Tugend als Tarnung

In der Moral haben sich Egozentrik und Rechthaberei ein gutes Gewissen verschafft.

Verlassen

Wer verlassen wurde, spürt den größten Schmerz gleich am Anfang der Trennung. Wer verlassen hat, entdeckt seine Einsamkeit oft erst viel später.

Im Zwischen

Die größte intellektuelle Herausforderung in diesen Zeiten ist, trittsicher jenen schmalen Grat zu gehen, der zwischen Relativismus und Dogmatismus verläuft. Dort allein bleibt vieles möglich, weil weder alles mögliche möglich ist, noch nur eines als möglich notwendig gedacht werden darf. Zwischen den vielen Wahrheiten und der einen, die den Anspruch erhebt, absolut zu sein, vermag Geltung nichts zu sein als das Ergebnis eines sinnvollen Streits, dem es um mehr geht, als es allen recht zu machen, oder das Richtige für sich zu reklamieren. Geltung ist stets das Resultat eines Risikos, das eine Position eingegangen ist, die selbstbewusst und erfolgreich zu vermeiden versucht hat, sich zu verlieren.

Verzweifelt hoffen

Gelegentlich ist Hoffnung nichts anderes als eine Verzweiflung ohne Alternative.

Weltmisstrauen

Die Welt wird kleiner, je größer das Misstrauen wächst, das sie weckt. Wo fake sich vor die Fakten stellt, verlieren wir das Interesse an den Dingen. Wer im Leben nur spielt, mit dem will irgendwann niemand mehr spielen.

Was weißt du von Kultur?

Unter Machtmenschen findet sich, Glücksfall, zuweilen einer, der sich die Kultur zunutze gemacht hat. Sie dient ihm, nicht er ihr. Sie lässt ihn vergessen, wie schal seine Tätigkeit meistens ist. Er weiß viel über Kultur. Weiß er auch um sie?

Liebe, ganz allgemein

Im Grunde dürfte es für das tiefste Empfinden, das Menschen einander schenken, keinen Allgemeinbegriff geben. Die Liebe verträgt alles, nur nicht ihre Normierung. Sie hat in jeder Beziehung eine andere, nur diesen Liebenden eigene und gemäße Gestalt. Man kann viel Liebe haben und viele Lieben (was grammatikalisch geht, aber semantisch schon schwierig ist), doch nie eine Vervielfältigung der einen Liebe. Ähnlich verhält es sich mit der Freundschaft.

Familieaufhellung

Auch das ist Familie: die Einsamkeit wächst mit dem Wunsch, allein sein zu können.

Tyrannei der Rückmeldung

In Unternehmen, die sich eine Führungskultur leisten, verschwinden zugunsten flacher Hierarchien die direkten Anordnungen. Sie tarnen sich als Feedback, das den Imperativ kaum verhohlen als Empfehlung, die Performance zu verbessern, verpackt und zugleich die Gelegenheiten, an ihm zu scheitern, vervielfältigt, weil durch die verklausulierte und nicht selten abstrakte Form gar nicht mehr deutlich genug ist, was genau zu tun sei.

An Brandmauern die Finger verbrannt

Jede Abgrenzung ist eine bestimmte Form der Beziehung. Das sollte nicht vergessen, wer allzu sehr betont, wie weit entfernt die eigene Position sei von der, die im Grunde nicht einmal erwähnt zu werden verdiente.

Das Nein in der Liebe

Wer die Kraft zur Selbstzerstörung in der Liebe nicht kennt, hat nie richtig geliebt. Wer sich um sie weiter Sorgen macht, wurde nie richtig geliebt.

