Urbane Kräfte

Nicht die Zahl seiner Einwohner, sondern ob er es schaffen könnte, dich deinem Leben zu entreißen, macht einen Ort zur Großstadt. Zuhause sein in der Metropole ist ein verlegenes Widerstehen gegen Fliehkräfte, die dich dir selbst entfremden wollen, eine zwiespältige Abwehr von nimmermüden Angeboten und Attraktionen, die genau den Reiz darstellen, um dessentwillen du sie aufgesucht hast. Großstädte sind das falsche Versprechen, nichts anderes zu brauchen.

Erfahrungen mit der Erfahrung

Erfahrung mag klug machen, aber die Erfahrungen, die man mit der Klugheit macht, sind gelegentlich dumm.

Implodierte Größe

Man entlarvt einen Narzissten nicht, indem man ihm seine falsche Größe zu nehmen versucht. Er wird entzaubert in dem Augenblick, da ihm nicht mehr gelingt, sein Gegenüber zu erniedrigen. Grandios ist bei ihm nur der Aufwand, den er einsetzt, andere kleinzuhalten.

Meine Pappenheimer

Die meisten, die sich für Menschenkenner halten, verkennen, dass nur der Menschen kennt, der gar nicht erst versucht, sie zu durchschauen, weil nur so der genaue Blick verrät, dass Menschen zu kennen bedeutet, ihr Geheimnis zu achten.

Virtuosen des Zwischentons

Die ärgerliche Gewohnheit, politisch ungenau und unverbindlich zu reden, spiegelt sich wider in der hohen Kunst der Politik, Spielräume des Deutens und der Handlung jederzeit eröffnen und nutzen zu können. Es sind die zwei Seiten desselben Talents.

Deutscher Durchschnitt

Was beim Individuum niemand sich dauerhaft traute, wird zum akzeptierten Standard, sobald es um die Ansprüche an eine Gruppe geht, an das Publikum, die Schulklasse, Seminarteilnehmer oder Leserschaft: Da nimmt man die Langeweile der Wohlgesonnenen trotzig in Kauf, wenn nur der Dümmste irgendwas mitkriegt, auch wenn er es am Ende nicht begreift. Die Angst zu überfordern sorgt für eine ganze Didaktik des gefälligen Durchschnitts, für Lehrbücher und Anleitungen, prallvoll mit Trivialität. Und unterschlägt, dass stete Rücksicht aufs Mittelmaß das Niveau zuverlässig senkt.

Heiße Sache

Die entscheidende Bedingung für ein heißes Engagement in einer wichtigen Sache ist kühle Ignoranz an der richtigen Stelle.

Gewissen ohne Biss

Das Entsetzen, wozu Menschen fähig sind, wenn Hemmungen fallen, verdeckt die Frage, welche Fähigkeiten fehlen, damit nicht geschieht, was Schreckenstat genannt zu werden verdient, weil sie das provoziert, das sie hätte verhindern sollen: ein umfassendes Unbehagen. Das Gewissen, auch wenn es mehr ist als das restriktive „Über-Ich“ und als Orientierungsinstanz der Bildung bedarf, gerät in einer Welt, die Schuldfragen und mit ihr die Verantwortung ins Abstrakte zu delegieren gelernt hat, die die Instrumentalisierung von Menschen systemisch belohnt, nicht zuletzt Gewalt als medialen Aufmerksamkeitsanreiz verniedlicht, zu einem belächelten Minderheitenhandicap, dessen Bisse durch Gewöhnung stumpf zu schleifen sind. Wer nicht versteht, dass ein Gewissen geradezu an der Spitze kultureller Höchstleistungen steht, muss sich nicht wundern, dass sein verbreiteter Mangel auch die Barbarei wachsen lässt.

Seelenverbannte

Das Vorurteil vieler Psychotherapien ist, dass sie ein vorschnelles Verständnis für sinnvoller halten als das Ausharren in dem Geheimnis, das wir Seele nennen. Als ob das Leben sich ereignete nach dem Muster von Problem und Lösung, und nicht vielmehr in der Anerkenntnis, wie gering Zugriff und Eingriff sich auf das auswirken, was man im besten Fall versteht im Lassen. Die Psychologen haben die Seele verbannt und durch ein Konstrukt ersetzt, das sich denken und behandeln lässt.

