Aus einer Freitagabendlektüre
„Ein poetischer Text ist nicht mehr als das, was er enthält. Deshalb kann er immer nur aus sich selber verständlich sein oder gar nicht. Jede Erläuterung, die von außen kommt, und wäre es vom Poeten selber, ist unnütz, ja ärgerlich. Der Verfasser, der sein Produkt selber kommentiert, spricht sich sein eigenes Urteil, wenn er das Gedicht aus der poetischen in eine andere Sprache rückübersetzt. Er gibt damit nämlich zu, daß er das, was er mit den Worten seines Gedichtes sagte, auch anders, nämlich mit den Worten seiner Erläuterung hätte sagen können, also, wie das Wort Erläuterung zu verstehen gibt, lauterer, durchsichtiger, klarer. Der Satz, mit dem er seinen Kommentar begänne, wäre bereits ein Geständnis: ,Ich wollte mit meinem Gedicht sagen…‘ – ,Warum haben Sie es dann nicht gesagt?‘ Die Gegenfrage ist nur allzu berechtigt. Mithin wäre das einzig richtige Verfahren, über ein Gedicht zu sprechen, die Interpretation, die nur den Text vor sich hätte, und zwar die Interpretation von fremder Hand.“*
* Hans Magnus Enzensberger, Gedichte. Die Entstehung eines Gedichts, 38