Man muss schon sehr viel Verstand haben, um einzusehen, dass man mehr Glück hatte als Verstand. 
Alle Artikel von jwr
Das Positive im Negativen
Es ist ein altbekanntes und dennoch immer wieder verblüffendes Phänomen, dass wir erst im Moment des Verlusts so recht wertschätzen können, was abhanden gekommen ist. Die Präsenz des Absenten zeigt sich als Schmerz. Der zieht und ist freilich stechender, wenn geliebte Menschen aus dem eigenen Leben getreten sind, als bei Dingen, die unersetzbar zerbrachen. Und doch durchdringt dieses Weh hier wie dort eine Sehnsucht nach dem Entschwundenen. Lässt sich das übertragen ins Denken? Es fällt uns leichter, gerade bei den großen Begriffen wie Freiheit, Wahrheit, Verantwortung, anzugeben, was wir mit ihnen vermissen als umgekehrt eine tragfähige und zureichende Bestimmung ihrer Bedeutung zu geben. Erst im Negativen findet sich eine Position.
Ernsthaft jetzt?
Souverän ist, wer sich selbst so ernstnimmt, dass er jederzeit über sich lachen kann.
Verhandlungsziel
Nichts ist in einer Verhandlung so wichtig wie das gemeinsame Verständnis darüber, dass ein Problem zu lösen ansteht, nicht, einen Sieger zu ermitteln.
Das Ende der Diplomatie
Ein guter Politiker weiß, wann er aufhören muss, diplomatisch zu handeln.
Die Ambivalenz des Applauses
Das Publikum erklatscht sich nach einer begeisternden Aufführung die Zugabe, auf die es meint, Anspruch erheben zu können. Der Solist hat sich die Seele aus dem Leib und dem Klangkörper seines Instruments gespielt. Nun erwidert das Auditorium diese Leistung voller Hingabe, indem es anerkennt, dass der Künstler alles gegeben hat, und doch von ihm fordert, noch eins oder zwei draufzusetzen. Das ist die Ambivalenz des Schlussapplauses, dass er dem Schlussakkord entspricht und ihm zugleich widerspricht, indem er selber bestimmen will, wann das Konzert zu Ende ist.
Managementregel Nummer eins
Am besten funktionieren Menschen, wenn man sie anspricht als jemand, der nicht nur funktionieren soll.
Schluss mit Frieden
Schlimmer noch als die vom Feind ist jene unausgesprochene Kriegserklärung, wenn der eigene Partner einem in den Rücken fällt.
Richtig wichtig
Ohne es auf jene jüngere Generation zu beschränken, bei der es nur auffällig oft festzustellen ist, scheint eine feste Korrelation zu bestehen zwischen dem Maß von Seriosität, die einer vertritt, und der Signatur von Bedeutung, die er sich selber zuschreibt. Je weniger ein Mensch sich ernstnimmt, desto wichtiger nimmt er sich. Ist das nicht dasselbe? Man kann den Unterschied vielleicht so markieren: Wenn hier die Sache der anderen zur eigenen gemacht wird, fordert dort das Ich, dass das Eigene gefälligst die anderen zu interessieren hat.
Bedenke nicht das Ende
Oft kommen die besten Gedanken dann, wenn zwei übliche Fragen ausbleiben: was es bringt und wozu es gut ist.
Weltfrieden
Nicht ausgleichende Gerechtigkeit, nicht Wohlstand, nicht Alter, politische und wirtschaftliche Stabilität, sie alle gewährleisten nicht den Frieden, nach dem auch jene sich sehnen, die von Krieg kaum unmittelbar bedroht sind. Was den Frieden auf dieser Welt garantieren könnte, wie es im selben Maße unwahrscheinlich bleibt: dass die Aussichten auf eine Lebensverbesserung, welcher Art auch immer, rechnerisch überwiegen. Solange die Mehrheit eine wünschbare Zukunft hat, wird sie diese nicht aufs Spiel setzen wollen in einem Großkonflikt. Gute Perspektiven bewirken mehr als beste Besitzstände.
