Wahrheit und Lüge

In einem ist die Lüge der Wahrheit näher als der Verschleierung. Beide nehmen auf den Adressaten keine Rücksicht. Das ist das Unerträgliche einer Kommunikation, die sich tarnt als offenes Wort: dass sie Fakten wie das Gegenüber der Rede instrumentalisiert.

Die Leere der Machtpolitik

Aus einer Samstagabendlektüre

„Obwohl, oder vielmehr: gerade weil Macht das unvermeidliche Mittel, und Machtstreben daher eine der treibenden Kräfte der Politik ist, gibt es keine verderblichere Verzerrung der politischen Kraft, als das parvenumäßige Bramarbasieren mit Macht und die eitle Selbstbespiegelung in dem Gefühl der Macht, überhaupt jede Anbetung der Macht rein als solcher. Der bloße ‚Machtpolitiker‘, wie ihn ein auch bei uns eifrig betriebener Kult zu verklären sucht, mag stark wirken, aber er wirkt in der Tat ins Leere und Sinnlose. Darin haben die Kritiker der ‚Machtpolitik‘ vollkommen recht. An dem plötzlichen inneren Zusammenbruche typischer Träger dieser Gesinnung haben wir erleben können, welche innere Schwäche und Ohnmacht sich hinter dieser protzigen, aber gänzlich leeren Geste verbirgt. Sie ist Produkt einer höchst dürftigen und oberflächlichen Blasiertheit gegenüber dem Sinn menschlichen Handelns, welche keinerlei Verwandtschaft hat mit dem Wissen um die Tragik, in die alles Tun, zumal aber das politische Tun, in Wahrheit verflochten ist.“*

* Max Weber, Politik als Beruf, 52f.

Vom Scheitern

Mit diesem Wort, das so vernichtend klingt, wie die Sache ist, sollte man zurückhaltend umgehen. Selten scheitert einer, dem etwas nicht gelingt. In ihm steckt, wie es die Etymoloigie von Scheitern nahelegt, dass etwas zerstört wird, in Trümmern liegt, in Stücke – Scheite – gebrochen ist. Nicht jede Niederlage also ist gleich ein Scheitern; weil dieses voraussetzt, dass sehr viel mehr kaputtgegangen ist, als es der Verlust anzeigt, dem ein Fehlschlag vorausgegangen ist. Das Scheitern reicht über den Zusammenbruch, beispielsweise einer Koalition, hinaus. „Scheitern“ ist das Wort der Moderne für ein Ereignis, für das die Antike noch das Verhängnis kannte oder gar die Tragödie. Wenn das so ist, wäre Demut das einzig angemessene Verhalten auf ein Scheitern, auch derer, die aus einer vetrackten Situation vermeintlich einen Vorteil ziehen.

Sympathisch frech

Unter den Varianten der Frechheit, von neckisch bis dreist, ist jene die sympathischste, die nichts anderes ausdrückt, als dass einer Souverän der Situation ist, in der er gerade steckt.

Die Berechenbarkeit der Unberechenbarkeit

Erster Grundsatz kluger Weltpolitik: Narzissten sind im selben Maß, wie sie manipulieren, manipulierbar.

Die Wahl

Unter den vielen Alternativen standen im politischen Amerika vor allem zur Wahl: Angst gegen Mut, Lüge wider Wahrheit, Spiel oder Ernst, am Ende Ich statt Wir. Das sind unterschiedliche Gewichtungen: Der echte Mut kennt die Angst; es lässt sich in Wahrheit hineintäuschen; ein Ernst, der spielt, ist lebendig; ohne Ich kein Wir. Umgekehrt funktioniert das nicht: Angst meidet den Mut; die Lüge verkehrt Wahrheit; Spielchen untergraben den Ernst; das verabsolutierte Ich erniedrigt das Wir.

Demokratisierte Dummheit

Eines der größten Ärgernisse der Demokratie ist die Mehrheitsfähigkeit der Dummen.

