Vorsicht vor einer trügerischen Freiheit, die einem fast alles erlaubt. Sie besagt nur: Auf dich kommt es nicht mehr an.
Nichts sehen, nichts merken
Mixtur für die perfekte Sozialunverträglichkeit: Gesichtsblindheit und ein mangelhaftes Namensgedächtnis, verfeinert mit einem Schuss Scheu.
Politischer Befreiungsschlag
Nach dem politischen Skandal: die Zuständigen werden verantwortlich gemacht. – Zuständigkeit kann man delegieren; Verantwortung nicht.
Alternativfrei
Die schönsten Entscheidungen sind jene, die nicht getroffen werden müssen als Wahl zwischen Entweder-Oder, Hier oder Dort. Sondern die keiner Alternative bedürfen, weil es im Entschluss nur darum geht zu ergreifen, was schon vor einem liegt, Stellung zu beziehen zu dem, womit man längst zu tun hat. Da bedeutet „Sich entscheiden“: ein Verhältnis aufbauen, das Verbindlichkeit mit sich bringt.
Wenn mit der Macht …
Viel von dem Elend, das ausgeht von denen, die lenken und leiten, lässt sich zurückführen auf einen Bewusstseinsmangel: nämlich dass jedes Streben nach Macht im selben Maß die Übernahme von Verantwortung verlangt. Für andere zu entscheiden aber bedeutet mehr, als nur in deren Sinn eine Wahl zu treffen. Macht ohne Verantwortung befriedigt den Eigennutz. Verantwortung ohne Macht degradiert die Sorge für andere zur wirkungslosen Sorge um andere.
Verordnete Leichtigkeit
Leichtigkeit lässt sich nicht verordnen. Aber Ordnung ist, was Leichtigkeit ermöglicht.
Leerformel
Es ist eine Leerformel ohne Erkenntnisgewinn, das Allerweltswort „Nachhaltigkeit“ zu übersetzen mit: Zukunftsfähigkeit. Da gilt eher das Gesetz, es ist ein ehernes Gesetz: Zukunft hat, wer geistreich genug ist, sich durch die Ungewissheit kommender Zeiten in seinen besten Talenten provozieren zu lassen.
Todesanzeige
Eine Beobachtung: Die interessantesten und lustigsten Geschichten über Menschen werden auf Beerdigungen erzählt.
Politik des Ressentiments
Eine Hoffnung im Flüsterton: Es ist zu viel Groll gegenüber den Mächtigen in der Partei, die sich alternativlos als Alternative versteht, um sich mit der Macht anzufreunden.
Das Niveau der Kritik
Die schärfste Kritik an Positionen ist immer noch ein Inhalt, der sie überflüssig macht. Nirgendwo ist der Widerspruch und dessen Überlegenheit größer als in jenen Darlegungen, die anderes schlicht ignorieren lassen.
Wählerwille
Mehr als den Wähler zu gewinnen, ist die höchste Aufgabe der Politik, die Wirklichkeit nicht zu verlieren.
Über die Stränge
Das Schicksal der modernen Wirtschaft ist, dass alle Neuerungen, Erfindungen, alles Schöpferische und Produktive nur mit einer grundsätzlich positiven Einstellung zu dem gelingt, was früher verachtet und verdammt wurde als Maßlosigkeit. Es ist den Tugendhaften nicht vergönnt, die eigenen Grenzen zu sprengen. Vielleicht muss man akzeptieren, dass Erfolg und die klassische Vorstellung von Anstand einander strukturell widersprechen.
Politik als Beruf
Der Berufspolitiker ist ein Wesen, das mehr als andere aus Antworten besteht, zu denen er die Fragen verloren hat, auf die sie einmal reagiert haben.
Genderfrage
Seltsam, dass die Feigheit, die grammatikalisch weiblich ist, ein durch und durch männliches Defizit darstellt. Oder wie heißt der fehlende Mut, mehr noch: diese spezifische Mixtur aus Hasenherzigkeit und Verschlagenheit, Angst und Durchtriebenheit bei Frauen?
Die Grenzen der Freiheit
Es ist ein populärer Standardsatz, dass die Grenze meiner Freiheit die Grenze der Freiheit des anderen bedeutet. Was sagt er, außer dass sich Freiheit nur als gemeinsame verstehen lässt? Viel klarer, aber schwerer zu leben ist die Vorstellung, es gebe ein inneres Maß von Freiheit, das sie leitet und gelegentlich nötig, von ihr keinen Gebrauch zu machen, obwohl man es könnte. Was sollte das sein: Liebe, Respekt, Verantwortung, Wahrheit, Barmherzigkeit? An der Antwort auf diese Frage entscheidet sich, was Souveränität meint.
Wie du mir
Es ist wahrscheinlich eine der größten Seelenleistungen, es so weit zu bringen, dass die eigenen Haltungen und Handlungen unabhängig sind vom Verhalten, das andere zeigen. Tief im Innern wohnt ein Ausgleichsbedürfnis, das nach dem Prinzip sich richtet: Wie du mir, so ich dir. Davon frei zu sein, nicht nach Rache oder Bestrafung zu sinnen, sobald ungerechtes oder gar gehässiges Tun die Einstellung zu dem beeinflussen wollen, von dem es ausgeht, ist nicht nur ein Akt der Selbstdisziplin. Es geht um mehr: diese Freiheit ergibt sich aus der Einsicht, dass zwar nicht jeder liebenswert sein mag, aber Liebenswürdigkeit nie im letzten zerstören kann. Sie ist so unantastbar, wie es dem zugeschrieben wird, was so sinnreich wie rätselhaft „Würde“ heißt.
