Altersangeberei

– Wie alt sind Sie?
– Zu alt, um noch jeden Unsinn mitzumachen. Zu jung, um nicht am Unsinn der anderen dasselbe Vergnügen zu empfinden wie die, die sich dem Unsinn verschrieben haben.

Macht gegen Kompetenz

In den seltenen Fällen, in denen der Machtbesitz mit einer ebenso großen Kompetenz einhergeht, findet sich in den späten Phasen, wenn die Macht zu schwinden droht, erstaunlich oft das Muster, dass sie die Kompetenz auffrisst, als könnte sie sich so noch länger erhalten. Dann zeigen sich meist alte Männer schwatzhaft, nur um noch einmal die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie die Zuschreibung von Sachverstand Lügen strafen. Und alle fragen sich, was nur in diese einst so qualifizierten Könner gefahren sei; nichts, als dass immer noch den Ton angeben wollen, auch wenn dieser längst schräg klingt.

Keine Prognose, aber eine Prophetie

Es könnte sich am Ende herausstellen, dass die künstliche Intelligenz das verwegenste Produkt der natürlichen Dummheit der Menschen ist.

Der beste Zeitpunkt

So mancher Streit im Vorblick auf einen Wettkampf hat das Aggressionspotenzial pünktlich auf jenes Niveau gehoben, das nötig ist, um ihn erfolgreich zu bestehen.

Behördendeutsch

Aus einer Sonntagsnachmittagslektüre

„Man hängt so elend fest in der Sprache … Schwierig. Wie kommt man raus aus der Sprache, zu den normalen Sachen, zu den echten Worten, zu neuen Erfahrungen, zum Nichtsprachlichen und superalltäglich Alltagssprachlichen, zur Welt eben?“*

* Rainald Goetz, Abfall für alle. Roman eines Jahres

Alterslos denken

Das Denken bleibt genau so lang jung, wie es ihm gelingt, der Neugier einen größeren Stellenwert einzuräumen als dem Wissen, die Frage höher zu schätzen als die Antwort, sich vom Zuhören stärker beeinflussen zu lassen, als durch Reden Einfluss zu nehmen.

Was tröstet

Trost, das ist jene unverfügbare und unfassliche Kraft, die sowohl die Trostlosigkeit überwindet, wie die Untröstlichen erfüllt.

Ein Mensch mit Erfahrung

Erfahrung ist im Leben das, was von den Erlebnissen erinnert und aufgehoben wird.

Kundschafter und Auskundschafter

Das Maß der Spionage, die ein Auslandsgeheimdienst betreibt, gibt präzise Auskunft darüber, dass trotz Globalisierung der Nationalismus ungebrochen ist. Er versteckt seine Stärke zwar, zeigt sie allerdings keineswegs schamhaft, sobald ein Agent aufgeflogen ist. Immer noch gilt, dass der Vorteil, der mit unlauteren Mitteln errungen wird, einen größeren Abstand zum Gegner verspricht. 

Die Maske Harmlosigkeit

Eine Partei, die ihre öffentlichen Auftritte jenseits der eigenen Klientel als harmlos und sympathisch inszeniert, erregt Verdacht. Die Fassadentechnik Unschuld im Politischen lässt zuverlässig schließen, dass die wahren Handlungsantriebe verborgen werden sollen. Nichts im Gesellschaftsbetrieb ist harmlos, unschuldig, sympathisch. Von dieser Art der Ansprache lässt sich nur der täuschen, der mit Schärfe und Härte, Verantwortungsbewusstsein oder Prinzipientreue, nicht zuletzt dem Gegenteil: mit Kunstkniffen des Kompromisses und der Kompromittierung fremdelt. Die Gewalttätigen haben sich schon immer der Harmoniebedürftigkeit vieler bedient, um ihre Interessen am Ende umso erbarmungsloser durchzusetzen.

Wie man ein Publikum zähmt

Von den Meistern unter den Dirigenten heben sich jene wenigen ab, denen wie selbstverständlich gelingt, was sich von allein nicht ergibt: neben der musikalischen Gestaltungshoheit auch die absolute Macht über das Auditorium auszuüben, das ihm auf den kleinsten Fingerzeig hin gehorcht. Das ist eine eigene Faszination, die über den Zauber hinausgeht, der durch die dramaturgisch präzise Aufführung eines Werks sich einzustellen vermag. Das Publikum wird gezähmt durch den Willen dessen, der allein dem Orchesterklang sich unterwirft, den er gerade noch selber evoziert hat, und ihm Raum schafft, in den durch Applaus erst eintreten darf, wen der Maestro nach dem Ende des Stücks für den Bruchteil eines spannungsgeladenen Augenblicks durch Sinken der Arme auffordert. So verliert das Klatschen den Charakter einer triebhaften befreienden Entladung und bekommt die fast selber musikalische Eigenschaft, der Musik angemessen zu entsprechen.

Gesten der Gefälligkeit

Selten wird so schamlos gelogen wie in jenen Gutachten oder Referenzschreiben, die der Förderung von Karrieren beigeordnet sind. Was als Versprechen daherkommt, fachlich und unabhängig Auskunft zu geben, ein subjektives, aber belastbares Urteil zu formulieren, unterwirft sich gern glattzüngig dem Zweck, den es erfüllen soll, scheut keinen Gefälligkeitsgestus, keine Wahrheitsbeugung. Bekäme man den Kollegen, der in den Empfehlungsbriefen wärmstens vorgestellt wird, müssten die, die über seine Anstellung befinden oder auf ihn warten, allesamt um ihre Posten fürchten. In stillschweigender Komplizenschaft mit dem Absender der Fürsprache legen sie das Dokument aber zu jenen Akten, die nur dann hervorgezogen werden, wenn später das Maß der Enttäuschung begründet werden soll, das angesichts höchster Erwartungen überraschend ein Ende der Arbeitsbeziehung erzwingt.