Spalt, Kluft, Graben

Bevor der politische Reflex die diagnostizierte Spaltung der Gesellschaft zu überwinden sich anschickt, gilt es, wie bei jedem ernstzunehmenden Phänomen, zu fragen, welches Problem sie denn löst. Es sind die beiden quälenden Hauptfragen unserer Zeit, die nach der Identität und die nach Orientierung, welche sich leichter befrieden lassen, sobald klar ist, dass der andere nicht nur fremd, sondern der Feind ist und die eigenen Position so umso schärfer bestimmbar wird. Sobald ich weiß, gegen wen ich bin, weiß ich, wo ich stehe. Spaltung schafft Orientierung und schenkt Identität. Wie sie zu überbrücken ist? Der Weg führt über die Gewissheit und das Vertrauen in das Eigene, die die Neugier auf und die Liebe zum Anderen begünstigt.

Stop

Aus einer Samstagslektüre

„Unbestreitbar hat die Globalisierung die bewegungshemmende Wirkung von Grenzen erheblich geschwächt und Öffnungsprozesse vorangetrieben, aber die im Wortsinn grenzenlose Globalisierung ist eine Schimäre. Es läuft zwar unserer Alltagsintuition entgegen, aber Globalisierung ist auch grenzschaffend, grenzverstärkend  – es gibt eine Schließungsglobalisierung. Wer allerdings immer nur nach Mauern, Stacheldraht und Befestigungsanlagen Ausschau hält, wenn er nach der Grenze sucht, der wird einen großen Teil der heute diversifizierten Grenz- und Kontrollformen übersehen. Statt von … dem Verschwinden von Grenzen zu sprechen, ist es bei näherer Betrachtung angemessener, von einer Neuerfindung, Härtung und Versicherheitlichung der Grenze unter Bedingungen der Globalisierung auszugehen, ganz zu schweigen davon, dass auch die Mauergrenzen an Zahl und Länge zugenommen haben. … Die Grenze ist heute auch keine einzelstaatliche und auf das nationale Territorium beschränkte Angelegenheit mehr, sondern eine komplexe und internationalisierte Sortiermaschine, ein Ensemble aus rechtlichen Regelungen, Kontrollinstanzen, der Inanspruchnahme anderer Staaten, Daten und Technologie.“*

* Steffen Mau, Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert, 153f.

Trockenes Brot

Aus der Pause eines Konzerts

Wenn der Applaus das Brot des Künstlers ist, dann ist der höfliche Applaus das, was der Wendung „brotlose Kunst“ eine neue Bedeutung gibt. Beifälliger Beifall dröhnt durch seine Zurückhaltung. Er ist befremdlicher ist als das Missfallen, das sich im Pfeifen ausdrückt.

Staat und Bürger

Wie die größte Tugend des Bürgers sein Engagement ist, so muss die größte Tugend des Staates genau dort die Zurückhaltung sein.

Der richtige Weg

Die Form des moralischen Urteils ist immer: Du bist auf dem richtigen Weg, aber der falsche Mensch dazu.

Total überfordert?

Die totale Überforderung, gäbe es sie, würde niemand bemerken. Schon die Fähigkeit, eine Situation als solche zu benennen, setzt voraus, dass ich ihr, zumindest begrifflich, gewachsen bin. Und dieses aufklärerische Talent zur Bezeichnung ist nicht selten der erste Schritt, der Überforderung zu entwachsen.

