Freispruch

Am wenigstens verträgt es die Bitte um Verzeihung, zur belanglosen Floskel entwertet zu werden. Denn sie macht sich abhängig von dem, der sie annimmt. Das flüchtige, eingekürzte „Tschuldigung“ hingegen hat nichts von der folgenreichen Einsicht, verantwortlich zu sein, sondern mag als Entlästigungsform durchgehen für ein Unbehagen, das kaum als Last, aber gerade noch als so leidige Angelegenheit verspürt wird, dass man sie nicht mundfaul ignorieren kann. Da wird das eigene Versagen mit der Erledigung der Sache zu einem schnellen Gestus zusammengezogen, auf den im Ernst auch verzichtet werden könnte. Es ist der Rede nicht wert, so dass die äquivalente Erwiderung nur sein kann: Kein Problem.

Taktmaß

Niemand ist so geschickt in der Kommunikation wie der Dirigent, dem es gelingt, in der bloßen Andeutung seiner Gesten die präziseste Antwort unmittelbar zu fordern. Das Orchester gehorcht, weil es weiß, was die Zeichen bedeuten, ohne dass es sich seinem Willen blind unterwirft. Nur so, in der Klarheit geführter Bewegungen, die das Zeitmaß und die Ausdrucksstärke bestimmen, entsteht die Interpretation einer Komposition zum Stück, dem Musiker wie Publikum gleichermaßen verfallen. Und in diesem Hingerissensein die schönste Form der Freiheit, als Folge eines Befehls, erleben.

Total langweilig

Die abstrakteste Bestimmung der Langeweile ist: Perfektion ohne die Ahnung seines Gegenteils. Alles, was sich den Anschein des Totalen, des Absoluten, des Makellosen gibt, verliert schnell an Aufmerksamkeit. Schönheit, die alle Erinnerung ans Hässliche überstrahlen will, Anständigkeit, die kaum mehr zu erkennen gibt, was sie an Wildem kämpferisch zu überwinden hatte, Brillanz im Denken oder Reden, der das Gebrochene und Verzweifelte, das angestrengte Suchen und Fragen abhanden gekommen ist, sie alle mögen kurz verzaubern. Aber sie halten das wesentliche Versprechen nicht: lebendig zu sein. Langeweile ist immer ein Mangel an Lebendigkeit bei einem Überschuss an Lebenslust.

Denk nicht so viel

Über eine Sache nachdenken bedeutet, ihr die Unschuld zu nehmen.

Möchte, könnte, dürfte

Wenn Freiheit einen festen Ort hat, dann in der Grammatik. Er heißt Konjunktiv und ist wie eine Zeitmaschine, mit der sich Vergangenheit und Zukunft bereisen lassen, vor allem aber das Drängen der Gegenwart, die Beschränktheit der Realität überwinden. Das Jetzt gibt sich stets den Anschein der Notwendigkeit, jetzt oder nie. Es ist illusionslos. Wohingegen Morgen und Gestern einladen, grenzenlos zu träumen, Erinnerungen in Gedanken überschrieben werden und Erwartungen zu den kühnsten Handlungen verleiten.

Lebendig sein

Nichts hält vom Leben mehr ab als die Sucht nach Leben.

Ansprüche ans Arrangement

Wann die Zeit reif ist für Verhandlungen? Die besten Kompromisse macht man immer dann, wenn man keine Kompromisse machen muss.

Mitarbeitergespräch

Auch das Lob ist eine Form der Anerkennung. Und doch ist der Unterschied zwischen beiden fundamental. Wer lobt, zielt auf die Person; wer anerkennt, meint zuerst die Sache. Das Lob, so sehr es zu schmeicheln vermag, kommt von oben herab (und kennzeichnet den, der es schenkt, als urteilsfähig). Die Anerkennung würdigt die Leistung und über sie den, der sie erbracht hat. Anerkennung lässt sich monetär ausdrücken, Lob nicht. Sie macht frei, wohingegen das Loben verpflichtet.*

* Michael Köhlmeier sieht es umgekehrt: „Lob meint eine Sache, die ich gut gemacht habe; Anerkennung meint mein Wesen, mich ganz und gar, meine Existenz.“ – Wenn Ich Wir sage, 8 (Das scheint mir nicht dem Alltagsgebrauch der Sprache zu entsprechen, eher dem philosophischen.)