Für die Jahreszeit …

… zu nass, zu heiß, zu stürmisch, zu trocken, zu drückend. Wahrgenommen wird, was den selbstverständlichen Gang der Dinge stört. Vielleicht ist die in Ferngesprächen am häufigsten gestellte Frage die beiläufigste: Wie ist das Wetter bei euch? Es fiele in den allermeisten Fällen nicht weiter auf, hätte sich nicht jemand erkundigt. Und das auch nur, weil keine andere Art der Neugier vorhanden ist oder tunlichst vermieden werden sollte. Kein Wetter heute, das wäre einmal eine Nachricht, so dass nach den Nachrichten als deren letzte das Wetter nicht angekündigt werden könnte. Alles andere ist der Rede nicht weiter wert: Es gibt keine Tage, die nicht nass, heiß, stürmisch, trocken oder drückend sind. Das Wetter lehrt vor allem eines: wie mit enttäuschten Erwartungen sinnvoll umzugehen ist.

Die stille Rache

Nachbarn: ständige Vertretung des anderen Ich, das man nie hatte sein wollen, im eigenen Leben.

Die Stunde Null

Das ist die Kunst der Kreativität: dass sie immer wieder bei null anfängt, als hätte sie mit sich selbst nie Erfahrungen gemacht. Man mag es Ignoranz nennen. Dabei ist es vielmehr jene Inspiration, die der Begeisterung zu eigen ist. Sie vergisst ja nicht. Ihre Zauberformel lautet indes: als ob … alles so zu betrachten, als ob es das erste Mal sei. Was sie so entdeckt: vor allem jene Kräfte und Kraft, die in allem steckt, was gerade erst entdeckt worden ist. Um die geht es dem schöpferischen Tun.

Die andere Sinnlichkeit

Das, was wir das Geistige nennen, ist in Wahrheit nur die Sinnlichkeit des Inneren. Auch Worte berühren, rühren an, schmeicheln oder schmerzen, hinterlassen ein aufgekratztes Gemüt und sind Balsam für die Seele – die Metaphern stammen alle aus der Empfindungswelt der Körperlichkeit. In seinen glücklichsten Varianten ist das Sprechen und Denken nichts als ein Liebesspiel.

Schön reden, schönreden

Der wahre Konstruktivismus ist kein erkenntnistheoretischer, nach dem es dem Menschen unmöglich sei, eine objektive Realität wahrzunehmen, jeder sich also seine Wirklichkeit im eigenen Kopf zurechtbaut. Sondern er ist sprachlicher Natur und hat unmittelbar Effekte auf das Selbstvertrauen, die Tatkraft, das Ansehen. Mit den richtigen Worten wird liebenswert, was schon geliebt ist. Durch Lob wird jene Leistung überhaupt erst provoziert, die es bereits voraussetzt. Und nicht zuletzt lässt sich schönreden, was sonst unauffällig geblieben wäre. Die eigentliche Macht der Sprache ist ihre schöpferische.

Hierarchie der Zuneigung

Freunde, deren Lebenseinstellungen den eigenen so ähnlich sind, dass sie verstehen, ohne dass man groß reden muss, steigen in der Hierarchie der Zuneigung auf in den Rang eines Komplizen. Dieser spiegelt die wahre Form des Miteinanders, das von der Mitwisserschaft über die Mittäterschaft reicht bis zur Mitverantwortung.

Die Schwäche der anderen

Das eine ist, Macht zu erhalten; das andere, diese Macht zu erhalten. Macht erhält, wer die Schwäche der anderen zuerst erkennt. An der Macht hält sich, wer die eigenen Schwächen zu verbergen weiß.

Routinen als Ruinen des Alltags

So mancher gewohnte Ablauf im Alltagsbetrieb, über den nie einer ernsthaft nachgedacht hat, bekommt erst seinen Sinn, wenn er seinen Sinn verloren hat, weil sich Entscheidendes ändert. Dann wird er zur Fluchtroutine, zum funktionsleeren Tun, das einfach weiterbesteht, obwohl sich drumherum alles gewandelt hat. Das aber seine Bedeutung erhält, wenn der Schock des Neuen zu tief sitzt, so dass, im Vertrauten Asyl zu suchen, vor der Nötigung umzudenken und sich weiterzuentwickeln fürs erste schützt. Zu beobachten ist diese Reaktion bei manchen Todesfällen, wo einfach weiter ein zweites Tischgedeck aufgetragen oder das Bett des Hingeschiedenen regelmäßig aufgeschüttelt wird, was unfreiwillig komisch wirkte, wenn der Anlass kein trauriger wäre. Welches sind die Rituale des gesellschaftlichen Alltags, in die hinein wir uns wegstehlen, weil die Brüche unserer Zeit zu radikal geworden sind?

