Berechenbarkeit

„Eine komische Sache. Ein merkwürdiger Unterschied: Der zurechnungsfähige Mensch kann immer auch anders, der unzurechnungsfähige nie!“*
In der Willkür steckt immer auch ein Zwang, wie in der Freiheit immer auch die Lust an der Anarchie wirkt.

* Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften 1, 265 

Gehemmtes Handeln

Das ist der größte Widersacher im eigenen Handeln: der Wille – nicht der, der zu wenig, sondern der, der zu viel will.

Sinnlose Tätigkeiten

Niemand findet Sinn, wenn er ihn sucht. Keiner gewinnt Vertrauen, wenn er es herzustellen beabsichtigt. Selten ist lustig, wer sich vornimmt, witzig zu sein … Es gibt Handlungen, die in dem Maße erfolgreich sind, wie man nichts tut, außer Voraussetzungen zu schaffen, die sie ermöglichen.

Toleranz oder Indifferenz

Der Unterschied zwischen Gleichgültigkeit und Toleranz ist, dass diese genau weiß, wann und wodurch sie selbst gefährdet ist. Und das hohe Gut verteidigt, dem sie sich verpflichtet hat.

Schwarz-Weiß

In jeder Borniertheit, Einseitigkeit, Engstirnigkeit und Ignoranz hat sich der Wunsch festgeschrieben, es möge diese mit sich selbst überlastete und von sich selbst überforderte Welt wieder Orte offerieren können, an denen die Zugehörigkeit mit Selbstverständlichkeiten belohnt wird. Man unterschätze nicht das Orientierungsbedürfnis, das sich in gesellschaftlicher Spaltung, ja Unversöhntheit befremdlich und entfremdet ausdrückt.

Überlegene Demokratie

Der heimliche Wettbewerb zwischen Diktatur und Demokratie, in dem sich entscheidet, in welcher Staatsform das weltumspannende Virus besser bekämpft wird, spiegelt sich wider in der Frage, ob der schnelle Entschluss eines autoritären Machtapparats sowie die harte Kontrolle und Überwachung seiner konsequenten Einhaltung wirksamer sei oder parlamentarische Debatten, die zu Kompromissen zwingen. Die Seuche reagiert freilich nur auf radikale Eingriffe. Am Ende, das bezeugt Erfahrung, widersteht der Ansteckungsgefahr der erfolgreich, der sich kaum Ausnahmen erlaubt. Da differenziert der Krankheitskeim nicht zwischen politischen Überzeugungen und Organisationsformen. Dennoch macht es einen grundlegenden Unterschied, ob der Rigorismus im Handeln verordnet ist oder das Individuum ihn sich selbst zuzuschreiben vermag (und sei es über den Umweg einer Repräsentanz in der Abgeordnetenkammer). Es gilt nicht nur, was die Bundeskanzlerin in ihrer Regierungserklärung gestern proklamierte: „Freiheit heißt Verantwortung“. Sondern vor allem das Umgekehrte: der Name für den Willen, sich Handlungen selber anzurechnen, ist „Freiheit“.

Kulturkampf

Es ist eine absolut reduzierte Vorstellung, die der staatliche Eingriff, ja Angriff auf die Kultur erzwingt von dem, was einst stolz und gelegentlich verharmlosend Kulturkampf hieß. Fortan kämpft die Kultur – nur noch um sich selbst. Jedes Ringen um Wahrheit oder zwischen Wertbegriffen, das in dem Maße leidenschaftlich geschieht, wie es ein Gemeinsames anerkennt, und es sei es allein das Recht des Denkens, sinnvoll zu entscheiden, setzt Kultur voraus. Sie ist eben nicht, was sich nur in Branchen erschließt, wie es die Politik fördert, wieder nur geleitet von einer Vorstellung der Funktionen, dessen, was Kultur leistet und beiträgt zur Aufrechterhaltung eines Systems (Theater, Galerie, Konzerthaus, Gastronomie, Sport). Sondern sie ist über all das hinaus, was in diesen Institutionen gestiftet und zur Selbstbildung offeriert wird, der unfassliche Ort des Selbstverständlichen, der Gemeinsinn, Teilhabe, Rücksichtnahme, Gespür und Geschmack, letztlich all jene schönsten Eigenschaften prägt, die für Krisenzeiten und deren Überwindung wesentlich sind. Kultur ist nicht notwendig; sie ist mehr als notwendig. Sie ist nicht relevant; sie ist essentiell. Sie funktioniert nicht, sondern ermöglicht, dass eine Gemeinschaft, auch eine Wirtschaft, stabil funktionieren kann. Ob das jene ernsthaft verstehen, die sie stets dann zuallererst in den Blick nehmen, wenn es ums Sparen, Verzichten und Einschränken geht, und zuallerletzt, wenn Erhaltung und Förderung nottut (was nicht allein und nicht vornehmlich finanzielle Aspekte behandeln muss)? Es mag sich rächen, dass Kultur stets eine problematische Beziehung zur Macht entwickelt hat, die sie oft verdächtigt, sich allzu sehr mit der Dummheit verbündet zu haben. Und dass sie fürchtet, von dieser korrumpiert zu werden, sobald sie sich in die Organisation von Führung begibt.

