Taktieren, das ist für den Politiker der Kampf um Macht für seine Inhalte.
Taktieren, das ist für den Bürger der Kampf um Macht statt um Inhalte.
Umstieg
Auf dem Weg nach Norden Umstieg in der Bischofsstadt. Am Bahnsteig warten Menschen in grellbunten Schlaghosen, als seien die Siebziger Jahre gerade angebrochen, die Lautsprecher der portablen Musikanlage am Anschlag. Alte Gassenhauer bringen die Menge in Stimmung für das Schlagerfestival in der Hansestadt. Von der gegenüberliegenden Seite dröhnen auch Lieder, Vereinshymnen, Anfeuerungsrufe, laute Sehnsüchte nach einem Erfolg im abendlichen Finale in der Hauptstadt. Alles ist ins teuflische Rot gehüllt. Der Pokal soll nach Hause geholt werden. Es ist ein friedlicher Kampf um die Dominanz der Vorlieben. Doch plötzlich vereinigen sich die Stimmen. Die Melodie, die gerade aus dem Rekorder kommt, kennt man hier wie dort; sie untermalt einen bekannten Schlager und den Fangesang gleichermaßen. Selbst die Texte finden zueinander. Für den Augenblick von ein paar Sekunden singen wildfremde Menschen, Schlagergroupies und Fußballanhänger, mit einer Stimme. Das irritiert beide Gruppen so sehr, dass es fast still wird am Bahnsteig und die Ansage wieder zu verstehen ist: Beide Züge, so heißt es, haben Verspätung. Es ist diesmal kein Stimmungskiller.
Große Worte, nichts dahinter
Große Reden kommen immer aus ohne große Worte.
Regelungswust
Gegen übermäßige Bürokratie lassen sich, nicht zu unterschlagen, auch ästhetische Gründe vorbringen. Je einfacher ein Regel- und Gesetzeswerk, desto schöner erscheint es nicht nur, in sprachlicher wie gedanklicher Hinsicht. Es ist so auch wirkungsvoller.
Chic, chic
Aus mancher Begeisterung, die der Theaterszene oder einem Opernhaus, diesem Galeristen oder auch nur der Kunst im allgemeinen entgegengebracht wird, lugt das Seelenloch hervor, das sie als Fassadentechnik grell bedecken soll. Kunst, die das Äußere und Äußerste feiert, degeneriert so zum Äußerlichen.
Urteilsschelte
Erstes Urteil: Er wünschte sich Gerechtigkeit. Und bekam recht.
Zweites Urteil: Er wünschte sich Gerechtigkeit. Und bekam Recht.
Was ist Kultur?
In der kurzen Pause zwischen erster und zweiter Halbzeit meldet sich plötzlich der Jüngste mit der schweren Frage: „Was ist das: Kultur?“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Der Reporter redet immer so komisch und sagt: Spielkultur.“
Hoffentlich pfeift der Schiedsrichter gleich die noch ausstehende Hälfte an, denkt der Ältere, dem auf die Schnelle keine passable Antwort einfällt. Er besinnt sich auf den Worturspung: „Kultur ist alles, was du pflegen musst, verstehst du? So ein Zusammenspiel entsteht nicht von allein. Das muss täglich trainiert werden. Gepflegt halt. So entsteht sie.“
Die Erwiderung lässt offenkundig zu wünschen übrig. „Also alles, was sich üben lässt, ist Kultur?“
„So leicht ist es auch wieder nicht. Du kannst auch Unkulturelles einstudieren. Schlechte Essensmanieren entstehen so. Wenn du zum Beipiel dauernd auf dein Telefon starrst, während wir reden, dann ist das stillos, unhöflich. Du hast keine Kultur. Und vieles, was kulturell heißt, lässt sich gar nicht erarbeiten.“
„Das verstehe ich nicht …“ Und einen kleinen Augenblick später: „ … “
Die zweite Hälfte hat gerade begonnen. Die Mannschaften kämpfen noch verbissener um den letzten Platz im internationalen Wettbewerb, der zu vergeben ist. Der Ältere hört gar nicht mehr, was gesagt worden ist, und schaut gebannt auf Spielzüge, Torgelegenheiten und flinke Tricks.
