Im pragmatisch sich tarnenden Wunsch, einen Gedanken gebrauchsfertig präsentiert zu bekommen, verbirgt sich nicht selten dessen Entwertung. Wo das Niveau einer Idee ausschließlich an deren Umsetzbarkeit gemessen wird, bleibt ausgeblendet, dass eine der vornehmsten Aufgaben des Denkens ist, das allzu hastige Handeln heilsam zu unterbrechen. Und die Frage nach dem Zweck zurückzustellen zugunsten der Suche nach dem Sinn.
Kategorie: Die tägliche Notiz
Der Name des Schicksals
Die antike mythische Vorstellung, dass ein Schicksal über die Welt verhängt ist, hat einen neuen Namen bekommen: Gegenwärtig heißt es, je nach Dimension, Wetter, Witterung oder Klima. Anders als in den frühen Tagen des Denkens, die das Los oder Omen von fremden Mächten bestimmt sein ließ, ist das moderne Fatum allerdings weitgehend menschenbeeinflusst. Nur das Gefühl, ihm ausgeliefert zu sein, ist geblieben.
Die Paradoxie der Disziplin
Disziplin heißt die Freiheit, die sich zwingt: Ich muss, weil ich will. Und will, weil ich nicht anders kann.
Warum nur?
Warum Veränderung nicht leicht ist? Weil wir zu viel Warum fragen. Das Denken in Kausalitäten hindert die Suche nach den Zwecken und Zielen. Was interessieren die Gründe, weshalb die Bahn mal wieder zu spät gekommen ist, solange nicht klar ist, wohin die Reise geht und wann sie angetreten werden kann. So logisch, dass das eine dem anderen zwangsläufig folgt, ist die Welt nicht. Ursachen dienen der Vermeidung beim nächsten Mal, und erst dann der Erklärung.
Der Zyklus des Antizyklischen
Unternehmer ist, wem gelingt, seine Angst zu disziplinieren. Das ist die psychologische Bestimmung wirtschaftlichen Handelns. Aber keine Erfolgsgarantie. Zu kaufen, wenn keiner die Sache haben will, und zu verkaufen, wenn niemand sie loswerden mag, kann vernünftig sein oder nicht. Der Rest ist die nachgängige Erklärung, einer habe früher die Chancen gesehen als andere, die unter dem Namen „Geschäftsglück“ deutlich ehrlicher ist.
Der Tanz
Nirgendwo wird so unmittelbar deutlich, was das Selbstvertrauen eines Menschen erlaubt, wie im Tanz. Sich so frei zu bewegen, dass das Maß der Körperphantasie nur von Rhythmus und Takt der Musik bestimmt ist, je genauer, desto lebendiger, das gelingt, sobald die Reflexion von der Selbstvergessenheit für einen langen, ausgelassenen Augenblick absorbiert wird. Kehrt sie zurück, kommt sie nicht allein, sondern in Begleitung der Scham, die sofort prüft, was vor aller Augen zu sehen war und sonst nur den intimen Situationen vorbehalten ist.
Routine, die sich selbst aufhebt
Sein Vortrag ist dicht zusammengesetzt aus lauter Sätzen, die er samt eingespieltem Witz gewiss schon so oft gesagt hat, wie der Zugbegleiter seine Begrüßung den Zugestiegenen routiniert tonlos vorgelesen. Wie soll da ein neuer Gedanke durchdringen?
Du kannst es nicht lassen
Lassen, das ist jene enttäuschungssensible Einsicht, die verstanden hat, dass nicht zu fassen ist, von dem man gerade noch geglaubt hat, es sei zum Greifen nah. Man könnte es auch die Idealform einer Beziehung nennen.
Stell dich nicht so an
Immer öfter hört man in dieser Republik, sobald es zu erreichen gilt, was nicht regelkonform, ungewöhnlich oder gar ein Bruch der Usancen ist, unausgesprochen und in ungezählten Wendungen den Satz des Achselzuckens, der gelegentlich erwidert wird auf leicht anspruchsvolle Ansinnen: „Da sind mir die Hände gebunden. Ich bin hier auch nur angestellt.“
Haben Sie einen Augenblick Zeit?
Auf der Einladung, die dieser Tage ins Haus geflattert kam, steht die unverhohlene Drohung: „… und danach gibt es Gelegenheit zur ausführlichen Diskussion …“ Es ist eine Wendung aus dem vergangenen Jahrhundert, in dem noch gegen die überkommenen Autoritäten gekämpft werden musste und jedes Widerwort als persönlicher Befreiungsakt gefeiert wurde, so dass selbst die Wiederholung geduldet war: Alles schien schon gesagt zu sein, nur noch nicht von einem selbst. Nichts kostet mehr Nerven und stiehlt mehr Lebenszeit als das, was unter dem Namen „Diskussion“ seit jeher zum blassen Standard geworden ist für kommunikative Gerechtigkeit.
Zu Ende kommen
Es zeichnet den Menschen aus (ist das eine Auszeichnung?), dass er zwar einen Anfang und ein Ende hat, aber sich selbst keinen Anfang geben kann, obwohl er seinem Leben ein Ende zu setzen vermag. Sollte man in diesem Fall, nicht ins Dasein rufen zu können, nicht auch beim Sterben diskreter sein und Hilfe dort als jene Form der Begleitung verstehen, die dem Lassen einen absoluten Vorrang vor dem Tun einräumt?
Dem Volk aufs Maul geschaut
Eine Regierung, die sich nur an der Demoskopie orientiert, verliert in der Demokratie an Zustimmung. Das Volk, dem politisch nachgelaufen wird, läuft weg. Es ist nicht die Aufgabe des Parlaments, den Wählerwillen zu erfüllen. Es soll ihn repräsentieren. Die Stimme abgegeben zu haben bedeutet nicht, sie als Echo wiederzubekommen.
