Die Idee, die reich macht

Phantasie lebt von der Fähigkeit, sich wieder und wieder zu übertreffen. Im Grunde ist sie ohne Steigerung nicht denkbar. Was wunder, dass es leichter fällt, die Einbildungskraft zu richten aufs Böse. Das kann immer verschärft werden. Gut hingegen, im moralischen Sinn, kennt nicht einmal den Komparativ „besser“. Im Absoluten hat der Ideenreichtum keinen Platz, weil es selber nichts anderes ist als dieser, die Idee, die reich macht.

Erlitten

Der Vorteil früher Niederlagen ist, dass man aus ihnen noch die richtigen Konsequenzen ziehen kann. Je später das Scheitern eintritt, desto sinnloser erscheint es, auch wenn der Schmerz größer ist bei den ersten Misserfolgen.

Formal richtig

Nicht wenige verstehen Dienstleistungen nicht mehr im Wortsinn: einen Dienst leisten. Sie betrachten sie vielmehr als Projekt, und sei es noch so kleines, das es anzugehen gilt, wie die lästigen Schulaufgaben früher: Hauptsache, sie agieren formal richtig, so dass niemand ernsthaft Anlass haben sollte zur Klage. Die Aufgabe ist in dem Augenblick erledigt, in dem man sich ihrer entledigt hat. Gleichgültig hingegen ist die Einstellung zu ihr, die noch im Wort Dienst anklingt: die Demut vor der Sache und denen, die sie betrifft, das liebevolle Engagement, der Respekt vor ihrer Größe, die Verpflichtung auf das, was sie implizit, und nicht nur ausdrücklich, fordert.

Tag- und Nachtbuch

Nirgendwo ist die Erinnerung so lebendig wie in einem erzählenden Tagebuch, das den Leser nie aus der innigen Verbindung zwischen Ereignis und Person entlässt.

Tiefstes Verstehen

Am Anfang und am Ende der Wortwelt existiert das Schweigen. Wer redet, hat beschlossen, es nicht dabei zu belassen. Wer aufgehört hat zu sprechen, begibt sich in eine Zone, in der um Deutungshoheit nicht mehr gerungen wird. Sie ist der Ort entweder absoluten Argwohns oder tiefsten Vertrauens: Du kannst sagen, was du willst – ich glaube dir nichts. Oder alles. Also kannst du es auch bleiben lassen.

Fehlende Worte

Dass Sprache nicht nur Wirklichkeiten schafft, sondern auf Realität sich auch bezieht, merkt sie in dem Moment, in dem ihr die Worte fehlen. Sie ist dadurch nicht sprachlos geworden, aber demütig gegenüber einer Welt, in der die Ereignisse gelegentlich zu groß sind, um sie in Begriffe zu fassen. Die Wendung: mir fehlen die Worte, beschreibt ein Empfinden, das sich zwar ausdrücken lässt, indem wir reden, dennoch weiß, dass über jeder Kommunikation die Interpretation steht. Sagen, was ist, ist schon schwer genug. Wissen, was es bedeutet, eine unendliche Aufgabe.

Ein freies Land

Aus einer Rundfunkansprache unmittelbar nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs

„Was ist ein freies Land? Es ist ein Land, in dem zwischen Staat und Einzelwesen eine wechselseitige Dienstpflicht besteht. In einem freien Land ist der Staat kein Götze: er ist eine notwendige Organisation, die ihre Notwendigkeit beständig zu rechtfertigen hat und von jedem einzelnen Bürger nur das verlangen darf, was ausdrücklich zum Wohle aller verlangt wird.“*

* Paul Valéry, Freie Völker und Sklavenvolk, in: Werke 7, 505

Der schöne Widerspruch

Was nur die Liebe kann: von sich selbst absehen; und sich so gewinnen.

Dein Ding

Der Imperativ: „Mach dein Ding!“, der als Selbständigkeits- und Souveränitätsindiz angesehen ist, versteht nicht, dass Unabhängigkeit sich nicht darin ausdrückt, das Eigene zu machen, sondern in der Fähigkeit, sich zu eigen machen zu können, was nicht (nur) das Eigene ist, im Zweifel auch die Sache der anderen. Man nennt das Engagement. Das erst formt eine  Gesellschaft zur Gemeinschaft oder, um im Kleinen zu bleiben, das für viele alles bedeutet, eine Gruppe zu einer Mannschaft.

