Das ist die zentrale Zuversicht der Aufklärung: In dem Maße, wie jeder selbstständig denkt, wächst der Wille zur Einmütigkeit.
Kategorie: Die tägliche Notiz
Körperklang
Wenn das Orchester sich in einen Rausch spielt, löst sich die Musik von den Solisten, vom Dirigenten, vom Notenblatt. Souverän geworden erfüllt den Raum ein einziger Körperklang, der sich selbst genug, jeden Klangkörper verwandelt in ein universales und totales Instrument.
Mehr als ein Sieg
Es ist ein Irrtum, dass es im Wettkampf am Ende immer nur um Erfolg oder Niederlage geht. Der Sport kennt mehr als diese Alternative: mindestens Sieger und Verlierer und, nicht zuletzt, Gewinner. Diese leiten sich nicht unmittelbar ab davon, ob sie triumphiert haben. Gewinnen meint, aus beidem, dem Gelingen wie dem Fehlschlag, die richtige Folgerung gezogen zu haben.
Diskrepanz
Ein Kennzeichen unserer Zeit ist die Unmäßigkeit, ja Totalität von Ansprüchen. Das reicht nicht nur in die wirtschaftliche Dominanz des Leistungsgedankens; es meint auch weniger so manche ungezügelte Forderung junger Menschen ans Leben, von dem sie, selber passiv, erwarten, dass es sie angemessen unterhält, im Doppelsinn: Unterhaltung bietet und Unterhalt. Die ungeheure Wucht von Ansprüchen verdichtet sich vor allem dort, wo das gegenwärtige Handeln ein radikales Verlangen künftiger Generationen mitbedenken muss, sich leiten lässt von Menschen, die noch nicht geboren sind, bei der Beschränkung des Ressourcenverbrauchs, angesichts von Investitionen in Klimaneutralität, nicht zuletzt im Kampf wider den Egoismus derer, die jetzt leben. Eine solche Herrschaft von nicht zuletzt abstrakten Ansprüche setzt voraus, dass man fähig ist, sich dem anderen verstehend zu öffnen, sich in seine Position hineinversetzen zu können. Und das um einer Generation willen, der genau diese Haltung weitgehend abgeht.
Ganz schön
Lieben heißt, einen Mensch so schön zu machen, wie er nicht ist. Liebe macht nicht blind, sondern öffnet die Augen für das, was noch nicht ist.
Lust an der Negation
Wir leben in einer Zeit, in der es allemal cooler ist, gegen etwas zu sein, als für etwas einzustehen. Sie ist nicht ins Gelingen verliebt, sondern ins Misslingen. Kritisch zu sein bedeutet da, es nicht anders zu machen oder gar besser, sondern es besser zu wissen und anders zu wollen.
Einen Schritt weiter
Fortschritt in der Philosophie bedeutet, die Fähigkeit weiterzuentwickeln, immer wieder vorn anzufangen.
Mensch sein
Wenn der Mensch allen anderen Lebewesen überlegen ist, dann darin, dass er sich mit seinem Feind versöhnen kann.
Wie der Erfolg sich selber im Weg steht
Zwischen dem unbedingten Willen zum Erfolg und dem Erfolg steht oft die Angst vor dem Erfolg. Sie erinnert daran, dass selbstgesteckte Ziele zu erreichen nicht die Lösung, sondern gelegentlich das Problem sein kann.
Heulsuse
Es gibt Opern, die scheinen nur komponiert zu sein, damit Männer im Schutz der Dunkelheit ungehemmt schluchzen können. Sie zählen zu den schönsten.
Charmante Unverschämtheiten
Die meisten Unverschämtheiten wirken, im Dialekt gesprochen, charmant.
Woher weißt du das?
Nicht durch den notorischen Zweifel, sondern durch seine Hartnäckigkeit, nur gelten zu lassen, was sich legitimieren lässt, zeichnet den kritischen Geist aus. Seine Frage lautet stets: Woher weißt du das?
Schwarz-Weiß wie Rauch
In Rom sucht man einen Seelsorger, heißt es. Das soll der neue Papst sein, wenn er der Weltkirche vorsteht: einer, der Barmherzigkeit übt, der zugewandt ist und Hoffnung verkörpern kann. Wer gegenwärtig auf die Weltseele achtet, muss nicht nur für sie sorgen, sondern sich um sie sorgen.
Ins Gesicht geschrieben
Randnotiz zur Sprache des politischen Gegners: „Es gibt kein unfehlbareres Zeichen eines ganz schlechten Herzens und tiefer moralischer Nichtswürdigkeit, als ein Zug reiner, herzlicher Schadenfreude. Man soll den, an welchem man ihn wahrgenommen, auf immer meiden.“*
*Arthur Schopenhauer, Die beiden Grundprobleme der Ethik. Preisschrift über die Grundlage der Moral, Werke III, 731
Im Amt
In einer Demokratie wird die Würde des Amtes geschützt durch die Demut der Person.