Das wahre Schöne

Design ist was für Leute, die nicht mehr wissen, was schön genannt zu werden verdient.

So

Zufälliges Aufeinandertreffen in der Stadt

Er: Und du so?
Sie: So lala.
Er: Soso.
Sie: So what.
Er: So long.
Sie: So kommst du mir nicht davon.

Weder blind noch Fleck

Jemanden verstehen ist keine schwache Vorform des Durchschauens. Oder gar dessen Ergebnis. Nein, Menschen zu verstehen heißt vor allem zu verstehen, dass sie sich nicht durchschauen lassen.

Vokalmusik

Schon mit der frühen Entdeckung, dass der Gebrauch einer Stimme Einfluss nimmt auf die Umgebung, dass sie Menschen oder Tiere beeindruckt, sie auf Abstand hält oder neugierig sein lässt, dass der kräftige Ruf große Weiten überwindet, hat sich wohl auch, parallel zur Verfeinerung der Laute in der artikulierten Sprache, der Gesang ausgebildet. Jagdlieder, Kriegsgeheul, das metaphorische Pfeifen im Wald, sie zeugen von der raumgreifenden und raumgestaltenden Macht der Stimme, die bis in die Konzertsäle reicht und ein Publikum zu bezaubern vermag. Was wundert, dass in Augenblicken, da die Räume eng werden oder gar das Gefühl für sie verschwindet, wie in Angst oder Paniksituationen, alles am sinnvollen Gebrauch der Stimme hängt. Weniger der ausformulierte Satz, vielmehr ein beruhigendes Summen oder Brummen, nicht zuletzt eine Melodie kommen der Angst am besten bei, weil sie Resonanzen erzeugen, also ein Gespür zurückgeben, das in der Furcht auf ein Zittern reduziert ist: die schöne Gestimmtheit und Stimmigkeit eines Raums.

Das Minimum

Respekt ist kein Gefühl. Sondern der Wille, es auf Gefühle gerade nicht ankommen zu lassen.

Mathematik der Beziehung

In Beziehungen ist es ein Unterschied im Ganzen, ob Nähe als eine Funktion des Abstands verstanden oder die Distanz als eine Ableitung der Vertrautheit wahrgenommen wird.

Argumentationslinie

Gut verdient ein Grund dann genannt zu werden, wenn er sagt, was sein soll, indem er belegt, warum anderes nicht sein kann.

Große Worte

Bei aller Wertschätzung der Sprache und ihrer Macht: Kommunikation ist Dienstleistung. Und wo sie diese sachliche Demut vergisst, missversteht sie sich gründlich selbst. Nichts ist peinlicher als die Satzhülse, die kaum mehr enthält als die Absicht, über fehlende und zwingende Veränderungen hinwegzutäuschen, nichts quälender als eine offenkundige, aber nicht eingestandene Lüge. Wort, Wahrheit und Wirklichkeit sind in der Pflicht, sich wechselseitig zu schützen.

Flausen im Kopf

Man sollte den Unsinn nicht zu gering achten. Anders als die Sinnlosigkeit, die allein aus der Negation gegen das Bedeutsame und Nützliche ihre Bestimmtheit zieht, ist der Unsinn stets dem Zweck verpflichtet, nicht langweilig zu sein, auch wenn die vielen launigen Flausen im Kopf am Ende für allzu wenig Brauchbares zu taugen scheinen. So selten kommt indes nicht vor, dass aus dem, was heute ineffektiv heißt, die nächste förderliche Inspiration erwächst. Alles, was die Eintönigkeit fürchtet, ergibt Sinn; da mag es noch so unsinnig sein.