Mehr sprechen, weniger reden

Über den Zusammenhang zwischen Reden und Sprechen*:
1. Sprechen ist die Fähigkeit, so zu reden, dass Worte Gemeinschaft stiften.
2. Vor die Gemeinschaft ist das Hören gesetzt, das zunächst nichts anderes meint, als anzuerkennen, dass ein anderer etwas zu sagen hat.
3. Die Anerkenntnis lässt sich nicht erzwingen, sondern entsteht in der zirkulären Bewegung, die jede Rede vollzieht, die um sie wirbt und sie deswegen schon voraussetzen muss, weil sonst das Bemühen um Beachtung sinnlos wäre.
4. Jemand der gut spricht, schafft es in seiner Rede, die Anwesenden nicht nur fürs Zuhören zu gewinnen, sondern die Zuhörer zu Anwesenden zu machen. Was das bedeutet: Wer die Worte vernimmt, versteht, dass sie mehr bewirken als den Verweis auf das, was sie bezeichnen. Sie vermitteln Sinn und lassen entdecken, dass dieser Sinn nicht vereinzelt. (Einsamkeit ist die Erfahrung, dass dieser Sinn fehlt.)
5. Es wird mehr geredet als gesprochen. Es wird zu viel geredet und zu wenig gesprochen. Je mehr geredet wird, desto weniger wird gesprochen.
6. Das Reden beharrt auf Positionen. Das Sprechen öffnet Perspektiven.
7. Sprechen ist die einzige Möglichkeit, gemeinsames Handeln frei zu gestalten.

* Martin Heidegger hat in „Sein und Zeit“ in den §§ 34 ff. über das Verhältnis von Sprache und Rede gehandelt und in ihm das „Gerede“ verortet, das als alltägliches die Selbstauslegung des Daseins verschließt (S. 169). 

Mit der Zukunft handeln

In jeder Zukunftsprognose, die aus der konsequenten Verlängerung der Vergangenheit gewonnen wird, steckt ein gehöriges Maß an Glauben an die Kausalität, an Folgerichtigkeit und Vernunft, an Logik und Gesetzmäßigkeit. Meist mehr, als es der Inhalt dessen, was da vorausgesagt wird, vermuten lässt.

Disziplin

Wenn Freiheit der Name dafür ist, dass wir verantwortlich genannt zu werden verdienen, dann ist Disziplin der Ausdruck davon, dass diese Verantwortung auch gegenüber sich selbst gelebt werden will.

Bauernregel

Es ist wenig los in diesen Zeiten der Ansteckungsgefahr auf dem Zentrumsplatz. Der Wochenmarkt, der zuverlässig die Gemüseernte von den Feldern in die Stadt bringt, kaum besucht, lädt ein zum Schlendern und Verweilen. Da bleibt Zeit für ein Gespräch mit der Bäuerin am Stand. „Wenn das so weitergeht“, sagt sie mit Blick auf eine kleine Gruppe Maskenverweigerer, „ist unsere Gesellschaft so gespalten, dass wir am Ende alle in die tiefen Gräben fallen, die sich zwischen uns aufgetan haben.“ „Aber dann wären wir alle wieder vereint“, erwidert der Flaneur listig. „Eben, weil wir alle verlieren werden“, kommt die Antwort prompt. Drei Sätze, und die Weltgeschichte erscheint, wenn auch düster, wieder geordnet.

