Wer bist du?

Man lernt einen Menschen am besten kennen, wenn man ihn fragt, welche seiner Sehnsüchte unerfüllt geblieben sind, nicht indem man ihn erzählen lässt, was er alles erreicht hat.

Krise und Kritik

„Es liegt im Wesen einer Krise, daß eine Entscheidung fällig ist, aber noch nicht gefallen. Und es gehört ebenso zur Krise, daß offenbleibt, welche Entscheidung fällt. Die allgemeine Unsicherheit in einer kritischen Situation ist also durchzogen von der einen Gewißheit, daß – unbestimmt wann, aber doch bestimmt, unsicher wie, aber doch sicher – ein Ende des kritischen Zustandes bevorsteht. Die mögliche Lösung bleibt ungewiß, das Ende selbst aber, ein Umschlag der bestehenden Verhältnisse – drohend und befürchtet oder hoffnungsfroh herbeigewünscht – ist den Menschen gewiß. Die Krise beschwört die Frage an die geschichtliche Zukunft.“ So schreibt es Reinhart Koselleck zu Beginn des letzten Kapitels seines  Buchs über die Aufklärung*, das von einer spannungsreichen Beziehung handelt, dem Verhältnis von Kritik und Krise. Beide leiten sich ab vom selben griechischen Wortstamm und entwickeln doch höchst unterschiedliche Bewegungen. Die Krise erzwingt eine Entscheidung, die Kritik verlang nach Unterscheidung; in der Krise erfährt man die Zeit unmittelbar, in der Kritik sucht man den Abstand zu ihr. Es täte der Aufgeregtheit einer mannigfach gebeutelten Gegenwart diese Distanz ebenso gut, wie es deren Bräsigkeit, als realitätsverweigerndem Reflex auf die Unbill momentaner Verwerfungen, zum Verschwinden brächte, wenn die Zeitgenossen sich nicht erst zu wichtigen Entschlüssen nötigen lassen müssten.

* Kritik und Krise, 105

Eine Offenbarung

So manches, was Offenbarung heißt, hat nichts Glamouröses. In den meisten Fällen ist es schlicht der Verrat eines Geheimnisses, was zuweilen auch den Verrat an einem Geheimnis einschließt.

No show

Die stark steigende Zahl von No-shows, also jener Unsitte, einfach nicht zu erscheinen, trotz Buchung oder Verabredung, ohne den Termin zu verschieben oder die Zusammenkunft abzusagen, hat jenseits der Folge wirtschaftlicher Einbußen vor allem den Effekt, dass das Misstrauen wächst. Schon bekommt der Satz: „Ich melde mich“, den widersprüchlichen Beigeschmack eines angekündigten Desinteresses. Der umgekehrte Ärger über überbuchte Flüge, Studienplätze, Arzttermine mag im Einzelfall nachvollziehbar sein. Die Branchen wehren sich halt. Im Privaten indessen kann es heikel sein, zwei Dates sicherheitshalber auf denselben Abend zu legen in der Erwartung, dass die eine Begegnung nicht stattfindet. Immer untergräbt dieser wachsende Gestus der Unverbindlichkeit aber eine tragende Stütze von Gesellschaftfunktionen: die Verlässlichkeit von Versprechen.

Ich habe ein großes Gefühl für dich

In Gefühlsdingen gilt das Gesetz reziproker Proportionalität: die Intensität einer Emotion (nicht zu verwechseln mit deren Tiefe) nimmt ab im Maße ihrer Dauer. Wie auch umgekehrt hoch aufflammende Empfindungen meist nur kurz währen. „Meine große Liebe“, dieses Geständnis ist ehrlicherweise schon die abgekühlte Version einer einst vielleicht „heißen“ Erfahrung. Warum das so ist? Weil es zum Selbstschutz gehört, die Phasen der Selbstverlorenheit radikal zu begrenzen.

Woke

Das Bewusstsein für Komplexität in einer Gesellschaft, die sich als wach genug erweist, die feinen Unterschiede nicht nur zu erkennen, sondern auch zu pflegen (im Gendern, den Alltagsformen des versteckten Rassismus, im Schutz von politischer Korrektheit und sozialer Gerechtigkeit), dieses aufmerksame Wissen um Vielfalt zeigt sich erstaunlich einfältig, wenn es sich auseinandersetzen muss mit Einwänden, die selber Komplexität einfordern. Da verliert nicht zuletzt ein eher schlichter Unterschied, die Differenz zwischen Empfindsamkeit, die den Reichtum kultureller Spielarten schätzt, und Empfindlichkeit, die ihn weniger erträgt und das Leben reduziert, seine Bedeutung. Und höchst reizbar, also gar nicht empfindsam, aber empfindlich, fallen die Reaktionen aus, wenn Kritik aufkommt, etwa dass individuelle Verletzbarkeit kein absolutes Kriterium sein kann für den Gebrauch der Sprache (weil sonst am Ende über nichts mehr ohne Furcht geredet werden kann; jedes Wort kann potentiell tief schmerzen) oder die Grammatik für das Partizip Präsens anderes vorsieht als eine geschlechtsneutrale Bezeichnung (der Bäcker ist eben kein Backender in Momenten, da er nicht backt). Am Ende wird Komplexität ohne Not einkassiert und durch den Killergestus sich selbst legitimierender Macht ersetzt. Das ist weit unter dem Niveau dessen, was ein waches Bewusstsein zu heißen verdient.

