Aus einem ehrlichen Mitgefühl, das aber nicht ins Handeln findet, entstammen alle Varianten der Verlogenheit wie Heuchelei, Selbstbetrug, Illoyalität.
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Noch einmal: Schreiben
Aus einer Samstagslektüre
„Schreiben heißt also die Welt enthüllen und sie zugleich der Hingabe des Lesers als eine Aufgabe stellen. Heißt auf das Bewußtsein andrer zurückgreifen, um sich für die Totalität des Seins als wesentlich anerkennen zu lassen; heißt diese Wesentlichkeit durch dazwischengeschobene Personen leben wollen; weil aber andrerseits die reale Welt sich nur dem Handeln offenbart, weil man sich nur darin fühlen kann, sofern man sie überschreitet, um sie zu verändern, fehlte es dem Universum des Romanciers an Dichte, wenn man es nicht in einer Bewegung, es zu transzendieren, entdeckte. Man hat oft festgestellt: ein Gegenstand in einer Erzählung gewinnt seine Existenzdichte nicht aus der Zahl und der Länge der Beschreibungen, die man darauf verwendet, sondern aus der Komplexität seiner Bezüge zu den verschiedenen Figuren; er wird um so realer erscheinen, je öfter er gehandhabt, ergriffen und hingestellt, kurz, von den Figuren auf ihre eignen Zwecke hin überschritten wird. Das gilt auch für die Romanwelt, das heißt für die Totalität der Dinge und der Menschen: damit sie ihr Maximum an Dichte erreicht, muß die schöpferische Enthüllung, durch die der Leser sie entdeckt, auch imaginäres Engagement im Handeln sein; anders gesagt, je mehr man Geschmack daran finden wird, sie zu ändern, desto lebendiger wird sie sein.“*
* Sartre, Was ist Literatur?, 51
Lesen und Schreiben
Schreiben, ohne zu lesen, wird hohl. Lesen, ohne zu schreiben, bleibt schal.
Angetragene und aufgetragene Erinnerungen
Mit dem Alter steigt die Zahl derer, die sich gemeinschaftlich erinnern wollen. Klassentreffen, das Wiedersehen mit den Studiengemeinschaften, Jubiläen des Examens, das alles sind Anlässe, frühe Bekanntschaften zu erproben, ob sie an Zukunft noch etwas versprechen. Den Test bestehen die wenigsten. Es wird viel gelacht, noch mehr Anekdoten werden ausgetauscht. Man verlässt solche Treffen meist leer, auserzählt, gelangweilt vom Immergleichen: Was machst du heute? Was macht die wohl, die nicht dabei ist? Weißt du noch? Selten – aber es kommt vor – ist unter den standardisierten Geschichten ein Mosaikstein, der das Bild, das man sich von sich selbst macht, vervollständigt oder verändert. Das sind Glücksaugenblicke. Aus tiefster Vergangenheit entsteht plötzlich eine Identitätsgewissheit, die weit in die Folgezeit hinein ragt. Die Erinnerung ist zum Risiko für die Gegenwart geworden.
A & Ω
Nirgendwo drückt sich die Vorstellung, der Mensch habe eine Würde, deutlicher aus als darin, dass wir seinen Anfang und sein Ende nicht antasten.
Sich den Gast geben
Eines der größten Missverständnisse im Feriengewerbe handelt vom unendlichen Maß der Gastfreundschaft. Ein guter Gastgeber ist nicht der, welcher alle willkommen heißt. Sondern der, welcher seine Gäste so behandelt, dass à la longue bestimmte Urlauber nicht mehr wiederkommen wollen. Man kann nicht mit allen befreundet sein, wenn man Freundschaft ernstnimmt. Das gilt erst recht für ein offenes Haus.
Kein Ansehen
Menschen, die am Bildschirm arbeiten, kennen das: Irgendwann verändert sich der Blick. Nicht mehr ich sehe, was sich auf dem Monitor zeigt, sondern das Display leuchtet mich an. Es ist die flache Variante des tiefen Worts von Nietzsche: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“* Die Entfremdung ist doppelt. Das Ich verliert die Souveränität seines eigenen Hinschauens; der Anblick des anderen ist kein Ansehen.
* Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Nr. 146
Der absolute Schmerz
Für einen Menschen, der leidet, hat nichts anderes mehr Bedeutung als sein Schmerz. Trösten meint, diesen Absolutheitsanspruch des Leidens gebrochen zu haben.
Spielgeschehen
Unter allen Spielern gewinnt der, dem es gelingt, die anderen nicht spüren zu lassen, dass mit ihnen gespielt wird.