Lebendiger Brauch

Was für ein schöner Samstagsbrauch: Pünktlich um zwölf, wenn die sengende Sonne im Zenit steht und die Schatten am schärfsten sind, breitet sich Glockengeläut vom Kirchturm aus übers Tal und wird von den Felswänden durch ein sanftes Echo diskret verstärkt. Die Dorfläden verabschieden den letzten Kunden; die Kreissäge in der fernen Schreinerei fährt ihr Kreischen müde herunter; Stille legt sich übers Land, die bis zum Wochenanfang garantiert nicht mehr unterbrochen wird. Ab und zu kräht irgendwo ein heiserer Hahn oder bellt ein aufgeschreckter Hund. Aber kein elektrischer Rasenmäher, kein Laubbläser im Nachbargarten, kein Handwerker, der sich was dazuverdient, kein aufgedrehtes Autoradio stören den Frieden. Von nun an gestalten die Glocken die Zeit: abends um sechs, am Sonntagmorgen, zur Hochzeit am Nachmittag. Solange Rituale fest bleiben, ist der Brauch, den sie repräsentieren, lebendig, bezeugt selbst von denen, die nicht mehr die Lebenswelt teilen, aus der er stammt.

Paarbeziehung

Nichts hält eine Paarbeziehung so stark zusammen wie eine große Übereinstimmung in dem, was man lächerlich findet.

Die Zweckentfremdung der Moral

Es gibt kein besseres Marketing, als eine Sache zu verbieten. Moralische Entrüstung bringt nicht zum Verschwinden, worüber sich aufzuregen angemessen erscheint, sondern verschafft dem Skandalisierten erst die Aufmerksamkeit, die sie zu vermeiden sich anschickte, und garantiert dem Erzürnten mindestens Publizität.* Noch immer ist die vornehmste Form der Kritik Ignoranz.

* Der Sommerhit des Jahres ist das Ballermann-Lied „Layla“

Stöbern

In alten Texten gestöbert und eine Fülle neuer Gedanken gewonnen. Was die Wiederholung aushält, ohne dass es langweilig wird, verdient klassisch genannt zu werden.

Lügengebäude

Preisfrage: In welcher Gesellschaft wird mehr gelogen? In der, die eine Misstrauenskultur etabliert hat, weil sie mit Betrug, Verschleierung und Unterschlagung schon von vornherein rechnet, und die zu deren Vermeidung ein dichtes Netz der Kontrolle ausgelegt hat, ja den prinzipiellen Verdacht pflegt? Oder in der anderen Lebensform, die dem Vertrauen einen höheren Stellenwert einräumt als dem Argwohn? Die Lüge, die hier zwar technisch leichter funktioniert, wiegt gleichwohl moralisch schwerer. Bei denen, die das Misstrauen mit dem menschlichen Hang zu Täuschung und Selbsttäuschung rechtfertigen, wird über den Hang des Misstrauens geschwiegen, sich selbst zu „belohnen“, indem es List und Heuchelei geradezu provoziert.

Lass mal sein

Ferien, das ist die schöne kurze Frist, in der vertraglich geregelt und gesellschaftlich legitimiert einem von Tag zu Tag mehr egal sein darf. Diese bemessene Gleichgültigkeit ist die wichtigste Voraussetzung für jegliches Interesse.