„Ich hab‘s.“ Der Jüngste zupft am Ärmel. „Dass du lieber zuguckst, statt mit mir zu reden, das bedeutet, dass du keine Kultur hast. Stimmt‘s?“
Der Ältere fühlt sich im tiefsten ertappt. „Ja, leider. Das ist es.“
Heiliger Ernst
Ob ein Mensch Geist hat? Nie erfährt man es gewisser als in dem Moment, in dem sich zeigt, was ihn ernst gemacht hat im Leben.
Ein Nachsatz zum Fest des Geistes und der Kraft: Das Spektakuläre am Pfingstwunder ist nicht das Himmelsgetöse, die flammende Rede, das Gefühl der Entgrenzung (wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird), sondern dass alle plötzlich verstanden, wie ernst es Gott ist mit seiner Hingabe an die Menschen.
Maßlos versprechen
Das Maß eines jeden Versprechens ist der Glaube, es halten zu können. Aus ihm schöpft es Kraft, die Zusage zu erfüllen. Was das bedeutet? Je größer der Glaube, desto vollmächtiger – nicht vollmundiger! – die Versprechen.
Alltagsdialog
„Und, was hast du so gemacht heute?“
„Ehrlich? Nichts“
„Das kann gelegentlich zu viel sein.“
Nächste Liebe
Die Selbsterneuerungkräfte der Liebe sorgen dafür, dass sie immer wieder zurückkehren kann in ihre romantischen Anfänge, wo sie alles will und alles gibt. Auch nach einer Enttäuschung findet sie abermals maßlos zu sich selbst. So wird sie zur nächsten Liebe. Und vermeidet ihre Reduktion auf Nächstenliebe.
Noch eine Erklärung
Ist eigentlich bei den Finanzbehörden je einer einmal auf den Gedanken gekommen, dass es vielleicht sinnvoll wäre, bevor man eine Steuererklärung verlangt, zuerst eine Steuererklärung zu geben? Und das meint nicht nur die Mühe, Durchblick zu verschaffen durch den Regel- und Gesetzesdschungel. Sondern es bedeutet in einem elementaren Sinn, dass jeder Bürger den Anspruch darauf hat, dass ihm die fiskalischen Abgaben gegenüber gerechtfertigt werden. Was wohl herauskäme, wenn der Staat seine Steuern erklären müsste?
Liebeserklärung
Bei einer Liebeserklärung erkläre ich ja nicht die Liebe, aber ich liebe die Erklärung.
Kriegskosten
Es mag sein, dass es im Krieg keine Gewinner gibt, ja alle, die ihn führen, mit Verlusten rechnen. Dennoch: am Ende siegt einer, auch wenn er nichts gewonnen haben sollte. Der Satz, dieser dürfe nicht siegen, schließt immer ein, dass er dann eben verlieren müsse. Die Logik des Kriegs, auch des modernen, ist zweiwertig und lässt sich reduzieren auf eine Schreckensalternative: Tod oder Leben.
Spielintelligenz
Was im Rasensport „feiner Fuß“ genannt wird, ist kaum eine Frage der Ballbehandlung, sondern eher eine Fähigkeit des Kopfes: Spielintelligenz.
Manipulationsmasche
Es ist vielleicht nicht die perfekte, aber eine perfide Manipulationsmasche: in der gut gespielten Opferrolle zum Täter zu werden.
Konkurrenzdenken
Am stärksten sind jene Denker, die noch ein Bewusstsein davon haben, besser: ein Gespür dafür besitzen, dass alle großen Ideen einmal aus der Konkurrenz erwachsen sind zu den religiösen Vorstellungen, die wir von Gott, Welt und Seele besitzen. Wer sich als Philosoph nicht mit theologischen Fragen auseinandersetzt, ja mit ihnen nicht ringt, bleibt unter dem Niveau seiner eigenen Profession. Man kann Gott nicht ignorieren, ohne – paradox zu sagen – auf eine tiefe Weise dumm zu werden. Eine Welt ohne Gott* hat auch in der Philosophie immer mindestens ein Problem zu sein.
