werden. Ohne die lässt sich jener gefährliche Umschlagpunkt nicht erreichen, an dem die Massen überlaufen, weil sie fürchten, sonst abgehängt zu werden. Mit dieser Angst wird von Anfang an gespielt. Es sind stets niedere Motive, die selbst Einsichten korrumpieren, von denen die ungetrübte Vernunft mit gutem Willen behaupten könnte, sie seien richtig. Bei allen Debatten um die Auseinandersetzung mit solchen Gruppen, ist der Hinweis eines entspannten parlamentarischen Umgangs mit ihnen der falsche. Eher wäre zu erinnern an das, was Souveränität heißt: sich nicht gemein zu machen mit denen, die Gemeinheit im Sinn haben und von Gemeinsinn und Gemeinwohl mit gespaltener Zunge reden. Und alles daran zu setzen, dass die Tarnung auffliegt, damit jener verheimlichte Hang zum Ressentiment, zum Hass, zum Kleinlichen, zur destruktiven Enge, zur Verachtung von allem anderen und allem Fremden, zur Brutalität und Rücksichtslosigkeit, zur Dumpfheit und Grobheit offenbar wird. Man kann nicht mit Gedanken spielen, wenn der Ernst eine klare Haltung fordert. „Wehret den Anfängen!“ – das zu rufen, ist zu spät. Aber schenken wir dieser Bewegung die Aufmerksamkeit, die sie verdient, eine kritische, selbstbewusste, orientierte, aufgeklärte und aufklärende, mutige Öffentlichkeit, in deren Helle das Düstere finster erscheint und die Verhältnisse maßstabsgetreu zurechtgerückt sind.

Ortsunkundig

Drei Antworten in einer fremden Stadt. Der Reisende, auf dem Weg, die Metropole zu erkunden, will wissen, was sich hinter der architektonisch auffälligen Fassade verbirgt. Einen Reiseführer hat er mit Bedacht zu Hause gelassen:
„Darf ich Sie kurz anhalten?“ Passant A: „Schon passiert. Was gibt’s?“
„Können Sie mir sagen, was das ist?“ Er zeigt auf das Gebäude. Passant A: „Keine Ahnung. Ich komme nicht von hier.“
Er wendet sich um. Passant B fängt seinen Blick auf. „Darf ich Sie fragen, was das für ein Haus ist?“ „Hä? Woher soll ich das wissen? Ich wohne hier.“
Da mischt sich Passant C ein: „Wenn du hier leben würdest, würdest du auch nicht fragen. Hier hat keiner Zeit, sich mit solchen Nebensächlichkeiten aufzuhalten.“
Besser lässt sich eine Stadt nicht kennenlernen, als über die Reaktionen derer, die sich in ihr bewegen.

Zwei Bestimmungen des Menschen

Spiegelbildlich, so stehen zwei auffällige Bestimmungen des Menschen zueinander, die das Denken des vergangenen Jahrhunderts tief beeinflusst haben. Die eine sieht in ihm ein Wesen der Angst (Heidegger), das in dieser Grundbefindlichkeit sich eine Antwort gibt auf die Frage nach der Strukturganzheit des Daseins*. Die andere arbeitet mit der Vorstellung, der Mensch sei charakterisiert durch seine Trostbedürftigkeit (Hans Blumenberg).** Beide, Angst und Trost, teilen zentrale Eigenschaften: Sie sind abstrakt – die Angst kennt keinen Gegenstand, vor dem sie sich fürchtet, dem Trost mangelt es an allen Instrumenten der Hilfe. Sie gehen aufs Ganze – in der Angst wirkt das „Nichts und Nirgends“, der Trost leiht sich die Hoffnung, alles sei oder werde gut. Sie stellen sich zur Welt als solcher – hier als Raum, in dem sich der Mensch seiner Freiheit vergewissern muss, dort als Ort, von dem es sich zu befreien gilt. Der Trost überwindet die Angst und verweist schon deswegen auf ein Wort, das sich garantiert nicht selbst gesagt werden kann.

* Sein und Zeit, §§ 39, 40
** Die Sorge geht über den Fluss, 153 

Hinderungsgründe

Auch die Zerstörung kennt das Ideal der Nachhaltigkeit. Ihm entspricht vollkommen das Ressentiment, ein Gift, das so langsam wie gründlich wirkt. Warum? Weil es nicht gegen die anderen vorgeht, sondern das Gelingen selbst sich zum Feind erklärt hat.

