Gleiche Macht

Wie kommt es, dass Parteien, sobald sie an der Macht sind, einander gleichen? Und Politiker, wenn sie ins Amt kommen, oft zu Funktionären verkümmern? Und Programme, da die Wahlentscheidungen gefallen sind, kaum die Inhalte einer Regierung bestimmen? Der Kompromiss als Einigungsinstrument erklärt das nicht. Eher das gemeinschaftlich vorherrschende Gefühl, das sich im Moment einstellt, in dem man an die Macht kommt, dass man fortan mehr zu verlieren als zu gewinnen hat.

Schamfreude

Manchmal lässt sich das Lächeln der Verlegenheit vom verhohlenen Lachen der Schadenfreude nicht recht unterscheiden, mindestens immer dann, wenn sich ins Vergnügen am Leid des anderen Scham einmischt, weil man sich als Verursacher ertappt sieht und die Absicht offenkundig zu werden droht. – (Was Donnarumma gestern kurz vor Ende der ersten Halbzeit wohl alles durch den Kopf gegangen sein mag …)

Alles, was der Einfall ist

Es ist nur zwangsläufig, dass ein Gelehrter wie Hegel, der das Denken als einen notwendigen Prozess begreift, der sich aus sich und in sich selbst entwickelt, dem Einfall, der unabgeleiteten, plötzlichen, überraschenden Idee keine prominente Rolle einräumt, ja ihn abschätzig einer willkürlichen Subjektivität zuordnet, die sich an ihren Meinungen ergötzt. Eine solche Vorstellung vom Denken, die auf ein immer höheres Niveau sich vorarbeitet, ohne eines denkenden Subjekts zu bedürfen, ist zum Vorbild geworden für künstliche Intelligenz. Es wäre durchaus lohnend, den Unterschied zwischen menschlicher und artifizieller Intelligenz an dieser Stelle zu markieren: So lang es ein Geheimnis bleibt, wie Neues in die Welt kommt, muss man sich kaum Sorgen machen um die Überlegenheit des produktiven Geistes jenseits von dessen Routinetätigkeiten. Der Mensch ist das Tier, das Einfälle hat.

Harte Arbeit

Das ist das größte Selbstmissverständnis von Intelligenz: dass sie meint, nicht mehr hart arbeiten zu müssen, nur weil ihr meist etwas Sinnvolles einfällt.

Sich selber führen

Ohne Selbstdisziplin, ohne die Grenze, die niemand anderes setzen kann, lässt sich kein Unterschied aufrechterhalten zwischen Führen und Verführen. Die Macht, die zunächst als schlichte Funktionsbestimmung einer leitenden Person geliehen wird, degeneriert zum Instrument der Manipulation, sobald sie dem Zweck, dem sie dienen soll, entzogen wird. Wer führt, muss vor allem beherzigen, was er zu lassen hat, bevor er sich mit dem auseinandersetzt, was zu tun ist.

Nur nicht persönlich

„Die Sache muss man systemisch verstehen“: Dieser Satz, auf gravierende Probleme gemünzt, ist immer wahr. Und taugt schon deswegen als gehobene Ausrede der Gebildeten, für sie nicht persönlich einstehen zu müssen. Das System kennt keine Verantwortung.

Matschbirne

Die ideale Außentemperatur, um einen klaren Kopf zu behalten, beträgt 18° C.

Die Freiheit, unfrei zu sein

Zur Freiheit, dieses oder jenes zu tun, gehört, nicht nur dieses und jenes zu lassen, sondern in einem umfassenden Sinn sich dem Tun überhaupt zu verweigern. Dieser Bequemlichkeitsaspekt einer Gestaltungsgelegenheit verabsolutiert Freiheit, treibt sie auf jene Spitze, wo sie in das Gegenteil ihrer selbst umschlägt. Es ist der Ort, an dem die Feinde einer freien Gesellschaft lauern, um diese von sich selbst zu „befreien“.

Radikale Politik

Politisch ist Radikalität immer die Erwiderung auf einen gesellschaftlichen Status, der den Fortschritt bestimmt als Erweiterung, mindestens als Verteidigung von Besitzstandsansprüchen, der Gerechtigkeit auf ihre phantasieloseste Variante der Umverteilung von Gütern beschränkt, der meint mit alten Antworten neue Fragen gar nicht erst aufkommen lassen zu können. Wo so viel Borniertheit und Bräsigkeit sich um die Macht gelegt hat, bleibt einer Gesellschaft, die sich nicht einrichten will in, sondern ausrichten auf eine Welt, welche sich schneller verändert, als sie sich zu wandeln vermag, nichts anderes als der harte Schnitt. Das Problem ist nur: In solchen politisch entscheidenden Augenblicken gewinnt der Wunsch, dass es zum Bruch kommt, eine so große Relevanz, dass kaum noch eine Rolle zu spielen scheint, was nach der Zäsur kommt.