* Der Begründer des Völkerrechts, Hugo Grotius, hat im Vorwort seines Werks über das Recht des Kriegs und des Friedens das Programm der Aufklärung vorweggenommen, das ihm in der verkürzten Formel „Etsi Deus non daretur“ zugeschrieben wurde: Die Gesetze entsprechen der Vernunft so sehr, dass sie ihre Geltung behielten, auch wenn es Gott nicht gäbe. So schreibt er: „Was wir gesagt haben, würde ein gewisses Maß an Gültigkeit haben, auch wenn wir das zugeben sollten, was ohne die äußerste Bosheit nicht zugestanden werden kann, dass es keinen Gott gibt …“ (De iure Belli ac Pacis, Prolegomena, 11)
Eine wesentliche Differenz
Die Bitte um Entschuldigung geht meist einher mit der Erwartung des Adressaten, es könne wiedergutgemacht werden, was missraten ist. Wo das nicht mehr gelingen kann, hilft nur noch Verzeihung.
Erklär‘ mir nichts
Der Nachsatz: „Daran gibt es nichts zu deuten!“, der suggeriert, es sei das Geschäft der Interpretation nicht der Mühe wert, ist ein Appell, der viel unmenschlicher ist, als er im Gestus der Entlastung erscheint. Er will unter dem Vorwand von Tatsächlichkeit und des Unzweifelhaften die Möglichkeit nehmen, mich auf meine Art zu einer Sache zu stellen. Auch Fakten aber verhindern nicht, dass wir perspektivisch auf sie blicken. Wir erleben täglich, wie sich Politikerklärer und Politikdeuter wechselseitig die Arbeit streitig machen, indem die einen sich bemühen, die Botschaft gar nicht erst fraglich wirken zu lassen, wohingegen die anderen den Mangel an Klarheit zur Grundlage machen für ihr eigenes Werk der Exegese und Erläuterung. Das Maß der Deutung wird indes nicht kleiner, wenn ihr eine genaue Erklärung vorausgeht. Es wird nur schärfer. Zwischen Vieldeutigkeit und Eindeutigkeit ist genügend Platz für sinnvolle Auslegungen.
Fehlanzeige
Der sicherste Nachweis von Intelligenz ist die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen.
Ich lasse das jetzt mal so stehen
Es gibt eine Form von Verlogenheit, die, sobald sie entlarvt wird, ihre Niedertracht versteckt hinter dem scheinbar harmlosen Gestus der Meinungsbeliebigkeit. Anderer Ansicht sein zu können, wird da übersetzt als Erlaubnis zur Falschbehauptung, da ja dies und das und auch noch Drittes zugleich gelten könne. Da spiele es keine Rolle, wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass die Tatsachen verdreht worden sind. Es ist nur ein Standpunkt. So what. Der Triumph der Perspektivität ist immer die Niederlage von Wahrheit.
Geben Sie Gedankenschnelligkeit
Eine kaum beachtete Form von Freiheit ist die Gedankenschnelligkeit. Nie ist man ungestörter als in jenen Momenten, in denen andere noch zögern, während die eigene Gewissheit zielgerichtet und zweifelsfrei vorprescht.
Kultur ist nicht käuflich
Wenn der Banker ins Theater geht, genießt er nicht nur das Stück. Insgeheim bewundert er, dass es etwas gibt in der Welt, das nicht käuflich ist. Und all jene, die daran teilhaben. Man nennt es Kultur.
Gesichtsverkennung
Aus einer Freitagabendlektüre
„Das appellative Gesicht des Gegenübers, dem man nichts hinzufügen und dem man nichts wegnehmen kann, ohne ihm seine Eigentümlichkeit zu nehmen, verflüchtigt sich im digitalisierten Gesicht wie ein Gespenst. Die gewöhnliche KI-Forschung behandelt das Gesicht umstandslos als etwas zu Identifizierendes, als ein zu lösendes Rätsel, als Trainingsmaterial, letztlich als einen ,Datenträger‘, der aus verborgenen Mikrodaten besteht; so funktioniert es ähnlich wie die Fingerabdrücke eines Einbrechers und wie ein ,kriminelles Gesicht‘, bei dem unser Blick auf das Bild keine Rolle mehr spielt.“*
* Bernhard Waldenfels, Globalität, Lokalität, Digitalität, 184