Man darf nicht mehr ganz grün hinter den Ohren sein, um so ins Blaue hinein reden zu können, dass man voll ins Schwarze trifft.
Machtstreben
Manager, das ist nicht selten die erfolgreiche Verbindung von Fleiß und Feigheit, Ambition und Angst, Machtdrang und Mutlosigkeit.
Loyalität
Kurze Bestimmung von Loyalität: Sie ist immer der Widerstand, den man günstigeren Gelegenheiten entgegenbringt. Schon der Wortkern, der auf das Gesetz, die Vorschrift, das Gebot verweist, la loi im Französischen, enthält jene besondere Beziehung, die sich einer Vertragstreue bewusst ist, ohne dass es formal bindende Kontrakte geben muss. Im Grunde ersetzt Loyalität den Schutz, den sonst schriftlich festgehaltene Vereinbarungen bieten, ja sie liegt diesen voraus, weil sie den informellen Grund darstellt, auf dem Abkommen zu treffen und Übereinkommen zu schließen überhaupt erst gelingt. Illoyalität ist daher mehr als die Kündigung solcher Arrangements, sondern der Verrat an ihrer Möglichkeit.
Hören und Sehen vergehen
Große Kunst: wenn ein Maler so zu sehen gibt, dass dem Betrachter des Bildes vor lauter Eindrücken das Hören vergeht; wenn ein Musiker die Töne so spielt, dass dem Hörer in der Beglückung durch die Melodie das Sehen vergeht. Die Meisterschaft im Werk zeichnet sich ab als Verdichtung der Sinnlichkeit des Rezipienten auf einen Sinn.
Die Ewiggestrigen
Es ist ein sicheres Indiz, dass mit der Gegenwart etwas nicht stimmt, wenn das Vergangene für das gehalten wird, was eine Zukunft hat.
Lebensklugheit
Wie viele merken erst im Alter, wenn sie aus ihren Positionen ausscheiden, dass ein Gutteil von Freiheit aus der Fähigkeit rührt, Ämter von den Aufgaben, die sie mit sich führen, trennen zu können. Wo man jene getrost aufgeben kann, ohne fürchten zu müssen, dass diese weniger werden, drückt sich Lebensklugheit in ihrer wertvollsten und überlegensten Form aus: als Souveränität.
Entscheidungsrelevanz
Das Gewicht einer Entscheidung wird weniger bestimmt durch das, was sie gewählt hat, als vielmehr durch das, was sie damit ausschließt.
Laut geben, laut werden
Aus einer Samstagslektüre
„Wir können wieder zu Bestien werden. Aber wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft. Wir müssen ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere weiterschreiten und die Vernunft, die uns gegeben ist, verwenden, um, so gut wir es eben können, für beides zu planen: nicht nur für Sicherheit, sondern zugleich auch für Freiheit.“*
* Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, 1, 268
Dafür und Dagegen
Demokratie als dialektische Kurzformel: Sie ist die politische Identität von Identität und Nichtidentität.
Zeit haben, Zeit nehmen
Freiheit und Fremdbestimmtheit sind Eigenschaften der eigenen Zeit. Die Differenz liegt der Unterscheidung voraus, ob ich sie für mich nutze oder von anderen besetzt sein lasse. Ich kann Souverän der Bereitschaft sein, von mir abzusehen, und gezwungen, mich mit mir selbst zu befassen.
Vertrauensschwund
Das Bemühen, den Bürger zu entlasten – von bürokratischen Pflichten, aufgeblähten Verwaltungen, hohen Steuern –, könnte am einfachsten erfüllt sein, wenn die Regierung dem Souverän mehr vertraute (und nicht umgekehrt sich darum sorgte, dass das Volk ihrer Politik das Vertrauen entzieht). Nichts erleichtert das Leben und das Zusammenleben mehr als der Glaube in das prinzipielle Wohlwollen des anderen. Die Misere, in der wir politisch stecken, hat ihren Ausgang genommen bei einem fatalen Missverständnis: dass Führung vor allem Kontrolle bedeutet. Sie ist im Gegenteil die Anstrengung, diese nicht mehr nötig sein zu lassen.
