Viele von denen, die unter dem Sammelnamen „Entscheider“ gefasst werden und im Ruf stehen, Führungstalent zu besitzen, mögen zwar zu diesem und jenem entschlossen sein. Aber ihnen fehlt die wesentliche Voraussetzung jeder zielbewussten Unmissverständlichkeit: Urteilskraft. Erst sie macht eine Entscheidung zuverlässig, belastbar, vernünftig. Es gibt keine Entscheidung von Rang, die nicht auch rechtfertigungsbedürftig ist.
Ohne rot zu werden
Schamlosigkeit ist eine Form des Ichverlusts. Das Innen wird ausgeblendet, um ungehindert wirken zu können. Scham ist eine Art Weltverlust. Das Außen wird als so schmerzhaft erlebt, dass man sich wünscht, im Inneren sich zu verkriechen.
Unangestrengt ernst
Es gibt Gespräche, die von der Erfahrung leben, dass das Ernsthafte ganz und gar unangestrengt sein kann
Ohne Plan
Sowohl Gedankenarmut als auch eine Überfülle an Reflexion, sie beide können Planlosigkeit verursachen. Den einen mangelt es an vorausschauender Vernunft, die anderen entwickeln eine Strategie, die jeder fixen Ordnung überlegen ist. Pläne sind Strukturen des Mittelmaßes; sie entlasten die Intelligenz, überfordern sie nicht. Planlos zu sein heißt nicht notwendig, keine Ziele zu haben. Es kann auch bedeuten, mit Zielunbestimmtheit klug zu operieren.
Leere und Fülle
Es sind meist die vollen Tage, an deren Ende man eine innere Leere spürt, und nicht selten die leeren Tage, die als erfüllt wahrgenommen werden.
Verzockt
Die größere Niederlage, als ein Spiel zu verlieren, ist, aus einem Spiel, das man nicht gewinnen kann, nicht mehr herauszukommen.
Unhintergehbarkeit
Die säkulare Variante des Johannesprologs mit seiner Kernaussage, dass im Anfang das Wort sei, ist die Theorie des kommunikativen Handelns, die der Verständigungsorientierung und bestimmten Geltungsansprüchen zumutet, nicht rational bestritten werden zu können, ohne in einen Selbstwiderspruch zu geraten. Habermas hat den vom Evangelisten mystisch umgeformten Schöpfungsmythos nachmetaphysisch überarbeitet.
Kluge Konflikte
Kluge Konflikte haben immer ein Ziel: dass die Kontrahenten, jeder für sich, nach deren Beendigung jenes Niveau an Einsicht erreicht haben, das verstehen lässt, warum sie ausgebrochen sind und wie sie sich künftig vermeiden lassen. In jeder Auseinandersetzung geht es nicht nur kämpferisch um Anerkennung; sie ist auch eine Form der Anerkennung. Das ins Bewusstsein zu holen, kann der Anfang sein, aus ihr auszusteigen.
Reförmchen
In Zeiten, die nach Revolutionen verlangen, sind Reformen das sichere Kennzeichen, dass sich wieder nichts ändert.
Geänderte Ziele
Wer nur verändern will, braucht keine genauen Ziele. Wer allerdings den Wandel will, eine Veränderung zum Besseren, muss präzise sagen können, wann und wie dieser erreicht wird.
Wenn Ratlosigkeit und Ahnungslosigkeit aufeinandertreffen
Der Heizungsnotdienst muss gerufen werden. Das Haus wird kalt. An der Therme bastelt der Techniker, tauscht Zündelektroden und Sensoren, reinigt den Brennraum, doch nichts rührt sich. „Und wenn Sie an dieser Schraube drehten, vielleicht geht sie dann wieder an?“ So die vorsichtige Versuchsanordnung des Eigentümers. „Das wäre völlig sinnlos“, erwidert der Monteur. „Da wären Sie nicht der erste Handwerker, der etwas Sinnloses macht.“ Die Stimmung im Keller droht zu kippen. Der Mitarbeiter vom Kundendienst fummelt an der bezeichneten Schraube herum. Der Brenner springt an. Zwei Männer schweigen sich an. Der eine bemüht sich, keinen Triumph zu zeigen; der andere will nur noch die Sachen packen und verschwinden. Beim Abschied murmelt der Experte: „Weiß auch nicht, was kaputt war.“ Und der Laie entgegnet: „ Hauptsache, sie funktioniert wieder.“ Wenn Ratlosigkeit und Ahnungslosigkeit aufeinandertreffen, entsteht Sinnvolles, solange es besser ist, die Sache sich selbst zu überlassen. Komplexe Technik verlangt das immer öfter, von der Fehlerdiagnose bis zur Reparatur.
Seelenheil
Die einzige Form der Instrumentalisierung, welche die Kunst verträgt, ist: Sie taugt als Therapie. Aus diesem Grund lautet das einzige Verbot ihrer Interpretation: Versuche nie herauszufinden, was der Künstler in seinem Werk verarbeitet hat.
