Schöner und hässlicher Ehrgeiz

Die hässliche Seite des Ehrgeizes ist, dass er sich oft mit der Zwanghaftigkeit verbündet. Dann wird der Erfolg über alles gestellt und im Leben als Ziel so in den Mittelpunkt gerückt, dass der Zweck, lebendig zu sein, verraten ist. Schön hingegen erscheint der Ehrgeiz, wenn die Unzufriedenheit über das, was noch nicht erreicht ist, die Lust auf Entdeckungen nachhaltig nährt und die Achtsamkeit auf diese Differenz stets Anlass ist, sich über Errungenes in dem Maße zu freuen, wie das Erwartete ungeduldig angestrengt wird.

Zeiterfassung

Der hohe Begriff der Philosophie, sie sei ihre Zeit in Gedanken erfasst*, lässt sich nur einlösen, wenn sie gestattet, ihre Gedanken von der Zeit erfassen zu lassen.

* Vgl. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Werke 7, 26

Lebenswille

Hoffnung zu haben bedeutet, dass das, was man noch erleben will, mehr zählt als das, was man schon erlebt hat.

Zweimal Ich

Der schwache Teil des Ich fühlt sich verfolgt; der starke begehrt.

Die Kraft der Kunst

Ein Bild, eine Geschichte, eine Skulptur, eine Komposition – ein Werk, das nicht in seine Betrachtung zwingt, verdient nicht die Bezeichnung „Kunst“. Es taugt allenfalls zur Dekoration.

Vom Suchen und Finden

Auch das ist ein, vielleicht religiös eher unbeachtetes Element der Ostererzählungen: die Selbstkorrektur eines Worts, das ohnehin in seinem schalen Automatismus unglaubwürdig ist. Nicht gilt, und es hat wohl nie gegolten: Wer sucht, der findet (Luk. 11,10). Nicht einmal: dass nur der finden kann, der gesucht hat. Sondern als Glücksfall: wo der Suchende gefunden wird, auch wenn er, wie die Frauen am leeren Grab, am falschen Ort gewesen ist. Diese Entkoppelung von Bedürfnis und Erfüllung, Irrtum und Scheitern, verbissener Hoffnung, in der die Enttäuschung längst vorweggenommen ist, macht überhaupt erst möglich, was am Ende Geschenk zu heißen verdient. Gnade ist, um in das Wesentliche der Auferstehungsgeschichte zurückzukehren, wenn der Lebende bei den Toten nicht zu finden ist (Luk. 24,5), so dass die Lebenden das Tödliche nicht mehr suchen.*

* Heute vor zehn Jahren genau erschien die erste der Notizen. Allen, die mitlesen und mitdenken, ein frohes Osterfest.

Denken des Glaubens

Theologie heißt: Antwort auf alle Fragen. Glauben heißt: Sie gar nicht erst zu stellen.

Nichts Menschliches

Das ist die Bedingung für einen Gott, dessen Charakterzug ist zu trösten (was bedeutet, dass er sich eingelassen hat auf die intensivste Form des Daseins – das Mitsein): gleichsam die Probe zu bestehen in jenem Augenblick absoluter Trostlosigkeit, dem Tod, in dem gerade nichts als Trost bleibt, weil Hilfe schon längst nicht mehr wirkt. Der zum Sprichwort geronnene Satz des Mitgefühls, einem sei nichts Menschliches fremd, erhält an diesem äußersten und letzten Punkt humaner Existenz so erst seine theologische Glaubwürdigkeit.* Nur Sterbliche können trösten; nur der Lebendige überwindet die Trostlosigkeit.

* „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, meine ich, ist mir fremd.“ – Terenz, Der Selbstquäler, V. 77

Es wäre besser, wenn …

Man kann nur verraten, wozu man eine gewisse Nähe hat. Denn diese Form der Verschworenheit, mindestens aber eine lose Beziehung zwischen zweien ist, was im Bruch plötzlich nicht mehr gelten soll. Dann ist kaum entscheidend, was verraten wurde, sondern nur noch, wer. In dem Augenblick, da „ein Judasgedanke aus [der] Seele“* tritt, steht das Verhältnis auf dem Spiel. Die zwei Arten des Verrats, die in der Passionsgeschichte eine prominente Rolle innehaben, der Kuss des Judas und das Leugnen des Petrus vor der Magd, unterscheiden sich an diesem Punkt. Der, über den das Tragödienurteil verhängt wird, es wäre besser, er wäre nie geboren worden (Matth. 26,24), bringt sich um; der andere, der zum Gemeinde- und Kirchengründer auserkoren wurde, weint bitterlich (Luk. 22,62) und bereut. Judas hat mit der Nähe zum Weltenerlöser auch sich verraten, Petrus hingegen über dem Verrat seine Nähe überhaupt erst schmerzhaft verspürt. Nicht dass die Treue aufgekündigt wurde, macht die Geschichte zur Katastrophe. Sondern dass mit diesem Verrat auch das Verhältnis zerstört war.