Vergiss mein nicht
Das Schönste an der Liebe ist ihre grenzenlose Vergesslichkeit. Jedes neu entflammte Verliebtsein begleitet zuverlässig ein großer Gedächtnisschwund darüber, wie sie enden kann. Nicht dann ist eine Liebe erwachsen, wenn sie einkalkuliert, dass sie einmal aufhören wird. Sondern wenn diese Gewissheit sie nicht hindert, sich zu riskieren.
Durch die Brille betrachtet
Eckermann schreibt, dass der alte Goethe kein Freund von Brillen gewesen ist. Und er berichtet es so, dass es unter den Besuchern des Dichters wohl allgemein bekannt war. Die Überempfindlichkeit gegenüber Menschen mit Sehhilfen wird in der Gesprächsnotiz aufgespreizt als breites Abneigungsspektrum: Da ist die Rede von einer unerklärlichen Verstimmung, derer Goethe nicht Herr sei, von verderbten Gedanken, dem „Eindruck des Desobligeanten, ungefähr so, als wollte ein Fremder mir bei der ersten Begrüßung sogleich eine Grobheit sagen“. Ja, auch verletzte Eitelkeit fehlt nicht: „ Kommt nun ein Fremder mit der Brille, so denke ich gleich: er hat deine neuesten Gedichte nicht gelesen – und das ist schon ein wenig zu seinem Nachteil; oder: er hat sie gelesen, er kennt deine Eigenheit und setzt sich darüber hinaus – und das ist noch schlimmer.“ Am Ende des Gesprächs rückt der Großschriftsteller mit der Wahrheit heraus. Schlimm sei das Gesehenwerden, ohne das Sehen selber sehen zu können. Dadurch fühle man sich zum Gegenstand der Beobachtung degradiert, als wollten „gewaffnete Blicke in mein geheimstes Innere dringen“.* Das ist nicht verwerflich. Es wird allerdings zur Demütigung, wenn es umgekehrt nicht in gleicher Weise geschehen kann, weil die Augengläser spiegeln. Nicht das Sehen, aber das Einander-Sehen konstituiert das freie Subjekt.**
* Eckermann, Gespräche mit Goethe, 5. April 1930, 642.
** Sartre hat den Blick aufs Genaueste beschrieben, nicht zuletzt als „Vernichtung der Gegenständlichkeit“. – Das Sein und das Nichts, 358
Da kommt noch was
Lebenslust: Ich erwarte Unerwartetes.
Geistesverwandtschaft
Im Tod seien wir alle gleich, heißt es, so dass die sonst maßgeblichen Unterschiede plötzlich ihre Bedeutsamkeit verlieren. Das mag stimmen, wie es allerdings auch richtig ist, dass im Sterben die Unterschiede noch einmal deutlich hervortreten. Helmut Kohl schildert in seinen Memoiren*, wie sich der schwer gezeichnete Willy Brandt in dessen letzten Lebenswochen immer wieder mit genauen Wünschen an ihn, den damals regierenden Kanzler wandte, nicht zuletzt mit der Bitte, die Nachricht vom Ableben bekanntzugeben, wenn es dann so weit sein werde. Es war folglich das christdemokratisch geführte Kanzleramt, dem es oblag, den letzten Willen des großen Sozialdemokraten zu erfüllen. Was in der politischen Heimat von Brandt das ohnehin gewachsene späte Befremden zur Verstörtheit steigerte. Man war hoch irritiert, dass die anstehenden Trauerfeierlichkeiten so ganz anders zu gestalten waren, als es sich in politisch links orientierte Vorstellungen fügen wollte. Da haben in den Monaten der deutschen Wiedervereinigung zwei große Köpfe einander erkannt, über Parteigrenzen hinweg, die beseelt von der Wucht eines welthistorischen Ereignisses für den Rest ihres Lebens selber einig geworden waren, weil sie sich plötzlich in der gemeinsamen Rolle des Protagonisten wiederfanden, der den Gang der Dinge durch persönlichen Einsatz zu erfüllen hatte. Auch da wuchs zusammen, was zusammengehörte.**
* Helmut Kohl, Erinnerungen 1990 – 1994, 486f.
