Das Wagnis des Vagen

Freundschaft ist der Name für die undefinierteste Form der Beziehung.

Im Widerstand

Die Erfahrung meiner eigenen Freiheit ist gerade nicht jener Moment, in dem sich der Wille maßgeblich durchsetzt, sondern jene andere, in der er auf Widerstand stößt, den er zu akzeptieren und an dem er sich abzuarbeiten hat. Am Anderen und dessen Willen zeigt sich, was es bedeutet, frei zu sein: die Verantwortung für ein Handeln zu übernehmen, das von diesem prinzipiell zur Rechenschaft gezogen werden kann. Freiheit ist eine dialogische Eigenschaft, die ich mir genauso zuschreibe, wie ich sie an einem Gegenüber wahrnehme.

Augenblicklich

Utopie für eine überforderte Welt: Eine Gesellschaft aufbauen über das verpflichtende Ritual, dem Anderen in die Augen schauen zu müssen.

Liebe und Angst

Was die Liebe bewirkt: Sie nimmt die Angst vor der Bedeutungslosigkeit.

Zu viele Antworten

These für eine Zeit, in der die Geschichtsphilosophie wieder Konjunktur hat:
Gesellschaften gehen zugrunde durch einen Mangel an Neugier.

Experimentierfreudig

Einen Essay schreiben bedeutet, den Versuch zu unternehmen, ein Thema zu fassen, das mehr als den einen Versuch braucht.

Generationenvertrag

Großes Glück: wenn über Generationen hinweg gemeinsames Lachen verbindet. Solange der Jüngste die Pointen des Alten lustig findet, ist noch nicht alles verloren. Und umgekehrt der Betagte im Heranwachsenden den gleichen Humor entdeckt.

Impulse der Veränderung

Über Wut und Zorn, Hass und Ressentiment bin ich im Gespräch mit Denise M’Baye und Sebastian Friedrich in der Sendung „Tee mit Warum“, produziert von NDR Kultur:
„Wut ist der Zorn der Hilflosen und diese düstere Hilflosigkeit drückt sich darin aus, dass ich nicht spreche, sondern schreie. Schreien heißt, dass die Individualität meiner Stimme verloren geht. All das, was eine Stimme auszeichnet. Dass sie sich abzeichnet, dass sie artikuliert, dass die Chance besteht, dass mein Gegenüber mich versteht. Das hat die Wut nicht.“

Leserschaft

Leser eines Buchs bilden eine Gemeinschaft, in der die Einzelnen einander nicht kennen.

Zeig dich mal

Der verdient, authentisch genannt zu werden, der genau weiß, was er wann von sich zeigen darf, und wo er es besser unterlässt.

Schweigen wie ein Freund

Die wichtigste Eigenschaft in der Freundschaft: Diskretion.

Mit Vernünftigkeit Staat machen

Aus einer Sonntagnachmittagslektüre

„Ziel staatlichen Handelns sollte immer die Herstellung bestimmter Zustände sein, zu denen natürlich auch die Aufrechterhaltung der eigenen Handlungsfähigkeit gehört; aber es handelt sich um eine Perversion des Staates, die man sowohl in Despotien als auch in Demokratien antreffen kann, wenn seine Tätigkeit zum Selbstzweck wird und nicht mehr auf angebbare Aufgaben ausgerichtet ist. Um bestimmte Zustände zu erreichen, sind Einzelakte unabdingbar. … In der Tat sind aus Gründen sowohl der Praktikabilität als auch der Gerechtigkeit Einzelakte nicht ausreichend: Ein Vernunftwesen, das Allgemeinbegriffe bilden kann, drängt nach generellen Normen. Vielleicht könnte sich Macht alleine aus Einzelakten aufbauen; eine rechtlich verfaßte Macht kann das nicht: Generelle Normen, die eine größere Zahl von Fällen, im Idealfall sogar eine unbestimmte Anzahl umfassen, sind unverzichtbar. Aus ihnen allein jedoch könnte kein einziges Gebilde bestehen: Zur empirischen Wirklichkeit gehört Individualität, und sie ist mit generellen Normen alleine nicht zu bändigen. Die Unterscheidung zwischen genereller Norm und Einzelakt ist relativ, da es zwischen einer Norm wie ,Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ und dem Befehl, strammzustehen, zahlreiche Zwischenstufen gibt (etwa allgemeine Weisungen); dennoch ist sie wesentlich, um die Differenz zwischen Legislative und Exekutive zu verstehen.“*

* Vittorio Hösle, Moral und Politik. Grundlagen einer politischen Ehtik für das 21. Jahrhundert, 638

So grässlich hässlich

Menschen im hohen Alter, genauso wie in früher Kindheit, können nicht hässlich sein.

