Aus einer Sonntagslektüre
„Es gibt Fehler des guten Geschmacks, vor denen uns im Privatleben bei mangelnder Moral die gute Erziehung bewahrt, die aber auf internationaler Ebene vollkommen natürlich wirken. Selbst die unerträglichsten Wohltäterinnen würden zögern, ihre Schützlinge zu versammeln, um ihnen in einer Rede die Größe der ihnen gewährten Wohltaten und die dafür geschuldete Dankbarkeit vorzutragen … Das ist eine von den Römern ererbte Gewohnheit. Sie begingen niemals eine Grausamkeit und gewährten niemals eine Gunst, ohne sich in beiden Fällen ihrer Großmut und ihrer Milde zu rühmen. Man wurde niemals von ihnen empfangen, wenn man irgendeine Bitte hatte, und sei es eine kleine Erleichterung der schrecklichsten Unterdrückung, wenn man nicht vorher dieselben Lobeshymnen hören ließ. So haben sie das flehentliche Bitten entehrt, das vor ihrer Zeit durchaus ehrenwert war, indem sie es zu Lüge und Schmeichelei zwangen … Es handelt sich um eine heidnische Tugend, wenn diese zwei Wörter überhaupt miteinander vereinbar sind. Das Wort ,heidnisch‘ hat, wenn es in Rom verwendet wird, zu Recht die Bedeutung von etwas Entsetzlichem, die ihm die ersten christlichen Polemiker gaben. Die Römer waren wirklich ein atheistisches und götzendienerisches Volk; nicht weil sie Götzen aus Stein oder Bronze verehrten, sondern weil sie sich selbst als Götzen anbeteten. Diese Selbstvergötzung ist unter dem Namen Patriotismus auf uns gekommen.“*
* Simone Weil, Die Verwurzelung, 131f.