Aufgegleist
Am Bahnsteig gegenüber steht winkend die Freundin von früher; sie will offenkundig in die entgegengesetzte Richtung stadtauswärts fahren und wartet auf die nächste Gelegenheit. Die Züge sind noch nicht gekommen, so dass zwar kein Dialog entsteht, aber ein kurzer Wortwechsel über die trennenden Gleise hinweg, wo man sich doch jahrelang nicht gesehen, nicht gesprochen hat. „Alles klar?“, ruft er. „Und bei dir?“, kommt es von der anderen Seite, weder als Antwort gemeint noch als ernsthafte Frage. „Lass uns einen Kaffee trinken, ja?“ Sie nickt. Und kann gerade noch sagen: „Wir treffen uns nächsten …“ Die einfahrende U-Bahn schneidet den entscheidenden Teil des Satzes ab. Sie ist eingestiegen. Ob sie weiß, dass er ihren Vorschlag nicht mitbekommen hat? Früher hatte sie, ganz im Businessjargon, Verabredungen immer wie die Termine in den Vorstandsetagen „aufgegleist“. Nun war der Versuch, sich zu treffen, schon im Ansatz entgleist. Ihr Weg führte dorthin, der seine hierhin. Sie hatten sich nicht einmal im Unendlichen berührt. Nie schien sie ihm so fern zu sein wie in dem Augenblick, als sie noch einmal zum Greifen nah war.
Charakterstärke
Es sind zwei Eigenschaften, die einen Charakter stark sein lassen: Er hält seine Versprechen und kann um Verzeihung bitten, wo das nicht gelungen ist.
Zum Ausdruck bringen
Aus einer Freitagabendlektüre
„Ein Künstler, welcher in der wenn auch künstlerischen Nachahmung der Naturerscheinungen kein Ziel für sich sieht und ein Schöpfer ist, welcher seine innere Welt zum Ausdruck bringen will und muß, sieht mit Neid, wie solche Ziele in der heute unmateriellsten Kunst – der Musik – natürlich und leicht zu erreichen sind. Es ist verständlich, daß er sich ihr zuwendet und versucht, dieselben Mittel in seiner Kunst zu finden. Daher kommt das heutige Suchen in der Malerei nach Rhythmus, nach mathematischer, abstrakter Konstruktion, das heutige Schätzen der Wiederholung des farbigen Tones, der Art, in welcher die Farbe in Bewegung gebracht wird usw. Dieses Vergleichen der Mittel verschiedenster Künste und dieses Ablernen einer Kunst von der anderen kann nur dann erfolg- und siegreich werden, wenn das Ablernen nicht äußerlich, sondern prinzipiell ist. D.h. eine Kunst muß bei der anderen lernen, wie sie mit ihren Mitteln umgeht, sie muß es lernen, um dann ihre eigenen Mittel prinzipiell gleich zu behandeln, d.h. in dem Prinzip, welches ihr allein eigen ist. Bei diesem Ablernen muß der Künstler nicht vergessen, daß jedes Mittel eine ihm geeignete Anwendung in sich birgt und daß diese Anwendung herauszufinden ist.“*
* Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, 54f.
Du kommst mir so christlich
Kirchentag, das sind jene Tage einer großen Tagung, an denen das Adjektiv „christlich“ zum Beiwort degeneriert. Da treten auf: christliche Kabarettisten und Comedians, christliche Bands, christliche Politiker, von den Linken bis zur Union, es werden christliche Lieder gesungen und christliche Hamburger verzehrt in Hannover – nein, so weit ist es dann doch nicht gekommen. Dabei ist „christlich“ ein Hauptwort, mehr als ein Charakterzug, eine Wesensbestimmung, die Haltungen einfordert, eher Substanz und Subjekt als Eigenschaft oder Eigenart.
Da muss ich mich absichern
In einer Unternehmenskultur, in der Angst vor Fehlern das alltägliche Arbeitsverhalten bestimmt, meidet jeder Entscheidungen. Stattdessen regieren die Sachzwänge, denen man abgetreten hat, was entschlossenes Handeln genannt zu werden verdiente, und hinter die zu verstecken folgenlos gelingt, sollte einmal etwas schiefgegangen sein. Nichts ist so armselig wie ein Mitarbeiter, der über die hausinternen Richtlinien belehrt, statt die Verantwortung für eine eigenständige Aktion zu übernehmen.
Hundert Tage Eitelkeit
Die Mächtigen dieser Welt unterscheiden sich in jene, die dem Volk dienen, und jene anderen, die sich das Volk dienstbar machen.
Gestaltungsfrage
Unternehmerische Verantwortung zu übernehmen bedeutet, die Zumutungen an die eigenen Mitarbeiter zu knüpfen an deren Ermutigung.
Provisorisch leben
Auch das ist eine Lebenserkenntnis: Nicht selten hält sich, was in der Absicht begonnen wurde, nur vorübergehend und vorläufig zu sein, am längsten. Der Mensch neigt dazu, sich im Provisorischen endgültig einzurichten. Vielleicht ist das die treffendste anthropologische Bestimmung: das Tier, das probeweise lebt.
Der korrekte Mensch
Das ist das Missverständnis des korrekten Menschen, dass er meint, im Recht zu sein, nur weil er alles richtig gemacht hat. – Der korrekte Mensch heißt so, nicht weil er korrekt ist, sondern weil er andere korrigiert. – Recht haben und: im Recht sein, das sind, auch wenn sie Ähnlichkeit vorgaukeln, zwei konträre Lebenseinstellungen. Die eine stellt sich über das, was rechtens ist, indem sie es misst an dem, was richtig ist. Die andere fügt sich ein ins Rechte, ungeachtet dessen, ob sie alles richtig macht.