Kategorie: Die tägliche Notiz

Schön und gut

Dass wir etwas schön finden, ist nur deswegen eine Geschmacksfrage, weil Geschmack eine Frage von Bildung ist.

Erschöpfter Eros

Nicht die Fragen ändern sich am Ende einer Beziehung. Aber die Lust zu antworten ist verflogen.  
Wie war’s? – Wie soll’s schon gewesen sein.
Was machst du? – Na, was wohl.
Wie geht es dir? – Es könnte besser gehen.
Du willst doch auch? – Wenn du meinst.
Was magst du essen? – Das von gestern war doch gut.
Antworten, die keine sind, lassen die Fragen nicht verschwinden, aber das Fragen lässt nach.

Halb voll

Wenn Ignoranz der Preis ist, den man für Optimismus bezahlen muss, ist er zu hoch.

Tierliebe

An einem Transporter vorbeigefahren, der beschriftet ist – warum auch immer; als Bitte um Rücksichtnahme? – mit „Lebende Tiere“. Man sollte ein „i“ hinzufügen: Liebende Tiere. Ob die Schafe dann auch noch zur Schlachtbank gefahren würden?

Liebe ist …

…, wenn die Gründe für eine Beziehung unwichtig geworden sind, weil keiner mehr danach fragt. Die Liebe kennt kein Warum.

Wert und Würde

Was in Unternehmen unter dem Stichwort „Wertschätzung“ schon in der blassen Bezeichnung den erkennbar quantitativen, abgemessenen, auf die Leistung beschränkten Beitrag darstellt, die Menschen, die dort arbeiten, respektvoll wahrzunehmen und zu behandeln, sollte durch etwas ersetzt werden, was eine eigene Anstrengung ist und stets der ganzen Person gilt: Würdigung. Und das nicht erst beim Abschied in den Ruhestand.

Der Pöbel im feinen Pelz

Mobbing, so die wörtliche Übersetzung, meint das Verhalten, das sonst dem Pöbel zu eigen ist, dem Mob, der durch die Straßen zieht ohne Rücksicht auf fremde wie eigene Verluste, dumpf und laut, als Rotte allein auf Schikane aus. Es erstaunt daher schon sehr, dass vor allem im Kollegenkreis, und dort nicht selten im höheren Management, sich etliche nicht zu unfein sind, niedrigste Motive und ungezügelte Instinktlosigkeit dort walten zu lassen, wo man sonst, offenkundig zu Unrecht, den Charakter als handlungsleitende Instanz vermuten dürfte. Stets richtet sich Mobbing gegen die Person eines anderen und gehört schon deswegen unter das Verdikt der Würdeachtsamkeit. Als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist es in solchen Fällen zwar nicht vom Völkerstrafrecht abgedeckt, gleichwohl kein Kavaliersdelikt. Wo das Leben in dieser Weise angegriffen wird, und nicht nur die Arbeitsleistung kritisiert, muss das Recht alle Register ziehen, um die Integrität eines Menschen zu schützen.

Politisches Startup

Die Art des technologischen Fortschritts macht es möglich, dass künftig der geopolitische Wandel von Mächten vorangetrieben wird, die bisher kaum ernstgenommen und beobachtet wurden. Künstliche Intelligenz, Robotik, vielleicht alsbald der Quantencomputer, sie werden Gesellschaften in die Lage versetzen, ohne gleich eine große Maschinerie in Gang setzen zu müssen, ihre Überlegenheit auszuspielen in ökonomischen Märkten, auf militärischen Schauplätzen, mit strategisch angelegten Spielfeldern. Stärke verdichtet sich am Ende auf die Frage, wer schlauer ist. Den Rest erledigen Mikrotechniken.

Haben oder Sein

In Gesellschaft von Rechthabern behält man lieber für sich, im Recht zu sein.

Reformbedürftig, revolutionsunfähig

Deutschland ist ein Land in fundamentaler Krise, auch wenn im einzelnen die Bürger nicht so leben, als müsse sich irgendetwas tiefgreifend ändern. Diesem gesellschaftlichen Missverhältnis entspricht, als sei es ein Spiegelbild der Wahrnehmung, dass der Stolz der Mächtigen auf den Reformrekord nicht annähernd das politische Niveau erreicht, das den nötigen Wandel einzuleiten in der Lage wäre. Es geht uns gut. Ob das gutgeht?

Kritikfähig

Die wichtigste Voraussetzung, um selbstkritisch zu sein: nicht von Selbstzweifeln geplagt zu werden. Umgekehrt eine derzeit oft gesehene Kombination: große Selbstzweifel, wenig Selbstkritik.

Enthaltet Euch!

Es erhöht die Qualität von Entscheidungen signifikant, wenn Handlungen nicht immer gleich bewertet werden.

Systemfehler

Am schwierigsten zu beheben sind systemische und strukturelle Fehler. Man muss sie abstellen, ohne dass man in der Regel einen Schuldigen seriös verantwortlich machen kann.

Kurzes Wort zur Weltlage

Donald Trump – ein Mächtegern.

Wenn Geld gilt

Was den Kapitalisten auszeichnet? Nicht nur dass er alles übersetzt in einen Wert, er ist sogar selber käuflich.

Sich schadlos halten

Zur Verleihung des Friedenspreises des Fußball-Weltverbands

Den größten Schaden richten Menschen an, die sich für nichts zu schade sind.

Klarstellung

Taktik ergänzt die Strategie. Taktieren erinnert hingegen daran, dass sie fehlt.

Kommt noch was?

Zukunft ist der Ort der Angst und zugleich das, was die Gegenwart erträglich macht.

Mehr als Worte

Es kommt darauf an, beim Schreiben mehr als nur Worte zu produzieren, auch wenn man vielleicht nicht gleich eine ganze Welt erschaffen kann.

Mensch, Freund

Es ist schwer, mit einem Menschenfreund befreundet zu sein. Denn wo der Freund jene nur der Freundschaft eigene einschließende Ausschließlichkeit anbietet, offeriert der Menschenfreund ausschließlich das, worin er alle einschließt.

Hohle Kritik

Oft bleibt von einer Kritik kaum noch etwas übrig, wenn man die billige Geste abzieht, dass eine Sache einem Menschen einfach nicht passt. Eine Kritik, die nur ausdrücken will, dass die Sympathie fehlt, ist substanzlos.

Schon schön

Es gibt eine Schönheit, deren wesentliche Wirkung ist, dass sie alles andere vergessen lässt.

Glück und Verstand

Man muss schon sehr viel Verstand haben, um einzusehen, dass man mehr Glück hatte als Verstand.

Das Positive im Negativen

Es ist ein altbekanntes und dennoch immer wieder verblüffendes Phänomen, dass wir erst im Moment des Verlusts so recht wertschätzen können, was abhanden gekommen ist. Die Präsenz des Absenten zeigt sich als Schmerz. Der zieht und ist freilich stechender, wenn geliebte Menschen aus dem eigenen Leben getreten sind, als bei Dingen, die unersetzbar zerbrachen. Und doch durchdringt dieses Weh hier wie dort eine Sehnsucht nach dem Entschwundenen. Lässt sich das übertragen ins Denken? Es fällt uns leichter, gerade bei den großen Begriffen wie Freiheit, Wahrheit, Verantwortung, anzugeben, was wir mit ihnen vermissen als umgekehrt eine tragfähige und zureichende Bestimmung ihrer Bedeutung zu geben. Erst im Negativen findet sich eine Position.