Viele sind aufgeregt

Es gibt eine Ruhe, die auch jene noch nervös macht, die es bisher nicht sind, und jene anderen nicht entspannen lässt, die sie besänftigen will.

Zur Ästhetik der Moral

Das Ressentiment ist eine ungeheure Gestaltungskraft. Wenig bewegt so viel wie die Motive Neid oder Missgunst. Aber sie machen Menschen nicht nur gehässig. Sondern auch hässlich.

Die gute Regierung

Nicht: es allen recht zu machen, sondern: für das Ganze das Richtige zu suchen, das macht eine gute Politik aus.

Die aufgeklärte Aufklärung

Der aufgeklärte Geist, der nichts im Letzten akzeptiert als den (selbst-)kritischen Verstand, kennt keine Grenzen. Vor nichts macht sein forschender Antrieb halt, nicht einmal vor sich selbst. So trifft er auf jene Wahrheit, die noch jeder radikalen Diagnose, jeder schonungslosen Bilanz als Hindernis sich in den Weg stellt. Und das nur so zu überwinden ist, dass man sie als tiefe Einsicht erträgt: „Wer das Wissen mehrt, mehrt den Schmerz.“*

* Karl Jaspers, Philosophie 1, 141

Entlastungspaket

So schief, wie geurteilt, ist die Metapher vom Entlastungspaket gar nicht. Pakete, die entlasten, lassen sich nicht vorstellen; doch mit jeder Zuwendung, die der Wählerklientel das Leben bis zur nächsten Stimmabgabe erleichtern soll, ist die Frage heimlich verknüpft, wer das bezahlen wird: Wer hier entlastet, füllt dort ein Paket. Solange politisches Handeln weder Teilhabe noch Teilen bedeutet, sondern die feine Übersetzung schlichter Umverteilung darstellt, geht das Versprechen der Unterstützung einher mit moralischer Übergriffigkeit. Der Erträglichkeit entspricht passgenau jener Ertrag, der als Übergewinn wohlfeil umgedeutet dem staatlichen Zugriff freigegeben ist.

Mut und Macht

Es wäre mehr Mut in dieser Welt, und weniger Macht, wenn die, die meinen, das letzte Wort unbedingt haben zu müssen, eher darauf bedacht wären, das Wort zuerst zu ergreifen.

Liebe, unvollendet

Trauer, das ist immer unvollendete Liebe …

Hast du das gesehen?

Einen Menschen sehen heißt vor allem: ihm zuhören.

Wissen ohne Beweis

In nicht seltenen Fällen handelt das philosophische Denken von jenem Wissen, das sich nicht stützen kann auf einen klaren Beweis – dennoch mehr zu sein beansprucht als zweifelnde Ungewissheit und deutlich weniger sein will als selbstzufriedene Weisheit. Seit alters beginnt es mit dem Staunen, aber womit endet es? Viel spricht dafür, es für den Ausweis einer glücklichen Vernunft zu halten, wenn es auch mit dem Staunen aufhört. Und so Anfang nach Anfang setzt.

Angstfrei handeln

Der große Erfolg der Wirtschaftslehren in der Gesellschaft rührt daher, dass sie mit dem, wenn auch falschen, Versprechen unangestrengter Angstfreiheit still werben. Was sich berechnen lässt, so die unterschwellige Überzeugung, verliert seine Unfasslichkeit. Qualität, die dargestellt ist als Erfolgsquote, Leistung, die den Vergleich sucht über Gehaltsboni, Seniorität, Präsenz und all die anderen kommunikativen Arbeitskompetenzen, die sich in einem Punktesystem wiederfinden, das über Beförderung entscheidet, Performancesterne bis hin zur zuverlässig kalkulierten Übereinstimmung bei der digital unterstützten Partnerwahl, sie alle ordnen die Welt nach einfachsten Kriterien. Wie so oft, ist aber auch hier der Preis für die Sicherheit ein hohes Maß an Reduktion, die als Komplexitätsverzicht die Bedeutung des Weltverlusts maskiert. Wörter, zu Geschichten gefügt, die sich interpretieren lassen, repräsentieren eine Realität genauer als Zahlen, über die zu diskutieren nicht lohnt. Sich mit dem Leben anzufreunden meint, dessen Ungewissheit zu schätzen.

Gleichheitsgrundsatz

Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Kampf um Gleichheit die Unterschiede setzt.

