Kategorie: Die tägliche Notiz

Wir Selbst(er)finder

Der alten Losung „Erkenne dich selbst!“, die den Apollontempel als Inschrift geziert haben soll, tritt die neue Parole entgegen, stets nach einem Scheitern als wohlmeinender Rat bereit: „Erfinde dich neu!“ Beiden ist gemein, dass es geradezu ums Wegsehen geht, dass das Selbst nur erkannt und wiedergefunden wird, indem man anderes betreibt, als das Selbst erkennen oder gar abermals erfinden zu wollen.

Entscheidungsgründe

Man kann an der Mühe, eine Entscheidung gut begründet zu rechtfertigen, das Maß des Respekts ablesen gegenüber dem, der von ihr betroffen ist.

Sensibel

Sensibilität ist das Talent, einen Gedanken zu übersetzen in das Gefühl, das durch ihn einst getilgt worden ist.

Der Dienstleister

In der selbstständigen Berufswelt hat man es gelegentlich mit Arbeiten zu tun, die sich nur mit einem hohen Maß an liebevoller Verachtung erledigen lassen. Das ist nicht die schlechteste Haltung, sorgt sie doch für ein zureichend tiefes Engagement, das sich mit der Sache dennoch nicht so weit einlässt, dass man von ihr abhängig wird.

Statik des Denkens

Wie in der Architektur das innere Gerüst die Funktion hat, das Gebäude sicher zu stützen, so dass es unter Wind- oder Schneelasten nicht zusammenbrechen kann, sorgt die Logik für die Belastbarkeit des Denkens. Da mag ein Gedanke noch so schön sein, er taugte nichts in einer Auseinandersetzung, gehorchte er nicht den Regeln hoher Argumentationskunst. Jede Kritik, nimmt sie sich selbst ernst, hat zunächst zu prüfen, wie es um die Genauigkeit in der Gedankenführung steht. Schon hier könnte sich ein Urteil über den Inhalt erübrigt haben.

Über Wahrheit und Lüge in der Politik

Woran man Gewaltherrscher erkennt: alle Versprechungen sind Lüge, jede Drohung ist ehrlich und ernst gemeint.

Doppeltes Talent

Zwei sich fast widersprechende Talente muss der Politiker idealerweise heute vereinen: die Fähigkeit, prinzipiell zu denken, und das Vermögen, pragmatisch zu handeln. So verlangt es eine Welt, die sich mit sich wachsend überfordert. In dieser Kombination finden diese Begabungen sich allerdings selten. Das Umgekehrte hingegen, prinzipielles Handeln und das pragmatische Denken, zeigt sich häufiger in der unseligen Verbindung von rigoroser Moralität und intellektueller Schlichtheit.

Bürgergeist

Aus einer Sonntagnachmittagslektüre

„Bürgergeist ist es, die Gesetze auch dann zu lieben, wenn es für uns nachteilig ist, und eher das allgemeine Gute, das die Gesetze immer bewirken, im Auge zu haben als das einzelne Übel, das sie uns manchmal zumuten.“*

* Montesquieu, Meine Gedanken, 217

Der Mindestpreis für Erfahrung

Für jede Erfahrung zahlen wir einen Mindestpreis: den Verlust an Unbedarftheit.

Stichworte zur Generation Z, dritter Teil

Selbstverständliche Verknüpfung der eigenen Ahnungslosigkeit über das, was in der Welt geschieht, mit dem radikalen Anspruch, diese Welt zu verändern.

Kommunikationslast

Nichts verträgt Kommunikation weniger als das Anzeichen, dass sie dem, der sie nutzt, lästig ist.

Abfahrt unbestimmt, Ankunft ungewiss

Das Wetter hat die Bahn überrascht. Ein paar Schneeflocken künden vom nahen Winter. Oberleitungsstörung im Großraum der Großstadt. Nichts geht mehr, heißt es über den Lautsprecher präzise. Es ist die einzige belastbare Information. Weniger belastbar ist das Personal des Unternehmens. Es geht, weil sonst nichts mehr geht. Als dann endlich die nachfolgende Abendschicht den Zug übernommen hat, rollt er langsam in die Umleitungsschlaufe, die der Fahrdienstleiter vorgegeben hat. Der Ton im Abteil ist gereizt. Es sind aber nicht die Passagiere, die schimpfen. Es sind der neue Zugbegleiter und seine Kollegin, selber Leidtragende einer Verspätung: „Das ist der Deutschlandtakt“, sagt er, „das Deutschlandtempo, die Deutschlandtrance.“ Der geplagte Passagier, der seinem Unmut ursprünglich Luft schaffen wollte, schweigt lieber. Wenn der Mitarbeiter mit der Firma unzufriedener ist als der Kunde, verbessert sich vielleicht die Qualität endlich.

