Manchmal bedeutet „politisch korrekt“ nichts anderes, als dass dem Ressentiment die Gelegenheit gegeben wird, ungehemmt Macht auszuüben.
Woran das Denken scheitert
Zur Weisheit des Lebens gehört vor allem die demütige Einsicht, dass es zu dessen Beginn und dessen Beschluss einen Vorrang des Lassens vor dem Tun gibt. Anfang und Ende sind die beiden Momente, in denen es vom Handeln dispensiert.
Umdeutungshoheit
Es ist die Neigung vieler Politiker, sich die Misserfolge umzudeuten in mindestens passable Siege, die zu den nächsten Niederlagen entscheidend beiträgt.
Denkste. Über den Selbstbetrug des Aktivismus
Aus dem letzten Radioessay von Adorno mit dem Titel „Resignation“, kurz vor seinem Tod 1969 verfasst:
„Die repressive Intoleranz gegen den Gedanken, dem nicht sogleich die Anweisung zu Aktionen beigesellt ist, gründet in Angst. Man muß den ungegängelten Gedanken und muß die Haltung, die ihn nicht sich abmarkten läßt, fürchten, weil man zutiefst weiß, was man sich nicht eingestehen darf: daß der Gedanke recht hat. Ein uralt bürgerlicher Mechanismus, den die Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts gut kannten, läuft erneut, doch unverändert ab: das Leiden an einem negativen Zustand, diesmal an der blockierten Realität, wird zur Wut auf den, welcher ihn ausspricht. …
In der verabsolutierten Praxis reagiert man nur und darum falsch. Einen Ausweg könnte einzig Denken finden, und zwar eines, dem nicht vorgeschrieben wird, was herauskommen soll, wie so häufig in jenen Diskussionen, bei denen feststeht, wer recht behalten muß, und die deshalb nicht der Sache weiterhelfen, sondern unweigerlich in Taktik ausarten. Sind die Türen verrammelt, so darf der Gedanke erst recht nicht abbrechen. Er hätte die Gründe zu analysieren und daraus die Konsequenz zu ziehen. An ihm ist es, nicht die Situation als endgültig hinzunehmen. Zu verändern ist sie, wenn irgend, durch ungeschmälerte Einsicht. Der Sprung in die Praxis kuriert den Gedanken nicht von der Resignation, solange er bezahlt wird mit dem geheimen Wissen, daß es so doch nicht gehe.
Pseudo-Aktivität ist generell der Versuch, inmitten einer durch und durch vermittelten und verhärteten Gesellschaft sich Enklaven der Unmitelbarkeit zu retten. Rationalisiert wird das damit, die kleine Veränderung sei eine Etappe auf dem langen Weg zu der des Ganzen. …
Das Vertrauen auf die limitierte Aktion kleiner Gruppen erinnert an die Spontaneität, die unter dem verharschten Ganzen verkümmert und ohne die es nicht zu einem Anderen werden kann. Die verwaltete Welt hat die Tendenz, alle Spontaneität abzuwürgen, nicht zuletzt sie in Pseudo-Aktivitäten zu kanalisieren. Das wenigstens funktioniert nicht so umstandslos, wie die Agenten der verwalteten Welt es sich erhofften. Jedoch Spontaneität ist nicht zu verabsolutieren, so wenig von der objektiven Situation abzuspalten und zu vergötzen wie die verwaltete Welt selber. Sonst schlägt die Axt im Haus, die nie den Zimmermann erspart, die nächste Tür ein, und das Überfallkommando ist zur Stelle. Auch politische Tathandlungen können zu Pseudo-Aktivitäten absinken, zum Theater. … Die Ungeduld gegenüber der Theorie, die in ihr sich manifestiert, treibt den Gedanken nicht über sich hinaus. Indem sie ihn vergißt, fällt sie hinter ihn zurück. …
Demgegenüber ist der kompromißlos kritisch Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren läßt, in Wahrheit der, welcher nicht abläßt. Denken ist nicht die geistige Reproduktion dessen, was ohnehin ist. Solange es nicht abbricht, hält es die Möglichkeit fest. Sein Unstillbares, der Widerwille dagegen, sich abspeisen zu lassen, verweigert sich der törichten Weisheit von Resignation. In ihm ist das utopische Moment desto stärker, je weniger es – auch das eine Form des Rückfalls – zur Utopie sich vergegenständlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert. Offenes Denken weist über sich hinaus. Seinerseits ein Verhalten, eine Gestalt von Praxis, ist es der verändernden verwandter als eines, das um der Praxis willen pariert. Eigentlich ist Denken schon vor allem besonderen Inhalt die Kraft zum Widerstand und nur mühsam ihr entfremdet worden. Ein solcher emphatischer Begriff von Denken allerdings ist nicht gedeckt, weder von bestehenden Verhältnissen, noch von zu erreichenden Zwecken, noch von irgendwelchen Bataillonen. Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, verwehen. Aber es läßt sich nicht ausreden, daß etwas davon überlebt. Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von anderen gedacht werden: dies Vertrauen begleitet noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken. Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun. Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen.
