Monat: Januar 2026

Mach‘s besser

In der Schule gab es Zwischenzeugnisse. Sie sind wertvoller als der benotete Jahrgangsabschluss. Noch hat das Kind eine fürs Leben wesentliche Erfahrung vor sich. Es kann selber entscheiden, wie das letzte Wort in der Sache aussehen soll. Was für ein Privileg.

Zwischen Zuversicht und Hoffnung

Zuversicht: das Wahrscheinliche für unwahrscheinlich zu halten.
Hoffnung: das Unwahrscheinliche als wahrscheinlich anzunehmen.

Der neue Ton

Die Bahn, um das Lieblingsverkehrsmittel wieder zu bedenken, ändert ihren Stil: Keine Erklärungen mehr im Zug für die Verspätung, die Anschlüsse werden hingegen professionell abgearbeitet. Die Ticketkontrolle fällt öfter aus oder ergeht im lockeren Ton: Haben Sie vielleicht Lust, ihre Fahrkarte zu zeigen? Noch gibt es keine belastbaren Erfahrungsberichte darüber, was passiert, wenn der Passagier sagt: Das muss heute leider ausfallen. Ich bitte um Entschuldigung.

Der Zauber der Welt

So lang die Welt noch nicht entzaubert ist, hat sie eine Zukunft. Wenn es dem Kind gelingt, die erste Enttäuschung darüber, dass das Wort des Älteren: „Du musst nur ganz fest daran glauben“, nicht immer selbstverständlich den Erfolg herbeibringt, wenn es diesem Menschen glückt, später zu sagen: „Du kannst mir ganz und gar vertrauen“, dann ist noch nichts verloren. Das ist zwar kein magischer Satz mehr, aber in der Verlässlichkeit verbirgt sich das Geheimnis des Lebendigen.

Der Partner als Publikum

Für den Narzissten ist jeder Partner nichts als ein Publikum. Schon deswegen braucht er mindestens zwei: einen, mit dem er etwas anstellt, andere, für die er das tut.

Was da ist, wenn etwas fehlt

Definition der Trauer: das Dasein des Fehlens.

Nein!

Jedes Selbstbewusstsein hat einmal begonnen mit einer Befehlsverweigerung.

Blinde Ohnmacht

Viel wahrscheinlicher, als dass die Macht an sich böse sei (Jacob Burkhardt), nutzt das Böse das Gefühl der Ohnmacht.

Das wichtigste Talent der Vernunft

Es gibt eine Bescheidenheit, die sich nicht als moralisch versteht. Wir nennen sie Selbstkritik.

Selbstachtung

Schon aus Gründen der Selbstachtung sollten alle anderen Politiker dem einen gegenüber, dem nur eines nicht gleichgültig ist: er sich selbst, es künftig, um sich fundamental zu unterscheiden, mit der Wahrheit genau, mit den Tatsachen zuverlässig, mit der Verantwortung ernst und mit dem Respekt würdevoll halten. Und nicht gelegentlich in denselben Jargon wechseln. Mehr denn je ist das Ethos derer gefragt, die zu entscheiden haben. 

Alles nur ein Spiel

Wenn auf der Weltbühne alle ein Spiel miteinander spielen, von dem jeder weiß, dass der andere mit einem nur spielt, wird die Lage im ganzen ernst. Zu den größten Leistungen, der nichtssagenden Rede eines egomanen Wirrkopfes zu lauschen, gehört gewiss die Selbstbeherrschung, zwischendurch nicht lauthals zu lachen oder fassungslos den Kopf zu schütteln. Die standing ovations am Ende der Ausführungen spiegeln nur die Erleichterung, es geschafft zu haben. Kein einigermaßen Vernunftbegabte kann den Applaus anders interpretieren, nicht einmal der, dem er gilt. Denn auch dieser ist nicht so dumm zu glauben, seine vorgetragene Suada aus fake news, offenkundigen Lügen, Unverschämtheiten und belanglosem oder sinnfreiem bullshit könne überzeugen, gar beeindrucken. Es ist nichts als ein Machtspiel. Und jeder weiß es. Aber wehe, einer tritt an den Bühnenrand oder ruft aus dem Publikum: „Alles nur ein Spiel!“ Dann wird es ernst.

Was kostet Zynismus?

Der soziale Preis, den der Zyniker bezahlt, ist hoch: Er muss auf jede Art von Freundschaft verzichten.

Wir Dienstleister

Service: Codename für den Betrug am Zeitkonto des Kunden.