Werkzeugkasten für das Leben

Die wichtigen Fragen des Lebens entscheiden sich nicht auf der Ebene, auf der sie gestellt werden. Sondern dort, wo sich zu ihnen ein Verhältnis entwickelt hat. Die deutsche Mitarbeiterin, die ihren Job im amerikanischen Unternehmen gekündigt hat, erntet von ihren Freunden hierzulande besorgtes Entsetzen und von den Bekannten jenseits des Atlantiks Bestätigung, Ermutigung, Stolz. Es kommt nicht allein darauf an, ob einer arbeitet oder arbeitslos ist, sondern welche Beziehung er dazu hat – ob einer viel Geld hat oder knapp bei Kasse ist, sondern wie er sich dazu stellt, ob einer Führungskraft ist oder nicht, sondern welche Haltung er zu dieser Rolle einnimmt. Das lässt sich anwenden auf alle Lebensbereiche.

Später an früher denken

Die Sorge sagt: Früher an später denken.
Die Furcht redet: Denk später, handele früher.
Die Angst spricht: Zu spät, um noch zu denken.
Die Gelassenheit antwortet: Später an früher denken.
Das Denken behauptet: Man kann nicht früh genug denken.
Die Heiterkeit entgegnet: Ob früh, ob spät. Nur nicht zu viel denken.
Das Leben erwidert: Denk daran, wer zu früh kommt und wer zu spät kommt, den bestrafe ich. Beide

Habe ich Recht?

Ausufernde Verträge und festgeschriebene Regeln, verästelte Verordnungen oder dicke Gesetzespapiere, sie alle wollen Frieden stiften, wo sonst Unklarheiten herrschen, und sorgen doch für Lähmung, Streit, Unübersichtlichkeit. „Die Verrechtlichung hat die Welt vergiftet“, notiert Paul Valéry.* Er spricht von einer „Theologie der Niedrigkeit“, weil mit der Delegation der Aufgabe an ein Gericht, im Konfliktfall direkt zu entscheiden, zugleich ausgeblendet wird, was einen Streit meist schlichtet: dass die Parteien einander wiederbegegnen können sollten. Nicht nur über das, was geschehen ist, sollte das Urteil daher gefällt sein; sondern so, dass wieder Gemeinsames und Gemeinsinniges geschehen kann. Wie viele Verfahren indes haben als einziges Ziel, den anderen mit legalen Mitteln zu vernichten. „Das ist eine Sorte Frieden, die den Krieg verdeckt und fördert.“*

* Cahiers 5, 485

Klare Ansage

Nichts zeigt Ernsthaftigkeit so deutlich wie der Widerstand. Wo die Konfliktscheu überwiegt, entsteht jene Sprachlosigkeit, die sich später als Wut äußert. Was als routinierte Höflichkeit für oberflächliche Ruhe sorgt, übertüncht nur die Unlust, sich der Mühen eines Widerspruchs oder gar einer Widerlegung zu unterziehen. Gefälligkeitsgesellschaften sind brüchig, weil in ihnen mit dem Nein gegen andere das Ja zu sich selbst abhanden kommt. Viel hängt daran, dass wir wieder lernen, wie sich sinnvoll und belastbar begründen lässt, warum wir nicht alles teilen, was uns offeriert wird.

Entrüstungsreflex

Nicht selten ist Entrüstung ein Ersatzreflex, weil wir nicht anerkennen, dass wir schlicht überfordert sind. Die Welt scheint böser zu werden in dem Maße, wie wir die Aufgaben nicht mehr bewältigen, die sie uns täglich stellt.

Meteorologie der Philosophen

Nicht jeder Denker lässt sich jederzeit lesen und genießen. Das teilt er mit Wein, der in den heiteren Abendstunden eines langen Sommertags leicht und von weißen Trauben sein sollte, in kalten Winternächten schwer und dunkel. Eine kleine, absurde (aber so ist Wahrheit gelegentlich) Typologie, die zu ergänzen ist:

Heidegger: Winterphilosoph. Verträglich nur nach einem Skiausflug im Hochtal bei einem Schwarzwald-Gin.
Baudrillard: leichter Sommerphilosoph.
Jaspers: mit dem Frühling hellt sich die Stimmung auf.
Schmitz: das Atmosphärische bestimmt die Übergangszeiten.
Rousseau: auch Sommerphilosoph, der durch Kornfelder streift. Durch dieselben Felder geht Voltaire. Der ärgert sich aber, dass er keine Ähren raufen kann, weil das Feld abgeernet ist.
Hannah Arendt: Herbstzeitlose.
Hegel: Ganzjahresphilosoph.
Kant: Er kennt kein Wetter.