Die wertvollste und gefährlichste Form von Identität: einen festen Platz zu haben in einer Geschichte, die nicht die eigene ist.
Kategorie: Die tägliche Notiz
Befund: Bedürftig
Nur der, welcher seine Liebesbedürftigkeit gut zu verstecken weiß, bekommt die Liebe, nach der er sich sehnt.
Frohsinns Sinn fürs Frohe
Wenn Trauer eine Variante des Frohsinns wäre, fehlte in ihr dem Sinn fürs Frohe der Sinn, froh zu sein. Der Frohsinn verschwindet ja nicht, auch nicht in den Zeiten, in denen ihm die Heiterkeit abwegig erscheinen muss. Es widerspricht sich nicht, fröhlich zu sein, wenn man trauert.
Super, der Markt
Immer wieder dieselbe Verlegenheit: Die Ware ist nicht zu finden im Supermarktregal. Dafür aber eine der wenigen Mitarbeiterinnen. „Darf ich Sie etwas fragen?“ Die stereotype Antwort, die meistens kommt – „das hamse doch gerade schon, junger Mann“ – bleibt diesmal aus. Stattdessen: „Ja, aber nur ein Mal.“ Die eigentliche Frage also, wo diese Sache denn stehe, verbietet sich. „Ich suche …“ „Da haben Sie aber Glück“, sagt die kundige Kollegin. „Was glauben Sie, was ich den ganzen Tag über alles suche. Nur mich sucht keiner. – Hier.“ Sie holt das begehrte Objekt mit schnellem Griff aus dem obersten Fach. Das gemurmelte „Danke“, das die Verblüffung überspielt, kommentiert sie noch: „Ich versteh‘s ja auch. Den meisten bleibt die Spucke weg, wenn ich den Mund aufmache. Ich bin ihnen zu frech. Aber mit dir tät‘ ich‘s versuchen. Du bist einer von der schnellen Sorte und hast kapiert, dass man da keine Nachfrage stellt. Schade. Und tschüss.“ Es gab keine Gelegenheit, irgendetwas Verbindliches zu erwidern. „Ja, tschüss!“
Sitz im Leben
Man achte nicht auf die Wortwahl, auf das Wie, sondern darauf, wann eine Sache erklärt wird: Die meisten Begründungen sind versteckte Rechtfertigungen. Der Sitz im Leben einer Argumentation ist die Legitimation.
Brücken bauen
Denken bedeutet, die Sprünge zwischen den Sätzen und die Brüche in ihnen zu überbrücken. So wird aus einer losen Folge von Gedanken ein System von Folgerungen, in der Schilderung von Dramen ist die Dramatik erkennbar. Gründe verdichten sich zu einer Begründung, Assoziationen verschwinden in einer Argumentation. Was ehedem Stimmung gewesen ist, erreicht das Niveau der Stimmigkeit. Und anschauliche Sprachbilder ergeben ein Bild von der Sache.
Große Erzählungen
Nicht jeder, der erzählen kann, hat auch etwas zu sagen. Ob es gelingt, ja möglich ist, aus der Geschichte zu lernen, ist in der Sache nicht ausgemacht. Aus den Geschichten allerdings lässt sich ziehen, mehr als das, was deren Autor in sie hineingelegt hat, um sie auf eine Pointe hin zu bauen. Große Berichte zeichnen sich dadurch aus, dass sie nie ohne eine Einsicht übermittelt werden können. Jede Erinnerung ist eine Zumutung an die Gegenwart und gefährdet sie, wenn sie um ihrer selbst willen erzählt wird.
Das Geheimnis der Schlaflosigkeit
Sind es die Gedanken, die einen nicht schlafen lassen; oder ist es die Schlaflosigkeit, die solche Gedanken erzeugt?
Zweimal Denken
Auch wenn sich alles mögliche denken lässt, ist das, was gedacht werden kann, das Wirkliche.
Vorläufig handeln
Demokratie lebt von der Überzeugung, dass die vorläufigen Problemlösungen für eine Gesellschaft verträglicher sind als die, welche den Anspruch erheben, endgültig zu sein.
Das Paradox der Freiheit
Je weiter wir unsere eigenen Grenzen verschieben, desto klarer erkennen wir unsere eigene Beschränktheit.
Alterserscheinung
Das Alter setzt in dem Augenblick ein, in dem andere einen zum Vorbild erkoren haben.
Lebendige Lücke
Nur ein Gedächtnis, das vergisst, kann lebendig erhalten, was es zu bewahren sucht. Wäre die Erinnerung lückenlos, ja so vollkommen, dass sie alles Geschehene behielte, besetzte sie die Existenz eines Menschen, ohne Platz zu lassen für deren Zukunft. Tod bedeutet, dass die Vergangenheit absolut geworden ist.
