Kategorie: Die tägliche Notiz

Warum Logik wichtig ist

Logik beschreibt das Minimum dessen, was vernünftig genannt zu werden verdient.

Karriereweg

Das Gegenteil von Idealist ist – Karrierist.

Fanbase

Der Unterschied zwischen Bekanntheit und Prominenz lässt sich auf ein schlichtes, zuverlässiges Merkmal reduzieren. Zufällige Anerkennungserweise auf der Straße – „Darf ich Sie um ein Selfie bitten?“ – sind hier nicht lästig, sondern wirken als Bestätigung und Ermunterung, im selben Stil weiterzumachen.

Geheimtipp

In nichts gleichen sich die begehrten Ziele des Tourismus mehr als in dem Bedürfnis, unvergleichlich zu sein.

Recht spielen

Alle politische Subversion beginnt, indem mit den Gesetzen höhnisch gespielt wird, und endet mit der Rechtsbeugung durch die Instanzen. Man zeigt, wie schwach das Recht ist, wenn es auf seine moralischen Grundlagen getestet wird. Das scheidet Buchstabe und Geist des Gesetzes; und die Form, welcher die Intention abgesprochen wird, zeigt ihre reine Hohlheit. So abstrahiert ist das Recht der Beliebigkeit interessegeleiteter Interpretation schutzlos ausgesetzt. Die Moral kann das Recht nie ersetzen, aber das Recht setzt die Moral voraus.

Leistungsorientiert

„Leistung ist nicht alles, und Leistung an sich, abstrakt äußerlich formal genommen, ohne sozial sinnvolle Zielsetzung ist nicht als Verhaltenspassepartout zu empfehlen. Doch ohne eigenes Leistungsstreben, ohne den Wunsch gar nach besonderen Leistungen, nach persönlicher Leistungsverbesserung, nach kreativer Eigenleistung wäre Kultur nicht möglich. Das kulturelle Wesen ist das eigenleistende Wesen. Dieses Leitbild umschreibt, wie erwähnt, ein wertendes Ideal, das des Menschen Streben zum Besseren ausdrückt. Persönliches Eigenhandeln, eigene Leistung ist ein wichtiger Ausdruck kreativen Lebens.“*

* Hans Lenk, der gestern gestorben ist und der nach seinem Olympiasieg im Rudern 1960 zu einem der wichtigsten Philosophen wurde in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Zitat stammt aus einer Schrift, die er seinem Trainer gewidmet hatte: Goldachter, 89.

Einfach nur seltsam

Die klügere Position in einer politischen Debatte ist nie, den Gegner lächerlich zu machen. Sondern ihm die Voraussetzungen zu schaffen, dass er sich selber lächerlich macht. – Weird, komisch oder seltsam, so kämen ihr die Kandidaten der Republikaner vor, sagt Kamala Harris im Wahlkampf um das Präsidentenamt. Das ist die rhetorische Falle, aus der Trump nicht mehr herausfinden wird. Sie spricht aus, was zu sehen ist und viele ohnehin gedacht haben. Er kann nun machen, was er will. Das Etikett wird er nicht mehr los.

Rechter Gesichtsrand

In der sächsischen Großstadt gibt es kaum noch einen Laternenpfahl, an dem nicht ein Gesicht gezeigt wird, das um Vertrauen wirbt im Wahlkampf vor der politischen Richtungsentscheidung Anfang September. Da ist der optimistische Ministerpräsident oder die investitionsfreudige ehemalige Arbeiterpartei, die um die Bürgergunst ringen. Alle strahlen Zuversicht aus. Alle? Nein, eine Gruppierung fehlt: die Rechtsextremen. Nirgendwo findet sich ein Hinweis. Das ist verblüffend angesichts der Popularität der Populisten. Sind sie sich ihres Sieges schon so sicher, dass sie meinen, es nicht mehr nötig zu haben, Plakate zu kleben? Oder fürchten sie, es könnte das Gesicht mehr verraten, als ihnen lieb ist zum jetzigen Zeitpunkt? In einem Aufsatz über den autoritären Staat hat Max Horkheimer schon 1940 diagnostisch scharf diesen Typus Politiker beschrieben, der sich heute wieder anschickt, mit der Macht zu paktieren: „Es wird sich zeigen, dass die bornierten und verschlagenen Wesen, die heute auf menschliche Namen hören, bloße Fratzen sind, bösartige Charaktermasken, hinter denen eine bessere Möglichkeit verkommt. Sie zu durchdringen muss die Vorstellung eine Kraft besitzen, die ihr freilich der Faschismus entzogen hat.“*