Gut geschnüffelt

Der Philosoph Dieter Henrich, ein Meister seines Fachs und des erzählenden Gesprächs gleichermaßen, berichtet in seiner Autobiographie, dass die besten Gesprächspartner aus dem Geheimdienst stammten. Sie waren gewohnt, sich in die Perspektive des anderen zu versetzen.*

* Dieter Henrich, Ins Denken ziehen. Eine  philosophische Autobiographie, 116

Natürliches Selbstbewusstsein

Vielleicht ist das die schönste Art, selbstbewusst zu sein: weder genau zu wissen, wer man selber ist, noch ein Bewusstsein davon zu haben, dass das ein Mangel sein könnte.

Komfortzone

Aus einer Sonntagslektüre

„Heute genügt es, dass es einem gut geht, dann ist sein Rechtfertigungsbedarf schon gedeckt.“*

* Martin Walser, Über Rechtfertigung. Eine Versuchung, 41

Charaktervoll

Charakter, das ist keine Eigenschaft einer Person. Es ist vielmehr deren Wirkung, jener Effekt, der dafür sorgt, das in deren Gegenwart andere Menschen plötzlich besser, heller, lebendiger, mutiger, kräftiger und klarer werden.

Kunst des Unmöglichen

Es sind etliche Gespräche gewesen, in denen der Reichskanzler Bismarck – nicht nur politisch gehandelt, sondern – über Politik gesprochen hat. Und sie dabei als Kunst des Möglichen bezeichnete in Abgrenzung zur Wissenschaft. Das Wort, das ihm zugeschrieben wird als ein Zitat, das aber so nicht nachweisbar ist, betont das Ungestrenge, ja Freie schöpferischer Gestaltungskräfte und reduziert sie zugleich modal aufs Pragmatische. Politiker ist, wer sich weniger von Vernunftideen lenken lässt und am Ende schlau genug ist, sie zu beschränken auf das, was geht. Wenn aber kaum noch etwas gelingt und das Maß der Aufgaben übergroß ist? Die Schmallippigkeit des Kanzlers heute mag widerwillig Auskunft geben darüber, dass längst eine Politik verlangt ist, die erkennt, dass sie, weil sie sich mit Anstrengungen konfrontiert sieht, die unmöglich genannt zu werden verdienen, gestalterischer Genialität viel verwandter ist als dem Zweckmäßigen. Nur wo Unvergleichliches zu leisten ist, bedarf es der Kunst. Tiefer sollte man nicht stapeln in einem Staat, der mal wieder zielgewiss auf eine entscheidende Schwelle zusteuert.

Erzwungene Freiheit

Das Alter setzt ein in dem Augenblick, in dem man sich um Ablenkungsfreiheit nicht mehr mühen muss. Nicht selten ist sie erzwungen.

Weiterfragen

In der Liebe verbindet sich das Ideal des Denkens, weiter zu fragen, mit dem Ideal der Diskretion, nicht weiterzufragen. Da will sich Entscheidendes zeigen und offenbaren, nicht aber erschlossen sein. Das Herz wird umso forscher, je weniger es sich erforscht fühlt.

Zwei ungleiche Geschwister

Genialität und Professionalität vertragen sich nicht. Sie scheinen nur gleich zu sein, weil beiden eine Aufgabe meist leicht von der Hand geht.

Lust auf Privates

Man sollte das Interesse an der Person nicht verwechseln mit der Lust auf Privates. Es gibt eine Indiskretion in der Antwort, die auf die behutsam vorgetragene Erkundigung nach dem Befinden gleich mit einem tief schürfenden Seelenbericht reagiert, der Einblick gibt in intimste Details. Danach ist jede Art angedeuteter Anteilnahme dahin.

Ich lass dich nicht allein

Jemanden lieben bedeutet zu versprechen: Ich lass dich nicht allein. Groß ist die Liebe, wenn sie diese Zusage bindet an die Gewissheit: Ich kann dich lassen.

Schmiergeld

Die Neigung, Unanständiges zu tun, wächst in dem Maße, wie man dafür anständig bezahlt wird.

Kleine Rhetorik

Es sind zwei Schritte vom Sprechen zur Sprachkunst, ein großer und ein kleiner. Der große hat mit einer Doppelung zu tun: Man muss hören, während des Redens, was die anderen hören können, wollen, sollen. Danach kommt es nur noch darauf an, das rechte Wort zu finden. Das ist die geringere Aufgabe.