Trotzdem

Schreiben, wenn nichts ins Wort drängt, ist schwierig, aber nicht sinnlos. Man kann es auch der reinen Form eines Satzes überlassen, sich den Inhalt zu suchen. Da kann Überraschendes entstehen, das sich herausgebildet hat als Gedanke, der sich allein der Schönheit eines durchstrukturierten Gebildes verdankt. Zuerst kommt der Begriff, dann dessen Bedeutung. Der Kopf ist leer; trotzdem findet sich in der zufälligen Kombination irgendwelcher Ausdrücke ein Anspruch. So „arbeitet“ künstliche Intelligenz.

Statistisch gesehen

Mit dem Siegeszug der Statistik, nicht nur in den empirischen Wissenschaften, legt sich das Denken auf die faule Haut. Zahlen betrügen in die Bewertung. Was wahr, richtig, schön, wesentlich, gut genannt zu werden verdiente, wird gemessen. Es gab einmal eine Zeit, da galt das Maß als Orientierungshilfe, ja Kriterium für Qualität. In ihr bedeutete es eine Größe, die sich nicht beziffern ließ. Und deswegen nur mit Hilfe der Urteilskraft ermittelt werden konnte.

Erinnerungssüchtig

Nicht entschieden ist, ob ein Netz, von dem es heißt, es vergäße nicht, diesen Protokollierungszwang als Verheißung oder Drohung wirken lässt. Klar allerdings ist digitaler Unfug, in diesem Zusammenhang von Gedächtnis zu sprechen. Das Internet hat keine Erinnerung. Zu dieser gehört vielmehr, dass in dem Maße, wie sie etwas behält, anderes verloren gegangen ist. Denken bedeutet immer beides. Der Unterschied zwischen dem, was man entsinnt (besser: worauf man sich besinnt), und dem, was einem entfällt, markiert die erste Wertung des Bewusstseins, ohne dass diese schon identisch sein müsste zwischen „wichtig“ und „vernachlässigbar“.

Prinzipieller Pragmatismus

Pragmatisch heißen jene Menschen, denen man netterweise nicht nachsagen will, dass sie keine Prinzipien haben oder diese bei nächstbester Gelegenheit über Bord werfen.

Vergebens

Traue keiner Vergebung, die nicht den Widerwillen des Zorns als Zähneknirschensrest in sich noch enthält.

Gemischtes Doppel

In der Tonhalle das Doppelkonzert gehört, die letzte Komposition von Brahms für Orchester mit Starbesetzung für Violine und Violoncello. Das gelingt nur, wenn zwei Solistinnen, die auch allein Säle zum begeisterten Toben bringen, sich einem größeren Ganzen verpflichten. So ist ein starkes Ego erträglich, als ein Ich, das sein eigenes Genie in den Dienst stellt eines Werks, an dem es seine und dessen Saiten bestens zum Klingen bringt. Du wirst groß, indem du andere und anderes groß machst. Das ist die Kunst.

Finanzkapitalismus

Aus einer Samstagnachmittagslektüre

„Souverän ist, wer eigene Risiken in Gefahren für andere zu verwandeln vermag und sich als Gläubiger letzter Instanz platziert.“*

* Joseph Vogl, Der Souveränitätseffekt, 251

Geschirrmuffel

Man kann sich die berühmte Unterscheidung des Chicagoer Soziologen David Riesman* zwischen dem innengeleiteten Menschen, der sich an selbstgewählten Maßstäben orientiert, und dem außengeleiteten Charakter, der den Einflüsterungen von Mode und Massenmedien blind folgt, deutlich machen am Umgang mit dem Abendgeschirr: Der eine lässt Teller und Gläser einfach stehen und räumt sie am nächsten Morgen in die Spülmaschine, weil seine Müdigkeit zum dominanten Handlungsantrieb geworden ist; der andere hingegen erträgt es nicht, die Unordnung tags drauf noch zu sehen, und muss die Sachen, trotz Erschöpfung, noch in den Apparat sortieren. Vielleicht ist dies die einzige Situation, in der das Chaos den höheren Typus repräsentiert.

* Die einsame Masse, 1950

Mord an der Originalität

Wie man Originalität verhindert: Die Lust auf Überraschung verschwindet zuverlässig, sobald sie verwandelt worden ist in ein Verfahren, das sich – wie in Innovationswettbewerben oder bei Drittmittelanträgen – detailliert zu legitimieren hat. Überhaupt ist erzwungene Prozesstreue die sicherste Methode, den Eigensinn und die Eigenständigkeit nur noch im Maß von Spurenelementen zu dulden.

Übernimm dich nicht

Übernehmen, das setzt voraus, dass jemand anderes etwas übergeben hat. Nur bei der Verantwortung wird diese Logik außer Kraft gesetzt. Wer Verantwortung für etwas übernimmt, zieht sich zurück, statt sich hineinziehen zu lassen. Dieser Schritt bedeutet ein Ende, obwohl sich die Formel liest, als gehe einer ein Engagement gerade erst ein. Hier wird übernommen, woran man sich zuvor übernommen hat. Schwierige Sache; schwere Sprache.

Short message

Für den Aphorismus gilt: Je kürzer der Satz, desto endgültiger sein Sinn.