Woran man erkennt, dass es einer ernst meint? Daran, dass er die Grenzen achtet.
Monat: Januar 2026
Der verborgene Mensch
Aus einer Abendlektüre
„Woher erfährt einer, daß er vom anderen nicht durchschaut werden kann? Die Frage mutet weit hergeholt an, ist aber dem Lebensbedarf nahe genug, wenn man bedenkt, wie wichtig es in unendlich vielen Situationen des Lebens ist, daß einem nicht jeder ansehen kann, was man fühlt, denkt, vorhat, zu tun entschlossen ist oder schon getan hat. Was in einer zum weltgängigen Fremdwort gewordenen Sprache ›Datenschutz‹ heißt, ist nur die technische Extrapolation eines anthropologischen Grundproblems, des Bewußtseins von Undurchschaubarkeit. Vor dessen Gegebenheit können sich überhaupt erst die Ausnahmen mit ihren peinlichen oder gelegentlich erfreulichen Implikationen abheben.“*
* Hans Blumenberg, Phänomenologische Schriften 1981-1988, 442
Die Schwachstelle
Nur die wenigsten Kompromisse kennen zwei Gewinner. Viel öfter rauben sie dem Ganzen Widerstandskräfte und schwächen es so um eine entscheidende Fähigkeit. In der Regel fehlt den Vereinbarungen die Anstrengung, durch sie auf ein höheres Niveau in der Sache zu kommen. Das aber sollte das Ziel sein, nicht der Ausgleich.
Machtpolitik
Zur Stärke des Rechts gehört, dass von Zeit zu Zeit dieses Recht vom Stärkeren durchgesetzt werden muss. Nur eine Macht, die zeigen kann, wozu sie fähig ist, um allen zu demonstrieren, wozu sie noch fähig wäre, erlaubt es der Politik, das zu tun, was sie im wesentlichen sein sollte: symbolisches Handeln.
Winterwonderland
Der Schnee hat die seltene Eigenschaft, dass er das Hässliche in einer Landschaft schön erscheinen lässt und das schon Schöne verzaubert. Kein Wunder, dass er als Metapher der Unschuld in der Sprache seinen festen Ort gefunden hat.
Poesie und Prosa
Am Anfang ist jedes Jahr poetisch. Am Ende nur noch prosaisch.
Alle guten Wünsche
Die Inflation der Grußadressen zu bestimmten Ereignissen wie dem Geburtstag oder Jahreswechsel sorgt dafür, dass sie nur noch hastig zur Kenntnis genommen und selbst dort, wo sie über das Standardformelhafte hinausreichen, als bemüht, der Konvention verpflichtet, unpersönlich wahrgenommen werden. Erst wenn sie auf eine tagesfrische Schreckensnachricht treffen, entfalten die guten Wünsche Wucht. Ihr Wert hängt plötzlich an der Frage, wem glauben und worauf vertrauen: dem Wort, der ausgesprochenen Aussicht? Sie als belanglos abtun? Die meisten Glücksansinnen geben nicht kund, was sie belastbar machen könnte und worauf zu setzen wäre, wenn sie nicht eintreten. Das überlassen sie dem, der sie annimmt. Es sei denn, sie sprechen zugleich Segen zu.