Auserzählt

In so mancher Müdigkeit verbirgt sich eine Sehnsucht, die zu lang nicht erfüllt worden ist. „Kriegsmüde“, den Ausdruck hat schon Karl Kraus als „das dümmste von allen Worten, die die Zeit hat“*, bezeichnet. Als sei einer je frisch und fröhlich in die Schlacht gezogen, der einen hellen Geist hat. Es ist der Überdruss am brutalen Konflikt, der sich als Friedenswunsch negativ artikuliert. „Politikverdrossen“, so formuliert sich nicht die Abkehr allein vom Parteibetrieb, sondern die Hoffnung auf eine Wiederkehr des Politischen, der Teilhabe an der sinnreichen Gestaltung gesellschaftlichen Lebens. „Beziehungsunfähig“, in diesem Urteil versteckt sich neben dem ärgerlichen Unglück das Bedürfnis nach einer talentierten Liebe und Freundschaft. Jede Müdigkeit ist ein Signal, dass sich etwas dringend ändern muss.

* Die Fackel, Mai 1918,153