In der Welt der Gedanken lassen sich wertvollste Fundschätze genau dort finden, wo etwas nicht weggeworfen, obwohl es verworfen wurde. Das Wesen der Notiz ist, dass diese Frage für sie noch nicht beantwortet ist: brauchbar oder zu vernachlässigen. Nie ist ein Gedanke freier als in einer solch losen Sammlung von Ideen.
Kategorie: Die tägliche Notiz
Architektur und Wohnen
Die schönste Architektur, innen wie außen, findet sich an Orten mit dem schlechtesten Wetter.
Korrumpierter Charakter
Nicht Macht verdirbt den Charakter; der Charakter verdirbt die Macht.
Aufrüstung, Entrüstung
Entrüstung ist die Sprachform gekränkter Ohnmacht, die dabei ertappt wurde, dass sie sich nicht einmal zu wehren weiß, wenn sie verbal aufrüstet. Im Spiel der Mächte kommt alles darauf an, über jene Mittel zu verfügen, die das höchste Gut, das Wort, so bewahren, dass ein schlichter Fingerzeig genügt, um eine Wirkung zu erzielen, die all das, wozu die Sprache sich herablassen müsste, Drohung, Rechtfertigung, der moralische Appell, das Vokabular des Beklagens und der Anklage, nie erreichte.
Checks and Balances
Die Stabilität einer Demokratie zeigt sich, wenn sie sich anschickt, die illegalen Wirkungen einer Macht, die vom Bürger rechtmäßig ins Amt gesetzt worden ist, nach den Maßstäben dieses Rechts außer der Reihe wieder zu korrigieren. Nicht der noch größere Wahn bändigt den Größenwahn eines Potentaten, sondern große Werte und Fähigkeiten wie Zivilcourage, Aufklärung, Urteilskraft, Integrität, Gemeinsinn, Klugheit, Wahrheitsbewusstsein.
Chuzpe
Viel seltener, als es das Sprichwort fest verkoppelt, kommt nach dem Hochmut der Fall. Im Gegenteil: die einzige Schwäche der Chuzpe ist ihre Ignoranz gegenüber Grenzen, vor allem sieht sie ihre eigene Beschränkung nicht. Das hat sie gemein mit einer Figur, mit der sie in den Phasen des Erfolgs sich gern selbst verwechselt: dem Genie. Allerdings ist im Augenblick, in dem beide an ihr Limit gekommen sind, der Unterschied fundamental. Das Genie sprengt die Grenze und definiert sie neu. Der Aufgeblasene hingegen fällt in sich zusammen und wird weinerlich.
Im Ernst
Woran man erkennt, dass es einer ernst meint? Daran, dass er die Grenzen achtet.
Der verborgene Mensch
Aus einer Abendlektüre
„Woher erfährt einer, daß er vom anderen nicht durchschaut werden kann? Die Frage mutet weit hergeholt an, ist aber dem Lebensbedarf nahe genug, wenn man bedenkt, wie wichtig es in unendlich vielen Situationen des Lebens ist, daß einem nicht jeder ansehen kann, was man fühlt, denkt, vorhat, zu tun entschlossen ist oder schon getan hat. Was in einer zum weltgängigen Fremdwort gewordenen Sprache ›Datenschutz‹ heißt, ist nur die technische Extrapolation eines anthropologischen Grundproblems, des Bewußtseins von Undurchschaubarkeit. Vor dessen Gegebenheit können sich überhaupt erst die Ausnahmen mit ihren peinlichen oder gelegentlich erfreulichen Implikationen abheben.“*
* Hans Blumenberg, Phänomenologische Schriften 1981-1988, 442
Die Schwachstelle
Nur die wenigsten Kompromisse kennen zwei Gewinner. Viel öfter rauben sie dem Ganzen Widerstandskräfte und schwächen es so um eine entscheidende Fähigkeit. In der Regel fehlt den Vereinbarungen die Anstrengung, durch sie auf ein höheres Niveau in der Sache zu kommen. Das aber sollte das Ziel sein, nicht der Ausgleich.
