Man muss älter werden, um zu verstehen, wieviel Grausamkeit steckt im Jahreswechsel. Wenn Zeit sich in Erinnerung bringt, dann immer als eine, die vergeht.
Monat: Dezember 2025
Zwei Wörter zum Status Quo
Deutschland am Ende des Jahrs 2025: Unüberwindliche Behürden.
Keine Ausreden mehr
Zwischen den Jahren: Zeit ohne Pflichten. Das ist das Schöne an dieser Phase des Jahrs, dass man nichts als der Zeit verpflichtet ist. Wenn die Termine fehlen, gibt es keine Ausreden mehr, mit dem Tag etwas Sinnvolles anzufangen.
Was ist das wert?
Wert ist das, was in dem Maße wichtiger wird, je weniger man davon hat.
Feiertagsbesuch
In Topform präsentiert sich, wen die Angst, es könnte misslingen, nicht lähmt, obwohl er alles dafür gegeben hat, dass es glückt. Eine wohldosierte Gleichgültigkeit ist eine gute Voraussetzung für das Engagement bei Festtagsbesuchen.
Im Anfang: das Wort
Größer als die Welt ist nur das Wort, das im Anfang und am Ende dasselbe zu sein verspricht: Ja. Zu verstehen, dass dieses Ja mehr als eine Antwort sein muss, weil noch keine Frage aufgekommen war, und als bloße Antwort dann nicht mehr taugt, wenn alles in Frage gestellt werden wird, sondern dass dieses Ja in beiden Fällen, am Anfang und am Ende, eine unbedingte, unabgeleitete Zusage bedeutet, das heißt: Glauben.
Nie genug
Zum Mythos werden Geschichten, wenn sie sich nicht abnutzen, obwohl sie wieder und wieder erzählt werden. Die adäquate Antwort auf den Mythos lautet: Ich kann es nicht oft genug hören.
Heilige Nacht
Weihnachten bedeutet, den Blick zu wenden. Sich des Sinns zu erinnern, der in der Geburtsgeschichte des Weltenerlösers zu lesen ist, meint, die Gegenwart dessen zu ergreifen, der kommen will. Der heilige Imperativ lautet: Schau zurück, damit du umso gewisser und zuversichtlicher nach vorn sehen kannst.
Zuflucht
Humor: was immer noch zulegen kann, wenn nichts mehr geht, ein unerschöpfliches Reservoir. Er ist jene Zufluchtsstätte des Lebens vor sich selbst, die Asyl gewährt, ohne dass ein Antrag gestellt werden könnte. Das Lachen des Humors macht nie lächerlich.
Glauben, aber woran?
Die Angewohnheit, den Weihnachtsbaum auf den letzten Drücker auszusuchen, wird in diesem Jahr nicht nur belohnt mit einem besonders schönen Exemplar. Der Eigner des Stands am Stadtrand erzählt außerdem, dass er tags zuvor Opfer eines Trickbetrugs geworden ist. Eine Großfamilie stahl die Kasse mit zweieinhalbtausend Euro. „Das ist viel“, sagt der Kunde. „Ach was, das ist zu verschmerzen“, erwidert der Verkäufer. „Wissen Sie, ich stehe hier seit vier Wochen. Sie erleben alles: unsichere, entscheidungsschwache Männer, die elegante Geschäftsfrau, die den Baum später abholen lässt, die einsame Alleinerziehende, den Zyniker, der die Festrituale bissig kommentiert. Aber sie sind alle irgendwie liebenswert. Und dann kommt diese Familie, die Großmutter bittet mich, dass ich in einem Winkel ein Foto mache von ihr und der Enkelin, während der Mann im Kassenhäuschen zugreift. Man möchte den Glauben an die Menschen verlieren.“ „Und? Haben Sie ihn verloren?“ Der Mann zögert. „Ich bin ja nicht naiv. Es war mein Fehler. Ich war unaufmerksam. Aber den Glauben an die Menschen? Ich würde es so sagen: Ich glaube nicht an die Menschen. Ich glaube an den Menschen, von dem es heißt, er sei mehr als ein Mensch. Ich denke, Sie verstehen das. Frohe Weihnachten!“
Schlechter Geschmack, schaler Beigeschmack
Aus einer Sonntagslektüre
„Es gibt Fehler des guten Geschmacks, vor denen uns im Privatleben bei mangelnder Moral die gute Erziehung bewahrt, die aber auf internationaler Ebene vollkommen natürlich wirken. Selbst die unerträglichsten Wohltäterinnen würden zögern, ihre Schützlinge zu versammeln, um ihnen in einer Rede die Größe der ihnen gewährten Wohltaten und die dafür geschuldete Dankbarkeit vorzutragen … Das ist eine von den Römern ererbte Gewohnheit. Sie begingen niemals eine Grausamkeit und gewährten niemals eine Gunst, ohne sich in beiden Fällen ihrer Großmut und ihrer Milde zu rühmen. Man wurde niemals von ihnen empfangen, wenn man irgendeine Bitte hatte, und sei es eine kleine Erleichterung der schrecklichsten Unterdrückung, wenn man nicht vorher dieselben Lobeshymnen hören ließ. So haben sie das flehentliche Bitten entehrt, das vor ihrer Zeit durchaus ehrenwert war, indem sie es zu Lüge und Schmeichelei zwangen … Es handelt sich um eine heidnische Tugend, wenn diese zwei Wörter überhaupt miteinander vereinbar sind. Das Wort ,heidnisch‘ hat, wenn es in Rom verwendet wird, zu Recht die Bedeutung von etwas Entsetzlichem, die ihm die ersten christlichen Polemiker gaben. Die Römer waren wirklich ein atheistisches und götzendienerisches Volk; nicht weil sie Götzen aus Stein oder Bronze verehrten, sondern weil sie sich selbst als Götzen anbeteten. Diese Selbstvergötzung ist unter dem Namen Patriotismus auf uns gekommen.“*
* Simone Weil, Die Verwurzelung, 131f.
