Monat: August 2022

Schatz, reichst du mir bitte das Salz

Nie blickt man öfter in ausdruckslose Gesichter als im Urlaub beim abendlichen Restaurantbesuch. Dort sitzen abgeklärt Paare an Tischen, die für vierzehn Tage unausgesetzte Zweisamkeit gebucht haben, wie einst in den Flitterwochen, obwohl sie einander lange schon nichts mehr zu sagen haben.

Leidsätze

Die Leitsätze, die zu jeder Kunst gehören, sind nicht selten zu Prinzipien verdichtete schlechte Erfahrungen. Man könnte sie mit Fug auch Leidsätze nennen. Die oberste dieser Grundeinsichten, die aus der Vergeblichkeit erwachsen sind, lautet in der Rhetorik: Du kannst reden, was du willst. Wenn es nicht das ist, was du bist, hört dir keiner zu.

Frieden stiften

So wie der Krieg das Wort durch die Gewalt ersetzt, bedeutet Frieden zu stiften, statt der Gewalt das Wort wieder einzusetzen.

Leichte Kost

Jeder Genuss hat die Form einer Episode. Das Maß seiner Vergänglichkeit bestimmt die Höhe der Intensität. Was auf Parties als Fingerfood sofort die verlegene Suche nach einer passablen Ablage auslöst, weil der Häppchenteller in der einen Hand und das Weinglas sich beim Gebrauch unfreiwillig komisch stören, das findet seine Analogie in anderen Lebensformen: in den raschen Schnittfolgen der Filme, im Musikmedley, in zitablen Kalendersprüchen aus der Welt des Geistes. Nie wird die Intention von Kultur, Langeweile zu vertreiben unmittelbarer aufgenommen, nirgendwo ist sie unbefriedigender erfüllt.

Variationen zu Descartes

Ich denke: Warum bin ich?
Niemand denkt an mich. Also muss ich Ich sein.
Denk nicht so viel. Sei lieber.
Immer, wenn ich nicht denke, bin ich.
So bin ich, denke ich.
Keiner denkt so wenig wie der, der nur an sich denkt.
Es ist unmöglich zu denken, ohne zu sein. Aber es ist möglich zu sein, ohne zu denken.
Auch wenn ich denke, nicht zu sein, bin ich trotzdem.
Ich denke, also bin ich ein Denkender.
Ich denke, aber so bin ich nicht schon ein Denker.
Denk nur nicht, schon zu denken, nur weil du bist.
Was heißt, das Sein zu denken, wenn es kein bloßes Gedankending sein soll?

Falsche Schlüsse

Die meisten falschen Schlüsse ziehen wir, weil wir nicht genau genug beobachtet haben. Denken beginnt sinnlich, weil einer mehr gesehen hat als andere.

Herrschaftsverzicht

Sich zu beherrschen, nicht die anderen, das ist die Grundvoraussetzung für eine gute Regierung.

Machtbesessen

Nichts deckt eine Charakterschwäche so gnadenlos auf wie der Besitz von Macht, besser: die Besessenheit durch Macht.

Darüber hinaus

Sehnsucht heißt der Teil des Lebens, der uns erinnert, dass es eine Frage stellt, ja darstellt, für deren Beantwortung es nicht ausreicht. Es dehnt sich immer schon über sich selbst hinaus. Die Religion hat diesem Verlangen drei Namen gegeben: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Der Ernst des Lebens

Der Kopenhagener Philosoph Søren Kierkegaard im Garten der Königlichen Bibliothek

„In einem Schauspielhause geschah es, daß die Kulissen Feuer fingen; der Bajazzo trat vor, um das Publikum davon zu benachrichtigen. Man glaubte, es sei ein Witz, und applaudierte. Er wiederholte die Anzeige: man jubelte noch lauter. So, denke ich, wird die Welt unter allgemeinem Jubel witziger Köpfe zu Grunde gehen, die da glauben, es sei ein Witz.“*