Amtsmissverständnis
Das Missfallen an der und der Verdruss über Politik spiegelt unverzerrt das Ausmaß, in dem Politiker und Verwaltungsbeamte die Ämter, die ihnen anvertraut sind, für ihre eigenen Zwecke skrupellos missbrauchen. Zur Verrohung einer Gesellschaft trägt maßgeblich bei, dass Mächtige ihre institutionell legitimierte Überlegenheit nicht mehr als Dienst an ihr begreifen, sondern als Privileg, die eigenen Interessen durchsetzen zu können.
Was sich hält
Die Erinnerung an einen Menschen verblasst mit der Zeit. Zunächst sind es seine Worte, die vergehen, bis auf wenige eindrückliche Sätze oder feste Redewendungen. Der Klang der Stimme indes bleibt. Dann verlieren seine Handlungen an Kontur, bis auf die eine Heldentat, die überraschende Intervention. Aber die Haltung, aus der sie entstammen, bleibt präsent. Was aber nie verschwindet, ist das Gefühl, das man hatte in seiner Gegenwart.
Die neue Weltordnung
Was einst die Grundalternative war „Ist das wahr oder gelogen, richtig oder falsch?“, moralisch: „gut oder böse?“, diese Differenzen werden heute nur noch in einer einzigen schlichten Frage gefasst: Bist du für mich oder gegen mich? In dem Maße, wie die Parteien politisch an Bedeutung verlieren, nimmt die Parteilichkeit zu.
Ach, Europa
Es ist schwer, eine starke Identität auszubilden, solange man von sich selbst nur eine schwache Idee hat.
Schlagfertigkeit
Der Rüpel, der als politische Figur, derzeit maßlos Erfolge feiert, lebt vom Überraschungseffekt. Noch im Schock erstarrt weiß sein Gegenüber stets nur zu spät zu reagieren. Da ist die üble Sache längst in der Welt. Ihr nachgereicht wird oft Empörung, die kraftlos und schneller abgegriffen wirkt als das ständige Spiel mit der Provokation. Frechheit siegt, sagt das Volk und gesteht implizit seine Ohnmacht. Es sei denn, und das fürchtet der politische Rowdy am meisten, man nimmt ihn nicht ernst. Was gegen die Absurdität der Autokratie schnell hilft: die Macht der unfreiwilligen Komik. Aufklärung bedeutet, das Lächerliche ans Licht zu holen, das sich hinter dem gespielten Ernst des Rohlings verbirgt.
Lass dir das nicht gefallen
Integrität ist der Name für das, was wir uns gerade nicht mehr gefallen lassen. Der eine lässt Drohnen über fremdem Territorium kreisen, der andere freut sich hämisch über die Einschränkung von Meinungsfreiheit und lässt Kritiker kaltstellen. Der integre Teil der Gesellschaft schreit „Autsch!“ Was muss geschehen, bis aus dem Schmerz die Kräfte erwachsen, die zurückschlagen und ihrerseits testen, ob Großmäuligkeit und Großmannssucht nicht nur die rücksichtslosen Varianten der Feigheit sind.
Ein rundes Leben
Es ist ein Glück, wenn die Existenz eines Menschen mit derselben Zustimmung zum Leben, mit der sie begonnen hat, auch enden kann. Ein Ja zum Schluss verwandelt den Zuspruch am Anfang in Zuversicht.
Was nicht geht
Übersättigte Gesellschaften glauben, es genügten allein destruktive Kräfte, um sich zu erneuern.
Vitale Mathematik
Eine Seele zu haben bedeutet, den Kräften des Lebens einen Vektor zuordnen zu können, der sie ausrichtet.
Vater
Ein Nachtrag:
Anders als es Sigmund Freud meinte, den Vätern nachsagen zu müssen, dass sie danach trachteten, sich in der Konkurrenz zum Sohn über ihn zu behaupten vor der Mutter, lässt sich von einen guten Vater vor allem eines lernen: dass es eine Liebe gibt, die nichts für sich will, und eine Gerechtigkeit, die keinen Ausgleich schaffen muss, weil sie sich nicht über den Mangel bestimmt, und eine Kraft, die die Schwäche nicht verachtet.
Überzeugungsfreiheit
Aus einem Gespräch mit dem Meisterdenker des Gesprächs:
„Wir müssen endlich wieder lernen, wie man ein richtiges Gespräch führt. Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe für die Philosophie. Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“*
* Hans-Georg Gadamer im Interview mit Thomas Sturm, in: Der Spiegel 8/2000