** Willy Brandt in einem Interview, nicht in seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus am 10. November 1989, siehe: F.A.Z. vom 14. Oktober 2014
Der mündige Bürger
Nicht Führungsstärke, sondern Bürgersinn ist in einer Demokratie das Kommunikationsideal zwischen Regierung und Souverän. In dem Maße, wie die staatlichen Institutionen das Subsidiaritätsprinzip beherzigen und sich nur einmischen, wenn Hilfe geboten ist, also das Lassen dem Tun üblicherweise vorziehen, kann der Staat wiederum rechnen mit dem Engagement und der Initiative aller, die ihn tragen. Das Wiedererstarken der Demokratie beginnt mit einer Besinnung auf das, was Dienstleistung heißt. Sie definiert, schwierig zu sagen, im Grunde diese sehr komplexe Herrschaftsform.
Der nächste Schritt
Allen Prognosen, weitgreifenden Strategien, Spieltaktiken, Zukunftsszenarien oder Extrapolationen zum Trotz: mehr als den nächsten Schritt kann man nicht gehen, sofern man annimmt, dass jeder Zug, auch der kleinste, die Sache, den Weg im ganzen verändert. Und überhaupt erst die Bedingungen schafft, unter denen der übernächste Schritt zielgerichtet gesetzt werden kann. Man läuft nie nur in den Fußstapfen anderer, auch nicht auf ausgetretenen Pfaden, sondern zieht stets seine eigene Spur.
Was will man mehr?
Eine der dümmsten Floskeln, im Überschwang rascher Befriedigung gesprochen, ist der bräsige Ausruf „Was will man mehr?!“ Als ob nicht immer ein Steigerungsverlangen einsetzt, sobald aus der ersten Genugtuung wenigstens der Wunsch erwachsen ist nach Wiederholung. Das Mehr gehört zur Grundausstattung menschlicher Bedürfnisse und ist deren Qualitätsstandard. Die Vorstellung eines Glückszuwachses auszuschalten, zeugt nicht nur von Phantasielosigkeit, sondern dokumentiert ein elementares Unverständnis dessen, was Begehren genannt zu werden verdient. Der Mensch ist das Wesen, das stets mehr sein will, als es ist, um das zu sein, was es ist.
Der Tod des Liberos
Aus gegebenem Anlass eine Erinnerung an Franz Beckenbauer und die Rolle, die er maßgebend im Fußball, innerhalb und außerhalb des Spielfelds, ausgefüllt hatte. Ausschnitte aus meinem Essay „Der Tod des Liberos“ (hier geht es zur Originalfassung) der am 21. Juni 1985 im Magazin der „F.A.Z.“ erschien
„Der Libero, er ist mehr als nur ein ballverliebter Virtuose, ein Alleskönner und Polyhistor auf dem Spielfeld; er weckt unser schlechtes Gewissen, das quälende Bewusstsein einer gedankenarmen, mit sich selbst unglücklichen Zeit, die ihre Eroberer des Nutzlosen, Phantasten und Schwärmer zugunsten von Expertentum und Sicherheitsparolen ins geschichtliche Abseits hat laufen lassen …
Der Libero wird zur Metapher für jene Menschen, die sich vom Reglement unserer technisierten Welt, von Spezialisierung, Phantasielosigkeit und Passivität, allgemeiner: von den Formen unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit nicht haben beirren lassen, weshalb sie sich auch gegen Festlegungen vehement wehren. Ob linker Flügel oder rechtes Mittelfeld – der Libero erscheint meist dort, wo man ihn am wenigsten vermutet …