* Søren Kierkegaard, Entweder – Oder I, Diapsalmata

Urbane Kräfte

Nicht die Zahl seiner Einwohner, sondern ob er es schaffen könnte, dich deinem Leben zu entreißen, macht einen Ort zur Großstadt. Zuhause sein in der Metropole ist ein verlegenes Widerstehen gegen Fliehkräfte, die dich dir selbst entfremden wollen, eine zwiespältige Abwehr von nimmermüden Angeboten und Attraktionen, die genau den Reiz darstellen, um dessentwillen du sie aufgesucht hast. Großstädte sind das falsche Versprechen, nichts anderes zu brauchen.

Erfahrungen mit der Erfahrung

Erfahrung mag klug machen, aber die Erfahrungen, die man mit der Klugheit macht, sind gelegentlich dumm.

Implodierte Größe

Man entlarvt einen Narzissten nicht, indem man ihm seine falsche Größe zu nehmen versucht. Er wird entzaubert in dem Augenblick, da ihm nicht mehr gelingt, sein Gegenüber zu erniedrigen. Grandios ist bei ihm nur der Aufwand, den er einsetzt, andere kleinzuhalten.

Meine Pappenheimer

Die meisten, die sich für Menschenkenner halten, verkennen, dass nur der Menschen kennt, der gar nicht erst versucht, sie zu durchschauen, weil nur so der genaue Blick verrät, dass Menschen zu kennen bedeutet, ihr Geheimnis zu achten.

Virtuosen des Zwischentons

Die ärgerliche Gewohnheit, politisch ungenau und unverbindlich zu reden, spiegelt sich wider in der hohen Kunst der Politik, Spielräume des Deutens und der Handlung jederzeit eröffnen und nutzen zu können. Es sind die zwei Seiten desselben Talents.

Deutscher Durchschnitt

Was beim Individuum niemand sich dauerhaft traute, wird zum akzeptierten Standard, sobald es um die Ansprüche an eine Gruppe geht, an das Publikum, die Schulklasse, Seminarteilnehmer oder Leserschaft: Da nimmt man die Langeweile der Wohlgesonnenen trotzig in Kauf, wenn nur der Dümmste irgendwas mitkriegt, auch wenn er es am Ende nicht begreift. Die Angst zu überfordern sorgt für eine ganze Didaktik des gefälligen Durchschnitts, für Lehrbücher und Anleitungen, prallvoll mit Trivialität. Und unterschlägt, dass stete Rücksicht aufs Mittelmaß das Niveau zuverlässig senkt.

Heiße Sache

Die entscheidende Bedingung für ein heißes Engagement in einer wichtigen Sache ist kühle Ignoranz an der richtigen Stelle.

Gewissen ohne Biss

Das Entsetzen, wozu Menschen fähig sind, wenn Hemmungen fallen, verdeckt die Frage, welche Fähigkeiten fehlen, damit nicht geschieht, was Schreckenstat genannt zu werden verdient, weil sie das provoziert, das sie hätte verhindern sollen: ein umfassendes Unbehagen. Das Gewissen, auch wenn es mehr ist als das restriktive „Über-Ich“ und als Orientierungsinstanz der Bildung bedarf, gerät in einer Welt, die Schuldfragen und mit ihr die Verantwortung ins Abstrakte zu delegieren gelernt hat, die die Instrumentalisierung von Menschen systemisch belohnt, nicht zuletzt Gewalt als medialen Aufmerksamkeitsanreiz verniedlicht, zu einem belächelten Minderheitenhandicap, dessen Bisse durch Gewöhnung stumpf zu schleifen sind. Wer nicht versteht, dass ein Gewissen geradezu an der Spitze kultureller Höchstleistungen steht, muss sich nicht wundern, dass sein verbreiteter Mangel auch die Barbarei wachsen lässt.