Bei allem, was Reformen erreichen wollen, gibt es eines, das sie zu verhindern suchen: die Revolution.
Kategorie: Die tägliche Notiz
Denkmodelle
Neues zu denken beginnt mit der Suche nach Fragen, nicht nach Antworten.
Schreibzwang
Der tägliche Schreibzwang, auch unter widrigen Voraussetzungen, ist in Wahrheit eine große Freiheit. Jedes Wort, das sich finden lässt, entlastet das Ich von sich selbst.
Das Recht des Schwächeren
Aus einer Sonntagslektüre
„Schrankenlose Vertragsfreiheit zerstört sich selbst. Eine furchtbare Waffe in der Hand des Starken, ein stumpfes Werkzeug in der Hand des Schwachen wird sie zum Mittel der Unterdrückung des Einen durch den Anderen, der schonungslosen Ausbeutung geistiger und wirtschaftlicher Übermacht. Das Gesetz, welches mit rücksichtslosem Formalismus aus der freien rechtsgeschäftlichen Bewegung die gewollten oder als gewollt anzunehmenden Folgen entspringen läßt, bringt unter dem Schein einer Friedensordnung das bellum omnium contra omnes in legale Formen. Mehr als je hat heute auch das Privatrecht den Beruf, den Schwachen gegen den Starken, das Wohl der Gesamtheit gegen die Selbstsucht der Einzelnen zu schützen.“*
* Aus einem Vortrag, den der Rechtswissenschaftler Otto von Gierke über „Die soziale Aufgabe des Privatrechts“ 1889 in Wien gehalten hat, zit. in: Uwe Wesel, Juristische Weltkunde, 99
Politisch Plappern
Ausreden: Zu viele Worte sollen darüber hinwegtäuschen, dass man die richtige Sprache nicht gefunden hat.
Die Gaben der Freiheit
Die höchste Form der Freiheit: sich hinzugeben.
Die niedrigste Form der Freiheit: sich aufzugeben.
Ohne Fehler
Menschen, die keinen Fehler machen, erscheinen als übermenschlich. Menschen, die keinen Fehler zugeben, erscheinen als unmenschlich.
Aus der Ferne
Es gehört zur Paradoxie des Zusammenlebens, dass Nähe durch Ferne entsteht und die Entfernung wächst, wenn die Nähe über die Maßen zunimmt.
Ich, Du, Wir
Nichts schafft so leicht ein Wir wie zwei Narzissten, die miteinander über ihr eigenes Ich reden.
Erlösung und Versöhnung
Religiosität bedeutet, mit der eigenen Kindheit, ganz versöhnt zu sein, ohne je von ihr erlöst sein zu wollen.
Eine nüchterne Beobachtung
Was ist Glück anderes als jener, meist kurze Lebensmoment, in dem der Mensch aufgehört hat, sich selbst zu beobachten.
Echte Gefühle
Das einzig echte Gefühl, mit dem wir uns nicht selbst betrügen können, ist die Traurigkeit.
Formvollendet
Nicht selten ist die formvollendete Geste ein scharfes Indiz dafür, dass der Inhalt fehlt: ein klar gegliederter, auf bestem Papier in angenehm zu lesendem Schriftbild ausgedruckter Aufsatz, der nichts sagt, das aber fehlerfrei; eine elegante Entschuldigung, die nichts bedauert, das aber aalglatt; ein Gruß, der sich im Superlativ selbst überbietet, vom Persönlichsten ins Allerherzlichste gesteigert, der Nähe und Zugewandheit anbietet, das aber tausendfach.
Wer hat recht?
Der Anfang vom Ende jeder bis dahin geglückten Kommunikation ist die implizite Frage: Wer hat recht?
Genau so
Was eine Theorie ist? Nichts als ein Ensemble von Wörtern, denen gelingt, eine Sache so zutreffend zu beschreiben, dass sich leichterdings einstimmen lässt in ein gemeinschaftliches „Genau so“. Bis dann die ersten Abweichungen, Fehler und Unstimmigkeiten auftreten, die zum Weiterdenken zwingen.
Zwecklos, zweckfrei
Im Denken nimmt die Philosophie jene Sonderstellung ein, die im Leben der Mensch* innehat: Zweck an sich selbst zu sein. Nichts ist nutzloser als die Frage, wozu Philosophie nützlich sei. Diesen Effekt mag sie haben, aber auf ihn zielt sie nicht. Im Gegenteil gehört zu ihr all das, was solche Fragen an, oft stillschweigenden, Voraussetzungen mit sich führen. „Höre ich die Frage Wozu Philosophie? greife ich – einem unweisen Rat des dubiosen Dramatikers Hanns Johst folgend – nach meinem Revolver, um festzustellen, daß ich keinen besitze“, schreibt der Philosoph Hans Blumenberg.**
* „Denn vernünftige Wesen stehen alle unter dem Gesetz, dass jedes derselben sich selbst und alle andere niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst behandeln solle.“ – Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, BA 75
** Zu den Sachen und zurück, 13
Ich stehe hier, und könnte anders
Zivilcourage ist Mut zur Einsamkeit.