Glück ist er, noch wo er das Unglück bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich nicht verkümmern,läßt, der hat nicht resigniert.“
Die Idee, die reich macht
Phantasie lebt von der Fähigkeit, sich wieder und wieder zu übertreffen. Im Grunde ist sie ohne Steigerung nicht denkbar. Was wunder, dass es leichter fällt, die Einbildungskraft zu richten aufs Böse. Das kann immer verschärft werden. Gut hingegen, im moralischen Sinn, kennt nicht einmal den Komparativ „besser“. Im Absoluten hat der Ideenreichtum keinen Platz, weil es selber nichts anderes ist als dieser, die Idee, die reich macht.
Erlitten
Der Vorteil früher Niederlagen ist, dass man aus ihnen noch die richtigen Konsequenzen ziehen kann. Je später das Scheitern eintritt, desto sinnloser erscheint es, auch wenn der Schmerz größer ist bei den ersten Misserfolgen.
Formal richtig
Nicht wenige verstehen Dienstleistungen nicht mehr im Wortsinn: einen Dienst leisten. Sie betrachten sie vielmehr als Projekt, und sei es noch so kleines, das es anzugehen gilt, wie die lästigen Schulaufgaben früher: Hauptsache, sie agieren formal richtig, so dass niemand ernsthaft Anlass haben sollte zur Klage. Die Aufgabe ist in dem Augenblick erledigt, in dem man sich ihrer entledigt hat. Gleichgültig hingegen ist die Einstellung zu ihr, die noch im Wort Dienst anklingt: die Demut vor der Sache und denen, die sie betrifft, das liebevolle Engagement, der Respekt vor ihrer Größe, die Verpflichtung auf das, was sie implizit, und nicht nur ausdrücklich, fordert.
Tag- und Nachtbuch
Nirgendwo ist die Erinnerung so lebendig wie in einem erzählenden Tagebuch, das den Leser nie aus der innigen Verbindung zwischen Ereignis und Person entlässt.
Tiefstes Verstehen
Am Anfang und am Ende der Wortwelt existiert das Schweigen. Wer redet, hat beschlossen, es nicht dabei zu belassen. Wer aufgehört hat zu sprechen, begibt sich in eine Zone, in der um Deutungshoheit nicht mehr gerungen wird. Sie ist der Ort entweder absoluten Argwohns oder tiefsten Vertrauens: Du kannst sagen, was du willst – ich glaube dir nichts. Oder alles. Also kannst du es auch bleiben lassen.
Fehlende Worte
Dass Sprache nicht nur Wirklichkeiten schafft, sondern auf Realität sich auch bezieht, merkt sie in dem Moment, in dem ihr die Worte fehlen. Sie ist dadurch nicht sprachlos geworden, aber demütig gegenüber einer Welt, in der die Ereignisse gelegentlich zu groß sind, um sie in Begriffe zu fassen. Die Wendung: mir fehlen die Worte, beschreibt ein Empfinden, das sich zwar ausdrücken lässt, indem wir reden, dennoch weiß, dass über jeder Kommunikation die Interpretation steht. Sagen, was ist, ist schon schwer genug. Wissen, was es bedeutet, eine unendliche Aufgabe.
Ein freies Land
Aus einer Rundfunkansprache unmittelbar nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs
„Was ist ein freies Land? Es ist ein Land, in dem zwischen Staat und Einzelwesen eine wechselseitige Dienstpflicht besteht. In einem freien Land ist der Staat kein Götze: er ist eine notwendige Organisation, die ihre Notwendigkeit beständig zu rechtfertigen hat und von jedem einzelnen Bürger nur das verlangen darf, was ausdrücklich zum Wohle aller verlangt wird.“*
* Paul Valéry, Freie Völker und Sklavenvolk, in: Werke 7, 505
Der schöne Widerspruch
Was nur die Liebe kann: von sich selbst absehen; und sich so gewinnen.
Dein Ding
Der Imperativ: „Mach dein Ding!“, der als Selbständigkeits- und Souveränitätsindiz angesehen ist, versteht nicht, dass Unabhängigkeit sich nicht darin ausdrückt, das Eigene zu machen, sondern in der Fähigkeit, sich zu eigen machen zu können, was nicht (nur) das Eigene ist, im Zweifel auch die Sache der anderen. Man nennt das Engagement. Das erst formt eine Gesellschaft zur Gemeinschaft oder, um im Kleinen zu bleiben, das für viele alles bedeutet, eine Gruppe zu einer Mannschaft.
Als Mensch
Menschlichkeit zeigt sich nicht zuletzt in der Bereitschaft, Überflüssiges zu tun.
Quick & Easy
Gefühle, die den Schmerz nicht ahnen, den sie enthalten, äußern sich als Unverbindlichkeit.