Weh dir

Jede Drohung, die auf die eigene Macht setzt, um zu wirken, trägt schon den Keim der Ohnmacht in sich, sonst hätte sie nicht ausgesprochen werden müssen. Der Druck, der ausgeübt wird, will vor allem verhindern, dass einer die Probe aufs Exempel macht, indem er die propagierte Überlegenheit nicht anerkennt. Im Wechsel von der Sprache der Gewalt in die Gewalt des Sprechenden erscheint die Macht plötzlich verletzlich.

Ärgster Feind

Nichts ist so arg wie die Feindschaft zwischen zweien, die einmal allerbeste Freunde waren.

Machtentzug

Wahre Macht hat nicht, wer sie ausübt, sondern der, der sie entziehen kann.

Kriegsgelüste

Aus einer Abendlektüre 

„… Auch in anderer Hinsicht sind Kriegsvorbereitungen für die Inhaber zentralisierter politischer Macht nützlich. Wenn zu Hause die Probleme zunehmen und der öffentliche Protest unangenehm laut wird, ist es in einer Welt, in der Kriege noch eine fast heilige Angewohnheit sind, immer möglich, die Aufmerksamkeit der Menschen weg von den heimischen und hin zu den ausländischen und militärischen Angelegenheiten zu lenken. Die staatlich kontrollierten Überzeugungsinstrumente entfesseln eine Flut fremdenfeindlicher oder imperialistischer Propaganda, man demonstriert eine ,Politik der Stärke‘ gegen eine ausländische Macht, und sofort ist es unpatriotisch, selbst noch so gerechtfertigte Beschwerden über Misswirtschaft oder Unterdrückung zu äußern. Daher kann es sich ein hochgradig zentralisierter Staat kaum leisten, auf Militarismus oder Kriegsandrohungen zu verzichten.“*

* Aldous Huxley, Zeit der Oligarchen, 59f. 

Schöne heile Welt

Noch in keiner Moral findet sich die Anleitung, was zu tun sei, damit sie den Tatsachen gewachsen ist. Das eben bedeutet auch die Trennung von Sollen und Sein: dass in der Welt der Pflichten es sich so lang gut einrichten lässt, wie sie mit der Welt des Seins nicht unmittelbar konfrontiert wird.

Fundschatz

In der Welt der Gedanken lassen sich wertvollste Fundschätze genau dort finden, wo etwas nicht weggeworfen, obwohl es verworfen wurde. Das Wesen der Notiz ist, dass diese Frage für sie noch nicht beantwortet ist: brauchbar oder zu vernachlässigen. Nie ist ein Gedanke freier als in einer solch losen Sammlung von Ideen.

Architektur und Wohnen

Die schönste Architektur, innen wie außen, findet sich an Orten mit dem schlechtesten Wetter.

Korrumpierter Charakter

Nicht Macht verdirbt den Charakter; der Charakter verdirbt die Macht.

Aufrüstung, Entrüstung

Entrüstung ist die Sprachform gekränkter Ohnmacht, die dabei ertappt wurde, dass sie sich nicht einmal zu wehren weiß, wenn sie verbal aufrüstet. Im Spiel der Mächte kommt alles darauf an, über jene Mittel zu verfügen, die das höchste Gut, das Wort, so bewahren, dass ein schlichter Fingerzeig genügt, um eine Wirkung zu erzielen, die all das, wozu die Sprache sich herablassen müsste, Drohung, Rechtfertigung, der moralische Appell, das Vokabular des Beklagens und der Anklage, nie erreichte.

Checks and Balances

Die Stabilität einer Demokratie zeigt sich, wenn sie sich anschickt, die illegalen Wirkungen einer Macht, die vom Bürger rechtmäßig ins Amt gesetzt worden ist, nach den Maßstäben dieses Rechts außer der Reihe wieder zu korrigieren. Nicht der noch größere Wahn bändigt den Größenwahn eines Potentaten, sondern große Werte und Fähigkeiten wie Zivilcourage, Aufklärung, Urteilskraft, Integrität, Gemeinsinn, Klugheit, Wahrheitsbewusstsein.

Chuzpe

Viel seltener, als es das Sprichwort fest verkoppelt, kommt nach dem Hochmut der Fall. Im Gegenteil: die einzige Schwäche der Chuzpe ist ihre Ignoranz gegenüber Grenzen, vor allem sieht sie ihre eigene Beschränkung nicht. Das hat sie gemein mit einer Figur, mit der sie in den Phasen des Erfolgs sich gern selbst verwechselt: dem Genie. Allerdings ist im Augenblick, in dem beide an ihr Limit gekommen sind, der Unterschied fundamental. Das Genie sprengt die Grenze und definiert sie neu. Der Aufgeblasene hingegen fällt in sich zusammen und wird weinerlich.