Der aufgeblähte Narzissmus
Aus einer Abendlektüre
„Die charakteristische Gestalt absurder Meinung heute ist der Nationalismus. Mit neuer Virulenz steckt er die gesamte Welt an, in einer Phase, in der er zugleich durch den Stand der technischen Produktivkräfte, die potentielle Bestimmung der Erde als eines Planeten, zumindest in den nicht unterentwickelten Ländern, seine reale Basis verloren hat und gänzlich zu der Ideologie geworden ist, die er freilich immer auch schon war. Im Privatleben ist Selbstlob und was ihm ähnelt anrüchig, weil Äußerungen solchen Sinnes allzuviel von der Übergewalt des Narziß-mus ausplaudern. Je befangener die Individuen in sich selbst sind und je verhängnisvoller sie die Einzelinteressen verfolgen, die in jener Gesinnung sich abbilden und deren sture Gewalt auch wiederum von ihr verstärkt wird, desto sorgfältiger muß eben dies Prinzip verschwiegen, muß unterstellt werden, es gehe, wie der nationalsozialistische Slogan lautete, Gemeinnutz vor Eigennutz. Gerade die Kraft des Tabus über dem individuellen Narzißmus jedoch, dessen Verdrängung, verleiht dem Nationalismus die perniziöse Macht. Im Leben des Kollektivs geht es anders zu als nach den Spielregeln in den Beziehungen zwischen den Individuen. Schon bei jedem Fußballmatch jubelt die jeweils einheimische Bevölkerung unter Mißachtung des Gastrechts schamlos dem eigenen Team zu; der heute nicht umsonst so gern en canaille behandelte Anatole France konstatierte in der Insel der Pinguine, daß jedes Vaterland über allen in der Welt ist. Man müßte nur die Normen des bürgerlichen Privatlebens ernst nehmen und zu gesellschaftlichen erheben. Aber eine derart gutmütige Empfehlung verkennt die Unmöglichkeit, daß es dazu komme unter Bedingungen, die den Einzelnen solche Versagungen auferlegen, ihren individuellen Narzißmus so konstant enttäuschen, sie real so sehr zur Ohnmacht verdammen, daß sie zu kollektivem Narzißmus verurteilt sind. Ersatzweise zahlt er ihnen dann gleichsam als Individuen etwas von jener Selbstachtung zurück, die ihnen dasselbe Kollektiv entzieht, von dem sie die Rückerstattung erhoffen, indem sie wahnhaft mit ihm sich identifizieren. Der Glaube an die Nation ist mehr als jedes andere pathische Vorurteil die Meinung als Verhängnis; die Hypostasis dessen, wozu man nun einmal gehört, wo man nun einmal steht, als des Guten und Überlegenen schlechthin. Er bläht die abscheuliche Notstandsweisheit, daß wir alle im gleichen Boot sitzen, zur moralischen Maxime auf.“*
* Adorno, Eingriffe. Neun kritische Modelle, 165ff.
Das Geheimnis des Pragmatismus
Die meisten, die sich einen Tick zu großspurig pragmatisch nennen, sind in Wahrheit kleingeistige Opportunisten.
Vergissmein
Die Zeit zu vergessen bedeutet, sich selbst zu vergessen.
Mehr als tausend Worte
Oft wird die Musik mit der Sprache verglichen, ja, man zögert nicht, von der Sprache der Musik zu reden. In der Tat hat sie Talente, die sonst nur Wörter und Worte besitzen: Sie öffnet Welten, differenziert, schafft Räume, übt Macht aus, verbindet Menschen, oder trennt sie. Nur in einem unterscheiden sich Musik und Sprache radikal. Wo Wörter töten können, erniedrigen und Druck ausführen, überwindet Musik Einsamkeit, befreit und erhebt. Mit nichts lassen sich Menschen mehr verzaubern.
Negative Theologie
Gott ist da, wo er fehlt.
Freundschaft mit der Feindschaft
Es spricht viel dafür, dass in jeder Feindschaft eine unerfüllte Freundschaft steckt. Da diese stets das Absolute sucht, ist jene nicht weniger unerbittlich. Mit der Liebe verhält es sich anders. Ihr Gegenteil ist, auch wenn es naheliegt, nicht der Hass. Sondern die Verachtung, ja Ausrottung jeder Leidenschaft dem einst begehrten Objekt gegenüber, auch der negativen. Wo Liebe war, kehrt kalte Gleichgültigkeit ein.
Klingelton
Der schönste Satz über eine Erkältung:
„Wenn ich durch die Nase atme, glaub ich, es läute das Telefon.“*
* Martin Walser am 16. Januar 1974, Leben und Schreiben: Tagebücher 1974 – 1978, 11
Parlamentarische Drohung
Opposition an die Regierung: Bevor wir euch stürzen, stürzt euch lieber selber – in die Arbeit.
Tiefer Fall
Dass Hochmut vor dem Fall komme, ist eher ein Wunsch der Gedemütigten als die Beschreibung des Arroganzschicksals. Nicht selten befördert Hochmut im Gegenteil den gesellschaftlichen Aufstieg.
Erinnerung und Erwartung
Kein Monat hat so viele Gedenktage wie der November: Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, der Volkstrauertag, das sind die Anlässe, das Los, das alle ereilt, den Tod, genauer in den Blick zu nehmen. Die einen halten sich fest an der Erinnerung – so lang ein Mensch im Herzen bleibt, ist er nicht gestorben –, die anderen beschwören die Erwartung, die Verheißung einer Auferstehung. Zum Trost allerdings gehört, dass er nicht selber zu leisten ist, sondern nur als Geschenk seine Kraft entfalten kann.
Gutsprech
Die Bahn bei einem unschönen Fehler ertappt und freundlich Beschwerde eingereicht, erst schriftlich, dann – nach einer elendlangen Duldsamkeitsphase in der Warteschleife – mündlich. Nichts half. Nun kommt doch die Antwort: kein Eingeständnis, keine Entschuldigung, keine Erklärung. Sondern im Jubelton: „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen …“. Boah Bahn. Die Marketingregel lautet: Gute Laune, aufgesetzt, macht miese Laune.
Fortschritt als Rückschritt
Was die künstliche Intelligenz bewirkt: vor allem die Degeneration der natürlichen Intelligenz. Der Fortschritt, den die Denkmaschinen versprechen, ist in Wahrheit ein Rückschritt.
Problemlösungsstrategie
In einer Welt, die den Unterschied zwischen Fakten und Fiktion nicht mehr aufrechterhält, lassen sich sämtliche Probleme lösen, indem man sie ignoriert.