Angst vor Verantwortung

Aus einer Sonntagslektüre

„Befreien wir uns von allen Illusionen. In der Menschenmasse selbst wirkt eine reaktionäre, mörderische, entwicklungshemmende Macht, die alle Anstrengungen der Freiheitskämpfer immer wieder zuschanden macht. Diese reaktionäre Macht in den Menschenmassen erscheint als allgemeine Angst vor Verantwortung und als Angst vor Freiheit. Dies sind keine moralischen Werturteile. Diese Angst wurzelt tief in der biologischen Konstitution des heutigen Menschen.“*

* Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, 294

Frag mal

Der Maßstab für die Qualität einer Antwort ist  – nicht, welche Nachfragen sie erzwingt, sondern –, welche Fragen sie ermöglicht.

Richtungsweisend

Der Unterschied zwischen Spaß und Freude lässt sich am besten angeben über die Richtung, die eine Erregung nimmt. Diese, die Freude, beginnt vornehmlich im Inneren und sucht sich ihren Ausdruck; jener, der Spaß, nimmt im allgemeinen ein Ereignis, nicht selten ein sensorisches, zum Anlass, bis ins Innerste ein- und vorzudringen. Im Gesicht, oft zum Lachen bewegt, treffen sie sich. Wenn es denn so einfach wäre … Denn der Spaß an der Freude ist genauso wenig eine bloße Floskel, wie die Freude am Spaß nie nur oberflächlich ist.

Das Leben geht weiter

Der eigene Beitrag zur Zukunft, jenseits von dem, was auf einen zukommt und was wir nicht beeinflussen können, setzt immer an am Verhältnis, das wir zu unserer Vergangenheit entwickeln. Alles hängt an der Deutung des Erlebten, ob gelingt, einen schmerzhaften Verlust auch als Befreiung anzuerkennen, ein Gespräch fortzusetzen, obwohl man nicht mehr miteinander sprechen kann, den Trost trotzig dem Untröstlichen entgegenzusetzen. Also: sich fürs Leben zu entscheiden, auch wenn es erst einmal nichts als unerbittlich ist in seiner Forderung weiterzumachen. Es gibt Phasen, in denen Zukunft kein Versprechen ist, sondern eine Verletzung der Gefühle.

Memento mori

Der im antiken Rom gepflegte Brauch, den siegreichen Feldherrn bei seinem Triumphzug daran zu gemahnen, sich nicht zu überheben und gewärtig zu sein zu sterben, der dauernd wiederholte Satz memento mori findet sich wieder in der Symbolik des Aschenkreuzes am Aschermittwoch. Nur dass der Erinnerung ans eigene Ende die Aufforderung beigefügt ist, das Leben in die Pflicht der Reflexion zu nehmen, zu verinnerlichen, was an und in ihm unsinnig genannt zu werden verdiente, ohne dass dies schon unwiderruflich als der finale Richtspruch angesehen werden müsste. Buße heißt die Bereitschaft, die Existenz so zu behandeln, als sei ihr die Revision eines letzten Worts erlaubt, die dieses Urteil aufschiebt, um es letztlich gerade noch vermeiden zu können. Wer die eigene Vergänglichkeit bedenkt, räumt dem Tod gerade nicht ein, Endgültiges übers Dasein zu sagen.

Warum die Bürokratie so erfolgreich ist

Man mag sich über den Beutezug der Bürokratie wundern, der sie durch fast alle Lebensräume ertragreich geführt hat. Was macht sie so effektiv? Es ist immer wieder dasselbe Muster, mit dem sie reüssiert. Indem sie ein Problem durch ein Verfahren ersetzt und so zum Verschwinden bringt, löst sie zwar nicht die Schwierigkeit, aber sie löst ein Versprechen ein: Alles, was reguliert ist, muss nicht mehr eigens durchdacht werden. Ihre Attraktivität gewinnt die Bürokratie  über den konsequenten Verzicht auf Reflexion.

Der größte Größenwahn

Das Ende des Narzissten ist besiegelt, weil er noch in der Selbstzerstörung recht behalten will.

Der heroische Mensch

Aus einer Sonntagnachmittagslektüre

„Wenn wir nun die Frage nach Naturell und Handlungsweise des heroischen Menschen stellen, so ist ein Punkt, der uns sofort auffällt, der, daß schon damals das allgemeine Motto für das ganze spätere Griechentum gegeben ist:
,Immer der erste zu sein und vorzustreben den andern‘. (Anm. Mit dieser Mahnung werden Glaukos und Achill von ihren Vätern in den Krieg gesandt.)
Dabei ist der Heros keineswegs ein Ideal der Menschheit. All sein Tun und seine Leidenschaft gehen bis an die äußersten Grenzen; seine Idealität liegt in seiner schönen und frischen Erscheinung; dagegen ist er nicht heimgesucht mit Edelmut, sogenannter Würde oder moralischer Vollkommenheit; er stellt die völlig ungebrochene und naive Selbstsucht der menschlichen Natur dar, so unbußfertig als möglich, aber groß und wohlwollend. „*

* Jacob Burckhardt, Griechische Kulturgeschichte IV, 31

Kühles Kalkül

Gegen die kalkulierte Provokation hilft nicht Empörung oder Erregung, sondern kühle Rationalität. Deren oberstes Prinzip lautet: Ich rechne mit allem, mit einem rechne ich nie – mit dir.

