Nach dem Erfolg

Siegreich ist in einer Auseinandersetzung nicht, wer Erfolg hat, sondern der, welcher weiß, was er mit dem Erfolg anstellt.

Gedankenpoesie

Aus einer Freitagabendlektüre

„Ein poetischer Text ist nicht mehr als das, was er enthält. Deshalb kann er immer nur aus sich selber verständlich sein oder gar nicht. Jede Erläuterung, die von außen kommt, und wäre es vom Poeten selber, ist unnütz, ja ärgerlich. Der Verfasser, der sein Produkt selber kommentiert, spricht sich sein eigenes Urteil, wenn er das Gedicht aus der poetischen in eine andere Sprache rückübersetzt. Er gibt damit nämlich zu, daß er das, was er mit den Worten seines Gedichtes sagte, auch anders, nämlich mit den Worten seiner Erläuterung hätte sagen können, also, wie das Wort Erläuterung zu verstehen gibt, lauterer, durchsichtiger, klarer. Der Satz, mit dem er seinen Kommentar begänne, wäre bereits ein Geständnis: ,Ich wollte mit meinem Gedicht sagen…‘ – ,Warum haben Sie es dann nicht gesagt?‘ Die Gegenfrage ist nur allzu berechtigt. Mithin wäre das einzig richtige Verfahren, über ein Gedicht zu sprechen, die Interpretation, die nur den Text vor sich hätte, und zwar die Interpretation von fremder Hand.“*

* Hans Magnus Enzensberger, Gedichte. Die Entstehung eines Gedichts, 38

Alles gesagt?

Eine der wichtigsten Eigenschaften des demokratischen Anrechts auf Redefreiheit ist die Fähigkeit einzustehen für das, was man gesagt hat. Zur Meinungsäußerung gehört zwar nicht unmittelbar die Wahrheitspflicht, aber das Bewusstsein für die Verantwortung dort, wo ihr nicht entsprochen worden ist. Mit jedem Satz geht die implizite Beipflichtung einher, dass die Sache sich so verhalte.

Lebensfragen

Alle wirklich philosophischen Fragen sind Fragen, die notwendig gestellt werden müssen, weil das Leben es verlangt.

Zu viel Zuständigkeit, zu wenig Verantwortung

Verantwortung erschöpft sich nicht darin, pflichtgemäß zu erfüllen, wofür man zuständig ist. Sie beginnt vielmehr genau dort, wo jemand berechtigte Ansprüche, laut oder stillschweigend, erhebt, denen nicht anders entsprochen werden kann als durch ein Handeln, das sich im Bewusstsein der Regeln wider sie zugunsten größerer Menschlichkeit zu erheben vermag, weil es sich darauf berufen kann, dass die Gesetze um des Menschen willen und nicht der Mensch um der Gesetze willen gemacht ist.

Widerlegung eines Beweises

Es ist ein großer Fortschritt im Leben, wenn der Beweis widerlegt ist, dass man sich und anderen ständig etwas beweisen müsse.

Was das Leben leicht macht

Nichts macht das Leben so leicht wie Verhältnisse, die allein auf Glauben gründen.

Wenn das Ressentiment regiert

Zur wahren Größe gehört, dass sie sich nicht messen muss. Jede Größe, die sich vergleicht, letztlich aus der Erniedrigung der anderen erwächst, verliert ihre destruktiven Kräfte nie. Am Ende muss sich das Ressentiment selbst zerstören, um noch einmal das Gefühl zu genießen, eine bedeutende Tat vollbracht zu haben.

Das Reich des Geistes

Was bedeutet „geistreich“? Es ist die innige Verbindung von Denken und Liebe.

Börsenweisheit

Es bedarf einer gewissen Portion zynischer Energie, um an der Börse erfolgreich zu sein. Das antizyklische Handlungsgesetz, bei schlechten Nachrichten zu kaufen, bei guten sich von den Werten zu trennen, verkehrt die Maßstäbe integrer Vernunft.

Intensivkurs in Intelligenz

Kein Gradmesser für Intelligenz ist so zuverlässig wie das Niveau von Empfindsamkeit. Nur an der Spitze findet sich beides: höchste Dezenz und absolute Skrupellosigkeit, als sei dort der Ort der Wahl zwischen Gut und Böse.

Wann das Alter beginnt

Viele Jahre ist man so alt, wie man sich fühlt. Und dann beginnt die Zeit, in der man fühlt, wie alt man ist.