* Max Horkheimer, Autoritärer Staat, in: Gesammelter Schriften 5, 317

Zu Besuch

Gast ist der Fremde, der es auch dann bleibt, wenn ihm ein Zuhause zeitweilig gewährt wird. Die Gastfreundschaft nimmt dem Fremden das Befremdliche hier und das Befremden dort.

Das Spiel verdirbt

Der Narzisst ist ein Spieler. Er sucht Mitspieler, Menschen, mit denen er spielen kann. Er spielt genau so lange mit ihnen, wie sie nicht mit ihm spielen. Ändert sich das, kann er ihnen übel mitspielen; in jedem Fall wird er aber dann zum Spielverderber.

Kunstfreiheit

Gelegentlich wird im Namen der Kunstfreiheit gezeigt, was vor allem frei ist von Kunst. Zu sehen bleibt eine Arbeit, die – zwar nicht Werk, aber – nicht anders zu nennen ist als geschmacklos und dürftig im Stil.

Behördengänge

Aus einer Freitagnachmittagslektüre

„Wer in der Behörde umherirrt, macht die Erfahrung, dass das gesuchte Gegenüber in einem Nebel obskurer Instanzen verschwimmt. Keine zuständige Stelle lässt sich finden, die nicht auf eine höhere, kaum erreichbare verwiese. Hier ist jenes Man ,zu Hause‘, von dem Heidegger, beinahe gleichzeitig mit Kafkas Phänomenologie des Behördengangs, in Sein und Zeit (1927) notierte: ,Jeder ist der andere und keiner er selbst.‘ Es ist Kafkas Entdeckung, dass zum Man noch ein Über-Man gehört. Wer an dieses sich wendet, wird erfahren, dass es etwas Vergeblicheres gibt als das Gebet zum bedeckten Himmel, etwas Unerreichbareres als ein Sachbearbeiter unterer Stufe.“*

* Peter Sloterdijk, Wer noch kein Grau gedacht hat. Eine Farbenlehre, 61

Fernsicht

Der Horizont ist die Grenzlinie, an der die Anschauung in den Begriff übergeht. Was gerade noch zu sehen ist, bildet den Ausgangspunkt für das, was wir uns noch hinzudenken können. Nicht der Blick, aber das innere Auge reicht stets über den Horizont hinaus.

Sehr praktisch

In der Ästhetik bedeutet der Satz: „… aber es ist praktisch“ so viel wie – hässlich.
In der Ethik heißt: „… aber es ist praktisch“ – so soll es sein.
In der Logik meint: „… aber es ist praktisch“ – zwar nicht schlüssig, dennoch nützlich.

Bestellvorgang

Das Management bestellt bei den Beratern Analysen und Argumente wider den üblichen Tagesbetrieb, um bei guter Gelegenheit sich entweder dahinter verstecken zu können, wenn Entscheidungen zu verantworten sind, oder um sie bedauernd zu ignorieren. Nur eine Aufgabe erfüllen die Berater höchst selten: Rat so zu geben, dass er angenommen werden kann und sinnvolle Veränderungen bewirkt.

Wie viel hast du gelebt?

Das Maß des gelebten Lebens verringert nicht das des ungelebten. Dieses bleibt immer bei hundert Prozent; da mag einer noch so viele Erfahrungen gesammelt haben.

Auf ein Neues

Wie gut ein Neuanfang gelingt, lässt sich ermessen aus dem Schmerz über das, was für ihn aufgegeben worden ist.