Nichts tun

Der Unterschied zwischen einem Faulpelz und einem Intellektuellen ist so groß nicht, nur dass dieser einmal erfahren hat, wie reich die Produktivität ist, die im Nichtstun steckt. Seither weiß er, dass jenseits der alltäglichen Nützlichkeit sich ein Raum weit aufspannt, in dem vieles als „nutzlos“ erkannt wird und so manches dennoch mehr als nützlich zu sein scheint.

Liebe, die durch den Magen geht

Liebe, die durch den Magen geht, kann auch auf ihn schlagen.

Pandemie

Was das welterfassende Virus vor Augen führt: dass unser Handeln kleinteilig, selbstbezogen, lokal und, obwohl notwendig, nicht global angelegt ist. Der Größe des Ereignisses folgt die Fähigkeit nicht (kann ihr nicht folgen?), entsprechend koordiniert und weiträumig zu reagieren. „Die Welt“, das ist abstrakt, mehr denn je in einer Zeit, die sich auf sich selbst als ein Ganzes besinnen müsste, obwohl sie meint, als total vernetzte, das erledigt zu haben. Jedem müsste klar sein, dass ein gut zweiwöchiger, vollständiger Lockdown – so undenkbar und unwahrscheinlich das ist – den Erreger der Seuche ein für allemal vernichtete, das Problem löste. Es wäre wohl um vieles günstiger in den wirtschaftlichen Folgen. Und dennoch meinen wir erfolgreicher zu sein mit regional und national angelegten Strategien, in Wahrheit: weil wir es anders nicht können. Vielleicht lehrt die Seuche, was Globalisierung bedeutet, wenn sie von allen dasselbe verlangt; vielleicht zeigt sie aber auch nur drastisch, wie sehr uns „die Welt“ überfordert: dass unsere Gedanken so hochfliegend sind, wie unsere Taten fragmentiert.

Auf ein Wort

Wenn der Vorgesetzte um eine ehrliche Rückmeldung bittet, ist das die Situation, in der es keinen Gewinner gibt. Entweder heuchelt man Lob, Anerkennung und Begeisterung, was der Sache nicht dient, aber die heimliche Verachtung des Chefs gegenüber seinem Angestellten nur bestärkt, oder man greift zum klaren Wort, was die Karriere schon deswegen nicht fördert, weil der Leiter aus eigener Anschauung weiß, dass Direktheit und Deutlichkeit nicht jene Tugenden sind, die nach oben tragen.

Der erste Hauptsatz der Rhetorik

Die wichtigste Grundregel beim Sprechen: Finde ein Ende, am besten bevor du anfängst.

Die Kapelle spielt zum Untergang

Es ist die Schwäche der Kunst, zu sich selbst kein so freies Verhältnis zu haben, dass sie auf sich verzichten könnte: Sie muss sich ausdrücken. So viel zumindest scheint die Politik von ihr zu verstehen und zieht daraus die kalte Konsequenz. Weil sie weiß, dass selbst zum Untergang des Ozeandampfers die Kapelle noch trotzig aufspielt, erklärt sie vieles für rettungswürdig aus wirtschaftlicher Not, nur nicht die Kultur. Und verlässt sich zynisch auf deren Überlebenstalent, das zwar Hilfe wenig zu geben vermag, auch wenn es Hilfe dringend braucht, aber eines beherrscht, das nur wenige meistern: Kunst kann trösten.

Gesprächsstil

Die spannendsten Interviews entwickeln sich als harter Wettbewerb zwischen Frage und Antwort. Da versucht der eine, mit seinen Formulierungen sich so zu erkundigen, dass die Erwiderung nur das Beste, Schönste, Überraschendste hervorruft, weit jenseits gestanzter Phrasen. Und das Niveau der Entgegnung wiederum zwingt den Frager, sich Ungehörtes zu überlegen, in Gedankenfelder und Lebensräume vorzustoßen, die nur selten, allenfalls im entgrenzten Selbstgespräch, bisher betreten, geschweige denn erschlossen wurden. Nirgendwo führt die Lust an der Überbietung zu so sinnvollen Ergebnissen wie im Konkurrenzspiel um die originellste Rede und Widerrede.