Was gibt es zu gewinnen?
Das Sinnpotential und somit die Energie im Handeln ist signifikant größer, wenn das Tun sich an der Frage ausrichtet, was es zu gewinnen gebe, anstatt sich zu orientieren an der Sorge, nichts zu verlieren. Das ist das größte Problem reicher Gesellschaften, dass sie dazu neigen, bräsig zu sein.
Kein Verlust?
Es ist das Los des Verlorenen, dass es einem wertvoller vorkommt, als es ist. Allerdings auch wahr: Wert hat nur, was verlorengehen kann.
Wahlentscheidung
In der Politik kann nur der eine Wahl gewinnen, der maßvoll verspricht, was sich ohnehin nicht halten lässt. Als Wahlsieger hält er es jedes Mal so, als habe er nie etwas versprochen.
Selbstbezogen
Man kann die meisten der jüngeren Vorschriften, die von Bürokraten erlassen werden, nur so auslegen, dass ihre einzige Aufgabe darin besteht, die Arbeit derer zu rechtfertigen, die für deren Einhaltung zu sorgen haben. Das allein erklärt, warum diese Regeln auf einen Inhalt verpflichten, der zwischen unverständlich und unsinnig changiert. Bürokratieabbau lässt sich längst nur noch als radikal-revolutionärer Akt vorstellen. Er gehört nicht mehr in die Politik.
Die neue Metaphysik
Nach dem Verzicht auf große Begriffe wie Gerechtigkeit, Wahrheit, das Gute und Schöne kommt alles darauf an, ein Gedanken- und Beschreibungsarsenal zu entwickeln für gerechte Problemlösungen, verbindliche Lebensformen, gute Perspektiven und schönste Erlebnisse. Pragmatismus ist der Versuch, die Metaphysik durch Handeln zu retten, ein Bescheidenheitsgestus in der Philosophie.
Der Größte
Wer sich aus der Negation zum anderen bestimmt – aus dem Vergleich, der nur den Komparativ oder Superlativ zulässt –, der kennt nichts als die Negation, wenn es um diesen Anderen geht. Am Ende bleibt es bei der Destruktion; die Gestaltung bleibt aus.
Ich lobe mir
Es gibt keine größere herablassende Geste als das Lob von einem, das die Nötigung kaschiert, ihn zu loben.
Geben und Nehmen
Das ist das Talent des Narzissten, dass ihm wie keinem anderen Menschen das Nehmen gegeben ist. Sein größtes Defizit: Er weiß nicht, woher er das Geben nehmen soll. Denn alles, was er gibt, nimmt er sich vielfach wieder. Für ihn ist das Geben eine Vorform des Nehmens.
Ein Näschen haben
Jeder gute Stratege vereint in sich zwei wesentliche Eigenschaften: Urteilskraft und Instinktsicherheit. Nur eines davon lässt sich lernen.
Nach dem Erfolg
Siegreich ist in einer Auseinandersetzung nicht, wer Erfolg hat, sondern der, welcher weiß, was er mit dem Erfolg anstellt.
Gedankenpoesie
Aus einer Freitagabendlektüre
„Ein poetischer Text ist nicht mehr als das, was er enthält. Deshalb kann er immer nur aus sich selber verständlich sein oder gar nicht. Jede Erläuterung, die von außen kommt, und wäre es vom Poeten selber, ist unnütz, ja ärgerlich. Der Verfasser, der sein Produkt selber kommentiert, spricht sich sein eigenes Urteil, wenn er das Gedicht aus der poetischen in eine andere Sprache rückübersetzt. Er gibt damit nämlich zu, daß er das, was er mit den Worten seines Gedichtes sagte, auch anders, nämlich mit den Worten seiner Erläuterung hätte sagen können, also, wie das Wort Erläuterung zu verstehen gibt, lauterer, durchsichtiger, klarer. Der Satz, mit dem er seinen Kommentar begänne, wäre bereits ein Geständnis: ,Ich wollte mit meinem Gedicht sagen…‘ – ,Warum haben Sie es dann nicht gesagt?‘ Die Gegenfrage ist nur allzu berechtigt. Mithin wäre das einzig richtige Verfahren, über ein Gedicht zu sprechen, die Interpretation, die nur den Text vor sich hätte, und zwar die Interpretation von fremder Hand.“*
* Hans Magnus Enzensberger, Gedichte. Die Entstehung eines Gedichts, 38
Alles gesagt?
Eine der wichtigsten Eigenschaften des demokratischen Anrechts auf Redefreiheit ist die Fähigkeit einzustehen für das, was man gesagt hat. Zur Meinungsäußerung gehört zwar nicht unmittelbar die Wahrheitspflicht, aber das Bewusstsein für die Verantwortung dort, wo ihr nicht entsprochen worden ist. Mit jedem Satz geht die implizite Beipflichtung einher, dass die Sache sich so verhalte.