Als Mensch

Menschlichkeit zeigt sich nicht zuletzt in der Bereitschaft, Überflüssiges zu tun.

Quick & Easy

Gefühle, die den Schmerz nicht ahnen, den sie enthalten, äußern sich als Unverbindlichkeit.

Sozialstaat

Ein Staat, der nicht Sozialstaat ist, verdient seinen Namen nicht.
Es ist sozial, den Sozialstaat in seiner Wirksamkeit zu beschränken.
Der Sozialstaat belastet nicht nur den Haushalt; er entlastet die Politik davon, moralisch handeln zu müssen.
Nichts gefährdet den Sozialstaat mehr als jene, die mit ihm unmoralisch umgehen.
Der Sozialstaat nützt nicht zuletzt denen, die seiner Leistungen nicht bedürfen.
Dass seiner Leistungen niemand mehr bedarf, ist das regulative Ideal des Sozialstaats.
Das Prinzip des Sozialstaats ist subsidiär: Er fördert eine Abhängigkeit mit dem Ziel der Unabhängigkeit.

Die Herrschaft der Experten

Eingeladen von den Veranstaltern sitzen an jedem Diskussionstisch mehrere Experten für irgendwas. Da der Fachmann für Sozialrecht, dort die Spezialistin für den Klimaschutz, hier der Sachverständige für Elektromobilität, gekontert von der Autorität der deutschen Energiewirtschaft – alle haben genau das zu sagen, was die Beschränktheit ihrer Vorstellungen auf das, was im eigenen Horizont als wirklich anerkannt ist, gerade noch erlaubt. Da kann man nichts verlieren außer den Ruf als Kenner der Materie. Schon deswegen fällt es dem Sachverständigen schwer, jenseits des Realistischen Mögliches zu denken. Unmögliches gar gilt gleich als unseriös. Indes, der Ernst der Phantasie zeigt sich erst, wenn sie das Unerhörte nicht gleich befremdlich findet.

Blick in den Spiegel

Alt werden bedeutet, sich immer weniger selbst betrügen zu können. Das Leben wird gnadenlos ehrlich. Die Wahrheit ist am Ende zwar nicht unbedingt einfach, aber ganz gewiss schlicht.

Ohne Dank

Der Übermut ist die Freude am Erfolg, der die Dankbarkeit fehlt.

Erinnere dich deiner Erwartungen

Man kann Menschen unterscheiden in der Art, wie sie ihr Selbstverständnis bestimmen: ob sie ihre Identität gewinnen eher aus der Erinnerung oder der Erwartung. Dabei hilft es, sich seiner Erwartungen zu erinnern, wenn man versucht, die Erwartungen zu verinnerlichen. Wie umgekehrt jede Erinnerung oft dereinst eine Erwartung war und zum Ursprung neuer Erwartungen werden kann.

Politische Metaphern

Spätestens an der falschen Bildsprache, die zu unfreiwillig komischen Vorstellungen verleitet, wird deutlich, dass eine Politik den notwendigen Realitätsbezug verloren hat. Wer noch von den „politischen Rändern“ redet aus dem hohlen Selbstbewusstsein heraus, sich zur „Mitte“ zu zählen, verkennt, dass das, was sich für die Repräsentation des bürgerlichen Spektrums hält, um in der Metaphorik zu bleiben, kaum größer ist als ein kräftiger Punkt. Wohingegen der Rand sich längst ausgewachsen hat zum auffälligen Wulst. An den Rand drängen, meint: zur Bedeutungslosigkeit degradieren. Rand sein hingegen, um die Anschauung genau zu nehmen, kann auch einhergehen mit der Aufgabe, den Rahmen zu bilden. Das Bild ist schief.

Meinungsfreiheit

Darin zeigt sich Freiheit als das, was sie ist: in der Überlegenheit und Überlegung, nichts zu müssen, Abstand nehmen zu können, der Distanz den Vorzug zu geben vor der Neigung, sich einzumischen. Das gilt heute vor allem vom geschützten Recht der Meinungsfreiheit. Wie befreiend wäre es, wenn nicht jeder, der eine Meinung hat, sie gleich kundtun müsste.

