Viele Rollen muss der Berater einnehmen, die des diskreten Wegbegleiters, des mutigen Entdeckers, des sensiblen Strategen oder konsequenten Entwicklers, des Veränderungswilligen und scharfen Analytikers. Viele Eigenschaften und höchst unterschiedliche Talente setzt dieser Beruf voraus. Zwei Charaktermerkmale allerdings taugen nie und führen die Beratung ad absurdum: die des Querulanten und die des Opportunisten.
Kategorie: Die tägliche Notiz
Liturgie
Die Liturgie eines Gottesdienstes ist nicht beliebig. Sie läuft ab nach einer festgelegten Ordnung, in der noch die kleinste Abweichung zu Irritationen Anlass gibt. Warum? Weil die Liturgie nur so ihrer Aufgabe nachkommen kann, dafür zu sorgen, dass – nicht das Selbstverständliche, sondern – das Nichtselbstverständliche, das Außergewöhnliche einen Charakter von Vertrautheit bekommt. Gott versteht sich nie von selbst; in der Feier der heiligen Handlungen aber will er wie selbstverständlich erfahren werden.
Um des Dialogs willen
Man wird, das ist das ungeschriebene Gesetz jedes Gesprächs, in keiner Verhandlung etwas erreichen, wenn nicht deren möglicher Abbruch als – zwar nicht zwingend auszusprechende, aber – angenommene Drohung im Raum steht. Nichts ist in der Kommunikation so blödsinnig wie der Satz, man führe einen Dialog um des Dialogs willen. Das gilt selbst in der heikelsten aller politischen Situationen: der Schwelle zwischen Diplomatie und Gewalt.
Zu Gast
Gastgeber zu sein, ist die dem Menschen angemessenste Rolle. Sie spiegelt wider, was ihm im Verhältnis zur Welt selbst zugewiesen ist: ein Zuhause auf Zeit zu bekommen, in dem er nie ganz aufzugehen vermag. Der Gast ist gewissermaßen die domestizierte Form des Fremden, dessen Andersheit nicht zuletzt deswegen als Bereicherung des Eigenen empfunden werden kann, weil umgekehrt dieses Eigene zum Ort seiner Teilhabe wird.
Lebensalter, Liebesalter
Aus der Serie „Geflügelte Worte, die flügellahm geworden sind“:
Alte Liebe postet nicht.*
* Den jungen Liebenden, die weder das Sprichwort kennen, das dem Satz zugrundeliegt, noch das Phänomen: Es gab eine Zeit, in der die Liebe sozusagen aus Edelstahl geschmiedet war, so dass, je reifer sie wurde, sie dennoch keine Patina ansetzte. Alte Liebe rostet nicht, hieß es dann, was aber auch oft nur ein Euphemismus war für den förmlichen Zusammenhalt.
Wie niedlich!
Gerade starke Theorien, solche, die zum System taugen und das Denken für sich einnehmen, weil es ihnen leicht fällt, höchst unterschiedliche Phänomene nach ein und demselben Gesetz zu deuten, gerade sie haben einen ausgeprägten Hang zur Verniedlichung. Klein geredet, für unbemerkenswert erachtet wird all das, was sich nicht in die Vorstellung fügen will, nach der die Welt begriffshalber funktioniert. Dabei sind es die widerspenstigen Elemente, die einer Theorie erst ihre Qualität abfordern, indem sie das einzige, was das Denken brillant beherrschen muss, provozieren: die Fähigkeit, sich selbst zu begrenzen.
Eine Welt ohne Marketing
Eine Welt ohne Marketing wäre zwar nicht ehrlicher, aber interessanter. Was nicht fehlte: ein Denken ohne Tiefe, Musik ohne die leisen Töne, Kunst ohne Ästhetik, Sinnlichkeit ohne Sinn, Kommunikation ohne Gespräch, Zugang ohne Widerstand …
Sturm
Windstärke bis zum Endpunkt der Skala: zwölf. Die See schäumt und schlägt mit Brechern ans Festland. Nichts ist schöner in solchen Momenten, als im dichten Haus zu sitzen, geschützt vor den peitschenden Böen. Oder im Bauch eines Schiffes. Gefährlich ist nur der Übergang, wenn die letzte Fähre sich ächzend in den Hafen vorgearbeitet hat, den Anleger mit gesammelter Kraft gerade noch erreicht, bevor die Wellen zu hoch ins Land drücken. Beim Wechsel der Elemente, vom Wasser auf den sicheren Boden, muss ein Sprung helfen, ins leicht Ungewisse, begleitet vom Wunsch, die Füße trocken zu halten, und der Hoffnung auf festen Untergrund. Das sind die fragilen Phasen des Lebens, wenn die Veränderung einen abrupten Wechsel erzwingt, weil das Bestehende nicht mehr trägt und vom Kommenden nur wenig bekannt ist.
Fehlerkulturlosigkeit
Es ist ein weit verbreitetes, aber schlecht beleumundetes Vorurteil, dass viele Fehler sich von selbst korrigieren, wenn man sie nur oft genug wiederholt.
Verwaltungsreform
Die heimliche Angst vor dem Bürokratieabbau speist sich aus der Ahnung, dass die Zahl der Vorschriften, auf die sich leicht verzichten ließe, das Maß unserer Vorstellungen weit überschreitet. Ein nicht unerheblicher Part der Verwaltungsarbeit besteht darin, alles zu tun, sich selber nicht aus Versehen abzuschaffen, indem man die Aufgaben pünktlich erledigt. Wir werden das Monströse der Administration nicht bezwingen, indem wir es bekämpfen. Aber es ist ein taugliches Mittel, solche Dämonen loszuwerden, indem man sie nicht mehr ernstnimmt. Eine Behörde, die kaum noch Schrecken verbreitet, verschwindet à la longue.