* Conrad Ferdinand Meyer, Jürg Jenatsch, 170

Nein heißt Nein

Die Fähigkeit, nein zu sagen, ist der vielleicht entschiedenste Nachweis von Unabhängigkeit. Zu ihr gehört aber auch die andere, die gleichsam passive Seite: nein zu hören. Da gibt es wohl kaum eine Ablehnung, die nicht als schmerzhaft erfahren wird. Auf diese Negation, auch das ist der Eigenständigkeit zu eigen, aber lässt sich antworten: mit Widerstand oder Akzeptanz, Verstehen und Gleichmut, mit tiefem Befremden, das durch oberflächliches Wohlwollen kaschiert wird. Dem Nein ein Nein entgegenzuhalten, glückt indes nur bedingt. Revisionen sind selten. Wie die Ermattung eine Negation der körperlichen Leistungsfähigkeit darstellt, das Scheitern ein Zeichen der Überforderung sein kann, der versagte Wunsch als Laune des Schicksal gedeutet wird, so sind sie doch alle Repräsentanten des letzten Nein, das unter dem Namen „Tod“ keinen Widerspruch mehr duldet, so sehr es die Auflehnung ein Leben lang provoziert hat. (Vielleicht ist die Tradition des Osterlachens die überlegenste Art, auf den Anspruch zu reagieren, ein endgültiges Nein ausformuliert zu haben. Dem tödlichen Ernst hallt entgegen, dass das einfach nur ein Witz sei.)

Alles dokumentiert

Der Irrsinn unserer Zeit, der sich im Namen des Dokumentationszwangs ein unfragliches Statut der Selbstentmündigung geschaffen hat, entstammt kaum einem peniblen Geschichtsbewusstsein. Nicht für Nachfolger oder Spätlinge sind die Akten und Dateien, Filme oder Belege bestimmt, sondern für den Fall, sich rechtfertigen zu müssen. Was keinen interessiert, gerät jenseits verbreiteter Ignoranz allenfalls in den Blick, wenn das Problem sich stellt, wer denn schuldig genannt zu werden verdient. Alles also wird so geordnet und geschrieben, dass dieser Fall nie eintreten kann. Vollendet erscheint die unausgesetzte Mühe nachzuweisen, es nicht gewesen zu sein, wenn nebenbei auch noch die Bestätigung gelingt, schon deswegen nicht in Frage zu kommen, weil vor lauter Pflicht zum Bericht die Zeit zum Leben zu knapp wurde.

Lautes Schweigen

Politikerspiel: Das Geben einer Antwort gibt keine Antwort.

Mehr als eine Eselei

Es sind eine Reihe von weitgespannten Eigenschaften, die dem Esel nachgesagt werden, jenem Symboltier, das im Prophetenwort, einst werde der König auf ihm nach Jerusalem reiten (Sacharja 9,9), seine literarische Grundfigur erhalten hat: störrisch und eigensinnig, friedfertig und ausdauernd, diensteifrig oder sexuell potent, lastkräftig, aber sensibel. Dennoch: Der Esel ist kein Pferd. Und wird schon deswegen gern unterschätzt. Das sollte nicht überlesen werden in einer Geschichte, die von der Überschätzung handelt, der Erzählung vom Weltenherrscher, dem Palmenzweige auf seinem vorletzten Weg zu Füßen gelegt werden. Und der wenig später am Kreuz endet. So überreizt das Publikum dargestellt wird, das am Rand steht und dem Messias zujubelt, so unterbewertet ist der Esel, auf dessen Rücken sich das Geschehen abspielt. Das flirrende Changement zwischen Verehrung und Verirrung gehört allerdings zur Sache der Passion. Denn jenseits von Edlem und Elendem ereignet sich Eigentliches: die Paradoxie eines absoluten Endes, das als absoluter Anfang verstanden werden will in der Antwort auf die Frage: „Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Luk. 24,5)

Von den Wirkungen der Philosophie

Einen der heitersten Sätze über den höheren Nutzen der Philosophie hat Montaigne formuliert in seinem Essay über die Erziehung der Kinder: Das gewisseste Anzeichen für Weisheit, schreibt er, sei eine anhaltend gute Laune.* Nichts bezeichnet klarer, was im ausgereiften Zustand den Namen Souveränität verdient und sich in der unbeirrten Fähigkeit zum Abstand von allem, was Gegenstand des Denkens sein kann, ausdrückt.