Macht(ver)lust

Die Lust an der Macht ist, was ihr Ende einleitet. Nichts bedroht Macht mehr als die Freude, sie auszudehnen. Jeder Schritt einer nächsten Ermächtigung testet ihre Grenzen neu aus mit dem Effekt, dass sie nicht anerkannt werden, vor allem nicht von dem, der sie neu definiert hat. Zwischen Machtlust und Machtverlust ist nur ein kleiner Schritt.

 

 

 

Leben nach dem Tod

Wenn es stimmt, dass der Verlassene weniger einsam ist als der, der verlassen hat, dann bedeutet der absolute Abschied, das Sterben, für den, der geht, den härtesten Kampf mit der Isolation. Zu wissen, dass auf den letzten Lebensschritten die Begleitung regelmäßig ausfällt, mag für so manchen der Anlass sein, die Frage zu stellen: Was kommt danach? Eine Religion taugt so viel, wie sie die Angst vor der Einsamkeit bannt.

Varianten der Verlogenheit

Aus einem ehrlichen Mitgefühl, das aber nicht ins Handeln findet, entstammen alle Varianten der Verlogenheit wie Heuchelei, Selbstbetrug, Illoyalität.

Noch einmal: Schreiben

Aus einer Samstagslektüre

„Schreiben heißt also die Welt enthüllen und sie zugleich der Hingabe des Lesers als eine Aufgabe stellen. Heißt auf das Bewußtsein andrer zurückgreifen, um sich für die Totalität des Seins als wesentlich anerkennen zu lassen; heißt diese Wesentlichkeit durch dazwischengeschobene Personen leben wollen; weil aber andrerseits die reale Welt sich nur dem Handeln offenbart, weil man sich nur darin fühlen kann, sofern man sie überschreitet, um sie zu verändern, fehlte es dem Universum des Romanciers an Dichte, wenn man es nicht in einer Bewegung, es zu transzendieren, entdeckte. Man hat oft festgestellt: ein Gegenstand in einer Erzählung gewinnt seine Existenzdichte nicht aus der Zahl und der Länge der Beschreibungen, die man darauf verwendet, sondern aus der Komplexität seiner Bezüge zu den verschiedenen Figuren; er wird um so realer erscheinen, je öfter er gehandhabt, ergriffen und hingestellt, kurz, von den Figuren auf ihre eignen Zwecke hin überschritten wird. Das gilt auch für die Romanwelt, das heißt für die Totalität der Dinge und der Menschen: damit sie ihr Maximum an Dichte erreicht, muß die schöpferische Enthüllung, durch die der Leser sie entdeckt, auch imaginäres Engagement im Handeln sein; anders gesagt, je mehr man Geschmack daran finden wird, sie zu ändern, desto lebendiger wird sie sein.“*

* Sartre, Was ist Literatur?, 51

Lesen und Schreiben

Schreiben, ohne zu lesen, wird hohl. Lesen, ohne zu schreiben, bleibt schal.

Angetragene und aufgetragene Erinnerungen

Mit dem Alter steigt die Zahl derer, die sich gemeinschaftlich erinnern wollen. Klassentreffen, das Wiedersehen mit den Studiengemeinschaften, Jubiläen des Examens, das alles sind Anlässe, frühe Bekanntschaften zu erproben, ob sie an Zukunft noch etwas versprechen. Den Test bestehen die wenigsten. Es wird viel gelacht, noch mehr Anekdoten werden ausgetauscht. Man verlässt solche Treffen meist leer, auserzählt, gelangweilt vom Immergleichen: Was machst du heute? Was macht die wohl, die nicht dabei ist? Weißt du noch? Selten – aber es kommt vor – ist unter den standardisierten Geschichten ein Mosaikstein, der das Bild, das man sich von sich selbst macht, vervollständigt oder verändert. Das sind Glücksaugenblicke. Aus tiefster Vergangenheit entsteht plötzlich eine Identitätsgewissheit, die weit in die Folgezeit hinein ragt. Die Erinnerung ist zum Risiko für die Gegenwart geworden.