Unschuldsvermutung

Was gegen die Theologie sprechen könnte: dass sie Gott nicht selbstverständlich sein lassen kann. (Das gilt zwar für jede Wissenschaft und deren Gegenstände, gefährdet diese aber nicht.)

Wenn einem nichts einfällt …

… ist die schlechteste Konsequenz, mit dem Schreiben aufzuhören. Die besten Gedanken stellen sich oft ein, sobald man nicht mehr nach ihnen sucht, aber bei der Sache bleibt.

Doppelte Freude

Zum Wesen der Liebe gehört, dass sie sich nicht nur am anderen erfreut, sondern auch an sich selbst.

Vorsicht mit der Nachsicht

Unter den vielen Talenten, mit denen Menschen einander beglücken, ist die Versöhnlichkeit das größte. Mit der Nachsicht gilt es vorsichtig umzugehen, sonst verliert sie ihre Stärke und wird als Weichheit missverstanden.

Die Genießer der Leistungslosigkeit

Aus einer Abendlektüre

In Wahrheit wäre keine moderne Gesellschaft lebensfähig ohne die Beiträge der unsichtbar Mitwirkenden, die sich und die Ihren im Modus der permanenten Improvisation über Wasser halten. Tatsächlich verbergen sich unter begrifflich hilflosen Ausdrücken wie ,Müßiggängertum‘, ,unproduktive Existenz‘ oder ,Lumpenproletariat‘ Pandämonien inoffizieller, unbeachteter und unbezahlter Tätigkeiten, die dem Gesellschaftskörper wie präbiotische Bakterien einwohnen. Die ungeeigneten Begriffe weisen freilich auch auf den organisierten Parasitismus hin, der jeder komplexen Gesellschaft anhaftet – am unteren Pol in Form von zahlenmäßig bedeutenden Schichten, die in verhärteter Ferne von jedem Erwerbsleben existieren, am oberen Pol durch das Treiben der Genießer von leistungslosen Höchsteinkommen.“*

* Peter Sloterdijk, Die Reue des Prometheus, 41f.

Im Zenit

Am gefährlichsten ist Macht in dem Moment, da sie ein Bewusstsein erlangt hat von ihrer Stärke. Sich im Zenit zu sehen, bedeutet, ihn gerade überschritten zu haben. Oft erwächst Gewalt aus nichts anderem als auch einer Macht, die erkennt, dass sie sich nicht mehr steigern lässt.

Das unsoziale Soziale

Das einflussreichste Wort der politischen Sprache ist der Ausdruck „soziale Gerechtigkeit“. Ihm sich zu widersetzen, bedeutet Machtverlust. Es unterscheidet die Guten von den Bösen. Wer es für sich in Anspruch nehmen kann, vermag zu bestimmen, wem im Namen des höchsten Ideals genommen werden kann, um denen zu geben, die vermeintlich bedürftig sind. Wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, verwandelt sich demokratische Politik leicht ins Diktatorische.

Schau mich nicht so an

Sich schämen bedeutet, sich mit dem identifizieren zu müssen, was man selber nicht sein will. Es ist der Verlust der Distanz, der Zwang, „das und so bin ich“ zu sagen zu der Verweigerung, sich als so widersprüchlich zu akzeptieren, dass auch das Gegenteil stimmt: Das und so bin ich bestimmt nicht.

