Maßgebend

„Der Name des Geistes ist vom Messen hergenommen (nomen mentis a mensurando).“ So leitet Thomas von Aquin die zehnte der Fragen in seiner Abhandlung über Wahrheit* ein. Im Unterschied zum Verstand bestimmt er den Geist als das Maßgebende; geistlos heißt daher, wem nicht bekannt ist, dass alles eine innere Grenze hat, die sich oft allen erst zeigt, wenn sie überschritten worden ist. Maßlosigkeit ist eine Form der Geistlosigkeit.

Über die Wahrheit (übersetzt von Edith Stein), X.1, 308

Krisenkorsett

Ein sicheres Indiz von Krisen: Der Umfang der Themen wird kleiner; der Inhalt des Themas reicher.

Abschüssige Gespräche

Gespräche, die ein Gefälle aufbauen, entwickeln sich schnell unter der Hand zu Therapiesitzungen. Da hört einer zu, und der andere gibt Ratschläge. Oft ungefragt. Auch die Kommunikation ist ein, nur dürftig verstecktes Machtspiel.

Gleichheitszeichen

Nicht nur in der Mathematik, auch im Leben ist das Gleichheitszeichen ein Indiz dafür, dass die Bewegung der Reflexion, des Rechnens, des Miteinanders und Gegeneinanders aufhört. Wo das Ergebnis steht, wo die Differenzen bereinigt und der schlichtende Ausgleich hergestellt sind, da endet die Anstrengung. Nichts ist so langweilig wie ein Denken in Resultaten, nichts so ermüdend wie ein Zustand vollkommener Gerechtigkeit.

Möglicherweise

Eine Philosophie, die nicht nur den Sinn fürs Wirkliche hat, sondern auch Möglichkeitssinn besitzt, heißt Theologie.

Recht einfach

Es ist das Problem des Rechts, dass es alle künftigen Handlungen an allen vergangenen Handlungen misst und seine Grundsätze für jene aus den Erfahrungen mit diesen formuliert. Weil dieses schon passiert ist, soll jenes nicht mehr geschehen dürfen: So erlässt es immer mehr Regeln, die Ereignisse und Eventualitäten abzubilden versuchen. Das Recht, so sehr es dem Ideal der Eingängigkeit nacheifert, kann gar nicht einfach sein.

Tonlage

Woran sich erkennen lässt, ob ein Mensch Kultur hat? Wenn er jederzeit die Musik kennt, die in den Augenblick passt, oder er den Ton findet, der die gewünschte Atmosphäre schafft. Diese Bildung erschließt sich über das Ohr eher als über die anderen Sinne.

Die wahre Religion

Im Streit der Religionen ums Vorrecht gewinnt das Bekenntnis, das einleuchtend überzeugen kann, nicht aus einem Schuldgefühl erwachsen zu sein. Ob es eine Gottesgewissheit geben kann, der nicht Reue und Buße über ein tiefes Versäumnis vorangegangen ist? Oder verliert der Glaube seine Ernsthaftigkeit mit dem Verzicht auf eine Erinnerung an den fundamentalen Mangel des Menschen?

Wo sind die Gestalter?

Kommentatoren und Agitatoren, die einen reagieren, die anderen tun – und doch haben sie eines gemeinsam. Sie finden sich vor in der politisch zweiten Reihe und sind in ihrer wachsenden Zahl ein Phänomen fehlender Gestaltung. Dort, wo notwendiger Wandel beschlossene Sache sein könnte, mangelt es nicht selten an ihm, im Parlament. Und dennoch darf dieses sich das Vorrecht auf Veränderung nicht nehmen lassen von denen, die nur über sie reden, und jenen anderen, die sie erzwingen wollen. Eine Demokratie lebt davon, dass vor das Handeln das Aushandeln gesetzt ist.

Schöner schweigen

Die schönste Art, sich von einer unangenehmen, befremdlichen, erzwungenen Situation zu distanzieren, ist ein befreites Lachen. Es gibt keine Freiheit ohne Humor.