Sozialstaat
Ein Staat, der nicht Sozialstaat ist, verdient seinen Namen nicht.
Es ist sozial, den Sozialstaat in seiner Wirksamkeit zu beschränken.
Der Sozialstaat belastet nicht nur den Haushalt; er entlastet die Politik davon, moralisch handeln zu müssen.
Nichts gefährdet den Sozialstaat mehr als jene, die mit ihm unmoralisch umgehen.
Der Sozialstaat nützt nicht zuletzt denen, die seiner Leistungen nicht bedürfen.
Dass seiner Leistungen niemand mehr bedarf, ist das regulative Ideal des Sozialstaats.
Das Prinzip des Sozialstaats ist subsidiär: Er fördert eine Abhängigkeit mit dem Ziel der Unabhängigkeit.
Die Herrschaft der Experten
Eingeladen von den Veranstaltern sitzen an jedem Diskussionstisch mehrere Experten für irgendwas. Da der Fachmann für Sozialrecht, dort die Spezialistin für den Klimaschutz, hier der Sachverständige für Elektromobilität, gekontert von der Autorität der deutschen Energiewirtschaft – alle haben genau das zu sagen, was die Beschränktheit ihrer Vorstellungen auf das, was im eigenen Horizont als wirklich anerkannt ist, gerade noch erlaubt. Da kann man nichts verlieren außer den Ruf als Kenner der Materie. Schon deswegen fällt es dem Sachverständigen schwer, jenseits des Realistischen Mögliches zu denken. Unmögliches gar gilt gleich als unseriös. Indes, der Ernst der Phantasie zeigt sich erst, wenn sie das Unerhörte nicht gleich befremdlich findet.
Blick in den Spiegel
Alt werden bedeutet, sich immer weniger selbst betrügen zu können. Das Leben wird gnadenlos ehrlich. Die Wahrheit ist am Ende zwar nicht unbedingt einfach, aber ganz gewiss schlicht.
Ohne Dank
Der Übermut ist die Freude am Erfolg, der die Dankbarkeit fehlt.
Erinnere dich deiner Erwartungen
Man kann Menschen unterscheiden in der Art, wie sie ihr Selbstverständnis bestimmen: ob sie ihre Identität gewinnen eher aus der Erinnerung oder der Erwartung. Dabei hilft es, sich seiner Erwartungen zu erinnern, wenn man versucht, die Erwartungen zu verinnerlichen. Wie umgekehrt jede Erinnerung oft dereinst eine Erwartung war und zum Ursprung neuer Erwartungen werden kann.
Politische Metaphern
Spätestens an der falschen Bildsprache, die zu unfreiwillig komischen Vorstellungen verleitet, wird deutlich, dass eine Politik den notwendigen Realitätsbezug verloren hat. Wer noch von den „politischen Rändern“ redet aus dem hohlen Selbstbewusstsein heraus, sich zur „Mitte“ zu zählen, verkennt, dass das, was sich für die Repräsentation des bürgerlichen Spektrums hält, um in der Metaphorik zu bleiben, kaum größer ist als ein kräftiger Punkt. Wohingegen der Rand sich längst ausgewachsen hat zum auffälligen Wulst. An den Rand drängen, meint: zur Bedeutungslosigkeit degradieren. Rand sein hingegen, um die Anschauung genau zu nehmen, kann auch einhergehen mit der Aufgabe, den Rahmen zu bilden. Das Bild ist schief.
Meinungsfreiheit
Darin zeigt sich Freiheit als das, was sie ist: in der Überlegenheit und Überlegung, nichts zu müssen, Abstand nehmen zu können, der Distanz den Vorzug zu geben vor der Neigung, sich einzumischen. Das gilt heute vor allem vom geschützten Recht der Meinungsfreiheit. Wie befreiend wäre es, wenn nicht jeder, der eine Meinung hat, sie gleich kundtun müsste.
Macht(ver)lust
Die Lust an der Macht ist, was ihr Ende einleitet. Nichts bedroht Macht mehr als die Freude, sie auszudehnen. Jeder Schritt einer nächsten Ermächtigung testet ihre Grenzen neu aus mit dem Effekt, dass sie nicht anerkannt werden, vor allem nicht von dem, der sie neu definiert hat. Zwischen Machtlust und Machtverlust ist nur ein kleiner Schritt.
Leben nach dem Tod
Wenn es stimmt, dass der Verlassene weniger einsam ist als der, der verlassen hat, dann bedeutet der absolute Abschied, das Sterben, für den, der geht, den härtesten Kampf mit der Isolation. Zu wissen, dass auf den letzten Lebensschritten die Begleitung regelmäßig ausfällt, mag für so manchen der Anlass sein, die Frage zu stellen: Was kommt danach? Eine Religion taugt so viel, wie sie die Angst vor der Einsamkeit bannt.