Lebendig bleiben
Ein wacher Geist liebt die Irrtümer mehr als die Gewissheiten.
Sehr üppig
In den meisten deutschen Restaurants ist Opulenz auf dem Teller ein sicheres Indiz, dass das Essen nicht schmeckt. Man versucht, durch Quantität wettzumachen, was an Qualität fehlt. Vielleicht ist das überhaupt die Eigenschaft des Zählbaren: Sobald es zum Statusmerkmal erkoren wird, wie in der Wirtschaft, soll es ablenken von der dürren Trostlosigkeit des Inhalts.
Selbstzweifel
Jeder Gedanke taugt genau so viel, wie er seine Kritik an sich selbst bestanden hat.
Die Qualität dessen, was sich nicht fügt
Die Übersetzung von Qualität in Systemkonformität, die sich über Standards und Prozesstreue ausweist, wie es deren Management lehrbuchartig betreibt, sorgt dafür, dass alles verschwindet, was Qualität am Ende auszeichnet: dass sie jenes Unterscheidungsmerkmal ist, das eine Sache vor einer anderen hervorhebt. Jede echte Qualität zeigt Eigenschaften des Widerstands und der Unfügsamkeit.
Machbarkeit
„Das ist machbar.“ So lautet die Antwort von beflissenen Dienstleistern allenthalben auf Ansinnen aller Art. Was nicht machbar ist, wird dabei unterschlagen, weil es in der Vorstellungswelt einer Industriegesellschaft kaum vorkommt. Machbarkeit ist das Ideal derer, die danach streben, ihre Sachen im Griff zu haben, gestalten und kontrollieren zu können. Entzugsphänomene wie das Vertrauen oder die Kreativität, Neugier oder die Einstellung zu einer Arbeit, Leidenschaft und Sprechtalent, das ungezählt Viele, das eben gerade nicht taugt zur Instrumentalisierung, ist dummerweise aber oft eine Bedingung dafür, dass etwas machbar wird. Und darüber hinaus die Bescheidenheitserinnerung, der Machbarkeit nicht über die Maßen zu trauen und zuzutrauen, was nicht erzwungen werden kann. Die Instrumentalisierung von Menschen lässt sich so verstehen als die hässliche Rückseite des industriellen Glaubens an die Machbarkeit der Sachen.
Mit gleicher Münze heimzahlen
Die einzig angemessene Antwort auf Liebe ist ihre Erwiderung. Trotz des Anscheins der Selbstlosigkeit versteckt sich in jeder Liebe die Bitte „Liebe mich auch!“ Und der starke Wunsch, genau diese möge nicht erkennbar sein. Liebesgeschichten leben vom Paradox der Verpflichtung zur Freiwilligkeit.
Lass mich ausreden
Über die Bedeutung der Wortkraft für die Fähigkeit, Menschen zu führen, gibt es keinen Zweifel. Die vielleicht wichtigste Funktion der Eloquenz ist indes, dass sie die Ausreden in Fällen, da sie geboten sind, nicht als solche erscheinen lässt.
Ja, ich weiß schon
Es gibt ein Wissen, das nichts anderes ist als getarnte Dummheit. Es vermeidet jegliche Erfahrung, indem es sie abgeklärt abwehrt mit dem Gestus, sie nicht nötig zu haben.
Fußball mit Köpfchen
Die ungefährdete Popularität des Fußballs beruht darauf, dass er ein Lebensmodell entwickelt hat, wie man mit Tricksen zum Erfolg kommt.
Expertenmeinung
Der Philosoph ist der Experte für die Fragen, für die es keine Spezialisten gibt.
Stichworte zur Generation Z, zweiter Teil
Sie duzen. Doch das Gegenteil von „Du“ ist nicht „Sie“, sondern „Ich“.
Stichworte zur Generation Z
Viel Empfindlichkeit, wenig Empfindsamkeit.
Der Trick der Kritik
Es gehört zu den leichten Übungen von Kritik, eine Sache zunächst so zu übertreiben, dass ihre Ablehnung sich fast von selbst ergibt. Wir schmähen selten Realitäten, umso mehr indes die Konstruktionen, die wir gefunden haben in einer Übersteigerung von Zuständen oder Handlungsformen. So erscheint das Durchdachte schnell als professoral, was wiederum als Synonym genommen wird für: zu theorielastig. Wer kreativ ist, gilt als chaotisch, der Abwägende als entscheidungsschwach, Genauigkeit gerät in den Verdacht einer Zwangsstörung. Warum das funktioniert? Weil sich Grundmuster auch in den unverhältnismäßigen Ableitungen finden lassen.
Künstliche Kunst
Mehr als die „Kunst des Möglichen“ zu sein, zeigt die Gegenwartspolitik alle Möglichkeiten des Künstlichen auf: von der lächelnd inszenierten Harmonie nach einer koalitionären Klausurtagung über die hartnäckige Behauptung von spät entdeckten Erinnerungslücken bis zur reflexhaften Skandalisierung der Parteigegner. Wo aber die Sprache zum Zwecke der Wirklichkeitsverfremdung instrumentalisiert wird, wirkt das einzige Instrument, über das die Politik verfügt: das Wort, oft nur noch befremdlich.