Durchs Megaphon der Medien

Auch das ist die Welt von social media: Sie ist das Gegenteil einer sozialen Welt in den Medien – als gäbe es keine Bürger mehr, sondern nur noch Wutbürger, keine Politiker mehr, sondern nur noch Populisten, keine Denker mehr, sondern nur noch Experten, keine Gesellschaft mehr, sondern nur noch Demoskopen, Wahlforscher, Soziologen, keinen Wandel mehr, sondern nur noch Krisen. Die Gegenwart sei zu komplex, heißt es, für einfache Lösungen. Das Einfache aber ist zu langweilig für die nervöse Welt.

Opferrolle

Sich selbst als Opfer zu stilisieren, ist die einfachste Form der Sinngebung einer missglückten Lebenslage. Sie entlastet von Verantwortung (Vergangenheit) und Veränderung (Zukunft). Und reduziert die Gegenwart aufs Passive. Der Satz „ich kann nichts dafür“ wird umgedeutet in die Handlungsverweigerung: Ich kann nichts tun.

Enttäuschungsfest

Aus einer Nachmittagslektüre

„Die Konservativen beginnen mit Enttäuschung, die Progressiven enden mit Enttäuschung, alle leiden an der Zeit und kommen darin überein. Die Krise wird allgemein.“*

* Niklas Luhmann, Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, 91

Man ist unter sich

Politiker, Medienleute, Wissenschaftler, Fachidioten, Vorstände – man ist unter sich. Hier gilt die alte Regel: je mehr Selbstreferenz, desto stärker ist der Realitätsverlust.

Eine gemeinsame Sprache

In Beziehungen (unter Ehepartnern, zwischen Politikern und dem Wahlvolk, in Gesprächsrunden von Wissenschaftlern oder bei Sportmannschaften in der Kommunikation von Trainern mit Spielern) kriselt es immer dann, wenn keine gemeinsame Sprache mehr gefunden wird. Das bedeutet nicht, dass dieselben Begriffe gebraucht werden, sondern dass es möglich ist, trotz unterschiedlicher Wörter ein verbindendes Verständnis in der Sache zu erzielen.

Einfach mal den Mund halten

Zum Grundrecht auf Meinungsfreiheit gehört auch, frei von einer Meinung zu sein.

Karriereknick

So mancher Karriereknick ergibt sich erst, wenn der Aufstieg auf der Postenleiter sonderlich schnell und erfolgreich gelang. Dann ist nicht die berufliche Laufbahn brüchig geworden, aber das private Leben hat einen Knacks bekommen.

Wählerbeschimpfung

Auch plebs ist das Volk, das eine Stimme hat, die es abgeben kann. So manche Äußerung derer, die dem Lockruf der Populisten folgen, zeugt von einer Dummheit und Dreistigkeit, die düstere Gedanken aufkommen lassen, Artikel 38 des Grundgesetzes zu erweitern um einschränkende Bildungsvoraussetzungen für Wahlen. Diese Art der Wählerbeschimpfung setzte nicht an beim unpassenden Ergebnis, sondern dort, wo es dem Souverän nicht gelingt, das Niveau zu erreichen, das nötig wäre, eine begründete Entscheidung zu fällen. Könnte es nicht Zugangsberechtigungen zum Urnengang geben, die nicht allein ans Lebensalter gebunden sind, sondern jenseits von Gesinnungen an ein bestimmtes Level von Vernünftigkeit gekoppelt (dasselbe gälte dann freilich auch für Politiker) – wie es ja auch möglich ist, in Restaurants oder Discos abzuweisen, wer sich nicht an Dresscodes oder Gepflogenheiten hält? Es gibt nach den Wahlen Anlass zur Fremdscham, die sich nicht der Fremden schämt, die im Land wohnen, sondern der Eigenen.

Künstliche Autorität

Autorität ist immer jene Kunstform der Nähe, die sich über Abgrenzung bestimmt von dem, dem sie nahekommt. Da bedeutet Hinwendung nicht das Gegenteil von Wegwendung; diese ist vielmehr die Bedingung für jene.