Die Krankheit der Welt

Carlo Schmid, im Herbst 1979 kurz vor seinem Tod, schreibt einen langen Brief an den damaligen Bundeskanzler und Mitgenossen Helmut Schmidt, der ihn um Rat und Stichworte für eine Rede ersucht hatte, die er auf dem anstehenden Parteitag der SPD halten wollte:
„Die Jugend erleidet den Staat als ein kaltes Ungeheuer, das statt lebendiger Kontakte Fragebogen produziert, sie will auch im öffentlichen Leben Wärme spüren, sie will ,natürlich‘ sein können, sie will weniger Staatsräson und mehr Brüderlichkeit erleben … Bei dieser Jugend, auch bei dem durch diese Ängste nicht betroffenen Teil, herrscht der Impuls vor: die Krankheit der Welt kann geheilt werden, wenn man den Virus, der sie krank macht und der in uns selber steckt, ausrottet: den Virus der Macht … Wo (unter dem Wort ,Demokratie‘) nicht mehr verstanden wird als eine politische Technik zur Ermittlung des Mehrheitswillens im Volke, wird seine Anrufung kaum seelische Kräfte in uns wachrufen; anders, wenn wir darunter den Ausdruck des Willens eines Volkes zur Achtung der Würde eines jeden Menschen und damit seines Rechtes auf Gestaltung der Formen und Inhalte der politischen und gesellschaftlichen Existenz des Ganzen begreifen.“*

* Brief vom 24. Oktober 1979, abgedruckt in: Die Zeit 52 / 1979

Die Verbindlichkeit der Ungewissheit

Ein fast schon vorsätzliches Missverständnis des Denkens ist, Ungewisses zugleich auch für unverbindlich zu halten. Diese Fehleinschätzung erklärt die verblüffend späten Reaktionen auf entdeckte Gefahren. Antizipieren kann nur, wer dem Künftigen das Potential zumisst, schon in seinen Anfängen das Volumen seiner späteren Kraft zu besitzen, so dass Eingriffe, die rechtzeitig genannt zu werden verdienten, nur frühzeitig erfolgen können. Entscheidungsgrundlage für solche Interventionen ist immer das wissenschaftlich anrüchige Vorrecht des Plausiblen vor der Empirie, der Urteilskraft vor dem Beweis.

Gott fehlt

Man könnte die reduzierte gesellschaftliche Funktion der Religion in die Aufgabe legen, dass sie – wenn sie schon nicht mehr scham- und verlegenheitsfrei von seiner Gegenwart zu reden sich traut – uns erinnert, wo und wie sehr uns Gott fehlt. Auch das wäre im besten Fall eine Predigt aus dem Geiste negativer Theologie, die zwar nicht tröstet, aber Sehnsüchte zu erwecken vermag. Gott fehlt, das ist ein Satz jenseits von Ignoranz und Gleichgültigkeit, der zudem offen ist für die größte aller Irritationen: dass er eine Beschreibung darstellt für sein Gegenteil, Gott ist da.

Die letzte Generation

Es ist noch nicht lang her, da galt es als Vorrecht der Jugend zu glauben, dass mit ihr die Welt erst anfange. Heute befürchtet sie demonstrativ, dass mit ihr die Welt ende. Auch das ist eine Zeitenwende: dass der Optimismus sofort im Verdacht steht, nur die fröhliche Tarnung des Egoismus von gewissen- und gedankenlosen Besitzstandswahrern zu sein.

Die zwei Namen der Unvernunft

Die Herrschaft der Unvernunft hat zwei Namen: Anarchie und Bürokratie. Die eine kennt kein Gesetz, die andere kennt nichts als das Gesetz.

Maß halten!

Wir leben in einer Welt, deren oberstes Gebot zwar lautet: Maß halten, aber deren größte Zweifel sich auf das richten, was verbindliche Einschränkung erlaubt: allgemeine Maßstäbe.

Liebe zum Leben

Das Leben zu lieben bedeutet, mehr zu lieben als nur das Leben.

Wenig Tröstliches

Was Kultur zu leisten vermag, lässt sich vollständig erst erkennen, wenn das Maß der Trostbedürftigkeit des Menschen ein solches Niveau erreicht hat, dass er die Ablenkung durch Musik, Film, Theater, Literatur, Sport braucht, um eine Welt aushalten zu können, deren Alltag weniger von leichter Routine geprägt ist als von den bissigen Zumutungen eines Überlebenswillen. Dass Lachen gesund sei, diese Volksmundregel, die aus den reichen Eigenschaften der Heiterkeit eine therapeutische herausstreicht, konnte nur auffällig werden in Zeiten, die krank sind und krank machen.

Schwieriges Verhältnis

Man kann nur aushalten, was man liebt, wenn man ihm auch vorhalten kann, was man an ihm nicht liebt.