Amt und Person

Die wichtigste Voraussetzung, ein berufliches Ende stilvoll zu gestalten, ist die Einsicht in die Bedeutung der Aufgabe. Alles kommt darauf an zu verstehen, dass die meisten Ämter zwar nicht größer sind als die Person, aber langlebiger. Beide Kandidaten für die Präsidentschaftswahl in Amerika haben da Ähnlichkeiten: der eine fühlt sich schon als Sieger, weil er sich selbst für so viel geschätzter hält, dass die angestrebte Position ihm zwingend, ja fast ewig zugestanden werden müsse; der andere wiederum klammert sich verzweifelt an die Überzeugung, dass er der einzige sei, der den Konkurrenten von der absolutistischen Machtergreifung abhalten könne. Hier wie dort stellt sich die Person über das, in diesem Fall auch noch: höchste Amt. Es wäre diesem angemessen, noch eine dritte Bewerbung zu finden, die der Würde des Amts den Vorrang einräumt.

Gastrecht und Besuchsrecht

Im dritten Definitivartikel zum ewigen Frieden nennt Kant die Grundbedingungen für das, was heute, gelegentlich euphemistisch, Globalisierung heißt. Sie sind nicht geregelt durch Formen der Menschlichkeit (also Sympathie, Mitleid, ja Gerechtigkeitgefühle), sondern durch deren Versachlichung im Recht. Es bestimmt sich durch seine Fähigkeit, klare Grenzen zu ziehen. „Es ist hier, wie in den vorigen Artikeln, nicht von Philanthropie, sondern vom Recht die Rede, und da bedeutet Hospitalität (Wirtbarkeit) das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann; so lange er aber auf seinem Platz sich friedlich verhält, ihm nicht feindlich begegnen. Es ist kein Gastrecht, worauf dieser Anspruch machen kann (wozu ein besonderer wohltätiger Vertrag erfordert werden würde, ihn auf eine gewisse Zeit zum Hausgenossen zu machen), sondern ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht, sich zur Gesellschaft anzubieten, vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde, auf der, als Kugelfläche, sie sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch neben einander dulden zu müssen, ursprünglich aber niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat, als der andere.“*

*Kant, Zum ewigen Frieden, 39f.

Nichts als Standards

Der Standard der Bürokratie hat einen Namen. Er heißt Mittelmaß.

Ordentlich

Der Sinn von Ordnung: Man muss nicht nachdenken. Das gilt auch für die Ordnungen des Denkens. Sie sorgen dafür, dass es funktioniert, was so viel heißt, dass es nicht nötig ist, auf es selbst zu reflektieren. Niemals ordentlich hingegen ist Nachdenklichkeit. Sie leistet sich Abschweifungen, Verzögerungen und Verirrungen, Innehalten wie Tiefe, Assoziationen statt Argumentation, Sprünge oder Verspieltheit.

Achtung, Ansteckungsgefahr

Eine nicht zu unterschätzende Wirkung des Populismus, nicht zuletzt aller Arten von Einflussnahme, die mit den niederen Regungen von uns Menschen operieren, ist ihre infektiöse Kraft. Nicht dass sich Gegner und Verächter einfach anstecken ließen, aber sie handeln nicht selten im Willen, gegen Hass oder Gewalt, Niedertracht und Verleumdung vorzugehen, selber strukturähnlich. Und machen verächtlich, was ihnen an der Verachtung widerstrebt. Es ist die subtilste Bestätigung, die eine Haltung bekommen kann, welche gerade konsequent bekämpft werden sollte. Man kann die Aufhetzer und Aufrührer nicht mit ihren eigenen Mitteln schlagen.

Das Talent zur Freundschaft

Die Freundschaft unterscheidet sich von allen anderen Formen sozialer Beziehung dadurch, dass ihr Gelingen abhängt von einem besonderen Talent. Schon deswegen verdient sie, ein Geschenk genannt zu werden.

Nicht ich, die anderen

Aus einer Sonntagslektüre

„Die Begegnung mit dem Anderen ist von Anfang an Verantwortung für ihn. Die Verantwortung für den Nächsten ist zweifellos ein ernsterer Ausdruck für das, was man Nächstenliebe nennt, Liebe ohne Eros, caritas, Liebe, in der das ethische Moment das leidenschaftliche dominiert, Liebe ohne Begehrlichkeit. Das Wort »Liebe« mag ich nicht so sehr, es ist so abgegriffen und mißbraucht. Lassen Sie uns von einem Aufsichnehmen des anderen Schicksals sprechen.“*

* Emmanuel Lévinas, Zwischen uns. Versuche über das Denken an den Anderen, 132