Paarbeziehungen von Körperteilen

Wer sein Herz auf der Zunge trägt, darf sich nicht wundern, wenn er gelegentlich Hals über Kopf seine Beine in die Hand nehmen muss, auch wenn Hand und Fuß hat, was er frei von der Leber weg gesagt hatte. Es traf halt jemanden, der Haare auf den Zähnen hat.

Öffentliche Kunst

Was den Künstler zum Künstler macht: der Applaus. Es gibt kein Werk, das nicht zuvor der Öffentlichkeit zur Beurteilung vorgelegt worden wäre. Alles andere sei Hobby, Handwerk, das diskrete Spiel mit den eigenen Talenten genannt. Um das auszuhalten, sich dem Publikum in dieser Art im letzten auszuliefern, ist eine heimliche Verachtung nötig derer, die zwar nicht können, was die Meisterschaft in der Sache ausmacht, aber die Macht über sie haben. Zu ihr gesellt sich nicht zuletzt die oft als übersteigertes Selbstbewusstsein sich darstellende Geringschätzung des Eigenen, die nicht erträgt, dass absolute Freiheit eine Folge absoluter Abhängigkeit ist.

Deutschland, wir haben ein Problem

Reflexe sind nichts, was Probleme bewältigt, die sich in den gewohnten Weg stellen. Oft sind sie Fluchtreaktionen vor veränderten Wirklichkeiten, Realitätsverweigerungen, Verblendungen. Zu solchen Reflexen gehören die Floskeln: „Wir haben verstanden“ oder die Scheinlösung: „Wir müssen besser kommunizieren“. So werden katastrophale Wahlergebnisse geschönt. Das Gegenteil gilt: Gerade nicht versteht, wer meint, durch verstärkte Erklärmaßnahmen ließe sich künftig verhindern, politisch abgestraft zu werden. Was der Bürger sich von seinen Volksvertretern wünscht: einen wachen Geist, einen klaren Verstand, eine ehrliche Einsicht und vor allem Vertrauen in die Urteilskraft derer, die ihre Stimme abgeben. Das hätte zur Folge, dass so manches Problem erst einmal auszuhalten ist, bevor man nach einer Lösung sucht.

Wenn Vernunft herrscht

Das ist der Alltag der Demokratie: die Notwenigkeit, sich zu streiten, zum Anlass zu nehmen, sich einigen zu müssen. Das geht nur, wenn jeder, der sich politisch engagiert, über die Fähigkeit verfügt, die Welt aus mehr als einer Perspektive sehen zu können. Daraus folgt: Ausgeschlossen wird nur, wem das nicht gelingt.

Politik aus dem Ressentiment

Die politisch Rechtsextremen lassen sich nicht entzaubern, weil sie noch nie bezaubert haben. Da ist nichts Magisches. Selbst das Blau, die Parteifarbe, ist dumpf. Es leuchtet nicht, hat keine Strahlkraft. Ihm fehlt alles, womit Blau sonst faszinieren kann. Wer aus dem Ressentiment heraus Stimmung macht für das Ressentiment, braucht keine Argumente, nur Anwürfe. Er ist ins Misslingen so sehr verliebt, um es auszuschlachten, dass ihn ein Wahlerfolg in Wahrheit irritieren müsste. Eigentlich müsste dieser ihn beleidigen; denn jede Stimme für den rechten Rand in der Politik führt ihm vor, dass wider alle Behauptungen es noch immer möglich ist, seine Stimme zu erheben und zu sagen, was man denkt. Apropos Beleidigen: Auffälliger noch als sein ständiges Beleidigen des Gegners ist sein Beleidigtsein. Mit ihm zeigt er seine ganze Verachtung der parlamentarischen Demokratie, will sie doch seine Talente, die er zu ihrer Rettung anbietet, nicht in Anspruch nehmen. Glückt etwas, kommt nie Freude auf, sondern immer Schadenfreude, weil seine Engstirnigkeit das Glück nur zweidimensional als Gegenteil von Unglück sieht. Seine Logik kennt nur eine Regel: wenn die anderen verlieren, hat er gewonnen.