Konsequente Kritik

Jede Kritik, die sich ihrer impliziten Konsequenzen nicht bewusst ist, verliert die Legitimation. Das gilt aufs Offensichtlichste im reinen Denken, das durch Missachtung der logischen Folgen sich schnell als falsch entlarvt. Nicht minder aber verliert ein Urteil seinen Ernst unmittelbar, wenn es im Gestus empörter Radikalität vorgetragen zugleich offenbart, dass sein Autor persönliche Veränderungen kaum fürchten muss. Schon die Kapitalismusverachtung der Frankfurter Schule konnte sich des Vorwurfs nicht erwehren, von Leuten vorgetragen worden zu sein, die die Vorzüge bürgerlicher Existenz ausgiebig genossen und sich so das Etikett einhandelten, „Salonkommunisten“ zu sein. Gleiche Muster zeigen sich bei Klimaaktivisten, die mit dem veralteten Diesel zur Protestkundgebung anreisen. Das alles ist inkonsequent. Gleichwohl keine Widerlegung der Kritik. Denn es gibt ein beredtes Zeugnis für das gebotene Niveau gesellschaftlich relevanter Einsprüche: Sie müssen jenseits von Gut und Böse, Wahrhaftigkeit und Verlogenheit, Authentizität und Heuchelei positioniert werden. Es bedarf einer Kritik ohne Moral.

Unwirtliche Wirklichkeit

Die unter Pragmatikern populäre Verachtung der Theorie verkennt, dass sie, psychologisch gesehen, vor allem ein Barmherzigkeitsquell ist fürs Leben, das dank ihrer überhaupt erst in den Vorzug kommt, alle unwirtlichen Aspekte der Wirklichkeit ausblenden zu können. Theorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie in dem Maße tauglich sind, wie in ihnen aufgeht, was in Wahrheit nicht aufgeht.

Geltungsansprüche

Toleranz heißt jene Duldsamkeit, die die Probe bestanden hat, auf die sie gestellt worden ist. Sonst, ohne die Anfechtung von Geltungsansprüchen, ist sie nichts als billige und billigende Gleichgültigkeit.

Sprachkurs

Pausengespräch mit dem Handwerker, der sein Land verlassen musste, weil ein anderes ein kriegslüsternes Verbrechen begeht, über die Schwierigkeit, eine neue Sprache zu lernen. Der deutsche Schlauberger fängt gleich an zu erklären: „Ich schreibe, du schraubst“. So ein Doppelvokal setzt nicht selten einen beruflichen Unterschied. „Ich verstehe“, erwidert der Gesprächspartner, während er zum Werkzeug greift: „Ich denke, du: Danke! Ich erst überlege und dann schraube, du kannst schreiben.“ Wer mit den Wörtern spielen kann, hat die Sprache begriffen.

Sprunghaft

Ich bin auf dem Sprung – das ist die reinste Form der Gegenwart in einem Satz formuliert: noch nicht fort, schon nicht mehr da. Jeder, der das einmal zu hören bekommen hat, weiß, dass in solchen Augenblicken eine Begegnung unmöglich ist. Im besten Fall verabredet man sich kurz für eine passendere, spätere Gelegenheit. Ist das nicht sinnbildlich fürs Leben im ganzen: das Sprunghafte, Flüchtige, Transitorische? Und was bedeutet es für ein Miteinander? Nichts lässt sich festhalten, nie ist alles erreicht.