Unterschätzte Qualen
Die am meisten unterschätzte unter den Luxusqualen: hungrig kochen.
Das Bessere ist nicht binär
Aus einer Sonntagslektüre
„Die Demokratie hat sich das Denken und Entscheiden in Binaritäten nicht nur zur Gewohnheit gemacht, zur Tugend hat sie es sich entwickelt lange, ehe die Computer es zu nutzen begonnen haben, um alles Störende – das Störende kann man auch als das Kreative, Originelle, Eigenständige, als das Unbequeme bezeichnen – aus ihren Operationen auszuschließen. Das Störende zu dem (einen) Einen, das, was weiter führt, ist aber nicht das (andere) Andere. Es ist ein Weiteres, jenseits Ja/Nein Gelegenes. Es kann auch ein Zögerndes, Einhaltendes sein, ein Zweifelndnes. Oder ein Verqueres, Unbequemes, von Ausmaß und Folgen her noch nicht Abzusehendes. Spinniges und Lächerliches, welches sich aufgenötigten Entscheiden zwischen Ja und Nein, diesen Exempeln von Wahl in der Freiheit des Volkes, widersetzt und ein Weiteres, Neues in die Routine einbringt.“*
* Aron R. Bodenheimer, Plädoyer für die Unordnung, 291f.
Zwei Immunsysteme
Das Immunsystem der schlechten Laune ist nicht stark genug, um dauerhaft zu schützen vor der Ansteckungsgefahr durch Freundlichkeit, Liebe oder herzerfrischendes Lachen. Umgekehrt sind die Abwehrkräfte der guten Laune bestens gerüstet wider Missmut, Verdrießlichkeit und üble Stimmung. Du kannst eher einen Miesepeter dazu bringen, Lebensfreude zu spüren, als umgekehrt die Heiterkeit durch Gereiztheit in die Knie zu zwingen.
Botschafter des guten Geschmacks
Eine der beliebtesten Gesprächsthemen in kleineren Runden am Abendtisch nach dem Essen ist der Austausch von Rezepten oder die Erfahrung mit bestimmten Restaurants. Beim Essen wird übers Essen geredet, doch nicht von dem, das gerade serviert worden ist. Warum? Wahrscheinlich sorgt die Befreiung von der Funktion, Nahrung aufzunehmen, für das Gespür, es als kulturelle Geste zu verstehen, als Feier des guten Geschmacks und der beseelten Gemeinschaft, wie es in der Gastrosophie gang und gäbe ist. Man versichert einander, zu würdigen zu wissen, was die Zunge fein genossen hat. Sie, die Weisheit des Magens, verlangt Kennerschaft über das Mahl hinaus, von der präzisen Identifizierung des Jahrgangs erlesener Weine bis zur trendigen Gebrauchsanleitung japanischer Gemüseschneider. Es war Nietzsche, der die Tischkultur als Unterschiedsmerkmal der Gebildeten unter den Verehrern des Geschmackssinns boshaft kennzeichnete: „Durch den vollkommnen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt worden.“*
* Jenseits von Gut und Böse, § 234
Apocalypse Now
Das Staunen und Erschrecken über die Geschwindigkeit, mit der selbstlernende Systeme sich im Alttag festsetzen, verwandelt die Frage, ob und wann künstliche Intelligenz Menschen substituieren, in die Gewissheit, dass sie längst erfolgreich ihr Werk vollzieht. Was sollte eine Maschine auch sonst tun, als im Maße ihrer Perfektionierung abzuleiten, es sei der nicht mehr nötig, dem sie ihre Existenz „verdankt“. Offen ist allenfalls, wie rücksichtsvoll sie dabei vorgeht. Es ist nicht auszuschließen, dass die technische Vervollkommnung (um die moralische Kategorie „Rücksicht“ zu übersetzen in funktionale Fähigkeiten) am Ende dafür sorgt, dass der Moment, da die Maschine des Menschen nicht mehr bedarf, der noch meinte, die Maschine zu brauchen, überhaupt nicht erkennbar ist. Diese Apokalypse ist nichts, was sich erfahren lässt, sobald der Unterschied zwischen künstlich und natürlich gefallen ist.
Gastliebschaft
Neben der Gastfreundschaft, die die Anwesenheit von Fremden nutzt, um ihnen ein Gefühl von Vertrautheit und Heimat zu schenken, gibt es eine romantisierte Vorstellung von der Gegenwart anderer im Eigenen. Man könnte sie Gastliebschaft nennen, die von der Möglichkeit, Besuch zu bekommen, genau so lang schwärmt, wie er noch nicht eingetroffen ist. Selten, dass sich daraus jene Zuneigung entwickelt, die mit ausgebreiteten Armen willkommen heißt.
Die Lüge der Bilder
Das ist nicht immer wahr, dass ein Bild mehr sage als tausend Worte. Gewiss aber ist, dass manipulierte Bilder heutzutage besser lügen, als es Worte je könnten.
Die Paradoxie des Alterns
Es ist das Paradox des Alters, dass in dem Maße, wie die Erinnerungen zunehmen, das Gedächtnis nachlässt.