Worte, mehr als Worte
„Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“*
* Kant, Zum ewigen Frieden, BA 5
Die Bedingungen des Friedens
Es gibt keinen Frieden ohne Verzicht. Zumindest davon müssen beide Konfliktparteien lassen: von dem Drang, sich selbst zu rechtfertigen.
Künstlich, natürlich
Dass die künstliche Intelligenz einen tiefen Einschnitt darstellt, nicht nur ökonomisch, nicht nur technisch, nicht nur wissenschaftlich, ist eine so ausgemachte Sache, wie es überhaupt noch nicht entschieden ist, ob ihre funktionale Brillanz den Überdruss des Menschen an ihm selbst fördert oder die Lust verstärkt, die er wieder an seiner „Menschlichkeit“ empfindet. Beides ist denkbar. Eines indes ist jetzt schon beschlossen: dass diese neuerliche, vierte Demütigung (siehe Freuds drei „Kränkungen der Menschheit“ durch Kopernikus, Darwin und ihn selbst) den Menschen zwingen wird, sich radikal anders selbst zu verstehen.
Bilanz nach hundert Amtstagen
Jede Regierung geht die Wette ein darauf, dass die Wahlbürger angesichts der Zumutungen, die an die Bevölkerung ergehen, und der uneingelösten Versprechen ruhig bleiben. Sie ist ein Kalkül mit dem sozialen Trägheitsgesetz.
Ich habe keine Zeit …
… sie wurde mir geschenkt. Im Verhältnis zu unserer eigenen Lebenszeit sind wir im wesentlichen passiv. Sie ist die größte Gabe, mit der wir bedacht sind, nicht allein und vor allem nicht, damit wir sie uns nehmen, sondern um sie weiterzuschenken. Zeit hat, wer sie für andere gibt.
Nicht alles ist relativ
Dialektische Diskussion mit dem sophistischen Sitznachbarn
… „Aber es muss doch feste Wahrheiten geben. Sonst ist alles verloren. Du kannst doch nicht alles abhängig machen von Perspektiven, Sichtweisen, Meinungen.“
„Das tue ich auch nicht. Ich füge mich nur nicht ein in ein starres Gerüst aus absoluten Sätzen, die du nicht anzweifeln darfst.“
„Im Gegenteil. Du sollst sie sogar skeptisch sehen. Erst dann wirst du überhaupt merken, dass es solche prinzipiellen Gewissheiten gibt.“
„Ok. Frage: Was ist das Gegenteil von ,absolut‘?“
„Das ist ja die Pointe. Das Absolute hat kein Gegenteil. Es steht für sich, losgelöst von allem.“
„Wäre dem so, könnten wir es nicht verstehen. Nur was einen Kontext hat, hat auch eine Bedeutung.“
„Na gut, das Gegenwort ist natürlich ,relativ‘. Ich weiß, du wirst mir jetzt gleich vorführen, dass dann das Absolute nicht absolut ist, weil es eine Relation hat zum Relativen, seinem Pendant, auch wenn das nur gedankendürre Wortklaubereien sind.“
„Das ist deine Ansicht. Und dein Vorurteil. Ich wollte anderes ausführen. Aber so bestätigst du natürlich viel besser, dass wir dauernd irgendwelche Vorbegriffe, vorgefasste Erwartungen mit uns führen, die unser Blickfeld so einengen, dass da absolut nichts Absolutes zu erscheinen vermag.“
„Warum strengst du dich so an und willst mit mir streiten? Warum lässt du nicht locker? Weil du überzeugt bist, dass das sinnvoll ist, mich auf deine Sicht der Dinge zu verpflichten. Aber das setzt Grundlegendes voraus: dass Bedeutungen nichts Willkürliches sind, dass wir einander verstehen können, auch wenn es allzu selten geschieht, dass Menschen einen Horizont miteinander teilen. Das Absolute ist nicht das, was sich zu erkennen gibt. Es ist vielmehr das, was allem Erkennen vorausliegt. Und sich ihm so entzieht, losgelöst von jedweder Reflexion. Es muss Absolutes geben, auch wenn wir kaum sagen können, was es denn ist, das so zu heißen verdient.“
„Hm.“
„Das Absolute ist, was uns sprachlos macht.“
Offen gesagt
Politische Freiheit bedeutet, in der Öffentlichkeit offen sein zu können, es aber nicht zu müssen.
Neuinterpretation
Die Kunst der Politik besteht darin, genau so viele Worte zu machen, dass sie sich immer wieder anders interpretieren lassen. – „Was hat er gesagt?“ „Keine Ahnung, er hat so lang geredet.“
Unter Umständen
Gewisse Sätze beginnen mit „Vielleicht …“. Es ist das Wort mit der größten Gewissheit. Wenn das Gewissen sich äußert, sagt es eines nie: Vielleicht.