Machtpolitik
Zur Stärke des Rechts gehört, dass von Zeit zu Zeit dieses Recht vom Stärkeren durchgesetzt werden muss. Nur eine Macht, die zeigen kann, wozu sie fähig ist, um allen zu demonstrieren, wozu sie noch fähig wäre, erlaubt es der Politik, das zu tun, was sie im wesentlichen sein sollte: symbolisches Handeln.
Winterwonderland
Der Schnee hat die seltene Eigenschaft, dass er das Hässliche in einer Landschaft schön erscheinen lässt und das schon Schöne verzaubert. Kein Wunder, dass er als Metapher der Unschuld in der Sprache seinen festen Ort gefunden hat.
Poesie und Prosa
Am Anfang ist jedes Jahr poetisch. Am Ende nur noch prosaisch.
Alle guten Wünsche
Die Inflation der Grußadressen zu bestimmten Ereignissen wie dem Geburtstag oder Jahreswechsel sorgt dafür, dass sie nur noch hastig zur Kenntnis genommen und selbst dort, wo sie über das Standardformelhafte hinausreichen, als bemüht, der Konvention verpflichtet, unpersönlich wahrgenommen werden. Erst wenn sie auf eine tagesfrische Schreckensnachricht treffen, entfalten die guten Wünsche Wucht. Ihr Wert hängt plötzlich an der Frage, wem glauben und worauf vertrauen: dem Wort, der ausgesprochenen Aussicht? Sie als belanglos abtun? Die meisten Glücksansinnen geben nicht kund, was sie belastbar machen könnte und worauf zu setzen wäre, wenn sie nicht eintreten. Das überlassen sie dem, der sie annimmt. Es sei denn, sie sprechen zugleich Segen zu.
Zäsur
Man muss älter werden, um zu verstehen, wieviel Grausamkeit steckt im Jahreswechsel. Wenn Zeit sich in Erinnerung bringt, dann immer als eine, die vergeht.
Zwei Wörter zum Status Quo
Deutschland am Ende des Jahrs 2025: Unüberwindliche Behürden.
Keine Ausreden mehr
Zwischen den Jahren: Zeit ohne Pflichten. Das ist das Schöne an dieser Phase des Jahrs, dass man nichts als der Zeit verpflichtet ist. Wenn die Termine fehlen, gibt es keine Ausreden mehr, mit dem Tag etwas Sinnvolles anzufangen.
Was ist das wert?
Wert ist das, was in dem Maße wichtiger wird, je weniger man davon hat.
Feiertagsbesuch
In Topform präsentiert sich, wen die Angst, es könnte misslingen, nicht lähmt, obwohl er alles dafür gegeben hat, dass es glückt. Eine wohldosierte Gleichgültigkeit ist eine gute Voraussetzung für das Engagement bei Festtagsbesuchen.
Im Anfang: das Wort
Größer als die Welt ist nur das Wort, das im Anfang und am Ende dasselbe zu sein verspricht: Ja. Zu verstehen, dass dieses Ja mehr als eine Antwort sein muss, weil noch keine Frage aufgekommen war, und als bloße Antwort dann nicht mehr taugt, wenn alles in Frage gestellt werden wird, sondern dass dieses Ja in beiden Fällen, am Anfang und am Ende, eine unbedingte, unabgeleitete Zusage bedeutet, das heißt: Glauben.
Nie genug
Zum Mythos werden Geschichten, wenn sie sich nicht abnutzen, obwohl sie wieder und wieder erzählt werden. Die adäquate Antwort auf den Mythos lautet: Ich kann es nicht oft genug hören.
Heilige Nacht
Weihnachten bedeutet, den Blick zu wenden. Sich des Sinns zu erinnern, der in der Geburtsgeschichte des Weltenerlösers zu lesen ist, meint, die Gegenwart dessen zu ergreifen, der kommen will. Der heilige Imperativ lautet: Schau zurück, damit du umso gewisser und zuversichtlicher nach vorn sehen kannst.