Die Wahrheit der Rhetorik
Jedes Sagen entstammt einem Versagen. Wer nach Worten sucht, um sie ringt, mit ihnen kämpft, empfindet es als unerträglich, nicht wirklich aussprechen zu können, wie ihm zumute ist. Gerade wenn wir viel reden, äußern wir immer weniger, als wir mitteilen wollen.
Ohne Sinn und Bedeutung
Hölle, das ist der Sammelname für alles in der Welt, was weder Sinn noch Bedeutung hat.
Sehnsuchtsvoll
Man muss sich seiner Sehnsüchte entledigen, um zu seinen Bedürfnissen zu gelangen.
Fast
Das Wörtchen „fast“ ist ein Sprachpflaster. Es bedeckt die Wunden der Lebensniederlagen und gibt den Anschein, als seien sie fast schon verheilt.
Verspielte Religion
Zum Zustand der Kirchen heute, ein hundertsiebzig Jahre alter Text:
„Wahrlich, es gibt etwas, was dem Christentum heftiger zuwider ist als jegliche Ketzerei, jegliche Spaltung, heftiger zuwider als alle Ketzereien und Spaltungen zusammen, und das ist: Christentum zu spielen. Folgendes aber heißt … Christentum spielen: dass man die Gefahren wegnimmt … und stattdessen die Macht anbringt, die Güter, die Vorteile, einen üppigen Genuss selbst der ausgesuchtesten Feinschmeckereien – und dann das Spiel spielt, … und das so fürchterlich ernsthaft spielt, dass man mit dem Spiel überhaupt nicht aufhören kann.“*
* Sören Kierkegaard, War Bischof Mynster ein „Wahrheitszeuge“, einer von den „echten Wahrheitszeugen“, ist das Wahrheit?, in: Der Augenblick. Aufsätze und Schriften des letzten Streits, Gesammelte Werke, 34. Abteilung, 6f.
Der Schlaf der Selbstgerechten
Nichts irritiert eine Gesellschaft, die sich im Rhythmus der Erfordernisse bewegt, mehr, als eine Regierung, die sie beruhigt. Wenn die Zeiten aufgeregt sind, verstärkt der sedierende Satz, es sei alles halb so wild, nur die Erregung. Das politisch-kommunikative Instrument des zähen Kompromisses eignet sich kaum, wo Entschiedenheit im Denken und Entschlossenheit im Handeln zum Signum werden dafür, dass man verstanden hat. Deutschland schläft seit langem schon den Schlaf der Selbstgerechten. Wenn es Wachheit nicht denen überlassen will, die in Wahrheit bloß dumpf sind, muss es ihn alsbald beenden.
Folge dem Trend
Typologie des Börsianers: opportunistischer Optimist.
Die Langeweile absolutistischer Herrscher
In dem Maße, wie die beiden Herrschaftsformen Macht und Geld einen Menschen in die Lage versetzen, ohne Widerstände durchzukommen, wächst auch dessen Langeweile. Dem Leben zu trotzen oder ihm etwas abzutrotzen, was als Ausdruck gilt dafür, dass es erlebt wird, diese Anstrengung ist zugleich auch Faszination. Der Absolutist kennt den Kampf nur als Spiel, als prickelnde Unterhaltung, die ihn die eigene Ödnis spüren zu müssen für Momente vergessen lässt. Er nimmt nicht ernst, was anderen tödlichen Ernst bescheren kann. Warum sollte der Aufstand, in dem vier Despoten eine Rolle einnahmen (Prigoschin, Putin, Kadyrow, Lukaschenko), nicht das inszenierte Schmierentheater von Diktatoren gewesen sein, die sich selbst überdrüssig geworden sind?
Wie ein Miteinander glückt
Unter den vielen Voraussetzungen geglückten Miteinanders ist die Diskretion die wichtigste. Was der andere nicht sagt, wenn er es gesehen hat, und nicht sehen will, obwohl es offen zutage tritt, schafft den Freiraum, der ein Zusammenleben oder Zusammenwirken erst erträglich und am Ende gedeihlich sein lässt.
Künstliche Dummheit
Auch wenn in unserer Zeit die Intelligenz zunehmend künstlich ist – die Dummheit bleibt doch echt.
Minus mal Minus
Zur Unberechenbarkeit der Unmenschlichkeit zählt auch die Erkenntnis, dass Böses, das gegen Böses sich richtet und kämpft, eine Sache noch lange nicht gut werden lässt. So wie Gegensätze sich wider die Volksmeinung nicht zwangsläufig anziehen, so kennt die Mathematik der niederen Instinkte die Rechenregel nicht, nach der Minus mit sich selbst multipliziert ein positives Resultat ergibt.
Entschieden
In einer Welt, deren Hauptofferte ihre ungemessen große Angebotsvielfalt ist, wirkt Entschiedenheit zunächst anachronistisch. Sie verlangt einen Ernst, der angesichts des probehalber geführten Lebens mit vielen offenen Enden nur als unnötiger Verzicht auf Möglichkeiten erscheinen mag. Und doch fasziniert die Souveränität eines einmal eingeschlagenen, geradlinigen Pfads, weil in ihr jene Freiheit sichtbar wird, die gewählt hat, nicht dauernd wählen zu müssen. Es ist das überlegene Gefühl, das sich vor einem überladenen Hotelbüffet einstellt, sofern man genau weiß, was man will, und sei es aus purer Gewohnheit: Man verlässt den Ort ohne die Frustration, nicht auch noch dieses und jenes gekostet zu haben.