Zufällig verpasst

Zum Wesen einer großen Stadt gehört die Zufallsbegegnung. Wo unwahrscheinlich ist, dass man einander ohne Verabredung trifft, wenn eine Million Menschen am selben Ort wohnen, arbeiten, sich bewegen, sorgt die Irritation, dass es dennoch geschieht, meist für erfreuliche Ablenkung. Städte faszinieren, weil sie das Leben unberechenbarer machen. Nun, da in Fußgängerzonen und auf Plätzen mit der Maske das halbe Gesicht zu bedecken ist, fallen viele dieser beglückenden Überraschungen aus. Das ist ein Nebeneffekt des Infektionsschutzes, nicht beabsichtigt, aber willkommen im konsequenten Kontaktvermeidungsverfahren: Man verpasst sich zufällig. Nicht nur dass es schwerer ist, an spezifischen Merkmalen den Bekannten zu identifizieren – plötzlich übernimmt der unverwechselbare Gang die Aufgabe für die verborgene Mundpartie. Der eigene Blick, und das ist befremdlich, richtet sich auch stärker nach innen, wenn das Antlitz hinter einem Stoffpartikel fast verschwindet. Die Außenwelt rückt in größere Distanz. Das Interesse an ihr wird kleiner. Am Ende riskiert eine Gesellschaft mit dem Ausfall zentraler sinnlicher Wahrnehmungsangebote das, was sie in Zeiten der Ansteckungsgefahr gerade besonders braucht: die Freude an reichen, zahlreichen und vielfältigen, Beziehungen. Auch die Solidarität, vielbeschworen in diesen Tagen, wird abstrakter.

Spaltpilz

Eine Gesellschaft, eine politische Institution ist in dem Maße gespalten, wie sie mit ihren eigenen Unterschieden nicht versöhnlich umzugehen vermag. Das Reden von Einheit und Gleichheit ist verlogen, wenn es nicht zugleich akzeptiert, dass jeder stabilen Gemeinschaft die Verschiedenheit nicht nur vorausliegt, die am Ende zu überwinden sei, sondern dass sie das Grundprinzip eines lebendigen Miteinanders darstellt. Früher hat man diese Fähigkeit zur Versöhnung „Geist“ genannt.

Lieben und Leiden

Was Liebe meint, erschöpft sich für einige im Wunsch, lieber zu leiden, als unbeachtet sein zu wollen.

Für sich, für andere

Freiheit bedeutet für die meisten, für sich sein zu können, ohne den starken und beherrschenden Einfluss der anderen spüren zu müssen. Der Blick richtet sich auf das Eigene. Das ist keine hinreichende Vorstellung, aber auch keine falsche. Sie wird ergänzt zu einer vollständigen Bestimmung, wenn all das Unbehelligte, Entfaltungsbereite, Anfangsetzende sich nicht verrät, indem es seinerseits schlicht dominant zu werden versucht, sondern das Verhältnis zur Welt geformt sein lässt durch das souveräne Zusammenspiel von Gestaltungswille und Gesellschaftspflicht, Spontaneität und Rücksicht. Der Blick richtet sich auf das Fremde.

Mach keine Scherze

Je größer der Ernst der Lage, desto besser müssen die Scherze sein, mit denen man sich von ihm für einen Augenblick absetzt. Krisen sorgen für ein höheres Niveau im Humor, weil der Reiz zum Lachen handfeste Gründe braucht. Oder, wo sie fehlen, mit List und Intelligenz ausgelöst werden muss.

Nichts

Das eigene Ende vor Augen trumpft der Narzisst noch einmal auf und wird gefährlich. Weil er nicht akzeptieren kann, dass es Größeres gibt, und einsehen muss, dass er sich wird fügen müssen, treibt er die Realitätsverleugnung bis zur Selbstvernichtung. Worauf seine Gegner immer gehofft hatten: dass er sich als nichtig entlarvt, besorgt er selbst. Den Triumph, ihn besiegt zu haben, gönnt er ihnen nicht. Von ihm und dem, was er als sein Eigentum ansieht, soll, wenn ihm schon nicht mehr alles zugeschrieben werden und er nicht mehr alles erreichen kann, wenigstens eines noch übrig bleiben: Nichts. So, seine Hoffnung, ist noch keiner abgetreten. (s.a. „Die Niederlage des Narzissten“)