Lesestärke

Die allgemeine Unbeliebtheit des Lesens unter denen, die eine Universität besuchen und die Studierende zu nennen – zwar politisch korrekt ist, aber – nicht immer der Wahrheit entspricht, spiegelt ein tiefes Misstrauen gegenüber Texten, die – zwar zur Kenntnis genommen werden müssen, aber – oft nicht Erkenntnis vermitteln. Die allgemeine Unlust unter denen, die an einer Universität lehren und die Dozierende zu heißen – zwar zum Gestus der Sprachgerechtigkeit gehört, aber – nicht immer den Tatsachen adäquat ist, reflektiert das Schwinden eines Anspruchs, dessen Zumutungen – zwar noch geahnt, aber – nicht mehr für einlösbar gehalten werden. Beide, Schüler wie Lehrer, sind sich stillschweigend einig, dass das Versprechen von Bildung, einen Blick aufs Ganze anzubieten, von Schriftfragmenten nicht einzuhalten ist, die mit dem Gütesiegel, Wissenschaft zu sein, ihr Publikationsrecht gewährt bekommen haben, deren Lektürewert indes nicht selten höchst zweifelhaft ist. Warum sollte der eine einfordern, was der andere zu liefern sich nicht traut? Warum sollte hier etwas bearbeitet werden, was dort – zwar als Arbeitszeugnis produziert worden ist, aber – in Wirklichkeit nur ein Armutszeugnis darstellt?

Lebenselixier

Alles Lebendige entstammt dem Kontrast. Ein Dasein ohne das, was sich dagegengestemmt, ohne Wünsche und Widerwille, verdient nicht, lebendig genannt zu werden.

Das falsche Versprechen

Ideologien sind jene Antworten, bei denen man vergessen hat, wie die korrespondierenden Fragen einst lauteten, so dass sich auch nicht überprüfen lässt, ob andere (und bessere) inzwischen möglich sind. Nirgendwo sonst ist die Zahl der ungebetenen Ratschläge so hoch wie in Ideologien..

Schwere Kost

Die größte Tugend in Liebesbeziehungen und Freundschaften ist Enttäuschungsfestigkeit. Sie bewahrt vor Naivität und Zynismus gleichermaßen.

Friedensstiftung

Frieden, der seinen Namen verdient, ist nicht anders zu stiften als über einen ganz und gar riskanten Willen zur Versöhnung, dessen Offerte ein Maß an Verletzlichkeit mit sich trägt, das während der gesamten kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Gegnern hier wie dort nie gegeben war. Es ist die stärkste Geste, weil sie das stillschweigende Eingeständnis absoluter Schwäche voraussetzt.

Das ganz Andere

Aus der Sicht derer, die sich von Überregulierung, Verwaltungswillkür oder Behördenarroganz gegängelt wissen, ist der Veränderungsprozess, der mit dem Politikerwort „Bürokratieabbau“ gekennzeichnet ist, viel zu anspruchslos. Der Verfahrenheit der Situation, die sich über eine Mixtur aus Überforderung, Kleinlichkeit, niedrigen Machtgelüsten, Dummheit oder Aufgeblasenheit und, nicht zuletzt, der Angst vor dem Verlust der eigenen Position nicht zureichend präzise erklärt, entspricht der Zwang zu radikalen Lösungen. Hier neu anzufangen setzt den Verzicht auf Althergebrachtes voraus, selbst auf die Gefahr hin, dass für Momente zu wenig geregelt ist.

Ultimatum

Viel seltener, als es die Gewaltbereiten wild unterstellen, kommt es in Konflikten gelegentlich zur tödlichen Alternative: Du oder Ich. Die einzige Reaktion, die Erfolg verspricht, kann nur schnell und radikal sein. Wo die eigene Vernichtung unmittelbar droht, verliert das Recht seine Stärke an das Recht des Stärkeren. Es überlebt der Skrupelosere.