Vertrauen, Vertrautheit

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

Wenn sie sich nicht verwundert nach ihm umgedreht hätte, er wäre schnurstracks seinen Weg weitergegangen. Er hatte sie nicht erkannt. „Hej“, rief sie ihm zu. Verblüfft hielt er inne: „Ja?“ „Kennst du mich nicht mehr?“ Für einen Moment schien er ratlos zu sein. Dann klärte sich sein Blick beschämt: „Du siehst so anders aus. Deine Haarfarbe, die Frisur, solche Schuhe hast du früher immer verabscheut. Natürlich kenne ich dich noch. Wie geht’s dir? Was ist passiert, dass du so verändert bist?“
Mit diesen Fragen stolperte er in ein Gespräch, mit dem er so gar nicht gerechnet hatte. „Lass uns erst einmal einen Ort suchen, an dem wir reden können. Hast du überhaupt Zeit?“ Das nahegelegene Universitätscafé, das alle nur mit seinem vormaligen Namen „Heimat“ nannten – der Besitzer hatte vor zwei Jahren überraschend gewechselt –, bot einen diskreten Raum inmitten der Sommersemesterferien. Sonst war im „Fern der Heimat“, so hieß das Lokal früher mit vollem Namen, selten ein Platz zu finden nach zehn Uhr morgens, der nicht mit Laptops, Bücherbergen oder einem Notizbuch vollgestellt war. „Erzähl!“, forderte er sie auf, „warum hätte ich dich fast nicht wiedererkannt, obwohl ich dich im Leben nicht vergessen werde?“
„Na ja, warum ausgerechnet du mich nicht erkannt hast, weiß ich nicht. Ich bin schon ein bisschen beleidigt“, so hob sie an. „Ok, ich war mal blond, aber das hat mir nach der Trennung von meinem damaligen Freund nicht mehr gefallen. Das kennst du doch: Die Zeiten ändern sich, wir uns mit ihnen. Und manchmal sind solche Änderungen halt radikal.“ Sie hielt inne. Mehr wollte sie offensichtlich nicht erklären. „Und du so?“
„Und ich? Was soll ich sagen. Ich bin noch der alte, so wie du ihn vielleicht noch erinnerst.“
„Ganz der alte, ja. Bis auf die Gesichtserkennung. Die scheint nicht mehr so gut zu funktionieren. Sind sonst noch wichtige Funktionen ausgefallen?“, warf sie lachend ein. „Entschuldige, bitte. Nein, nein.“ Er war etwas verwirrt ob ihrer forschen und frechen Rede. „Dann bin ich ja beruhigt“, fuhr sie fort. „Also, sag schon. Immer noch angestellter Arzt im Praxisverbund?“ „Schon lang nicht mehr“, erwiderte er. Kurz nachdem sie beide auseinandergegangen waren, hatte er sich auch verabschiedet von seinem Arbeitgeber und war umgezogen in die Universitätsstadt ein wenig nördlich der Flussbiegung. Er hatte eine Praxis günstig gekauft von einem Kollegen, der einen Nachfolger gesucht hatte. Als er davon berichten wollte, unterbrach sie ihn wieder. „Wie findest du eigentlich die neue Frisur? Und meine Brille, auch neu?“ Da war sie wieder. Auch wenn er wohl an ihr vorbeigelaufen wäre vorhin, ihre Art hatte sich nicht einen Deut verwandelt: Am Ende ging es immer nur um sie. Und in ihm krochen präzise die Gefühle hoch, tief aus der Seele, die er hatte, als er es vor Ewigkeiten nicht mehr ausgehalten hatte mit ihr, diese Ich-Bezogenheit, dieses nie ermüdende Anerkennungsbedürfnis, das fast krankhafte Desinteresse am Empfinden anderer. „Super“, log er sie an. „Ein neuer Mensch. Soll ich ehrlich sein? Du entsinnst dich noch, was ich dir einmal vor Jahren gesagt hatte, dass ich dir zwar vertraute, aber sich zwischen uns nie Vertrautheit eingestellt hatte. Ja? Jetzt ist es fast umgekehrt. Ich finde das alles vertraut: deine Verwandlungskunst, der plötzliche Wechsel von einer Frage nach mir zur Aufforderung, über dich Auskunft zu geben, die Bestätigungssucht, das alles kenne ich, als hätte ich es gestern zum letzten Mal erlebt. Aber das Vertrauen zu dir, das ist völlig weg. Und wird sich wohl auch nicht mehr einstellen.“
Im Café war es plötzlich auf unheimliche Weise still. Als hätte einer die Atmosphäre ausgeknipst. Der Kellner brachte gerade den bestellten Kuchen. Die Tasse mit dem Cappuccino war noch nicht angerührt. Wortlos stand sie auf und verließ den Tisch.

Is’ was, Doc?

Manche Manager tragen den Doktortitel wie einen Künstlernamen.

Geschmacklos

Nichts offenbart den niederen Charakter eines Menschen deutlicher als seine Unfähigkeit, anders als durch Geschmacklosigkeiten zu provozieren.

Aus der Welt der Tiere

Aus einer Abendlektüre

„Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu verzichten, daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer Sublimierung gebracht hat, und von dem man erwarten darf, daß er seine Entwicklung zum Übermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen, auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist.“*

Freud, Jenseits des Lustprinzips, 50f.