Aus dem noch ungeschriebenen Roman
Wenn sie sich nicht verwundert nach ihm umgedreht hätte, er wäre schnurstracks seinen Weg weitergegangen. Er hatte sie nicht erkannt. „Hej“, rief sie ihm zu. Verblüfft hielt er inne: „Ja?“ „Kennst du mich nicht mehr?“ Für einen Moment schien er ratlos zu sein. Dann klärte sich sein Blick beschämt: „Du siehst so anders aus. Deine Haarfarbe, die Frisur, solche Schuhe hast du früher immer verabscheut. Natürlich kenne ich dich noch. Wie geht’s dir? Was ist passiert, dass du so verändert bist?“
Mit diesen Fragen stolperte er in ein Gespräch, mit dem er so gar nicht gerechnet hatte. „Lass uns erst einmal einen Ort suchen, an dem wir reden können. Hast du überhaupt Zeit?“ Das nahegelegene Universitätscafé, das alle nur mit seinem vormaligen Namen „Heimat“ nannten – der Besitzer hatte vor zwei Jahren überraschend gewechselt –, bot einen diskreten Raum inmitten der Sommersemesterferien. Sonst war im „Fern der Heimat“, so hieß das Lokal früher mit vollem Namen, selten ein Platz zu finden nach zehn Uhr morgens, der nicht mit Laptops, Bücherbergen oder einem Notizbuch vollgestellt war. „Erzähl!“, forderte er sie auf, „warum hätte ich dich fast nicht wiedererkannt, obwohl ich dich im Leben nicht vergessen werde?“
„Na ja, warum ausgerechnet du mich nicht erkannt hast, weiß ich nicht. Ich bin schon ein bisschen beleidigt“, so hob sie an. „Ok, ich war mal blond, aber das hat mir nach der Trennung von meinem damaligen Freund nicht mehr gefallen. Das kennst du doch: Die Zeiten ändern sich, wir uns mit ihnen. Und manchmal sind solche Änderungen halt radikal.“ Sie hielt inne. Mehr wollte sie offensichtlich nicht erklären. „Und du so?“
„Und ich? Was soll ich sagen. Ich bin noch der alte, so wie du ihn vielleicht noch erinnerst.“
„Ganz der alte, ja. Bis auf die Gesichtserkennung. Die scheint nicht mehr so gut zu funktionieren. Sind sonst noch wichtige Funktionen ausgefallen?“, warf sie lachend ein. „Entschuldige, bitte. Nein, nein.“ Er war etwas verwirrt ob ihrer forschen und frechen Rede. „Dann bin ich ja beruhigt“, fuhr sie fort. „Also, sag schon. Immer noch angestellter Arzt im Praxisverbund?“ „Schon lang nicht mehr“, erwiderte er. Kurz nachdem sie beide auseinandergegangen waren, hatte er sich auch verabschiedet von seinem Arbeitgeber und war umgezogen in die Universitätsstadt ein wenig nördlich der Flussbiegung. Er hatte eine Praxis günstig gekauft von einem Kollegen, der einen Nachfolger gesucht hatte. Als er davon berichten wollte, unterbrach sie ihn wieder. „Wie findest du eigentlich die neue Frisur? Und meine Brille, auch neu?“ Da war sie wieder. Auch wenn er wohl an ihr vorbeigelaufen wäre vorhin, ihre Art hatte sich nicht einen Deut verwandelt: Am Ende ging es immer nur um sie. Und in ihm krochen präzise die Gefühle hoch, tief aus der Seele, die er hatte, als er es vor Ewigkeiten nicht mehr ausgehalten hatte mit ihr, diese Ich-Bezogenheit, dieses nie ermüdende Anerkennungsbedürfnis, das fast krankhafte Desinteresse am Empfinden anderer. „Super“, log er sie an. „Ein neuer Mensch. Soll ich ehrlich sein? Du entsinnst dich noch, was ich dir einmal vor Jahren gesagt hatte, dass ich dir zwar vertraute, aber sich zwischen uns nie Vertrautheit eingestellt hatte. Ja? Jetzt ist es fast umgekehrt. Ich finde das alles vertraut: deine Verwandlungskunst, der plötzliche Wechsel von einer Frage nach mir zur Aufforderung, über dich Auskunft zu geben, die Bestätigungssucht, das alles kenne ich, als hätte ich es gestern zum letzten Mal erlebt. Aber das Vertrauen zu dir, das ist völlig weg. Und wird sich wohl auch nicht mehr einstellen.“
Im Café war es plötzlich auf unheimliche Weise still. Als hätte einer die Atmosphäre ausgeknipst. Der Kellner brachte gerade den bestellten Kuchen. Die Tasse mit dem Cappuccino war noch nicht angerührt. Wortlos stand sie auf und verließ den Tisch.