Freiheitsbewusstsein

Es gehört zur Freiheit und dem Selbstbewusstsein eines Unternehmers, dass er mit Stolz behaupten darf, dass sämtliche seiner Anstrengungen, seiner Erfolge und seiner Niederlagen selbstgewählt sind.

Regierungsfähig

Am Ende ist es immer die Fähigkeit zu vertrauen, die darüber entscheidet, ob ein Gemeinwesen aufblüht oder sich zu Grunde richtet. 

Grenzenloses Kapital

Es stimmt schon, dass das Geld alle nationalen Schranken überwindet. Nur dass es innerhalb einer Nation die Schranken zwischen den Menschen wieder setzt. Je entfesselter das Kapital sich bewegen kann, desto mehr nimmt es jene gefangen, die sich von ihm abhängig machen.

Selbstbewusstsein und Selbstverständlichkeit

Was in dieser Gesellschaft fehlt, ist weniger das Selbstbewusstsein, als vielmehr die Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander.

Sesshafte Nomaden

Die Macht der Medien, von Fernsehen über Internet bis zum Film, nicht zuletzt des Videospiels, ist ihre Suggestionskraft, die den Zuschauer in eine Bewegung bringt, ohne dass er seinen Ort verlassen muss. Durch sie ist das Nomadische mit dem Sesshaften verschmolzen.

Nachbarschaftsgedanken

Der Ton wird zum Geräusch, die Melodie zum Lärm immer dann, wenn sie sich aufdrängt. Nichts appelliert an unsere Freiheit so feinfühlig wie der Hörsinn. Musik will gehört werden und bekommt erst durch die Entscheidung, ihr lauschen zu wollen, ihren bezaubernden Charakter. Es „hängt der Musik ein gewisser Mangel der Urbanität an, daß sie, vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer Instrumente, ihren Einfluß weiter, als man ihn verlangt (auf die Nachbarschaft), ausbreitet und so sich gleichsam aufdringt, mithin der Freiheit anderer, außer der musikalischen Gesellschaft, Abbruch tut.“* So notiert es Kant, der in seinem Haus den Chor der Gefangenen erdulden musste, die zur moralischen Besserung in der nahegelegenen Zuchtanstalt gezwungen wurden, geistliche Lieder zu schmettern.

* Kant, Kritik der Urteilskraft, B 221

Kraftübertragung

Bei allem, was über deren Techniken zu sagen wäre, bedeutet Führung zunächst und vor allem die Fähigkeit, Kräfte zu organisieren, sie zu entfesseln, zu richten, zu bündeln. Unter denen, die das können, ragt hervor, wer zudem als Kraftquelle wirkt. Solche Menschen haben Autorität, wörtlich: Sie sind Urheber von Kräften, die andere sinnvoll und zielorientiert einsetzen.

Streicheleinheiten

Der Hypochonder ist weniger besorgt um seine Gesundheit, als dass er leidet an einem Mangel an Aufmerksamkeit.

Leseverstehen

Altes Hausmittel, neu erprobt: Schwierige Passagen muss man laut lesen. Die Vergegenständlichung des Gedankens, die in der Artikulation fassbar wird, erhöht die Wahrscheinlichkeit, das Gesagte zu verstehen. Alles kommt darauf an, einem Buch mit der ihm eigenen Geschwindigkeit zu begegnen. Jeder Text hat sein Tempo. Geduld und Hartnäckigkeit heißen die Tugenden der Lektüre.

Aus dem Hinterhalt

Für jeden, der in einer Organisation führt, gilt ein absolutes Verbot: Hinterhältigkeit. Sie erwächst stets aus der Verbindung von Feigheit und Aggressivität. Wer als Verantwortlicher so handelt, verliert seine Macht ohne Verzug

Sinneskonkurrenz

Die Art, wie Sinne ihre Reizbarkeit verarbeiten, kann sehr unterschiedlich ausfallen. So stört es erheblich, wenn im Ruheabteil der Bahn, dessen Zweck alle Mitreisenden offenkundig bestens verstanden haben, so dass sie die stillschweigenden Regeln einhalten, plötzlich ein Fahrgast eintritt und sein dampfendes Menü aus dem Schnellrestaurant auspackt. Die olfaktorische Qual kann das seltene Glückserlebnis ungehinderten Arbeitens mit einem Mal zunichte machen und irritiert mehr als ein Laut. Auch optische Beleidigungen können durch feinste Gerüche nicht aufgewogen werden, doch besser, als es umgekehrt der Fall wäre. Lärm wiederum mag die schönsten Orte grässlich erscheinen lassen. Die Phantasie hilft gelegentlich. Es ist leicht, sich Hässliches durch innere Bilder zu übermalen. Auch Geräusche lassen sich ausblenden. Wohingegen es fast unmöglich ist, sich an Gestank zu gewöhnen, der selbst dann noch präsent bleibt, wenn dessen Quelle längst verschwunden ist. Verblüffend ist, dass die Kombination von Mief, Krach und Dreck fast weniger befremdet, zumindest das Ärgernis nicht potenziert, als die Sinnesprovokationen es einzeln tun. Man könnte diese Verbindung fast schon stimmig nennen.

Antrieb

Nur wer sich selbst der härteste Gegner sein kann, bringt die Voraussetzung mit, sich zu Höchstleistungen selbst zu motivieren. Erfolg ist immer das Ergebnis aus der Überwindung eines Widerstands. Alles andere hieße Glück.