Weltpolitik

Die Weltpolitik ist derzeit verdichtet auf die körperlichen Gesten des Tätschelns und Getätscheltwerdens, der wechselseitigen Schmeicheleien und nicht zuletzt auf die alles entscheidende Frage: Bist du für mich oder gegen mich? Bei so viel Persönlichem ist die sachliche Position fast irrelevant und jederzeit, wen kümmert‘s, widerrufbar. Das ist die große Chance derer, die alle Hoffnung auf eine stabile Weltordnung schon aufgegeben haben wegen verrücktester Drohungen und Forderungen. Das Gegenteil könnte morgen schon wieder der Fall sein.

Die nervöse Gesellschaft

Man erfährt viel über den nervösen Zustand einer Gesellschaft, wenn fast jeder auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet mit einem Verweis auf die unsichere Weltlage. Das persönliche Befinden ist zu einer Funktion der politischen Bedingungen geworden. Es wäre allerdings ein Missverständnis zu meinen, die Mehrzahl der Menschen hätte sich politisiert. Denn diese Umstände gelten nicht als Schauplätze künftiger Veränderungen, sondern werden erfahren als erlittenes Schicksal.

Das Ziel des Karrierewegs

Am Ziel eines Karrierewegs, gleich ob oben oder unten, wenn der Aufstieg ans Ende gekommen ist oder der Fall gestoppt, Erfolg wie Misserfolg haben stets denselben Begleiter. Sein Name ist Einsamkeit.

Das Geschenk der Sprache

Einer der schönsten Sätze, die über das Geheimnis, das wir Seele nennen, gesagt worden ist, stammt vom Philosophen Alfred North Whitehead. Er meint, „dass die Seele des Menschen ein Geschenk der Sprache an die Menschheit ist“*.

* Denkweisen, 82

Starkes Recht

Zivilisiert zu sein bedeutet, auf das Recht des Stärkeren verzichtet zu haben zugunsten der Stärke des Rechts.

Politikwechsel

Künftig müssen, statt aus dem Erstaunen Einsichten zu gewinnen, die richtigen Erkenntnisse aus dem Erschrecken gezogen werden. Das einzige Kriterium, wie gut eine Politik ist, wird nicht mehr ihr Möglichkeitssinn sein, sondern ihr Wirklichkeitsverständnis. Ob sie sich erfolgreich durchsetzt, entscheidet sich an ihrer Fähigkeit, Wahrheit als zumutbar anzusehen, und nicht allein über Erträglichkeit zu bestimmen, was zu sagen und zu tun geboten ist. Alles kommt darauf an, dass das Unpopuläre nicht mehr das Monopol der Populisten bleibt.

Wir gegen Die

Aus einer Samstagslektüre

„Das Spezifikum der populistischen Parteien und Bewegungen ist zunächst auf der Ebene der politischen Form auszumachen. Der Populismus geht von einem ,alternativen‘ Modell der Demokratie aus, das nicht die liberale Demokratie ist, sondern die antiliberale Demokratie. In der politisch bisher dominanten Sicht, welche die westlichen Gesellschaften seit 1945 geprägt hat, sind Demokratie und Liberalismus miteinander verkoppelt. Der politische Grundkonsens von den linken Sozialdemokraten bis hin zu den rechten Konservativen geht davon aus, dass die Demokratie als Herrschaft des Volkes mit liberalen Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit und checks and balances zwischen den Institutionen verknüpft sein muss. Die Grundannahme ist hier ein unhintergehbarer Pluralismus der modernen Gesellschaft, der im politischen System seinen Ausdruck finden muss. Ganz anders die Populisten. Sie vertreten grundsätzlich das Modell einer antiliberalen Demokratie, in der sich der Volkswillen unmittelbar und ungebrochen in der Politik ausdrücken soll. Die Populisten beanspruchen daher einen Alleinvertretungsanspruch auf das, was ,das Volk‘ will. Der Pluralismus, die Moderation zwischen verschiedenen Interessen, die ,Kompromissbildungen‘, wie sie für die liberale Demokratie typisch sind, erscheinen nun überflüssig und sind eher als Versuch zu werten, den eigentlichen ,Volkswillen‘ zu schwächen (daher auch die große Skepsis und Verachtung gegenüber den etablierten Medien). Kennzeichnend für den Populismus ist somit der Antagonismus ,wir gegen die‘: ,wir‘ als Ausdruck des Volkes –,die‘ als Bezeichnung für jene Eliten und Kosmopoliten oder auch für die Migranten, die ,dem Volk‘ fremd sind. Der Populismus muss das Volk somit homogen denken, als eine Art soziale Gemeinschaft.“*

* Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, 278f.

Wahlausgang

Wahlfreiheit bedeutet, sich gegen eine Prognose entscheiden zu können.