Arbeitsschutz

Gewerkschaften glauben, man müsse den Menschen vor der Arbeit schützen. Und kämpfen gegen hohe Dienstzeiten und niedrige Löhne. Gewerbetreibende glauben, man müsse die Arbeit vor den Menschen schützen. Und bauen Fabriken für Roboter und Server für automatische Systeme. Beides resultiert aus einem Übermaß an Ansprüchen: der Verabsolutierung des Menschlichen, das die Arbeit für sein Sinnbedürfnis instrumentalisiert, und der Verabsolutierung der Leistung, die den Menschen zwischen die Zwecke der Effizienz und der Perfektion einzwängt.

Über Reiz und Reaktion

Eine Lesefrucht:
„Was gibt es Naiveres, als Gutes mit Gutem, Böses mit Bösem zu vergelten? Das ist die unterste Stufe. Eine Art Fortschritt besteht darin, diese Wirkungen zu kreuzen, Böses mit Gutem, Gutes mit Bösem zu vergelten, was erstens die guten und mehr als guten Wesen bestimmt; zweitens seltsame, perverse Wesen, weitaus unmenschlichere als die anderen. Diese beiden Gattungen sind seltener als die von mir zuerst erwähnte. Aber noch seltener wird wohl die Gattung jener sein, die dem ihnen Angetanen überhaupt keinerlei Folge geben, die man als Reaktion bezeichnen könnte, welche auf die Empfindungsfähigkeit oder Intelligenz desjenigen abzielt, der sie gut oder schlecht behandelt hat. Diese scheinen den Anderen für etwas absolut Fremdes, für ein Ding oder Tier zu halten, zu dem nur rein physische Beziehungen bestehen. Ohne Zweifel glauben sie, daß Lieben, Hassen, Verzeihen, Sich-Rächen, Liebkosen oder Trösten Irrtümer sind, naive, läppische Späße oder Reflexe, ebenso unnütz wie der Zornesausbruch gegen den Stein, an dem man sich den Fuß angestoßen hat.“*

* Paul Valéry, Werke 5, 462

Wir Jäger des Möglichen

Verlässlichkeit, Loyalität, Treue sind starke Haltungen, die sich nicht gut vertragen mit der üblichen Jagd nach reizvollen Opportunitäten. Wer fiebrig auf der Suche ist, für sich stets das noch Bessere zu finden, wird die vielen Möglichkeiten nie entdecken, die sich auftun, sobald man bei der Sache bleibt. Gerade weil das Leben ein groß inszeniertes Provisorium ist, verschenkt der Chancen, der jede neue Chance ergreift und diese Offerten für Fluchtangebote ins Optimale hält. So gewinnt er zwar nicht zuverlässig sich, aber er verliert garantiert alle Gelegenheiten, sich zu entgrenzen in einem Wir oder einer Aufgabe, deren Perspektiven sich erst aufschließen, wenn man sich ihr widmet, entlastet von der sprunghaften Nervosität des jederzeit vorbereiteten Aufbruchs.

Apokalypseparty

Solange die Apokalypse partyfähig ist, muss man sich um die Welt keine großen Sorgen machen. Dass auch der ernsteste Anlass noch taugt, ein Event von hoher Erregungsqualität daraus zu formen (Solidaritätskonzerte oder Straßenblockaden mit Sekundenkleber), spiegelt nur, wie umgekehrt die kleinste Lässlichkeit hochgejazzt wird zum Skandal von weltpolitischem Niveau (selbstfliegende Oppositionschefs oder tanzende Ministerpräsidentinnen). Entspanntheit im Unwesentlichen ist die Grundvoraussetzung für das, was der Ernst repräsentiert, wenn er nicht vereinsamen soll: eine realitätsdichte Erkenntnis, also nicht verlogene oder selbstbetrügerische Wahrnehmung der von allen geteilten Lebenswelt.

Ein und Alles

Das Exklusive ist der fahle Widerschein des Absoluten. Wenn es heißt, dass ein Mensch einen anderen „vergöttere“, so sehr dass ihm aus der Vorstellung geraten ist, was kühl Alternative genannt wird, dann verklärt er ihn, meist nur in sehr knapp bemessenen Lebensabschnitten, den Einen zu Allem. Nie wird die Individualität, auch die attraktivste, weniger ernstgenommen als in den Augenblicken, da sie das Allgemeine repräsentiert. Was oft als überschwänglicher Liebesbeweis gilt – du bist mein Ein und Alles – ist immer heimlich das größte Unglück einer Beziehung, weil das Alles vieles ist, was das Eine nicht sein kann.

Lebensunterhalt

Nicht nur von seinem Beruf, sondern für ihn zu leben, das macht den Profi aus.

Welche Probleme?

Der Pragmatiker verliert in dem Moment sein Interesse am Problem, in dem er eine Lösung gefunden hat. Es hat sich aufgelöst. Dem Prinzipialisten erscheint es indessen dann noch als bedenkenswert, weil jede Antwort implizit an die Frage erinnert, der sie einmal entsprochen hat, und so die Wege offenhält, auch andere, bessere Erwiderungen zu finden. Die Funktion von Schwierigkeiten ist, sich selbst in ihrer Bewältigung zu steigern.