Die Rückseite der Ethik
In Ermangelung der Fähigkeit, gültig zu bewerten, was man getan hat, sollte eine Ethik vielmehr beurteilen, was man versäumt hat zu tun.
Oder nicht
Entweder man hat sie, oder nicht: Zur Erhabenheit einer Moral gehört, dass sie sich nicht sinnvoll einfordern lässt. Das wirkt jedesmal betulich, nicht selten peinlich. Das Gute lässt sich nicht verordnen, wahrscheinlich nicht einmal erbitten. Umso bedenklicher ist die neu erwachte Sehnsucht nach einer starken Moral in sittlich unbehausten Zeiten. Sie wiederzugewinnen, führte in der Vergangenheit regelmäßig über politische Barbarei, Gewaltherrschaft, das brutale Diktat des Dünkels, der Heuchelei und Verlogenheit. Die Moral wird allzu unmoralisch, sobald man sie erzwingen will.
Die Fremdheit des Vertrauten
Aus einer Abendlektüre
„Die Versuche, aus den Räumen der Heimat von Fremdheit gereinigte Orte zu machen, verkennen, dass Fremdes und Fremdartiges auch im Innern unserer Heim- und Lebenswelt notwendige Voraussetzung von Heimat sind. Und dies ist nicht einzig an den besonderen Räumen und ihren Unzugänglichkeiten festzumachen. Denn auch die in ihnen lebenden Menschen sind nie ganz und gar an einem Ort. Sie arbeiten hier und sind mit ihren Gedanken bei einem Kinobesuch am späten Abend in der Nachbarstadt, sie warten an einer Bushaltestelle und wünschen sich, bereits bei ihren Freunden am anderen Ende der Stadt zu sein oder sie sitzen bequem auf ihrem Fauteuil zu Hause und sehnen sich nach einem Abendessen in einem Pariser Restaurant, in dem sie vor einigen Wochen diniert haben.
Nie sind wir ganz und gar da, wo wir sind. Wir sind immer auch mit unseren Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Erinnerungen an anderen Orten. Anders als Steine oder tief verwurzelte Bäume können wir uns fortdenken und können fortgehen. Wir sind dann immer ein bisschen woanders, während wir uns doch hier in unserer Wohnung oder an unserem Arbeitsplatz befinden. Unserem Begehren und unserem Wunsch, irgendwo zuhause zu sein und uns zu beheimaten, widerspricht dies nicht. Wir sind nicht heimatlos, weil wir uns manchmal an einen anderen Ort und zu anderen Menschen wünschen.“*
* Alfred Hirsch, Heimatweh. Eine philosophische Erzählung, Baden-Baden 2025, 119
Negative Anthropologie
Die Un-möglichkeit, den Menschen zu definieren, führt konsequent in das Verfahren negativer Bestimmung, das schon aus der Religionswissenschaft bekannt ist: Von Gott sinnvoll zu reden bedeutete mangels klarer Einsichten der negativen Theologie, die seit Platon die Un-aussprechlichkeit des Höchsten postulierte, all jene Eigenschaften zu benennen, die ihm nicht zugeschrieben werden können. Ähnlich könnte man in der Anthropologie vorgehen. Und muss feststellen, dass es kaum etwas gibt, was sich nicht aussagen lässt über ein Wesen, dessen zentrales Merkmal wohl seine Widersprüchlichkeit ist. Der Mensch ist das Tier, das mit sich selbst un-eins ist.
Aber hallo
Empfindsame Sprachgemüter hören in der Anrede „Hallo …“ noch den Imperativ mit, den das Wort, das um Aufmerksamkeit buhlt, einst innehatte. Es war der Ruf, der dem Fährmann galt am anderen Ufer, dass er sich beeilen möge; man sei bereit zum Übersetzen. In der Schriftform wirkt die Begrüßung – um in der Bildwelt der Überfahrt zu bleiben – je nach der Herkunft plump oder platt. Wird das Hallo eingesetzt, wo eher ein „Sehr geehrter …“ sich ziemte, unterstellt es eine Vertrautheit, die es nie gab. Löst es das „Lieber …“ ab, hat es meist auch die Vertrautheit abgegeben und will sie ersetzen durch eine neue, verkrampfte Lockerheit. „Hallo“ taugt kaum in der titelnden Textform. Umso größer ist das „Hallo!“, auch anders, auf der zweiten Silbe betont, mit der Überraschung, die es ausdrückt.
Politik der Falschheit
Mit der Lüge hat die Drohung eines gemeinsam: Sie verliert ihre Kraft, wenn sie wahrgemacht werden soll.