Fristenlösung

Unter allen Aufgaben, die mit dem Anspruch verknüpft sind, Menschen zu führen, ist dies die kniffligste: die Zeit zu synchronisieren. Entscheidungen, deren langfristige Wirkungen, erwünscht sind, schaffen kurzfristig unverträgliche Friktionen; besonnenes Denken und behutsames Handeln trifft auf panische Reaktionen; perspektivische Ausrichtung und strategische Klugheit muss sich auseinandersetzen mit Opportunismus und den Zwängen der Tagesaktualität. Jeder Beruf hat seine ihm eigene strukturelle Schuld. Manager zu sein bedeutet, das eine oder das andere tun zu müssen im Wissen, das eine ohne das andere nicht tun zu können. Oder umgekehrt.

Wahnsinn, der Methode hat

Zur Methode des Wahnsinns gehört, dass er zwingt, seinen Falschaussagen entgegenzutreten, so dass all der Irrwitz, die Lüge und der Unfug durch ernste Erwiderungen aufgewertet werden zu einer Position, die so von Belang ist, dass man sich mit ihr auseinandersetzen muss. Undenkbar in einer Medienwelt: Aber die beste Art, Ignoranz zu begegnen ist, sie zu ignorieren. Im Moment hat die Dummheit das Prestige errungen, dass über sie weltgeschichtliche Betrachtungen angestellt werden.

Rauf und Runter

Je komplexer die Fragen, desto schlichter die Antworten. Im Management: Gewinne rauf, Kosten runter. In der Politik: Bürokratie runter, Netto rauf. Im Leben: Steh auf, wenn du am Boden bist. In den Medien: Wer mit dem Boulevard im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihm im Aufzug nach unten. Im Sport: Der Zweite ist der erste Verlierer. Im Alter: oben fit, unten dicht.

Erhebt euch!

Vor fünfzehn Jahren hat das ehemalige Mitglied der Résistance, der Diplomat Stéphane Hessel, den Imperativ eines weltweiten Widerstands gegen den Finanzkapitalismus formuliert und mit ihm die Schwächung der allgemeinen Menschenrechte angeprangert: Empört Euch! So hieß das schmale Pamphlet, das vielfach gelesen und zum Anlass für Massendemonstrationen wurde. Wieder ist jetzt viel von Empörung die Rede, diesmal zornig gerichtet auf die amerikanische Administration und ihr machtpolitisches Streben. Dabei ist Empörung zunächst nichts als das unfreiwillige Eingeständnis einer Niederlage. Die anderen waren, so das stillschweigende Bekenntnis, schneller im Denken und Handeln, so dass erst einmal nur die schwache Form einer Reaktion bleibt: die moralische oder politische Verurteilung als Antwort auf eine Überrumpelung. Besser wäre die souveräne Entgegnung. Auf die implizite Aufforderung „Ergebt euch!“ müsste die Erwiderung selbstbewusst lauten: Erhebt Euch! Denn nicht alles, was angeboten wird, kann man sie auch bieten lassen.

Erschrecken und Erwachen

Selten nur, zum Glück, ist das Erwachen auch ein Erschrecken. Sie fallen in solchen Augenblicken zusammen, so dass die Entscheidung nicht lohnt, ob dieses die unmittelbare Folge davon ist, dass der frische Blick in die Welt zum Entsetzen Anlass gibt, oder eine Traumsequenz mit jenem Aufschrecken endet, das sie noch nachwirken lässt. Schaut man derzeit in innen- wie außenpolitische Szenen, so muss man verblüfft feststellen: Es gibt ein Erschrecken, auf das das Erwachen allzu spät erfolgt, oder gar auf sich noch warten lässt.

Was nicht geht

Wie immer wissen wir genauer, was nicht geht, anstatt präzise sagen zu können, was sein soll, und wie. Das hat schlicht damit zu tun, dass vor jedem Ja in der Regel ein Ausschlussverfahren stattfindet, das die angebotenen Möglichkeiten eingrenzt hin zu einer Entscheidung. Dennoch ist nicht selbstverständlich, dass sich aus der Negation eine Position ergibt. Das geschieht nur im höchst seltenen Fall einer strengen Alternative, von zwei sich wechselseitig ausgrenzenden Gegensätzen. Zum politischen Wahlkampf gehört die Auseinandersetzung mit dem Gegner. Problematisch wird er, wenn es dabei bleibt. Und die wichtigste Frage verlorengeht: Wer wollen wir sein? Wie wollen wir uns verstehen? Was verbindet uns? Worauf bauen wir? Und wohin wollen wir uns entwickeln?

Wenn, dann

Ein Wenn ohne ein Dann, soll in der Poesie das Verweilen im Status unerfüllter Sehnsüchte bedeuten. In der Prosa, die der Sprachlogik mehr gehorchen muss, ist das eine sinnlose Vorstellung. Die Bedingung fordert zwingend ihre Folgerung. Doch so manche Sehnsucht, von der sich von vornherein sagen lässt, dass sie nie gestillt sein wird, mag zwar unnütz und unergiebig sein. Das verhindert aber nicht, dass es sie beharrlich gibt.