Schön und gut
Dass wir etwas schön finden, ist nur deswegen eine Geschmacksfrage, weil Geschmack eine Frage von Bildung ist.
Erschöpfter Eros
Nicht die Fragen ändern sich am Ende einer Beziehung. Aber die Lust zu antworten ist verflogen.
Wie war’s? – Wie soll’s schon gewesen sein.
Was machst du? – Na, was wohl.
Wie geht es dir? – Es könnte besser gehen.
Du willst doch auch? – Wenn du meinst.
Was magst du essen? – Das von gestern war doch gut.
Antworten, die keine sind, lassen die Fragen nicht verschwinden, aber das Fragen lässt nach.
Halb voll
Wenn Ignoranz der Preis ist, den man für Optimismus bezahlen muss, ist er zu hoch.
Tierliebe
An einem Transporter vorbeigefahren, der beschriftet ist – warum auch immer; als Bitte um Rücksichtnahme? – mit „Lebende Tiere“. Man sollte ein „i“ hinzufügen: Liebende Tiere. Ob die Schafe dann auch noch zur Schlachtbank gefahren würden?
Liebe ist …
…, wenn die Gründe für eine Beziehung unwichtig geworden sind, weil keiner mehr danach fragt. Die Liebe kennt kein Warum.
Wert und Würde
Was in Unternehmen unter dem Stichwort „Wertschätzung“ schon in der blassen Bezeichnung den erkennbar quantitativen, abgemessenen, auf die Leistung beschränkten Beitrag darstellt, die Menschen, die dort arbeiten, respektvoll wahrzunehmen und zu behandeln, sollte durch etwas ersetzt werden, was eine eigene Anstrengung ist und stets der ganzen Person gilt: Würdigung. Und das nicht erst beim Abschied in den Ruhestand.
Der Pöbel im feinen Pelz
Mobbing, so die wörtliche Übersetzung, meint das Verhalten, das sonst dem Pöbel zu eigen ist, dem Mob, der durch die Straßen zieht ohne Rücksicht auf fremde wie eigene Verluste, dumpf und laut, als Rotte allein auf Schikane aus. Es erstaunt daher schon sehr, dass vor allem im Kollegenkreis, und dort nicht selten im höheren Management, sich etliche nicht zu unfein sind, niedrigste Motive und ungezügelte Instinktlosigkeit dort walten zu lassen, wo man sonst, offenkundig zu Unrecht, den Charakter als handlungsleitende Instanz vermuten dürfte. Stets richtet sich Mobbing gegen die Person eines anderen und gehört schon deswegen unter das Verdikt der Würdeachtsamkeit. Als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist es in solchen Fällen zwar nicht vom Völkerstrafrecht abgedeckt, gleichwohl kein Kavaliersdelikt. Wo das Leben in dieser Weise angegriffen wird, und nicht nur die Arbeitsleistung kritisiert, muss das Recht alle Register ziehen, um die Integrität eines Menschen zu schützen.
Politisches Startup
Die Art des technologischen Fortschritts macht es möglich, dass künftig der geopolitische Wandel von Mächten vorangetrieben wird, die bisher kaum ernstgenommen und beobachtet wurden. Künstliche Intelligenz, Robotik, vielleicht alsbald der Quantencomputer, sie werden Gesellschaften in die Lage versetzen, ohne gleich eine große Maschinerie in Gang setzen zu müssen, ihre Überlegenheit auszuspielen in ökonomischen Märkten, auf militärischen Schauplätzen, mit strategisch angelegten Spielfeldern. Stärke verdichtet sich am Ende auf die Frage, wer schlauer ist. Den Rest erledigen Mikrotechniken.
Haben oder Sein
In Gesellschaft von Rechthabern behält man lieber für sich, im Recht zu sein.
Reformbedürftig, revolutionsunfähig
Deutschland ist ein Land in fundamentaler Krise, auch wenn im einzelnen die Bürger nicht so leben, als müsse sich irgendetwas tiefgreifend ändern. Diesem gesellschaftlichen Missverhältnis entspricht, als sei es ein Spiegelbild der Wahrnehmung, dass der Stolz der Mächtigen auf den Reformrekord nicht annähernd das politische Niveau erreicht, das den nötigen Wandel einzuleiten in der Lage wäre. Es geht uns gut. Ob das gutgeht?
Kritikfähig
Die wichtigste Voraussetzung, um selbstkritisch zu sein: nicht von Selbstzweifeln geplagt zu werden. Umgekehrt eine derzeit oft gesehene Kombination: große Selbstzweifel, wenig Selbstkritik.
Enthaltet Euch!
Es erhöht die Qualität von Entscheidungen signifikant, wenn Handlungen nicht immer gleich bewertet werden.
Systemfehler
Am schwierigsten zu beheben sind systemische und strukturelle Fehler. Man muss sie abstellen, ohne dass man in der Regel einen Schuldigen seriös verantwortlich machen kann.