Zuflucht
Humor: was immer noch zulegen kann, wenn nichts mehr geht, ein unerschöpfliches Reservoir. Er ist jene Zufluchtsstätte des Lebens vor sich selbst, die Asyl gewährt, ohne dass ein Antrag gestellt werden könnte. Das Lachen des Humors macht nie lächerlich.
Glauben, aber woran?
Die Angewohnheit, den Weihnachtsbaum auf den letzten Drücker auszusuchen, wird in diesem Jahr nicht nur belohnt mit einem besonders schönen Exemplar. Der Eigner des Stands am Stadtrand erzählt außerdem, dass er tags zuvor Opfer eines Trickbetrugs geworden ist. Eine Großfamilie stahl die Kasse mit zweieinhalbtausend Euro. „Das ist viel“, sagt der Kunde. „Ach was, das ist zu verschmerzen“, erwidert der Verkäufer. „Wissen Sie, ich stehe hier seit vier Wochen. Sie erleben alles: unsichere, entscheidungsschwache Männer, die elegante Geschäftsfrau, die den Baum später abholen lässt, die einsame Alleinerziehende, den Zyniker, der die Festrituale bissig kommentiert. Aber sie sind alle irgendwie liebenswert. Und dann kommt diese Familie, die Großmutter bittet mich, dass ich in einem Winkel ein Foto mache von ihr und der Enkelin, während der Mann im Kassenhäuschen zugreift. Man möchte den Glauben an die Menschen verlieren.“ „Und? Haben Sie ihn verloren?“ Der Mann zögert. „Ich bin ja nicht naiv. Es war mein Fehler. Ich war unaufmerksam. Aber den Glauben an die Menschen? Ich würde es so sagen: Ich glaube nicht an die Menschen. Ich glaube an den Menschen, von dem es heißt, er sei mehr als ein Mensch. Ich denke, Sie verstehen das. Frohe Weihnachten!“
Schlechter Geschmack, schaler Beigeschmack
Aus einer Sonntagslektüre
„Es gibt Fehler des guten Geschmacks, vor denen uns im Privatleben bei mangelnder Moral die gute Erziehung bewahrt, die aber auf internationaler Ebene vollkommen natürlich wirken. Selbst die unerträglichsten Wohltäterinnen würden zögern, ihre Schützlinge zu versammeln, um ihnen in einer Rede die Größe der ihnen gewährten Wohltaten und die dafür geschuldete Dankbarkeit vorzutragen … Das ist eine von den Römern ererbte Gewohnheit. Sie begingen niemals eine Grausamkeit und gewährten niemals eine Gunst, ohne sich in beiden Fällen ihrer Großmut und ihrer Milde zu rühmen. Man wurde niemals von ihnen empfangen, wenn man irgendeine Bitte hatte, und sei es eine kleine Erleichterung der schrecklichsten Unterdrückung, wenn man nicht vorher dieselben Lobeshymnen hören ließ. So haben sie das flehentliche Bitten entehrt, das vor ihrer Zeit durchaus ehrenwert war, indem sie es zu Lüge und Schmeichelei zwangen … Es handelt sich um eine heidnische Tugend, wenn diese zwei Wörter überhaupt miteinander vereinbar sind. Das Wort ,heidnisch‘ hat, wenn es in Rom verwendet wird, zu Recht die Bedeutung von etwas Entsetzlichem, die ihm die ersten christlichen Polemiker gaben. Die Römer waren wirklich ein atheistisches und götzendienerisches Volk; nicht weil sie Götzen aus Stein oder Bronze verehrten, sondern weil sie sich selbst als Götzen anbeteten. Diese Selbstvergötzung ist unter dem Namen Patriotismus auf uns gekommen.“*
* Simone Weil, Die Verwurzelung, 131f.