Fangemeinde

„Liebe Fußballfans, wir verstehen, dass Sie sich auf das Spiel freuen. Aber Sie sind hier nicht allein. Bitte, nehmen Sie Rücksicht auf ihre Mitreisenden.“ Kaum hat die Zugbegleiterin über Lautsprecher zur Ruhe im Abteil gemahnt, greift einer der Sportbegeisterten in die Bierkiste, öffnet drei Flaschen, verteilt sie an die Fahrgäste, die erkennbar nicht in den Vereinsfarben gekleidet sind, und prostet ihnen freundlich grölend zu.

Nachtträume

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:

… Erst als sie die Klinke drückt, entdeckt er die Tür. Sie ist nur über eine feine Schattenfuge aus der Wand geschnitten, gestrichen im selben warmen Leinenton wie das ganze Loft. Hier also wohnt sie, denkt er unvermittelt, versteckt wie die Geheimfächer in den Biedermeiersekretären. Hinter dem offenen Raum, der die Küche, das Ensemble aus dem nachtblauen Sofa und den beiden sonnenblumengelben Sesseln, Essen und Arbeiten, ja selbst den Eingang über seine kunstvoll konstruierten Stahlträger auf zwei leicht versetzten Ebenen gliedert, verbirgt sich also das Privatleben. Es ist unauffällig geschützt, die Architektur lenkt von ihm ab. Passt, fällt ihm ein. Aber da zensiert er seine Gedanken schon mit der Erinnerung an ihren verwunderten, ja verstörten Ausruf von vorhin: „Du kennst mich doch gar nicht.“ Das saß. Wäre er nicht so überrumpelt gewesen, hätte er wohl geantwortet, dass er das gern änderte. Er ist froh, es nicht so plump gehalten zu haben.
Für ein paar Minuten ist sie verschwunden. An Geräuschen vernimmt er das dumpfe Rauschen von Wasser; es kommt aus der Leitung, die im industrial look auf dem Putz verlegt ist. Und ein Klacken, als öffnete sie das Schloss eines Koffers. Wenig später steht sie vor ihm, strahlt und wiederholt den Satz, mit dem sie aufgestanden war: „Komm, lass uns spielen.“ Sie hat sich ein Saxophon umgehängt, lehnt sich an einen der T-Träger, das rechte Bein kokett angewinkelt und gegen den Schwarzstahl gestellt. Ehe er irgendetwas entgegnen kann, holt sie aus dem Mundstück schon eine in die Nacht fließende Melodie.
„Was ist das?“ Sie hat das Instrument kurz abgesetzt. „Das heißt Night Dreamer. Passend zur Uhrzeit.“ Sie lacht kurz auf. „Eigentlich ist der Anlass ein trauriger. Wayne Shorter ist heute gestorben. Ich habe es vorhin in den Nachrichten gelesen. Du weißt, der mit den Großen des Modern Jazz …“ Er nickt nur, in Wahrheit kennt er nicht viel. „Und als sich über unseren Abend so ein leicht melancholischer Film zu legen begann, da habe ich gemeint, wenn wir spielten … Spielst du vielleicht Klavier?“
Die Frage trifft ihn, zu seiner Überraschung, abgrundtief. Was soll er sagen? Dass er zweimal schon Anlauf genommen hat, zweimal vergeblich aus Mangel an Zeit, vermutlich auch Talent, nachzuholen, was ihn seit der Zeit, in der er seine Jugendliebe entdeckte, quält: all die Gefühle und Sehnsüchte nicht ausdrücken und ausleben zu können, indem er sie in Takt und Ton musikalisch fasst – soll er das jetzt erzählen, das Versagen im Pianounterricht? Er klimpert manchmal zuhause, nicht selten aus Langweile, auf seinem uralten Grotrian-Steinweg, der Schelllack blättert schon ab. Aber spielen?
„Ich kann leider nicht“, sagt er verlegen.
„Hey, was ist mit dir plötzlich?“ Sie legt das Saxophon auf den Tisch. Die Idee, damit die Stimmung aufzuheitern, ist offenkundig gründlich misslungen. Aus seinem linken Auge löst sich kaum merklich eine kleine Träne und sucht langsam ihre Bahn über die äußere Wange. Sie beugt sich über ihn, zieht ihn in ihre Arme. „Sag, habe ich was falsch gemacht?“ Er ringt um Fassung und um Worte. „Nein. Es ist nur …“ Sie schaut ihn an, wie sie ihm noch nie ins Gesicht geblickt hat. „Da ist gerade durch dein Spielen und deine Frage in mir etwas aufgebrochen, das ich wohl sehr gut verborgen gehalten habe, auch vor mir selbst.“ …