Im Umbruch
Vor bald fünfzig Jahren, am 20. Mai 1975, schrieb der Publizist Joachim Fest in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“:
„Es hat den Anschein, als fühle sich fast jedermann in diesem Lande, vom Gesetzgeber bis zur Kindergärtnerin, einem hektischen Reformdruck ausgesetzt. Im steten Bedürfnis, den eigenen Neuerungswillen zu beweisen, werden unzureichend durchdachte Programme verabschiedet, die entweder finanziell nicht gedeckt sind und folglich wieder rückgängig gemacht werden müssen … oder aber von nahezu sämtlichen beteiligten Gruppen abgelehnt werden … Der Vorzug ist kaum greifbar. Es soll nur alles anders werden.
Was sich da als Reformwille ausgibt, ist vielfach lediglich Unrast, die als Ressentiment gegen das Bestehende in Erscheinung tritt. In Umkehrung der berühmten Hegelschen These gilt das Wirkliche heute als unvernünftig, und das aus keinem anderen Grund, als weil es wirklich ist: modische Wegwerf-Mentalität, bezogen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Zahlreichen Reformideologen geht es denn auch weniger um die Verwirklichung des vernünftigen Neuen als vielmehr um den Bruch mit dem Überkommenen.
Angesichts der beispiellosen und pessimistischen Dynamik, die der zivilisatorische Prozeß entwickelt hat, liegt jedoch die Funktion des aufgeklärten Reformwillens eher darin zu bremsen, als fortzubewegen … Denn nicht das Bestehende muß verändert werden, sondern das Verkehrte. Das ist nur ein Gemeinplatz; aber gleichwohl kompliziert zu denken für alle.“*
* Wieder abgedruckt in: Joachim Fest, Nach dem Scheitern der Utopien. Gesammelte Essays zu Politik und Geschichte, 15f.
Recht und Rache
Es ist die Aufgabe des Rechts, das Ressentiment von der Macht fernzuhalten, damit es nicht in Rache sich verwandeln kann.
Beratungsniveau
Woran sich das hohe Niveau einer Beratung erkennen lässt? Sie nimmt die Unsicherheit und schenkt Entschiedenheit. Und die niedrige Qualität einer Beratung: wenn sie Entscheidungen vornimmt und Sicherheit vorgibt.
Lob des Dilettantismus
Der Baseler Geschichtswissenschaftler Jacob Burckhardt pflegte sich als „Erzdilettanten“ zu bezeichnen. Und sah darin einen notwendigen Vorzug in einer Welt, die damals schon, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, einen Grad von Spezialisierung in der Wissenschaft erreicht hatte, der dazu führte, dass so mancher „die Fähigkeit der allgemeinen Übersicht, ja die Würdigung derselben einbüßt, während er in allem Übrigen nicht einmal Dilettant, sondern Ignorant ist“*. Die Diagnose ist verblüffend: Der Wissenschaft fehlt es nicht an Tiefe, sondern an Oberflächlichkeit, um wieder tief zu werden.
* Gérard Raulet, Objektivitätsanspruch und historisches Erkenntnisinteresse, in: Cahiers d‘Etudes Germaniques, 2001, 7 – 36, 16
Haushaltsloch
Wie der Staat zu Geld kommt: Er muss nur das, was dem Bürger zusteht, an Leistungen, Erstattungen, Förderungen, von Bürokraten formulieren lassen, die Briefe schreiben oder Gesetze erlassen, welche keiner versteht. Das Potenzial ist da vielfach erkennbar, aber noch nicht ausgeschöpft.
Trost und Trotz
Zur Rationalität des Hoffens gehört, dass es nicht aufhört, wo das Wünschen vergeblich gewesen ist. Ihren Trost gewinnt die Hoffnung nicht aus der Erfüllung, sondern aus dem Trotz.
Nicht Verzweifeln am Zweifel
Der Zweifel, seiner Funktion beraubt, die nach der Belastbarkeit von Fakten und Aussagen sucht, ja auf sie zielt, ist als Skeptizismus deformiert nur noch die billige und blasse Methode, deren Beliebigkeit zu rechtfertigen. Das Etikett No challenge, das den Imperativ: Frag nicht so genau! vorträgt, um zu verstecken, dass auf eine Antwort niemand sich festlegen will, öffnet nicht den Spielraum der Interpretation, sondern deklariert implizit, dass am Verstehen kein Interesse besteht: Wir wollen es nicht so genau wissen.