Gert Scobel hat das Thema behandelt:

Defensivverhalten

Das Selbstverständnis der Weltpolitik, zumindest derjenigen, die seit jeher westlich genannt wird, in der Defensive zu sein, beschränkt sich nicht aufs, sondern beschränkt das ihr Wesentliche: zu gestalten. Wir verteidigen die demokratischen Werte, wehren uns mit Zöllen gegen die Übermacht der chinesischen Industrie, loten aus, wie sich Koalitionen mit den Rechtsextremen blockieren lassen, kämpfen gegen Autokraten und deren Machtgelüste, fürchten die Neuordnung oder Auflösung wirtschaftlicher und militärischer Bündnisse. Aber haben wir auch eine Vorstellung, gar eine Idee, wie sich im 21. Jahrhundert Allianzen der Menschlichkeit, der Modernität, des Muts, des vermittelnden Maßes, das nicht Mittelmaß ist, bilden lassen, ohne sie zu definieren als Bewahrungs- und Verhinderungspakt? Wer vor allem sich behauptet, erklärt, rechtfertigt, kümmert sich um Vergangenes. Die Zukunft verlangt nach Würfen und Entwürfen, Strategien und Perspektiven, Risikolust und Angstfreiheit.

Netzwerk

Viele suchen Netzwerke auf, um bessere Geschäfte zu machen, anstatt durch das Geschäft jene Form von Vernetzung zu finden, die sich am leichtesten knüpfen lässt: die des Geldes. Nichts überwindet die Schranken behänder, nichts schafft lose Verbindungen eleganter als das Kapital in den Fingern von Kapitalisten.

Zum Abgewöhnen

Aus einer Samstagabendlektüre

„Die Zukunft gewöhnt man sich als Erstes ab.“*

* Michael Köhlmeier, Das Philosophenschiff, 84

Fang an mit dem, was andere für ein Ende halten

Man kann die finale Diagnose, überfordert zu sein, auch als Ausgangspunkt nehmen: Dann bewirkt sie Fortschritt.

Ideologielast

Ideologie heißt jene Theorie, die sich, fast narzisstisch, nur an sich selbst berauscht und von der Wirklichkeit sich nicht irritieren oder gar korrigieren lässt.

Motivsucher

Das gilt für jeden Motivsucher: Er hat die schlechten Absichten schon unterstellt, wenn er sich veranlasst sieht, nach den Antrieben zu forschen. Dumm nur, dass diese nie so offensichtlich sind, wie es bei einer Widerlegung angenommener Arglist notwendig wäre. Beweggründe können, im Unterschied zu den erklärenden Hintergründen, nichts beweisen. Wir kennen sie ja nicht einmal richtig.

Woher kommt der Lärm?

Lärm ist immer das Geräusch, das entsteht, wenn dem Willen zu viel Widerstand entgegengesetzt wird. Das gilt für den Baulärm, wenn sich das Material gegen die Umformung und Umgestaltung sträubt, genauso wie beim Kinderlärm, der aus dem unermüdlichen Bestreben erwächst, den anderen zu übertönen, ja zu übertrumpfen. Gegen Lärm hilft nur, noch lauter zu sein, oder der stärkere Gegendruck. Hier siegt die höhere Gewalt.

Recht und Moral

Die Aufgabe des Staates muss sein, dafür zu sorgen, dass es der Gebote nicht bedarf, weil die Gesetze ausreichen, um ihn zu lenken. In der Politik ist das Recht der Konkurrent der Moral. Handlungen können Haltungen zwar nicht ersetzen, aber das Interesse an diesen verschwinden lassen.

Die Lehren der Geschichte

Gerade weil Geschichte sich nicht wiederholt, gilt es, aus ihr zu lernen.

Sei spontan

Sei spontan, dieser Beispielsatz für widersprüchliche Kommunikation, der seinen Adressaten in die Verlegenheit bringt, aus einem Entweder – Oder (zu gehorchen oder einem Impuls unmittelbar zu folgen) ein Weder – Noch paradox abzuleiten (nicht zu handeln), dieser unmögliche Befehl, beschreibt alles, was das Schreiben oft ausmacht: die Disziplin aufzubringen, aufgefordert zu überraschen. Schreiben bedeutet, besonders dann von innen getrieben zu sein, wenn alle es erwarten.

Ganz schön groß

Größe – Großmut, Großherzigkeit, Großzügigkeit – ist die Bezeichnung für alles, was nur jenseits der Regel, und nicht durch sie, geregelt werden kann.