* „La marque la plus caractéristique de la sagesse, c’ est une bonne humeur permanente.“ – Essais I, 25. 61

Glücklicher Zweifel

Es gehört zum Glück, dass sich an ihm zweifeln lässt, genauso wie zum Unglück gehört, dass es immer zweifelsfrei erscheint.

Körpersprache

Das Wesen der Beobachtung besteht darin, Körper von Dingen oder Menschen so lesen zu lernen, dass sie nicht nur beschrieben werden können, sondern sich zuletzt plausible Geschichten über sie erzählen lassen.

Die kompromisslose Demokratie

Eine der größten Anfechtungen der modernen Demokratie ist, dass sie wesentlich vom Kompromiss lebt, es aber vielfach mit Gestaltungsproblemen zu tun hat, deren Lösung im tiefsten keine Kompromisse verträgt.

Gelegenheitsmoral

Pragmatismus ist nicht Prinzipienlosigkeit, aber Prinzipienfreiheit, was weniger die Freiheit von einem Prinzip bedeutet, als dass sie jene Haltung meint, die eine Handlung prinzipiell an die Freiheit bindet.

Lastenausgleich

In jedem Eingeständnis, das Fehler bekennt, Schuld gesteht, Versäumnisse zugibt, versteckt sich die unausgesprochene Bitte, andere mögen jene Lasten, und seien es die der Scham, mittragen. Nicht die ins Wort gesetzte Offenbarung des Heimlichen und Peinlichen befreit (das denkt nur die Psychologie), sondern die Zusicherung einer Gemeinschaft, die selbsteinsichtig genug ist zu wissen, dass sie zum selben Versagen fähig ist, den Gescheiterten nicht auszustoßen. Eine Gesellschaft funktioniert in dem Maße, wie es ihr gelingt, mit dem Fremden und Befremdlichen umzugehen.

Ach, die paar Jahre

Was in der Jugend als Begabung zum Romantischen für Auf- und Ausbrüche sorgt, ist im Alter als Sentimentalität gefährlich nah an die Abbruchkante zum Lächerlichen gerutscht.

Das Dreifachtalent

Keine Klarheit ohne Konfliktfähigkeit und Kommunikationswillen.
Keine Konfliktfähigkeit ohne klare Kommunikation.
Keine Kommunikation ohne den Willen zum klärenden Konflikt.

Gepflegte Abneigung

Zu den intellektuellen Vergnügen zählt, oft unterschätzt, der Zorn, der die vorgebrachte Argumentation als dümmliches Gerede entlarvt. Der Aggression eine zivilisierte Form geben zu können, die in der Auseinandersetzung scharf und überlegen sich zeigt, hebt die Stimmung im Gefühl, einem höheren Wert, dem Wahrheitsanspruch, gefolgt zu sein, und auf niedere Regungen, den Gesprächsgegner für doof erklären zu müssen, verzichten zu können. Das leistet meist schon dieser selbst, indem er sich wehrt.

Original und originell

Es gibt zwei Arten der Originalität, die der verblüffenden Themensetzung, der Erfindung nie gekannter Gegenstände, des Aufbruchs in unerforschtes Terrain, der genialen Regelsetzung für eine ganze Generation. Und die andere, die eine feste Frage vielfach variiert, die im Plural produziert, immer wieder anders, die den Einfällen folgt. In den meisten Fällen ist ein Mensch originell, ohne Originales zu schaffen. Umgekehrt funktioniert es nicht: Alles Originale ist auch originell.

Ein klarer Kopf

Ergänzend zum analytischen Ideal der Klarheit, auf das der Mathematiker René Descartes das Denken mit Beginn der Neuzeit streng verpflichtet, hat dessen Schüler, der Physiker Blaise Pascal, die Kraft der Liebe gesetzt, den mächtigen Ordnungswillen vom absoluten Bewegungsprinzip der Welt begleiten lassen. „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“, heißt der berühmte Satz.* Er hätte modern hinzufügen können: Der Verstand hat seine Abgründe, die das Herz erst füllt.

* Pensées IV, 277