Von der Demokratie

Aus einer Samstagslektüre

„Schließlich will ich noch bemerken, daß keine Regierung in so hohem Grade Bürgerkriegen und inneren Erschütterungen ausgesetzt ist als die demokratische oder Volksregierung, weil keine andere so heftig und so unaufhörlich nach Veränderung der Form strebt und keine mehr Wachsamkeit und Mut zur Aufrechterhaltung ihrer bestehenden Form verlangt. Namentlich in dieser Verfassung muß sich der Staatsbürger mit Kraft und Ausdauer waffnen und jeden Tag seines Lebens im Grunde seiner Seele nachsprechen, was ein edler Woiwode auf dem polnischen Reichstage sagte: Malo periculosam vitam quam quietum servitium. (Ich ziehe eine gefahrvolle Freiheit einer ruhigen Knechtschaft vor.) Gäbe es ein Volk von Göttern, so würde es sich demokratisch regieren. Eine so vollkommene Regierung paßt für Menschen nicht.“*

* Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, III.4

Beckmesser

Der erste Leser eines Manuskripts sollte nie zu kritisch sein. Sonst würden keine Bücher erscheinen. Keine Zeit ist so fragil wie die unsichere Phase zwischen der Fertigstellung eines Textes und seiner Publikation.

Große Veränderung

Der Vorbote großer Veränderungen ist immer der gleiche Überdruss, das von ungezählt vielen heimliche Aufstöhnen, der Gedanke: Es wird sich nie was ändern.

Ode an die Melodie

Nur in der Musik gilt: Du kannst alles über sie wissen und nichts von ihr verstehen. Wie auch umgekehrt: Du kannst alles von ihr verstehen, auch wenn du nichts über sie weißt.

Reizend

So manchem Narzissten wird ein überaus charmantes Agieren nachgesagt, zumindest in der Phase einer Beziehung, in der noch nicht entschieden ist, wer sich wem unterwerfen muss. Das ist Teil eines hochtourigen Reizverlaufs, der darauf angelegt ist, sich nie zu langweilen. Ausgereizt kann schon deswegen nie das Kennzeichen eines Status sein, den der Narzisst selbst initiiert hat, weil er, schon um Langeweile zu vermeiden, in dem Moment, in dem es keine äußeren Steigerungen mehr geben kann, beginnt, wenn anderes durch neuerliche Reize nicht mehr erregt werden kann, sich einer selbstzerstörerische Steigerungsspirale zu überlassen, an deren Ende das absolute Gegenteil von dem steht, worum es ihm immer gegangen war – die grandiose Vernichtung des Ich.

Was erwartest du?

Nur wer enttäuschungsfest ist, kann auf Dauer noch Erwartungen hegen.

Zukunftszenario

Diese Welt wird nur überleben, wenn es dem Menschen gelingt, sich von sich selbst zu befreien.

Heißes Pflaster

Der heißeste Tag des Jahrs hält allzu viele nicht davon ab, der Stadt einen Besuch abzustatten, nach alter Samstagfrühnachmittagsgewohnheit zum sinnleichten Bummel über die Einkaufsmeile. Der Brutofen, auf gut fünfunddreißig Grad erhitzt, bringt die Luft zum Stehen zwischen den Betonmauern. Und verbackt die Menschen zu einer zähen Masse, die von hier nach dort kriecht. Viele mit vornüber gebeugtem Kopf, den Blick versonnen auf den Bildschirm des Smartphones gerichtet, gelegentlich ein Lächeln, das periphere Sehen ausgeschaltet, das Hirn eingeschmolzen. Am einen Ende der Straße traktiert der Saxophonspieler sein Instrument mit den drei immergleichen Melodien. Er hat Konkurrenz bekommen von einem mäßig begabten Liedermacher, mit Hannes Wader oder Reinhard Mey verbindet ihn nur der Songtext „Frieden“, den er ins billige Mikrophon grölt. Zwei Palästinenserfähnchen schwingen im gerade so gehaltenen Takt. Wieder ein paar Meter weiter dröhnt Hiphop aus den Boxen; eine kleine Gruppe Streetdancer übt sich ein ins Trinken, die Wodkaflaschen fast geleert. Zuletzt kämpft vergeblich ein vereinzelter Gerechter für Gerechtigkeit in irgendeinem südostasiatischen Land, von dem die allermeisten noch nie etwas gehört haben. Wie auf einer Wäscheleine hat er sein Programm seitenweise aufgehängt – keiner liest auch nur eine Zeile. Jeder steckt in seiner Welt fest; in Summe sind es viele tausend. Das Interesse an „der“ Welt? Nicht vorhanden. Fragte man sie später, was sie erlebt haben, erntete man nur Achselzucken oder einen abschätzigen Blick des Unverständnisses ob einer solchen Frage. Summer in the City, das ist auch alles, was diese Menschen noch verbindet. Nicht nur meteorologisch oder architektonisch, auch soziologisch ist das ein heißes Pflaster.