Wieder ist es jener Franz Beckenbauer gewesen, der – allerdings nicht mehr als Akteur auf dem Spielfeld, sondern als trainierender Vordenker, „Teamchef“ genannt – der deutschen Fußball-Misere auf die Beine half. Gewitzt drehte er die Erkenntnis, der Libero sei ein aufgehobener Spezialist, einfach um: Wenn schon keine Charaktere mehr von der Art des Liberos zu existieren scheinen, muss wenigstens die Spielstruktur so ausgenutzt werden, dass der Gedanke des Liberos erhalten bleibt. Heute fungiert daher jeder dieser Experten der Fußballkunst in der Arena als so etwas wie ein freier Mann. Der Spezialist ist der aufgehobene Libero. Denn die wohldefinierte und fixierte Position eines Außenstürmers, eines linken Verteidigers oder Mittelfeldspielers ist aufgegeben worden zugunsten eines schwer durchschaubaren Systems ständig wechselnder Rollen. Der Außenstürmer, gerade hat er noch eine präzise Flanke seinem Kollegen zugespielt, entpuppt sich plötzlich als Außenverteidiger; und der spielgestaltende Mittelfeldregisseur offenbart sich in Wahrheit (aber was heißt hier „in Wahrheit“?) als gefährlicher Torschütze. Jede Position relativiert sich durch eine andere. Der Libero ist tot, – doch die Idee des Liberos triumphiert.“*
* Der Tod des Liberos, F.A.Z.-Magazin vom 21. Juni 1985, 42 – 47
Organisationsweltmeister
Nichts organisiert das Land so perfekt wie seinen eigenen Stillstand. Da werden Zeiten überpünktlich eingehalten und komplexe Systeme bestens aufeinander abgestimmt: hier die blockierte Autofahrt, dort die bestreikte Bahn. Man kann sich absolut darauf verlassen, dass dieser „Doppelwumms“, anders als die Preisbremsen, seine Bremswirkung voll entfaltet.
Bauernaufstand
Es scheint, als teste im Moment jede Interessensgruppe, wie viel Macht sie erhaschen kann von dem Volumen, das die Regierung politisch nicht ausfüllt. Jedes Machtvakuum ist eine stille Einladung, es mit den eigenen Absichten zu füllen. Im Grunde leidet das Land nicht an der falschen Politik, sondern an der fehlenden.
Was helfen könnte
In einer Demokratie hängt die Handlungsfähigkeit der Politik an der Fähigkeit, den Respekt vor der Person des anderen nicht zu verwechseln mit der Rücksicht auf seine Position. Nicht selten gewinnt man den Eindruck, dass der Ärger, zu viel Rücksicht genommen zu haben, ausgeglichen wird, indem man zu wenig Respekt zeigt. Es umgekehrt zu halten, dient nicht nur der Sache.
Auf der Suche nach dem verlorenen Volk
Wenn Politiker das Volk suchen, das ihnen entlaufen ist, finden sie es meist dort, wo das Volk die Politik sucht, die sich von ihm nicht entfremdet hat.
Realitätsfern
Der beschwörende Satz der Friedliebenden, Gewalt sei auch keine Lösung, provoziert nicht selten das Gegenteil – weil er nicht stimmt. Als bedürfte es eines Beweises, zeigen die, denen die Scheu fehlt, zu den Instrumenten der Zerstörung zu greifen, dass Gewalt stets neue Realitäten schafft. Das ist gerade die Faszination brutaler Macht, dass sie eine Schwierigkeit oft so schnell und gründlich zu behandeln vermag, wie es zivilen Antworten nicht gelingt. Am Ende bleibt nur ein Problem: dem Erfolg der Gewalt kein Recht zu geben, weil sie bei der Frage nach dem Zusammenleben ratlos bleibt.