Das Ende der Koalition

Prognose: Die aktuelle Regierung wird nicht zerbrechen an der Untätigkeit oder Unfähigkeit ihrer Mitglieder, sondern an den beiden Philosophen im Kabinett, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck und Christian Lindner, dem Finanzminister. Denn seit Platons Vorstellung vom Philosophenkönig gilt für diese als oberstes Prinzip: Du sollst keine anderen Götter neben dir haben.

Das Schweigen der Vielen

In einer Demokratie wird das Schweigen der Mehrheit als Zustimmung verstanden.
In einer Diktatur gilt die Mehrheit als das, was zum Schweigen gebracht werden muss.

Lass uns verhandeln

Noch jede Verhandlung, die einen Kampf beenden soll, bedarf des Restvertrauens in eine, und sei es geringste, gute Absicht des Gegenübers. Wer nicht mindestens die Zuversicht hat, dass ein mögliches Ergebnis belastbar anerkannt wird, so dass dessen Verbindlichkeit nicht wieder mit Gewalt durchgesetzt werden muss, braucht mit Gesprächen gar nicht erst zu beginnen. Die Grundfrage jeder zielgerichteten Unterredung lautet: Glaubst du, dass der andere sich an sein Wort halten wird? Darüber kann nicht diskutiert werden.

Aufstand gegen die Gutmütigkeit

Carl von Clausewitz kommentiert die Berliner Demonstration „Aufstand für den Frieden“:
„Nun könnten menschenfreundliche Seelen sich leicht denken, es gebe ein künstliches Entwaffnen oder Niederwerfen des Gegners, ohne zuviel Wunden zu verursachen, und das sei die wahre Tendenz der Kriegskunst. Wie gut sich das auch ausnimmt, so muss man doch diesen Irrtum zerstören, denn in so gefährlichen Dingen, wie der Krieg eins ist, sind die Irrtümer, welche aus Gutmütigkeit entstehen, gerade die schlimmsten … So muss man die Sache ansehen, und es ist ein unnützes, selbst verkehrtes Bestreben, aus Widerwillen gegen das rohe Element, die Natur desselben außer acht zu lassen.“*

* Vom Kriege, 192

Das Problem mit der Lösung

Es ist das größte Missverständnis jeder Art von Beratung, dass sie einfach Lösungen anzubieten vermag, wo Probleme quälen. In Wahrheit müssten Besteller wie Anbieter wissen, wie sehr einem intelligenten Denken die Vorstellung widerstrebt, je fertig sein zu können dadurch, dass es eine Antwort gefunden zu haben glaubt. Beratung, Therapie, Mentoring, sie entwickeln ihren Sinn vollkommen immer dann, wenn sie verstanden sind als Begleiter einer Lösung, die sich als Problem herausgestellt hat. Weil es das größte Missverständnis von Lösungen ist zu meinen, dass sie von Problemen befreien.